M
Machiavelli, Niccolò (Florenz 3. 5. 1469 - 22. 6. 1527), Beamtensohn, wird 1498 Sekretär und danach Kanzler. 1512 seines Amtes enthoben, verfasst er die Schrift (it.) Il principe (Der Fürst), in der er als Bedingung erfolgreicher Politik die Fähigkeit, politische Macht zu erwerben und zu erhalten, erkennt. In der Not ist der Fürst frei von ethischen Verpflichtungen.
Lit.:
Köbler, DRG 149; Freyer, H., Machiavelli, 2. A. 1986; Kersting, W., Niccolò
Machiavelli, 2. A. 1988; Machiavelli, hg. v. Ascoli, A. u. a., 1993; Niccolò
Machiavelli, Das Leben Castruccio Castracanis aus Luca, hg. v. Hoeges, D.,
1998; Viroli, M., Das Lächeln des Niccolò, 2000; Hoeges, D., Niccolò
Machiavelli, 2000; Berger Waldenegg, G., Krieg und Expansion bei Machiavelli,
HZ 271 (2000), 1
Macht -> Gewalt
Lit.:
Köbler, DRG 189, 190; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 3 1982, 817; Mann, M., Geschichte der Macht, hg. v. Haferkamp, H. u. a.,
2000
Machtergreifung ist die Übernahme der Herrschaftsgewalt (z. B. der Nationalsozialisten im Deutschen Reich 1933).
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Bracher, K./Schulz-Sauer, Die nationalsozialistische Machtergreifung, 1962; Schwarzwälder, H., Die Machtergreifung der NSDAP in Bremen, 1966; Die Machtergreifung in Südwestdeutschland, hg. v. Schnabel, T., 1982; Vezina, B., Die „Gleichschaltung“ der Universität Heidelberg, 1982; Streng, I., Machtübernahme 1933, 2002
Machtspruch ist der eigenmächtige Eingriff eines Fürsten in die Rechtspflege seit dem späteren 17. Jh. Er ist grundsätzlich der Idee der Gerechtigkeit verpflichtet. Seit dem ausgehenden 18. Jh. wird der M. allmählich als unzulässig angesehen (Preußen 1784, 1791, Österreich 1797). Das 19. Jh. schließt ihn aus.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Schmidt, E., Rechtssprüche und Machtsprüche, 1943; Ogris, W., De sententiis ex plenitudine potestatis, FS H. Krause, 1975, 171
Machtübernahme -> Machtergreifung
Maciejowski, Waclaw Alexander (1792-1883) wird nach dem Rechtsstudium in Breslau, Berlin (Savigny) und Göttingen (Eichhorn, Hugo) Professor des römischen Rechts in Warschau (1819-31). Seit 1832 veröffentlicht er eine slawische Rechtsgeschichte (1835 deutsch).
Lit.: Bardach, J., Einleitung zu: Maciejowski, W., Slavische Rechtsgeschichte, Bd. 1 1835, Neudruck 1978; Kodrebski, J., Prawo rzymskie w Polsce XIX w., 1990, 66f., 82
Madrid wird als maurische Festung Majerita 939 erstmals erwähnt. 1083 wird es unter Alfons VI. von den Christen erobert. 1309 treten hier die Cortes erstmals zusammen. 1561 wird es Hauptstadt -> Spaniens. 1836 erhält es die 1508 in -> Alcala de Henares gegründete Universität.
Lit.: Montero Vallejo, M., Historia del Madrid,
1991
Magdeburg an der Elbe, 805 erstmals bezeugt, löst sich im Mittelalter nicht vollständig von seinem erzbischöflichen Stadtherrn, der 1188 das Magdeburger Recht in einigen Bestimmungen ganz knapp aufzeichnen lässt. Das darauf aufbauende Magdeburger Recht wird zwischen Niedersachsen und der Ukraine sehr bedeutsam.
Lit.:
Kroeschell, DRG 1; Köbler, Historisches Lexikon; Markmann, W., Zur Geschichte
des Magdeburger Rechts, 1938; Magdeburger Schöffensprüche für die Hansestadt
Posen, bearb. v. Goerlitz, T., 1944; Claude, D., Geschichte des Erzbistums
Magdeburg, 1975; Studien zur Geschichte des sächsisch-magdeburgischen Rechts,
hg. v. Willoweit, D. u. a., 1980; Ebel, F., Magdeburger Recht, Bd. 1f. 1983ff.;
Schrader, I., Stadt, Kloster und Seelsorge, 1988;
Beumann, H., Theutonum nova metropolis, 2000
Magdeburger Fragen sind ein zwischen 1386 und 1402 entstandenes spätmittelalterliches Rechtsbuch (, unsystematische Fassung in 2 Handschriften, systematische Fassung in 9 Handschriften, alphabetisierte Fassung in einer Handschrift überliefert). Die M. F. beruhen auf einem Krakauer Urteilsbuch mit Magdeburger Rechtsbelehrungen (bis um 1380), das kurz vor 1400 ein wohl in Thorn wirkender Bearbeiter um Stücke einer Thorner Sammlung und des alten Kulm ergänzt und dabei verallgemeinert. Die erste unsystematische Reihung in zwei Büchern verändert vermutlich derselbe Bearbeiter in eine systematisierte Fassung in drei Büchern (Ämter-Schenkungen-Erbe, Schulden-Sachen, Verbrechen). Vor 1518 wird die unsystematische Fassung vielleicht in Stettin alphabetisiert. Seit 1517 sind die M. F. vielfach Anhang in Drucken des Sachsenspiegels. -> Neun Bücher des Magdeburger Rechts
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Die Magdeburger Fragen, hg. v. Behrend, J., 1865; Martitz, F. v., Die Magdeburger Fragen, ZRG GA 11 (1873), 401; Amira, K. v./Eckhardt, K., Germanisches Recht, Bd. 1 4. A. 1960, 170; Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1 1990, 50
Magdeburger Recht -> Magdeburg
Magdeburger Schöffenrecht ist ein um 1270 entstandenes, in 23 recht unterschiedlichen Handschriften überliefertes Rechtsbuch.
Lit.: Laband, P., Magdeburger Rechtsquellen, 1869
Mage (M. bzw. F.) Verwandte(r)
Lit.: Köbler, DRG 72; Köbler, WAS
magister (lat. [M.]) Meister, Lehrer
magister (M.) bonorum (lat.) ist im römischen Verfahrensrecht ein von den Gläubigern gewählter Verwertungsleiter, der das Schuldnervermögen durch eine -> Versteigerung veräußert.
Lit.: Kaser § 85 II 2b
magister (M.) civium (lat.) ist der im deutschen Reich seit der Mitte des 12. Jh.s erscheinende Bürgermeister oder auch Bauermeister. Seit 1214 (Straßburg) wird der m. c. Teil der Ratsverfassung. Vielfach ist er Vorsitzer eines kollegialen Verwaltungsorganes und Repräsentant einer Gemeinde.
Lit.: Planitz, H., Die deutsche Stadt im Mittelalter, 5. A. 1980; Köbler, G., Civis und ius civile, Diss. jur. Göttingen 1964; Die Anfänge der Landgemeinde und ihr Wesen, hg. v. Mayer, T., 1964; Rabe, H., Der Rat der niederschwäbischen Reichsstädte, 1966, 220
magister (M.) curiae (lat.) -> Hofmeister
magister (M.) militum (lat.) (spätantiker) Heerführer
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 55; Grosse, R., Römische Militärgeschichte, 1920, 180
magister (M.) navis (lat.) Schiffskapitän
Lit.: Kaser § 49 II 3
magister (M.) officiorum (lat.) Kanzleivorsteher
Lit.: Köbler, DRG 55; Schreiner, P., Byzanz, 1986
Magistrat ist das Amt oder der (eventuell kollegiale) Amtsinhaber. Im römischen Recht sind Konsuln, Prätoren, Ädile, Zensoren die höchsten Magistrate. Im 19. Jh. ist unter dem Einfluss einer in Frankreich gegen Ende des 18. Jh.s ablaufenden Entwicklung der M. das von der Stadtverordnetenversammlung als rein ausführendes Organ gewählte Kollegialorgan einer -> Stadt..
Lit.:
Söllner §§ 6, 14; Köbler, DRG 19, 197; Broughton, T., The Magistrates of the
Roman Republic, 1951ff.; Kunkel, W./Wittmann, R., Die Magistratur, 1995;
Handbuch der Altertumswissenschaften, 10, 3, 2, 2
Magistratsverfassung ist seit dem 19. Jh. eine dualistische Form der Gemeindeverfassung, in der eine Stadtverordnetenversammlung als gesetzgebendes und allgemein ausführendes Organ einen -> Magistrat als rein ausführendes Organ wählt (Preußen 19. 11. 1808/30. 5. 1853). 1933 in Preußen und 1935 im Reich wird die M. beseitigt, 1954 wird sie aber in Schleswig-Holstein, Bremerhaven und Hessen erneuert. -> Selbstverwaltung
Lit.: Heffter, H., Die deutsche Selbstverwaltung im 19. Jahrhundert, 2. A. 1969; Matzerath, H., Nationalsozialismus und kommunale Selbstverwaltung, 1970, 105
Magna Charta (F.) (libertatum) (lat. große Urkunde [der Freiheiten]) ist die seit 1531 nachweisbare Bezeichnung einer älteren Vorläufern folgenden, lateinischen, noch in vier Ausfertigungen überlieferten Urkunde des englischen Königs Johann ohne Land vom 15. – 19. 6. 1215 für 25 Barone (und den Erzbischof von Canterbury) (mit einer Präambel und 63 Titeln). Danach ist die Erhebung von Steuern an die Bewilligung der Großen gebunden. Barone wollen nicht mehr vor dem auch mit Ministerialen besetzten königlichen Gericht Recht nehmen (lat. iudicium [N.] parium). Die M. C. setzt sich in England in der Petition of Rights (1628), der -> Habeas-corpus-Akte (1679) und der -> Bill of Rights (1689) fort und wirkt sich auf Deutschland seit dem frühen 19. Jh. aus.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 110, 191; Gneist, R. v., Englische Verfassungsgeschichte, 1882; Holt, J., Magna Charta, 1965; Kyriazis-Gouvelis, D., Magna Charta, 1984; Holt, M., Magna Charta and Medieval Government, 1985
Magnus Eriksson (1306-1374) ist der schwedische (1319-1364) bzw. norwegische König (1319-1355, 1371-1374), der um 1350 ein schwedisches Reichsrecht (Landslag) und 1353 bis 1360 ein Stadtrecht für die schwedischen Städte (Stadslag) erlässt, das bis 1734 gilt.
Lit.:
Holmbäck, A./Wessén, E., Magnus Erikssons Stadslag, 1966
Magnus Hakonarson Lagaboetir (Tönsberg 1. 5. 1238 – Bergen 9. 5. 1280) ist ein norwegischer König (1263-80), der die Landschaftsrechte und das Gefolgschaftsrecht (1273-1277, -> Hirdskra) erneuert sowie 1274/5 das erste für ganz Norwegen gültige Reichsrecht (Landslög) und 1276 das erste für Norwegen aufgezeichnete Stadtrecht erlässt.
Lit.: Böttcher, H., Das
Glaubensbekenntnis im Landrecht Magnus Lagaboeters, 1971; Holmsen,
A., Norges historie, 1977;
Merzbacher, F., Das Landrecht des Königs Magnus Hakonarson lagaboetir, ZRG GA
99 (1982), 252
mahalareda (F.) ist im burgundischen Volksrecht des frühen 6. Jh.s die Aussteuer der Tochter.
Lit.: Baesecke, G., Die deutschen Worte der germanischen Gesetze, PBB 59 (1935), 57
Mahlschatz (M.) Mitgift, Heiratsgut
Mahlzwang ist der mittelalterlich-frühneuzeitliche Zwang, in einer bestimmten Mühle mahlen zu lassen.
Lit.: Koehne, K., Das Recht der Mühlen, 1904
Mahnung ist die einseitige, empfangsbedürftige Erklärung des Gläubigers, mit der er den Schuldner dringlich zur sofortigen, ausnahmsweise zur fristgebundenen Leistung auffordert. Bereits im römischen Recht kann der Schuldner, der gemahnt ist, sich nicht mit Unkenntnis aus dem Verzug entschuldigen. Im Frühmittelalter führt das Unterbleiben der Leistung trotz Leistungsaufforderung zu einer Buße. Nach dem preußischen Allgemeinen Landrecht (1794) begründet erst die M. Verzugszinsen, wenn nicht die Zeit der Erfüllung ohnehin feststeht.
Lit.: Kaser § 37 II 1; Hübner § 76; Löning, R., Der Vertragsbruch im deutschen Recht, 1876, 26, 165
Mahnverfahren ist eine besondere Prozessart, in der für eine bestimmte Art von voraussichtlich unstreitigen Ansprüchen (auf Zahlung einer bestimmten Geldsumme) ohne Verhandlung dem Gläubiger eines Anspruchs ein rechtskräftiger vollstreckbarer Titel verschafft werden kann. Ein derartiges Verfahren gegen Abwesende kennt bereits der -> Sachsenspiegel (1221-4) (Landrecht I 70 § 2). Seit dem 12. Jh. bezeugt außerdem die Vertragswirklichkeit in Italien die durch Vertragsstrafe gesicherte Verpflichtung des Schuldners zur Abgabe eines gerichtlichen Geständnisses in der Vertragsurkunde. Später nimmt der Notar einen Zahlungsbefehl in eine Urkunde auf, bei deren Vorlage das Gericht die Vollstreckung verfügt. Auch in einem Gerichtsbuch oder einem Stadtbuch eingetragene Forderungen lassen sich vereinfacht durchsetzen. Im Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation) unterwirft sich der Schuldner seit der frühen Neuzeit durch Vollstreckungsklauseln dem unbedingten reichskammergerichtlichen -> Mandatsprozess. 1877/9 wird das M. durch Übernahme der Grundsätze des bedingten Mandatsprozesses zu einer allgemein anwendbaren Verfahrensform für Ansprüche auf Zahlung und auf Leistung vertretbarer Sachen oder Wertpapiere. Mit dem 1. 7. 1977 sind die Ausdrücke Zahlungsbefehl und Vollstreckungsbefehl durch die Bezeichnungen Mahnbescheid und Vollstreckungsbescheid ersetzt. -> summarischer Prozess
Lit.: Köbler, DRG 116; Bayer, H. v., Theorie der summarischen Processe, 7. A. 1859, 19, 89; Skedl, A., Das Mahnverfahren, 1891
Mähren ist das zwischen der Böhmisch-Mährischen Höhe, den Ostsudeten, Westbeskiden, Kleinen Karpaten und dem Jarvornikgebirge gelegene, seit dem 6. Jh. von Slawen besiedelte Gebiet, das 1029 an -> Böhmen und nach bedeutender deutscher Einwanderung 1526 mit diesem an -> Österreich fällt und am 28. 10. 1918 Teil der _> Tschechoslowakei wird.
Lit.:
Tomaschek, J., Der Oberhof Iglau in Mähren, 1868; Bretholz, B., Geschichte
Böhmens und Mährens, Bd. 1ff. 1921ff.; Wegener, W., Böhmen, Mähren und das Reich,
1959; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,429; Seibert,
F., Deutschland und die Tschechen, 1970; Bernt, A., Die Germanen und Slawen in
Böhmen und Mähren, 1989; Hrabovec, E., Vertreibung und Abschub, 2. A. 1996; Kadlecova,
M., Verneuerte Landesordnungen, ZRG GA 120 (2003), 150
maiestas (lat. [F.] Größe) ist (erst) seit Jean -> Bodin (1576) der Grundbegriff der Staatsgewalt (lat. summa potestas [F.]). Die m. wird seit der zweiten Hälfte des 17. Jh.s von manchen (z. B. -> Leibniz) dem Landesherrn zugesprochen. Im Ergebnis erleichtert diese Vorstellung die Auflösung der hergebrachten Reichsverfassung.
Lit.: Schminck, C., Crimen laesae maiestatis, 1970; Willoweit, D., Rechtsgrundlagen der Territorialgewalt, 1975, 138
Maiestas (F.) Carolina (lat.) ist der auf älteren Entwürfen Premysl Otokars II. (1272) und Wenzels II. (1292) sowie einer Privatarbeit der Mitte des 14. Jh.s (lat. Ordo [M.] iudicii terre Boemie, Landgerichtsordnung Boehmens) beruhende, lateinisch verfasste und in 2 bzw. 3 Handschriften überlieferte Entwurf Karls IV. für ein Landrecht -> Böhmens von 1346 bis 1355 (1351-4), der seit 1617 als M. C. benannt wird. Er gliedert sich in 127 Artikel (Häresie, Krongut, Beamte, Gericht, Strafe, Privatrecht). Wegen des Widerstandes der Stände gegen die damit angestrebte Stärkung der Macht des Landesherrn wird die M. C. 1355 als gegenstandslos geworden erklärt, tritt aber um 15. Jh. gewohnheitsrechtlich in Kraft.
Lit.: Werunsky, E., Maiestas Karolini, ZRG GA 9 (1888), 64;
Hobzek, Majestas Carolina a Rímské právo, 1931; Handbuch der Geschichte der
böhmischen Länder, hg. v. Bosl, K., Bd. 1ff. 1966ff.; Kejr, J., Die sog. Maiestas Carolina, in: Studia Luxemburgensia, 1989, 79
Maigesetze sind die vier im Deutschen Reich im Mai 1873 im -> Kulturkampf erlassenen Gesetze.
Lit.: Kroeschell, DRG 3
Mailand in Oberitalien wird im 5. Jh. v. Chr. von den gallischen Insubrern gegründet und ist in der Spätantike kaiserliche Residenz und erzbischöflicher Sitz. Seit dem Anfang des 11. Jh.s überflügelt es die langobardische Hauptstadt Pavia, seit dem frühen 12. Jh. gewinnt es eine kommunale Verfassung (1225 Liber Statutorum). Im 14. Jh. gerät es unter die Herrschaft der Visconti und Sforza (1395/7 Herzogtum), 1713 fällt es an Österreich.
Lit.: Köbler, DRG 104, 129; Köbler, Historisches Lexikon; Gli atti del Comune di Milano, 1919; Dilcher, G., Die Entstehung der lombardischen Stadtkommune, 1967; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2 ,2,122; Milano, 1990; Keller, H., Mailand im 11. Jahrhundert, in: Die Frühgeschichte der europäischen Stadt, hg. v. Jarnut, J., 1998, 81; ; Zumhagen, O., Religiöse Konflikte und kommunale Entwicklung, 2001
Mailänder Toleranzedikt ist das 313 von Konstantin dem Großen und Licinius den Christen Freiheit des Gottesdienstes und Rückgabe der verstaatlichten Güter gewährende Edikt.
Lit.:
Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972
Maimonides (Ben Maimon), Moses (Córdoba 30. 3. 1138? [1135] - Kairo 13. 12. 1204) fasst als bedeutendster jüdischer Religionsphilosoph im ausgehenden 12. Jh. das gesamte, ihm bekannte jüdische Recht in klarer hebräischer Sprache in der 14bändigen -> Mischne Tora zusammen.
Lit.:
Ben-Chorin, S., Jüdischer Glaube, 2. A.
1979; Elon, M., Ha-Mischpat ha-‘ibri, Bd. 2 3. A. 1988, 877; Del Valle
Rodriguez, C., Cartas y testamento de Maimonides, 1989;
Hyoun, M., Maimonides, 1999
Maine, Sir Henry James Sumner (1822-1888) wird nach dem Studium 1847 Professor für Civil law in Cambridge und 1850 Anwalt. Er hält in den Inns of Court Londons Vorlesungen zum römischen Recht und zur vergleichenden Entwicklungsgeschichte des Rechts. Hierauf gründet sich sein 1861 veröffentlichtes darwinistisch-evolutionstheoretisches Buch (engl.) Ancient Law (Altes Recht). Nach längerer Tätigkeit in Indien wird er 1869 Professor in Oxford und 1877 in Cambridge.
Lit.: Grant
Duff, M., Sir Henry Maine, 1892; Cocks, R., Sir Henry Maine, 1988; Maine, H. Das alte
Recht, hg. v. Dahle, H., 1997
Mainz am Einfluss des Main in den Rhein ist seit etwa 10 n. Chr. Sitz des römischen Oberbefehlshabers für das obere Germanien und in der Nachfolge des Bonifatius (746/7-54) Sitz eines Erzbischofs. Von 1331/1424 bis 1462 ist die Stadt tatsächlich weitgehend unabhängig von ihrem kurfürstlichen Stadtherrn. Zwischen 1440 und 1454 entwickelt sich in M. der Buchdruck. 1476 erhält M. eine Universität, welche nach Schließung in napoleonischer Zeit (1792/1814/6) 1946 wieder errichtet wird.
Lit.:
Kroeschell, DRG 3; Köbler, Historisches Lexikon; Hallein, L., Mainzer
Civilrecht im 14. und 15. Jahrhundert, 1891; Mainzer Urkundenbuch, hg. v.
Stimming, M., 1932; Hasselwander, N., Aus der Gutachter- und Urteilstätigkeit
an der alten Mainzer Juristenfakultät, 1956; Wysocki, J., Kurmainz und die
Reunion, Diss. phil. Mainz 1961; Otte, A., Die Mainzer Hofgerichtsordnung von
1516/1521, 1964; Weber, E., Die Mainzer Zentraluntersuchungskommission, 1970;
Geschichte der Stadt Mainz, hg. v. Brück, P. u. a., Bd. 1ff. 1972ff.;
Pick, E., Die Professoren des Rechts an der Mainzer Universität, FS O. Mühl,
1981, 509;
Dumont, F. u. a., Mainz, 1998; Kurmainz, das Reichserzkanzleramt und das Reich,
hg. v. Hartmann, P., 1998; Die Mainzer Kurfürsten des Hauses Schönborn als
Reichserzkanzler und Landesherren, hg. v. Hartmann, P., 2002
Mainzer Landrecht ist das Landrecht des Erzstifts Mainz vom 24. 7. 1755/1. 1. 1756, das auf dem Rheingauer Landbrauch beruht (1442 Recht und Ordnung eyns Waltpoden zu Menz, 17. Jh. Aufzeichnung des rheingauischen Landbrauches durch Nikolaus Itzstein). Es gliedert sich in 32 Titel und enthält hauptsächlich Familien- und Erbrecht. Seine Geltung endet linksrheinisch 1804, rechtsrheinisch 1900 (bzw. in Nachwirkungen im Laufe des 20. Jh.s).
Lit.: Churfürstliche Mayntzische Land-Recht, 1755; Hallein, L., Mainzer Civilrecht im 14. und 15. Jahrhundert, 1891; Backhaus, F., Das eheliche Güterrecht des Mainzer Landrechts von 1755, Diss. jur. Heidelberg 1953
Mainzer Reichslandfriede ist der 29 Artikel umfassende, deutsch gehaltene Landfriede Friedrichs II. vom 12. 8. 1235. Er drängt die Selbsthilfe zurück und stärkt die Stellung des Gerichts. Er sieht u. a. einen Hofrichter bzw. ein Hofgericht vor.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Klingelhöfer, E., Die Reichsgesetze, 1955; Buschmann, A., Mainzer Reichslandfriede und Konstitutionen von Melfi, FS R. Gmür, 1983, 369
Mainzer Republik ist der durch Erklärung eines rheinisch-deutschen Nationalkonvents am 17. 3. 1793 im Gebiet zwischen Bingen und Landau entstehende unabhängige Staat mit dem Volk als einzigem Souverän. Die M. R. endet am 23. 7. 1793 durch Übergabe an -> Preußen.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, Historisches Lexikon 724; Die Mainzer Republik, hg. v. Landtag des Landes Rheinland-Pfalz, 1993
maior (lat. [M.]) Größere
maior dividat, minor eligat (lat.). Der Ältere soll teilen, der Jüngere darf wählen. -> Erbauseinandersetzung
Lit.: Wacke, A., Der Jüngste stimmt zuerst, JA 1981, 176; Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 5. A. 1991, 115, Nr. 4 (Plutarch für das 8. Jh. v. Chr.)
maior (M.) domus (lat.) -> Hausmeier
Lit.: Köbler, DRG 76
maiores (M.Pl.) et meliores (M.Pl.) terrae (lat.) Größere und Bessere des Landes, -> Landstände
Lit.: Kroeschell, DRG 2
Maitland, Frederic William (
Lit.: Bracton’s Note Book, hg. v. Maitland, F., Bd. 1ff. 1887; Pollock, F./Maitland, F., The History of English Law, Bd. 1f. 2. A. 1895; Maitland, F., Domesday Book and Beyond, 2. A. 1907; Fisher, H., Frederic William Maitland, 1910; Elton, G., Frederic William Maitland, 1985
Majestätsbeleidigung ist der Angriff auf den (vom Staat verschiedenen) Herrscher. Die M. findet sich 393 in einer Konstitution Theodosius‘ I., in welcher die Beleidigung des Kaisers aus der allgemeinen Strafverfolgung ausgesondert wird. 397 werden aber alle führenden Personen geschützt. Die Beleidigung des Kaisers (oder Königs) tritt danach wieder in der Bamberger Halsgerichtsordnung (-> Constitutio Criminalis Bambergensis) von 1507 auf. In der Folge wird die M. dem -> Hochverrat nachgeordnet. 1922 werden im Deutschen Reich Reichspräsident und Regierungsmitglieder besonders geschützt, 1951 in der Bundesrepublik Deutschland die höchsten Staatsorgane.
Lit.: Bosse, H., Über Hochverrat, beleidigte Majestät und verletzte Ehrerbietung, 1802; Schroeder, F., Der Schutz von Staat und Verfassung im Strafrecht, 1970
Majestätsbrief ist in der Neuzeit eine Freiheitsurkunde für Untertanen (z. B. Rudolfs II. 9. 7. 1609 für Böhmen, nach dem 8. 11. 1620 aufgehoben).
Lit.: Gindely, A., Geschichte der Erteilung des Majestätsbriefes von 1609, 1858
Majestätsverbrechen -> crimen laesae maiestatis
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Schaffstein, F., Verräterei und Majestätsverbrechen, FS W. Weber, 1974; Schminck, C., Crimen laesae maiestatis, 1970
Majorat ist die Einzelnachfolge des Ältesten beim -> Familienfideikommiss.
Majorität (F.) -> Mehrheit
Lit.: Elsener, F., Zur Geschichte des Majoritätsprinzips, ZRG KA 73 (1956), 73
Makedonien ist ein südosteuropäisches Gebiet, dessen Bewohner unter den Königen Philipp II. und Alexander dem Großen (336-323 v. Chr.) -> Griechenland erobern, das ab 148 v. Chr. aber römische Provinz wird. Über Ostrom gelangt M. 1317 an die -> Osmanen. 1913 fällt M. an Serbien (1918 -> Jugoslawien) und Griechenland. 1992 wird es selbständig.
Lit.:
Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 4,5,332; Adanir, F., Die
makedonische Frage, 1979; Errington, M., Geschichte Makedoniens, 1986; Makedonien, hg. v. Lukan, W. u. a., 1999
Makler ist, wer gegen Entgelt eine Gelegenheit zum Abschluss eines Vertrages nachweist oder einen Vertrag vermittelt. Der M. ist bereits dem griechischen und römischen Altertum bekannt. Im Mittelalter entwickelt sich der M. vielleicht zuerst in Italien (Genua 1154), wo Maklerzwang besteht und der Makler als objektiver Dritter von beiden Geschäftspartnern entlohnt wird. Im mittleren Europa ist die Stellung des Maklers freier. In der Neuzeit finden sich zahlreiche gesetzliche Regelungen. Der absolute Staat fördert monopolisierende Tendenzen, die im 19. Jh. beseitigt werden.
Lit.:
Goldschmidt, L., Ursprung des Mäklerrechts, ZHR 28 (1882), 115; Beukemann, U.,
Die Geschichte des Hamburger Mäklerrechts, 1912; Rehme, P., Geschichte des
Handelsrechts, 1913, 28, 99, 152; Fröber, H., Die Entstehung der
Bestimmungen des BGB, 1997
mala fides (F.) (lat.) böser Glaube
Lit.:
Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1 1985
Malberg ist im fränkischen Frühmittelalter der Ort der (Gericht haltenden) Versammlung.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 80, 85
malbergische Glossen sind nichtlateinische Einschübe in den ältesten Fassungen des salfränkischen Rechtes (lat. Pactus [M.] Legis Salicae, 507-11, Textklassen A, C, D). Sie haben ihren Namen davon, dass sie meist durch (lat.) mallobergo (-> Malberg) eingeleitet werden. Vielleicht sind sie als ursprüngliche Randnotizen später in den Text geraten. Trotz starker Verderbnis sind sie wertvolle Zeugnisse des ältesten bekannten fränkischen Sprachstandes.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 80; Kern, H., Notes on the Frankish Words in the Lex Salica, in: Lex Salica, hg. v. Hessels, J., 1880, 431; Helten, W. v., Zu den malbergischen Glossen, PBB 25 (1900), 225; Baesecke, G., Die deutschen Worte der germanischen Gesetze, PBB 59 (1935), 1; Pactus legis Salicae, hg. v. Eckhardt, K., 1962, 276; Schmidt-Wiegand, R., Die Malbergischen Glossen als Denkmal des Westfränkischen, Rhein.Vjbll. 33 (1969), 396; Beyerle, F., Die Malberg-Glossen der Lex Salica, ZRG GA 89 (1972), 1
maleficium (lat. [N.]) Übeltat, Hexerei
Lit.: Köbler, DRG 158; Köbler, LAW; Hampl, T., Die Nürnberger Malefizbücher, 1927; Christel, C., Die Malefizprozessordnung des Codex Maximilianeus von 1616, Diss. jur. Regensburg 1975
Maleville, Jacques de (1741-1824), Advokat in Bordeaux, Anhänger der Französischen Revolution, Präsident der zivilgerichtlichen Abteilung des Kassationsgerichtshofes, wird von Napoleon zum Sekretär-Redakteur der Kommission zur Ausarbeitung eines -> Code civil berufen. In der Gesetzgebungsarbeit unterstützt er das römische Recht und kommentiert 1805 das Ergebnis unparteiisch (Analyse raisonée). Später tritt er auf die Seite der Reaktion über.
Lit.: Latour, J., Jacques de Maleville, 1929
Malik ibn Anas (708/16-796) -> Muwatta
mallobergus (lat. [M.]) Malberg, Verhandlungsberg
mallus (lat. [M.]), mallum (lat. [N.]) Versammlung, Gerichtsversammlung
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, LAW; Estey, F., The Meaning of ,Placitum‘ and ,Mallum‘, Speculum 1947, 435; Tiefenbach, H., Studien zu Wörtern volkssprachiger Herkunft, 1973, 71; Weitzel, J., Dinggenossenschaft und Recht, 1985
malscult (as. [F.]) Dingschuld, eine Abgabe
Lit.: Molitor, E., Die Stände der Freien, 1910, 10
mamluk (arab.) weißer Sklave
Lit.:
Brandes, J., Die Mameluken, 1996
Manchester beruht auf dem römischen Kastell Mancunium. 1229 erhält M. Marktrecht, 1838 Stadtrecht. 1851 wird es Sitz einer Universität.
mancipatio (lat. [F.]) ist bereits im altrömischen Recht ein allgemeines Geschäft für die Überführung aus der Gewalt eines Hausvaters in diejenige eines anderen. Dabei ergreift jemand eine handgreifbare Sache (lat. res [F.] mancipi) eines anderen vor fünf mündigen Bürgern als Zeugen und einem Waagehalter (lat. [M.] libripens) und lässt den tatsächlichen Betrag ihres Wertes dem anderen in Erz (lat. aes [N.] Kupfer) in einer Waage (lat. [F.] libra) zuwägen, wobei dieser das Metall unter schweigender Duldung der Handgreifung annimmt, so dass ein eigentliches positives einverständliches Zusammenwirken nicht ausgedrückt wird. Der bisherige Gewalthaber ist danach Vormann (lat. [M.] -> auctor) des neuen Gewalthabers. Später wird die m. dadurch fortgebildet, dass das Erz nicht mehr tatsächlich, sondern nur noch sinnbildlich in der Form einer einzigen kleinen Münze (lat. nummo uno) zugewogen wird. Diese m. nummo uno dient dann der Erlangung der Gewalt über handgreifbare Sachen und Personen in einer Vielzahl von Fällen (z. B. Kreditkauf, Treuhand, Mitgift, Adoption, Eheschließung [lat. coemptio], Emanzipation usw.). Im spätantiken römischen Recht ist die m. verschwunden, in den Juristenschriften der Digesten m. durch (lat. [F.]) -> traditio ersetzt.
Lit.: Kaser § 7 I, 24 II, 27 I 2, 38 II 1a, 41 I
1; Söllner §§ 8, 12, 18, 24; Köbler, DRG 22ff., 40, 61f.; Randazzo, S., Leges mancipii, 1998
mancipium (lat. [N.]) ist im römischen Recht die Handgreifung, die dadurch erlangte, der Herrenstellung über Sklaven ähnliche Gewalt über ein fremdes Hauskind und übertragen der Sklave. Im Mittelalter ist m. der Unfreie.
Lit.: Kaser §§ 7 I 1d, 16 III 1, 60 I 3b; Söllner §§ 8, 20; Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 21; Köbler, LAW; Dubled, H., Mancipium au Moyen Age, Revue du Moyen Age Latin 5 (1949), 51; Nehlsen, H., Sklavenrecht, 1972; Köbler, G., Lateinisch-germanistisches Lexikon, 2. A. 1984
Mandat als Lehnwort zu lat. mandatum (N.) erscheint im 14. Jh. Im Prozessrecht bezeichnet es das Verhaltensgebot des Gerichtes an eine Partei oder einen Dritten, aber auch den Auftrag einer Partei für einen Vertreter. Daneben wird später auch vom M. eines Abgeordneten einer Volksvertretung und vom M. als internationalem Auftrag des Völkerrechts gesprochen.
Lit.: Triepel, H., Delegation und Mandat im öffentlichen Recht, 1942; Weitzel, J., Der Kampf um die Appellation, 1976, 52
Mandatsprozess ist in der frühen Neuzeit eine Form des -> summarischen Prozesses, bei dem auf Antrag des Klägers dem Beklagten durch gerichtliches Gebot (-> Mandat) ein bestimmtes Verhalten auferlegt wird. Vorkommen gerichtlicher Anordnungen finden sich bereits im frühen und hohen Mittelalter, allgemeine Bedeutung erlangen sie aber erst mit dem Übergang der höchsten Gerichtsgewalt vom König auf das Reichskammergericht am Ende des Spätmittelalters (1495). Seit der Mitte des 16. Jh.s (1555) wird dabei zwischen bedingtem Mandat, bei welchem sich der Empfänger auf alle rechtlichen Gegengründe stützen darf, und dem unbedingten Mandat, bei dem der Empfänger nur die Unrichtigkeit der tatsächlichen Mandatsgrundlagen vortragen darf, unterschieden. Vom -> Reichskammergericht geht der hierdurch geprägte M. in das partikulare Verfahrensrecht über. Hieraus entwickelt sich das 1833 bzw. 1846 in Preußen eingeführte -> Mahnverfahren und die mandatsähnliche -> einstweilige Verfügung (Hannover 1850, Baden 1851).
Lit.: Bayer, H. v., Theorie der summarischen Processe, 7. A. 1859, 19; Skedl, A., Das Mahnverfahren, 1891; Poetsch, J., Die Reichsjustizreform von 1495, 1912; Hinz, M., Der Mandatsprozess des Reichskammergerichts, in: Commémoration du 500e anniversaire de la création du Parlament, 1977, 343; Rohmeyer, H., Geschichte und Rechtsnatur der einstweiligen Anordnung, Diss. jur. Hamburg 1967, 148; Uhlhorn, M., Der Mandatsprozess, 1991
Mandatsverfahren -> Mandatsprozess
mandatum (lat. [N.]) ist im römischen Recht einerseits der unentgeltliche Auftrag (Konsensualkontrakt), der eine Tätigkeit jeder Art betreffen kann, andererseits seit etwa der Zeitenwende die Dienstanweisung des Staatsoberhauptes (lat. [M.] princeps) beispielsweise an einen Provinzstatthalter, die bald als gesetzesgleich gilt. Dieser Sprachgebrauch setzt sich im lateinischen Frühmittelalter entsprechend fort.
Lit.: Kaser
§§ 38 II 1d, 44 I; Söllner §§ 9, 17, 18; Köbler, DRG 31, 47, 64; Watson, A.,
Contract of Mandate in Roman Law, 1961; Klami, H., Mandatum and labour, ZRG RA
106 (1989), 575;
Marotta, W., Mandata principum, 1991
Manegold von Lautenbach (Lautenbach nach 1030 - nach 1103) wird nach Studien in Lautenbach und Paris Wanderlehrer in Frankreich. Nach 1080 wird er Mönch in Lautenbach und flüchtet von dort nach Rottenbuch. 1089 wechselt er als Propst nach Marbach. Seinen Streitschriften gegen Wenrich von Trier und Wolfhelm von Brauweiler wird der Gedanke der -> Volkssouveränität entnommen.
Lit.: Koch, G., Manegold von Lautenbach und die Lehre von der Volkssouveränität, 1902; Laakmann, R., Die Königsgewalt bei Manegold von Lautenbach, Diss. jur. Hamburg 1969; Fuhrmann, H., Volkssouveränität und Herrschaftsvertrag bei Manegold von Lautenbach, FS H. Krause, 1975, 21
Manifest (N.) Programm, Ankündigung, -> Kommunistisches Manifest
Mannesvorzug ist die Bevorzugung von Männern insbesondere im Erbrecht. Der M. ist in älteren Zeiten weit verbreitet. Wegen seines Verstoßes gegen den Gleichheitsgrundsatz wird er im 20. Jh. beseitigt.
Lit.: Kroeschell, DRG 2
mannire, manire (lat.) mahnen (durch den Kläger im fränkischen Frühmittelalter)
mannitio (lat. [F.]) Ladung (durch den Kläger im fränkischen Frühmittelalter)
Lit.: Köbler, DRG 86; Köbler, LAW
Mannlehen ist ursprünglich jedes Lehen (im Gegensatz zu anderen Leihen), in der frühen Neuzeit das allein männliche Nachkommen als Nachfolger zulassende Lehen im Gegensatz zum Weiberlehen u. a.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Homeyer, G., System des Lehnrechts der sächsischen Rechtsbücher, 1844, 279
Mannus (zu nhd. Mann) ist bei den Germanen der Sohn des Gottes Tuisto und der Vater dreier Söhne, von denen sich die germanischen Hauptstämme der Ingväonen (Friesen, Angeln, Sachsen), Istväonen (Weser-Rhein-Germanen) und Herminonen (Elbgermanen) herleiten.
Lit.: Die Germania des Tacitus, hg. v. Much, R. u. a., 3. A. 1967, 52
manor (engl.) Herrenhof
mansio (lat. [F.]) Bleiben, Herberge
Lit.: Brühl, C., Fodrum, gistum, servitium regis, 1968
mansus (lat. [M.]) Hof, Hufe, Ackermaß
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, LAW
Mantel als ein den Körper einhüllendes Kleidungsstück wird auch als Rechtssymbol verwendet (z. B. Mantelgriff bei Auflassung, Umhüllung mit dem Mantel bei Eheschließung zwecks Ehelicherklärung eines nichtehelichen Kindes, Niederlegung des Mantels zwecks Haftungsbefreiung).
Lit.: Hübner 681; Grimm, J., Deutsche Rechtsaltertümer, Bd. 1f. 4. A. 1899, Neudruck 1922, 1989, 1994
Manufaktur ist die bereits dem römischen Altertum bekannte zentrale Produktionsstätte zur Herstellung von Waren (Textilien, Metallwaren, Keramik). Sie wird im 17. und 18. Jh. zu der vom Staat begünstigten modernen Betriebsform (-> Merkantilismus). Besonders bekannt ist die erste europäische staatliche Porzellanmanufaktur (Meißen 1710). Im 19. Jh. unterliegt die M. der Fabrik.
Lit.: Köbler, DRG 28, 134, 175; Pfeiffer, H. v., Die Manufakturen und Fabriken Deutschlands, Teil 1f. 1781; Forberger, R., Die Manufaktur in Sachsen, 1958; Kermann, J., Die Manufaktur im Rheinland, 1972; Jansen, R., Die Arbeitsverhältnisse an den deutschen Porzellanmanufakturen des 18. Jahrhunderts, 1990
manumissio (lat. [F.]) ist die Freilassung eines Sklaven oder Unfreien zum (freigelassenen) Freien. Für sie entwickeln sich im römischen Recht verschiedene Formen (m. in der Kirche, vor Freunden, durch Brief, durch Aufnahme an den Tisch, mit Stab), welche im Frühmittelalter teilweise fortgeführt und teilweise ergänzt werden.
Lit.: Kaser §§ 16 I 1, III 1, 60 I 3b; Köbler, DRG 57
manus (lat. [F.]) Hand, Schar, Hausgewalt (über die Ehefrau)
Lit.: Kaser §§ 4 I 1b, 12 I 2b, 58 II; Söllner §§ 8, 20; Köbler, DRG 21f., 71
manus iniectio (lat. [F.]) ist im römischen Recht die Handanlegung, mit deren Hilfe beispielsweise im altrömischen Recht in eine Person vollstreckt wird (-> legis actio per manus iniectionem).
Lit.: Kaser §§ 10 I 2a, 32 II 4, 39 I 1, 60 I 4, 81 III 1; Söllner §§ 8, 9;
Köbler, DRG 20
Manzipation -> mancipatio
Marburg an der Lahn gründet sich auf eine Burg wohl schon des 10. Jh.s und erhält 1527 die erste protestantische Universität.
Lit.: Merk,
W., Die Spruchtätigkeit der Marburger Juristenfakultät, in: Festzeitung der
Universität Marburg 1527-1927, 1927; Pätzold, G., Die Marburger
Juristenfakultät als Spruchkollegium, 1966; Die
Philipps-Universität Marburg im Nationalsozialismus, hg. v. Nagel, A., 2000
Marburger Programm ist das von Franz von -> Liszt (1851-1919) 1882 formulierte Programm (Der Zweckgedanke im Strafrecht).
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 204
marca (lat.-ahd. [F.]) Grenze, Grenzgebiet
Lit.: Kroeschell, DRG 1
Marcellus (2. Jh. n. Chr.) ist ein dem Rat der Kaiser Antonius Pius (138-161) und Mark Aurel (161-180) angehöriger römischer Jurist, von dem 31 zwischen 161 und 167 entstandene (lat.) libri (M.Pl.) digestorum (Bücher der Digesten) zu unterschiedlichsten Rechtsfragen sowie (lat.) notae (F.Pl. Anmerkungen) zu den Digesten -> Julians bekannt sind, deren Benützung durch -> Scaevola und -> Ulpian feststeht.
Lit.: Krüger, P., Geschichte der Quellen und Literatur des römischen Rechts, 2. A. 1912, 213; Rastätter, J., Marcelli Notae ad Iuliani Digesta, Diss. jur. Freiburg im Breisgau, 1981; Zülch, C., Der liber singualris responsorum des Ulpius Marcellus, 2001
Märchen ist die nicht sicher bezeugte und nicht
sicher bezeugbare Erzählung. Das M. kann Rechtsfragen behandeln. Sie lassen
sich zeitlich nicht zuverlässig einordnen.
Lit.: Scherf, W., Das
Märchenlexikon, Bd. 1f. 1995; Laeverenz, J., Märchen
und Recht, 2001
Marchfutter ist eine mittelalterliche Abgabe.
Marculf ist der Verfasser einer frühmittelalterlichen, durch 5 Handschriften des 9. Jh.s überlieferten Sammlung von 40 Königsurkundenformularen und 52 Privaturkundenformularen, welche vermutlich am Ende des 7. Jh.s im westlichen Frankenreich im Auftrag eines nicht sicher feststellbaren Bischofs Landerich verfertigt ist. Die Sammlung ist nachweislich spätestens 743/7 in einer Königsurkunde und 731/2 in einer Privaturkunde benutzt. Verschiedene jüngere Urkundensammlungen berücksichtigen sie.
Lit.: Formulae, hg. v. Zeumer, K., 1886; Uddholm, A., Marculfi Formularum libri duo, 1962; Nonn, U., Merowingische Testamente, Archiv f. Diplomatik 18 (1972), 110
marescalcus (lat.-ahd. [M.] Marschall) ist ein Hofamt der fränkisch-deutschen Könige.
Lit.: Köbler, DRG 83
marginal (am Rande befindlich) wie z. B. die Marginalglosse, d.h. Randglosse
Maria Theresia (Wien 13. 5. 1717 - 29. 11. 1780) ist die Erbtochter des Habsburgers Karl VI., der am Ende des spanischen Erbfolgekrieges die Erbfolge in den habsburgischen Erblanden 1713 durch die -> Pragmatische Sanktion zu sichern versucht. 1740 tritt sie das Erbe an (Pfalzerzherzogin von -> Österreich), von dem sie im österreichischen Erbfolgekrieg Schlesien (an Preußen) und Parma-Piacenza (an Karls III. von Spanien Bruder Philipp) verliert. Durch die Wahl ihres Mannes Franz I. Stephan von Lothringen zum deutschen Kaiser (1745) wird sie Kaiserin. Gegen den ständischen Widerstand setzt sie von 1749 bis 1761 den absolutistischen Staat mit landesfürstlicher Bürokratie und Zentralverwaltung durch. Auf Betreiben ihrer Ratgeber (Kaunitz, Joseph II.) erwirbt sie 1772 Galizien und Lodomerien, 1775 die Bukowina und 1779 das Innviertel. Gesetzgeberisch stellt die von ihr veranlasste (lat.) -> Constitutio (F.) Criminalis Theresiana (1768, Theresianisches Kriminalgesetz) keinen Fortschritt dar, während ein (lat.) Codex (M.) Theresianus (1766, Theresianisches Gesetzbuch) überhaupt bloßer Entwurf bleibt.
Lit.:
Köbler, DRG 131f., 142; Arneth, A. v., Geschichte Maria Theresias, Bd. 1ff.
1863ff.; Walter, F., Die theresianische Staatsform von 1749, 1958; Jessen, F.,
Friedrich der Große und Maria Theresia, 1965; Ogris, W., Maria Theresia iudex,
Anz. d. österreich. Akad. d. Wiss., phil.-hist. Kl. 110 1973, 232; Mraz, G./Mraz, G., Maria
Theresia, 1979; Ogris, W., Recht und Macht bei Maria Theresia, 1980; Dillmann, E., Maria
Theresia, 2000
maritagium (lat. [N.]) ist eine mittelalterliche Heiratsabgabe von Hörigen.
Mark ist ursprünglich das zur Kennzeichnung eines Gegenstandes verwendete Zeichen. Deswegen wird M. zur Grenze, zum Grenzland und zur Münze. Dementsprechend finden sich unter Karl dem Großen (795), den Ottonen und Heinrich III. (1039) Grenzmarken etwa in Spanien, an der Donau (Ostmark), an der Oder (965), in Karantanien (970), an der Eider oder in Böhmen, die meist Markgrafen unterstellt sind. Seit dem Hochmittelalter erscheint das um die Siedlung gelegene (Grenz-)Land als Dorfmark, das von einer -> Markgenossenschaft gemeinschaftlich genutzt wird. Der mit einer Marke versehene Metallbarren tritt seit dem 9. Jh. als Münzgrundgewicht M. auf und verdrängt allmählich das ältere -> Pfund. 1524 wird die Kölnische M. (amtliche) Grundlage des Münzwesens im Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation). Die von 1871/3 bis 1924 als Währungseinheit des Deutschen Reiches bestehende M. wird 1924 durch die Reichsmark ersetzt, der am 20. 6. 1948 die Deutsche M. folgt (Währungsreform).
Lit.:
Hübner; Maurer, G. v., Geschichte der Markenverfassung in Deutschland, 1856;
Gierke, O. v., Das deutsche Genossenschaftsrecht, Bd. 1ff. 1868ff.; Lipp, M.,
Das fränkische Grenzsystem, 1892; Dopsch, A. v., Die freien Marken in
Deutschland, 1933; Ganahl, K., Die Mark in den älteren St. Galler Urkunden, ZRG
GA 60 (1940), 97; Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen
Dorfes, Bd. 1ff. 1957ff.; Mitterauer, M., Karolingische Markgrafen im Südosten,
1963; Enzyklopädisches Lexikon des Geld-, Bank- und Börsenwesens, 3. A. 1967;
Schmidt, E., Die Mark Brandenburg unter den Askaniern, 1973; Rittmann, H.,
Deutsche Geldgeschichte 1484-1914, 1975; Rittmann, H., Deutsche Geldgeschichte
seit 1914, 1986;
Fünfzig Jahre Deutsche Mark, hg. v. d. Deutschen Bundesbank, 1998; Meyer, W.,
Abschied von der Deutschen Mark, 1998
Mark ist die seit 1202 für eine Linie der Grafen von Berg namengebende Burg in Westfalen. 1614 kommt die Grafschaft an Brandenburg, 1946 das Gebiet zu Nordrhein-Westfalen.
Lit.: Köbler, Historisches
Lexikon
Marke ist das Zeichen und der damit gekennzeichnete Gegenstand. In Rom schützt das Namensrecht gegen Nachahmungen. Die M. findet sich bereits im Frühmittelalter an Vieh, Holz oder Haus. Mit der Zunahme der Schriftlichkeit kann sie zum Handzeichen werden. In der hochmittelalterlichen Stadt entwickelt sich die Handelsmarke des Kaufmannes zur Kennzeichnung seiner Ware. Die Zunft setzt sich für die M. ein und verbürgt die ordnungsgemäße Herstellung der markierten Ware. Diese M. wird vielfach registriert, ihr Missbrauch wird bestraft. Im 19. Jh. endet mit der Zunft die durch sie gewährleistete Sicherheit. Seit dem 18. Jh. (Frankreich 1787) wird die M. privatrechtlich geschützt (Bayern 9. 3. 1840/21. 12. 1862, Deutsches Reich Gesetz über Markenschutz vom 30. 11. 1874, 12. 5. 1894, 5. 5. 1936). Am Ende des 20. Jh.s wird dieser Schutz innerhalb der Europäischen Union vereinheitlicht (Bundesrepublik Deutschland Markenrechtsreformgesetz BGBl. 1994, 3085). Danach erfolgt die gebührenpflichtige Eintragung einer schutzfähigen Marke durch das Patentamt auf jeweils 10 Jahre.
Lit.:
Hübner 13, 442; Rehme, P., Geschichte des Handelrechts, 1913, 38ff., 161, 216;
Meldau, R., Vor 1500 eingetragene Warenzeichen, GRUR 43 (1938), 302; Ruppel,
K., Die Hausmarke, 1939; Ilgenfritz, H., Das Warenzeichenrecht der Stadt
Nürnberg, Diss. jur. Erlangen-Nürnberg 1954; Leitherer, E., Die Entwicklung des
Markenwesens, Diss. Erlangen-Nürnberg 1954; Wadle, E., Fabrikzeichenschutz und
Markenrecht, Bd. 1f. 1977ff.; Schmieder, H., Neues deutsches Markenrecht, NJW
1994, 1241; Zentek, S., Produkt Prozesse,
1999
Markebrief ist seit dem Hochmittelalter eine Ermächtigung zu einem Arrest.
Lit.: Böhringer, K., Das Recht der Prise, Diss. jur. Frankfurt am Main 1960
Markenrecht -> Marke, Recht
Lit.: Köbler, DRG 272; Wadle, F., Fabrikzeichenschutz und Markenrecht, 1983
Markenschutz -> Marke
Märker -> Mark, Markgenossenschaft
Märkerding ist die Versammlung der Markgenossen oder Märker.
Markfrevel ist die rechtswidrige Nutzung einer -> Mark seit dem Hochmittelalter.
Lit.: His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 1f. 1920ff., Neudruck 1964
Markgenossenschaft ist die Genossenschaft der an einer -> Mark (Gemeinland) Nutzungsberechtigten seit dem Hochmittelalter (str.). Die M. entsteht auf Grund der mit dem Landesausbau eintretenden Güterverknappung. Die Nutzungsberechtigung an der Mark ist Zubehör zu einem Sondereigentum (z. B. Hof). Der einzelne Markgenosse (Märker) kann frei oder unfrei sein. Wichtigstes Organ der M. ist die Versammlung der Markgenossen (Märkerding). Ihr sitzt der Märkermeister (oft ein Grundherr), Markmeister, Obermärker, Holzgraf oder Waldgraf vor. Urteile fällen Markschöffen oder Markgeschworene. Im 19. Jh. werden die meisten Markgenossenschaften durch den Liberalismus beseitigt.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 96, 121; Thudichum, F. v., Die Gau- und Markenverfassung, 1860; Gierke, O. v., Das deutsche Genossenschaftsrecht, Bd. 1ff. 1868ff.; Oechslin, M., Die Markgenossenschaften der Urschweiz, 1941; Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 2 1962; Wernli, F., Zur Frage der Markgenossenschaften, 1961; Schneider, W., Die Markgenossenschaften im frühmittelalterlichen Alamannien, 1997
Markgraf (lat. [M.] marchio) ist der Graf einer Grenzgrafschaft (Markgrafschaft). Über die Stellung und die Befugnisse eines Markgrafen vor dem 12. Jh. ist wenig bekannt, vermutlich waren sie von denjenigen eines Grafen nicht wesentlich verschieden. Die Lage und die Größe der zunächst regelmäßig in ein Herzogtum eingebundenen Mark (z. B. Österreich, Steiermark) begründeten aber wohl eine größere Selbständigkeit. Deswegen wird der M. verschiedentlich Stammesherzog, der M. von Brandenburg sogar Kurfürst. Seit dem späten 11. Jh. wird M. auch ein Titel (z. B. Baden, Hachberg, Ansbach-Bayreuth).
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 84, 109; Baltl/Kocher; Gothein, E., Die badische Markgrafenschaft im 16. Jahrhundert, 1910; Schieckel, H., Herrschaftsbereich und Ministerialität der Markgrafen von Meißen, 1956; Mitterauer, M., Karolingische Markgrafen im Südosten, 1963; Schmidt, M., Die Mark Brandenburg unter den Askaniern, 1973; Müller, U., Die ständische Vertretung in den fränkischen Markgrafentümern, 1984
Markgrafentum ist die Stellung und das Gebiet eines -> Markgrafen.
Markgrafschaft ist (die Stellung und) das Gebiet eines -> Markgrafen.
Marklosung ist das Recht eines Markgenossen oder einer Markgenossenschaft, ein in der -> Mark gelegenes, an einen Fremden veräußertes Grundstück gegen Zahlung des Kaufpreises zu erwerben (und dadurch die bestehende Anwartschaft zum Vollrecht umzuwandeln).
Lit.: Gierke, O., Das deutsche Genossenschaftsrecht, Bd. 1 1868, 65f.; Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 2 1962
Markmeister -> Markgenossenschaft
Markt ist die zu bestimmter Zeit und an bestimmtem Ort abgehaltene Veranstaltung zum Zweck des Verkaufes und Kaufes von Waren. Der M. ist bereits dem römischen Recht bekannt (lat. [N.] forum, Marktplatz, nundinae [F.Pl.]). In karolingischer Zeit gewinnt der M. auch bei den Franken Bedeutung. Der König erringt in der zweiten Hälfte des 9. Jh.s für kurze Zeit ein Marktregal. Zwischen 900 und 1050 gründet er mehr als 100 Märkte durch Privileg und erhält dafür von den Begünstigten Abgaben. Später treten die Landesherren an seine Stelle (z. B. Freiburg 1120, Innsbruck 1180/1204, Jüterbog 1174). Es entwickeln sich Grundsätze für ein besonderes Recht des Marktes. Viele Marktorte werden bald zur -> Stadt.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 78, 113; Rietschel, S., Markt und Stadt, 1897, Neudruck 1965; Spieß, W., Das Marktprivileg, 1916; La foire, 1953; Schlesinger, W., Mitteldeutsche Beiträge zur deutschen Verfassungsgeschichte des Mittelalters, 1961, 275; Vor- und Frühformen der europäischen Stadt, 1973; Mitterauer, M., Markt und Stadt im Mittelalter, 1980; Ehmann, E., Markt und Sondermarkt, 1987
marktbeherrschendes Unternehmen ist in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s ein Unternehmen, das den Handel mit einer bestimmten Warengattung maßgeblich gestalten kann. Aus Wettbewerbsgründen bedarf es besonderer Kontrolle.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.
Marktfriede ist der von einem Herrn (z. B. König) während der Marktzeit für Verkäufer und Käufer zugesicherte -> Friede.
Lit.: Kroeschell, DRG 1
Marktkauf ist der auf dem jedermann zugänglichen -> Markt getätigte -> Kauf. Wegen der besonderen Gegebenheiten des Marktes darf sich seit dem Mittelalter der Erwerber einer gestohlenen oder geraubten Sache gegenüber dem Unrechtsvorwurf des Eigentümers dadurch reinigen, dass er schwört, die Sache auf dem Markt gekauft zu haben. Vielfach muss er die Sache auch nur gegen die Erstattung des ganzen oder halben Kaufpreises an den Berechtigten herausgeben. Dieses Lösungsrecht verliert mit der Aufnahme des römischrechtlichen Herausgabeanspruches (lat. -> rei vindicatio [F.]) an Bedeutung.
Lit.:
Hübner 440, 446; Kroeschell, DRG 2, 88; Köbler, DRG 125; Ebel, W., Lübisches
Kaufmannsrecht, 1952; Reinhard, H., Der Marktkauf in den schweizerischen
Stadtrechten, Diss. jur. Zürich 1959; Jakab, E., Praedicere und cavere beim
Marktkauf, 1997
Marktkreuz ist das seit dem Hochmittelalter zum Zeichen des Marktes aufgestellte Kreuz.
Lit.: Kroeschell, DRG 1
Marktprivileg -> Markt
Marktrecht -> Markt
Marktregal -> Markt, Regal
Marktwirtschaft ist die Wirtschaftsform, in der die wirtschaftlich relevanten Entscheidungen über Produktion, Investition, Distribution und Konsum dezentralistisch sind und den individuellen Wirtschaftssubjekten überlassen werden. In der älteren Zeit geht der M. die Hauswirtschaft voraus. In den größeren Orten des Altertums ist die M. bereits bedeutsam. In der Neuzeit wird ihr Gewicht immer größer. Der Sozialismus des 20. Jh.s stellt der M. die Planwirtschaft entgegen. Seit 1990 dringt die M. in sozialer Form wieder vor.
Lit.: Köbler, DRG 96, 127, 249; Bundesrepublik Deutschland - Deutsche Demokratische Republik, hg. v. Hamel, H., 1977; Nörr, K., Als die Würfel für die Marktwirtschaft fielen, FS K. Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997
Markwald -> Mark
Marschall ist der Träger des im Frühmittelalter für das Transportwesen zuständigen Hofamtes (lat. comes [M.] stabuli). Seit dem 15. Jh. wird der besondere Feldmarschall Oberbefehlshaber der landesherrlichen Streitkraft. Sein Amtszeichen ist ein Stab. -> marescalcus
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 83, 112; Köbler, WAS; Rösener, W., Hofämter, DA 45 (1989), 485
Marsilius von Padua (Padua um 1290? - München 1342/3), Sohn des Universitätsnotars Bonmatteo dei Mainardini, wird nach dem Studium der freien Künste 1313 kurzzeitig Rektor der Universität Paris und danach höfischer Ratgeber. 1324 verfasst er den (lat.) -> Defensor (M.) pacis. Darin spricht er sich in der Nachfolge des Aristoteles für einen mit weitreichender Gewalt ausgestatteten Staat aus, der mit Hilfe einer rationalen Gesetzgebung das Wohl seiner Angehörigen erreichen soll. Der Kaiser wird auch der Kirche übergeordnet, als deren höchstes Organ M. v. P. im übrigen nicht den Papst, sondern das -> Konzil (Konziliarismus) ansieht.
Lit.: Köbler, DRG 107, 109; Battaglia, F., Marsilio da Padova, 1928; Marsilio da Padova, hg. v. Checchini, A. u. a., 1942; Segall, H., Der „Defensor Pacis“ des Marsilius von Padua, 1959; Gagnér, S., Studien zur Ideengeschichte der Gesetzgebung, 1960, 121; Löffelberger, M., Marsilius von Padua, 1992
Mars Thingsus (M.) germanischer Kriegsgott und vielleicht auch Dinggott
Lit.: See, K. v., Altnordische Rechtswörter, 1964; Höfler, O., „Sakraltheorie“ und „Profantheorie“, FS S. Gutenbrunner, 1972, 71
Martens, Georg Friedrich von (Hamburg 22. 2. 1756 - Frankfurt am Main 21. 2. 1821) wird nach dem Rechtsstudium in Göttingen (Pütter) 1783 Professor für Staatsrecht, -> Völkerrecht und -> Handelsrecht. 1808 wird er Verwaltungsjurist im Königreich Westphalen, 1815 in Hannover. 1785 verfasst er (lat.) Primae lineae (F.Pl.) iuris gentium Europaearum practici (Grundlinien eines praktischen europäischen Völkerrechts), deren Gliederung sich von herkömmlichen Vorgaben zu befreien versucht. Seit 1797 sammelt er die wichtigsten völkerrechtlichen Verträge. Gleichzeitig legt er einen Grundriß des -> Handelsrechts vor, das sich damit von Handlungswissenschaft einerseits und deutschem Privatrecht andererseits löst.
Lit.: Figge, R., Georg Friedrich von Martens, Diss. jur. Breslau 1914; Köbler, G., Die Wissenschaft des gemeinen deutschen Handelsrechts, in: Wissenschaft und Kodifikation, hg. v. Coing, H. u. a., Bd. 1 1974, 277; Scherner, K., Anfänge einer deutschen Handelsrechtswissenschaft im 18. Jahrhundert, ZHR 136 (1972), 464
Martin von
Tours (Sabaria 336? - Candes 8. 11.
397), nach dem Mars benannter Sohn eines römischen Militärtribuns, gründet nach
der frühen Taufe 361 das erste gallische Kloster Ligugé und wird 371 Bischof
von Tours. Er ist der erste Heilige der römischen Kirche mit öffentlicher
Verehrung, vor allem im fränkischen Reich (Gedenktag am 11. 11.).
Lit.: Nigg, W./Loose, H.,
Martin von Tours, 1977; Thull, M., Martin von Tours, 1985
Martini (zu Wasserberg), Karl Anton Freiherr von (Revo 15. 8. 1726 - Wien 7. 8. 1800), Hofratssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Innsbruck (Riegger) und Wien 1753 Professor in Wien für -> Naturrecht, Institutionen und römische Rechtsgeschichte. 1767 verfasst er (lat.) De lege naturali positiones (Lehrsätze über Naturrecht). Seit 1771 wird er mit Vorarbeiten an einem Privatrechtsgesetzbuch betraut. 1782 gibt er die akademische Lehre auf. Sein 1793-5 erarbeiteter Entwurf des Privatgesetzbuches in drei Teilen tritt 1797 als -> Westgalizisches Gesetzbuch in Kraft.
Lit.: Köbler, DRG 142; Juristen in Österreich, hg. v. Brauneder, W., 1987, 77; Hebeis, M., Karl Anton von Martini, 1996
Martinus Gosia (Bologna um 1100 - 1158/66) ist einer der vier Doktoren, die 1158 auf dem Reichstag von -> Roncaglia auftreten. Er vertritt Gedanken der Billigkeit (lat. [F.] aequitas). Anscheinend stammen von ihm Glossenapparate zu Digesten, Codex und Institutionen.
Lit.:
Köbler, DRG 105; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967;
Dolezalek, G., Repertorium manuscriptorum veterum Codicis Iustiniani,1985; Lange, H., Römisches
Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997
Marx, Karl (Trier 5. 5. 1818 - London 14. 3. 1883), Sohn eines zwischen 1819 und 1821 vom Judentum zum Protestantismus übergetretenen Rechtsanwalts, 1824 vom Judentum zum Protestantismus übergetreten, wird nach dem Studium von Recht und Philosophie in Bonn (1835) und Berlin (Savigny, Gans) Redakteur. Am 12. 6. 1843 geht er nach Paris, 1845 nach Brüssel und 1849 nach London. Im Auftrag des Londoner Bundes der Kommunisten veröffentlicht er mit Friedrich Engels 1848 das -> Kommunistische Manifest. Dem folgen 1859 „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ und 1867 „ Das Kapital“, mit denen er den -> Marxismus begründet.
Lit.:
Köbler, DRG 178f., 189, 253; Vysinskij, A., Fragen des Rechts und des Staates
bei Marx, 1938; Bloch, E., Karl Marx und die Menschlichkeit, 1969; Euchner, W.,
Karl Marx, 1983; Schefold, C., Die Rechtsphilosophie des jungen Marx von 1842,
1970; Landau, P., Karl Marx und die Rechtsgeschichte, TRG 41 (1973), 361;
Cerroni, U., Marx und das moderne Recht, 1974; Szabó, I., Karl Marx und das
Recht, 1981; Herferth, W., Sachregister zu den Werken Karl Marx, Friedrich
Engels, hg. v. Sandmühler, J., 1983; Marx-Engels-Begriffslexikon, hg. v.
Lotter, K., 1984;
Schöncke, M., Karl und Heinrich Marx, 1993
Marxismus ist die von Karl -> Marx begründete Gesellschaftslehre. Der M. ist historischer Materialismus, dem es darum geht, die Sachverhalte daraufhin zu beurteilen, wie, zu welchen und zu wessen Zwecken sie herbeigeführt werden, und in der Geschichte die Entwicklung von sozialen Verhältnissen zu erkennen. Grundlegend für eine geschichtliche Entwicklungsstufe ist die Art und Weise wie (u. a. mit welchen Produktionsmitteln) die Menschen ihren Lebensunterhalt bewirken. Die Produktionsverhältnisse sind die tatsächliche (reale) Basis für einen geistigen (ideologischen) Überbau. Arbeitsteilung und Eigentumsbildung entfremden den Menschen von sich selbst. Die besitzende Klasse hält am jeweiligen Zustand der Produktionsverhältnisse fest, während die ausgebeutete Klasse nach seiner Veränderung strebt. Durch Revolution wird die jeweilige Basis und damit auch der Überbau verändert und eine jeweils höherwertige Stufe des sich nach exakten Gesetzen vollziehenden Geschichtsablaufes erreicht. Das Recht als Teil des Überbaus ist in der vom Sozialismus unter Führung der Kommunistischen Partei angestrebten klassenlosen Gesellschaft, in der es weder Not noch Unterdrückung gibt, ebenso überflüssig wie der Staat. Die Versuche des 20. Jh.s, die Vorstellungen des M. zu verwirklichen (1917 Sowjetunion), erweisen sich bis zum Ende des 20. Jh.s (1990) nicht als erfolgreich.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Kroeschell, 20. Jh; Köbler, DRG 178f., 189, 253; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 3 1982, 937; Paschukanis, E., Allgemeine Rechtslehre und Marxismus, 1924, Neudruck 1966; Adler, M., Die Staatsauffassung des Marxismus, 1922, Neudruck 1973; Reich, N., Sozialismus und Zivilrecht, 1972; Reich, N., Marxistische Rechtstheorie, 1973; Paul, W., Marxistische Rechtstheorie als Kritik des Rechts, 1974; Probleme der marxistischen Rechtstheorie, hg. v. Rottleuthner, H., 1975; Nolte, E., Marxismus und Industrielle Revolution, 1983; Fetscher, I., Karl Marx und der Marxismus, 1985; Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, hg. v. Haug, W., 1994ff.; Schröder, R., Marxismus und Recht, FS K. Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997
Märzverfassung ist in -> Österreich die vom Kaiser nach dem Sieg über die revolutionäre Bewegung des Jahres 1848 dem Reichstag in Kremsier am 4. 3. 1849 aufoktroyierte Verfassung, welche erstmals die nichtdeutschen Gebiete Ungarn und Lombardo-Venetien einschließt. Sie stellt in einem Scheinkonstitutionalismus dem Kaiser den aus Oberhaus und Unterhaus bestehenden -> Reichstag gegenüber. Hinzu kommt in einem eigenen Patent ein Grundrechtskatalog. Die gesamte Verfassung tritt allerdings trotz Verkündung nicht in Kraft und wird unter dem Druck von Adel und Verwaltung am 31. 12. 1851 (-> Silvesterpatent) als unangemessen und unausführbar aufgehoben.
Lit.: Köbler, DRG 193; Baltl/Kocher; Brauneder, W. Österreichische Verfassungsgeschichte, 8. A. 2001
Mascov, Johann Jacob (Danzig 26. 11. 1689 - Leipzig 21. 5. 1761), früh verwaister Kaufmannssohn, wird nach dem Studium der freien Künste und des Rechts in Leipzig und Halle 1719 außerordentlicher Professor in Leipzig. Daneben übt er zahlreiche praktische Aufgaben aus. 1729 veröffentlicht er die häufig aufgelegten, in sieben Bücher gegliederten (lat.) Principia (N.Pl.) iuris publici imperii Romano-Germanici (Grundsätze des öffentlichen Rechts des römisch-deutschen Reiches).
Lit.: Hammerstein, N., Jus und Historie, 1972, 284; Stolleis, M., Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, Bd. 1 1988, 307
Maß ist die Meßeinheit. Das M. findet sich bereits vielfach im Altertum. Ausgangspunkt ist das natürliche, vom menschlichen Körper abgeleitete M. (z. B. Fuß, Elle, Klafter, Schritt). In der Neuzeit wird dieses mehr und mehr vom künstlich-wissenschaftlichen, international vereinbarten M. (z. B. Liter, Meter) verdrängt, das M. durch rechtliche Bestimmungen klar festgelegt und gegen Missbrauch geschützt.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 176; Grimm, J., Deutsche Rechtsaltertümer, Bd. 1f. 4. A. 1899, Neudruck 1922, 1989, 1994; Alberti, H. v., Maß und Gewicht, 1957; Pfeiffer, E., Die alten Längen- und Flächenmaße, 1986
Maßnahme der Sicherung und Besserung ist eine auf die strafrechtlichen Reformvorschläge Franz von -> Liszts (1882 Marburger Programm) zurückgehende Maßnahme, statt zu strafen, zu sichern und zu bessern. Sie wird im Dritten Reich durch das Gewohnheitsverbrechergesetz vom 24. 11. 1933 verwirklicht. Danach kann der Richter die Unterbringung eines Täters in einer Heil- und Pflegeanstalt, in einer Trinkerheilanstalt, in einem Arbeitshaus, in der Sicherungsverwahrung oder die Entmannung, die Untersagung der Berufsausübung oder die Reichsverweisung anordnen. Später wird die Besserung der Sicherung vorangestellt.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 237; Jelowik, L., Zur Geschichte der Strafrechtsreform in der Weimarer Republik, 1983; Werle, G., Zur Reform des Strafrechts in der NS-Zeit, NJW 1988, 2865
Maßnahmegesetz ist das offen oder verdeckt nur für einen oder wenige Einzelfälle bestimmte Gesetz. Es wird im 20. Jh. problematisch.
Lit.: Huber, K., Maßnahmegesetz und Rechtsgesetz, 1963
Materialismus ist diejenige geistesgeschichtliche Strömung, die das gesamte Weltgeschehen vom Stofflichen (Materiellen), nicht vom Geistigen (Ideellen), her zu erklären versucht. Eine bedeutsame Form des M. ist der historische M. (-> Marxismus).
Lit.:
Köbler, DRG 178; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2 1982, 977; Kautsky, K.,
Die materialistische Geschichtsauffassung, Bd. 1f. 1927; Kägi, P., Genesis des
historischen Materialismus, 1965; Bloch, E., Das Materialismusproblem, 1985;
Schermaier, M., Materia, 1993; Bund, E., Stoischer Materialismus und Dynamismus,
FS K. Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997; Wittkau-Horgby, A., Materialismus,
1998
materielles Recht ist
das den Gegenstand betreffende Recht (z. B. Privatrecht, Strafrecht) im
Gegensatz zum formellen Recht (Verfahrensrecht).
Lit.: Simshäuser, W., Zur
Entwicklung des Verhältnisses von materiellem recht und Prozessrecht seit
Savigny, 1965; Kollmann, Begriffs- und Problemgeschichte, 1996
mater semper certa est, pater quem nuptiae demonstrant (lat.). Die Mutter ist immer gewiß, Vater ist, wen die Ehe ausweist.
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 5. A. 1991, 118, Nr. 26 (Paulus, um 160 - um 230, Digesten 2, 4, 5)
Mathildische Güter sind die Güter der Markgräfin Mathilde von Tuszien-Canossa (1046 - 24. 7. 1117, bezüglich der 139 echte Urkunden, 15 gefälschte Urkunden und 115 verlorene Urkunden nachweisbar sind) in Reggio, Modena, Mantua, Bologna, Parma, Ferrara, Brescia, Verona usw., welche bedeutender sind als alle anderen Güter einer hochadligen Familie in Reichsitalien im Hochmittelalter. Wohl 1080 gibt die Markgräfin ihre Güter an den Papst (1102 bestätigt). Im Frühjahr 1111 sichert sie Heinrich V. die Erbfolge in ihre Güter zu. Zwischen König und Kirche in der Folge umstritten, gelangen die Mathildischen Güter im 12./13. Jh. unter die Herrschaft vieler Stadtkommunen.
Lit.: Overmann, A., Gräfin Mathilde von Tuszien, 1895; Grimaldi,
N., La contessa Matilde, 1928; Studi matildici, 1964; Haverkamp, A.,
Herrschaftsformen der Frühstaufer in Italien, Bd. 1f. 1970f.; Groß, T., Lothar
III. und die Mathildischen Güter, 1990;
Golinelli, P., Mathilde und der Gang nach Canossa, 1998; Die Urkunden und
Briefe der Markgräfin Mathilde von Tuszien, hg. v. Goez, E. u. a., 1998
Matriarchat ist das vom Vorrecht der Frau bzw. der Mutter geprägte Recht im Gegensatz zum Patriarchat. Eine Zeit des Matriarchates ist geschichtlich nicht bezeugt. Sie wird aber von Johann Jakob -> Bachofen (1815-87) angenommen (Über das Weiberrecht, 1856). -> Mutterrecht
Lit.: Wesel, U., Der
Mythos vom Matriarchat, 1980; Göttner-Abendroth, Das Matriarchat, Bd. 1f.
1988ff.
Matrikel ist das bereits dem römischen Altertum bekannte Verzeichnis, welches die Kirche fortführt (-> Kirchenbuch). Im Hochmittelalter wird an den Universitäten die Eintragung in eine M. Voraussetzung für die Teilhabe an den Vorrechten der Universitätsangehörigen (z. B. Exemtion vom Stadtgericht). Seit dem Hochmittelalter finden sich auch Listen über die von Fürsten und Städten für die Heereszüge des Königs zu erbringenden Leistungen, aus denen sich 1422 die -> Reichsmatrikel entwickelt.
Lit.: Sieber, J., Zur Geschichte des Reichsmatrikelwesens, 1910; Börsting, H., Geschichte der Matrikel, 1959
Matrikularbeitrag ist in der frühen Neuzeit der in der Reichsmatrikel des Heiligen Römischen Reichs (deutscher Nation) festgelegte Beitrag des einzelnen Reichsstandes zum Finanzwesen des Reiches. Auch im zweiten Deutschen Reich bilden die Matrikularbeiträge der Länder eine wichtige Grundlage für die Reichsfinanzverfassung. Insofern ist das Reich Kostgänger der Länder.
Lit.: Köbler, DRG 150, 196
Matrimonial Causes Act (1965) ist die das Eherecht betreffende Zusammenfassung verstreuter gesetzlicher Vorschriften im englischen Recht.
Lit.: Baker, J., An
Introduction to English Legal History, 3. A. 1990
matrimonium (lat. [N.]) ist bei den Römern die als soziale Tatsache mit rechtlichen Wirkungen angesehene -> Ehe.
Lit.: Kaser § 58; Köbler, LAW
Matthaeus (II.), Antonius (Herborn 1601 - Utrecht 1654), Rechtsprofessorssohn, wird nach dem Studium des Rechts in Marburg und Groningen Professor in Harderwijk (1629) und Utrecht (1634). In (lat.) De criminibus (1644, Von Verbrechen) behandelt er die Straftatbestände an Hand der Bücher 47, 48 der Digesten mit Hinweisen auf das zeitgenössische Recht. In einer systematischen Einleitung legt er allgemeine Sätze über übergreifende (allgemeine) Fragen (z. B. Schuld, Vorsatz usw.) dar.
Lit.: Schlüter, F., Antonius Mattheus II. aus Herborn, 1929; Zestig Juristen, 1987, 166
Maunz, Theodor (Dachau 1. 9. 1901 - Gräfelfing 10. 9. 1993) wird nach dem Rechtsstudium in München 1937 ordentlicher Professor in Freiburg im Breisgau und 1952 in München (1943-5 Wehrdienst, 1948 Mitglied des Herrenchiemseer Verfassungskonvents, 1957-64 Kultusminister in Bayern). Wechselnden Bedingungen angepaßt verfasst er nach 1949 ein erfolgreiches Lehrbuch des Staatsrechts und begründet einen wichtigen Kommentar zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.
Lit.: Juristen im Portrait, 1988, 553; Stolleis, M., Theodor Maunz, Kritische Justiz 1993, 393
Maurer, Georg Ludwig Ritter von (Erpolzheim 2. 11. 1790 - München 9. 5. 1872) wird nach dem Rechtsstudium in Heidelberg Richter in der Rheinpfalz, von 1826 bis 1832 Professor in München, von 1832 bis 1834 Mitglied des Regentschaftsrates Königs Otto von Griechenland (aus dem Hause Wittelsbach) und 1847 Verweser des bayerischen Justiz- und Außenministeriums. Er veröffentlicht umfangreiche Darstellungen zur mittelalterlichen Verfassungsgeschichte.
Lit.: Maurer, G. v., Geschichte der Markenverfassung in Deutschland, 1856; Dickopf, K., Georg Ludwig von Maurer 1790-1872, 1960
Maurer, Konrad von (Frankenthal 29. 4. 1823 - München 16. 9. 1902), Sohn des Rechtshistorikers Georg Ludwig von Maurer, wird nach dem Studium des Rechts und der Geschichte in München, Leipzig und Berlin (Homeyer, Richthofen) 1847 außerordentlicher Professor, 1855 ordentlicher Professor in München. Er veröffentlicht zahlreiche Abhandlungen zur nordischen Rechtsgeschichte.
Lit.: Maurer, K. v., Vorlesungen über altnordische Rechtsgeschichte, Bd. 1ff. 1907ff., Neudruck 1965; Amira, K. v., Konrad von Maurer, SB. d. Akad. d. Wiss. München, 1903
Maut ist im südostdeutschen Sprachgebiet der -> Zoll.
Maximilian I. (Wiener Neustadt 22. 3. 1459 - Wels 12. 1. 1519) ist der letzte mittelalterliche König („letzter Ritter“) des Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation) (1486/93, 1508 erwählter römischer Kaiser). Er fasst seine habsburgischen Erbländer zusammen, vermehrt sie durch Heirat um -> Burgund (1477) und bereitet (1515) den Erwerb -> Ungarn-Böhmens (1526) und -> Spaniens vor. Auf wohl burgundischem Vorbild beruht seine Verwaltungsreform in Tirol und Österreich. Im Reich entstehen unter seiner Herrschaft -> Reichskammergericht, -> Reichskreise und -> Gemeiner Pfennig.
Lit.:
Köbler, DRG 95, 129, 150f., 157; Schmidt, E., Die Maximilianischen
Halsgerichtsordnungen, 1949; Buchner, R., Maximilian I., 2. A. 1970;
Wiesflecker, H., Kaiser Maximilian I., Bd. 1ff. 1971ff.; Wiesflecker, H., Maximilian I., 1991; Hollegger, M., Maximilian I., 2000
Maximilianische Verwaltungsreform ist die von König Maximilian I. wohl nach burgundischem Vorbild durchgeführte Verwaltungsreform. In ihrem Verlauf bestellt Maximilian in -> Tirol 1490 ein Kollegium von 12 Statthaltern für Justiz und Verwaltung für die Zeit seiner Abwesenheit. 1491 schafft er für die Verwaltung der Einkünfte eine besondere -> Raitkammer. Beides findet wenig später auch in Niederösterreich Eingang.
Lit.: Köbler, DRG 151; Baltl/Kocher; Walther, A., Die Ursprünge der deutschen Behördenorganisation, 1913; Mayer, T., Die Verwaltungsorganisationen Maximilians I., 1920, Neudruck 1973; Hollegger, M., Maximilian I. und die Entwicklung der Zentralverwaltung, 1983
Mayer, Otto (Fürth 29. 3. 1846 - Hilpertsau 8. 8. 1924), Abgeordnetensohn, wird nach dem Rechtsstudium u. a. in Berlin (1866/7) 1872 Rechtsanwalt in Mülhausen, 1882 außerordentlicher Professor und 1887 ordentlicher Professor für französisches Zivilrecht, internationales Privatrecht, allgemeine Staatslehre und Verwaltungsrecht in Straßburg und 1903 Professor in Leipzig. In seinem unter Übertragung der juristischen Methode (-> Gerber, -> Laband) aus dem Staatsrecht gewonnenen Lehrbuch Deutsches Verwaltungsrecht (1895/6) bildet er ein nach rechtlichen Gesichtspunkten systematisch gegliedertes -> Verwaltungsrecht (vor allem der Eingriffsverwaltung) aus (Vorrang des Gesetzes, Vorbehalt des Gesetzes). Im Mittelpunkt des durch Rechtsvergleichung geschaffenen allgemeinen Teiles des Verwaltungsrechts steht der (dem französischen Verwaltungsrecht nachgeformte) -> Verwaltungsakt.
Lit.:
Köbler, DRG 199; Die Rechtswissenschaft in Selbstdarstellungen, hg. v. Planitz,
H., 1924, 153, 175; Dennewitz, B., Die Systeme des Verwaltungsrechts, 1948,
122; Badura, P., Das Verwaltungsrecht des liberalen Rechtsstaates, 1967;
Hueber, A., Otto Mayer, 1981; Heyen, E., Otto Mayer, 1981; Schmid-De Caluwe, R., Der Verwaltungsakt in der Lehre Otto
Mayers, 1999
Mazedonien -> Makedonien
Mecheln, Mechelen erscheint im 9. Jh. (Malinas
870) und gelangt über das Hochstift Lüttich, Flandern (1357), Burgund (1369) an
Habsburg (1477) und von dort über die Niederlande an Belgien (1830). 1490 wird
die erste moderne Postverbindung von Innsbruck nach M. eingerichtet.
Lit.: De Geschiedenis van
Mechelen, hg. v. Uytven, R. van, 1991
Mecklenburg ist ein nach der 995 erstmals erwähnten Burg Michelenburg bei Wismar benanntes, dünn besiedeltes, 1701 in Mecklenburg Schwerin und Mecklenburg-Strelitz geteiltes, zum 1. 1. 1934 wieder zusammengefasstes Land, das 1945 mit Vorpommern verbunden wird und herkömmliche Zustände verhältnismäßig lang bewahrt.
Lit.:
Kroeschell, DRG 3; Köbler, Historisches Lexikon; Köbler, DRG 176; Neue Sammlung
Mecklenburgischer Landesgesetze, Bd. 1ff. 1769; Mecklenburger Urkundenbuch, Bd.
1ff. 1863ff.; Böhlau, H., Mecklenburgisches Landrecht, Bd. 1ff. 1871ff.;
Buchka, G. v., Landesprivatrecht der Großherzogtümer Mecklenburg-Schwerin und
Mecklenburg-Strelitz, 1905; Krause, H., System der landständischen Verfassung
Mecklenburgs, 1927; Hamann, H., Das staatliche Werden Mecklenburgs, 1962;
Molitor, E., Der Entwurf eines mecklenburgischen Landrechts, ZRG GA 61 (1941),
208; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,3,2908; Wieden,
H. bei der, Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815-1945, B XII (Mecklenburg),
1976; Petersohn, J., Der südliche Ostseeraum, 1979; 1000 Jahre Mecklenburg,
1995
mediani (lat. [M.Pl.]) mittlere ([als Stand] im alemannischen Volksrecht des Frühmittelalters)
Mediatisierung ist die Mittelbarmachung reichsunmittelbarer Reichsglieder (z. B. Reichsstädte, Reichsritter) insbesondere durch den -> Reichsdeputationshauptschluss vom 25. 2. 1803. Die dabei mittelbar gemachten ehemaligen Reichsunmittelbaren behalten noch während des 19. Jh.s Vorrechte (z. B. -> Patrimonialgerichtsbarkeit, -> Familienfideikommiss).
Lit.: Köbler, DRG 132, 149; Gollwitzer, H., Die Standesherren, 2. A. 1964; Willoweit, D., Rechtsgrundlagen der Territorialgewalt, 1975; Facius, C., Zwischen Souveränität und Mediatisierung, FS H. Tümmler, 1977, 163; Schier, R., Die Standesherren, 1978
Mediävistik (F.) Mittelalterkunde
Lit.: Ius Romanum medii aevi, 1961ff.; Dilcher, H., Zur Einführung: Romanistische Mediävistik, JuS 6 (1966), 387; Lexikon des Mittelalters, Bd. 1ff. 1980ff.; Goetz, H., Moderne Mediävistik, 1999
Medici ist eine seit dem frühen 13. Jh. bezeugte, innerhalb dreier Generationen aufgestiegene, im 16. Jh. zu Herzögen von Florenz (1531) und erhobene Großherzögen von Toskana (1569) Geldwechslerfamilie in Florenz, die 1737 erlischt.
Lit.:
Rubinstein, N., The Government of Florence under the Medici, 1966; Clarke, P., The
Soderini and the Medici, 1991; Brown, A., The Medici in Florence, 1992; Lorenzo
de Medici, hg. v. Toscani, B., 1993; Reinhardt, V., Die Medici, 1998; Walter,
I., Der prächtige Lorenzo de Medici, 2003
Medium (N.) Mittel, insbesondere das Wissensverbreitungsmittel wie Buch, Zeitung, Rundfunk, Fernsehen
Lit.: Faulstich, W., Die
Geschichte der Medien, Bd. 1 1997; Geschichte der Medien, hg. v. Fassler u. a.,
1998; Von Almanach bis Zeitung, hg. v. Fischer, E. u. a., 1999; Wilke, J.,
Grundzüge der Mediengeschichte, 2000
Medizin (Heilkunst) -> gerichtliche Medizin
Lit.: Die Geschichte des
medizinischen Denkens, hg. v. Grmek, M., 1996; Porter, R., Die Kunst des
Heilens, 2000; Pfeifer, K., Medizin der Goethezeit, 2000; Klee, E., Deutsche
Medizin im Dritten Reich, 2001; Künzl, E., Medizin in der Antike, 2002;
Jankrift, K., Krankheit und Heilkunde im Mittelalter, 2003
medum (Ackerland, Ackerabgabe [in der Erzdiözese Trier zwischen 900 und 1300])
Lit.: Kienast, R., medum-land, in: Antiquitates Germanicae, 1974, 57
Meer ist allgemein der von Salzwasser bedeckte, größere Teil der Erdoberfläche. Das M. ist grundsätzlich frei (lat. mare [N.] liberum). Im römischen Recht steht auch die Meeresküste als (lat.) res (F.) communis (allgemeine Sache) dem Gebrauch aller Menschen offen. Im Mittelalter bewirkt die Zusammenfassung einzelner Herrschaftsrechte (Regalien) in der Hand der Landesherren die Beanspruchung der Meeresküste als Recht des Landesherrn. In der Neuzeit wird von hier aus weiter auf das Meer ausgegriffen (3 Seemeilen, 12 Seemeilen, 200 Seemeilen). Im übrigen gilt für das M. das -> Völkerrecht.
Lit.: [Grotius, H.,] Mare liberum, 1609; Ziegler, K., Völkerrechtsgeschichte, 1994
Megelle (Buch der Weisheit) ist das von 1869 bis 1876 in 16 Bänden herausgegebene und 1877 in Kraft gesetzte Zivilgesetzbuch des Osmanischen Reichs auf der Grundlage des islamischen Rechts (Saria). Die M. gilt in der Türkei bis 1926, in Albanien bis 1928, im Libanon bis 1932, in Syrien bis 1949, im Irak bis 1953 und auf Zypern bis in die 60er Jahre des 20. Jh.s. Ihr wichtigster Redaktor ist der Richter und Justizminister Ahmad Gawdat Pasa (1822-1895).
Lit.: Dilger, K., Tendenzen zur Rechtsentwicklung, in: Ende, W./Steinbach, U., Der Islam, 2. A. 1989, 170
Megenberg, Konrad von (1309 - Regensburg 14. 4. 1374), Ministerialensohn (Mäbenberg?), wird nach der Schule in Erfurt und dem Studium der freien Künste in Paris Domherr in Regensburg. 1354 veröffentlicht er die Karl IV. gewidmete Schrift (lat.) De translatione imperii Romani (Von der Übertragung des Römischen Reichs), in welcher er die Auffassung vertritt, dass der Papst die Wahl des deutschen Königs billigen müsse.
Lit.: Ibach, H., Leben und Schriften des Konrad von Megenberg, 1938
Mehrer des Reiches (Lüs. von lat. [M.] Augustus) ist seit dem 14. Jh. ein Titel des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation).
Lit.: Bucklisch, M., „Augustus“, Diss. phil. Münster 1957; Wolfram, H., Intitulatio II, 1973, 174
Mehrheit (Majorität) ist der größere von zwei (oder mehr) Teilen einer Personengesamtheit. Der Grundsatz, dass eine M. von Stimmen einer von mehreren unterschiedlichen Meinungen zum Sieg verhilft, ist bereits in den Versammlungen in den Stadtstaaten Griechenlands und in Rom anerkannt. Die christliche Kirche übernimmt die auch in den -> Digesten Justinians vertretene Vorstellung (D. 50. 1. 19, 50. 17. 160. 1) zunächst nicht, sondern strebt die Einstimmigkeit an. Seit dem 4. Jh. zieht sie die M. in der Form der größeren Qualität vor (lat. sanior pars [F.]). Im 12. Jh. anerkennt sie den Grundsatz der M. Im deutschen, zunächst der Einstimmigkeit zuneigenden Recht ist der Grundsatz der M. bei der Königswahl seit der Mitte des 13. Jh.s bedeutsam und setzt sich 1338 durch. Im Reichstag gilt dies nur von Fall zu Fall.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 109; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 3 1982, 1021; Gierke, O. v., Das deutsche Genossenschaftsrecht, Bd. 2 1873, Neudruck 1954; Starosolskyj, W., Das Majoritätsprinzip, 1916; Elsener, F., Zur Geschichte des Majoritätsprinzips, ZRG KA 73 (1956), 73, 560; Schlaich, K., Maioritas, ZRG KA 94 (1977), 264; Mehrheitsprinzip, Konsens und Verfassung, hg. v. Hattenhauer, H. u. a., 1986
Mehrheitswahlrecht ist dasjenige Wahlrecht, bei dem die Mehrheit der Stimmen (eines Wahlkreises) entscheidet und die für andere Bewerber abgegebenen Stimmen personell nicht berücksichtigt werden (z. B. England).
Lit.: Köbler, DRG 257; Scheuner, U., Das Mehrheitsprinzip, 1973
Meier (zu lat. maior [M.] der Größere) ist in der frühmittelalterlichen -> Grundherrschaft der Verwalter des Grundherrn (lat. villicus [M.]). Seit dem Hochmittelalter (12./13. Jh.) strebt er nach Selbständigkeit. Daraufhin vergibt der Grundherr (vor allem in Nordwestdeutschland) die Grundherrschaft(sverwaltung) nur noch auf Zeit gegen festen Zins (Meierrecht).
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2: Wittich, W., Die Grundherrschaft in Nordwestdeutschland, 1896; Dopsch, A., Herrschaft und Bauer, 2 A. 1964; Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 1ff. 1957ff.; Rösener, W., Grundherrschaft im Wandel, 1991
Meiergericht ist ein Gericht einer Grundherrschaft unter dem Vorsitz des -> Meiers. Das M. begegnet seit dem Hochmittelalter. In der Neuzeit wird es vom Landesherrn zurückgedrängt und endet im 19. Jh.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Stutz, U., Höngger Meiergerichtsurteile, 1912; Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 2 1962, 343; Heikaus, H., Hofgerichte und Hofrecht, 1970
Meierhof -> Meier, Hof
Lit.: Kroeschell, DRG 2
Meierordnung ist ein partikulares Gesetz des 18. Jh.s über das -> Meierrecht (z. B. Paderborn 1765, Calenberg 1772, Entwurf Lüneburg 1799ff., Osnabrückische Eigentumsordnung 1722).
Meierrecht ist ein gewohnheitsrechtlich entstandenes bäuerliches Besitzrecht in Nordwestdeutschland (Niedersachen, Westfalen). Es ist ein (tatsächlich erbliches,) dingliches Recht zur Bewirtschaftung eines fremden Gutes gegen Abgaben (Meierzins) und zwar eine Form der Pacht. -> Abmeiern
Lit.: Gesenius, C., Das Meyerrecht, Bd. 1f. 1801ff.; Pfeiffer, W., Das deutsche Meierrecht, 1848; Niemeyer, F., Das Meierrecht in der Grafschaft Hoya, 1862; Turner, G., Das Calenberger Meierrecht, 1960; Illemann, H., Bäuerliche Besitzrechte im Bistum Hildesheim, 1969
Meiji-Verfassung (1889) -> Japan
Lit.: Kroeschell, DRG 3
Meineid ist das vorsätzliche falsche Schwören des Täters vor Gericht oder einer anderen zur Abnahme von Eiden zuständigen Stelle. Im römischen Recht wird, von bestimmten Sonderfällen (z. B. lat. -> falsum [N.], stellionatus [M.] oder -> crimen [N.] laesae maiestatis) abgesehen, der M. nicht rechtlich verfolgt. Ob die Germanen eine Strafe für M. kennen, ist zweifelhaft. Im Frühmittelalter folgt dem falschen Schwören überwiegend eine -> Buße oder das -> Wergeld. Die (lat.) Lex (F.) Saxonum sieht für den M. in der Kirche den Tod vor. In Kapitularien wird Handverlust angedroht. Dem folgt der Sachsenspiegel (1221-4). Die Constitutio Criminalis Carolina (1532) schreibt für den M. vor Gericht den Verlust der beiden Schwurfinger vor. In der zweiten Hälfte des 18. Jh.s werden christliche Aspekte zurückgedrängt und danach durch den Schutz der Allgemeinheit ersetzt. Das 19. Jh. schränkt den M. auf den gerichtlichen Falscheid ein.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Hirzel, R., Der Eid, 1902, Neudruck
1966; His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 2 1935, 9;
Scheyhing, R., Eide, Amtsgewalt und Bannleihe, 1960; Vormbaum, T., Eid, Meineid
und Falschaussage, 1990; Ries, G., Zur Strafbarkeit
des Meineids, Fs D. Medicus, 1999, 457
Meinung (Ansicht) -> herrschende Meinung
Meinungsfreiheit ist die Freiheit jedes Menschen, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Sie wird von der Aufklärung des 18. Jh.s (-> Kant) gefordert und im 19. Jh. als -> Grundrecht durchgesetzt.
Lit.: Eisenhardt, U., Deutsche Rechtsgeschichte, 2. A. 1995, 280; Meinungsfreiheit, hg. v. Schwartländer, J. u. a., 1986
Meißener Rechtsbuch ist ein zwischen 1357 und 1387 von einem unbekannten Verfasser (in Zwickau?) für Städte sächsischen und Magdeburger Rechts in der Markgrafschaft Meißen (mit Osterland, Pleißnerland und Vogtland), Sachsen, Thüringen, Westfalen, Brandenburg, Polen und Böhmen geschaffenes, in 76 vollständigen und 21 teilweise erhaltenen Handschriften überliefertes Rechtsbuch (eyn buch dez rechten in wichbilde in sechsisszer art), welches in der Literatur auch als Rechtsbuch nach Distinktionen, Schlesisches Landrecht oder Vermehrter Sachsenspiegel benannt wird. Es gliedert sich in 5 bis 8 Bücher, Kapitel und Distinktionen. Erfasst sind Privatrecht, Gerichtsverfassung, Strafrecht, Stadtverfassung, Stadtrecht und Reichsrecht. Quellen sind -> Sachsenspiegel Landrecht, Magdeburger Weichbildrecht, Goslarer Stadtrecht und Zwickauer Rechtsbuch.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 104; Ortloff, F., Das Rechtsbuch nach Distinktionen, 1836; Ullrich, G., Zu den Quellen des Meißener Rechtsbuches, Deutschrechtl. Archiv 1 (1940), 87; Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1 1990, 55
Meister (zu lat. [M.] magister) ist allgemein der Könner und Lehrer, im besonderen derjenige, welcher die Meisterprüfung in einem -> Handwerk bestanden hat.
Lit.: Gilden und Zünfte, hg. v. Schwineköper, B., 1985
Melanchthon (Schwarzerd), Philipp (Bretten 16. 2. 1497 - Wittenberg 19. 4. 1560) wird 1518 Professor für Griechisch in Wittenberg und entwickelt sich zu einem führenden lutherischen Humanisten. Er steht zwischen naturrechtlichen Vorstellungen des Mittelalters und dem Vernunftrecht der frühen Neuzeit und betont die relativ gute Verwirklichung natürlicher Rechtssätze im römischen Recht. Bei M. ist die -> lotharische Legende belegt.
Lit.: Mayer, H., Die Strafrechtstheorie bei Luther und Melanchthon, FG J. Binder, 1930, 77; Bauer, C., Melanchthons Naturrechtslehre, 1951; Kisch, G., Melanchthons Rechts- und Soziallehre, 1967
Melderecht ist die Gesamtheit der die Anmeldung eines Menschen an einem Ort bei der staatlichen Verwaltung betreffenden Rechtssätze (z. B. Preußen 1842).
Melfi in Süditalien ist ein bevorzugter Ort der Staufer, in welchem 1231 Kaiser Friedrich II. die -> Konstitutionen von M. verkündet.
Lit.: Kamp, N., Kirche und Monarchie, 1975
melior (lat. [M.]) der Bessere
Meliorat (N.) aus den (lat.) meliores (M.Pl.) gebildete Bevölkerungsgruppe
Lit.: Planitz, H., Zur Geschichte des städtischen Meliorats, ZRG GA 67 (1950), 141
Melo Freire dos Reis, Pasco al José de (1738-1798) wird nach dem Rechtsstudium in Coimbra (1757) Lehrer des Rechts (seit 1772 des vaterländischen Rechts [portug.] direito pátrio). Er verfasst das erste System des portugiesischen Rechts (lat. Historia [F.] iuris civilis lusitani, Geschichte des portugiesischen bürgerlichen Rechts, 1788, Institutiones [F.Pl.] iuris civilis lusitani tam publici quam privati, Einrichtungen des portugiesischen öffentlichen und privaten Rechts, 1789, Institutiones iuris criminalis lusitani, Einrichtungen des portugiesischen Strafrechts, 1789). 1805 werden seine wichtigsten Schriften Pflichtgegenstand der selbständigen portugiesischen Rechtsausbildung.
Lit.: Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,1,713, 3,2,2466
Menger (von Wolfensgrün), Anton (Maniow 12. 9. 1841 - Rom 6. 2. 1906) wird nach dem Rechtsstudium in Krakau (1858) und in Wien (1860) Advokat und 1875 außerordentlicher Professor, 1877 ordentlicher Professor für Zivilprozessrecht in Wien. Bekannt wird er durch seine Kritik am ersten Entwurf des deutschen -> Bürgerlichen Gesetzbuches (Das bürgerliche Recht und die besitzlosen Volksklassen, 1889/90). Eine gewisse tatsächliche Wirkung des bedeutenden Kathedersozialisten (Juristensozialisten) erfolgt über Franz -> Klein auf das österreichische Zivilprozessrecht.
Lit.: Köbler, DRG 183; Kästner, K., Anton Menger, 1974; Hörner, H., Anton Menger, 1977; Männer um die österreichische Zivilprozessordnung 1895, 1990, 11
Menhir (M.) Dolmen, vorgeschichtliche Steinsäule
Menocchio, Jacopo (1532-1607), Steuerpächterssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Pavia (Alciat) Professor in Pavia (1556), Mondovi (1561), Padua (1566) und Pavia (1589). Er verfasst zahlreiche privatrechtliche Traktate.
Lit.: Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,1 1977, 326
Menschenraub ist eine Straftat, bei der sich der Täter eines Menschen durch List, Drohung oder Gewalt bemächtigt. Bereits die römische (lat.) lex (F.) Fabia de plagiariis (nach 88 v. Chr.) stellt den M. (lat. [N.] plagium) unter Strafe (Geldstrafe, später Todesstrafe). Die frühmittelalterlichen -> Volksrechte sehen (mehrfaches) Wergeld für M. an einem Freien vor. Der -> Sachsenspiegel (1221-4) setzt den M. dem Totschlag gleich. Das deutsche Reichsstrafgesetzbuch (1871) droht (für bestimmte Fälle) Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr an.
Lit.: Mommsen, T., Römisches Strafrecht, 1899, Neudruck 1961, 780; Nehlsen, M., Sklavenrecht, 1972, 263
Menschenrecht ist ein dem Menschen als solches (gegenüber dem Staat) zustehendes angeborenes, unveräußerliches, unantastbares Recht. Als Vorläufer allgemeiner, dem Zugriff des Staates entzogener -> Grundrechte sehen nach dem Altertum (Stoiker, Cicero) schon im Mittelalter einzelne naturrechtliche Theoretiker (Thomas von Aquin 1225-1274) Leben, Freiheit und Eigentum. 1776 werden fundamentale Rechte in die amerikanische, von George Mason entworfene -> Virginia Bill of Rights aufgenommen. Davon beeinflusst werden in Frankreich allgemeine Menschenrechte (Freiheit, Gleichheit, Weltbürgertum) proklamiert (26. 8. 1789). Von den Vereinten Nationen wird (10. 12. 1948) eine (noch) nicht verbindliche (Deklaration) Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, von den Mitgliedstaaten des Europarates am 4. 11. 1950 eine nach Ratifizierung durch 10 Staaten am 3. 9. 1953 in Kraft getretene Europäische Konvention der Menschenrechte beschlossen.
Lit.: Köbler, DRG 191, 246, 255; Jellinek,
G., Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, 4. A. 1927; Hartung,
F./Commichau, G., Murphy, R., Die Entwicklung der Menschen- und Bürgerrechte, 6. A. 1998; Zur Geschichte der Erklärung der Menschenrechte, hg. v.
Schnur, R., 2. A. 1974; Die Menschenrechte, hg. v. Heidelmeyer, W., 3. A. 1982;
Thomann, M., Rechtsphilosophie und rechtsgeschichtliche Etappen der Idee der
Menschenrechte, FS H. Thieme, 1983; Oestreich, G., Geschichte der
Menschenrechte, 2. A. 1978; Begründung der Menschenrechte, hg. v.
Müller-Schmid, P., 1986; Frowein, J., Der europäische Menschenrechtsschutz,
JuS 1986, 845; Menschen-
und Bürgerrechte, hg. v. Klug, U., 1988;
Hofmann, H., Zur Herkunft der Menschenrechtserklärungen, JuS 1988, 841;
Birtsch, G./Trauth, M./Meenken, I., Grundfreiheiten – Menschenrechte, Bd. 1ff
1991ff.; International
Human Rights, hg. v. Ermacora, F. u. a., 1993; Böhme, H., Politische Rechte des
Einzelnen in der Naturrechtslehre, 1993; Brieskorn,
N., Menschenrechte, 1996; Schmale, W., Archäologie der Grund- und
Menschenrechte, 1997; Die Menschenrechte in Deustchland, hg. v. Hutter, F. u.
a., 1997; Die Menschenrechte, hg. v. Heidelmeyer, W., 4. A. 1997; Müller, S.,
Gibt es Menschenrechte bei Samule Pufendorf? 2000; Human rights and legal
hisoty, hg. v. O’Donovan, K. u. a. 2000; Lamprecht, O.,
Das Streben nach Demokratie, Volkssouveränität und Menschenrechten in
Deutschland am Ende des 18. Jahrhunderts, 2001; Lim, M., Der Begriff der
Autonomie und des Menschenrechts bei Kant, 2002; Brade, L., Die Aberkennung der
Mensachenrechte In Deutschland zwischen 1933 – 1945, 2001
Menschenrechtler ist, wer sich für die
Menschenrechte anderer uneigennützig einsetzt, Menschenrechtstümler, wer die
Menschenrechte nur als Mittel oder Vorwand für die Verfolgung eigennütziger
Ziele verwendet. Beides ist seit Anerkennung der Menschenrechte möglich.
Menschenwürde ist der innere und zugleich soziale Wert- und Achtungsanspruch, der dem Menschen um seinetwillen zukommt. Die M. schließt unmenschliche Behandlung eines Menschen aus. Sie wird seit dem 18. Jh. als Wert gefordert. -> Menschenrecht
Lit.:
Rechtsstaat und Menschenwürde, 1988; Geddert-Steinacker, T., Menschenwürde,
1990; Dietz, G., Menschenwürde bei Homer,
2000
Mentalität (F.) Geisteshaltung
Lit.: Europäische Mentalitätsgeschichte, hg. v.
Dinzelbacher, P., 1993; Lepenies, W., Von der
Geschichte zur Politik der Mentalität, HZ 261 (1995), 672; Wetz, F., Die Würde
des Menschen, 1998
Mentalreservation (lat. reservatio [F.] mentalis) ist der geheime Vorbehalt. Die M. ist dem Altertum unbekannt. Sie wird im kirchlichen Eherecht des Mittelalters entwickelt (X 4, 1, 26) und geht von dort in das weltliche Recht über.
Lit.: Kaser § 8, III; Holzhauer, H., Dogmatik und Rechtsgeschichte der Mentalreservation, FS R. Gmür, 1983, 119
mercatum (lat. [ N.]) Markt
Lit.:
Köbler, DRG 77; Köbler, LAW
merces (lat. [F.]) Entgelt
Lit.: Kaser § 42 II 1; Köbler, DRG 46
mercennarius (lat. [M.]) Lohnarbeiter
Lit.: Köbler, DRG 57
Merkantilismus ist das wirtschaftspolitische System des 17.-18. Jh.s, in dem der Staat zur Füllung der Staatskasse erstmals aktive Wirtschaftspolitik treibt und dadurch die gewerbliche Tätigkeit fördert (England 1621ff.). Um seinen Reichtum und seine Macht zu stärken, strebt der Staat einen Handelsbilanzüberschuß an. Zu diesem Zweck werden ausländische Fertigwaren mit hohen Einfuhrzöllen abgewehrt und die eigene Ausfuhr von Waren, für deren Herstellung der Staat teilweise Geld, Gebäude oder Baumaterial zur Verfügung stellt, möglichst durch Subventionen unterstützt. Führend ist Frankreich unter dem Finanzminister Colbert (1619-1683 [1661-72]). Der M. wird am Ende des 18. Jh.s vom -> Liberalismus abgelöst.
Lit.:
Kroeschell, DRG 2, 3; Köbler, DRG 133, 134; Mannert, L., Die öffentliche
Förderung der gewerblichen Produktionsmethoden, 1930; Bog, I., Der
Reichsmerkantilismus, 1959; Treue, W., Wirtschaft, Gesellschaft und Technik in
Deutschland, 2. A. 1976; Städtewesen und Merkantilismus, hg. v. Press, V.,
1982; Gömmel,
R./Klump, R., Merkantilisten und Physiokraten, 1994; Gömmel, R., Die
Entwicklung der Wirtschaft im Zeitalter des Merkantilismus, 1998; Wallerstein,
I., Das moderne Weltsystem II, 1998; Merkantilismus und Globalisierung, hg. v.
Reinermann, H. u. a., 2000
Merkel, Paul Johannes (Nürnberg 01. 8. 1819 - Halle 1861), Bürgermeisterssohn, wird nach dem Rechtsstudium in München und Erlangen 1851 außerordentlicher Professor in Königsberg und 1852 ordentlicher Professor in Halle. Er gibt einige Volksrechte heraus.
Lit.: Anschütz, A., Zur Erinnerung an Johannes Merkel, ZRG 3 (1864), 193
Merowinger ist der Angehörige einer von einem sagenhaften Vorfahren Mera bzw. von einem Stammvater Merowech hergeleiteten, fränkischen Königsdynastie. Merowechs Enkel Chlodwig eint seit 482 die -> Franken. Die Nachfahren teilen vielfach auf. 751 wird der merowingische König vom -> Hausmeier mit Einverständnis des Papstes entmachtet (-> Karolinger).
Lit.: Kroeschell, DRG; Köbler, DRG 76; Diplomata regum Francorum e
stirpe Merowingica, hg. v. Pertz, K., 1872, Neudruck 1981; Sprandel, R., Der
merovingische Adel, 1957; Bergengrün, A., Adel und Grundherrschaft im
Merowingerreich, 1958; Krüger, H., Das Merowingerreich als Herrschaftsordnung,
Diss. jur. Köln 1964;
Fournier, G., Les Merovingiens, 1966; Schneider, R., Königswahl und
Königserhebung, 1972; Köbler, G., Wörterverzeichnis zu den Diplomata regum
Francorum e stirpe Merowingica, 1983; Hartung, W., Süddeutschland in der
Merowingerzeit, 1983; Ewig, E., Die Merowinger und das Frankenreich, 1988, 4.
A. 2001; Kaiser, R., Das römische Erbe und das Merowingerreich, 1993; Weitzel,
J., Strafe und Strafverfahren in der Merowingerzeit, ZRG GA 111 (1994), 66; Wood, I., Merovingian
Kingdoms, 1994; Karl Martell, hg. v. Jarnut, J. u. a., 1994; Esders, S.,
Römische Rechtstradition und merowingisches Königtum, 1997; Kölzer, T.,
Merowingerstudien, Bd. 1f. 1998f.; Scheibelreiter, G.,
Die barbarische Gesellschaft, 1999;
Fouracre, P., The Age of Charles Martel, 2000; Die Urkunden der Merowinger, hg.
v. Kölzer, T., 2001; Geary, P., Die Merowinger, 2003; Hartmann, M., Aufbruch
ins Mittelalter, 2003
Messe ist der katholische Gottesdienst und davon ausgehend seit dem Mittelalter (Paris, St. Denis 10. Jh.), vor allem seit dem 11./12. Jh., der daran anschließende Markt. Im Spätmittelalter entwickelt sich hieraus ein System von Messen (z. B. Champagne, Brügge, Genf, Frankfurt, Leipzig).
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 98; Bassermann, E., Die Champagnermessen,
1911; Die Leipziger Messen und ihre Organisation, hg. v. Leipziger Messamt,
1929; Döring, R., Handbuch der Messen und Ausstellungen, 1956; Planitz, H., Die
deutsche Stadt im Mittelalter, 5. A.1980; Europäische Messen, hg. v. Johanek, P. u.
a., 1996; Rothmann, M., Die Frankfurter Messen im Mittelalter, 1998
Messina in Nordostsizilien geht auf eine vorgriechische Siedlung zurück. Nach 490 wird sein Name Zankle nach den neusiedelnden Messiniern umgeändert. Über Römer, Ostgoten, Oströmer und Sarazenen (843-1061) gelangt M. an die Normannen. 1548 erhält es eine Universität. 1908 wird es zu 90% zerstört.
Lit.: Pispisa, E., Messina, 1980
Methode ist das planmäßige Verfahren zur Erreichung eines bestimmten Zieles. Die M. der -> Rechtswissenschaft besteht im Auslegen von Texten und Erklärungen und im Zuordnen von Sachverhalten zu Tatbeständen. Dabei entwickelt sich auf Grund zuordnender Maßstäbe der mittelalterlichen Rechtswissenschaft zunächst eine Einteilung in authentische Interpretation der Gesetzgebung, usuale Interpretation der Rechtsprechung und doktrinale Interpretation der Rechtslehre. In der Neuzeit wird das Gesetz zur beherrschenden Rechtsquelle und bedient sich die Rechtsprechung zunehmend wissenschaftlicher Vorgangsweisen. Die doktrinale Auslegung wird in deklaratorische, extensive und restriktive Interpretation unterteilt. -> Thomasius und -> Buchner unterscheiden zwischen grammatischer Interpretation und logischer Interpretation, -> Savigny und -> Thibaut zwischen philologischer, historischer, systematischer und teleologischer Auslegung. Die -> Rechtsgeschichte will als geschichtliche Wissenschaft vergangene rechtliche Umstände ermitteln, verstehen und erklären.
Lit.: Köbler, DRG 2, 3; Meister, A., Grundzüge der historischen Methode, 3. A. 1923; Mitteis, H., Vom Lebenswert der Rechtsgeschichte, 1948; Wilhelm, W., Zur juristischen Methodenlehre im 19. Jahrhundert, 1958; Betti, E., Die Hermeneutik als allgemeine Methode der Geisteswissenschaften, 1962; Janssen, A., Otto von Gierkes Methode, 1974; Wesel, U., Zur Methode der Rechtsgeschichte, Kritische Justiz 1974, 337; Coing, H., Aufgaben des Rechtshistorikers, 1976; Fikentscher, W., Methoden des Rechts, Bd. 1ff. 1975ff.; Rechtsgeschichte und quantitative Geschichte, 1977; Wieacker, F., Zur Methodik der Rechtsgeschichte, FS F. Schwind, 1978, 356; Öhler, H., Quantitative Methoden für Historiker, 1980; Landau, P., Bemerkungen zur Methode der Rechtsgeschichte, ZNR 1980, 117; Herberger, M., Dogmatik, 1981; Otte, G., Leibniz und die juristische Methode, ZNR 1983, 1; Raisch, P., Juristische Methoden, 1995; Fälle und Fallen in der neueren Methodik, hg. v. Rückert, J., 1997; Entwicklung der Methodenlehre, hg. v. Schröder, R., 1998; Schott, C., Juristischer Methodenlehre zwischen Humanismus und Naturrecht, ZNR 21 (1999), 3
Methodenlehre -> Methode
Metternich, Klemens Wenzel (Koblenz 15. 5. 1773 - Wien 11. 6. 1859) wird nach dem Studium der Rechtswissenschaft, Staatswissenschaft und Geschichte Gesandter 1797 der westfälischen Grafenbank und 1801 des Kaisers sowie 1809 österreichischer Außenminister. 1814 fördert er die Schonung Frankreichs im Interesse des europäischen Gleichgewichts. Im -> Deutschen Bund unterdrückt er die freiheitlichen und nationalen Strömungen durch strenge Polizeimaßnahmen. Am 13. 3. 1848 muss er zurücktreten.
Lit.: Köbler, DRG 170; Srbik, H. v., Metternich, Bd. 1ff. 1925ff.; Palmer, A., Der Staatsmann Europas, 1980; Seward, D., Metternich, 1993; Sternburg, W. v., Als Metternich die Zeit anhalten wollte, 2003
metus (lat. [M.]) ist im römischen Recht die Furcht bzw. Drohung. Ein unter Furcht zustande gekommenes Geschäft ist nach römischem Bürgerrecht gültig, doch gewährt das prätorische Recht eine (lat.) -> in integrum restitutio (F.), mit der die eingetretenen Wirkungen wieder beseitigt werden sollen, eine Strafklage (lat. actio [F.] quod metus causa) auf den vierfachen bzw. einfachen Schadensbetrag und eine Einrede (lat. exceptio [F.] metus). Das nachklassische Recht formt die (lat.) in integrum restitutio in eine Art Anfechtung durch eine Klage auf Schadloshaltung. Justinian lässt die (lat.) in integrum restitutio in der (lat.) actio quod metus causa aufgehen.
Lit.: Kaser § 8 IV; Köbler, DRG 42, 49
Metz an der Mosel wird auf keltisch-römischer Grundlage im 6. Jh. Hauptstadt eines fränkischen Reichsteils (Arnulf von Metz). 870 kommt es über Lotharingien (Lothringen) zu Ostfranken, 1552/1648 zu Frankreich. Im 13. Jh. entwickelt die zwischen 1180 und 1210 zur Rechtsstadt aufgestiegene Stadt mit Bannrollen eine Art -> Grundbuch.
Lit.: Kroeschell,
DRG 2; Köbler, Historisches Lexikon; Le droit coutumier de la ville de Metz,
hg. v. Schneider, J., 1951; Hocquard, G. u. a., Metz 1961; Histoire de Metz,
1986; Pundt,
M., Metz und Trier, 1998
meum esse (lat.) ist im altrömischen Recht die Gewalt eines Menschen über Sachen. Das m. e. gestattet die Verfügung über die Sache. Es kann seinerseits vor allem auf Erbfolge, Aneignung, Manzipation oder (lat.) -> in iure cessio (F.) und -> Ersitzung (oder auch formloser Übergabe) beruhen. Im klassischen römischen Recht entsteht aus dem m. e. das -> Eigentum.
Lit.: Köbler, DRG 24, 25, 40; Kaser, M., Eigentum und Besitz im älteren römischen Recht, 2. A. 1956
Meurer, Noe (Memmingen 1525/8 - Heidelberg 1583), Stadtschreiberssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Tübingen und Siena Advokat, Rat und (1557-63) Reichskammergerichtsassessor. 1566 behandelt er in seinen „Practica von der kaiserlichen Kammergerichtsordnung und Prozess“ als erster den Prozess vor dem -> Reichskammergericht systematisch.
Lit.: Hausrath, H., Zur Lebensgeschichte Dr. Noe Meurers, ZGO N.F. 21 (1906), 690
Meuterei ist die Vereinigung mehrerer Menschen zu Ungehorsam oder Empörung gegenüber Vorgesetzten. Sie wird in Rom mit der Todesstrafe bestraft. Danach tritt sie in der frühen Neuzeit wieder auf. Im 19 Jh. wird sie tatbestandlich schärfer erfasst.
Lit.: Mommsen, T., Römisches Strafrecht, 1899, Neudruck 1961; Rüping, H., Grundriß der Strafrechtsgeschichte, 3. A. 1998
Mevius, David (Greifswald 6. 12. 1609 - 14. 8. 1670), Professorensohn, wird nach dem Rechtsstudium in Greifswald 1634 Professor in Greifswald, 1637 Syndikus in Stralsund und 1653 Vizepräsident des schwedischen Obertribunals in Wismar. Einen Plan einer Zusammenfassung aller naturrechtlichen Regeln führt er nicht aus. Sein Entwurf eines mecklenburgischen Landrechts wird nicht Gesetz. 1642 kommentiert er das lübische Recht (lat. Commentarius [M.] in ius Lubicense). 1664ff. veröffentlicht er die Urteile seines Gerichts seit 1653. In beiden Fällen verbindet er rechtspraktische Erfahrung und wissenschaftliche Systematik in ansprechender Weise.
Lit.:
Köbler, DRG 144, 146, 215; Molitor, E., Der Entwurf eines mecklenburgischen
Landrechts von David Mevius, ZRG GA 61 (1941), 208; Döhring, E., Geschichte der
deutschen Rechtspflege, 1953, 423; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der
Neuzeit, 2. A. 1967, 218; Holthöfer, E., David
Mevius, in: Biographisches Lexikon für Mecklenburg, 1999, 173
Miete ist ein gegenseitiger Vertrag, in dem sich der eine Teil (Vermieter) verpflichtet, dem anderen Teil (Mieter) den Gebrauch der vermieteten -> Sache (Sachteil, Sachgesamtheit) während der Mietzeit zu gewähren, und der Mieter sich verpflichtet, den vereinbarten Mietzins zu bezahlen. Die M. ist im klassischen römischen Recht ein Konsensualkontrakt (lat. locatio [F.] conductio rei). Sie findet sich danach unter Ablösung älterer Leiheverhältnisse wieder in der mittelalterlichen Stadt, in welcher bald bis zu 40% der Wohnungen zur M. gegeben werden. Dem Mieter wird eine -> Gewere an der Mietsache zuerkannt. Der Verkauf der Mietsache beendet die Miete nicht. Nach kirchlichem Recht kann auch ein höheres Mietangebot den Mieter nicht aus der Wohnung verdrängen. Seit dem 16. Jh. dringt das römische Recht vor. Im 19. Jh. führt die starke Bevölkerungszunahme zusammen mit der Landflucht zu Mietskasernen und Notlagen der Mieter, die sich seit 1914 verstärken. Aus sozialen Gründen schützt der Staat den Mieter (Kündigungsschutz, Mietpreisbindung, z. B. Mieterschutzverordnung vom 26. 7. 1917). Dieser Schutz wird während des gesamten 20. Jh.s verdichtet, wenn auch Wohnraumbewirtschaftungsmaßnahmen nach Kriegszeiten wieder aufgegeben werden.
Lit.: Kaser
§§ 38 II 1d, IV 3, 42 I, II; Söllner § 9; Hübner 582; Köbler, DRG 45, 127, 166,
227, 240, 270; Köbler, WAS; Heyne, M., Das deutsche Wohnungswesen, 1899;
Schulin, P., Zur Geschichte der mittelalterlichen Miete, ZRG GA 41 (1920), 127;
Ebel, M./Lilienthal, A., Mieterschutz und Mieteinigungsämter, 4. A. 1930;
Biller, W., Das Mietrecht der Reichsstadt Regensburg, Diss. jur. Erlangen 1952;
Jüttner, B., Zur
Geschichte des Grundsatzes „Kauf bricht nicht Miete“, Diss. jur. Münster 1960;
Kaufmann, H., Die altrömische Miete, 1964; Genius, K., Der Bestandsschutz, 1972; Trenk-Hinterberger,
P., Internationales Wohnungsmietrecht, 1977, 35; Wolter, U., Mietrechtlicher
Bestandsschutz, 1984; Freiheit
und Zwang bei der Wohnraummiete, 1996; Teigelack, L., Die Garantiehaltung des
Vermieters, Diss. jur. Gießen, 1996; Hügemann, E., Die Geschichte des
öffentlichen und privaten Mietpreisrechts, 1997; Calonge, A./Wacke, A., Die
Kündigungsgründe für die Wohnungsmiete, ZEuP 1997, 1010; Hinkelmann, B., Die
ortsübliche Miete, 1999; Schubert, W., Vom preußischen Mietrecht zum Mietrecht
des BGB, Gedächtnisschrift für Jürgen Sonnenschein 2002
Mieterschutz -> Miete
Lit.:
Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 240; Petersen, J., Die Vorgeschichte und die
Entstehung des Mieterschutzgesetzes von 1923, 1991; Lutz, H., Der
Mieterschutz der Nachkriegszeit, 1998
Mietrecht -> Miete
Lit.: Ruth, R., Das Mietrecht der Wohn- und Geschäftsräume, 1926; Wolter, U., Mietrechtlicher Bestandsschutz, 1984; Schubert, W., Die Diskussion über die Schaffung eines sozialen Dauermietrechts, ZRG 106 (1989), 143
Mietverhältnis ist die -> Miete zwischen Vermieter und Mieter.
Lit.: Genius, K., Der Bestandsschutz des Mietverhältnisses, 1972
Mietvertrag -> Miete
Milano -> Mailand
miles (lat. [M.]) Krieger, Ritter
Lit.: Köbler, LAW; Bumke, J., Studien zum Ritterbegriff, 2. A. 1976
Militär (N.) Heerwesen, -> Heer, Krieg
Lit.: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 4 1978, 1; The Oxford Companion to Military History, hg. v. Holmes, R., 2001; Frevert, U., Die kasernierte Nation, 2001; Broucek, P./Peball, K., Geschichte der österreichischen Militärhistoriographie, 2000
Militärgrenze (confin) ist im österreichischen Recht die mit Siedlungsunternehmen seit 1522 begründete (Sicherung der) Grenzzone zwischen Österreich-Ungarn und den Türken von der Adria bis Siebenbürgen. In dem umfänglich wechselnden Gebiet gilt teilweise besonderes Recht. 1881 wird als letztes selbständiges Grenzgebiet die kroatisch-slawonische M. aufgehoben.
Lit.: Baltl/Kocher; Amstadt, J., Die k.k. Militärgrenzen 1522-1881, Diss. phil. Würzburg 1969; Malfér, S., Die Abschaffung der Prügelstrafe, ZGR GA 102 (1985), 206
Militärkonvention ist der zwischen 1867 und 1886 zwischen Preußen und anderen Staaten bzw. Ländern des Norddeutschen Bundes bzw. des Deutschen Reiches geschlossene Vertrag über Militärangelegenheiten, durch welchen die Herrschaftsgewalt über Heereskontingente auf Preußen bzw. den Kaiser und damit das Reich übergeht.
Lit.: Huber, E., Deutsche Verfassungsgeschichte, Bd. 1 1963, 992
Militärregierung ist die -> Regierung durch Streitkräfte.
Militärseelsorge ist die seit dem Spätmittelalter verstärkt organisierte kirchliche Betreuung der Angehörigen der Streitkräfte.
Lit.: Bleese, J., Die Militärseelsorge, Diss. jur. Hamburg 1969; Rudolf, H., Das evangelische Militärkirchwesen in Preußen, 1973
Militärstrafrecht ist das im Spätmittelalter durch Vertrag zwischen Kriegsherrn und Söldnerführern geschaffene, in der frühen Neuzeit durch Kriegsartikel des Landesherrn festgelegte Strafrecht für Angehörige der Streitkräfte. Im 19. Jh. wird es liberalisiert, humanisiert und in besonderen Militärstrafgesetzen konkretisiert (Bayern 1813, Württemberg 1818, Sachsen 1838, Oldenburg 1841, Preußen 1845, Österreich 1855, Oldenburg 1861, Sachsen 1867, Bayern 1869, Deutsches Reich 1872). Dem entspricht in der Bundesrepublik Deutschland das Wehrstrafgesetz (1957).
Lit.: His,
R., Strafrecht des Mittelalters, Bd. 2 1935; Schmidt, E., Militärstrafrecht,
1936; Conrad, H., Geschichte der deutschen Wehrverfassung, 1939; Schölz,
J./Lingens, E., Wehrstrafgesetz, 3. A. 1988; Walmrath, L., Iustitia et disciplina,
1998; Stecke, J., Die DDR-Militärjustiz, NJW 1998, 2570; Walmrath, L., Iustitia
et disciplina, 1998
Militärstrafverfahren ist das in Militärstrafangelegenheiten angewandte, seit dem 17. Jh. allgemeiner geregelte Strafverfahren (Württemberg 1692, Preußen 1712, Österreich 1697, 1723, Bayern 1748, Sachsen 1758, 1789). Im 19. Jh. wird teilweise das -> Inquisitionsverfahren fortgeführt (Preußen 1845), teils das mündliche öffentliche Anklageverfahren (Bayern 1869). Die Militärstrafgerichtsordnung des Reiches von 1898 verbindet beides.
Lit.: Mark, H. v., Der Militärprozess in
Deutschland, Bd. 1f. 1893; Schweling, O., Die deutsche Militärjustiz, hg. v.
Schwinge, E., 2. A. 1978; Anker, J., Die Militärstrafgerichtsordnung, 1995;
Schubert, W., Zur Entstehung der Militärstrafgerichtsordnung von 1898, ZRG GA
113 (1996), 1;
Wüllner, F., Die NS-Militärjustiz, 2. A. 1997
Militärverwaltung ist die von Streitkräften (als Leitungsorganen) durchgeführte -> Verwaltung.
millenarius (lat. [M.]) Tausendschaftsführer bei Vandalen, Ostgoten und Westgoten, in der Herkunft und Bedeutung streitig
Lit.: Rietschel, S., Die germanische Tausendschaft, ZRG GA 27 (1906), 234; Claude, D., Millenarius und thiuphadus, ZRG GA 88 (1971), 181
Minderheit ist eine im Verhältnis zu einer -> Mehrheit geringere Zahl (von Menschen). Seit dem Mittelalter wird ansatzweise vereinzelt die Frage des Schutzes der M. gesehen. Verrechtlicht wird dies nur ganz allmählich. Seit dem 20. Jh. werden die Bemühungen um völkerrechtlichen Schutz von Minderheiten verstärkt, ohne dass befriedigende Lösungen gelingen. Das Recht der M. darf von der Mehrheit nicht in seinem Wesenskern bedroht werden.
Lit.: Jellinek, G., Das Recht der
Minoritäten, 1898; Wintgens, H., Der völkerrechtliche Schutz der nationalen,
sprachlichen und religiösen Minderheiten, 1930; Ziegler, K.,
Völkerrechtsgeschichte, 1994; Nationale,
ethnische Minderheiten und regionale Identitäten, 1994; Handbuch der
mitteleuropäischen Sprachminderheiten, hg. v. Hinderling, R./Eichinger, L.,
1996; Nationale Minderheiten, hg. v. Hahn, H. u. a., 1999
Minderjährigkeit ist der Zeitraum von der Geburt eines Menschen bis zur Vollendung des für die -> Volljährigkeit erforderlichen (18., 19., 21., 24. oder 25.) Lebensjahres. Dem Minderjährigen fehlt die unbeschränkte -> Geschäftsfähigkeit. Soweit er nicht selbst wirksam handeln darf, handelt für ihn der gesetzliche Vertreter. Die M. ersetzt im Laufe der Aufnahme des römischen Rechts die -> Mündigkeit weitgehend.
Lit.: Kaser § 14 II 3, 64 II; Hübner; Kroeschell, DRG 1
Minderung ist die Herabsetzung eines an sich vereinbarten Kaufpreises auf einen wirklich geschuldeten Kaufpreis einer mangelhaften Sache. Sie stammt aus dem klassischen römischen Recht. Hier verheißen die kurulischen Ädile als Marktaufseher beim Kauf von Sklaven und später auch Zugtieren dem Käufer bei gewissen Mängeln innerhalb kurzer Fristen neben der (lat.) -> actio (F.) redhibitoria (Wandelungsklaganspruch) die Rückgewährung des Kaufpreises in Höhe der durch den Mangel begründeten Wertverringerung der Sache bei deren Behalten im übrigen (lat. -> actio [F.] quanti minoris, Minderungsklaganspruch). Dies wird in der frühen Neuzeit aufgenommen.
Lit.: Kaser
§ 41 VI 2, 4; Söllner § 9; Hübner; Köbler, DRG 46, 165, 215; Coing, H.,
Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.
minima non curat praetor (lat.). Das Gericht kümmert sich nicht um Kleinigkeiten.
Lit.:
Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 5. A.
1991, 120, Nr. 47 (Cicero 106-43 v. Chr., vgl. Digesten 4, 1, 4)
Minister ist der Leiter einer obersten Behörde einer Verwaltung. Er entwickelt sich in der frühen Neuzeit aus dem älteren Diener eines Herrn. Zuerst in England und Frankreich sind im 17. Jh. M. des Königs als Amtsträger des Herrschers an herausgehobener Stelle verwaltend-ausführend tätig. Im Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation) wird M. im 18. Jh. für den das oberste Regierungsgeschäft erledigenden Staatsbeamten gebräuchlich. Sein Tätigkeitsbereich ist das -> Ministerium. Der M. ist weisungsgebunden. Im 19. Jh. erlangt er demgegenüber Selbständigkeit und Verantwortlichkeit (Gegenzeichnung Preußen 1808, Belgien 1831, Preußen 1850). 1930 begründet das Reichsministergesetz für den M. im Deutschen Reich ein besonderes öffentlich-rechtliches Amtsverhältnis außerhalb der Beamtenschaft, das nach Beseitigung im Jahre 1937 im Jahre 1953 wiederhergestellt wird.
Lit.:
Köbler, DRG 151, 193, 197, 230, 232, 248, 257; Neudecker, M., Geschichte des
geheimen Rats und Ministeriums in Bayern, 1921; Frank, M., Das
Justizministerium der DDR, Diss. jur. Regensburg 1988; Schröder, J., 40 Jahre
Rechtspolitik, 1989; Das Bundesministerium des Inneren, hg. v. Pracht, H., 1993; Truhart, P., Internationales Verzeichnis der Außenminister
(1589 . 1989), Bd. 1f. 1989
Ministeranklage ist die gegen einen -> Minister gerichtete Anklage auf Amtsenthebung wegen fehlerhafter Tätigkeit. Sie entwickelt sich in England seit dem 12. Jh. aus einer ursprünglich strafrechtlichen Klage wegen eines Verbrechens. 1791 wird die M. in Polen und Frankreich übernommen, 1814 in Nassau. Das deutsche Grundgesetz kennt die M. im Gegensatz zu Landesverfassungen nicht.
Lit.: Constant de Rebecque, B., De la responsabilité des ministres, 1815; Kröger, K., Die Ministeranklage, 1972; Popp, P., Ministerverantwortlichkeit und Ministeranklage, 1996
Ministerialbürokratie (F.) in Ministerien beschäftigte Verwaltungsbedienstete
Lit.: Teppe, K., Die NSDAP und die Ministerialbürokratie, Der Staat 15 (1976), 367
Ministeriale (lat. ministerialis [M.]) ist im Mittelalter der Diener eines Herrn. Er gehört zu den Unfreien, steigt aber im Herrendienst in den niederen Adel (Ritter) auf (Dienstmann). Ein besonderer Stand bildet sich seit der Wende vom 10. zum 11. Jh., zuerst erkennbar im Zusammenhang mit der Reichskirche. Seit dem 11. Jh. entwickelt sich für den Ministerialen das besondere Dienstrecht (Limburg 1035, Bamberg 1057). Später treten Freie in die Ministerialität ein. Seit dem 13. Jh. übernehmen die Ministerialen die wichtigsten Ämter des Landesherrn.
Lit.:
Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 79, 113, 120; Bosl, K., Die
Reichsministerialen, Bd. 1f. 1950f., Neudruck 1968f.; Herrschaft und Stand, hg.
v. Fleckenstein, J., 2. A. 1979; Zotz, T., Die Formierung
der Ministerialen, in: Die Salier und das Reich, Bd. 3 1991, 3; Witzel, W., Die fuldischen Ministerialen, 1998; Derschka, H.,
Die Ministerialen des Hochstifts Konstanz, 1999
Ministerialität ist der Stand und die Gesamtheit der Ministerialen.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Kluckhohn, O., Die Ministerialität in Südostdeutschland, 1910, Neudruck 1970; Schieckel, H., Herrschaftsbereich und Ministerialität der Markgrafen von Meißen, 1956; Jacobi, F., Ministerialität und „ius ministerialium“, FS Schmidt-Wiegand, R., 1986, 263
Ministerium ist die oberste Behörde der Verwaltung. Im 18. Jh. ist das M. vielfach regional begrenzt. Im 19. Jh. ist darunter die für ein bestimmtes Sachgebiet (z. B. Auswärtige Angelegenheiten, Justiz, Finanz, Verteidigung, innere Angelegenheiten) zuständige, von einem Minister geleitete, bürokratisch organisierte Behörde oder die Gesamtheit der Minister bzw. Ministerien (z. B. Preußen 1808) oder das Amt des -> Ministers zu verstehen.
Lit.: Köbler, DRG 151, 197; Baltl/Kocher; Knischewsky, P., Das preußische Gesamtministerium, 1902; Neudegger, M., Geschichte des Geheimen Rats und Ministeriums in Bayern, 1921; Frauendienst, W., Das preußische Staatsministerium, Z. f. d. ges. Staatswiss. 116 (1960), 114
Ministerrat ist der aus Ministern gebildete Rat als Regierungskollegium.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Baltl/Kocher; Protokolle des österreichischen Ministerrates 1848-1867, 1970ff.; Protokolle des Ministerrates der ersten Republik, hg. v. Neck, R. u. a., 1980ff.; Das geltende Recht (der DDR), hg. v. Sekretariat des Ministerrates, 1989
Ministerverantwortlichkeit ist die Verantwortung eines -> Ministers für seinen Aufgabenbereich. Sie entwickelt sich seit dem 12. Jh. in England und wird 1791 in Polen und Frankreich übernommen (-> Ministeranklage), seit 1814 in den deutschen Staaten. Danach gilt die M. als notwendiger Ausgleich der Unverantwortlichkeit des Monarchen, wenn auch tatsächliche Folgerungen selten bleiben.
Lit.: Mohl, R. v., Die Verantwortlichkeit der Minister, 1837; Rassow, R., Das Wesen der Ministerverantwortlichkeit, Z. f. d. ges. Staatswiss. 59 (1903), 159; Hoffmann, P., Monarchisches Prinzip und Ministerverantwortlichkeit, 1911; Schnabel, F., Geschichte der Ministerverantwortlichkeit in Baden, 1922; Weckerle, F., Geschichte der Ministerverantwortlichkeit in Bayern, 1930; Greve, F., Die Ministerverantwortlichkeit, 1977; Popp, P., Ministerverantwortlichkeit und Ministeranklage, 1996
minne und recht ist eine mittelalterliche, häufig im Schiedsverfahren begegnende Paarformel unbekannter Herkunft für die gütliche oder entscheidungsweise Erledigung einer Streitigkeit.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Gaisser, E., Minne und Recht, Diss. jur. Tübingen 1955 (masch.schr.); Hattenhauer, H., Minne und recht, ZRG GA 80 (1963), 325; Krause, H., Consilio et iudicio, FS J. Spörl, 1965, 416
Minorat (N.) Jüngstenrecht
Minorit ist ein Angehöriger eines 1517 von den Franziskanern (Franz von Assissi +1226) abgetrennten Ordens. Die Minoriten erteilen bereits im Hochmittelalter Rechtsunterricht an den Ordensschulen, von dem -> Deutschenspiegel und -> Schwabenspiegel beeinflusst sein dürften.
Lit.: Trusen, W., Anfänge des gelehrten Rechts in Deutschland, 1962, 116
Miquel, Johannes (Neuenhaus 19. 2. 1828 - Frankfurt am Main 8. 9. 1901), Arztssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Heidelberg und Göttingen und der Hinwendung zu demokratisch-sozialistischen Strömungen 1854 Rechtsanwalt und 1857 Kommunalbeamter. Im Reichstag des Deutschen Reichs setzt er sich für die nationalliberale Rechtsvereinheitlichung ein (Lex Miquel-Lasker 1873, Reichsjustizgesetze 1877/9). 1890 wird er Finanzminister Preußens.
Lit.:
Köbler, DRG 183; Mommsen, W., Johannes Miquel, 1928; Herzfeld, H., Johannes von
Miquel, Bd. 1f. 1938; Pausch, A., Johannes von Miquel,1964; Kassner, T., Der Steuerreformer Johannes von Miquel, 2001
Mischna (hebr.), Lehre, Wiederholung, ist
die aus 63 Traktaten in 6 Ordnungen gebildete Sammlung (gewohnheitsrechtlich
erweiterte Wiederholung der alten Gesetze) des jüdischen Lehrstoffes der
ersten zwei nachchristlichen Jahrhunderte, die um 200 n. Chr. abgeschlossen
wird. Sie wird bis 500 n. Chr. durch Glossen erklärt (Gemara).
Lit.: Wesel, U.,
Geschichte des Rechts, 1997
Mischne Tora ist eine klare hebräische Zusammenfassung des jüdischen Rechts durch -> Moses -> Maimonides am Ende des 12. Jh.s in Ägypten.
Lit.: The Code of Maimonides, 1949ff.; Mischne Tora hu ha-Yad ha-chazaqa, hg. v. Rabbinowitz, M. u. a., 6. A. 1985
miserabilis (lat.) beklagenswert (wie z. B. Waise, Witwe, Kranker, Pilger, Armer)
misericordia (lat. [F.]) Barmherzigkeit
Lit.: Rennefahrt, H., Grausamkeit und Mitleid im Rechtsleben des Mittelalters, 1949; Rohls, J., Geschichte der Ethik, 1991
Missetat (F.) Delikt, Unrechtstat, Straftat
Lit.: Munske, E., Der germanische Rechtswortschatz, 1973
Missheirat ist die Ehe zwischen Angehörigen verschiedener Stände, wie sie sich bis in das 19. Jh. (Preußen 1869) bzw. 20. Jh. (1919, Preußen 1920) findet. Sie zieht teils rechtliche, teils nur gesellschaftliche Folgen nach sich.
Lit.: Pütter, J., Über Missheiraten teutscher Fürsten, 1796; Abt, E., Missheiraten, 1911; Hoyer, E., Die Ehen minderen Rechts, 1926
missio (F.) canonica (lat.) ist im kirchlichen Recht die vom Papst oder Bischof übertragene Erlaubnis zur Verkündung des Wortes Gottes bzw. im älteren Recht die Übertragung von Rechtsprechungsbefugnissen an Geistliche.
Lit.: Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972; Erler, A., Kirchenrecht, 5. A. 1983
missio (F.) in bona (lat.) ist die im klassischen römischen Recht entwickelte Einweisung der siegreichen Partei eines Rechtsstreits in die Güter des Gegners, nach welcher es meist zum öffentlichen Aufgebot und zum Verkauf aller Güter zugunsten aller Gläubiger an einen einzigen Erwerber (Generalexekution) kommt. Ihr entspricht vielleicht im Frühmittelalter eine gleichartige -> Fronung. Seit dem Spätmittelalter wird die m. i. b. im Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation) aufgenommen.
Lit.: Kaser § 82 II 4e, 85 II 2b, 86 III, 87 I 10; Söllner § 8; Köbler, DRG 33
Missive (N.) Sendschreiben
Misstrauensvotum ist im 20. Jh. das Aussprechen des Misstrauens durch die Parlamentsmehrheit gegenüber dem Regierungsführer in Form einer Abstimmungsniederlage.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh
missus (M.) dominicus (lat.) -> Königsbote
Lit.: Krause, V., Geschichte der Institution der missi dominici, MÖIG 11 (1890); Werner, K., Missus, marchio, comes, in: Histoire comparée de l’administration, 1980, 191
Mitbestimmung ist im 20. Jh. die Teilhabe der Arbeitnehmer an Willensbildungsvorgängen (der Arbeitgeber) in der Wirtschaft. Im Bereich der Montanindustrie bringt das deutsche Gesetz über die Mitbestimmung der Arbeitnehmer in den Aufsichtsräten und Vorständen der Unternehmen des Bergbaues und der Eisen und Stahl erzeugenden Industrie vom 21. 5. 1951 eine paritätische Mitbestimmung im Aufsichtsrat (5 Arbeitgebervertreter, 5 Arbeitnehmervertreter, ein gemeinsam bestimmtes weiteres Mitglied). Das Mitbestimmungsgesetz vom 4. 5. 1976 führt in der Bundesrepublik Deutschland für Unternehmen in der Rechtsform einer juristischen Person mit mehr als 2000 Arbeitnehmern die paritätische Besetzung des Aufsichtsrates durch Anteilseigner einerseits und Arbeiter, Angestellte und besondere leitende Angestellte andererseits ein.
Lit.:
Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 273; Teuteberg, H., Geschichte der
industriellen Mitbestimmung, 1961; Mayer, B., Die Vertrauensmännerausschüsse,
1996;
Mitbestimmung und Betriebsverfassung, hg. v. Pohl, H., 1996; Rob, W.,
Mitbestimmung im Staatsdienst, 1999
Miteigentum ist das Eigentum mehrerer Personen an einer Sache. Es ist im altrömischen Recht zunächst wohl bei der Erbengemeinschaft in der Form vorhanden, dass keine selbständigen Anteile an der Sache bestehen. Erst danach entsteht das M. nach Bruchteilen. Es setzt sich durch. Im deutschen Recht ist M. anfangs vermutlich in einer -> Gesamthand gebunden. Seit dem Spätmittelalter wird die römischrechtliche Gestaltung aufgenommen. Die Gesamthand wird erst im Bürgerlichen Gesetzbuch (1900) und auch dort nur in Sonderbereichen wieder belebt.
Lit.: Kaser § 23 IV; Hübner; Köbler, DRG 40, 61; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.
Miterbe ist das Mitglied einer Erbengemeinschaft.
Lit.: Kaser § 73 I 1, 75 I 8; Hübner; Köbler, DRG 122
Mitgift (lat. dos [F.]) ist ein Vermögen, das einem Ehegatten von einem Dritten in die Ehe mitgegeben wird. Die M. wird meist einer vorweggenommenen Erbschaft gleichgestellt. Vielfach erfolgt die Leistung an einen Ehegatten (oder an eine aufnehmende Einrichtung wie z. B. an ein Kloster). Im 20. Jh. wird die M. meist durch eine Ausbildung ersetzt.
Lit.: Kaser §§ 38 III 4, 59 II, 73 IV 1b; Söllner §§ 5, 8, 9, 12, 15, 18, 24; Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 22, 37, 58; Neubecker, F., Die Mitgift, 1909; Brauneder, W., Die Entwicklung des Ehegüterrechts in Österreich, 1973
mithio (lat.-afrk.) Erwiderung, Antwort, Verantwortung
Lit.: Brunner, H., Abhandlungen zur Rechtsgeschichte, Bd. 1 1931, 209
Mitsukuri, Rinsho (1846-1897) wird nach dem Studium des Chinesischen, Holländischen und Englischen mit der Übersetzung der französischen Gesetzbücher beauftragt. Hierbei bewältigt er die Aufgabe der Bildung japanischer Rechtswörter für westliche Rechtseinrichtungen.
Lit.: Yamanaka, E., Mitsukuri Rinsho, in: Nihon no hôgakusha, hg. v. Ushiomi, T. u. a., 1975, 1
Mittäterschaft ist die gemeinsame Täterschaft.
Lit.: Kaser § 50 II 2; Winter, B., Die Entwicklung der Mittäterschaft, 1981
Mitteis, Heinrich (Prag 26. 11. 1889 - München 23. 7. 1952), Rechtsprofessorensohn, wird nach dem Rechtsstudium in Leipzig, Berlin (Brunner, Gierke) und Leipzig (Binding, Otto Mayer, Sohm) 1920 Professor in Köln, 1924 in Heidelberg, 1934 in München, 1935 in Wien, 1938 in Rostock, 1946 in Berlin, 1948 in München und 1952 in Zürich. In der mittelalterlichen Verfassungsgeschichte verbindet er Politisches eindrucksvoll mit Juristischem. Seine beiden rechtsgeschichtlichen Grundrisse bestimmen die zweite Hälfte des 20. Jh.s.
Lit.: Mitteis, H., Der Staat des hohen Mittelalters, 11. A. 1987; Mitteis, H./Lieberich, H., Deutsche Rechtsgeschichte, 19. A. 1992; Mitteis, H./Lieberich, H., Deutsches Privatrecht, 9. A. 1981; Brun, G., Leben und Werk des Rechtshistorikers Heinrich Mitteis, 1991; Landau, P. u. a., Heinrich Mitteis nach hundert Jahren, 1991
Mittelalter ist der zwischen Altertum und Neuzeit befindliche zeitliche Abschnitt der (europäischen) Geschichte (ca. 476-1492).
Lit.: Das
Mittelalter als Epoche, hg. v. Lückerath, C. u. a., 1995; The New Cambridge
Medieval History, hg. v. McKitterick, R., Bd. 1ff. 1995ff.; Boockmann, H.,
Einführung in die Geschichte des Mittelalters, 6. A. 1996; Goetz, H., Leben im Mittelalter,
7. A. 2002; Mittelalter und Moderne, hg. v. Segl, P., 1997; Heimann, H.,
Einführung in die Geschichte des Mittelalters, 1997; Fuhrmann, H., Einladung
ins Mittelalter, 5. A. 1997; Knefelkamp, U., Das Mittelalter, 1999; Das
europäische Mittelalter im Spannungsbogen des Vergleichs, hg. v. Borgolte, M.,
2001; Endemann, T., Geschichte des Konstanzer
Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte, 2001; Leben im Mittelalter, hg.
v. Leier, M. u. a., 2001; Schubert, E., Alltag im Mittelalter, 2002; Fuhrmann, H., Überall ist Mittelalter, 3. A. 1998; Knefelkamp, U., Das
Mittelalter, 2002; Dinzelbacher, P., Europa im Hochmittelalter, 2003
mittelbarer Besitz -> Besitz
mittelhochdeutsch ist die zwischen 1050 und 1350 bzw. 1500 als der mittleren deutschen Sprachperiode im südlichen (hochgelegenen) Deutschland gesprochene Sprache (z. B. -> Schwabenspiegel).
Lit.: Köbler, DRG 10; Köbler, WAS; Lexer, M., Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, 35. A. 1979; Hennig, B., Kleines mittelhochdeutsches Wörterbuch, 3. A. 1998; Weddige, H., Mittelhochdeutsch, 5. A. 2003; Mittelhochdeutsche Wörterbücher im Verbund, hg. v. Burch, T. u. a., 2001 (CD-ROM)
mittellateinisch ist die zwischen dem 6. und 15. Jh.
verwendete Form des Lateinischen.
Lit.: Köbler, LAW;
Langosch, K., Lateinisches Mittelalter, 5. A. 1988
mittelniederdeutsch ist die zwischen dem 12. und 16. Jh. als der mittleren deutschen Sprachperiode im nördlichen (niedergelegenen) Deutschland gesprochene Sprache (z. B. -> Sachsenspiegel).
Lit.: Köbler, DRG 10; Schiller, K./Lübben, A., Mittelniederdeutsches Wörterbuch, Bd. 1ff. 1875ff.
Mittermaier, Carl Joseph Anton (München 5. 8. 1787 - Heidelberg 28. 8. 1867) wird nach dem Rechtsstudium in Landshut, München und Heidelberg (Thibaut, Heise) 1807 Sekretär -> Feuerbachs, 1811 ordentlicher Professor in Landshut, 1819 in Bonn und 1821 in Heidelberg. Er setzt sich unter Verwendung der Rechtsvergleichung erfolgreich für ein modernes liberales Strafverfahrensrecht ein (Anklagegrundsatz, Staatsanwaltschaft, freie Beweiswürdigung). Er führt das Strafrechtslehrbuch Feuerbachs fort und schult Binding.
Lit.: Köbler, DRG 205; Stegemeier, L., Die Bedeutung Karl Joseph Anton Mittermaiers, Diss. jur. Göttingen 1945/8; Carl Joseph Anton Mittermaier, hg. v. Küper, W., 1988; Malsack, B., Die Stellung der Verteidigung, 1992; Briefe von Mitgliedern der badischen Gesetzgebungskommission an Karl Josef Anton Mittermaier, hg. v. Mussgnug, D., 2002;: Bibliographie Karl Josef Anton Mittermaier, bearb. v. Nuzzo, L., 2003
Mitverschulden ist die Außerachtlassung derjenigen Sorgfalt in eigenen Angelegenheiten durch den Beschädigten, welche ein ordentlicher und verständiger Mensch zur Vermeidung eigenen Schadens anzuwenden pflegt. Bei konkurrierendem Verschulden entfällt im gemeinen Recht seit dem Spätmittelalter die Ersatzpflicht völlig (-> Kulpakompensation), während es nach dem deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch (1900) auf das Maß der jeweiligen Verursachung ankommt.
Lit.: Köbler, DRG 214; Aumann, Das mitwirkende Verschulden, 1964; Luig, K., Überwiegendes Mitverschulden, Ius commune 2 (1969), 187
Mobiliarsachenrecht (Recht der beweglichen Sachen)
Modena wird auf römischer Grundlage Grafensitz und seit dem 12. Jh. Stadtkommune, 1452 unter der Herrschaft der Este Herzogtum. Um 1180 lehrt in M. -> Pillius, im 13. Jh. andere bekannte Juristen. 1682 erhält es eine Universität. 1859 fällt es von Österreich-Este an Italien.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Fried, J., Die Entstehung des Juristenstandes, 1974; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,178, 3,1,291, 3,2,2362, 3,3,3230; Mor, C./Di Pietro, P., Storia dell’università di Modena, 1975; Storia illustrata, hg. v. Golinelli, P. u. a., 1990; Rölker, R., Adel und Kommune in Modena, 1994; Faber, H., Modena – Austria, 1996; Lange, H., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997
Modestin (Modestinus), Herennius (1. H. 3. Jh.), Schüler des Ulpianus, ist der letzte spätklassische römische Jurist. Ihm misst das Zitiergesetz von 426 besondere Bedeutung zu. Zu seinen Werken zählen 10 Bücher (lat. [F.Pl.]) Regulae, Regeln, 12 Bücher (lat. [F.Pl.]) Pandectae, Pandekten, 9 Bücher (lat. [F.Pl.]) Differentiae, Unterschiede, 19 Bücher Gutachten (lat. [N.Pl.] responsa) sowie verschiedene kleinere Abhandlungen.
Lit.:
Söllner §§ 16, 19; Köbler, DRG 30, 52; Schulz, F., Geschichte der römischen
Rechtswissenschaft, 1961; Kunkel, W., Herkunft und soziale Stellung der
römischen Juristen, 2. A. 1967, 259
modius (lat. [M.]) Scheffel
modus (lat. [M.]) Maß, Weise (z. B. modus acquirendi, Erwerbsart wie [lat.] -> traditio).
Lit.: Kaser § 20; Köbler, DRG 163; Hofmann, F., Die Lehre vom titulus und modus acquirendi, 1873
Mohammed (Abul Kasim Muhammad Ibn Abd Allah, Mekka um 569 - Medina 8. 6. 632) ist der aus führender Familie (Haschimiden) stammende Stifter des -> Islam (20. 9. 622 Hedschra von Mekka nach Medina), der seine Offenbarungserlebnisse im ® Koran niederschreibt.
Lit.: Köbler, DRG 76; Watt, W., Muhammad at Medina, 1956; Lüling, G., Die Wiederentdeckung des Propheten Mohammed, 1981; Mohammed in Europa, hg. v. Gabrieli, F., 1997; Bobzin, H., Mohammed, 2000; Lings, M., Muhammad, 2000; Hotz, S., Mohammed und seine Lehre in der Darstellung abendländischer Autoren vom späten 11. bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts, 2002
Mohl, Robert von (Stuttgart 17. 8. 1799 - Berlin 5. 11. 1875), Konsistorialpräsidentensohn, wird nach dem Rechtsstudium in Tübingen und Heidelberg (Thibaut, Zachariae) 1824 außerordentlicher Professor für Staatsrecht in Tübingen, 1827 ordentlicher Professor in der staatswirtschaftlichen Fakultät, 1847 Professor in Heidelberg. Seine von klarer Systematisierung, Einbeziehung der Rechtswirklichkeit und rechtsstaatlichem Grundverständnis geprägten Hauptwerke sind das Staatsrecht des Königreichs Württemberg (1829ff.) und die Polizeiwissenschaft nach den Grundsätzen des Rechtsstaates (1832ff.), in denen Verfassungsrecht und Verwaltungsrecht trotz Trennung aufeinander bezogen werden. 1846 verlangt er die Regierungsbildung durch die Mehrheit der Volksvertretung.
Lit.:
Köbler, DRG 193; Angermann, E., Richard von Mohl 1799 - 1875, 1962; Stolleis,
M., Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, Bd. 2 1992, 172; Schroeder, K., Robert
von Mohl, NJW 1998, 1518
Moldawien (Moldau) ist ein schon mittelalterliches
osteuropäisches Fürstentum längs des Flusses Pruth, das 1359 von Ungarn
unabhängig wird, 1504 die Osmanen (Türkei) als Schutzherren anerkennen muss und
1862 zusammen mit der Walachei -> Rumänien bildet.
Lit.:
Völkl, E., Das rumänische Fürstentum Moldawien, 1975; Spinel, V., Moldavia,
1986;
Galizien, Bukowina, Moldau, hg. v. Glassl, H., 1994; Röskau-Rydel, I.,
Galizien, Bukowina, Moldau, 1999
Molina, Luis de (1535 - 1600) wird nach kurzem Studium des Rechts in Salamanca und dem Studium der Logik, Philosophie und Theologie Theologe und Naturrechtler in Evora, Coimbra, Lissabon, Madrid, Cuenca und Madrid. Sein juristisches Hauptwerk (De iustitia et de iure, 1593ff., Von Gerechtigkeit und Recht) stellt das (orts- und zeitverschiedene) Naturrecht (göttliche Recht) und das (das [lat.] ius gentium einschließende) positive Recht (römisches, kirchliches, katholisches Recht) dar.
Lit.: Weber, W., Wirtschaftsethik am Vorabend des Liberalismus, 1959, 69; Krause, O., Naturrechtler des 16. Jahrhunderts, 1982, 48
Molinaeus -> Du Moulin
Mommsen, Theodor (Garding 30. 11. 1817 - Charlottenburg 1. 11. 1903) wird nach dem Rechtsstudium in Kiel (Falck, Kierulff) 1843 Lehrer, 1848 - 1850 außerordentlicher Professor des römischen Rechts, 1852 Professor in Zürich, 1854 Breslau und 1861 Professor für alte Geschichte in Berlin. Sein berühmtestes Werk ist die Römische Geschichte (Bd. 1ff. 1854ff.). In der Rechtswissenschaft hat er sich durch das Römische Staatsrecht (Bd. 1ff. 1871, Neudruck 1955, 1963), das Römische Strafrecht (1899, Neudruck 1955, 1961) und eine grundlegende Neuausgabe der Digesten und anderer Quellen (Codex Theodosianus usw.) herausragende Verdienste erworben.
Lit.:
Söllner §§ 3, 22, 25; Köbler, DRG 193; Hartmann, L., Theodor Mommsen, 1908;
Heuß, T., Theodor Mommsen und das 19. Jahrhundert, 1956, Neudruck 1996; Wucher,
A., Theodor Mommsen, 2. A. 1968;
Theodor Mommsen, Römische Kaisergeschichte, hg. v. Demandt, B. u. a., 1992;
Behne, F., Heinrich Siber und das römische Staatsrecht von Theodor Mommsen,
Diss. jur. Göttingen 1998; Rebenich, S., Theodor Mommsen, 2002
mompar (mhd.) Vormund
Mömpelgard (Montbéliard) ist eine reichsunmittelbare Grafschaft des Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation), die im 18. Jh. von Frankreich annektiert wird.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Kläui, P., Hochmittelalterliche Adelsherrschaft im Zürichgau, 1960
Monarchie ist die Staatsform, bei der ein einzelner Mensch als Träger der Staatsgewalt an der Spitze des Staates steht. Sie ist bereits bei Aristoteles neben Aristokratie und Demokratie als eine Staatsform bezeugt. Seit dem Hochmittelalter kann die M. ständisch beschränkt werden. Seit 1688 entwickelt sich in England die konstitutionelle Monarchie. Ihr folgt am Ende des 19. Jh.s die parlamentarische M. (England 1834/5, Deutscher Bund theoretisch ab 1840, Dänemark 1907, Deutsches Reich 28. 10. 1918). Am Ende des Ersten Weltkrieges werden verschiedene europäische Monarchien in Republiken verwandelt.
Lit.:
Baltl/Kocher; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 4 1978, 133; Martitz, F. v.,
Die Monarchie als Staatsform, 1903; Löwenstein, K., Die Monarchie im modernen
Staat, 1952; Benedikt, H., Die Monarchie des Hauses Österreich, 1968; Aretin,
K. Frhr. v., Bayerns Weg zum souveränen Staat, 1976; Giesey, R., Le roi ne
meurt jamais, 1987; Dreitzel, H., Monarchiebegriffe in der Fürstengesellschaft,
1991;
European Monarchy, hg. v. Duchhardt, H. u. a., 1992; Wienfort, M., Monarchie in
der bürgerlichen Gesellschaft, 1993; Kirsch, K., Monarch und Parlament im 19.
Jahrhundert, 1999
monarchisches Prinzip ist das den Monarchen als alleinigen Träger der Staatsgewalt betrachtende Prinzip, welches von der Wiener Schlussakte des Deutschen Bundes 1820 zum Verfassungsgrundsatz erhoben wird. Es entsteht um 1800 als Schlagwort. In einer Rezension in den Göttinger gelehrten Anzeigen vom 21. 9. 1837 entzieht Wilhelm Albrecht, indem er den Monarchen als Organ der juristischen Person Staat einordnet, dem monarchischen Prinzip erstmals die Legitimationsgrundlage. Seit 1848 wird das monarchische Prinzip zurückgedrängt.
Lit.:
Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 192; Kaufmann, E., Studien zur Staatslehre des
monarchischen Prinzips, 1906; Hoffmann, P., Monarchisches Prinzip und
Ministerverantwortlichkeit, 1911; Meisner, H., Die Lehre vom monarchischen
Prinzip, 1913; Die Entstehung des modernen Staates, hg. v. Hofmann, H., 1967,
115; Frotscher, W., Monarchisches Prinzip kontra
liberale Verfassungspositionen, JuS 2000, 943
Monarchomache (M.) Königsbekämpfer (2. H. 16. Jh.)
Lit.: Stricker, G., Das politische Denken der Monarchomachen, Diss. phil. Heidelberg 1967
Mönch ist der Angehörige einer religiösen Gemeinschaft. Das Mönchtum innerhalb des Christentums erscheint schon im Altertum. Es verbreitet sich rasch in Ägypten, Palästina und Syrien und dringt seit etwa 370 n. Chr. auch im Westen ein. Der erste bedeutsame Orden sind die Benediktiner Benedikts von Nursia.
Lit.:
Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972; Prinz, F., Frühes Mönchtum
im Frankenreich, 2. A. 1988; Semmler, J., Mönche und Kanoniker im Frankenreich,
1980; Penco,
G., Medioevo monastico, 1988; Monks, Nuns, and Friars, hg. v. King, E. u. a.,
1990; Frank, K., Geschichte des christlichen Mönchtums, 5. A. 1993; Mönchtum,
Orden, Klöster, hg. v. Schwaiger, G., 3. A. 1998; Mönchtum, Kirche,
Herrschaft 750 - 1000, 1998
Mongole ist der Angehörige eines zunächst am
oberen Amur nomadisierenden, unter Dschingis Khan (1155-1227) weit nach Westen
(Rußland 1223, Schlacht bei Liegnitz 1241) und Süden (China 1211ff.)
ausgreifenden Volkes, dessen Großreich 1260 (u. a. Niederlage in Palästina)
zerfällt.
Lit.: Die Mongolen in
Asien und Europa, hg. v. Conermann, S./Kusber, J., 1997
Monopol ist die Marktform, bei welcher Angebot oder Nachfrage in einer Person vereinigt sind. Das M. wird in der frühen Neuzeit zum Rechtsproblem, mit welchem sich die Gesetzgebung des Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation) befasst. Der Liberalismus wendet sich gegen das M.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 150; Höffner, J., Wirtschaftsethik und Monopole, 2. A. 1969; Mertens, B., Im Kampf gegen die Monopole, 1996
Montanunion ist die 1951/2 von Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Belgien und Luxemburg begründete Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, in der eine besondere Form der -> Mitbestimmung gilt.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Gillingham, J., Coal, Steel and the Rebirth of Europe, 1991; Schweitzer, M./Hummer, W., Europarecht, 5. A. 1996
Montenegro (Name seit dem 16. Jh. gebräuchlich) ist ein unzugängliches Gebirgsland östlich der mittleren Adria, das seit dem 13./14. Jh. als Einheit erscheint, bis es 1528 an die Osmanen (Türkei) fällt. Hier wird es unter einem Metropoliten verhältnismäßig selbständig. 1798 erhält es ein Staatsgesetz. 1852 wird es weltliches Fürstentum. 1878 wird M. unabhängig, 1910 Königreich. 1918 schließt es sich Jugoslawien an.
Lit.:
Istorija Crne Gore, Bd. 1f. 1967ff.; Petit, C., The Code and
the goats, ZNR 1998, 212 Allgemeines Vermögensgesetzbuch von Montenegro 1888
Montesquieu, Charles de Secondat Baron de la Brède et de (La Brède 18. 1. 1689 - Paris 10. 2. 1755) wird nach dem Rechtsstudium in Bordeaux 1714 Rat und 1726 Parlamentspräsident. Seit 1721 kritisiert er in den anonymen Persischen Briefen (Lettres persanes) die politischen und gesellschaftlichen Zustände Frankreichs. 1748 entwickelt er in seinem anonym veröffentlichten Hauptwerk De l’esprit des lois (Vom Geist der Gesetze) zum Schutz der persönlichen Freiheit des einzelnen gegen ein Gewaltmonopol auf Grund des englischen Vorbildes die Lehre von der Dreiteilung der Staatsgewalt (-> Gewaltenteilung) in Ausführung (Exekutive), Gesetzgebung (Legislative) und Rechtsprechung (Judikative). Das an die Zustimmung des Volkes gebundene und damit Willkür ausschließende Gesetz soll der Gerechtigkeit entsprechen, vom gesamten jeweiligen Volk verstanden werden, für alle einheitlich sein und den gesamten Stoff umfassen (Kodifikation). Weil Religion, Sitten und Geschichte des jeweiligen Volkes sowie Lage und Klima des besonderen Landes zu beachten seien, lehnt M. ein absolutes, überall in gleicher Weise geltendes -> Naturrecht ab.
Lit.:
Köbler, DRG 139, 146, 190, 199; Shackleton, R., Montesquieu, 1961; Montesquieu,
C., Vom Geist der Gesetze, hg. v. Forsthoff, E., 2. A. 1992; Desgraves, L.,
Montesquieu, 1986; Herdmann, F., Montesquieurezeption in Deutschland, 1990;
Goyard-Fabre, S., Montesquieu, 1993; Kondylis, P., Montesquieu und der Geist
der Gesetze, 1996; Desgraves, L., Montesquieu, 1996; Mass, E., Der Einfluss Montesquieus, in: Wandel von Recht und
Rechtsbewusstsein, 1999, 107; Cattaneo, M., Montesquieus Strafrechtsliberalismus,
2002
Montgelas, Maximilian Joseph Freiherr von (München 12. 5. 1759 - 14. 6. 1838), Generalssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Straßburg Hofrat in München, 1799 Außenminister in Bayern. Er gestaltet eine moderne, einheitliche und zentralisierte Verwaltung nach dem Vorbild Frankreichs in Bayern. In der Konstitution von 1808 beseitigt er die ständischen Vorrechte.
Lit.: Weis, E., Montgelas, 1971
Montpellier in Südfrankreich ist seit etwa 1170 Ort rechtlicher Lehrvranstaltungen (-> Placentinus), seit dem 13. Jh. Sitz einer Universität, später dreier Universitäten.
Lit.: Köbler, DRG 100; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der
Neuzeit, 2. A. 1967; Gouron, A., La science
du droit dans le midi, 1984; Histoire de Montpellier, hg. v.
Cholvy, G., 1984; Lange, H., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997
Monumenta (N.Pl.) Germaniae Historica (lat.) (1819 von Freiherr Karl vom Stein ins Leben gerufene Veröffentlichungsreihe der bedeutendsten älteren) deutsche(n) Geschichtsquellen
Lit.: Köbler, DRG 6; Grundmann, H., Monumenta Germaniae Historica, 1969
Monzambano, Severinus de (Pseudonym -> Pufendorfs 1667)
Moorleiche ist die im Moor aufgefundene Leiche. Sie kommt als rechtsgeschichtliche Erkenntnisquelle in Betracht (-> Sittlichkeitsverbrechen).
Lit.: Dieck, A., Die europäische Moorleichenfunde, 1965
mora (lat. [F.]) Verzug
Lit.: Kaser §§ 37 III 1, 51 I 4; Köbler, DRG 44
Moral (F.) Gesamtheit der Sitten
Lit.:
Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 5 1984, 863; Rohls, J., Geschichte der Ethik,
1991; Baurmann,
M., Der Markt der Tugend, 1996
Morastein ist der südöstlich von Uppsala gelegene Ort (Steinring) der Erhebung der mittelalterlichen Könige in Schweden.
Lit.: Holmgren, G., Gamla Uppsala och Mora äng, 1937; Hoffmann, E., Königserhebung und Thronfolgeordnung, 1976
Moratorium (N.) Zahlungsaufschub
Lit.: Kaser § 53; Oberndorff, L. Graf v., Das vom Landesherrn oder von Staatswegen erteilte Moratorium, Diss. jur. Greifswald 1905; Eberle, H., Die Begründung des Moratoriums, Diss. jur. Jena 1937
Mord ist die Tat des Mörders. Der M. ist ein Fall qualifizierter Tötung eines anderen Menschen. Im Frühmittelalter und vermutlich auch in germanischer Zeit ist M. die beispielsweise durch Zudecken verheimlichte Tötung. Seit dem Spätmittelalter ist M. die vorbedachte, in bestimmter Weise besonders qualifizierte Tötung.
Lit.: Söllner §§ 8, 9; Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 119, 158; His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 1 1920, 76, Neudruck 1964, Bd. 2 1935, 90; Munske, H., Der germanische Rechtswortschatz, 1973; Der Mord der Juden, hg. v. Jäckel-Rohwer, 1985; Thomas, S., Geschichte des Mordparagraphen, 1985; Gschwend, L., Studentenmord in Zürich, 2002; Wittke, M., Mord und Totschlag? 2002
Mordbrand ist die heimlich verübte -> Brandstiftung, als deren Strafe im Sachsenspiegel (1221-4) das Rädern erscheint.
Lit.: His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 1f. 1920ff., Neudruck 1964
more geometrico
(lat.) auf geometrische Art (z. B. durch Pufendorf [1672]
erfolgende Rechtswissenschaft) -> mos geometricus
Lit.: Köbler, DRG 146
mores (lat. [M.Pl.]) sind im römischen Recht die (hergebrachten) Sitten (der Väter [lat. maiorum]). Sie beeinflussen vor allem das altrömische Recht.
Lit.: Söllner § 6; Köbler, DRG 17, 51; Kaser, M., Mores maiorum und Gewohnheitsrecht, ZRG RA 59 (1939), 52
morganatisch ist eine von der -> Morgengabe abgeleitete Bezeichnung. Die morganatische Ehe (Ehe zur linken Hand) ist eine zuerst im spätmittelalterlich-oberitalienischen Recht (Mailand) bezeugte, bis 1875/1918 (für den Adel) zulässige Form der -> Ehe. Zwischen Mann und Frau tritt keine Rechtsgemeinschaft ein. Die Kinder werden, obwohl der Vater die väterliche Gewalt über sie hat, nur der Mutter zugerechnet.
Lit.: Geschichte morganatischer und legitimierter Fürsten- und Grafenehen in Deutschland, 1874; Weyhe-Eimke, A. v., Die rechtmäßigen Ehen des hohen Adels, 1895; Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972
Morgengabe ist spätestens seit dem Frühmittelalter eine Gabe (meist) des Mannes an die Frau nach der Hochzeitsnacht. Sie wird vom Mann verwaltet. Das an der M. entwickelte besondere Erbrecht schwindet zuerst in den Städten des hohen Mittelalters.
Lit.: Hübner 665; Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 88, 123; Schröder, R., Geschichte des ehelichen Güterrechtes in Deutschland, Bd. 1ff. 1863ff.; Brauneder, W., Die Entwicklung des Ehegüterrechts in Österreich, 1973, 45, 124
Morgensprache (F.) eine Zunftversammlung
mors (F.) civilis (lat.) -> bürgerlicher Tod
Lit.: Borgmann, B., Mors civilis, Ius commune 4 (1972), 81
mortgage ist im mittelalterlichen französischen Recht das zur Fruchtziehung am Pfandgrundstück berechtigende Pfandrecht.
Lit.: Hübner 405; Viollet, P., Droit privé, 1905, 784
mortuarium (lat. [N.]) Sterbefallabgabe
mortuus redhibetur (lat.). Der Tote wird zurückgewährt (gemeint ist der zufällig untergegangene Sachgegenstand eines Austauschgeschäftes).
Lit.: Caemmerer, E. v., Mortuus redhibetur, FS K. Larenz, 1973, 621; Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 5. A. 1991, 123, Nr. 73 (Ulpian, um 170-223, Digesten 21, 1, 31 § 11)
Morus (More), Thomas Sir (London 7. 2. 1478 - 6. 7. 1535), Juristensohn, wird nach dem Studium der alten Sprachen und des Rechts in London 1501 Rechtsanwalt, 1504 Parlamentarier im Unterhaus, 1510 undersheriff und 1529 als erster Laie Lordkanzler. Befreundet mit Erasmus von Rotterdam verfasst er, beeinflusst von der Entdeckung Amerikas, 1516 eine zeitkritische Beschreibung eines idealen Staates (Utopia, Nirgendland). Weil er nach der Scheidung Heinrichs VIII. von Katharina von Aragon und der daraufhin erfolgenden Trennung Englands von der katholischen Kirche einen Eid auf den anglikanischen König Heinrich VIII. verweigert, wird er 1535 wegen Hochverrats hingerichtet.
Lit.: Chambers, R., Thomas More, 1935; Guy, J., Sir
Thomas Morus, 1979; Trapp, J., Erasmus, Colet and More, 1991; Ackroyd, P., The Life of Thomas More, 1999
mos (lat. [M.]) Sitte -> mores (M. Pl.)
Lit.: Gehrke, H., Römischer
mos und griechische Ethik, HZ 258 (1994), 593; Mos maiorum hg. v. Linke, B. u.
a., 2000
mosaisches Recht -> biblisches Recht, jüdisches Recht
Lit.: Smend, R., Mose als
geschichtliche Gestalt, HZ 260 (1995, 1
Moser (von Filseck und Weilerberg), Johann Jakob (Stuttgart 18. 1. 1701 - 30. 9. 1785), Beamtensohn, wird nach dem Rechtsstudium in Tübingen außerordentlicher Professor in Tübingen (1720-1), dann freier Berater, 1726 Regierungsrat, 1727 Titularprofessor in Tübingen, 1734 Regierungsmitglied, 1736 Universitätsdirektor in Frankfurt an der Oder, 1739 Privatgelehrter, 1745 Berater, 1745 geheimer Rat, 1749 Akademiegründer, 1751 Landschaftskonsulent, 1759 verhaftet und nach 1764 wieder Privatgelehrter. In 500 bis 600 Bänden sammelt er hauptsächlich staatsrechtliches Material (Teutsches Staatsrecht, Teil 1ff. 1737ff., Neues teutsches Staatsrecht, Teil 1ff. 1766ff.), wobei er die Geschichte als objektive Hilfswissenschaft für das Staatsrecht versteht. Das Völkerrecht gewinnt er vor allem aus Vertrag und Herkommen.
Lit.: Moser, J., Grundriss der heutigen Staatsverfassung des teutschen Reiches, 7. A. 1754, Neudruck 2001; Moser, J., Lebensgeschichte Johann Jacob Mosers, 1768; Schmid, A., Das Leben Johann Jacob Mosers, 1868; Wächter, O., Johann Jacob Moser, 1885; Schulze, H., Johann Jacob Moser, 1869; Rürup, R., Johann Jacob Moser, 1965; Schömbs, E., Das Staatsrecht Johann Jacob Mosers, 1968; Stolleis, M., Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, Bd. 1 1988, 258
Möser, Justus (Osnabrück 14. 12. 1720 - 8. 1. 1794), Kanzleidirektorssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Jena und Göttingen Sekretär (1741), Rechtsanwalt (1744), Syndikus (1756), Justitiar (1762) und 1764 Konsulent im Osnabrückischen. Er wirkt in vielfältiger Weise als aufgeklärter konservativer Schriftsteller. Sein Hauptwerk sind die Patriotischen Phantasien (Bd. 1ff. 1774ff.).
Lit.: Hatzig, O., Justus Möser, 1909; Klassen, P., Justus Möser, 1936; Maußer, E., Das Rechtsdenken Justus Mösers, Diss. jur. Freiburg im Breisgau 1942; Fiebig, B., Justus Mösers Staatslehre, Diss. jur. Köln 1953; Schmidt, P., Studien über Justus Möser als Historiker, 1975; Schröder, J., Justus Möser als Jurist, 1986; Welker, K., Rechtsgeschichte als Rechtspolitik, 1996; Möser-Bibliographie 1730-1990, hg. v. Woesler, W., 1997; Möser, J., Politische und juristische Schriften, hg. v. Welker, K., 2001
mos (M.) Gallicus (lat.) (Tanner 1556 Gallica ratio) ist die zu Beginn des 16. Jh.s entstehende gallische (französische) Art der Rechtswissenschaft, welche die römischen Quellen stärker humanistisch (sprachwissenschaftlich-geschichtlich) betrachtet und die einzelnen Stellen textkritisch untersucht (bessere Interpretation besserer Texte). Die bekanntesten Vertreter des m. G. sind -> Alciatus (1492-1550), -> Budaeus (1467-1540), -> Cuiacius (1522-1590), -> Donellus (1527-1591), Dionysius -> Gothofredus (1549-1622) und Jacobus Gothofredus (1587-1652) sowie nach Vertreibung der führenden französischen, calvinistisch-hugenottischen Juristen (1562-1598) spätere niederländische Juristen (elegante Jurisprudenz). Bedeutung gewinnt dabei allmählich auch die Ermittlung allgemeiner Grundsätze und deren Verbindung zu einem systematischen Ganzen.
Lit.: Köbler, DRG 143; Astuti, G., Mos italicus e mos gallicus, 1937; Kisch, G., Humanismus und Jurisprudenz, 1955; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967
mos (M.) geometricus (lat.) ist die geometrische oder mathematische Art der Darstellung und Beweisführung in Wissenschaftsfächern der frühen Neuzeit (Simon Grynaeus 1533). In der Rechtswissenschaft sprechen zuerst Budaeus 1557 und Valentin Forster (1613) diese Frage ansatzweise an. Eine umfassende Darstellung des Naturrechts -> more geometrico erfolgt aber erst durch -> Pufendorf (1672). Dem folgen -> Leibniz und vor allem Christian -> Wolff in leicht eingängiger Darstellungsform. Mit Wolff endet der m. g. ziemlich unvermittelt.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Röd, W., Geometrischer Geist und
Naturrecht, 1970; Stupp, H., Mos geometricus, Diss. jur. Köln 1970; Otte, G., Der sog. mos geometricus,
Quaderni Fiorentini 9 (1979), 179
mos (M.) Italicus (lat.) (Mopha 1541) ist die aus dem Mittelalter überkommene italienische Art der Rechtswissenschaft. Darunter ist die juristische Ausprägung des scholastischen Unterrichtssystems und des damit verbundenen wissenschaftlichen Begründungs- und Erkenntnissystems zu verstehen. In ihrem Mittelpunkt stehen Worterklärungen, Herstellung logischer und systematischer Zusammenhänge in kleineren Bereichen, Zusammenstellungen von Parallelstellen aus allen Teilen des römischen (lat.) corpus (N.) iuris civilis, Bildung von Parallelfällen, Auflösung von Widersprüchen und Sammlung von Argumenten für die dem Text entnommene Lösung. Der m. I. wird seit Beginn des 16. Jh.s vom -> mos Gallicus abgelöst.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Astuti, G., Mos italicus e mos gallicus, 1937; Kisch, G., Humanismus und Jurisprudenz, 1955; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967; Otte, G., Dialektik und Jurisprudenz, 1971; Carpintero, F., Mos italicus, Ius commune 6 (1977), 108
Moskau an der Moskwa erscheint 1147 als Landsitz und 1156 als eine mit einem Zaun befestigte Stadt. Nach ihrer Zerstörung durch die Mongolen (1237) wird sie 1263 Sitz eines Teilfürstentums, 1326 Sitz des Metropoliten von Rußland und wenig später Vorort des Großfürstentums Moskau. 1755 erhält sie eine Universität.
Lit.: Luppi, A./Biagi, E.,
Moskau, 1981; Crummey, R., The Formation of
Motivirrtum ist der unbeachtliche -> Irrtum über den Beweggrund für eine Willenserklärung.
Lit.: Kroeschell, DRG 3
Mozaraber ist der unter der Herrschaft der ->
Araber auf der iberischen Halbinsel lebende Christ.
Mpalés, Geórgios (1879-1957) wird nach dem Rechtsstudium in Athen und Berlin 1925 Professor für Zivilrecht in Athen. Er beeinflusst das griechische Zivilgesetzbuch von 1940 maßgeblich und verfasst die führende Kommentierung.
Lit.: Kallias, K., Geórgios Mpalés, 1960
Msida auf Malta erhält 1572 bzw. 1769 eine Universität.
Mucius Scaevola, Quintus (um 140-82 v. Chr.), Juristensohn, Konsul 95 v. Chr., ist ein bedeutsamer Vertreter der vorklassischen römischen Rechtswissenschaft. Sein Hauptwerk sind 18 Bücher (lat.) De iure civili (Vom römischen Recht), in denen er das Recht der römischen Bürger systematisch zusammenfasst. Auf ihn zurückgeführt werden die (lat.) -> cautio (F.) Muciana, die eine unter der Bedingung, etwas Bestimmtes nicht zu tun, ausgesetzte Zuwendung absichern soll, und die (lat.) -> praesumptio (F.) Muciana, nach der bis zum Beweis des Gegenteils alles Vermögen einer Ehefrau als vom Mann herrührend gilt. Auf M. S. greift vor allem -> Sabinus wieder zurück.
Lit.: Köbler, DRG 29; Behrends, O., Die Wissenschaftslehre im System des Quintus Mucius Scaevola pontifex, 1976; Wieacker, F., Römische Rechtsgeschichte, Bd. 1 1988, 597
Mühle ist eine Vorrichtung zum mechanischen Zerkleinern von Gegenständen, vor allem von Pflanzenteilen (Getreidekörnern). Die technisch der einfachen Handmühle überlegene Wassermühle ist bereits dem römischen Altertum bekannt und gelangt von dort nach Germanien. Seit dem 12. Jh. wird die ursprüngliche Freiheit der Errichtung einer M. von einem landesherrlichen Mühlenregal überlagert. Dementsprechend entstehen in der frühen Neuzeit besondere Mühlenordnungen (z. B. Hessen 1615). Die M. genießt eigenen Friedensschutz. Das Gewerbe des Müllers gilt seit dem Spätmittelalter vielfach als unehrlich.
Lit.:
Koehne, C., Das Recht der Mühlen, 1904; Schulte, E., Das Gewerberecht, 1909;
Kisch, G., Das Mühlenregal im Deutschordensgebiete, ZRG GA 48 (1928), 176;
Wiemann, H., Beiträge zur Geschichte des Mühlenrechts, ZRG GA 66 (1948), 477;
Kohl, W., Recht und Geschichte der alten Münchner Mühlen, 1969; Holt, R., The
Mills of Medieval England, 1988;
Stürmer, S., Mühlenrecht im Herzogtum Zweibrücken, 1998
Mühlhäuser Reichsrechtsbuch ist ein um 1225 (1224-30) in Mühlhausen im Eichsfeld von einem unbekannten Verfasser in mitteldeutscher Sprache hergestelltes, in 3 Handschriften überliefertes Stadtrechtsbuch mit zahlreichen fränkischen Rechtssätzen. Es bezieht auch Landrecht ein und erfasst unterschiedliche Sachgebiete (Delikte, Verfahren, Gewere, Gericht, Schaden). Es wird in Nordhausen und teilweise in Eschwege (nach 1344) aufgenommen.
Lit.:
Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 104; Das Mühlhäuser
Reichsrechtsbuch, hg. v. Meyer, H., 3. A. 1936, Neudruck 1969; Günther,
G./Korf, W., Mühlhausen, 1986; Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des
Mittelalters, Bd. 1 1990; Lau, T., Bürgerunruhen und
Bürgerprozesse, 1999
Mülhausen im -> Elsaß ist ein 803 erstmals erwähnter Ort, der nach 1221 -> Reichsstadt wird. Seit 1515 ist es zugewandter Ort der Eidgenossenschaft der -> Schweiz. 1798 schließt es sich Frankreich an.
Lit.:
Köbler, Historisches Lexikon; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren
europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,454; Oberlé, R./Livet, G., Histoire de
Mulhouse, 1977
mulier taceat in ecclesia (lat.). Die Frau schweige in der Kirche.
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 5. A. 1991, 123, Nr. 76 (Apostel Paulus, + 64 n. Chr., 1. Korinther 14,34)
Müll ist der trockene Abfall, dessen Beseitigung seit dem 19. Jh. ein allgemeines Verwaltungsproblem wird.
Lit.: Kroeschell, DRG 3
Müller-Arnold-Prozess ist der Prozess des Wassermüllers Christian Arnold im Kreis Züllichau, der 1774 gegen seinen Erbverpächter auf Erlass der Mühlenpacht wegen Schwächung des Zuflusses durch einen Oberlieger klagt und 1778 die Mühle durch Versteigerung verliert. Am 11. 12. 1779 bzw. 1. 1. 1780 greift König Friedrich der Große von Preußen selbst in die Angelegenheit ein, lässt Räte des 1779 tätigen Justizkollegiums verhaften, verurteilt sechs zu Festung und weist den Müller und seine Frau wieder in die Mühle ein. Sein Nachfolger entschädigt die Räte, belässt aber die Mühle dem Müller. Der königliche Machtspruch wird nunmehr als Missbrauch der Herrschaftsgewalt verstanden. Im 19. Jh. setzt sich die dadurch beeinträchtigte Unabhängigkeit der Gerichte durch.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 140; Schmidt, E., Rechtssprüche und Machtsprüche, 1943; Dießelhorst, M., Die Prozesse des Müllers Arnold, 1984
München an der Isar erhält 1157/8 von Herzog Heinrich dem Löwen einen Markt, wird seit 1255 allmählich Sitz des Herzogtums Oberbayern bzw. Bayern und erlangt 1840 von Landshut die Universität. Sein Recht wird 1340 von Ludwig dem Bayern bestätigt. Am 29./30. 9. 1938 wird in München zwischen dem Deutschen Reich, Großbritannien, Italien und Frankreich das Münchener Abkommen geschlossen, das die deutschsprachigen Sudetengebiete der Tschechoslowakei (28643 qkm, 3,63 Mill. Menschen) dem Deutschen Reich zuteilt und dadurch die Kriegsgefahr in Mitteleuropa für kurze Zeit bannt. Im Sommer 1947 gelangt eine gesamtdeutsche Ministerpräsidentenkonferenz in M. zu keiner Einigung.
Lit.:
Köbler, Historisches Lexikon; Kroeschell, 20. Jh.; Riedner, O., Die Rechtsbücher Ludwigs von
Bayern, 1911; Denkmäler des Münchner Stadtrechts, hg. v. Dirr, P., Bd. 1f.
1934ff; Bärmann, J., Die Verfassungsgeschichte Münchens im Mittelalter, 1938;
Kempter, F., Die Gutachten- und Urteilstätigkeit der Juristenfakultät
Ingolstadt - Landshut - München, Diss. jur. Mannheim 1976; Rauschhofer, H.,
Völkerbund und Münchener Abkommen, 1976; München, hg. v. Prinz, F. u. a., 1988;
Maier, L., Stadt und Herrschaft, 1989; Zerback, R., Stadt und Bürgertum in
München, 1997
Mund ist ein menschlicher Körperteil, der in der Paarformel Mund und Hand für zusprechende Wörter steht.
Lit.: Grimm, J., Deutsche Rechtsaltertümer, Bd. 1f. 4. A. 1899, Neudruck 1922, 1989, 1994
Mündel ist der unter Vormundschaft stehende Mensch.
Lit.: Hübner
Mündelgut ist das Vermögen des -> Mündels. Es wird vom Vormund verwaltet und meist auch genutzt. Nach einem mittelalterlichen Rechtssprichwort soll M. (während der Verwaltung) weder wachsen noch schwinden. Über bewegliche Sachen (Fahrnis) darf der Vormund frei verfügen, über unbewegliche Sachen (Liegenschaften) nur mit Zustimmung des Mündels oder gar nicht. Bei Erreichung der Mündigkeit kann der Mündel ein von ihm oder vom Vormund vorgenommenes Geschäft widerrufen. Seit dem Spätmittelalter wird der Vormund zu einem der Vormundschaftsbehörde verantwortlichen Vertreter des Mündels, der für und gegen den Mündel rechtsgeschäftlich handeln kann. Zum Ausgleich dafür wird die behördliche Aufsicht verstärkt.
Lit.: Kaser §§ 23 II 2, 62 III 3; Hübner, 729; Kraut, T., Die Vormundschaft, Bd. 2 1847; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.
mundiburdium -> mundoburdium
Mündigkeit ist der Zustand der
Eigenverantwortlichkeit. Im altrömischen Recht verschafft der Eintritt der
(lat.) pubertas (F.) die volle
Geschäftsfähigkeit und Deliktsfähigkeit, bis um 200 v. Chr. eine (lat.) lex
(F.) Laetoria die mündigen, noch nicht 25jährigen gegen Übervorteilung zu
schützen beginnt. Die M. wird dabei zunächst bei Männern von Fall zu Fall
beurteilt, von der Schule der Prokulianer aber mit Vollendung des 14.
Lebensjahres anerkannt, bei Frauen schon von Anfang an mit Vollendung des 12.
Lebensjahres angenommen. Dem entspricht wohl im Kern auch das germanische
Recht. Im Frühmittelalter werden als fester Zeitpunkt der M. die Vollendung des
12. oder 10. oder auch 14. Lebensjahres genannt. Im Laufe des Mittelalters
rückt die Zahl auf 18, 20, 21, 24 oder bei Aufnahme des römischen Rechts auf 25
Lebensjahre hinauf. Volle Eigenverantwortlichkeit erlangen dabei nur die
vaterlosen Waisen. Bei den übrigen tritt die M. mit Abschichtung (bzw.
Eheschließung) ein. Seit dem Spätmittelalter setzen sich die Altersstufen des
römischen Rechts durch. Zwischen sieben und 25 wird der Mensch im wesentlichen
gleich behandelt. Deswegen wird die M. vielfach mit der Volljährigkeit
gleichgesetzt und danach von dieser weitgehend verdrängt (anders Ehemündigkeit,
Eidesmündigkeit).
Lit.: Kaser § 14 II 2, 58 IV 1; Köbler, DRG 88, 120, 160; Ebersold, G.,
Mündigkeit, 1980
mundium (lat.-afrk.)
-> munt
Mündlichkeit ist
die durch Sprechen und Hören im Gegensatz zu Schreiben und Lesen geprägte
Kennzeichnung. Deshalb unterliegt das gesamte Recht anfangs der M. Mit der
Erfindung und Verallgemeinerung der Schrift wird die M. aber zurückgedrängt.
Dabei können nach dem Schwinden der Schriftkultur des Altertums im
Frühmittelalter nur wenige Geistliche schreiben. Im 13. Jh. steigt die
Schriftlichkeit sprunghaft an. Erst im 19. Jh. wird demgegenüber der Versuch
unternommen, der M. im Verfahrensrecht bewusst wieder einen festen Platz zu sichern (z. B. Code de
procédure civile 1806, österreichisches Verfahren in Ehesachen 1819,
österreichisches Verfahren in summarischen Sachen 1845, Hannover 1850, Baden
1864, Württemberg 1868, österreichisches Verfahren in Rechtsstreitigkeiten mit
geringem Streitwert 1873, Reichszivilprozessordnung des Deutschen Reichs
1877/1879).
Lit.: Kaser § 80 I 2, 87 I 6; Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 155, 201f.;
Scholz, M., Hören und Lesen, 1980
mundoburdium (lat.-afrk.
[N.]) Schutzgewalt,
Vormundschaft
municipium (lat.
[N.]) Stadt
Lit.: Kaser § 17 II 2; Köbler, DRG 32, 36; Simshäuser, W., Iuridici und Munizipalgerichtsbarkeit in
Italien, 1973; Galsterer, H., Herrschaft und Verwaltung
im republikanischen Italien, 1976
Münster an der
Aa wird 793 Ausgangsstelle der Friesenmission des Bischofs Liudger und
entwickelt sich von hier aus seit dem Hochmittelalter zum größten geistlichen
Fürstentum in Deutschland, für welches am 3. 10. 1571 eine Landgerichtsordnung
und eine Hofgerichtsordnung verkündet werden. Das vor den Landgerichten um
Münster angewendete Recht ist nur vereinzelt aufgezeichnet. Es ist überwiegend
deutsches, vom sächsischen Recht nur wenig beeinflusstes Recht. 1780 wird in M.
eine Universität eingerichtet.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Bartmann, J., Das Gerichtsverfahren
vor und nach der Münsterischen Landgerichtsordnung, 1908; Hermann, J., Die
Universität Münster, 2. A. 1950; Knemeyer, F., Das Notariat im Fürstbistum
Münster, 1964; Koehler, B., Münster, HRG, Bd. 3 1980, 746; Nabrings, A.,
Strafrecht und Strafverfolgung, Westfäl. Z. 135 (1985), 9; Walter, A., Die
Beamtenschaft in Münster, 1987; Klötzer, R., Die Täuferherrschaft von Münster,
1992; Kirchhoff, K., Forschungen zur Geschichte von Stadt und Stift Münster,
1988; Michaelis, K., Die
Universität Münster 1945-1955, 1998; Oer, R. Freiin v., Der münsterische
Erbmännerstreit, 1998; Steveling, L., Juristen in Münster, 1999; Westfälische
Jurisprudenz, hg. v. Großfeld, B. u. a., 2000
munt (ahd. [F.], zu lat. manus [F.], Hand) ist im Mittelalter die Gewalt eines Menschen über einen anderen Menschen (z. B. Vater über Kind, Vormund über Mündel, Mann über Frau, Herr über Gesinde). Die m. über ein Kind entsteht mit der Aufnahme nach der Geburt und endet mit der Verselbständigung (Abschichtung, Verheiratung). In der Neuzeit wird die m. von der (väterlichen) Gewalt (lat. [F.] potestas) verdrängt.
Lit.: Hübner 615; Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 71, 88, 160; Köbler, WAS; Kraut, T., Die Vormundschaft, Bd. 1ff. 1835ff.; Molitor, E., Zur Entwicklung der Munt, ZRG GA 64 (1944), 112; Kroeschell, K., Haus und Herrschaft, 1968
Muntat (F.) ist im Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation) vor allem das Immunitätsgebiet (im engeren Sinn).
Lit.: Hofmann, K., Die engere Immunität, 1914; Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 1 1957
Muntbrief (M.) Schutzurkunde
Muntehe ist im Mittelalter diejenige -> Ehe, bei der die Frau in die -> munt des Mannes fällt. Den Gegensatz bildet die muntfreie Ehe.
Muntschatz (M.) Heiratsgut
Münze ist ein nach Zusammensetzung und Gewicht genau bestimmtes, in Metall geprägtes Geldstück, wie es im 1. Jt. V. Chr. erscheint. Der Name leitet sich davon her, dass die Münzprägewerkstatt der Römer sich im Tempel einer Sondergöttin der etruskischen (lat.) gens (F.) Moneta befindet. In Rom wird das zuerst gewichtsmäßig gehandelte Rohkupfer im 4. Jh. v. Chr. in feste Größen mit zugehörigen Gewichtsangaben gebracht. Um 300 v. Chr. werden dabei Münzen von 300 g (1 Pfund, lat. [F.] libra) verwendet. Seit 187 v. Chr. erscheint der Silberdenar (lat. denarius [M.] argenteus) mit 10 As von 4,55 Gramm Gewicht, seit Caesar die Goldmünze (lat. [M.] aureus, Konstantin lat. [M.] solidus). Die Germanen kennen zunächst nur römische Münzen als Kostbarkeiten. Das Frühmittelalter verwendet zwar Pfennig (denarius), Schilling (solidus) und Pfund als Rechnungseinheit, prägt aber trotz etwa 800 bekannter merowingischer Münzstätten bald nur noch den königlichen Silberdenar auch wirklich aus. Das Recht zur Münzprägung wird vom König als -> Regal in Anspruch genommen, das er durch Privileg verleihen kann. Im Hochmittelalter geht dieses Recht tatsächlich auf die Landesherren über. Im 19. Jh. wird das dadurch weitgehend partikularisierte und auch durch Münzverträge nur ansatzweise vereinheitlichte Münzwesen auf übereinstimmende Größen umgestellt (Preußen 1821 Taler, Süddeutschland 1837 Gulden, Deutsches Reich 1871/3 -> Mark). Wegen der andauernden Geldentwertung im 20. Jh. tritt die Münze als Währungseinheit gegenüber dem Papiergeld zurück. Beide verlieren gegenüber der Forderung gegen Geldinstitute (elektronisches Geld) an Bedeutung. Als europäische Währung erscheint zunächst der bzw. die ECU (European Currency Unit) und 1995 der Euro.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2;
Köbler, DRG 3, 16, 97, 113, 176; Baltl/Kocher; Klimpert, R., Lexikon der
Münzen, Maße, Gewichte, 1896, Neudruck 1972; Luschin von Ebengreuth, A.,
Allgemeine Münzkunde und Geldgeschichte, 2. A. 1926; Wörterbuch der Münzkunde,
hg. v. Schroetter, F. v. 1932; Kamp, N., Moneta regis, 1957; Suhle, A.,
Deutsche Münz- und Geldgeschichte, 1970; Rittmann, H., Deutsche Geldgeschichte
1484-1914, 1975; Grierson, P., Münzen des Mittelalters, 1976; Wadle, E.,
Münzwesen, HRG, Bd. 3 1981, 770; Kluge, B., Deutsche Münzgeschichte, 1991;
Grierson, P., Coins of Medieval Europe, 1991; Morrison, C., La numismatique,
1992;
Howgego, C., Ancient History from Coins, 1995; Haertle, C., Karolingische Münzfunde,
1997; Wolters, R., Nummi signati, 1999; Derschka, H., Die münzrechtlichen
Bestimmungen des Schwabenspiegels, ZRG GA 120 (2003), 91
Münzfälschung ist die unerlaubte Verwendung fremder Münzbilder und die Prägung unterwertiger oder untergewichtiger Münzen. Die M. wird im ausgehenden Altertum bestraft, bei Goldmünzen sogar mit der Todesstrafe. Im Frühmittelalter begegnen als Folgen Handverlust, Prügel und Brandmarkung, seit dem 13. Jh. Sieden oder Verbrennen. Bis in das 19. Jh. ist dennoch die M. ein Fall der allgemeinen Fälschung.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 2 1935, 274
Münzregal -> Münze
Lit.: Volz, P., Königliche Münzhoheit und Münzprivilegien, 1967
Muratori, Lodovico Antonio (Vignola 21. 10. 1672 - Modena 23. 1. 1759) wird nach dem Theologiestudium Bibliothekar in Mailand und 1700 in Modena. Mit zahlreichen kritischen Ausgaben italienischer Geschichtsquellen begründet er die neuere italienische Geschichtswissenschaft.
Lit.: Carli, F. de, Lodovico Antonio Muratori, 1955
Murner, Thomas (Oberehnheim 24. 12. 1475 - Heidelberg um 1537) durchzieht als Wandergeistlicher Mitteleuropa. 1515 hält er in Trier deutsche Rechtsvorlesungen. 1518 veröffentlicht er lateinisch-deutsche (lat.) Utriusque iuris tituli (M.Pl.) et regulae (F.Pl.) (Beider Rechte Titel und Regeln). 1519 übersetzt er die Institutionen Justinians ins Frühneuhochdeutsche und erwirbt in Basel das juristische Lizentiat.
Lit.: Erler, A., Thomas Murner als Jurist, 1956
Muromcev, Sergej Andreevic (1850-1910) wird nach dem Rechtsstudium u. a. in Göttingen (Ihering) 1875 Professor für römisches Recht in Moskau. Im Einsatz für die Verfassungsbewegung erarbeitet er einen liberalen Entwurf. Er sieht Recht als Verwirklichung gesellschaftlicher Interessen und macht die Rechtswissenschaft in Rußland zu einer das alltägliche Leben bestimmenden Wissenschaft.
Lit.: Leontovich, V., Geschichte des Liberalismus in Rußland, 1957; Zor’kin, V., Muromcev, 1980
Murray, Sir William (1705-1793), Peerssohn aus Schottland, wird nach dem Studium in Oxford und der Ausbildung in Lincoln’s Inn 1730 Anwalt, 1742 Kronanwalt, 1754 Justizminister, 1756 Oberrichter (Lord Chief Justice) (1776 Earl of Mansfield). In seiner richterlichen Tätigkeit stärkt er die Stellung des Richters zu Lasten der Jury, fördert die Einbeziehung des Handelsrechts in das -> common law und unterstützt die Rechtsfortbildung durch Urteile.
Lit.: Fifoot, C., Lord Mansfield, 1936; Heward, E.,
Lord Mansfield, 1979;
Muspilli ist ein althochdeutsches Stabreimgedicht der 2. Hälfte des 9. Jh.s über das Weltende durch Feuer (jüngstes Gericht).
Lit.: Mohr, W./Haug, W., Zweimal Muspilli, 1977; Köbler, G., Sammlung kleinerer althochdeutscher Denkmäler, 1986
Musteil (Speisevorrat) ist im mittelalterlichen Recht ein Vermögensteil, den die Witwe beim Tod des Mannes teilweise behalten darf.
Lit.: Hübner § 95c
Musterung ist die Untersuchung (auf Kriegstauglichkeit) seit dem Spätmittelalter. Eine besondere Bedeutung erwirbt die M. im Seerecht (Anmusterung, Abmusterung).
Lit.: Helfritz, H., Geschichte der preußischen Heeresverwaltung, 1938
Mutschierung ist im Mittelalter (13. Jh.) die Teilung eines Gesamteigentums durch Vertrag (auf Zeit) im Erbrecht und im Lehnsrecht.
Lit.: Hübner; Heusler, A., Institutionen des deutschen Privatrechts, Bd. 1 1885, 247; Müller, E., Die Mutschierung von 1513, Jb. f. RegionalG. 14 (1987), 173
Mutterrecht ist die Bezeichnung für eine Familienstruktur, in welcher das Gut sich in mütterlicher Linie vererbt. Das M. wird als eine Kulturstufe von Johann Jakob -> Bachofen behauptet, lässt sich aber nirgends tatsächlich überzeugend nachweisen.
Lit.: Köbler, DRG 15; Bachofen, J., Das Mutterrecht, 1861; Schmidt, W., Das Mutterrecht, 1955; Bachofen, J., Das Mutterrecht. Eine Auswahl, hg. v. Heinrichs, H., 3. A. 1980
Mutterschutz ist der Schutz der arbeitstätigen Mutter in der Zeit vor und nach der Geburt. Der M. entwickelt sich am Ende des 19. Jh.s.
Lit.: Schmitz, E., Mutterschutz und Mutterpflichten, Diss. jur. Köln 1992
Mutterstadt ist im Mittelalter eine Stadt, deren Recht auf eine andere Stadt übertragen wird und die deshalb für Auskünfte in Rechtsstreitigkeiten wieder befragt wird.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2
Mutung ist allgemein das Begehren, insbesondere im Mittelalter das Begehren auf Erneuerung des Lehens, das Gesuch um Zulassung als Meister und im Bergrecht der Antrag auf Verleihung des Bergwerkeigentums in einem bestimmten Fall (bis 1980).
Lit.:
Heusler, A., Institutionen des Deutschen Privatrechts, Bd. 1 1885, 243, Bd. 2
1886, 169; Wissel, R./Hahm, K., Des alten Handwerks Recht und Gewohnheit, 2. A. 1981
mutuum (lat. [N.]) ist bereits im altrömischen Recht das formfreie Haftungsgeschäft des (auf Tausch gegebenen) -> Darlehens. Es ist Realvertrag und entsteht mit der Hingabe einer vertretbaren Sache in das Eigentum mit der Verpflichtung zur Rückgabe einer gleichen Menge. Zinsen müssen meist besonders vereinbart werden.
Lit.: Kaser § 39 I 2; Söllner §§ 9, 16, 18; Köbler, DRG 27, 45, 63; Köbler, LAW
Muwatta ([M.] arab. geebneter Pfad) ist das älteste erhaltene, von Malik ibn Anas (8. Jh.) auf der Grundlage des -> Korans und des Gewohnheitsrechtes in Medina geschaffene Rechtsbuch des -> Islam.
Lit.: Schacht, J., Malik b. Anas, in: Enzyklopädie des Islam, 2. A. Bd. 1f. 1960ff., 6, 262
Mynsinger von Frundeck, Joachim (Stuttgart 13. 8. 1514 - Großalsleben 3. 5. 1588), Adliger, wird nach dem Rechtsstudium in Tübingen, Padua und Freiburg (Zasius) 1536 bzw. 1543 Professor in Freiburg, 1548 Assessor am Reichskammergericht und 1556 Kanzler in Braunschweig-Wolfenbüttel (1576 Gründung der Universität Helmstedt). 1563 veröffentlicht er als erster unsystematisch bei Gericht angelegte kurze Notizen zu Entscheidungen des Reichskammergerichts (lat. Singularium observationum iudicii imperialis camerae centuriae [F.Pl.] quattuor, Vierhundert einzelne Beobachtungen des Reichskammergerichts).
Lit.: Köbler, DRG 144; Schreiber, H., Joachim Mynsinger, 1834;
Schumann, S., Joachim Mynsinger, 1983;
Zippelius, K., Ein Juristenleben im 16. Jahrhundert, in: Mélanges Sturm, F.,
1999, 959
N
Nachbar ist der unmittelbar neben einem Menschen wohnende oder begüterte Mensch. Schon im römischen Recht entwickelt sich aus der Nachbarschaft ein -> Nachbarrecht. Im Mittelalter haben Nachbarn verschiedentlich ein -> Näherrecht (Nachbarlosung). Im übrigen kommen Nachbarn häufig als Zeugen in Betracht.
Lit: Kroeschell, DRG 1; Kramer, K., Die Nachbarschaft, 1954; Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 1ff. 1957ff.; Bauer, hg. v. Wenskus, R. u. a., 1975, 230; Olberg, G. v., Freie, Nachbarn und Gefolgsleute, 1983; In Europas Mitte, hg. v. Duchhardt, H., 1988
Nachbarrecht ist die Gesamtheit der für die Eigentümer von benachbarten Grundstücken im Verhältnis zueinander geltenden Rechtssätze. Sie betreffen bereits im römischen Recht den Überhang von Zweigen, den Überfall von Früchten, den Notweg, das Eindringen von Rauch, Wasser usw., die Ausbuchtung einer Mauer, die Einsturzgefahr von Gebäuden, die Untersagung von Bauführung und die Feststellung der Grenze. Im nachklassischen römischen Recht wird des öfteren fälschlich von Legalservituten gesprochen. Teils auf einheimischer, teils auf aus dem römischen Recht übernommener Grundlage findet das N. teils Eingang in das Bürgerliche Gesetzbuch des Deutschen Reiches (1900), bleibt aber zum anderen Teil Landesrecht.
Lit.: Kaser
§ 23 III; Hübner 280; Köbler, DRG 40; Ogorek, R., Actio negatoria und
industrielle Beeinträchtigung des Grundeigentums, in: Wissenschaft und
Kodifikation, hg. v. Coing, H. u. a., Bd. 4 1979, 40; Carlen, L., Bäuerliches
Nachbarrecht in Schweizer Städten, FS G. Schmelzeisen, 1980; Dehner, W.,
Nachbarrecht im Bundesgebiet, 7. A. 1991; Uwer, D., Zur Entwicklungsgeschichte,
Jb. d. Umwelt- und Technikrechts, 1997, 303
Nacherbe ist der in der Weise eingesetzte Erbe, dass dieser erst zu einem bestimmten späteren Zeitpunkt (Nacherbfall) Erbe wird, nachdem zunächst ein anderer Erbe (Vorerbe) geworden ist. Im römischen Recht schließt der Rechtssatz (lat.) semel heres semper heres (einmal Erbe, immer Erbe) ein Hintereinander mehrerer Testamentserben und damit Nacherben aus. Einen Ausweg eröffnet das Erbschaftsfideikommiss, bei dem Erbe zwar der erste Nachfolger des Erblassers wird, diesem aber auferlegt werden kann, die Erbschaft ganz oder teilweise als Fideikommiss einem weiteren Nachfolger herauszugeben. Im Mittelalter ist seit dem ausgehenden 13. Jh. die Einsetzung eines Nacherben zulässig. Die Gestaltung behauptet sich gegen das aufgenommene römische Recht.
Lit. Kaser §§ 65 II 4, 68 II 4, 78 I; Söllner § 11; Köbler, DRG 9; Schartl, R., Das Privatrecht der Reichsstadt Friedberg, Diss. jur. Gießen 1987; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 2 1989, 613, 629; Eckert, J., Der Kampf um die Familienfideikommisse, 1992; Straub, S., Zur Entstehung der Vor- und Nacherbfolge im Bürgerlichen Gesetzbuch, ZRG 120 (2003), 235
Nachlass ist das Vermögen des Erblassers im Zeitpunkt des Erbfalls. Im römischen Recht ist der N. eine Einheit, im mittelalterlichen Recht eine Mehrheit von Sondervermögen (z. B. Gerade, Heergewäte). Verschiedentlich wird der N. zwischen Erbfall und davon getrenntem Erbschaftserwerb als juristische Person angesehen (lat. hereditas [F.] iacens, ruhende Erbschaft).
Lit.: Kaser §§ 65 I 2, 66 VI, 72 I; Hübner; Wesener, G., Geschichte des Erbrechts in Österreich, 1957, 21
Nachrezeption ist die im 19. Jh. erfolgende Aufnahme des römischen Rechts durch vertiefte Befassung mit den römischen Rechtsquellen (Pandektistik).
Lit.: Köbler, DRG 205
Nachrichter ist eine Bezeichnung für den -> Henker.
Lit.: Kroeschell, DRG 2
Nachzettel ist in der frühen Neuzeit die ein Testament ergänzende formlose Schrift. Die Möglichkeit des Nachzettels wird im Allgemeinen Landrecht Preußens (1794) und in der Rechtsprechung des 19. Jh.s eingeschränkt.
Näherrecht oder Retraktrecht ist das Anrecht bestimmter nahestehender Personen auf ein Gut für den Fall der Vererbung oder Veräußerung. Berechtigt können Verwandte, Nachbarn, Herren und andere sein. Das N. kann an die Zahlung eines Geldausgleichs gebunden sein. Schon seit dem Hochmittelalter wird das N. zugunsten der Freiheit des Eigentümers zurückgedrängt. Seit dem 18. Jh. wird es verstärkt bekämpft und im 19. Jh. beseitigt.
Lit.: Hübner 422; Köbler, DRG 124, 163, 211; Gierke, O., Deutsches Privatrecht, Bd. 2 1905, 766; Wesener, G., Vorkaufs- und Einstandsrecht der „gesippten Freunde“, in: Gedächtnisschrift R. Schmidt, 1966, 535; Carlen, L., Näherrechte im Wallis, in : Wege europäischer Rechtsgeschichte, hg. v. Köbler, G., 1987, 52
Name ist die Bezeichnung einer einzelnen Person
oder eines einzelnen Gegenstandes (für Orte -> Ortsname) zum
Zweck der Heraushebung aus einer Gattung bzw. der Unterscheidung von anderen
Personen und Gegenständen. Die Vergabe von Namen steht vermutlich am Beginn der
menschlichen Sprachentwicklung. Während anfangs meist ein einziges Wort
als Name genügt, wird bereits im römischen Altertum der
Mensch häufig durch mehrere Namensbestandteile individuell gekennzeichnet (lat.
praenomen [N.], nomen gentile, cognomen z. B. Gaius Iulius Caesar). Im deutschen
Mittelalter wird zwecks erforderlich werdender Unterscheidung nach ersten
Anfängen in Venedig (9. Jh.), Norditalien und Südfrankreich (10. Jh.) für den
Adel im 10. Jh. bzw. seit dem 12. Jh. (z. B. Zürich 1150/70, Friesland 19.
Jh.) in etwa vom Süden und Westen nach Norden und Osten fortschreitend dem
Namen (Vornamen) allmählich allgemein ein Zuname (Familienname)
beigefügt,
was andernorts erst viel später geschieht (Japan 1875, Bulgarien 1878, Türkei
1934. Durch Verordnungen seit dem 17. Jh. wird bis zum Ende der frühen Neuzeit
die ursprüngliche Freiheit der Namensänderung beseitigt. Seit 14. 6.
1976 kann in der Bundesrepublik Deutschland auch der Name der Frau Familienname
sein, seit 1995 ist kein gemeinsamer Familienname mehr nötig. Im einzelnen ist ein detailliertes Namensrecht entwickelt.
Danach bestimmen grundsätzlich die Eltern den oder die Vornamen (und den
Familiennamen) eines Kindes. Häufigster der mehr als 150000 verschiedenen deutschen
Familiennamen der Gegenwart ist Müller (ca. 10%), häufigster Familienname der
Welt der chinesische Name Li.
Lit: Köbler, DRG 120, 160, 267; Levi, S.
Vorname und Familienname, Diss. jur. Gießen 1888; Schulze, W., Zur Geschichte
lateinischer Eigennamen, 1904; Brechenmacher, J., Etymologisches
Wörterbuch der deutschen Familiennamen, 1957ff.; Schönfeld, W.,
Wörterbuch der altgermanischen Personen- und Völkernamen, 1911, 2. A. 1965; Polenz,
P. v., Landschafts- und Bezirksnamen im frühmittelalterlichen Deutschland,
1961; Klippel, D., Der zivilrechtliche Schutz des Namens, 1985; Internationales
Handbuch der Vornamen, 1986; Reichert, H., Lexikon der altgermanischen
Namen, 1987;
Hanks, P./Hodges, F., A Dictionary of Surnames, 1988; Seibicke, W.,
Historisches deutsches Vornamenbuch, 1996ff.; Namenforschung, hg. v. Eichler,
E. u. a., 1996; Nomen et gens, hg. v. Geuenich, D. u. a., 1997; Dumoulin, K., Die Adelsbezeichnung im deutschen und ausländischen
Recht, 1997; Kunze, K., dtv-Atlas Namenkunde, 1998; Berger, E., Erwerb und
Änderung des Familiennamens, 2001; Wagner-Kern, M., Staat und Namensänderung,
2002; Dictionnaire historique de l’anthroponymie romane, hg. v. Cano González,
A., u. a., Bd. 1ff. 2003ff.
Nancy in Frankreich ist seit 947 bezeugt. Es erhält 1265 Stadtrecht. 1766 gelangt es mit Lothringen zu Frankreich. 1768 wird es Sitz einer Universität, 1777 Sitz eines Bischofs.
Lit.: Fray, J., Nancy-le-Duc, 1986
Napoleon Bonaparte (Ajaccio 15. 8. 1769 - Longwood 5. 5. 1821), niederadliger Juristensohn, wird nach Offiziersausbildung und militärischen Erfolgen 1796 Oberbefehlshaber der Armee Frankreichs in Italien. 1799 wird er unter Sturz der Direktorialregierung Erster Konsul, am 18. 5. 1804 erblicher Kaiser der Franzosen. Binnen weniger Jahre (1804-1810) lässt er das Recht Frankreichs in fünf modernen Codes (Gesetzbüchern) erfassen und gestaltet die europäische Staatenwelt nach seinen Vorstellungen um. 1813 bei Leipzig und 1815 bei Waterloo wird er von Rußland, Österreich und Preußen bzw. England und Preußen geschlagen. Er stirbt in der Verbannung auf St. Helena.
Lit.: Köbler,
DRG 132, 141, 169; Dunan, M., Napoléon et l’Allemagne, 1942; Andreas, W., Das
Zeitalter Napoleons, 1956; Fehrenbach, E., Der Kampf um die Einführung des Code
Napoleon in den Rheinbundstaaten, 1973; Ludwig, E., Napoleon, 1977; Theewen,
E., Napoléons Anteil am Code civil, 1991; Dufraisse, R., Napoleon, 1994;
Napoleonische Herrschaft in Deutschland und Italien, hg. v. Dipper, C. u. a.,
1995; Kleßmann, E., Napoleon, 2000; Willms, J., Napoleon, 2000; Lefebvre, G.,
Napoleon, 2003; Pelzer, E., Napoleon Bonaparte, 2003
nasciturus (lat. [M.]) ist die menschliche -> Leibesfrucht im Mutterleib.
Lit.: Koch, E., Der nasciturus als Rechtsgut, in: Cupido legum, hg. v. Burgmann, L. u. a., 1985, 87
nasciturus pro iam nato habetur (lat.). Das erst noch geboren werdende (gezeugte) Kind wird als schon geboren behandelt.
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 5. A. 1991, 125, Nr. 1 (Paulus, um 160 - um 230, Digesten 50, 16, 231)
Nassau ist eine im 12. Jh. an der unteren Lahn erscheinende Familie, die von 1292 bis 1298 den deutschen König stellt und 1815 das Königtum in den Niederlanden erlangt. Ihr seit dem 12. Jh. an der Lahn enstehendes Herrschaftsgebiet wird als 1814 mit einer Verfassung versehenes Herzogtum (1806) 1866 von Preußen annektiert und geht 1945 in Hessen auf.
Lit: Köbler, Historisches Lexikon; Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 192; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff, 3,3,2878; Nassau und Oranien, hg. v. Tamse, C., 1985; Gensicke, E., Landesgeschichte des Westerwaldes, 2. A. 1987; Zimmermann, R., Die Bemühungen um eine Privatrechtskodifikation im Herzogtum Nassau 1806-1866, 1988; Vater, A., Hexenverfolgungen in nassauischen Grafschaften, Diss. jur. Marburg 1988; 175 Jahre Nassauische Verfassung, red. Friedrich, B., 1989; Schüler, W., Die nassauische Verfassung vom 1./2. September 1814, in: Hessen, 1997, 59; Nassauische Parlamentarier, hg. v. Rösner, C., 1997; Regierungsakten der Herzogtums Nassau 1803-1814, bearb. v. Ziegler, 2001
nasteid (ahd. [M.]) Eid der frühmittelalterlichen Alemannen auf den Zopf
natio (lat. [F.]) Geburt, Geschlecht, Landsmannschaft, Volk
Lit.: Hugelmann, G., Stämme, Nation und Nationalstaat, 1955; Aspekte der Nationenbildung im Mittelalter, 1978; Eichenberger, T., Patria, 1991
Nation ist die durch die Einheit von Sprache und Kultur bzw. durch die Gleichheit der politischen Entwicklung zusammengeschlossene Gesamtheit von Menschen. Bedeutsam wird die Nation vor allem im 19. Jh.
Lit.:
Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 7 1992, 141; Das Staatsrecht des Heiligen
Römischen Reiches deutscher Nation, hg. v. Wagner, W., 1968; Zeumer, K.,
Heiliges Römisches Reich deutscher Nation, 1910; Hugelmann, G., Stämme, Nation
und Nationalstaat, 1955; Plessner, H., Die verspätete Nation, 4. A. 1966;
Schröcker, A., Die deutsche Nation, 1974; Landwehr, G., „Nation“ und „Deutsche
Nation“, FS W. Reimers, 1979, 1; Brinkmüller, E., Nation Österreich, 1984;
Region, Nation, Europa, hg. v. Lottes, G., 1992; Nation, Nationalismus, Postnation, hg.
v. Klueting, H., 1992; Dann, O., Nation und Nationalismus, 1993; Die deutsche Nation, hg.
v. Dann, O., 1995; Dann, O., Nation und Nationalismus, 3. A. 1996;
Nationenbildung, hg. v. Münkler, H., 1997; Pollmann,
K., Nation und Nationalstaat, 1998; Blitz, H., Aus Liebe zum Vaterland, 2000; Langewiesche, D., Nation, Nationalismus, Nationalstaat, 2000
Nationalgesetzbuch ist das die Rechtsordnung einer -> Nation vereinheitlichende -> Gesetzbuch. Am Beginn des 19. Jh.s findet im deutschen Sprachraum ein Streit um ein N. statt (-> Kodifikationsstreit). Das N. löst sowohl das partikulare Recht wie auch das subsidiäre gemeine Recht ab.
Lit.: Wieacker, F., Der Kampf des 19. Jahrhunderts um die Nationalgesetzbücher, in: Industriegesellschaft und Privatrechtsordnung, 1974, 55; Dölemeyer, B., Der Kampf des 19. Jahrhunderts um die Nationalgesetzbücher, in: Industriegesellschaft und Privatrechtsordnung, 1974, 79
Nationalismus ist das in der Mitte des 18. Jh.s vom Gedankengut der studentischen Landsmannschaften und der Romantik ausgehende Denken in -> Nationen. Es führt in Europa im 19. Jh. zu nationalen, im Kulturellen beginnenden und danach politisierten Gegensätzen. Diese entladen sich im Ersten und Zweiten Weltkrieg.
Lit.: Dann, O., Nation und Nationalismus, 1993; Echternkamp, J., Der
Aufstieg des deutschen Nationalismus (1770-1840), 1998; Weißmann, K., Der
nationale Sozialismus, 1998; Identità territoriali e
cultura politica nella età moderna. Territoriale Identität und politische
Kultur in der frühen Neuzeit, hg. v. Bellaberba, M. u. a., 2000; Nationalismus und
Nationalbewegung in Europa 1914-1945, hg. v. Timmermann, H.,
1999; Langewiesche, D., Nation, Nationalismus,
Nationalstaat, 2000; Gramley, H., Propheten des deutschen Nationalismus, 2001;
Hirschhausen, U. v./Leonhard, J., Nationalismen in Europa, 2001; Wehler, H.,
Nationalismus, 2001; Müller, S., Die Nation als Waffe und Vorstellung, 2003
Nationalitätenstaat (Vielvölkerstaat)
Lit.: Das Nationalitätenrecht des alten Österreich, hg. v. Hugelmann, K., 1934
Nationalkirche ist die das Nationale betonende christliche Kirche. In der frühen Neuzeit versteht sich die Kirche in Frankreich und England in unterschiedlich starkem Ausmaß als Nationalkirche.
Lit.: Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972; Staat und Kirche im Wandel der Jahrhunderte, hg. v. Fuchs, W., 1966
nationalliberal (national und liberal)
Nationalökonomie (F.) Volkswirtschaft
Nationalrat ist eine Bezeichnung für eine Volksvertretung (z. B. Österreich 1920).
Lit.: Köbler, DRG 248; Baltl/Kocher
nationalsozial (national und sozial), 1896 als Bezeichnung einer von Friedrich Naumann begründeten Arbeiterpartei auf christlicher Grundlage und monarchischem, nationalem Boden verwendet
Nationalsozialismus ist eine vielleicht
schon in der fortschrittlichen Ordnung der französischen Revolution von 1789
angelegte, im frühen 20. Jh. in Deutschland auf der Grundlage von
Nationalismus und Sozialismus entstandene, unter Adolf -> Hitler von 1933
bis 1945 in -> Deutschland die Macht ausübende politische Bewegung. Der N.
weist keine eigentliche rechtstheoretische Grundhaltung auf. Er geht lediglich
von der Vorstellung aus, dass er die richtige Weltanschauung sei, die mit allen
Mitteln, und deshalb auch mit dem Mittel des Rechts, verwirklicht werden müsse.
Das an vorgegebenen konkreten Lebensordnungen des völkischen
Gemeinschaftswillens auszurichtende Recht ist ihm nur ein Kampfinstrument zur
Durchsetzung der vom Führer ohne Kontrolle aus seinem Charisma heraus
geschaffenen Weltanschauung in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Da der
Positivismus des ausgehenden 19. Jh.s alle außerjuristischen Gehalte
ausgesondert hat, sind die während seiner Vorherrschaft entstandenen Gesetze
dem N. nicht abträglich. Er braucht lediglich die bestimmten, ursprünglich als
selbstverständlich mitgedachten Voraussetzungen, dass der Staat sittlichen
Prinzipien folgt und die Macht nicht rechtswidrig anwendet, aufzugeben und die
ausgeschiedenen außerjuristischen Inhalte durch sein Gedankengut zu ersetzen.
Das Gesetz kann bei dieser Auslegung formal völlig unverändert bleiben. Im
äußersten Fall gerät es, weil es „dem gesunden Volksempfinden ins Gesicht
schlägt“, außer Anwendung. Soweit auf Grund des N. strafgerichtliche Verurteilungen aus
politischen, militärischen, rassischen, religiösen oder weltanschaulichen
Gründen, die unter Verstoß gegen Grundgedanken der Gerechtigkeit
(Unrechtsurteile) ergangen sind, sind diese durch das Gesetz zur Aufhebung
nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege vom 25. 8.
1998 aufgehoben.
Lit.:
Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 221, 226, 228, 248; Neurohr, R., Der Mythos vom
Dritten Reich, 1957; Nationalsozialismus und die deutsche Universität, 1966;
Brodersen, C., Gesetze des NS-Staates, 1968; Justiz und NS-Verbrechen, Bd. 1ff.
1968ff.; Matzerath, H., Nationalsozialismus und kommunale
Selbstverwaltung, 1970; Bracher, K., Die deutsche Diktatur, 6. A. 1980; Schulz,
Der Aufstieg des Nationalsozialismus, 1975; Bayern in der NS-Zeit, hg. v. Institut
für Zeitgeschichte, Bd. 1ff. 1977ff.; NS-Verbrecher vor Gericht, hg. v.
Moritz-Noam, 1978; Anderbrügge, K., Völkisches
Rechtsdenken, 1978; Mosse, G., Ein Volk, ein Reich, ein Führer, 1979;
Hüttenberger P., Bibliographie zum Nationalsozialismus, 1980; Wassermann, R.,
Justiz und Nationalsozialismus, 1983; Recht, Rechtsphilosophie und
Nationalsozialismus, hg. v. Rottleuthner, H., 1983;
Recht, Verwaltung und Justiz im Nationalsozialismus, hg. v. Hirsch, M. u. a., 2. unv. A. 1997; Recht und
Unrecht im Nationalsozialismus, hg. v. Salje, P., 1985; Jasper, G., Justiz und
Nationalsozialismus, 1985; Rüping, H., Bibliographie zum Strafrecht im
Nationalsozialismus, 1985; Schmuhl, H., Rassenhygiene, Nationalsozialismus und
Euthanasie, 1987; Gribbohm, G., Nationalsozialismus und Strafrechtspraxis, NJW
1988, 2842; Rechtsgeschichte im Nationalsozialismus, hg. v. Stolleis, M./Simon,
D., 1989; Rüthers, B., Die unbegrenzte Auslegung, 5. A. 1997;
Rechtsgeschichte im Nationalsozialismus, hg. v. Säcker, F., 1992; Nationalsozialismus
und Modernisierung, hg. v. Prinz, M. u. a., 2. A. 1994; Fischer, C., The Rise of the Nazis, 1995; Die deutsche
Rechtsgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus, hg. v. Rückert,
J./Willoweit, D., 1995; Die braune Elite, hg. v. Smelser, R. u. a., Bd. 1 4. A.
1999, Bd. 2 2. A. 1999; Münchner rechtshistorische Studien zum
Nationalsozialismus, hg. v. Nehlsen, H. u. a., 1996; Wilhelm, F., Die
Polizei im NS-Staat, 1997; Friedländer, H., Der Weg zum NS-Genozid, 1997;
Ämter, Abkürzungen, Aktionen des NS-Staates, bearb. v. Boberach, H. u. a.,
1997; Wüllner, F., Die NS-Militärjustiz, 2. A. 1997; Rees, L., Die Nazis, 1997;
Nation und Nationalsozialismus in wissenschaftlichen Standardwerken
Österreich-Ungarns, hg. v. Kiss, E., 1997; Die westdeutschen Strafverfahren
wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945-1997, hg. v. Rüter,
C./Mildt, D. de, 1998; Nationalsozialistische Vernichtungspolitik, hg. v.
Herbert, U., 1998; Deutsches Judentum unter dem Nationalsozialismus, Bd. 1ff
1998ff.; Eck, C., Die Wiedergutmachung zwischen 1945 und 1989, 1997; Wessel,
M., NS-Justizverbrechen und Nachkriegsrechtsprechung, 1998; Hammerschmidt, P.,
Die Wohlfahrtsverbände im NS-Staat, 1998; Weißmann, K., Der nationale
Sozialismus, 1998; Reiter, R., 30 Jahre Justiz und NS-Verbrechen, 1998; Recht
und Nationalsozialismus, hg. v. Düwell, F. u. a., 1998; Meyer, Seitz, C., Die
Verfolgung von NS-Straftaten in der sowjetischen Besatzungszone, 1998;
Entschädigung für NS-Zwangsarbeit, hg. v. Barwig, K. u. a., 1998; Deutsche
Historiker im Nationalsozialismus, hg. v. Schulze, W. u. a. 1999; Burleigh, M.,
Die Zeit des Nationalsozialismus, 2000; Burleigh, M., Die Zeit des
Nationalsozialismus, 2000; Luntowski, G., Hitler und die Herren an der Ruhr,
2000; Ruck, M., Bibliographie zum Nationalsozialismus, 2000; Hartl, B., Das
nationalspzialistische Willensstrafrecht, 2000; Wiggershaus-Müller, U.,
Nationalsozialismus und Geschichtswissenschaft, 2. A. 2000; Süß-Hoffmann, E.,
Das BGB und der Versuch einer Rechtserneuerung im nationalsozialistischen
Sinne, Diss. jur. Mannheim 2000; Schröder, F., Die anwaltliche Tätigkeit
während der nationalsozialistischen Herrschaft, 2001; Mink, A., Zwangsarbeiter,
2001; Müller, T., Recht und Volksgemeinschaft, 2001; Königseder, A., Recht und
nationalsozialistische Herrschaft – Berliner Anwälte 1933-1945, 2001; Gailus,
M., Protestantismus und Nationalsozialismus, 2001; Wietog, J., Volkszählungen
unter dem Nationalsozialismus, 2001; Döring, M., Parlamentarischer Arm der
Bewegung, 2001; Greve, M., Der justitielle und rechtspolitische Umgang mit den
NS-Gewaltverbrechen in den sechziger Jahren, 2001; Freudiger, K., Die
juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen, 2002; Gellately, R., Hingeschaut
und weggesehen, 2002; Prollius, M. v., Das Wirtschaftssystem der Nationalsozialisten
1933-1939, 2002; Shuk, A., Das nationalsozialistische Weltbild in der
Bildungsarbeit von Hitlerjugend und Bund deutscher Mädel, 2002; Essner, C., Die
Nürnberger Gesetze, 2002; Weinke, A., Die Verfolgung von NS-Tätern, 2002; Wagner,
K., NS-Ideologie im heutigen Strafrecht, 2002; Wagner, P., Hitlers
Kriminalisten, 2002; Vieregge, B., Die Gerichtsbarkeit einer Elite, 2002;
Sachsen in der NS-Zeit, hg. v. Vollnhals, C., 2002; Wildt, M., Generation des
Unbedingten, 2002; Gelhaus, D./Hülter, J., Die Ausleseschulen als Grundpfeiler
des NS-Regimes, 2003; Süß, W., Der Volkskörper im Krieg, 2003; Volkmann, H.,
Ökonomie und Expansion, 2003; Prollius, M., Das Wirtschaftssystem der
Nationalsozialisten 1933-1939, 2003; Schauer, R., Die Steuergesetzgebung des
Nationalsozialismus, 2003
Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ist die am 5. 1. 1919 als Deutsche Arbeiterpartei gegründete Partei, welche nach dem Eintritt des berufslosen Gefreiten Adolf -> Hitler im September 1919 am 24. 2. 1920 in 25 Punkten ihr politisches Programm veröffentlicht. Sie bestimmt, gegliedert in Ortsgruppen (mit ehrenamtlichen Leitern) und Gaue, das politische Geschehen im Deutschen Reich von 1933 bis 1945. Am 10. 10. 1945 wird sie durch das Gesetz Nr. 2 des -> Alliierten Kontrollrats aufgelöst. -> Nationalsozialismus
Lit.: Der Aufstieg der NSDAP, hg. v. Deuerlein, E., 1980; Pätzold, K., Geschichte der NSDAP, 1998; Block, N., Die Parteigerichtsbarkeit der NSDAP, 2002; Rösch, Mathias, Die Münchener NSDAP, 2002; Reibel, C., Das Fundament der Diktatur. Die NSDAP-Ortsgruppen 19323-1945, 2002
Nationalsozialistisches Recht ist das vom -> Nationalsozialismus geprägte bzw. geschaffene bzw. angewandte Recht. Neu geschaffen wird dabei in erster Linie das Verfassungsrecht, welches das parlamentarische System in eine -> Diktatur verwandelt. Durch Verordnungen des Reichspräsidenten vom 4. 2. 1933 und 28. 2. 1933 werden die wichtigsten Grundrechte außer Kraft gesetzt. Durch das -> Ermächtigungsgesetz vom 24. 3. 1933 überträgt der Reichstag seine Gesetzgebungsgewalt auf die Reichsregierung. Das vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länderparlamente mit dem Reich (31. 3. 1933) überlässt den Landesregierungen Gesetzgebungszuständigkeit und setzt die Länderparlamente entsprechend der Sitzverteilung des Reichstages zusammen. Das unmittelbar anschließende Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich (7. 4. 1933) stellt an die Spitze der nichtpreußischen Länder einen Reichsstatthalter, der die Landesregierung ernennt. Seit Mai 1933 werden verschiedene Parteien verboten oder aufgelöst. Mit Gesetz vom 30. 1. 1934 werden die Landesparlamente aufgehoben und die Landesregierungen der Reichsregierung unterstellt. Am 14. 2. 1934 wird der -> Reichsrat aufgelöst. Nach dem Tod des Reichspräsidenten (12. 8. 1934) übernimmt Adolf -> Hitler dessen Amt. Daneben werden Minderheiten, vor allem die -> Juden, entrechtet (Nürnberger Gesetze). Rechtsstaatliche Verfahrensregeln werden eingeschränkt. Bedeutendere Einzelgesetze sind im übrigen selten und führen teilweise auch ältere Ansätze weiter (Ehegesetz, Testamentsgesetz, Reichserbhofgesetz, Deutsche Gemeindeordnung). Der Versuch einer völligen Neugestaltung des bürgerlichen Rechts in einem -> Volksgesetzbuch misslingt. Soweit die älteren Gesetze erhalten bleiben, werden sie durch „unbegrenzte Auslegung“ verändert.
Lit.:
Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 226ff.; Schmitt, C., Nationalsozialistisches
Rechtsdenken, Deutsches Recht 1934, 225; Kogon, E., Der SS-Staat, 1946; Kern,
E., Geschichte des Gerichtsverfassungsrechts, 1954; Schorn, H., Der Richter im
Dritten Reich, 1959; Schorn, H., Die Gesetzgebung des Nationalsozialismus,
1963; Echthölter, K., Das öffentliche Recht im nationalsozialistischen Staat,
1970; Jäger, H., Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, 1967; Justiz und
NS-Verbrechen, red. v. Bauer, F. u. a., Bd. 1ff. 1986; Bucheit, G., Richter in
roter Robe, 1968; Stolleis, M., Gemeinwohlformeln im nationalsozialistischen
Recht, 1974; Anderbrügge, K., Völkisches Rechtsdenken, 1978; Meinck, J.,
Weimarer Staatsrechtslehre und Nationalsozialismus, 1978;
Nationalsozialistisches Recht in historischer Perspektive, hg. v. Hattenhauer,
H., 1981; Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat, hg. v. Walk, J., 1981;
Stolleis, M., Nationalsozialistisches Recht, HRG, Bd. 3 1981, 873; Fieberg, G.,
Justiz im nationalsozialistischen Deutschland 1984; Ramm, T., Das
nationalsozialistische Familien- und Jugendrecht, 1984; Biesemann, J., Das
Ermächtigungsgesetz, 1985; Popp, H., Die nationalsozialistische Sicht, 1986;
Majer, D., Die Grundlagen des nationalsozialistischen Rechtssystems, 1987;
Brenzina, M., Ehre und Ehrenschutz im nationalsozialistischen Recht, 1987;
Werle, G., Zur Reform des Strafrechts in der NS-Zeit, NJW 1988, 2865; Rüthers,
B., Recht als Waffe des Unrechts, NJW 1988, 2825; Stolleis, M., Recht im
Unrecht, 1994; Reiter, R., Nationalsozialismus und Moral, 1996; Vogl, R., Stückwerk und
Verdrängung, 1997; Faupel, R./Eschen, K., Gesetzliches Unrecht, 1998; Dörner,
B., „Heimtücke“, 1998; Friedrich, J., Freispruch für die Nazi-Justiz, 1998;
Dokumentation des NS-Strafrechts, hg. v. Ostendorf, H. 2000; Spoerer, M.,
Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz, 2001; Enzyklopädie des Nationalsozialismus
(1997) CD-ROM, hg. v. Benz, W. u. a. 2000; Feldman, G., Die Allianz und die
deutsche Versicherungswirtschaft, 2001
Nationalstaat ist der die Einheit der -> Nation und die Abgrenzung gegenüber anderen Nationen besonders betonende Staat seit dem 19. Jh. (z. B. Frankreich), verstärkt seit 1918.
Lit.:
Köbler, DRG 205; Hugelmann, K., Stämme, Nation und Nationalstaat im deutschen
Mittelalter, 1955; Meinecke, F., Weltbürgertum und Nationalstaat, 7. A. 1963;
Huber, E., Nationalstaat und Verfassungsstaat, 1965; Schöllgen, G.,
Determinanten deutscher Identität, Hist. Jb. 105 (1985), 455; Langewiesche, D., Nation, Nationalismus, Nationalstaat, 2000
Nationalversammlung ist eine die -> Nation vertretende Versammlung von Abgeordneten. In Frankreich ist N. das Parlament. Im Deutschen Bund bereitet die deutsche N. die Verfassung vor. Auf Grund von Wahlen in den Einzelstaaten wird sie am 18. 5. 1848 in der Frankfurter Paulskirche eröffnet und nach dem 28. 4. 1849 infolge Scheiterns der politischen Bewegung aufgelöst. Daneben tagt auch eine preußische N. Am 6. 2. 1919 wird in Weimar eine verfassunggebende N. eröffnet, die den Entwurf einer Reichsverfassung am 31. 7. 1919 verabschiedet.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 171, 221, 256; Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main, hg. v. Wigard, F., Bd. 1ff. 1948/9; Schrader, R., Die Fraktionen der preußischen Nationalversammlung von 1848, Diss. phil. Leipzig 1923; Ziegler, W., Die deutsche Nationalversammlung 1919/29, 1932; Mann, B., Das Ende der Nationalversammlung im Jahre 1849, HZ 214 (1972), 265; Siemann, W., Die Frankfurter Nationalversammlung, 1976; Laufs, A., Recht und Gericht im Werk der Paulskirche, 1978; Fiedler, W., Die erste deutsche Nationalversammlung, 1980; Diestelkamp, B., Nationalversammlung, HRG, Bd. 3 1980; Nörr, K., Die Weimar Nationalversammlung und das Privatrecht, Gedächtnisschrift W. Kunkel, 1984, 317; Meinerzhagen, U., Möglichkeiten und Grenzen sozialpolitischen Handelns in der Frankfurter Nationalversammlung, Diss. jur. Heidelberg 1987; Die Frankfurter Nationalversammlung 1948/49, hg. v. Koch, R., 1989
Naturalersatz (Naturalrestitution) ist der Ersatz eines Schadens in Natur.
Lit.: Köbler, DRG 166, 217
Naturalisation (Einbürgerung) ist die seit dem 19. Jh. gesetzlich genau festgelegte Verleihung der Staatsbürgerschaft.
Lit.: Rehm, H., Der Erwerb der Staats- und Gemeindeangehörigkeit, Ann. d. Dt. Reichs-Gesetzgebung 25 (1892), 137; Zenthöfer, E., Zur Geschichte des Begriffs der Staatsangehörigkeit, Diss. jur. Königsberg 1938; Grawert, R., Staat und Staatsangehörigkeit, 1973
naturalis obligatio (lat. [F.]) ist im römischen Recht die natürliche, unvollkommene Verbindlichkeit (z. B. Geschäftsschuld eines Sklaven oder Hauskindes). Sie kann freiwillig erfüllt, ihre Erfüllung kann aber nicht erzwungen werden. In der Neuzeit gelten Spielschulden und Ehemäklerlohn als nicht erzwingbare Verbindlichkeiten.
Lit.: Kaser
§§ 15 I 4c, 33 II, 49 II 1a, 60 II 3c; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd.
1f. 1985ff.; Landolt, P., Naturalis obligatio and bare social duty, 2000
Naturalleistung ist die Leistung in Natur. Im spätantiken römischen Recht ist der Inhalt des Leistungsurteils wegen der wirtschaftlichen Verschlechterung grundsätzlich auf N. gerichtet. Geldersatz ist nur zu erbringen, wenn die an sich geschuldete Leistung unmöglich oder ungenügend ist. Im Mittelalter sind Leistungen weitgehend als N. zu bewirken. Seit dem Spätmittelalter wird das römische Recht aufgenommen.
Lit.: Köbler, DRG 63, 166, 217; Lamprecht, K., Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter, Bd. I 2 1886, 944; Haussherr, H., Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit, 4. A. 1970, 4, 378
Naturalrestitution -> Naturalersatz, Naturalleistung
Naturalwirtschaft ist die geldlose Wirtschaft. Sie findet sich dort, wo Geld völlig fehlt oder keinen wirtschaftlichen Wert hat (z. B. Germanen, Spätantike). Sie ist der Geldwirtschaft an Beweglichkeit unterlegen.
Lit.: Köbler, DRG 57, 77; Dopsch, A., Naturalwirtschaft und Geldwirtschaft, 1930
Natur der Sache ist das Wesen eines Gegenstandes. Unter (lat.) natura (F.) rei verstehen die klassischen römischen Juristen eine Schranke rechtlicher Gestaltungsmöglichkeit. Demgegenüber wird die N. d. S. in der 2. Hälfte des 18. Jh.s bei ->Pütter (1725-1807) und -> Runde (1741-1807) als Rechtsquelle (des gesamten -> deutschen Privatrechts) verwendet. Mit dem Naturrecht wird dies als nicht überzeugend wieder aufgegeben.
Lit.:
Kroeschell, DRG 3; Dreier, R., Zum Begriff der Natur der Sache, 1965; Marx, H., Die juristische Methode der
Rechtsfindung aus der Natur der Sache, Diss. jur. Göttingen 1967; Dießelhorst,
M., Die Natur der Sache, 1968; Neusüß, W., Gesunde Vernunft und Natur der
Sache, 1970;
Holzhauer, H., Natur als Argument in der Rechtswissenschaft, FS K. Kroeschell,
hg. v. Köbler, G. u. a., 1997
natürliche Grenze ist die von der Natur durch Wasser, Sümpfe, Wälder, Gebirge oder Wüsten gebildete -> Grenze eines Gebietes. Sie verliert im Laufe der menschlichen Geschichte ihre Bedeutung gegenüber der künstlichen Grenze.
Lit.: Ziegler, K., Völkerrechtsgeschichte, 1994
Naturrecht ist die Gesamtheit der der Natur innewohnenden, zeitlos gültigen, vernunftnotwendigen und vom Menschen nicht geschaffenen Rechtssätze. Das N. ist bereits der griechischen Philosophie (griech. physei dikaion [N.]) als Gegensatz zum vom Menschen gesetzten Recht (griech. thesei dikaion [N.]) bekannt. Danach ist von Natur aus rechtens, was überall und schon unabhängig von menschlicher Zustimmung gilt. Dieses N. wird von den Römern als von der (lat.) naturalis ratio (F.) beherrschtes ius (N.) naturale übernommen (z. B. Verbindung von Mann und Frau und Aufzucht von Kindern) und dem (lat.) ius (N.) gentium zur Seite gestellt. Nach christlicher Ansicht stammt es (als [lat.] lex [F.] aeterna, vom Menschen erkennbar in der [lat.] lex [F.] naturalis) von Gott. Demgegenüber sehen die Glossatoren das römische Recht als gegeben an und stellen die Frage nach einem übergeordneten Naturrecht nicht. In der frühen Neuzeit betonen spanische Spätscholastiker (z. B. Francisco de Vitoria 1493-1546, Fernando Vasquez 1512-1569) und deutsche Reformierte (z. B. Johann Oldendorp 1486-1567, Johannes Althusius 1557-1638) erneut die besondere Bedeutung des Naturrechts. Der in Leiden und Orléans am gemeinen Recht geschulte Niederländer Hugo -> Grotius (1583-1645) überführt in (lat.) De iure praedae (1606-8) und in (lat.) De iure belli ac pacis tres (Drei Bücher Kriegs- und Friedensrecht, 1624) die Naturrechtslehren aus der Moraltheologie in die Rechtswissenschaft. Ihm folgt in Deutschland zunächst Samuel Pufendorf (1632-1694, [lat.] De iure naturae et gentium libri octo, Acht Bücher Natur- und Völkerrecht, 1672), der in Heidelberg im Jahre 1661 (außerhalb der juristischen Fakultät) den ersten Lehrstuhl für N. erhält. Weil das N. jetzt besonders auf die Vernunft abstellt, bezeichnet man es auch als -> Vernunftrecht. Klassischer Vertreter des deutschen Vernunftrechts ist der im wesentlichen mit der Reformuniversität -> Halle verbundene Christian -> Thomasius (1655-1720, [lat.] Fundamenta [N.Pl.] iuris naturae et gentium, 1705, Grundlagen des Natur- und Völkerrechts), der das Recht endgültig von Theologie und Moral befreit. Sein Schüler Christian -> Wolff (1679-1754) schließlich stellt unter starkem Rückgriff auf das im usus modernus pandectarum verwendete gemeine Recht seiner Zeit ein geschlossenes System naturrechtlicher Sätze insgesamt auf ([lat.] Ius [N.] naturae methodo scientifica pertractatum, 1740-1749, Naturrecht wissenschaftlich durchgeführt), mit dem er jedoch, weil er in konstruktiver Überspitzung etwa für einen einzigen einzelnen Folgesatz bis zu 300 Obersätze voraussetzt, zugleich die Ablösung des (in Frankreich und England sowie im positivistisch-historisch bestimmten Kirchenrecht der frühen Neuzeit fremd bleibenden) Naturrechts als in der Rechtswirklichkeit nicht brauchbar einleitet. Unmittelbare Übernahme von behaupteten Naturrechtssätzen in die Rechtspraxis finden sich kaum. Bei Darjes und Nettelbladt geht das N. bereits in der Dogmatik des geltenden rechts auf. Nach 1945 werden kurzfristig naturrechtliche Gedanken wieder aufgegriffen. Problematisch ist das N. deswegen, weil es mit bereits vorausgesetzten ethischen Kriterien an die Wirklichkeit herantritt und aus ihr auswählt, was es für maßgeblich hält.
Lit.: Kroeschell, DRG 2,3; Köbler, DRG 31, 144, 145; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 4 1978, 245; Schubert, A., Augustins Lex-aeterna-Lehre, 1924; Dulckeit, G., Naturrecht und positives Recht bei Kant, 1932, Neudruck 1973; Thieme, H., Die Zeit des späten Naturrechts, ZRG GA 56 (1936), 202; Stratenwerth, G., Die Naturrechtslehre des Johannes Duns Scotus, 1951; Flückiger, F., Geschichte des Naturrechts, 1954; Thieme, H., Das Naturrecht und die europäische Privatrechtsgeschichte, 2. A. 1954; Welzel, H., Naturrecht und materiale Gerechtigkeit, 4. A. 1962; Wieacker, F., Vom heutigen Stand der Naturrechtsdiskussion, 1965; Weigand, R., Die Naturrechtslehre der Legisten und Dekretisten, 1967; Rüping, H., Die Naturrechtslehre des Christian Thomasius, 1968; Wunner, S., Christian Wolff und die Epoche des Naturrechts, 1968; Weinkauff, H., Der Naturrechtsgedanke in der Rechtsprechung, NJW 13 (1969), 1689; Röd, W., Geometrischer Geist und Naturrecht, 1970; Luig, K., Zur Verbreitung des Naturrechts in Europa, TRG 40 (1972), 539; Naturrecht in der Kritik, hg. v. Böckle, F. u. a., 1973; Teubner, W., Kodifikation und Rechtsreform in England, 1974; Nörr, K., Naturrecht und Zivilprozess, 1976; Carpintero-Benitez, F., Del derecho natural medieval al derecho natural moderno, 1977; Wesener, G., Römisches Recht und Naturrecht, 1978; Link, C., Herrschaftsordnung und bürgerliche Freiheit, 1979; Luig, K., Der Einfluss des Naturrechts auf das positive Privatrecht im 18. Jahrhundert, ZRG GA 96 (1979), 38; Lipp, M., Die Bedeutung des Naturrechts für die Ausbildung der allgemeinen Lehren, 1980; Christian Wolff 1679-1754, hg. v. Schneiders, W., 1983; Klippel, D., Naturrecht als politische Theorie, in: Aufklärung als Politisierung, hg. v. Bödeker, H. u. a. 1987, 267; Christian Thomasius 1655-1728, hg. v. Schneiders, W., 1989; Bühler, C., Die Naturrechtslehre und Christian Thomasius 1655-1728, 1989; Doe, N., Fundamental Authority in Late Medieval English Law, 1990; Böhme, H., Politische Rechte des Einzelnen in der Naturrechtslehre, 1993; Naturrecht - Spätaufklärung - Revolution, hg. v. Dann, O., 1995; Voppel, D., Der Einfluss des Naturrechts auf den usus modernus, 1996; Naturrecht im 19. Jahrhundert, hg. v. Klippel, D., 1997; Recht zwischen Natur und Geschichte, hg. v. Kerregan, F. u. a., 1997; Bruch, R., Ethik und Naturrecht, 1997; Seelmann, K., Theologie und Jurisprudenz, 1997; Wie erkennt man Naturrecht, hg. v. Seifert, J., 1998; Landau, P., Methoden des kanonischen Rechts in der frühen Neuzeit zwischen Humanismus und Naturrecht, ZNR 21 (1999), 7; Hammerstein, N., Die Naturrechtslehre an den deutschen, insbesondere den preußischen Universitäten, in: Reformabsolutismus und ständische Gesellschaft, 1998, 3; Scattola, M., Das Naturrecht vor dem Naturrecht, 1999; Drescher, A., Naturrecht als utilitaristische Pflichtenethik?, 1999; Die Hallesche Schule des Naturrechts, hg. v. Rüping, H., 2002
Naturrechtler ist der Vertreter des -> Naturrechts.
Lit.: Krause, D., Naturrechtler des sechzehnten Jahrhunderts, 1982
Naturrechtskodifikation ist die auf -> Naturrecht gegründete -> Kodifikation an der Wende vom 18. zum 19. Jh.
Lit.: Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967
Naturschutz ist der Schutz der Natur (natürlichen Landschaft) durch den Staat. Der N. entsteht im 20. Jh. und wird in dessen zweiter Hälfte vom allgemeineren Umweltschutz eingeschlossen.
Lit.: Lorz,
A., Naturschutzrecht, 1985; Wettengel, M., Staat und Naturschutz, HZ 1993, 2,
335; Naturnutzung und Naturschutz in der
europäischen Rechts- und Verwaltungsgeschichte, hg. v. Heyen, V., 1999
Lit.: Fried, J., Aufstieg aus dem Untergang,
2001
Navarra ist das Gebiet zwischen Pyrenäen und Ebro, das hauptsächlich von Basken besiedelt wird. 905 wird es Königreich, fällt aber 1026 kurzfristig an Kastilien und gerät seit 1234 unter den Einfluss Frankreichs (1234-1274 Grafen der Champagne, 1284/1291-1328 Frankreich, 1329-1425 Grafen von Evreux). Der südliche Teil wird 1512 von Aragonien erobert und zu Kastilien gezogen. Der nördliche Teil kommt 1589 zu Frankreich.
Lit.: Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,251
Naziregime -> Nationalsozialismus
Neapel beruht auf einer im 8./7. Jh. v. Chr.
von Cumae aus eingerichteten Kolonie, neben der im 5. Jh. eine Neustadt
(griech. Neapolis) gebaut wird. Über Römer und Oströmer gelangt es 1057 bzw.
1139 an die Normannen (-> Sizilien). 1224 wird es durch Kaiser Friedrich II. Sitz
einer Universität. Über Anjou (1266/8), Aragonien (1435), Piemont (1713),
Österreich (1720), die Bourbonen (1735) kommt N. 1860 an Sardinien-Piemont und
danach 1861 zu Italien.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Gunn, P.,
Neapel, 1964; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren, europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,1,97, 3,1,233,
3,2,2359, 3,3,3218;
Lange, H., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997
ne bis in
idem (lat.) Nicht zweimal in derselben (Sache)
Lit.: Schwarplies, Die
rechtsgeschichtliche Entwicklung des Grundsatzes "ne bis in idem",
Diss. jur. Zürich 1970
necessitas non habet legem (lat.). Not kennt kein Gebot.
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 5. A. 1991, 126, Nr. 10 (Glosse Expedire zu Digesten 1, 10, 1, § 1)
ne eat iudex ultra petita partium (lat.). Der Richter soll nicht über die Anträge der Parteien hinausgehen.
Lit.: Liebs, D. Lateinische Rechtsregeln, 5. A. 1991
neglegentia (lat. [F.]) ist die Nachlässigkeit im spätantiken römischen Schuldrecht.
Lit.: Köbler, DRG 63; Negligence, hg. v. Schrage, E., 2001
negotiorum gestio (lat. [F.]) oder negotium gestum ist die bereits dem klassischen römischen Schuldrecht bekannte, vielleicht aus der Verfahrensführung eines (lat. [M.]) procurator und der Geschäftsführung eines (lat. [M.]) curator entstandene -> Geschäftsführung ohne Auftrag, welche als kontraktähnliches Verhältnis für den Geschäftsherrn einen Herausgabeanspruch und möglicherweise einen Schadensersatzanspruch gegen den Geschäftsführer und umgekehrt möglicherweise einen Aufwendungserstattungsanspruch des Geschäftsführers gegen den Geschäftsherrn begründet.
Lit.: Kaser §§ 8 I 2e, 44 II; Söllner §§ 9, 18; Köbler, DRG 47; Seiler, H., Der Tatbestand der negotiorum gestiorum gestio, 1968; Wollschläger, C., Die Geschäftsführung ohne Auftrag, 1976; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.
Nehrman-Ehrenstrale, David (1695-1769), Malmöer Kaufmannssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Lund, Rostock, Halle (Thomasius, Gundling) und Leiden 1720 Professor, 1721 ordentlicher Professor für schwedisches und römisches Recht in Lund und hält als erster schwedische Vorlesungen. 1729 veröffentlicht er die erste, vom römischen Recht gelöste wissenschaftliche Darstellung des Privatrechts Schwedens (Inledning til then swenska iurisprudentiam civilem). Seit 1734 folgt er dem neuen schwedischen Gesetzbuch.
Lit.: Modéer, K., Einleitung zu: David Nehrman-Ehrenstrale, Inledning ..., 1979, 26
Neidingswerk ist im mittelalterlichen nordgermanischen Recht die Missetat oder verächtliche Handlung. Voraussetzung und Folgen sind unterschiedlich.
Lit.: Amira, K. v., Die germanischen Todesstrafen, 1922; See, K. v., Altnordische Rechtswörter, 1964; Hemmer, R., Die Missetat im altschwedischen Recht, 1965
nemo iudex in causa sua (lat.). Niemand sei Richter in eigener Sache.
Lit.:
Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 5. A.
1991, 131, Nr. 56 (Codex Justinianus 3,5 Rubrik, 534)
nemo iudex sine actore (lat.). Kein Richter ohne Kläger.
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 5. A. 1991, 131, Nr. 57
nemo plus iuris ad alium transferre potest, quam ipse habet (lat.). Niemand kann mehr Rechte auf einen anderen übertragen, als er selbst hat.
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 5. A. 1991, 132, Nr. 63 (Ulpian, um 170-223, Digesten 50, 17, 54)
nemo simul actor et iudex (lat.). Niemand kann zugleich als Kläger und Richter auftreten.
Lit.:
Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 5. A. 1991, 134, Nr. 75 (Burchard von Worms, 965-1025, Decretum 16, 15)
Neoabsolutismus ist der der Verfassungsbewegung des frühen 19. Jh.s. und besonders des Jahres 1848 folgende Abschnitt des -> Absolutismus (in Österreich besonders 1851 [Silvesterpatent] – 860 [Oktoberdiplom] bzw. 1861 [Februarpatent] bzw. 1867 [Dezemberverfassung]). Im N. werden die Geschworenengerichte, der liberale Strafprozess, das liberale Prozessrecht, Vereinsrecht und Gemeinderecht wieder aufgegeben.
Lit.: Köbler, DRG 171, 193; Baltl/Kocher; Brandt, H., Der österreichische Neoabsolutismus, Bd. 1f. 1878
Nepotismus ist die Begünstigung von nahestehenden Menschen durch Machthaber, besonders in der katholischen Kirche des 15. bis 17. Jh.s.
Lit.: Reinhard, W., Nepotismus, ZKG 86 (1975), 145
Neratius (Saepinum 55/60 - nach 133) wird nach langjähriger Ämterlaufbahn von dem römischen Kaiser Trajan (98-117) in den kaiserlichen Rat aufgenommen. Er ist ein führender Vertreter der -> Prokulianer. Sein Hauptwerk sind 7 Bücher (lat. [F.Pl.]) membranae, in denen Streitfragen oder allgemeine Rechtssätze und Begriffserklärungen erörtert werden.
Lit.: Söllner § 16; Kunkel, W., Herkunft und soziale Stellung der römischen Juristen, 2. A. 1967, 144, 410; Maifeld, J., Die aequitas bei Lucius Neratius Priscus, 1991
Nerva filius (1. Jh. n. Chr.) ist ein römischer Jurist, dessen Sohn Kaiser (96-98) wird. Er ist -> Prokulianer. Von ihm ist der Buchtitel (lat.) libri (M.Pl.) de usucapionibus überliefert.
Lit.: Kunkel, W., Herkunft und soziale Stellung der römischen Juristen, 2. A. 1967, 130
Nerva pater (-33 n. Chr.) ist ein römischer Jurist, dessen Enkel Kaiser (96-98) wird. Er ist Haupt der -> Prokulianer. Die Titel seiner durch die Digesten überlieferten Schriften sind nicht bekannt.
Lit.: Söllner § 16; Kunkel, W., Herkunft und soziale Stellung der römischen Juristen, 2. A. 1967, 120
Nettelbladt, Daniel (Rostock 14. 1. 1719 - Halle 4. 9. 1791), Kaufmannssohn, wird nach dem Studium (der Theologie und) des Rechts in Rostock, Marburg (Wolff) und Halle 1746 Professor in Halle. 1749 veröffentlicht er eine Übersicht über das Naturrecht ([lat.] Systema [N.] elementare universae iurisprudentiae naturalis, Grundsystem der gesamten Naturrechtswissenschaft) und das geltende Recht ([lat.] Systema elementare universae iurisprudentiae positivae, Grundsystem der gesamten positiven Rechtswissenschaft), in denen er die Rechte und Pflichten betreffenden Wahrheiten (objektive Rechtswissenschaft) unter Bildung allgemeiner Teile vermitteln will. In seinen Werken geht das -> Naturrecht in gewisser Weise in der Dogmatik des positiven Rechts auf. Als Einzelheit erwähnenswert ist die Entwicklung des allgemeinen prozessrechtswissenschaftlichen Begriffes der Prozesshandlung. Zu Nettelbladts Schülern gehören von Carmer, Svarez und Klein, welche das preußische Allgemeine Landrecht (1794) maßgeblich prägen.
Lit.: Köbler, DRG 156, 159; Schwarz, B., Zur Entstehung des modernen Pandektensystems, ZRG RA 42 (1921), 578; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967, 321; Neusüß, W., Gesunde Vernunft und Natur der Sache, 1970, 52
Neubruch (lat. [N.] novale) ist das neugerodete Land. Von ihm wird seit dem 8. Jh. ein ->Zehnt gefordert.
Lit.: Pöschl, A., Der Neubruchzehnt, AKKR 98 (1918), 3
Neuenburg (Neuchâtel) erscheint auf der Grundlage älterer Siedlungen 1101 als neue Burg, die 1032/3 zum deutschen Reich gelangt. Am 12. 9. 1814 schließt sich N. als 21. Kanton der -> Schweiz an. 1838 erhält es eine Universität.
Lit.:
Köbler, Historisches Lexikon; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren
europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff,
2,2,455, 3,2,1879; Stribrny, W., Die Könige von Preußen als Fürsten von
Neuenburg-Neuchâtel (1707-1848), 1998
Neuhegelianismus ist eine Fortführung der Gedanken -> Hegels im späten 19. und frühen 20. Jh.
Lit.: Kroeschell, DRG 3
Neukantianismus ist eine Fortführung der Gedanken Kants im späten 19. und frühen 20. Jh.
Lit.: Kroeschell, DRG 3
Neumarkter Rechtsbuch ist das für Neumarkt in Schlesien aus der vierten deutschen Fassung des Sachsenspiegels und dem 1235 verfassten Schöffenbrief Halles an Neumarkt wohl in der ersten Hälfte des 14. Jh.s (1327/35) hergestellte, in einer unvollständigen Handschrift (des ersten Drittels?) des 14. Jh.s überlieferte Rechtsbuch. Das davon verschiedene Neumarkter Recht ist in zahlreichen Orten Schlesiens und Polens nachzuweisen. 1352 schließt sich Neumarkt dem Magdeburg-Breslauer Recht an.
Lit.: Meinardus, O., Das Neumarkter Rechtsbuch, 1906; Sandow, E., Das Halle-Neumarkter Recht, 1932; Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1 1990, 60; Kannowski, B./Dusil, S, Der hallensische Schöffenbrief für Neumarkt von 1235 und der Sachsenspiegel, ZRG GA 120 (2003) 61
Neumünstersche Kirchspielbräuche sind gewohnheitsrechtliche, spät aufgezeichnete Rechtssätze des Kirchspiels Neumünster in Holstein.
Lit.: Seestern-Pauly, F., Die Neumünsterschen Kirchspielgebräuche und die Bordesholmischen Amtsgebräuche, 1824; Sievers, H., Die Neumünsterschen Kirchspielbräuche und die Bordesholmischen Amtsgebräuche, Diss. jur. Kiel 1956
Neun Bücher des Magdeburger Rechts sind ein zwischen 1400 und 1402 von dem seit 1385 in Thorn als Stadtschreiber nachweisbaren Walter Ekhardi aus der systematischen Fassung der -> Magdeburger Fragen, dem alten -> Kulm, dem glossierten -> Sachsenspiegel, dem Magdeburger Weichbild, dem Lehnrecht in Distinktionen und dem -> Meißner Rechtsbuch zusammengestelltes Rechtsbuch. Um 1408 werden die Neun Bücher des Magdeburger Rechts unter Verwendung des Richtsteig Landrechts und des Schwabenspiegels auf die Hälfte gekürzt. Diese Fassung wird 1574 von dem Notar Albert -> Poelmann (Königsberg) in Magdeburg herausgegeben.
Lit.: Amira, K. v. /Eckhardt, K., Germanisches Recht, Bd. 1 4. A. 1960, 171; Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1 1990, 51
Neuostpreußen ist ein von Preußen bei den Teilungen -> Polens 1793/5 erlangtes Gebiet.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon (Preußen); Bussenius, C., Die preußische Verwaltung in Süd- und Neuostpreußen 1793-1806, 1960
Neustrien (Westgebiet ?) ist ein Teil des fränkischen Reiches vom späten 6. Jh. (um 600 ?) bis zum 8. Jh.
Lit.: Kretschmer, P., Das Rätsel des Namens Neustria, Forschungen und Fortschritte 14 (1938), 114; Lugge, M., Gallia und Francia im Mittelalter, 1960; La Neustrie, hg. v. Atsma, H., 1989
Neutralität ist die Nichtbeteiligung eines Staates an einer kriegerischen Auseinandersetzung. Sie findet sich seit dem ausgehenden Mittelalter, als bewaffnete N. seit dem späten 18. Jh. 1856 begründet die Pariser Seerechtsdeklaration das moderne Neutralitätsrecht. Die Schweiz behauptet seit 1815, Österreich seit 1955 N. (2001 Allianzfreiheit).
Lit.:
Köbler, DRG 248; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 4 1978, 315; Bergbohm, C.,
Die bewaffnete Neutralität 1780-1783, 1884; Verosta, S., Die dauernde
Neutralität, 1967; Ziegler, K., Völkerrechtsgeschichte, 1994; Chevallez, G., Die
Herausforderung der Neutralität, 1997; Setzen, F., Neutralität im zweiten
Weltkrieg, 1997; Neff, S., The rights and duties of neutrals, 2000
Neuzeit ist der dem Mittelalter folgende, durch
zahlreiche Neuerungen (z. B. Entdeckung
Amerikas 1492, neues heliozentrisches Weltbild, neues Verhältnis zu Gott, neue
Beziehung zum Altertum usw.) gekennzeichnete Abschnitt der menschlichen
Geschichte (Christoph
Cellarius [Keller] [1634-1707], Historia tripartita).
Lit.: Köbler, DRG 129; Friedell, E., Kulturgeschichte der Neuzeit, Neudruck 1996; Handbook of European History 1400-1600, hg. v. Brady, T. u. a., Bd. 1f. 1994; Leimgruber, N., Die Frühe Neuzeit, 1997; Vogler, G., Europas Aufbruch in die Neuzeit, 2003
Nevolin, Konstantin Alekseevic (1806-1855) wird nach dem Rechtsstudium in Sankt Petersburg und Berlin (Savigny) Professor in Kiew und seit 1843 in Sankt Petersburg. Er wirkt an der Abfassung des -> Svod Zakonov mit. In seiner Geschichte der juristischen Zivilgesetze setzt er sich für die Übernahme der Gedanken der -> historischen Rechtsschule in -> Rußland ein.
Lit.: Grothusen, K., Die historische Rechtsschule
Rußlands, 1961; Wortman, R., The Development of a Russian legal Consciousness,
1976
nexti canthichio ist eine salfränkische Wendung des (lat.-afrk.) -> thunginus des frühen 6. Jh.s (ich verstricke den Streitgegner [im Rahmen der Vollstreckung]?).
Lit.: Pactus Legis Salicae, hg. v. Eckhardt, K., 1962,
285
nexum (lat. [N.] Verknüpfung) ist ein umstrittenes, vermutlich schon im 4. Jh. v. Chr. verbotenes Haftungsgeschäft des altrömischen Rechts, bei dem durch Erz und Waage, also wohl zunächst gegen tatsächliches Entgelt (Darlehen), jemand einem anderen eine Zugriffsmacht mit der Möglichkeit der Enthaftung durch Rückzahlung einräumt.
Lit.: Kaser §§ 6 II, 7 I 3, 32 II 3b, 4c, 39 I 1; Söllner § 8; Köbler, DRG 27
Nichtberechtigter ist eine Person, der ein Recht (bzw. die Verfügungsmacht) zu dem von ihr geübten Verhalten fehlt. Nach dem römischen Recht kann von einem Nichtberechtigten grundsätzlich nicht erworben werden (lat. -> nemo plus iuris transferre potest quam ipse habet). Dagegen eröffnet das mittelalterliche Recht den -> gutgläubigen Erwerb vom Nichtberechtigten.
Lit.: Söllner, A., Der Erwerb vom Nichtberechtigten in romanistischer Sicht, FS H. Coing, 1982, 363
Nichteheliche Lebensgemeinschaft ist die ohne Eheschließung ausgeübte Lebensgemeinschaft eines Mannes und einer Frau. Ursprünglich vor allem von der Kirche als -> Konkubinat oder Verhältnis bekämpft, setzt sich die n. L. seit etwa 1980 allmählich durch. Für sie gelten im wesentlichen die allgemeinen Regeln.
Lit.:
Kroeschell, DRG 3; Schwab, D., Eheschließungsrecht und nichteheliche
Lebensgemeinschaft, FamRZ 1981, 1151; Die nichteheliche Lebensgemeinschaft, hg.
v. Landwehr, G., 1978; Die nichteheliche Lebensgemeinschaft, hg. v. Eser, A.,
1985;
Schreiber, C., Die nichteheliche Lebensgemeinschaft, 1995
Nichteheliches Kind ist in der Bundesrepublik Deutschland seit 19. 8. 1969 das
uneheliche Kind. Dieses ist auch mit seinem Erzeuger verwandt. Gegenüber dem
früheren Recht ist sein Unterhaltsanspruch erweitert und durch die
Regelunterhaltsverordnung (27. 6. 1970) präzisiert. Dennoch bestehen weiter
Unterschiede zum ehelichen Kind (Feststellung der Vaterschaft, Name, elterliche
Sorge, Unterhalt, Erbrecht). Am 12. 6. 1991 entscheidet das
Bundesverfassungsgericht, dass den Eltern eines nichtehelichen Kindes gemeinsam
das Sorgerecht zustehen kann. 1998 wird in Deutschland die
Unterscheidung zwischen nichtehelichen Kindern und ehelichen Kindern beseitigt.
Lit.:
Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 267; Leineweber, A., Die rechtliche Beziehung
des nichtehelichen Kindes, 1978; Schubert, W., Die Projekte der Weimarer
Republik zur Reform des Nichtehelichen-, des Adoptions- und
Ehescheidungsrechts, 1986; Haibach, U., Familienrecht in der Rechtssprache,
1991, 214; Heinrich, T., Das preußische Nichtehelichenrecht, 1993; Winkler, W.,
Nichteheliche Kinder und landwirtschaftliches Erbrecht, FS K. Kroeschell, hg.
v. Köbler, G. u. a., 1997; Bors, M., Bescholtene Frauen vor Gericht, 1998;
Arends Olsen, L., La femme et l’enfant, 1999; Schmitz, U., Der Unterhaltsanspruch
des nichtehelichen Kindes gegen seinen Erzeuger, 2000; Die Reform des
Nichtehelichenrechts (1961-1969), hg. v. Schubert, W., 2003
Nichterfüllung ist das Ausbleiben der Leistung eines Schuldners. Hier kennt bereits das römische Recht in vielen Fällen die Verurteilung zum Sachwert bzw. später den Schadenersatz. Dieses römische Recht wird seit dem Spätmittelalter weitgehend übernommen. Hieraus entwickelt sich das Leistungsstörungsrecht für -> Verzug, -> Unmöglichkeit und sonstige Pflichtverletzung (-> positive Forderungsverletzung).
Lit.: Kaser § 37; Scherner, K., Rücktrittsrecht wegen Nichterfüllung, 1965; Jakobs, H., Unmöglichkeit und Nichterfüllung, 1969
Nichtigkeit ist die völlige Unwirksamkeit einer an erheblichen, nicht billigenswerten Mängeln leidenden Handlung. Sie ist schon dem römischen Recht bekannt, ohne dass dieses eine durchgehende Begrifflichkeit ausbildet. Im Prozess betrifft sie das Urteil. Auch im seit dem Spätmittelalter aufgenommenen römischen Recht fehlt noch eine allgemein anerkannte Lehre der Unwirksamkeit von Verträgen, doch wird die Unwirksamkeit bereits als (lat. [F.]) nullitas bezeichnet.
Lit.: Kaser
§§ 9 I, 84 II 31; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1 1985, 413; Kriechbaum, M., Teilnichtigkeit und Gesamtnichtigkeit, in: Das
Bürgerliche Gesetzbuch und seine Richter, 2000, 39
Nichtigkeitsbeschwerde ist die Nichtigkeit behauptende Beschwerde gegen eine gerichtliche Entscheidung. Sie wird auf umstrittener Grundlage in Italien seit dem 12. Jh. für grobe Verfahrensfehler (bei einer [lat.] sententia [F.] nulla) allmählich entwickelt (lat. querela [F.] nullitatis). Seit dem 16. Jh. wird sie im Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation) in unklarer Abgrenzung zur -> Appellation aufgenommen. Seit 1877/9 kann eine Nichtigkeit nur in den gesetzlich fest umrissenen Fällen der -> Wiederaufnahme des Verfahrens geltend gemacht werden (Nichtigkeitsklage). Im Strafverfahren des Nationalsozialismus kann ein rechtskräftiges Urteil vom Oberreichsanwalt mit der N. angegriffen werden. -> Nichtigkeitsklage
Lit.: Köbler, DRG 156, 235; Kroeschell, 20. Jh.; Skedl, A., Die Nichtigkeitsbeschwerde, 1886; Sellert, W., Prozessgrundsätze und Stilus Curiae am Reichshofrat, 1973, 395; Weitzel, J., Der Kampf um die Appellation, 1976, 46
Nichtigkeitsklage ist die Klage, mit der die Wiederaufnahme eines rechtskräftig abgeschlossenen Verfahrens angestrebt werden soll. Sie wird im römisch-kanonischen Verfahren seit dem 12./13. Jh. in bestimmten Fällen zulässig (lat. actio [F.] nullitatis). Die Abgrenzung zu Appellation und Nichtigkeitsbeschwerde ist unscharf. Seit 1877/9 kann eine N. nur in den gesetzlich fest umrissenen Fällen der -> Wiederaufnahme des Verfahrens erhoben werden. -> Nichtigkeitsbeschwerde
Lit.: Köbler, DRG 117; Kaser, M., Das römische Zivilprozessrecht, 1966, 393; Endemann, W., Das deutsche Zivilprozessrecht, 1868, Neudruck 1969, 937
Nichtschuld ist das Fehlen einer Verbindlichkeit. Bereits das klassische römische Recht gewährt bei Leistung auf eine N. einen Ausgleichsanspruch (lat. condictio [F.] indebiti). Dieser wird seit dem Spätmittelalter im Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation) aufgenommen (Worms 1499). -> Bereicherung
Lit.: Köbler, DRG 47, 166
Nicolai, Pierre-Thomas (Aubel 1763-1836), Richterssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Reims Advokat in Limburg, danach Richter im französisch gewordenen Gebiet, 1800 in Lüttich und seit 1820 Politiker. Er bewirkt, dass 1821 der bereits von -> Napoleon (1811) eingeführte französische -> Code civil die Grundlage der Beratung für das erst 1838 in Kraft getretene Burgerlijk Wetboek der -> Niederlande wird und damit die Niederlande im französischen Rechtskreis verbleiben und das 1830 verselbständigte -> Belgien vom neuen niederländischen Privatrechtsgesetzbuch erst gar nicht erfasst wird.
Lit.: Dievoet, E. van, Het burgerlijke recht, 1943, 23
Niebuhr, Barthold Georg (Kopenhagen 27. 8. 1776 - Bonn 2. 1. 1831), Geographensohn, wird nach dem Studium in Kiel, London und Edinburgh Staatsbediensteter in Dänemark (1800) und Preußen. Sein Hauptwerk ist die „Römische Geschichte“ (Bd. 1ff. 1811ff.). 1816 entdeckt er auf einen Hinweis Savignys in der Bibliothek des Domkapitels von Verona eine Handschrift der Institutionen des -> Gaius (Palimpsest des 8. Jh.s einer Handschrift des 5./6. Jh.s.).
Lit.: Söllner § 16; Gaius, Institutionum commentarii quattuor, hg. v. Studemund, G., 1874; Rytkönen, S., Barthold Georg Niebuhr, 1968; Wilte, B., Der preußische Tacitus, 1979
niederdeutsch ist das nicht von der (althochdeutschen) Lautverschiebung erfasste, räumlich den niedrig liegenden Norden betreffende Deutsche (altniederfränkisch, altsächsisch, mittelniederdeutsch [z. B. -> Sachsenspiegel]), das in der Neuzeit dem Hochdeutschen unterliegt.
Lit.: Köbler, G., Altniederdeutsch-neuhochdeutsches und neuhochdeutsch-altniederdeutsches Wörterbuch. 2. A. 1982
niederer Adel ist in neuzeitlich-abwertender Bezeichnung der nur ritterbürtige, teils aus der Unfreiheit aufgestiegene -> Adel im Gegensatz vor allem zum Landesherrschaft habenden Adel.
Lit.: Stutz, U., Zum Ursprung und Wesen des niederen Adels, 1937; Herrschaft und Stand, hg. v. Fleckenstein, J., 2. A. 1979; Rödel, V., Reichslehenswesen, Ministerialität, Burgmannschaft und Niederadel, 1979
niedere Vogtei ist im deutschen Südwesten der frühen Neuzeit ein aus dem Niedergericht hervorgegangenes Bündel grundherrschaftlicher und gerichtsherrlicher Rechte (des Reichssteuern einsammelnden Grundherrn?).
Lit.: Willoweit, D., Rechtsgrundlagen der Territorialgewalt, 1975, 78, 198
Niedergericht ist das für Klagen um -> Schuld und bewegliche -> Sachen sowie für leichtere Straffälle zuständige -> Gericht im Gegensatz zum -> Hochgericht und Blutgericht. N. ist etwa das Zentgericht, Gogericht, Schulzengericht, Vogteigericht, Erbgericht, Dorfgericht, Hofmarkgericht oder teilweise auch das Landgericht. Den Ausgangspunkt bildet wohl die Aussonderung einfacher Sachen aus dem Grafengericht bereits im Frühmittelalter. Im 13. Jh. steht das N. allgemein dem Landesherrn zu. Danach geht es weitgehend auf die Grundherren über (Patrimonialgericht). Die genaue Zuständigkeitsabgrenzung erfolgt zeitlich-räumlich nicht gleichmäßig.
Lit.: Hirsch, H., Die hohe Gerichtsbarkeit, 1922, Neudruck 1958,
50; Wohlhaupter, E., Hoch- und Niedergerichte, 1929; Kern, E., Geschichte des
Gerichtsverfassungsrechts, 1954, 6; Sagstetter, M., Hoch- und
Niedergerichtsbarkeit im spätmittelalterlichen Herzogtum Bayern, 2000
Niederlagsrecht ist das Recht eines Ortes, von durchreisenden Händlern die Niederlage ihrer Waren zum Verkauf am Ort zu verlangen. Es ist beispielsweise im 13. Jh. für Breslau bezeugt. Es wird meist durch stadtherrliches Privileg erlangt. Es endet im Liberalismus des 18. Jh.s (Hannoversch-Münden 1823, Köln 1831).
Lit.: Gönnenwein, O., Das Stapel- und Niederlagsrecht, 1939; Henning, F., Handelsordnungen des Mittelalters, in: Scripta mercaturae, Bd. 2 1970, 41
Niederlande sind der am Einfluss des Rheins in das Meer gelegene nordwestmitteleuropäische Staat. Das betreffende, ursprünglich von Franken, Friesen und wohl auch Sachsen besiedelte Gebiet (anfangs zwischen Somme und Ems) gelangt nach dem Aussterben der Herzöge von Burgund (1477) an die -> Habsburger, welche es 1548 im Augsburger Vertrag vom Reich verselbständigen und 1555, nun als N. (frz. Pays d’en Bas) bezeichnet, in der spanischen Linie an Philipp II. geben. Seit 1565 wehren sich Adlige in dem seit etwa 1540 zunehmend zum Calvinismus bekehrten Gebiet (von insgesamt 17 Landen) gegen die Verdichtung der habsburgisch-spanischen Herrschaft. Mit dem 1. 4. 1571 beginnt ein Aufstand, in dessen Verlauf am 18. 7. 1572 zwölf Städte in Seeland und Holland Wilhelm von Oranien zum königlichen Statthalter wählen (1650-1672, 1702-47, ab 1795 statthalterlos). 1581 entsteht daraus ein loser Staatenbund der sog. Generalstaaten (Republik der Vereinigten Niederlande). 1648 werden die seit 1635 mit Frankreich verbündeten Generalstaaten als eigener, vom Reich gelöster Staat (Republik) anerkannt. In ihm wählen die Stände den Statthalter, dessen Amt im Hause Oranien eine gewisse Erblichkeit erlangt. Zugleich erwerben die N. umfangreiche Kolonien. Seit 1798 beginnt unter der Herrschaft Frankreichs (1795) die Vereinheitlichung des bis dahin sehr zersplitterten (z. B. friesischen, holländischen, seeländischen, geldrischen), subsidiär gemeinrechtlich orientierten Rechts (1. 5. 1798 Staatsregelung für das batavische Volk [Verfassung], 1799 Entwurf einer Zivilprozessordnung und Kriminalprozessordnung, 1801/1804 Entwurf eines Peinlichen Gesetzbuchs, ab 1806/1807 Arbeiten an einem Entwurf eines Bürgerlichen Gesetzbuchs). 1806 wandelt Napoleon die Republik in ein Königreich um (König Louis Bonaparte 1806-1810). Zum 1. 2. 1809 wird nach dem Vorbild Frankreichs ein Kriminalgesetzbuch für das Königreich Holland und am 1. 5. 1809 das Gesetzbuch Napoleons (Code Napoleon, Bürgerliches Gesetzbuch) für das Königreich Holland in Kraft gesetzt.Am 9. 7. 1810 wird Holland mit Frankreich vereinigt. 1811 wird das Recht Frankreichs im ehemaligen Holland eingeführt. Mit Napoleons Niederlage lösen sich die N. 1813 als Fürstentum wieder von Frankreich. Im März 1814 wird eine Verfassung (Grundgesetz für die Vereinigten Niederlande) verkündet. Zur gleichen Zeit werden südliche Gebiete, welche 1713/4 von Spanien an Österreich gelangen, und das Hochstift Lüttich dem aus dem Fürstentum sich bildenden Königreich der Vereinigten N. angefügt. 1830 lösen sich diese teilweise frankophonen Gebiete im selbständig werdenden -> Belgien von den Niederlanden. Am 1. 10. 1838 erhalten die N. nach dem Vorbild des -> Code civil ein Bürgerliches Gesetzbuch (1970ff. erneuert), ein Handelsgesetzbuch, eine Zivilprozessordnung und eine Strafprozessordnung (1926 erneuert), 1881/6 ein Strafgesetzbuch.
Lit.:
Köbler, Historisches Lexikon; Kroeschell, DRG; Köbler, DRG 129, 130, 170, 256;
Turba, G., Über das rechtliche Verhältnis der Niederlande zum deutschen Reich,
1903; Mitteis, H., Rechtsfolgen des Leistungsverzuges, 1913; Dievoet, E. van,
Het burgerlijk recht, 1943; Huizinga, J., Herbst des Mittelalters, 1945;
Fockema Andreae, S., De Nederlandse staat, 1961; Biografie Nederlandse
rechtsgeschiedenis, hg. v. Nederlands centrum voor rechtshistorische
docomentatie, Bd. 1ff. 1971ff; Gerbenzon, P./Algra, N., Voortgangh des rechtes,
5. A. 1979; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,1,58,522,973,
2,2,744,1399, 3,1,1191, 3,2,2603, 3,3,3402,3732,3801,3901,3979,4099; Prevenier,
W./Blockmans, W., Die burgundischen Niederlande, 1986; Schepper, H., de,
Belgium Nostrum, 1987; Godding, P., Le droit privé
dans les Pays-Bas méridionaux du 12e au 18e siècle, 1987;
Schilling,
J./Täubrich, R., Niederlande, 1988; Moormann van Kappen, O., Ein Rückblick anlässlich
der Hundertjahrfeier des niederländischen Strafgesetzbuches, ZRG GA 105 (1988),
258; Godding,
P., Le droit privé, 1993; Lademacher, H., Die Niederlande, 1993; Israel,
J., The Dutch Republic, 1995; Moorman van Kappen, O., Zur politischen und
verfassungsrechtlichen Bedeutung der batavischen Umwälzung, FS K. Kroeschell,
hg. v. Köbler, G. u. a., 1997;
North, M., Geschichte der Niederlande, 1997; Mörke, O., Stadtholder oder
Staetholder?, 1997; Arndt, J., Das Heilige Römische Reich und die Niederlande,
1998; Moorman van Kappen, O., Zwei Jahrhunderte niederländische
Kodifikationsgeschichte (1797-1997), in: Kodifikation und Dekodifikation, hg.
v. Maly, K. u. a., 1997, 137; Honoris causa, hg. v. Coppens, E., 1999; Gallin,
I., Rechtsetzung ist Machtsetzung, 1999; De Monté
ver Loren, J. Ph., Hoofdlijnen uit de ontwikkeling der rechterlijke organisatie
in de Noordelijke Nederlanden, 7. Druck 2000; Sap, J., The Netherlands Constitution, 2000;
Milton, G., Muskatnuss und Musketen, 2001; Weis, M., Les pays-bas espagnols,
2003
Niederösterreich ist ein unter (östlich) der Enns gelegenes Land -> Österreichs. Es steht am Beginn der Geschichte von (ahd.) ostarrihhi (996). Zeitweise besteht eine erweiterte Ländergruppe N. Nach der Herausnahme Wiens aus N. als eigenes Bundesland gibt sich N. eine eigene Hauptstadt in St. Pölten.
Lit.:
Köbler, Historisches Lexikon; Feigl, H., Die niederösterreichische
Grundherrschaft, 1964; Brauneder, W., Zur Gesetzgebungsgeschichte der
niederösterreichischen Länder, FS H. Demelius, 1973, 1; Wesener, G., Das
Verfahren vor der niederösterreichischen und innerösterreichischen Regierung,
Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark 27 (1979), 181;
Schmitz, C., Die Anfänge des Parlamentarismus in Niederösterreich, 1985; Feigl,
H., Recht und Gerichtsbarkeit in Niederösterreich, 1989; Kohl, G., Die Anfänge der modernen Gerichtsorganisation in
Niederösterreich, 2000
Niedersachsen ist ein am 1. 11. 1946 vor allem aus dem Land Hannover Preußens, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe gebildetes deutsches Bundesland.
Lit.:
Köbler, Historisches Lexikon; Schnath, G. u. a., Geschichte des Landes
Niedersachsen, 2. A. 1973, Neudruck 1988; Geschichte Niedersachsens, hg. v.
Patze, H., Bd. 3, 1 1988; Hucker, B. u. a.,
Geschichte Niedersachsens, 1997; Übergang und Neubeginn, hg. v. Merker, O.,
1997
Niederschlesien -> Schlesien
Lit.: Kroeschell, DRG 3
Niemand kann
zwei Herren dienen.
Lit.: Deutsche Rechtsregeln und Rechtssprichwörter, hg. von R. Schmidt-Wiegand, 1996, 177 (Matthäus 6,24)
Nießbrauch (lat. [F.] ususfructus) ist die Belastung einer Sache in der Weise, dass derjenige, zu dessen Gunsten die Belastung erfolgt, berechtigt ist, die Nutzung (z. B. Mietzinsen) der Sache zu ziehen. Der N. entwickelt sich in Rom wohl seit dem 3. Jh. v. Chr. zur Versorgung von Witwen und Töchtern. Dem entspricht auch das deutsche Recht (-> Leibgeding u. a.). Seit dem Spätmittelalter wird das römische Recht aufgenommen und ususfructus als N. übersetzt.
Lit.: Kaser § 29 I; Söllner § 9; Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG
41, 61; Hübner, R., Donationes post obitum, 1888; Coing, H., Europäisches
Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.;
Deichmann, P., Das Rechtsverhältnis zwischen Eigentümer und Nießbraucher, Diss.
jur. Bonn 1998
Niftelgerade -> Gerade
nihil obstat (lat.). Es steht nichts entgegen
Nikolaus de Tudeschis (Catania 1386 - Palermo 1445 [Panormitanus]) wird nach dem Studium des Kirchenrechts in Bologna 1412 Professor in Bologna, danach in Parma und Siena, 1434 Erzbischof von Palermo. Vielfach wird er im Rahmen des Konzils von Basel tätig (1432-3, 1436-9). Zwischen 1420 und 1430 verfasst er die (lat.) Commentaria (N.Pl.) in quinque decretalium libros (Kommentare in die fünf Bücher Dekretalen). In dieser bedeutendsten Leistung der Kirchenrechtswissenschaft des 15. Jh.s übernimmt er bereits in bezug auf allgemeine Rechtsbegriffe Vorstellungen aus dem weltlichen Recht der Kommentatoren (-> Bartolus).
Lit.: Nörr, K., Kirche und Konzil bei Nicolaus de Tudeschis, 1964
Nikolaus von Kues (Kues 1401 - Todi 11. 8. 1464), Sohn des Schiffers Johann Cryftz (Henne Krebs), wird nach dem Studium der freien Künste in Heidelberg und des Kirchenrechts in Padua Berater des Erzbischofs von Trier, 1448 Kardinal und 1450 Bischof von Brixen. Er ist in Abkehr von der -> Scholastik einer der ersten Humanisten Deutschlands. Für die Verfassungsgeschichte ist seine (lat.) Concordantia (F.) catholica (1433, Katholische Konkordanz) von großer Bedeutung, in der er aus dem Gesichtspunkt des Ausgleichs von Gegensätzlichkeiten ein Reformprogramm für das Reich vorschlägt.
Lit.: Köbler, DRG 99, 110; Nicolai de Cusa opera, hg. Meiner, F.,
Bd. 1ff. 1932ff.; Cusanus-Gedächtnisschrift, hg. v. Grass, N., 1970; Meuthen,
E., Nikolaus von Kues, 6. A. 1985; Flasch, K., Nikolaus von Kues, 1988;
Flasch, K., Nicolaus Cusanus, 2001; Nikolaus von Kues, hg. v. Winkler, N., 2001
Nimwegen (Nijmegen) am südlichen Waalufer erscheint auf der Grundlage älterer Siedlungen 69/70 n. Chr. als römisches Batavodurum, das um 104 n. Chr. in Ulpia Noviomagus (Neumarkt) umbenannt wird. 1230 wird es Reichsstadt. 1577 gelangt es an die Niederlande. 1923 erhält es eine Universität.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Leupen, R./Thissen, B., Bronnenboek van Nijmegen, 1981; Clevis, H., Nijmegen, 1990
nobilis (lat.) adelig -> Adel
Lit.: Köbler, LAW; Stadtadel und Bürgertum, hg. v. Elze,
R. u. a., 1991; Nobilitas, hg. v. Oexle, G. u. a., 1997
noblesse de robe ist eine Bezeichnung für die in der frühen Neuzeit einsetzende Gleichstellung der Inhaber hoher Ämter in Recht und Verwaltung mit dem Adel (z. B. Edikt Ludwigs XIV. von 1644). Den (lat.) doctor (M.) iuris stellt bereits -> Bartolus im 14. Jh. dem Adligen gleich.
Lit.: Bluche, F./ Durye, P., L’anoblissement par charges avant 1789, Bd. 1f. 1962
nocivi (M.Pl.) terrae (lat.) -> landschädliche Leute
Lit.: Köbler, DRG 117
nominatio (lat. [F.]) Benennung (eines Bewerbers für ein Amt)
nomos (griech. [M.]) Gesetz
Lit.: Nomos und Gesetz,
hg. v. Behrends, O. u. a., 1995
nona (lat. [F.] Neunte) ist eine im Frühmittelalter kurzzeitig bestehende Abgabe des Zehntels der Erträge neben dem -> Zehent.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Kotte, R., Studien zum Einfluss des Alten Testamentes, 2. A. 1970, 57
Nonne (F.) Ordensangehörige
Lit.: Weinhandl, M., Deutsches
Nonnenleben, 1921; Parisse, M., Les nonnes, 1983; Medieval religions Women,
1984ff.
Noodt, Gerard (Nijmegen 1647 - Leiden 1725) wird nach dem Rechtsstudium im Nijmegen, Leiden und Franeker Advokat und 1671 Professor in Nijmegen, 1679 in Franeker, 1684 in Utrecht und 1686 in Leiden. Seine meist kleineren Schriften weisen ihn als antiquarischen Humanisten aus, der durch seine kritisch-vernünftige Grundhaltung die Aufklärung vorzubereiten hilft.
Lit.: Bergh, G. van den, The Life and Work of Gerard
Noodt, 1988
Norddeutscher Bund ist ein auf Vorschlag -> Preußens am 18. 8. 1866 an Stelle des aufgelösten -> Deutschen Bundes tretender Bundesstaat (22) norddeutscher Staaten (Preußen mit Lauenburg, die nördlich des Mains gelegenen Teile des Großherzogtums Hessen, 17 Monarchien, 3 Staatsrepubliken). Seine Verfassung vom 16. 4. 1867 tritt am 1. 7. 1867 in Kraft (Präsidium [König von Preußen] mit gegenzeichnungsberechtigtem Bundeskanzler, Reichstag, Bundestag, 1869 Bundesoberhandelsgericht in Leipzig). Nach dem mit süddeutscher Waffenhilfe errungenen Sieg über Frankreich treten Baden, Hessen-Darmstadt (15. 11. 1870), Bayern (23. 11. 1870) und Württemberg (25. 11. 1870) durch Verträge dem zum 1. 1. 1871 zum -> Deutschen Reich umgeformten Norddeutschen Bund bei. Der Norddeutsche Bund erlässt u. a. ein Gesetz über die Freizügigkeit (1. 11. 1867), über die Gleichberechtigung der Konfessionen (3. 6. 1869), eine Gewerbeordnung (21. 6. 1869), ein Strafgesetzbuch (31. 5. 1870) und ein Bundes- und Staatsangehörigkeitsgesetz (1. 7. 1870).
Lit.: Köbler, DRG 172, 194; Kroeschell, DRG 3; Kroeschell, 20. Jh.; Hiersemenzel, E., Die Verfassung des Norddeutschen Bundes, 1867; Binding, K., Die Gründung des Norddeutschen Bundes, 1889; Wilhelm R., Das Verhältnis der süddeutschen Staaten zum Norddeutschen Bund, 1978; Schubert, W., Der Ausbau der Rechtseinheit unter dem Norddeutschen Bund, FS R. Gmür, 1983, 149; Pollmann, Parlamentarismus im Norddeutschen Bund, 1985
Norddeutscher Reichsbund ist ein im August 1806 von Preußen geplanter, spätestens am 9. 7. 1807 verhinderter Bund norddeutscher Staaten unter einem Direktorium des Kaisertums Preußen und der Königtümer Sachsen und Hessen.
Lit.: Conrad, H., Rheinbund und Norddeutscher Reichsbund, in: Gedächtnisschrift H. Peters, 1967, 50
Nordisches Recht ist die Gesamtheit des älteren skandinavischen (altnorwegisch-isländischen, altschwedischen und altdänischen) Rechts. Es ist seit dem 12. Jh. in zahlreichen volkssprachigen Rechtsbüchern Norwegens (Borgarthingsbok, Eidsivathingsbok, Frostathingsbok, Gulathingsbok, Hirdskra), Islands (Ulfljots log, Haflidaskra 1117/8, Gragas 1258/71), Schwedens (Westgötalagh 1220 - 2. H. 13. Jh., Ostgötalagh um 1300, Gutalagh 1285, Södermannalagh Ende 13. Jh.s?, Westmannalagh um 1330, Helsingelagh 1329/50, Uplandslagh 1296) und Dänemarks (Skanske Lov 1200/10, Liber legis Scaniae, Sialanzfarae logh vor 1241, Jyske Lov bzw. Jydske Lov 1241) überliefert, welche öfter einen eigenen Abschnitt Christenrecht enthalten. Dazu kommen als Gesetzbücher das Landrecht (Landslög) König -> Magnus Hakonarsons von 1274, das Stadtrecht von Bergen (1276), die Jarnsida (1271/3), die Jonsbok (1281) und das schwedische Landrecht König Magnus Erikssons (1347). Die älteren Verhältnisse um die Jahrtausendwende bezeugen die Isländersagas. Die Gegebenheiten am Königshof lässt der altnordische Königsspiegel (1260/5) erkennen. -> Dänemark, -> Finnland, -> Island, ->Norwegen, -> Schweden
Lit.: Amira, K. v., Nordgermanisches Obligationenrecht, Bd. 1f. 1882ff.; Maurer, K., Vorlesungen über altnordische Rechtsgeschichte, Bd. 1f. 1907ff.; Heusler, A., Das Strafrecht der Isländersagas, 1911; Schwerin, C. Frhr. v., Dänische Rechte, 1938; Amira, K. v./Eckhardt, K., Germanisches Recht, Bd. 1f. 4. A. 1960; See, K. v., Altnordische Rechtswörter, 1964; Modéer, K., Nordische rechtshistorische Literatur, ZNR 1 (1979); Björne, L., Nordische Rechtssysteme, 1987; Dübeck, J., De nordiske lovböger, in: Rättshistoriska studier II 4, 1988; Björne, L., Patrioter och institutionalister, 1995; Björne, L., Den konstruktiva riktningen. Den nordiska rättsvetenskapens historia del III 1871-1910,2002; Tamm, D., Justizforschung, germanisches Recht und Rechtsgeschichte, ZRG 120 (2003), 347; Ruthström, B., Land och fæ, 2003
Nordrhein-Westfalen ist ein vor allem aus Teilen Preußens am 23. 8. 1946 gebildetes deutsches Land.
Lit.:
Köbler, Historisches Lexikon; Hundert Jahre Kreisordnung in
Nordrhein-Westfalen, 1988; Romeyk, H., Kleine Verwaltungsgeschichte
Nordrhein-Westfalens, 1988;
Freis, G., Die Reform der Gemeindeverfassung, 1998
Noricum ist eine nach ihren zwischen 12 und 9 v. Chr. von den Römern unterworfenen, vorrömischen Bewohnern (Norer, Noriker) und deren Reich (um 200 v. Chr.) benannte römische Provinz (50 n. Chr. - 5. Jh.) in den Alpen. In der Folge wird bis in das 15. Jh. Bayern auch als N. bezeichnet.
Lit.:
Köbler, DRG, 28, 50; Baltl/Kocher; Zibermayr, I., Noricum, Baiern und
Österreich, 2. A. 1956; Alföldy, G., Noricum,
1974
Norm ist eine seit dem 13. Jh. aus dem Lateinischen aufgenommene Bezeichnung für Regel, Vorschrift oder Rechtssatz.
Lit.:
Beyerle, F., Über Normtypen und Erweiterungen der Lex Salica, ZRG 89 GA (1972),
1; Schneider, P., Ausnahmezustand und Norm, 1957; Diestelkamp, B.,
Reichsweistümer als normative Quellen, in: Recht und Schrift im Mittelalter,
hg. v. Classen, P., 1977, 281; Wesener, G., Die
privatrechtlichen Normen des usus modernus, in: Akten des 26. Deutschen
Rechtshistorikertages, 1987, 279; Heidemann, C., Die Norm als Tatsache,
1997; Norm und Tradition, 1998; Brinkmann, B., Varietas und veritas. Normen und
Normativität in der Zeit der Renaissance, 2001
Normaljahr ist ein für eine rechtliche Folge als normal zugrunde gelegtes Jahr (z. B. 1624 für den Bekenntniszustand im Westfälischen Frieden von 1648).
Lit.: Hafke, H., Zuständigkeit in geistlichen Streitigkeiten, Diss. jur. Frankfurt am Main, 1973
Normandie ist die östlich an den Kanal zwischen Europa und England angrenzende, im 9. Jh. von den -> Normannen eroberte Landschaft. Von hier aus wird 1066 der Herzog der N. König von -> England. Über Heinrichs I. von England Tochter Mathilde kommt die N. an die Anjou bzw. Plantagenets (1144/50), welche auch Anjou (1151), Aquitanien (1152) und England (1154) beherrschen. 1204 erobert der König von Frankreich die N. zurück. Nach ihrer Wiedergewinnung durch England (1417-20) gelangt sie 1450 endgültig an Frankreich zurück. 1199/1200 bzw. 1220 entsteht der Très ancien -> coutumier de Normandie, zwischen 1254 und 1258 der Grand coutumier de Normandie ([lat.] Summa [F.] de legibus Normannie).
Lit.: La Coutume de Normandie, hg. v. Besnier, R.,
1935; Histoire de la
Normandie, 1970; Le Patourel, J., The Norman
Empire, 1976; England and Normandy, hg. v.
Bates, D. u. a., 1994 ; Neveux, F., La Normandie, 1998
Normanne (Nordmann) ist der in Nordfrankreich
(Normandie) im 9./10. Jh. seßhaft werdende -> Wikinger. Von dem 911 an der
unteren Seine auf
überlassenen Land gegründeten Fürstentum (nach 987 Herzogtum)
aus greifen die bald christianisierten und romanisierten Normannen
1066 nach England aus. Die seit 1016 in Unteritalien als Söldner verwendeten
Normannen erhalten
von Kaiser Konrad II. 1038 die Grafschaft Aversa und erobern zwischen
1057 und 1085 die Güter Byzanz‘ und langobardischer Fürsten sowie 1061-91 von
den Arabern (Sarazenen) -> Sizilien. 1130 wird Roger II. König von
Sizilien und verbindet normannisch-romanische Gegebenheiten mit griechischen
und arabischen.
Bis zum 13. Jh. gehen die Normannen in der unterworfenen Bevölkerung auf.
Lit.:
Köbler, DRG 94; Haskins, C., The Normans, 1915; Norwich, J., Die Normannen in
Sizilien, 2. A. 1973; Jäschke, K., Die Anglo-Normannen, 1981; Jahn, W.,
Untersuchungen zur normannischen Herrschaft in Sizilien, 1989; Takayama, H., The
Administration of the Norman Kingdom of Sicily, 1993; Heller, K., Die Normannen
in Osteuropa, 1993; Chibnall, M., The Debate on the Norman Conquest, 1999
Normativbestimmung ist eine durch eine -> Norm aufgestellte oder wie eine Norm wirkende Bestimmung. Im 19. Jh. wird für juristische Personen das Oktroisystem durch das System der Normativbestimmungen ersetzt, nach dem eine juristische Person entstehen darf, sobald die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind.
Lit.: Köbler, DRG 207
Normenkontrolle ist die Überprüfung einer -> Norm durch ein Gericht auf ihre Rechtmäßigkeit. Ihre ersten Ansätze finden sich vielleicht noch im Heiligen römischen Reich, jedenfalls im 19. Jh., während die N. in Frankreich weitgehend fehlt. Für die N. des bundesdeutschen Rechts ist hauptsächlich das -> Bundesverfassungsgericht zuständig.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Herrmann, N., Entstehung, Legitimation und Zukunft der konkreten Normenkontrolle im modernen Verfassungsstaat, 2001
Norwegen ist der im Westen der skandinavischen Halbinsel gelegene Staat. Um 900 überwindet hier König Harald I. das Kleinkönigtum. Um 1000 erfolgt die Christianisierung. 1274 schafft König Magnus Lagabœtir ein Landrecht (landslög) in neun Teilen sowie ein allgemeines Stadtrecht (bjarkeyjar réttr). Von 1319 bis 1355 und von 1380 bis 1435 bzw. 1521 ist N. mit Schweden verbunden. Von 1387 bis 1814 ist der König von Dänemark König von N., von 1814 bis 1905 der König von Schweden. Seit 1536 ist N. überhaupt Teil Dänemarks. 1905 wird ein dänischer Prinz zum König des durch Volksabstimmung verselbständigten N. gewählt.
Lit.: Norges gamle Love, 1846; Meißner,
R., Das norwegische Gefolgschaftsrecht, 1938; Handbuch der Quellen und
Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,1,991, 2,2,517, 4,4,375; Holmsen,
A., Norges historie, 1977; Lindemann, R., Norwegen 1986; Austrup, G./Quack, U.,
Norwegen, 1989; Berge, F., Norsk
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im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung, hg. v. Asche, M. u. a.,
2003
Not (Zwangslage) -> echte Not
Notar ist ein (vom Staat) zur Wahrnehmung bestimmter Rechtspflegeaufgaben bestelltes unabhängiges Organ der Rechtspflege. Der N. entwickelt sich aus dem spätantiken Schreiber (Schnellschreiber) bzw. Tabellionar. Er erscheint am Beginn des Hochmittalters (10./11. Jh.) in Oberitalien (in Bologna ab etwa 1030 tabellio statt notarius, in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s Rückbindung an die Autorität des Kaisers oder der Kommune, 1283 umfasst die Bologneser Notarsmatrikel 1059 Namen, im 13. Jh. werden in Lucca [bei einem Notar auf rund 100 Bewohner] vielleicht 1000000 Urkunden ausgefertigt, von denen noch 10000 erhalten sind), im frühen 13. Jh. in Frankreich und ab 1275 auch im deutschen Reich. Der N. wird vor allem vom Kaiser (1186, 1191), Papst oder Hofpfalzgrafen ernannt. 1512 erlässt das Reich eine Reichsnotariatsordnung. N. ist zunächst kein ausschließlicher Beruf. Später entwickeln sich Gebiete des Nurnotariates (z. B. Bayern, Österreich) neben Gebieten des Anwaltsnotariates (z. B. Hessen) oder des beamteten Bezirksnotariates (Württemberg). Seit 28. 8. 1969 ist in der Bundesrepublik Deutschland die Beurkundung allgemein den Notaren vorbehalten.
Lit.:
Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 117, 270; Petrucci, A., Notarii, 1958;
Elsener, F., Notare und Stadtschreiber, 1962; Amelotti, M./Costamagna, G., Alle
origini del notariato italiano, 1975; Recht und Schrift im Mittelalter, hg. v.
Classen, P., 1977; Marti, H., Die ersten
Notare im Berngebiet, Der bernische Notar 46 (1985); Schuler, P., Die Notare
Südwestdeutschlands, 1987; Bautier, R., Chartes, sceaux et chancelleries, 1990;
Frischen, H., Die 44. Novelle, Dt. Notarzs. 1992, 403; Nève, P., Schets van een geschiedenis van het notarisambt, 1995;
Notar- und Rechtsgestaltung, hg. v. d. Rheinischen Notarkammer, 1998
Notariat ist das Amt und der Amtsraum eines -> Notars sowie eine Gesamtheit von Notaren.
Lit.:
Kroeschell, DRG 1,2; Oesterley, F., Das deutsche Notariat, Teil 1f. 1842ff.,
Neudruck 1975; Conrad, H., Die geschichtlichen Grundlagen des modernen
Notariats in Deutschland, Deutsche Notarzs. 55 (1960), 3; Knemeyer, F., Das
Notariat im Fürstbistum Münster, Diss. jur. Münster 1964; Meyer, A., Die Notariatsordnungen von 1512
und 1871, 1971; Amelotti, M./Costamagna, G., Alle origini del notariato
italiano, 1975; Schuler, P., Geschichte des südwestdeutschen Notariats, 1976;
Trusen, W., Zur Geschichte des mittelalterlichen Notariats, ZRG RA 98 (1981),
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Privatrecht, Prozessrecht und Notariat der Stadt Limburg, Diss. jur. Gießen
1988;
Lönnecker, H., Das Notariat in Hessen, Diss. phil.
Marburg 1989; Kaiserliche Notariatsordnung von 1512, hg. v. Grziwotz, H., 1995;
Neschwara, C., Geschichte des österreichischen Notariats, 1996; Notar und
Rechtsgestaltung, 1998; Meyer, A., Felix et inclitus notarius, 2001; Neschwara,
C., Österreichs Notariatsrecht in Mittel- und Osteuropa, 2000.
Notariatsimbreviatur -> Notariat, Imbreviatur
Notariatsinstrument ist im Mittelalter die vom
-> Notar ausgestellte -> Urkunde. In
Bologna erscheint die erste als -> instrumentum bezeichnete Urkunde 1041. Um
die Mitte des 11. Jh.s verschwinden nach Ausweis rund 1300 bis 1150
überlieferter Zeugnisse die Unterschriften von Ausstellern und Zeugen, als es
dem Notar gelingt, die Beglaubigungskraft auf sich zu beziehen. Ab etwa
1114/1115 erscheint römische Rechtsterminologie in den Texten (u. a.
Renuntiationen). In Oberitalien setzt sich das instrumentum in der ersten
Hälfte des 12. Jh.s durch.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Meyer, A.,
Felix et inclitus notarius, 2001; Schulte, P., Scripturae publicae creditur,
2003
Notariatsordnung (z. B. 1512, 1871) -> Notar, Notariat, Ordnung
Lit.: Kaiserliche Notariatsordnung von 1512, hg. v. Grziwotz, H., 1995
notarius (M.) sacri palatii (lat.) (8.-11. Jh.) Pfalznotar
Notarsignet ist das persönliche, anfangs frei gewählte, später verliehene Zeichen eines Notars, das der öffentliche (kaiserliche bzw. päpstliche) Notar neben seine Unterschrift setzt. Das erste bisher bekannte deutsche N. stammt vom 13. 1. 1274 (Roger von Lüttich). Nicht sicher geklärt ist, weswegen der Notar nicht ein Siegel, sondern das N. verwendet. Seit 1806 verschwindet das N. (in Bayern seit 1861).
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Leist, F., Die Notariats-Signete, 1897; Schmidt-Thomé, W., Vom Notarsignet zum Notarsiegel, Dt. Notarzs. 15 (1964), 455; Gerig, H., Frühe Notariats-Signete in Köln, 1971; Schuler, P., Südwestdeutsche Notarszeichen, 1976; Wolf, K., Privatrecht, Prozessrecht und Notariat der Stadt Limburg, Diss. jur. Gießen 1988