Köbler,
Gerhard, Zielwörterbuch europäischer
Rechtsgeschichte, 5. Auflage, 2009042020100101. Fassung 20090320
A
A. A. (lat. [M.]) ist die Abkürzung für den abstrakt Aulus Agerius
genannten Kläger des römischen → Formularprozesses.
Lit.: Söllner § 9
Aachen ist der ohne
nachweisbare Kontinuität zu einer römischen Siedlung an den Ausläufern des
Hohen Venn 765/766 als fränkische königliche → Pfalz erscheinende Ort, der
nach der Reichsteilung 843/877 in eine Randlage gerät. Von 936 (Otto I.) bis
1531 (Ferdinand I.) ist es Krönungsstätte der deutschen Könige (mit
Thronsetzung auf einen Marmorthron). 1071 wird A. (lat. [N.]) oppidum genannt,
1087 werden [lat. M. Pl.) cives erwähnt. 1166 erhält A. besondere Rechte. Die
1192 neben der Gesamtheit der Bürger nachweisbaren → Schöffen entwickeln
sich seit 1134 (?) zu einem bedeutenden → Oberhof für teilweise bis zu
200 meist aus Reichsgut stammende Gerichte. Bis 1254 wird A. freie →
Reichsstadt (Reichslandstadt) bis zur Besetzung durch Frankreich (1794). Über
Preußen (1815) gelangt es 1946 zu Nordrhein-Westfalen.
Lit.: Loersch,
H., Achener Rechtsdenkmäler, 1871; Schwabe,
W., Der Aachener Oberhof, 1924; Schwabe, W., Zeitschrift des Aachener
Geschichtsvereins 47 (1925), 48/49 (1926/1927); Herkens, R., Der Anspruch
Aachens auf Krönung der deutschen Könige nach 1531, Diss. jur. Bonn 1959;
Regesten der Reichsstadt Aachen, bearb. v. Mummenhoff, W. u. a., 1961ff.;
Falkenstein, L., Der „Lateran“ der karolingischen Pfalz zu Aachen, 1966;
Aachener Urkunden, bearb. v. Meuthen, E., 1979; Kraus, T., Jülich, Aachen und
das Reich, 1988; Die Aachener Stadtrechungen des 15. Jahrhunderts, bearb. v.
Kraus, T., 2004
Aargau ist das um
die Aare gelegene Land, das als A. 763 erstmals erscheint. 1415 erobert die
Eidgenossenschaft der → Schweiz Teile des Gebiets. 1798/1803 wird daraus
der Kanton A., der 1831 eine liberale Verfassung erhält.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Merz, W. u. a., Die
Rechtsquellen des Kantons Aargau, Teil 1ff. 1898ff.; Merz, W., Mittelalterliche
Burganlagen und Wehrbauten des Kantons Aargau, 1906; Nabholz, H., Der Aargau
nach dem habsburgischen Urbar, Argovia 33 (1909); Dubler, H., Der Kanton Aargau
und das Bistum Basel, 1921; Merz, W., Die Jahrzeitbücher der Stadt Aarau, Teil
1f. 1924ff.; Merz, W., Geschichte der Stadt Aarau im Mittelalter, 1925;
Aargauer Urkunden, Teil 1f. 1931ff.; Strebel, K., Die Verwaltung der freien
Ämter im 18. Jahrhundert, 1940; Werder, M., Die Gerichtsverfassung des
aargauischen Eigenamtes, 1941; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren
europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff.,
2,2,440; Geissmann, H., Das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch für den Kanton
Aargau (1847-1855), 1991
Abandon ist die
wohl im spätmittelalterlichen italienisch-französischen Seerecht entstehende
Möglichkeit der Aufgabe der Rechte an einem Gegenstand, um Haftungsfreiheit
bzw. später Versicherungsleistung zu erlangen. Der A. erscheint erstmals in
einem Statut der Stadt Kampen vom 14. 2. 1372. Im 19. Jh. findet der A. Eingang
in das Recht der juristischen Personen des Gesellschaftsrechts.
Lit.: Hantke, G., Der Abandon, 1912; Rehme, P., Geschichte
des Handelsrechts, 1913; Helberg, O., Der Abandon in der Seeversicherung, 1925;
Martin, L., L’abandon, 1957; Landwehr, G., Prinzipien der Risikotragung beim
Seefrachtvertrag, (in) Wirkungen europäischer Rechtskultur, 1997, 595
Abecedarium (bzw. Promptuarium, Remissorium,
Vocabularium) ist das auf Grund antiker
Gedankengänge seit dem 13. Jh. entstehende alphabetisch geordnete Sammelwerk
eines Rechtsgebiets (römisches Recht, kirchliches Recht, um 1400 Greifswalder
A. für → Sachsenspiegel und Sachsenspiegelglosse mit 7 Handschriften,
1402 Preetzer A., 1414ff. A. von Achte bis Wunden, vor 1421ff. Schlüssel des
Landrechts, 1. H. 15. Jh. Rechtsabecedarium der 2200 Artikel, E. 15. Jh.
Erlanger Promptuarium mit etwa 1400 Artikeln, 1490-1493 Remissorium Kaspar
Popplaus).
Lit.: Steffenhagen, E., Das Preetzer Abecedarium mit dem
Richtsteig Landrechts, Z. d. Ges. f. Schleswig-Holstein-Lauenburgische Gesch.
22 (1892), 297; Die Rechtssumme Bruder Bertholds, hg. v. Hamm, M. u. a., 1980,
143ff.; Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1 1990, 77
Abendmahlsprobe ist
die an das christliche Abendmahl anknüpfende Form des → Gottesurteils.
Aberacht ist die
seit dem Hochmittelalter belegte, nach fruchtlosem Verstreichenlassen einer
Frist von → Jahr und Tag eintretende Verstärkung der → Acht.
Lit.: Siuts, H., Bann und Acht, 1959
Aberdeen am Don in
Schottland wird um 1130 Sitz eines Bischofs und 1494/5 Sitz einer Universität.
Lit.: Keith, A.,
A thousand Years of
Aberglaube (15. Jh. in Glosse zum Sankt
Trudperter Hohenlied) ist der von der einem herrschenden Glauben als abwegig
verworfene Glaube (lat. [F.] superstitio).
Lit.: Feine, J., Der
Aberglaube, 1857; Schefold, K. u. a., Der Aberglaube im Rechtsleben, 1912;
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, hg. v. Bächtold-Stäubli, H., Bd.
1ff. 1927ff., Neudruck 1987, digitalisierte Fassung 2006; Freytag, N.,
Aberglauben im 19. Jahrhundert, 2003; Hersperger, P., Kirche, Magie und
Aberglaube, 2009
Abfall ist der nach Nutzung einer Sache
verbleibende, nicht mehr genutzte oder nutzbare Rest.
Lit.: Abfall, hg. v. Rusterholz, P./Moser, R., 2004
Abgabe ist die Leistung von Gegenständen an die Allgemeinheit, an eine besondere Einrichtung oder an besondere Einzelne. Die rechtliche Grundlage der A. ist verschieden. Meist beruht die A. auf einer Pflicht zur Unterstützung als Gegenleistung für einen Schutz oder eine Gebrauchsmöglichkeit. In der Naturalwirtschaft besteht die A. in Sachen, in der Geldwirtschaft in Geld. 1919 fasst das Deutsche Reich das Recht der Abgaben in der Reichsabgabenordnung zusammen, die 1976 im Sinne eines Mantelgesetzes für die Abgaben erneuert wird.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Pöhlmann, C., Was ist
Seltertum, ZRG GA 55 (1935), 243; Becker, A., Was ist Seltertum, ZRG GA 56
(1936), 398; Löning, G., Muntepenninge, ZRG GA 59 (1939), 273; Müller, W., Die
Abgaben von Todes wegen in der Abtei St. Gallen, 1961; Henning, F., Dienste und
Abgaben der Bauern im 18. Jahrhundert, 1969; Steuern, Abgaben und Dienste, hg.
v. Schremmer, E., 1994; Giese, F., Abgabenordnung im Dritten Reich, 1998
Abgeordneter ist allgemein der durch eine
Anordnung an eine Stelle Gesetzte, insbesondere der Volksvertreter im
Parlament. Er ist nach dem vorzugswürdigen Grundsatz des freien Mandats nicht
an den Willen der ihn Abordnenden gebunden (so aber DDR 1968), sondern in
seiner Entscheidung nur seinem Gewissen und der Verantwortung für die
Gesamtheit unterworfen. In Österreich führt die Februarverfassung des Jahres
1861 ein von den Landtagen besetztes Abgeordnetenhaus als zweite Kammer des
Reichsrats neben dem Herrenhaus ein (1873 direkte Wahl, wegen des
Nationalitätenkonflikts zeitweise handlungsunfähig, 12. 11. 1918 letzte
Sitzung).
Lit.: Biographisches
Handbuch der Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung, bearb. v. Best,
H. u. a., 1996
Abkürzung ist die aus Zweckmässigkeitsgründen
gekürzte Form einer Gegebenheit (z. B. eines Wortes oder Weges).
Lit.: Kirchner, H.,
Abkürzungsverzeichnis der Rechtssprache, 6. A. 2008; Schuler, P., Abkürzungslexikon,
2007 (vom Verlag zurückgezogen)
Ablass ist die im 11. Jh. (u. a. Clermont 1095 Ablass für Teilnahme am Kreuzzug, 1187 für geldliche Förderung eines Kreuzzugs, um 1300 von Verbindung zu Kreuzzügen gelöst) in der christlichen → Kirche aus der Bitte um Vergebung und Nachlass einer Folge (Buße) entstehende, auch vor Gott verbindliche Befreiung von zeitlichen Sündenfolgen. Die ältesten Ablässe begnügen sich mit einem Erlass von 20 oder 40 Tagen Buße. Die zahlenmäßige und artmäßige Erweiterung führt bereits im 13. Jh. zu scharf gerügten Missständen. Der Kauf von A. (auch für Verstorbene) wird ein wichtiger Anlass für die reformatorischen Ziele (John Wyclifs, Johannes Hus’ und) Martin → Luthers. Nach gegenwärtigem Verständnis der katholischen Kirche ist A. Nachlass zeitlicher Strafe vor Gott für Sünden, deren Schuld bereits getilgt ist (can. 992 CodIurCan 1983).
Lit.: Paulus, N., Geschichte des Ablasses im Mittelalter,
Bd. 1f. 1922f.; Köhler, W., Dokumente zum Ablassstreit von 1517, 2. A. 1934;
Poschmann, B., Der Ablass, 1948; Bornkamm, H., Thesen, 1967; Ehlers, A., Die
Ablasspraxis des Deutschen Ordens im Mittelalter, 2007
Ablösungsgesetzgebung ist die Gesetzgebung des 19. Jh.s zur Beseitigung grundherrschaftlicher
Rechte bzw. aufgespalteten Eigentums mit oder ohne Entschädigung zwecks
Förderung wirtschaftlicher Entwicklung und aufgeklärter Gedanken. Dazu erlässt
nach der Aufhebung aller Frondienste, Zehnten und anderen Feudalrechte durch
die Nationalversammlung Frankreichs am 4. 8. 1789 der Staat → Preußen am
9. 10. 1807 das Edikt betreffend den erleichterten Besitz des Grundeigentums
sowie die persönlichen Verhältnisse der Landbewohner, das die persönliche Abhängigkeit
der → Bauern von den → Grundherren entschädigungslos aufhebt. Dem
folgen am 14. 9. 1811 zwecks Aufhebung der auf privatrechtlichen Titeln
beruhenden dinglichen Abhängigkeit das Edikt, die Rechte der gutsherrlichen und
bäuerlichen Verhältnisse (Regulierungsedikt) betreffend und das Edikt zur
Beförderung der Landeskultur (Landeskulturedikt), nach denen der Bauer auf
Antrag eines Beteiligten Eigentum an dem von ihm bewirtschafteten Hof erhält,
wofür er als erblicher Besitzer ein Drittel, als nichterblicher Besitzer die
Hälfte des Grundes dem Grundherrn überlassen oder eine dauernde Rente zahlen
muss. Dadurch werden viele Bauern überfordert, so dass sie ihr neues Eigentum
aufgeben müssen. Um dies zu vermeiden, richten Sachsen und Kurhessen (1832)
öffentliche → Rentenbanken ein, die dem Grundherrn den Ablösungsbetrag
in Rentenbriefen entrichten und dadurch den Bauern die Tilgung der Ablöseschuld
in 40 bis 60 Jahren ermöglichen. Abgelöst werden auf Grund wirtschaftlicher
Überlegungen auch die Nutzungsrechte der Bauern in staatlichen oder
grundherrschaftlichen Wäldern (Hessen 1814, Preußen 1821).
Lit.: Danckelmann, B., Die Ablösung der
Waldgrundgerechtigkeiten, Bd. 1f. 1880ff.; Knapp, G., Die Bauernbefreiung, 1887
Abmeiern ist das
(vorzeitige) Beendigen des grundherrschaftlichen → Meierrechts durch den
Grundherrn in Niedersachsen und Ostwestfalen seit dem 14. Jh. Seit 1597
(Salzduhmscher Landtagsabschied) wird das A. vor allem aus fiskalischen
Überlegungen verrechtlicht (Meierordnungen, z. B. Calenberg 1772), mit der →
Bauernbefreiung durch Ersetzung des Meierrechts durch Eigentum beseitigt.
Lit.: Pfeiffer, B., Das deutsche Meierrecht, 1855; Wittich,
W., Die Grundherrschaft in Nordwestdeutschland, 1896; Mohr, W., Die
Abmeierung, 1942; Turner, G., Das Calenberger Meierrecht, 1961
Abschichtung ist
die (dem römischen Recht unbekannte) vermögensrechtliche Verselbständigung
eines Kindes bei (tatsächlichem) Ausscheiden aus dem Hausverband. Sie betrifft
im Mittelalter fast nur Söhne. Der Sohn kann A. verlangen, sobald er „zu seinen
Jahren kommt“ (d. h. mündig wird). Regelmäßig wird der Sohn abgeschichtet, wenn
er bei Eheschließung einen selbständigen Haushalt gründet. Mit der A. erlischt
die väterliche Herrschafts- und Schutzgewalt. Die Teilungsquote ist
unterschiedlich (z. B. Kopfteil vom Ganzen, Sohneskopfteil von der Hälfte). Die
A. wird in Österreich durch (den Codex Theresianus von 1766 und) das Allgemeine
Bürgerliche Gesetzbuch von 1811 (vollständig 1919), im deutschen Reich durch
das Bürgerliche Gesetzbuch von 1896/1900 und im Schweizer Recht durch das
Zivilgesetzbuch von 1807/1911 durch das Erreichen der Vogtbarkeit bzw. der
Großjährigkeit bzw. der Volljährigkeit ersetzt
Lit.: Hübner 702; Adler, S., Eheliches Güterrecht und
Abschichtungsrecht, 1893; Knothe, H., Die Geschäftsfähigkeit der
Minderjährigen, 1980; Schumacher, S., Das Rechtsverhältnis zwischen Eltern und
Kindern, 1999
Absetzung ist die
Entfernung eines Menschen aus einer Tätigkeit und eines Wertes aus einem
Vermögen. Die A. eines Amtsträgers begegnet schon früh (z. B. Vertreibung des
römischen Königs). Sie wird in der Neuzeit verrechtlicht.
Lit.: Bund, K., Thronsturz und Herrscherabsetzung im
Frühmittelalter, 1979; Krah, A., Absetzungsverfahren, 1987; Rexroth, F.,
Tyrannen und Taugenichtse, HZ 278 (2004), 27; Wallner, M., Zwischen
Königsabsetzung und Erbreichsplan, 2004; Schubert, E., Königsabsetzung im
deutschen Mittelalter, 2005
Absicht ist der
unmittelbar auf den Erfolg als Ziel gerichtete Wille des Täters. Das römische
Recht kennt den (lat. [M.]) dolus als Bezeichnung eines Verschuldens. Im
Mittelalter wird der auf den Erfolg als Ziel gerichtete Wille oft durch (lat.)
animo deliberato, cum deliberato consilio, contumaciter, dolose und (mhd.)
geverlich oder mutwillig beschrieben. Folgen zieht in erster Linie das im
Bewusstsein der Rechtswidrigkeit gewollte Unrecht nach sich. Im 20. Jh. wird
die für den deliktischen Vorsatz das Bewusstsein der Rechtswidrigkeit verlangende
Vorsatztheorie (Binding 1877) im Strafrecht durch die als subjektive
Voraussetzung der Rechtswidrigkeit bereits die Möglichkeit der Einsicht in das
Verbotensein der Tat genügen lassende Schuldtheorie (Kohlrausch 1903, Carl
Schmitt 1910) verdrängt.
Lit.: Mayer, M., Die schuldhafte Handlung und ihre Arten im
Strafrecht, 1901; Schmitt, C., Über Schuld und Schuldarten, 1910 His, R., Das
Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 1 1920, Neudruck 1964, 68ff.; Beul,
C., Si mensor falsum modum dixerit, 1998
absolut
vollständig, unbedingt, uneingeschränkt, gegen jedermann wirkend (Gegensatz
relativ)
absolutio (F.) ab instantia → Instanzentbindung
Absolutismus ist die im Einzelnen sehr vielfältige Regierungsform, bei welcher der Inhaber der Herrschaftsgewalt (Monarch) dem Untertanen gegenüber grundsätzlich unbedingte (absolute, unbeschränkte) Macht hat. Der frühe A. entwickelt sich in Spanien, Frankreich und England bis zum Ende des 15. Jh.s. Unterstützt wird der A. durch theoretische Ansichten, welche die Enttheologisierung der Herrschaft und die Unteilbarkeit der Staatsgewalt fordern (→ Machiavelli, Nicolò [1469-1527], Il principe, 1513, → Bodin, Jean [1529-1596], Les six livres de la République, 1576, [lat.] maiestas est summa in cives ac subditos legibusque soluta potestas, die maiestas ist die [zeitlich unbegrenzt] gegenüber den Bürgern und Untertanen bestehende höchste und von den Gesetzen [nicht aber von göttlichem Recht, Naturrecht, Fundamentalgesetzen] losgelöste Gewalt). Begünstigt wird der A. dadurch, dass die Stände vielfach konfessionell gespalten sind und deswegen den Frieden in einem Land nicht sichern können. Mittel zur Durchsetzung der absoluten Herrschaft werden die Aufstellung eines stehenden Heeres, der Aufbau einer allein vom Herrscher abhängigen Beamtenschaft und die Einführung eines Staatswirtschaftssystems. Voraussetzung des A. ist die Entmachtung des → Adels hinsichtlich der Mitwirkung (bzw. formaler Mitspracherechte [Ersetzung durch informale Verständigung]) bei der → Landesherrschaft (in der Regel ohne Änderung der förmlichen Rechtsgrundlage der Herrschaft, z. B. Habsburg bzw. Österreich seit 1620). Der Höhepunkt des A. wird unter Ludwig XIV. (1643-1715) in → Frankreich erreicht. Im Reich eifern dem viele Landesfürsten nach (z. B. Friedrich Wilhelm [1620-1688] von Brandenburg bzw. Preußen, August der Starke [1670-1733] von Sachsen bzw. Polen, Maria Theresia in Österreich). In der Mitte des 18. Jh.s (Friedrich II. in Preußen, Joseph II. in Österreich, Anna Amalia und Carl August in Sachsen-Weimar, Peter Leopold in Toskana, Gustav III. in Schweden, Katharina II. in Russland) setzt im aufgeklärten A. (Reformabsolutismus) der Fürst als erster Diener des Staates wohlfahrtsstaatliche Änderungen in Gang (Bildungspolitik, Bauernbefreiung, Gerichtsorganisation). In Frankreich beendet die Revolution des Jahres 1789 den als Anspruch bedeutsamen, als Wirklichkeit kaum tatsächlich durchgesetzten A.
Lit.: Kroeschell, DRG 2, 3; Bodin, J., Les six livres de la
république, 1576; Hobbes, T., Leviathan 1651; Feine, H., Einwirkungen des
absoluten Staatsgedankens auf das deutsche Kaisertum, ZRG GA 42 (1921), 474;
Fehr, H., Der Absolutismus in der Schweiz, ZRG GA 69 (1952), 182; Sturmberger,
H., Kaiser Ferdinand II. und das Problem des Absolutismus, 1957; Carsten, F.,
Princes and parliament in Germany, 1959; Conrad, H., Rechtsstaatliche
Bestrebungen, 1961; Schnur, R., Individualismus und Absolutismus, 1962;
Oestreich, G., Geist und Gestalt des frühmodernen Staates, 1969; Conrad, H.,
Staatsgedanke und Staatspraxis, 1971; Dreitzel, H., Protestantischer
Aristotelismus und absoluter Staat, 1970; Absolutismus, hg. v. Hubatsch, E.,
1973, 2. A; 1988; Der aufgeklärte Absolutismus, hg. v. Aretin, K. Frhr. v.,
1974; Anderson, P., Lineages of the Absolutist State, 1974; Aufklärung, hg. v.
Hinrichs, E., 1985; Hubatsch, W., Das Zeitalter des Absolutismus 1600-1789, 4.
A. 1975; Anderson, P., Die Entstehung des absolutistischen Staates, 1979;
Aspekte des europäischen Absolutismus, hg. v. Patze, H., 1979; Reinalter, H.,
Aufgeklärter Absolutismus und Revolution, 1979; Mousnier, R., La monarchie
absolue en Europe, 1982; Meyer, J., Frankreich im Zeitalter des Absolutismus,
1990; Henshall, N., The Myth of Absolutism, 1992; Dreitzel, H., Absolutismus
und ständische Verfassung in Deutschland, 1992; Der Absolutismus – ein Mythos?,
hg. v. Duchhardt, H., 1996; Vec, M., Zeremonialwissenschaft im Fürstenstaat,
1998; Reformabsolutismus und ständige Gesellschaft, hg. v. Birtsch, G. u. a.,
1998; Duchhardt, H., Das Zeitalter des Absolutismus, 3. A. 1998 (mit rund 1400
Literaturnachweisen); Cornette, J., Absolutisme et Lumières, 2. A. 2000;
Hinrichs, E., Fürsten und Mächte, 2000; Der aufgeklärte Absolutismus im
europäischen Vergleich, hg. v. Reinalter, H. u. a., 2002; Seif, U., Recht und
Justizhoheit, 2003; Reinalter, H., Lexikon zzum aufgeklärten Absolutismus,
2005; Schilling, L., Absolutismus, ein unersetzliches Forschungskonzept?, 2008;
Müßig, U., Recht und Justizhoheit, 2. A. 2009
Abstimmung ist das
durch Abgabe einzelner Entscheidungen (Zustimmung, Ablehnung, Enthaltung)
erfolgende Verfahren zur Ermittlung des Willens (Gemeinwillens) einer
Gesamtheit von zu einer Entscheidung zugelassenen Personen hinsichtlich einer
bestimmten Frage. Als eine besondere Form der A. ist bereits im antiken Athen
der Ostrazismus bekannt, bei dem der Angehörige des Volks mittels je eines
Tonscherbens (griech. ostrakon) darüber abstimmen kann, ob ein Bürger, der die
politische Ordnung gefährdet, für 10 Jahre ohne Verlust des Vermögens und
seiner sonstigen Rechtsstellung verbannt werden soll. Im Einzelnen erfolgen
dann Abstimmungen nach ziemlich unterschiedlichen Regeln (z. B. Stimmzählung
und Mehrheitsentscheidung in der Goldenen Bulle 1356, Willensbildung nach
Kurien im Reichstag des Heiligen römischen Reichs), bis in der Mitte des 19.
Jh.s sich die Einheitlichkeit des Abstimmungskörpers mit grundsätzlich gleichem
Stimmrecht (Verfassung des deutschen Reiches von 1848) durchzusetzen beginnt.
Im 20. Jh. ist die A. des Volkes über eine politische Frage ein Entscheidungsverfahren
unmittelbarer Demokratie. Eine Sonderform der A. stellt die → Wahl dar.
Lit.: Stutz, U., Die
Abstimmungsordnung der Goldenen Bulle, ZRG GA 43 (1922), 217; Stutz, U., Der
Jüngste stimmt zuerst, ZRG GA 49 (1929), 435; Schubert, F., Die deutschen Reichstage, 1966; Scheuner, U.,
Das Mehrheitsprinzip, 1973; Heun, W., Das Mehrheitsprinzip, 1983; Bleicken, J.,
Die Verfassung der römischen Republik, 2000
Abstraktion ist die
Lösung eines allgemeine Merkmale enthaltenden Umstandes von einzelnen
Erscheinungsformen. Im 19. Jh. setzt die → Pandektistik auf der Grundlage
einer Entscheidung des römischen Juristen Julian/Iulianus (Hadrumetum um 100-um
170) die Trennung des → Verfügungsgeschäftes (→ Übereignung, →
Abtretung) von dem ihm als Grund (lat. [F.] causa) zugehörigen →
Verpflichtungsgeschäft und die Trennung des Innenverhältnisses (Auftrag) vom
Außenverhältnis (Vollmacht) mit Hilfe des Prinzips der A. durch
(Abstraktionsprinzip).
Lit.: Buchholz, S., Abstraktionsprinzip und
Immobiliarrecht, 1978; Landwehr, G., Abstrakte Rechtsgeschäfte, (in)
Rechtsdogmatik und Rechtspolitik, 1990, 173; Eisenhardt, U., Die Entwicklung
des Abstraktionsprinzips, FS K. Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997;
Ferrari, F., Vom Abstraktionsprinzip und Konsensualprinzip zum
Traditionsprinzip, ZEuP 1993, 52
Abt (Lehnwort lat.
abbas, abbatem [Akk.] 4. Jh., „Abt, Vater“, Lehnwort gr. ábba, aram. abba,
„Vater“, Lallwort) ist seit dem 4. Jh. der Leiter einer rechtlich selbständigen
Niederlassung eines christlichen → Ordens des weströmischen Gebiets. Er
wird als geistlicher Vater (lat. pater [M.] spiritualis) verstanden. Die auf
den Kirchenvater Augustinus (354-430) zurückgehende Ordensregel Benedikts von
Nursia (480-547) legt Einzelheiten der Stellung genauer fest. Demnach erfordert
die Weihe zum anfangs vom Bischof eingesetzten, nach den Novellen Justinians
von sämtlichen Mönchen gewählten A. vorbildliche Lebensführung und Weisheit.
Der A. hat gegenüber den Mönchen Rechte wie ein Vater gegenüber Kindern.
Deshalb schulden die Mönche Gehorsam und Ehrerbietung. Im fränkischen Reich
tritt neben das freie Wahlrecht der Mönche das Einsetzungsrecht eines
jeweiligen Herrn (einer Gründerfamilie). Seit karolingischer Zeit wird der A.
auch mit weltlichen Aufgaben betraut. Synoden von Rom (826) und Poitiers (1078)
sowie das Konzil von Vienne (1311/2) legen die Voraussetzung der Weihe zum
Priester für den A. fest. Im 11. und 12. Jh. dringt der Grundsatz der freien
Wahl für kurze Zeit wieder vor.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Hegglin, B., Der
benediktinische Abt, 1961; Salmon, P., L’abbé dans la tradition monastique,
1963; Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972; Seibert, H.,
Abtserhebungen, 1995; Wiech, M., Das Amt des Abtes im Konflikt, 1999
Abtei (lat. [F.]
abbatia) ist seit der frühen Neuzeit die von der Stellung und Tätigkeit eines
Abtes übernommene Bezeichnung für die von einem → Abt geleitete,
rechtlich selbständige Niederlassung eines christlichen Ordens. Die A. kann →
Reichsabtei, landsässige A. oder der römischen Kirche unterstellte freie A.
sein.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Blume, K., Abbatia, 1919; Wehlt,
H., Reichsabtei und König, 1970; Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A.
1972; Brandstetter, A., Die Abtei, 1999
Äbtissin ist die
Leiterin einer rechtlich selbständigen Niederlassung eines christlichen
Frauenordens (des weströmischen Gebietes). → Abt
Abtreibung ist der
künstlich herbeigeführte vorzeitige Abgang der (beseelten) menschlichen Leibesfrucht
aus dem Mutterleib. Die A. ist nach römischem Recht zeitweise zulässig. Die →
Kirche wertet sie zunächst in jedem Fall als → Mord, Gratian (um 1140)
beurteilt aber die A. vor dem 40. Tag der Schwangerschaft auf Grund von Exodus
21,22-23 milder. Die Aufklärung lehnt die kirchliche Lehre ab. Seit etwa 1970
(z. B. Österreich 1974) wird die kirchliche Auffassung im weltlichen Recht
zunehmend eingeschränkt und der medizinisch einfach gewordene
Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft als
(nach einer Beratung in Deutschland seit 1995 zwar rechtswidrig, aber)
straffrei zugelassen.
Lit.: Kroeschell, DRG 2, 3; Lewin, L., Die
Fruchtabtreibung, 4. A. 1925; Huser,
R., The Crime of Abortion, Diss. Washington 1942; Noonan, J., The
Morality of Abortion, 1970; Jerouschek, G., Lebensschutz und Lebensbeginn.
Kulturgeschichte des Abtreibungsverbots, 1988; Gante, M., § 218 in der Diskussuion,
1991; Geschichte der Abtreibung, hg. v. Jütte, R., 1993; Onstein, H., Die
Entwicklung der Straftatbestände der Abtreibung, Diss. jur. Münster 1996; Müller, P., Die Abtreibung, 2000;
Jerouschek, G., Lebensschutz und Lebensbeginn, 2002; Bett, J., Die Beurteilung
der embryopathischen Indikation zum Schwangerschaftsabbruch, Diss. jur.
Tübingen 2003; Putzke, S., Die Strafbarkeit der Abtreibung in der Kaiserzeit,
2003; Koch, C., Schwangerschaftsabbruch, 2004; Behren, D. v., Die Geschichte
des § 218 StGB, 2004
Abtretung (lat. [F.] cessio) ist die
Übertragung einer Forderung von einem bisherigen → Gläubiger (Zedenten)
auf einen anderen (Zessionar), der damit neuer Gläubiger wird. Sie ist im
römischen Recht ausgeschlossen, weil die Verbindlichkeit als höchstpersönliches
Band zwischen Gläubiger und Schuldner betrachtet wird. Erst spät lässt das
römische Recht mit Hilfe der Einrichtung des Prozessmandates (Geltendmachung
der Forderung des Gläubigers durch einen Beauftragten) und der Novation in Form
einer Stipulation zwischen Schuldner und Neugläubiger wenigstens die
Übertragung eines selbständigen Rechtes zu, eine fremde Forderung auszuüben.
Im Gegensatz hierzu entwickelt sich wohl in den mittelalterlichen Städten die
rechtsgeschäftliche Übertragung von Forderungen, die zunächst grundsätzlich der
Mitwirkung des Schuldners durch Einwilligung gegenüber dem bisherigen Gläubiger
oder durch Gelöbnis gegenüber dem neuen Gläubiger bedarf (ausgenommen
gerichtlich festgestellte Forderungen). Vereinzelt bestehen auch Verbote von
Abtretungen. Das Zustimmungserfordernis entfällt seit dem Spätmittelalter
(letztlich) unter dem Einfluss des gemeinen Rechts, in dem das
deutschrechtliche Gedankengut die Übertragung der Forderung auch der Substanz
nach eröffnet, so dass bereits der → Codex Maximilianeus Bavaricus
civilis von 1756 (II 3 § 8) die A. aufnimmt (ALR I 11 §§ 376ff., Code civil
Art. 1689ff., ABGB §§ 1392ff.). Im 19. Jh. unterliegt die einschränkende Lehre
Christian Mühlenbruchs (1817) der durch Windscheid und Bähr geprägten
Vorstellung von der Abtretung als einem abstrakten Verfügungsgeschäft (§§
398ff. BGB, Art. 183ff. bzw. 164ff. Obligationenrecht der Schweiz). In England
gilt die Forderung als solche bis 1873 als nicht übertragbar.
Lit.: Kaser § 55; Köbler, DRG 127, 165, 214; Mühlenbruch,
C., Die Lehre von der Zession, 1817; Buch, G., Die Übertragbarkeit von
Forderungen im deutschen mittelalterlichen Recht, 1912; Schumann, H., Die
Forderungsabtretung im deutschen, französischen und englischen Recht, 1924;
Luig, K., Zur Geschichte der Zessionslehre, 1966; Huwiler, B., Der Begriff der
Zession in der Gesetzgebung seit dem Vernunftrecht, 1975; Coing, H.,
Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.; Hoop, G.,
Kodifikationsgeschichtliche Zusammenhänge des Abtretungsverbotes, 1992
Abtriebsrecht ist
das Recht der Angehörigen einer Siedlungsgemeinschaft, den Zuzug eines Fremden
zu verhindern. Es ist im Titel XLV (De migrantibus) des fränkischen Volksrechtes
(507-511) bezeugt und besteht bis in
das 19. Jh. Allerdings kann ein Herr einem Fremden ein Niederlassungsprivileg
gewähren.
Lit.: Bader, K.,
Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 1ff. 1957ff.
Abzahlungsgesetz ist
das deutsche Gesetz vom 16. 5. 1894, das außerhalb des 1896/1900 geschaffenenen
Bürgerlichen Gesetzbuches die nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten von
Amerika seit etwa 1835 vom Handel umworbenen mittellosen Käufer beweglicher
Sachen, die aus wirtschaftlichen Gründen etwa Nähmaschinen, Möbel oder
Kleidung nur gegen Zahlung des Preises in Raten kaufen können, vor
Benachteiligung (z. B. durch Verfall d. h. Rücknahme der Kaufsache bei Zahlungsversäumnis
und Fortbestehen der Zahlungspflicht) schützen will. Es wird mit Wirkung vom
1. 1. 1991 durch das Verbraucherkreditgesetz abgelöst, das zum 1. 1. 2002 in
das Bürgerliche Gesetzbuch eingearbeitet wird. In Österreich wird 1896 ein
Ratengesetz, 1979 ein Konsumentenschutzgesetz erlassen.
Lit.: Kroeschell, DRG 2, 3; Benöhr, H., Konsumentenschutz vor
80 Jahren, ZHR 138 (1974), 492; Schubert, W., Das Abzahlungsgesetz von 1894,
ZRG GA 102 (1985), 130; Fendel, R., Der Berliner Möbelleihvertrag, 1991
Abzahlungskauf → Abzahlungsgesetz
Abzugsrecht ist das Recht zum Abzug des
Einzelnen aus seinen bisherigen unfreien Rechtsverhältnissen, gegebenenfalls
unter einer Geldleistung. Der Abzug findet sich in vielen spätmittelalterlichen
Weistümern mit unterschiedlichen Regelungen. Mit der Bauernbefreiung des 19.
Jh.s wird das A. überflüssig.
L.: Möhlenbruch, R.,
Freier Zug, ius emigrandi, Auswanderungsfrieheit, Diss. jur. Bonn 1977
acceptatio (lat. [F.]) Annahme
acceptilatio (lat. [F.]) Empfangnahme →
stipulatio
accessio (lat.
[F.]) Hinzutreten, Zuwachs
accessio cedit principali (lat) - Zuwachs folgt rechtlich der Hauptsache. → Verbindung
Accursius (Bagnolo [Certaldo] bei Florenz 1182 oder 1185-Bologna 1260 oder 1263) wird in einer bäuerlichen Familie geboren und lehrt nach dem Studium des römischen Rechts in Bologna (Azo, Jacobus Balduinus) und der Promotion seit etwa 1215. Bis kurz nach 1230 legt er (in Bearbeitung eines unvollendeten Werkes Azos?) fünfbändige, durch etwa 1200 Handschriften überlieferte Erklärungen (Kommentare) zu allen Teilen der justinianischen Kompilation in Form von Glossenapparaten (lat. glossa [F.] ordinaria) mit insgesamt 96940 Einzelglossen (22365 zum Digestum vetus, 17969 zum Infortiatum, 22243 zum Digestum novum 17814 zum Codex, 4737 zu den Institutionen, 7013 zum Authenticum und 680 zu den libri feudorum) vor, in denen er Problemlösungen unter umfangreicher Verwertung der vorangehenden Literatur bietet. Außerdem sind 8 seiner Gutachten (Konsilien) erhalten, während eine bezeugte Summe nicht überliefert ist. Zu seinen Schülern zählen Odofredus und Papst Innozenz IV.
Lit.: Söllner § 25; Köbler, DRG 106; Genzmer, E., Zur
Lebensgeschichte des Accursius, FS L. Wenger, Bd. 2 1945, 223; Atti del
convegno internazionale di studi accursiani, ed. Rossi, G., Bd. 1ff. 1968;
Lange, H., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997, 335; Jakobs, H., Magna
Glossa, 2006
Achilleisches Hausgesetz → Dispositio Achillea
Achramire (lat.-afrk.),
adchramire, ist die frühmittelalterliche Bezeichnung für das Versprechen
(Geloben), einen Gerichtstag wahrzunehmen, einen Eid zu leisten oder einen
Bürgen oder Zeugen zu stellen (Lex Salica [507-511] 62 u. ö.). Das a. erfolgt
unter Übergeben oder Zuwerfen eines (gekerbten) Stäbchens (lat. [F.] →
festuca, vielleicht ursprünglich mit der framea).
Lit.: Köbler, LAW; Daberkow, M., Adhramire und die
germanische framea, Z. f. d. P. 49 (1923), 229
Acht ist im
mittelalterlichen deutschen Recht die als Unrechtsfolge (Strafmittel oder
Verfahrensmittel) mögliche allgemeine Verfolgung. Die A. folgt auf verschiedene
Taten, die eine niedrige Gesinnung widerspiegeln (z. B. Mord, Treubruch). Wird
der Täter in der Tat ergriffen, so kann er folgenlos getötet werden. Im Übrigen
bedarf es eines besonderen Verfahrens, in dem die A. erklärt wird. Der
Geächtete steht außerhalb des Rechts, ist Feind aller und kann von jedem
folgenlos getötet werden. Das bewegliche Vermögen des Geächteten wird
verteilt, die Liegenschaft verwüstet. Mindere Formen der A. sind zeitlich (z.
B. auf ein Jahr) befristet. Bei fruchtlosem Ablauf einer damit verbundenen
Gestellungsfrist (Ungehorsamsacht) verfällt der Betreffende in →
Aberacht. Die vom König oder seinem Gericht verhängte A. gilt als →
Reichsacht im gesamten Reich. Lösung aus der A. ist möglich. Im Laufe des
Mittelalters entwickelt sich die A. zu einer differenzierten Rechtsfigur, die
mit Erstarkung der staatlichen Gerichtsherrschaft verschwindet (wegen der
Vollstreckungsschwäche des Reiches vom Reichskammergericht zuletzt noch 1698,
vom Reichshofrat zuletzt noch 1709 ausgesprochen).
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Eichmann, E., Acht und Bann,
1909; Künßberg, E. Frhr. v., Acht, 1910; Heusler, A., Das Strafrecht der
Isländersagas, 1911; Poetsch, J., Die Reichsacht, 1911; Ruf, F., Acht und
Ortsverweis im alten Land- und Stadtgericht Nürnberg, Mitteilungen des Vereins
für Geschichte der Stadt Nürnberg 46 (1955), 1; Siuts, H., Bann und Acht, 1959;
Landes, D., Das Achtverfahren, Diss. jur. Frankfurt am Main 1964; Jacoby, M.,
Wargus, 1974; Kampmann, C., Reichsrebellion und kaiserliche Acht, 1992; Weber,
M., Zur Bedeutung der Reichsacht in der frühen Neuzeit, ZHF Beiheft 19 (1997),
55
Achtbuch ist das
über die von einem Gericht ausgesprochene → Acht (und dadurch Geächteten)
geführte Buch (Register), wie es anscheinend erstmals der Reichslandfriede des
Jahres 1235 vorsieht (z. B. Lübeck 1243, Iglau 1249, Rostock 1258, Rothenburg
ob der Tauber 1274, Nürnberg 1285, Achtbuch der Reichshofgerichtsschreiber
Petrus Wacker und Johann Geisler zwischen 1417 und 1445 mit fast 600 Einträgen
u. a.).
Lit.: Schultheiß, W., Nürnberger Rechtsquellen, Bd. 1f. 1960, 16; Battenberg, F., Das Achtbuch der Könige Sigmund
und Friedrich III., 1986
Achtklausel ist die in mittelalterlichen Verträgen enthaltende
Vereinbarung, sich für den Fall der Vertragsverletzung der → Acht zu
unterwerfen.
Lit.:
Battenberg, F., Reichsacht und Anleite im Spätmittelalter, 1987´6, 288
acta (lat. [N.Pl.]) → Akten
acta municipalia (lat. [N.Pl.]) Gemeindeakten
Actio (lat. [F.]) ist im römischen Recht die
Möglichkeit, vor Gericht zu verlangen, was einem zusteht (Klaganspruch). Im →
Formularprozess trägt der Kläger in Gegenwart des Beklagten das Begehren vor
dem Gerichtsmagistrat vor und beantragt die Erteilung einer bestimmten a.
Ergibt sich, dass der vom Kläger vorgetragene Sachverhalt keine bereits
anerkannte a. rechtfertigt, entfällt der Antrag. Allerdings kann der Gerichtsmagistrat,
wenn er das Begehren des Klägers gleichwohl als rechtsschutzbedürftig erachtet,
eine a. in factum in Aussicht stellen. Die zugelassenen actiones, von denen
jede ihre eigene Formel hat, werden vor allem im 4. Buch der Institutionen
Justinians im Titel (lat.) De actionibus (Von den Klagansprüchen)
zusammengestellt. Im Hochmittelalter anerkennt beispielsweise Johannes
Bassianus 169 verschiedene actiones. Im 19. Jh. (Windscheid 1856) wird aus der
römischrechtlichen a. der materiellrechtliche → Anspruch.
Lit.: Kaser § 82; Söllner § 9; Köbler, LAW; Windscheid, B.,
Die actio des römischen Civilrechts, 1856; Bethmann Hollweg, C. v., Der
Civilprozess des gemeinen Rechts, Bd. 6 1874, 16; Peter, H., Actio und writ,
1957; Kriechbaum, M., Actio, ius und dominium in den Rechtslehren des 13. und
14. Jahrhunderts, 1996; Kollmann, A., Begriffs- und Problemgeschichte des
Verhältnisses von formellem und materiellem Recht, 1996; Gröschler, P.,
Actiones in factum, 2002; Artner, M., Agere praescriptis verbis, 2002
Actio (F.) ad exhibendum (lat.), Klaganspruch auf Vorlegung, Vorweisung (vor dem Prätor),
Herausgabe, Exhibitionsklage (vgl. § 809 BGB, Klage auf Besichtigung) ist eine
(lat.) actio in personam, durch die der bei einer (lat.) actio in rem fehlende
Einlassungszwang umgangen werden kann.
Lit.: Kaser §§ 26 III 3, 27 I 5, 34 II 3
actio (F.) adiecticiae qualitatis (lat.) Klaganspruch aus Haftung für Gewaltunterworfene
Lit.: Kaser §§ 11, 15, 49, 60, 83; Wacke, A., Die
adjektizischen Klagen, ZRG RA 111 (1994), 280
actio (F.) aestimatoria
(lat.) Klaganspruch zur Schätzung (aus Trödelvertrag)
Lit.: Köbler, DRG 48
actio (F.) arbitraria (lat.) Klaganspruch zur Schätzung bzw. zum Ermessen
Lit.: Kaser §§ 8 IV, 83 II, 87 II
Actio (F.) auctoritatis
(lat.), Klaganspruch wegen Eviktion (Entwerung) gegen den Verkäufer,
Gewährschaftsklage, ist im römischen Recht der Klaganspruch eines wegen einer
durch Manzipation erworbenen Sache von einem Dritten angegriffenenen und vom
Veräußerer nicht geschützten oder unterliegenden Käufers auf den doppelten
Kaufpreis.
Lit.: Kaser §§ 7, 27, 32, 51; Söllner §
8
Actio (F.) certae creditae pecuniae (lat.) ist im
römischen Recht der Klaganspruch auf eine bestimmte Gelddarlehensschuld.
Lit.: Kaser §§ 39, 83
actio (F.) civilis (lat.) Klaganspruch nach dem Zivilrecht
actio (F.) commodati (lat.)
Klaganspruch aus Leihvertrag
Lit.: Kaser § 39 II
Actio (F.) communi dividundo
(lat.) ist im römischen Recht der wohl im 3./2. Jh. v. Chr. durch eine (lat.)
lex (F.) Licinnia geschaffene Teilungsklaganspruch mindestens eines
Angehörigen einer Vermögensgemeinschaft.
Lit.: Kaser §§ 23 IV 83
actio (F.) conducti (lat.) Klaganspruch des Mieters usw.
Lit.: Kaser §§ 42, 83
actio (F.) confessoria (lat.) Servitutenklaganspruch, Nießbrauchsklaganspruch
Lit.: Kaser §§ 28, 29
actio (F.) contraria (lat.) Gegenklaganspruch (bei unvollkommen zweiseitig verpflichtenden
Verträgen z. B. Aufwandsersatzklageanspruch des Entleihers, Verwahreres,
Beauftragten oder Pfandgläubigers)
Lit.: Kaser § 38 IV 2
Actio (F.) de deiectis vel effusis (lat.), Klageanspruch wegen hinausgeworfener oder
ausgeschütteter (Sachen), ist im römischen Recht der gegen den Inhaber von Räumen
wegen eines durch Hinauswerfen oder Ausgießen von Sachen aus den Räumen
entstandenen Schadens gerichtete, verschuldensunabhängige Schadensersatzanspruch
eines Verletzten auf das Doppelte des Schadens (Quasidelikt, Erfolgshaftung?).
Actio (F.) de dolo (lat.),
Klaganspruch wegen Arglist, ist im römischen Recht der auf Anregung des C.
Aquilius Gallus im 1. Jh. v. Chr. vom Prätor bei Fehlen einer anderweitigen
actio gewährte, binnen Jahresfrist geltend zu machende Klaganspruch des durch
einen Betrug Geschädigten gegen den Täter auf Ersatz des Schadens, der durch
Wiedergutmachung abgewendet werden kann, andernfalls Infamie nach sich zieht.
Lit.: Kaser §§ 8, 83; Söllner § 9
Actio (F.) de in rem verso
(lat.), Klage wegen des auf eine Sache Verwendeten, Klaganspruch wegen
eingetretener Bereicherung, ist im römischen Recht der Klaganspruch gegen einen
Gewalthaber auf Herausgabe des Wertes, den ein Gewaltunterworfener aus einem
Verpflichtungsgeschäft erlangt und zu einer Bereicherung des Vermögens des Gewalthabers
verwendet. Das nachklassische römische Recht erweitert den Anwendungsbereich
auf Geschäftsführung durch Freie, das gemeine Recht entwickelt die a. zu einem
allgemeinen Bereicherungsanspruch wegen nützlicher Verwendung.
Lit.: Kaser § 49; Söllner § 12;
Chiusi, T., Die actio de in rem verso, 2001
actio (F.) de pauperie (lat.) Klaganspruch wegen Minderung durch Schaden seitens eines
vierfüßigen Nutztiers, den der Eigentümer durch Herausgabe des Tieres abwenden
kann
Lit.: Kaser § 50 II 4
actio (F.) de peculio (lat.) Klaganspruch über das Sondergut eines Gewaltunterworfenen
gegen den Gewalthaber wegen vom Gewaltunterworfenen begründeter Geschäftsverbindlichkeiten
bis zur Höhe des Wertes des Sonderguts im Verurteilungszeitpunkt
Lit.: Kaser §§ 49 II, 83 II; Söllner § 12
Actio (F.) depositi (lat.)
ist im römischen Recht der Klaganspruch des Hinterlegers auf Rückgabe der
hinterlegten Sache gegen den Verwahrer.
Lit.: Kaser §§ 39, 83
actio (F.) de recepto (lat.) Klaganspruch aus Garantieerklärung
Lit.: Kaser § 46 III 3
actio (F.) de tigno iuncto (lat.) (schon im
Zwölftafelgesetz enthaltener) Klaganspruch des römischen Rechts über den bei
einem Hausbau rechtswidrig verwendeten Balken oder später eines anderen
Gegenstand eines andern, den der Verwender nicht lostrennen, sondern nur mit
dem doppelten Wert ersetzen muss
Lit.: Kaser § 26 III 3; Köbler, DRG
25; Hinker, H., Tignum iunctum, ZRG RA 108 (1991), 41
actio (F.) empti (lat.) Kaufklaganspruch
Lit.: Kaser §§ 51, 83 II; Söllner § 9
actio (F.) exercitoria (lat.) Klaganspruch gegen den Reeder für Geschäfte des Kapitäns
bei dem Betrieb eines Schiffes
Lit.: Kaser § 49
II 3; Wacke, A., Die adjektizischen Klagen, ZRG RA 111 (1994), 280
Actio (F.) ex stipulatu (lat.)
ist im römischen Recht der Klaganspruch des Gläubigers gegen den Schuldner, der
in der einseitig verpflichtenden Stipulation eine unbestimmte Leistung
versprochen hat.
Lit.: Kaser §§ 40, 83; Söllner §§ 9, 24
actio (F.) ex testamento (lat.) Klaganspruch aus
Testament
Lit.: Kaser §§ 32 II 4, 76 II
actio (F.) familiae erciscundae (lat.)
Erbteilungsklaganspruch
Lit.: Kaser §§ 65, 66, 73, 81; Söllner §§ 8, 9
actio (F.) fiduciae (lat.) Klaganspruch aus Sicherungsübereignung
Lit.: Kaser §§ 24, 31, 38, 83; Söllner §
9
actio (F.) finium regundorum (lat.) Grenzfeststellungsklaganspruch
Lit.: Kaser § 23
Actio (F.) furti non manifesti
(lat.) ist im römischen Recht der Klaganspruch gegen den nicht handhaften Dieb
auf das Doppelte des Wertes der entzogenen Sache, während die actio furti
manifesti auf das Vierfache des Sachwerts gerichtet ist.
Lit.: Kaser § 83; Kaser, M., Die actio
furti, ZRG RA 96 (1979), 89
actio (F.) honoraria (lat.) prätorischer Klaganspruch
Lit.: Kaser § 4 II 1
actio (F.) in factum (lat.)
auf den Sachverhalt zugeschnittener Klaganspruch des Prätors bei Fehlen einer
actio im Edikt und Anerkennung eines Rechtsschutzbedürfnisses (z. B. bei von
der lex Aquilia nicht erfassten mittelbaren Schädigungen)
Lit.: Söllner § 15; Gröschler, P., Actiones in factum, 2002
actio (F.) iniuriarum (lat.)
Schadensersatzklaganspruch
Lit.: Kaser §§ 34, 35, 83; Söllner § 8; Moosheimer, T., Die
actio iniuriarum aestimatoria, 1998; Balthasar, S., Der Schutz der Privatsphäre
im Zivilrecht, 2006
actio (F.) in personam (lat.)
persönlicher Klaganspruch (wegen Forderungen aus einem Schuldverhältnis auf
Leistung, wobei Einlassungszwang des Gegners besteht)
Lit.: Kaser § 4 I, II, 82 II; Söllner § 9
actio (F.) in rem (lat.)
sachverfolgender Klaganspruch (zur Durchsetzung von absoluten Rechten auf eine
[ursprünglich in der Gerichtsstätte vorhandene] Sache gegenüber einem sich in
Widerspruch zu den Rechten des Klägers Setzenden, wobei kein Einlassungszwang
des Gegners besteht)
Lit.: Kaser §§ 4, 83 II; Söllner § 9
Actio (F.) institoria (lat.)
ist im römischen Recht der Klaganspruch gegen einen Unternehmer aus einer von
seinem Angestellten eingegangenen Verbindlichkeit.
Lit.: Kaser § 49; Wacke, A., Die adjektizischen Klagen, ZRG
RA 111 (1994), 280
actio (F.) iudicati (lat.)
Vollstreckungsklaganspruch
Lit.: Kaser §§ 32, 85
actio (F.) legis Aquiliae (lat.) Schadensersatzklaganspruch
Lit.: Kaser § 51; Söllner § 8; Kaufmann, H., Rezeption und
usus modernus der actio legis Aquiliae, 1958
actio (F.) locati (lat.)
Klaganspruch des Vermieters usw.
Lit.: Kaser §§ 42, 83 II
actio (F.) mandati (lat.) Klaganspruch aus Auftrag
Lit.: Kaser §§ 56, 57, 83
actio (F.) mixta (lat.)
gemischter Klaganspruch (zugleich sachverfolgender und pönaler Klaganspruch)
Actio (F.) negatoria (lat.)
ist im römischen Recht der Klaganspruch, mit dem der zivile Eigentümer sich
dagegen wehren kann, dass ein anderer sich ein nicht bestehendes Recht zur
Einwirkung auf die Sache (z. B. Dienstbarkeit, Recht auf Immission) anmaßt.
Lit.: Kaser § 27 II; Ogorek. R., Actio negatoria und
industrielle Beeinträchtigung des Grundeigentums, (in) Wissenschaft und
Kodifikation, hg. v. Coing, H. u. a., Bd. 4 1979, 40; Thier, A., Zwischen actio
negatoria und Aufopferungsanspruch, (in) Das Bürgerliche Gesetzbuch und seine Richter,
2000, 407; Kawasumi, Y., Von der römischen actio negatoria zum negatorischen
Beseitigungsanspruch, 2001
actio (F.) negotiorum gestorum (lat.) Klaganspruch aus Geschäftsführung
Lit.: Kaser §§ 38, 44, 56, 64, 83
actio (F.) noxalis (lat.)
Schadensersatzklaganspruch wegen Noxalhaftung des Gewalthabers
Lit.: Köbler, DRG 27
Actio (F.) nullitatis (lat.)
ist der mittelalterliche Nichtigkeitsklaganspruch
Lit.: Köbler, DRG 117
actio (F.) operarum (lat.) Klaganspruch auf versprochene Dienste
Lit.: Kaser §§ 16 II, 39 II
Actio (F.) Pauliana (lat.) ist die unter Justinian (527-565) die (lat.)
restitutio in integrum und das (lat.) interdictum fraudatorium aufnehmende
Gläubigeranfechtungsklage gegen den unentgeltlichen oder wissenden Erwerber
aus gläubigerbenachteiligenden Rechtsgeschäften des Schuldners.
actio (F.) pigneraticia (lat.) Pfandklaganspruch (in
rem oder in personam)
Lit.: Kaser §§ 31, 39
actio (F.) poenalis (lat.) Strafklaganspruch
actio (F.) popularis (lat.) Popularklaganspruch,
von jedermann aus dem Volk erhebbarer Klaganspruch (z. B. actio de deiectis
verl effusis), bei dem die Buße an den Kläger, die Gemeinekasse bzw.
Staatskasse oder an beide fällt
Lit.: Kaser § 50 I 1
actio (F.) praescriptis verbis (lat.) Klaganspruch der (vom Prätor in der Klaganspruchsformel
genau) vorgeschriebenen Worte (z. B. bei Innominatkontrakt)
Lit.: Kaser § 45 II; Kranjc, J., Die actio praescriptis
verbis, ZRG RA 106 (1989), 434; Artner, M., Agere praescriptis verbis, 2002
actio (F.) praetoria (lat.) prätorischer Klaganspruch
Lit.: Kaser § 4 II
actio (F.) pro socio (lat.) Klaganspruch gegen den Gesellschafter
Lit.: Kaser § 43 I
Actio (F.) Publiciana (lat.)
ist im römischen Recht der wohl im letzten vorchristlichen Jahrhundert vom
Prätor geschaffene sachverfolgende Klaganspruch des besseren Besitzers (z. B.
Ersitzungsbesitzers, bonitarischen Eigentümers) gegen den schlechteren
Besitzer (also nicht gegen den zivilen Eigentümer) auf Herausgabe der Sache
(vgl. § 1007 BGB, 372 ABGB).
Lit.: Kaser §§ 27, 83; Söllner § 9;
Apathy, P., Die publizianische Klage, 1981
actio (F.) quanti minoris (lat.) Minderungsklaganspruch
(binnen einem Jahr geltend zu machen)
Lit.: Kaser § 41 VI 4; Söllner § 9
Actio (F.) quod iussu (lat.) (Geheißklage) ist im römischen Recht der Klaganspruch gegen
den durch Geheiß (iussum) zu Rechtsgeschäften ermächtigenden Hausvater bzw.
Gewalthaber wegen des Geschäfts eines Haussohnes bzw. Gewaltunterworfenen.
Lit.: Kaser §§ 49, 83; Schleppinghoff, A., Actio quod
iussu, Diss. jur. Köln 1996
actio (F.) redhibitoria
Wandelungsklaganspruch (binnen sechs Monaten geltend zu machen)
Lit.: Kaser §§ 34, 41; Söllner § 9
actio (F.) rei uxoriae
(lat.) Klaganspruch auf Herausgabe des Heiratsgutes der Frau
Lit.: Kaser §§ 33, 34, 36; Söllner §§ 9, 24; Söllner, A,
Zur Vorgeschichte und Funktion der actio rei uxoriae, 1969
actio (F.) Serviana (lat.) Pfandklaganspruch des
Pfandgläubigers (anfangs nur des Verpachtenden) auf Herausgabe der Pfandsache
von jedem Besitzer
Lit.: Kaser § 31 III
actio (F.) stricti iuris
(lat.) strengrechtlicher Klaganspruch
Lit.: Kaser §§ 33 IV, 36 III, 37 I
actio (F.) tutelae (lat.) Klaganspruch gegen den Vormund
Lit.: Kaser §§ 62 IV 4, 83 II 3
actio (F.) utilis (lat.)
(vom Präter im Einzelfall) brauchbar (anwendbar) gemachter allgemeiner
Klaganspruch (z. B. Anwendbarmachung der actio legis Aquiliae des Eigentümers
auf andere dinglich Berechtigte oder auf den Hausvater eines verletzten
Hauskinds)
Lit.: Kaser § 55 II 3; Stolmar, R., Die Genesis der actio
utilis, 1988; Stolmar, R., Die formula der actio utilis, 1992
actio (F.) venditi (lat.)
Kaufpreisklaganspruch des Verkäufers
Lit.: Kaser §§ 41 III 2, 83 II 3
actus (lat. [N.])
Trift → Dienstbarkeit
actus (M.) iuridicus (lat.) →
Rechtsgeschäft
Lit.: Köbler, DRG 164
actus (M.) legitimus (lat.)
bedingungsfeindliches Rechtsgeschäft
Lit.: Kaser §§ 34, 41
Additio (F.) sapientium (lat.)
ist die innerhalb der → Lex Frisionum überlieferte Niederschrift über
Rechtsmitteilungen zweier Männer namens Wlemarus und Saxmundus.
Lit.: Heck, P., Die Entstehung der Lex Frisionum, 1927;
Siems, H., Studien zur Lex Frisionum, 1980
Adel ist die
Gesamtheit der erblich bevorrechtigten Familien einer Gesellschaft. Derartige
Erscheinungen treten in verschiedenen Kulturen auf. Sie sind Wandlungen
unterworfen. Die Herkunft des mittelalterlichen deutschen Adels ist ungeklärt.
Neben wirtschaftlichen Gesichtspunkten (ererbter Boden?) spielt wohl auch die
Herrschaft über Menschen eine Rolle. Nicht sicher feststellbar ist die
Bedeutung charismatischer Elemente (Heil, Behauptung göttlicher Abkunft). Die
germanischen (lat. [M.Pl.]) principes (Ersten, Anführer) lassen sich nicht als
A. sichern. Das salfränkische Volksrecht (507-511?) kennt noch keine rechtliche
Aussonderung erblich bevorrechtigter Familien, doch ist es nicht
ausgeschlossen, dass der aus der spätrömischen Reichsbeamtenschaft hervorgegangene
römische Senatorenadel vergleichbare fränkische Strukturen als Gegenstück
findet. Mit den fränkischen Königen steigen viele ihrer Anhänger über die
Zuteilung von wichtigen Aufgaben auf. Infolge von Heiratsverbindungen und
militärischen Erfolgen entwickelt sich ein engerer Kreis bedeutender Familien,
denen zunehmend die höchsten Ämter des Reiches vorbehalten werden (Reichsadel).
Weil ihre Lehen seit dem Ende des 9. Jh.s erblich werden, festigt sich ihre
örtliche Bindung zu bestimmten Gebieten. Diese oberste Schicht des bereits in
den karolingischen Volksrechten durch ein besonderes → Wergeld sowie im
Übrigen durch → Ebenburt (Ebenbürtigkeit) und später → Pairsgericht
gekennzeichneten Adels wird seit dem Hochmittelalter zu den →
Landesherren bzw. → Reichsfürsten. Demgegenüber tritt der vielfach der
Unfreiheit entstammende, durch Herrendienst entstandene → niedere Adel in
den Dienst der Landesherren ein. Seit 1346 kann der A. (vom König) durch
Urkunde an Bürger verliehen werden (Briefadel). Mit dem Absolutismus wird die
politische Bedeutung des Adels im Land beschnitten. Durch Säkularisation, Mediatisierung,
Beseitigung der Grundherrschaft und Einführung des 1789 in Frankreich
revolutionär verwirklichten Gleichheitsgrundsatzes wird der rechtliche
Vorrang des Adels (im deutschen Gebiet) in der jüngeren Neuzeit (bis 1918)
beseitigt (Österreich 3. 4. 1919 Gesetz über die Aufhebung des Adels, Führung
verwaltungsstrafbar). Mit der Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone
(1945-1949) werden ihm dort auch die wirtschaftlichen Grundlagen entzogen.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2, 3; Köbler, DRG 78, 87, 98, 111,
120, 132, 135, 149, 206, 225; Guilhermoz, P., Essai sur l’origine de la
noblesse en France, 1902; Wittich, W., Altfreiheit und Dienstbarkeit des
Uradels in Niedersachen, Vjschr. für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 1906;
Schulte, A., Der Adel und die deutsche Kirche, 1910; Mayer, E., Der germanische
Uradel, ZRG GA 32 (1911), 1;
Mayer, E., Zur Lehre vom germanischen Uradel, ZRG GA 37 (1916), 93; Ernst, V., Die
Entstehung des niederen Adels, 1916; Lintzel, M., Die Stände der deutschen
Volksrechte, 1933; Dungern, O. v., Adelsherrschaft im Mittelalter, 1927,
Neudruck 1967; Otto, E., Adel und Freiheit, 1937; Stutz, U., Zum Ursprung und
Wesen des niederen Adels, 1937; Bader, K., Zur Lage und Haltung des
schwäbischen Adels am Ende des alten Reiches, Zs. f. württ. LG. 5 (1941), 335;
Tellenbach, G., Vom karolingischen Reichsadel zum deutschen Reichsfürstenstand,
1943; Hiesel, R., Die staatsrechtliche und soziologische Stellung des
Stadtadels, 1952; Sprandel, R., Der merovingische Adel, 1957; Bergengruen, A.,
Adel und Grundherrschaft im Merovingerreich, 1958; Kläui, P.,
Hochmittelalterliche Adelsherrschaften im Zürichgau, 1960; Deutscher Adel
1430-1555, hg. v. Rößler, H., 1965; Deutscher Adel 1555-1740, hg. v. Rößler,
H., 1965; Störmer, W., Früher Adel, 1973; La noblesse, hg. v. Contamine, P.,
1976; Fleckenstein, J., Die Entstehung des niederen Adels und das Rittertum,
1977; Sablonier, R., Adel im Wandel, 1979; Lemmel, H., Die genetische
Kontinuität des mittelalterlichen Adels, 1980; Werner, M., Adelsfamilien im
Umkreis der frühen Karolinger, 1982; Barbero, A., L’aristocrazia, 1987;
Europäischer Adel 1750-1950, hg. v. Wehler, H. u. a., 1990; Althoff, G.,
Verwandte, Freunde und Getreue, 1990; Ritterorden und Adelsgesellschaft im
spätmittelalterlichen Deutschland, hg. v. Kruse, H. u. a., 1991;
Hoyningen-Huene, I. Frfr. v., Adel in der Weimarer Republik, 1992; Adel in der
frühen Neuzeit, hg. v. Endres, W., 1993; Spieß, K., Familie und Verwandtschaft
im deutschen Hochadel des Spätmittelalters, 1993; Ranft, A., Adelsgesellschaften,
1994; Fehrenbach, E., Adel und Bürgertum im deutschen Vormärz, HZ-258 (1994),
1; Jackman, D., Das Eherecht und der frühdeutsche Adel, ZRG GA 112 (1995), 158;
The European Nobilities in the Seventeenth and Eighteenth Centuries, Bd. 2
1995, 2. A. 2007; Geschichte des sächsischen Adels, hg. v. Keller, K. u. a.,
1997; Contamine, P., La noblesse au royaume de France, 1997; Nobilitas, hg. v.
Oexle, G. u. a., 1997; Dumoulin, K., Die Adelsbezeichnung im deutschen und
ausländischen Recht, 1997; Rösener, W., Adelsherrschaft als kulturhistorisches
Phänomen, HZ 268 (1998), 1; Werner, K., Naissance de la noblesse, 1998; Peters,
U., Dynastiegeschichte und Verwandtschaftsbilder, 1999; Reif, H., Adel im 19.
und 20. Jahrhundert, 1999; Baudisch, S., Lokaler Adel in Nordwestsachsen, 1999;
Binder-Krieglstein, R., Österreichisches Adelsrecht 1868-1918/19, 2000; Nobles
and Nobility in Medieval Europe, hg. v. Duggan, A., 2000; La noblesse dans les
territoires angevins, hg. v. Coulet, N. u. a., 2000; Conze, E., Vom deutschen Adel
– Die Grafen von Bernstorff im zwanzigsten Jahrhundert, 2000; Stockert, H.,
Adel im Übergang, 2000; Der europäische Adel im Ancien Régime, hg. v. Asch, R.,
2001; Schmilewski, U., Der schlesische Adel, 2001; Janse, A., Ridderschap in
Holland, 2001; Zwischen Nicht-Adel und Adel, hg. v. Andermann, K. u. a., 2001;
Mauerer, E., Südwestdeutscher Reichsadel im 17. und 18. Jahrhundert, 2001;
Pečar, A., Die Ökonomie der Ehre. Der höfische Adel am Kaiserhof Karls VI.
(1711-1740), 2003; Zunker, D., Adel in Westfalen, 2003; Malinowski, S., Vom
König zum Führer, 2003; Hengerer, M., Kaiserhof und Adel, 2004; Adel und
Moderne, hg. v. Conze, E./Wienfort, M., 2004; Schneider, J.,
Spätmittelalterlicher deutscher Niederadel, 2003; Theilemann, W., Adel im
grünen Rock, 2004; Funck, J., Feudales Kriegertum und militärische
Professionalität, 2004; Hechberger, W., Adel, Ministerialität und Rittertum im
Mittelalter, 2004; Hechberger, W., Adel im fränkisch-deutschen Mittelalter,
2005; Crouch, D., The Birth of Nobility, 2005; Kleines Lexikon des Adels, hg.
v. Conze, E., 2005; Dendorfer, J., Adelige Gruppenbildung und Königsherrschaft,
2005; Barth,
T., Adelige Lebenswege im alten Reich, 2005; Fried, J., Konradiner und kein
Ende, ZRG GA 123 (2006), 1; Hochmittelalterliche Adelsfamilien in Altbayern,
Franken und Schwaben, hg. v. Kramer, F. u. a., 2006; Adel im Wandel, hg. v.
Bumiller, C., 2006; Adel im Wandel, hg. v. Hengerer, M. u. a., 2006; Ruppel,
S., Verbündete Rivalen, 2006; Matzerath, J., Adelsprobe an der Moderne, 2006; Adel in Sachsen-Anhalt,
hg. v. Labouvie, E., 2007; Votypka, V., Böhmischer Adel, 2007; Adel und
Nationalsozialismus im deutschen Südwesten, hg. v. Haus der Geschichte u. a.,
2007; Adel in Bayern, hg. v. Haus der bayerischen Geschichte, 2008; Sikora, M.,
Der Adel in der frühen Neuzeit, 2008; Adel in Schlesien, hg. v. Harasimowicz,
J. u. a., 2009
Ädile sind im
römischen Recht zunächst die beiden Vorsteher des plebejischen Sonderheiligtums
(lat. [F.] aedes [sacra], Tempel), die auch die Aufsicht über die dort stattfindenden
Märkte haben. Im Jahre 367 v. Chr. wird ihnen die allgemeine Polizeigewalt
übertragen. Ihnen werden zwei weitere Ä. zur Seite gestellt, die abwechselnd
aus Patriziern und Plebejern gewählt werden sollen. Sie erhalten die
Marktgerichtsbarkeit, in deren Rahmen sie ein eigenes Edikt aufstellen. Außer in Rom gibt es Ä. später auch in anderen
Gemeinden.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein
§§ 8, 15; Söllner §§ 6, 8; Köbler, DRG 18; Wieacker, F., Römische
Rechtsgeschichte, Bd. 1 1988
aditio (lat. [F.]) Antritt
adiudicatio (lat. [F.]) Zuspruch
adjektizisch (hinzukommend,
erstreckend) z. B. im römischen Recht Klagansprüche gegen den Gewalthaber auf
Grund von Geschäften Gewaltunterworfener (z. B. actio de in rem verso, actio de
peculio, actio quod iussu, actio tributoria) oder gegen den Geschäftsherrn auf
Grund von Geschäften von Geschäftsführern (z. B. actio institutoria, actio
exercitoria), die keine selbständigen Verbindlichkeiten begründen, sondern
die Verbindlichkeiten des Schuldners (Gewaltunterworfenen, Geschäftsführers)
nur auf einen anderen (z. B. Gewalthaber, Geschäftsherrn) erstrecken
Adler ist der Vogel, der als König der Vögel bereits im Altertum als Begleitzeichen des höchsten Gottes (Zeus, Jupiter) erscheint und bald als Zeichen der römischen Weltherrschaft verwendet wird. Diese Symbolik übernimmt anscheinend Karl der Große. Unter Friedrich I. Barbarossa wird der goldene A. auf farblosem Grund zum Reichswappen, das im 13. Jh. schwarz auf goldenem Grund gestaltet wird. Am Ende des 12. Jh.s tritt der ebenfalls schon antike Doppeladler in Siegeln von Reichsstädten neben den einfachen A. Um 1230 geben die Reichsfürsten den bis dahin wegen ihrer königlichen Lehen geführten A. fast durchweg auf. Unter Kaiser Sigismund wird 1433 der schwarze Doppeladler im goldenen Feld Reichswappen, neben dem der König bis zum Ende des Heiligen römischen Reiches (deutscher Nation) den einfachen A. führt. 1848 erklärt die Bundesversammlung den Doppeladler zum Wappen des geplanten Deutschen Reiches, 1871 das Deutsche Reich den einköpfigen schwarzen A. in Gold mit aufgelegtem preußischem Adlerschild, 1919 den einköpfigen schwarzen A. in Gold, der 1950 von der Bundesrepublik Deutschland übernommen wird. Österreich verwendet 1804 den Doppeladler als Reichswappen, versieht ihn aber mit je einer Krone und führt 1919 den einköpfigen schwarzen A. mit Hammer und Sichel in den Fängen ein, der von 1934 bis 1945 durch einen Doppeladler ersetzt, 1945 aber mit einer zusätzlichen gesprengten Eisenkette wieder aufgenommen wird. Preußen führt seit 1320 zusätzlich den kaiserlichen A., der 1525 als schwarzer A. in Silber gestaltet und mit einer goldenen Krone um den Hals und einem silbernen S(igismund) auf der Brust versehen wird. 1701 wird der gekrönte schwarze A. in Silber Wappen des Königreichs.
Lit.: Gritzner,
E., Symbole und Wappen des alten deutschen Reiches, 1902; Korn, H., Adler und
Doppeladler, Diss. phil. Göttingen 1969, Neudruck 1976; Hattenhauer, H.,
Deutsche Nationalsymbole, 1984; Hattenhauer, H., Geschichte der deutschen Nationalsymbole,
2. A. 1990; Hattenhauer, H., Deutsche Nationalsymbole, 3. A. 1998; Reichel, P.,
Schwarz Rot Gold, 2005
admallatio (lat. [F.]) Ladung
administratio (lat. [F.]) Verwaltung
Lit.: Busch, J.,
Administratio in der frühen Stauferzeit, ZRG GA 122 (2005), 42; Busch, J., Vom
Amtswalten zum Königsdienst, 2007
Administrativjustiz (F.) durch die Verwaltung wahrgenommene
Gerichtsbarkeit in Verwaltungsangelegenheiten(im 19. Jh.)
Lit.: Pahlow, L., Administrativjustiz versus Justizstaat, ZNR 2000, 11
Administrator ist seit dem Ende des 13. Jh.s der Verwalter eines Bistums.
Lit.:
Busch, J., Administratio in der frühen Stauferzeit, ZRG GA 122 (2005), 43
admonitio (lat. [F.]) Ermahnung (z. B.
Kapitular admonitio generalis vom 23. 3. 789)
Lit.: Buck, T., Admonitio und Praedicatio, 1997
adoptio (lat. [F.])
Annahme an Kindes Statt → Adoption
Adoption ist die
Annahme eines Menschen als Kind unabhängig von der tatsächlichen
Verwandtschaft. Das römische Recht kennt in diesem Zusammenhang neben der (lat.
[F.]) adrogatio eines Menschen sui iuris und verschiedenen testamentarischen
Geschäften in Anknüpfung an die Zwölftafelgesetzgebung die (lat. [F.]) adoptio
eines Menschen alieni iuris, bei der ein Vater seinen Sohn dreimal (bzw. eine
Tochter oder einen Enkel einmal) dem künftigen Adoptivvater zu treuen Händen
durch → Manzipation (lat. [F.] → mancipatio) überträgt, dieser ihn
dreimal (bzw. einmal) freilässt, der Adoptierende vor dem Gerichtsmagistrat
behauptet, dass das Kind das seine sei, der Vater nicht widerspricht und der
Magistrat den Menschen dem Adoptivvater zuteilt. Das frühmittelalterliche
Recht nimmt mit ähnlicher Zielsetzung die → Affatomie bzw. das
Speergedinge vor. Zu Beginn der Neuzeit wird die römischrechtliche A. in eingeschränkter
Form an einzelnen Stellen aufgenommen (Freiburg im Breisgau 1520) und findet
erst danach allgemein (entweder als adoptio plena d. h. volle Verwandtschaft
oder als adoptio minus plena Erbberechtigung des Adoptierten nach dem
Adoptierenden) Eingang in die vernunftrechtlichen Kodifikationen (CMBC 1756 I,
4, § 5; I, 5 § 12, ABGB 1811 §§ 181ff., Code civil Art. 343ff., Bad LR Art.
343ff.). Wie schon im römischen Recht, so sollte auch im Allgemeinen Landrecht
(II 2 §§ 666ff. Preußens die A. vor allem Kinderlosen einen Erben verschaffen.
In Deutschland wird sie 1900 in das Bürgerliche Gesetzbuch übernommen und 1976
neu gefasst, in Großbritannien 1926 eingeführt. Sie dient zunehmend der
Kinderfürsorge und der Befriedigung ideeller Wünsche.
Lit.: Kaser § 60; Söllner §§ 8, 25; Hübner; Köbler, DRG 21,
268; Pappenheim, M., Über künstliche Verwandtschaft im germanischen Rechte, ZRG
GA 29 (1908), 304; Pitzorno, B., L’adozione privata, 1914; Eichmann, E., Die Adoption des deutschen Königs durch den
Papst, ZRG GA 37 (1916), 291; Kuhn, H., Philologisches zur Adoption
bei den Germanen, ZRG GA 56 (1947), 1; Wackernagel, W., Die rechtliche Stellung
der Nachkommen des Adoptivkindes, Diss. jur. Basel 1953; Diederichsen, U.,
Wandlungen des Adoptionsrechts, StAZ 1977, 301; Coing, H., Europäisches
Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.; Schubert, W., Die Projekte der Weimarer Republik
zur Reform des Nichtehelichen-, des Adoptions- und des Ehescheidungsrechts,
1986; Haibach, U., Familienrecht in der Rechtssprache, 1991; Jussen, B.,
Patenschaft und Adoption, 1991; Knütel, R., Zur Adoption im römischen Recht,
(in) Familienrecht in Geschichte und Gegenwart, 1992, 3; Schoenenberger, M.,
Histoire du droit de l’adoption, (Diss. jur. Freiburg i. Ü.) 1995; Sturm, F.,
Die Aufnahme der Adoption in den Code civil, (in) Wirkungen europäischer
Rechtskultur, 1997, 1305ff.; L’adoption dans le droit savant, hg. v. Roumy, F.
u. a., 1998; Neukirchen, C. Die rechtshistorische Entwicklung der Adoption,
2004; Kurtz, D., Das Institut der Adoption im preußischen Allgemeinen Landrecht
und im französischen Code civil, 2006; Wesener, G., Adoptio, (in) FS Wilhelm
Brauneder, 2008, 699
advocatus (lat.
[M.]) Herbeigerufener (Rechtsbeistand) → Advokat, (mlat.) → Vogt
Advokat (lat. [M.]
advocatus) ist seit dem 5. Jahrhundert in der christlichen Kirche ein
Funktionsträger. Im 8. Jh. schreibt die Kirche die Zuziehung solcher (lat.)
advocati (M.Pl.) in weltlichen Streitigkeiten der Geistlichen vor. Bis 1340
wird ihr Aufgabenkreis durch päpstliche Dekrete näher bestimmt. Am Ende des 14.
Jh.s findet das Wort als Fremdwort Eingang in das Deutsche. Im Prozess verfasst
der A. als Berater und Vertreter einer Partei Klageschriften und andere
Stellungnahmen und trägt sie in seinem Plädoyer vor Gericht mündlich vor. Mit
der Rezeption übernimmt zeitweise (KGO 1421, RKGO 1495) der → Prokurator
den Vortrag vor Gericht. In Preußen wird 1793 kurzfristig die Advokatur
abgeschafft. 1878 wird der Ausdruck A. im Deutschen Reich durch →
Rechtsanwalt ersetzt.
Lit.: Söllner §§ 9, 11;
Kroeschell, DRG 2, 3; Köbler, DRG 56, 86, 117, 153; Fournier, P., Les
officialités au Moyen Age, 1880; Hogan, J., Judicial Advocates and Procurators,
1941; Hermesdorf, B., Licht en schaduw in de advocatuur der Lage Landen, 1951;
Gänßlen, G., Die Ratsadvokaten und Ratskonsulenten der Reichsstadt Ulm, 1966;
Grahl, C., Die Abschaffung der Advokatur, 1993; Siegrist, H., Advokat, Bürger
und Staat, 1996; Scherner, K., Advokaten, Revolutionäre, Anwälte, 1997;
Neschwara, C., Die Entwicklung der Advokatur in Cisleithanien, ZRG GA 115 (1998),
441; Officium advocati, hg. v. Mayali, L., 2000; Baumann, A., Advokaten und
Prokuratoren, 2006
aedilis (lat.
[Adj.]) Haus.. s. Ädil
AEIOU ist die von dem der Buchstabenmagie zugetanen Kaiser Friedrich III. (1440-1493) von Habsburg seit 1437 verwendete Zeichenfolge, deren vielfache lateinische und deutsche Erklärungen (z. B. [lat.] Austriae est imperare orbi universo, Alles Erdreich ist Österreich untertan, [lat.] Austria est inter omnes universa, Österreich ist unter allen das vielseitigste) erst später erscheinen.
aequitas (lat.
[F.]) Billigkeit, Gerechtigkeit
Lit.:
Rühl, P., Das aequitatis iudicium im fränkischen Königsgericht, ZRG GA 20
(1899), 207; Kirn, P., Aequitatis iudicium, ZRG GA 52 (1932), 53
Aequitas (F.) canonica (lat.) ist
die aus den Umständen des Einzelfalles eine Abweichung vom geltenden Recht
begründende kanonische Billigkeit. Auf Grund von antiken Vorläufern (griech.
epicheia, lat. supraiustitia) und kirchenrechtlichen Sammlungen des 10. und
11. Jh.s wird sie von Gratian (1140) verwendet. Ziel ist die praktische Verwirklichung
des Gerechtigkeitsideals. Hauptsächlich dient die a. c. der Auslegung und
Ergänzung rechtlicher Regeln.
Lit.: Wohlhaupter,
E., Aequitas canonica, 1931; Maitland, F., Equity, 1936; Hering, C., Die
aequitas bei Gratian, (in) Studia Gratiana Bd. 2 1954, 96; Horn, N., Aequitas
in den Lehren des Baldus, 1968; Caron, P., „Aequitas“ romana, „misericordia“
patristica ed „epicheia“ aristotelica nella dottrina dell’ „aequitas canonica“,
1971; Equity in the World’s Legal Systems, hg. v. Newman, A., 1973; Maifeld,
J., Die aequitas bei L. Neratius Priscus, 1991; Landau, P., Der Einfluss des
kanonischen Rechts, (in) Europäische Rechts- und Verfassungsgeschichte, hg. v.
Schulze, R., 1991, 39; Wesener, G., Aequitas naturalis, (in) Der Gerechtigkeitsanspruch
des Rechts, 1996, 82
aequus (lat.
[Adj.] eben, gleich, billig, gerecht
aerarium (lat. [N.]) Staatskasse, Staatsschatz
aestimatum (lat.
[N.]) Trödelvertrag
Affatomie ([F.] „Indenschoßsetzung“) ist das förmliche Verfahren des altfränkischen Rechtes (fränkische Volksrechte, Kapitularien, Formeln), durch das Güter eines kinderlosen Erblassers in drei zeitlich getrennten Handlungen im Ding, im Haus und im Königsding Dritten zugewendet werden können.
Lit.: Hübner; Pactus legis Salicae, hg. v. Eckhardt, K.,
1962, Tit. 46, §§ 1-6, Tit. 105, § 1; Schmidt, R., Die Affatomie der lex
Salica, 1891; Sousa Costa, A. de, Studien zu volkssprachigen Wörtern in
karolingischen Kapitularien, 1993, 162; Schmidt-Recla, A., Mancipatio familiae
und Affatomie, (in) Leges – Gentes – Regna, hg. v. Dilcher, G. u. a., 2006, 461
Africanus ist der
als Schüler des → Julian bekannte römische Rechtskundige des 2. Jh.s n.
Chr. († 175?), von dem Epistulae und Quaestiones bezeugt sind.
Lit.: Schulz, F., Geschichte der römischen
Rechtswissenschaft, 1961
Afrika ist der südlich Europas gelegene Kontinent, dessen günstige klimatische Gegebenheiten die Entwicklung des modernen Menschen ermöglichen, dessen Nordrand schon dem römischen Reich angehört, dessen südliche Teile aber erst mit dem Beginn der Neuzeit in das europäische Gesichtsfeld treten und dann als Kolonien durch Portugal, England, Frankreich, Belgien und Deutschland in Besitz genommen werden, bis sie sich nach der Mitte des 20. Jh.s zu verhältnismäßig selbständigen Staaten befreien können.
Lit.: Davidson, B., Old Africa rediscovered, 1959;
Davidson, B., Urzeit und Geschichte Afrikas, 1961; Strauch, H., Afrikas Weg zur
Einheit, Diss. jur. Zürich (um 1965); Zimmermann, R., Der Einfluss Pothiers auf
das römisch-holländische Recht in Südafrika, ZRG GA 102 (1985), 168; Davidson,
B., The Black Man’s Burden, 1992; Iliffe, J., Geschichte Afrikas, 2. A. 2003;
Harding, L., Geschichte Afrikas im 19. und 20. Jahrhundert, 1999; Hazdra, P.,
Afrikanisches Gewohnheitsrecht, 1999; Wesseling, H., Teile und herrsche, 1999;
Afrika, hg. v. Grau, I. u. a., 2000; Das Afrika-Lexikon, hg. v. Mabe, J., 2001;
Ansprenger, F., Geschichte Afrikas, 2002; Fage, J./Oliver, R., Kurze Geschichte
Afrikas, 2002; Giliomee, H., The Afrikaners, 2003; Kleines Afrika-Lexikon, hg.
v. Hofmeier, R. u. a., 2004; Marx, C., Geschichte Afrikas, 2004; Guérivière, J.
de la, Die Entdeckung Afrikas, 2004; Koloniale und postkoloniale Konstruktionen
von Afrika und Menschen afrikanischer Herkunft in der deutschen Alltagskultur,
hg. v. Bechhaus-Gerst, M. u. a., 2006
Afterlehen ist die
seit dem Anfang des 14. Jh.s entstandene Bezeichnung für das von einem
Lehnsmann in einem weiteren, von ihm begründeten Lehnsverhältnis an einen
(Unter-)Lehnsmann (Aftervassallen) weitergegebene Lehen. Im Gegensatz zu
England und der Normandie ist in Deutschland und Frankreich der Empfänger des
Afterlehens dem (Ober-)Lehnsherrn nicht zu Dienst und Treue verpflichtet.
Lit.: Diestelkamp, B., Das Lehnrecht der Grafen von
Katzenelnbogen, 1969
Agnat ist der über
Männer Verwandte. Im römischen Recht sind adgnati (M.Pl.) alle freien Menschen,
die in demselben Hausverband (oder in manus) stehen oder noch ständen, wenn
ihr gemeinsamer Stammvater noch lebte. Im germanisch-deutschen Sprachbereich
sind die Agnaten die Verwandten, die sich in rein männlicher Linie auf einen
gemeinsamen Stammvater zurückführen lassen (→ Schwertmagen). Der
verschiedentlich behauptete Vorrang des agnatischen Prinzips vor dem
kognatischen Prinzip ist nicht nachweisbar.
Lit.: Kaser §
12; Kroeschell, DRG 1; Schmid, K., Zur Problematik von Familie, Sippe und
Geschlecht, Haus und Dynastie, ZGO 105 (1957), 1; Dölling, H., Haus und Hof in
westgermanischen Volksrechten, 1958
Agrarverfassung ist
die (rechtliche) Grundordnung der landwirtschaftlich genutzten Grundstücke
einer Allgemeinheit. Die römische A. ist zunächst durch kleinbäuerliche
naturale Hauswirtschaft gekennzeichnet, doch bewirkt die Entwicklung Roms zu
einer Weltmacht den Übergang der römischen Kleinbauern in das Proletariat,
während die Patrizier durch Sklaven Plantagenwirtschaft betreiben können. Die
A. der Germanen ist umstritten. Eher unwahrscheinlich ist die durch Berichte
Caesars und Tacitus’ nahegelegte urkommunistische A. mit jährlicher
Ackerverlosung. Vielmehr dürften Haus und umliegendes Ackerland oder Weideland
bereits familienmäßig zugeordnet gewesen sein. Vielleicht als Folge der
Landnahme in der Völkerwanderung und der Begegnung mit provinzialrömischen
Zuständen entsteht die → Grundherrschaft als überwiegende Form des
Betriebs der → Landwirtschaft. Mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft im
Hochmittelalter werden Naturalabgaben der abhängigen bäuerlichen Hintersassen
in Geldleistungen umgewandelt. Östlich von Elbe und Saale setzt sich vor allem
seit der frühen Neuzeit die Gutsherrschaft durch, die abhängige Bauern zu
Tagelöhnern macht. An die Stelle von Rentengrundherrschaft und Gutsherrschaft
tritt nach der von der Aufklärung verursachten französischen Revolution von
1789 im 19. Jh. (1807-1848) das → Eigentum des einzelnen (befreiten)
Bauern. Im 20. Jh. führt die politische, wirtschaftliche und technische
Entwicklung zur Zerschlagung des Großgrundeigentums einerseits und zur Notwendigkeit
der Bildung größerer Wirtschaftseinheiten (landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften
in der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR, Landpacht) andererseits. Nach
dem zweiten Weltkrieg wird die A. von Industrialisierung, Europäisierung und
Globalisierung geprägt, die das Ende des kleinbäuerlichen Familienbetriebs
einleiten. Gleichwohl gilt noch zu Beginn des 21. Jh.s Sonderrecht für das
landwirtschaftliche Grundeigentum.
Lit.: Köbler,
DRG 133, 174; Maurer, G. v., Geschichte der Markenverfassung in Deutschland,
1856; Knapp, G., Die Bauernbefreiung, 1887; Wittich, W., Die Grundherrschaft in
Nordwestdeutschland, 1896; Weber, M., Agrarrecht, Agrargeschichte,
Agrarpolitik - Vorlesungen 1894-1899, hg. v. Aldenhoff-Hübinger, R., 2007;
Dopsch, A., Die Wirtschaftsentwicklung der Karolingerzeit, 2. A. 1921; Weber,
M., Wirtschaftsgeschichte, 1923; Kötzschke, R., Allgemeine Wirtschaftsgeschichte
des Mittelalters, 1924; Wührer, K., Beiträge zur ältesten Agrargeschichte des
germanischen Nordens, 1935; Lütge, F., Die Agrarverfassung des frühen
Mittelalters im mitteldeutschen Raum, 1937, 2. A. = Neudruck 1966; Bader, K.,
Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 1ff. 1957ff.;
Lütge, F., Geschichte der deutschen Agrarverfassung, 1963; Blaschke, K.,
Grundzüge und Probleme einer sächsischen Agrarverfassungsgeschichte, ZRG GA 82
(1965), 223; Wege und Forschungen der Agrargeschichte (FS Günther Franz), hg.
v. Haushofer, H. u. a., 1967; Groß, R., Die bürgerliche Agrarreform in Sachsen,
1968; Jamin, R., Aufbau, Tätigkeit und Verfahren der
Auseinandersetzungsbehörden bei der Durchführung der preußischen Agrarreformen,
1985; Brakensiek, S., Agrarreform und ländliche Gesellschaft, 1991; Rösener,
W., Agrarwirtschadt, Agrarverfassung und ländliche Gesellschaft im Mittelalter,
1992; Achilles, W., Deutsche Agrargeschichte im Zeitalter der Reformen und der
Industrialisierung, 1993; Corni, G. u. a., Blut und Boden, 1996;
Agrargeschichte, hg. v. Troßbach, W. u. a., 1998; Kluge, U., Agrarwirtschaft
und ländliche Gesellschaft im 20. Jahrhundert, 2005; Agrarreformen und
ethnodemographische Veränderungen - Südosteuropa vom ausgehenden 18.
Jahrhundert bis in die Gegenwart, hg. v. Krauss, K., 2008
Agustín, Antonio
(Saragossa 1516-Rom 1586) schafft nach Studien in Alcala, Salamanca, Padua und
Bologna (Alciat) im päpstlichen Dienst die Grundlage für die geschichtliche
Bearbeitung der Quellen des kirchlichen Rechts.
Lit.: Bernal Palacios, A., Antonio
Agustín y su „Recollecta in iure canonico“, (in) Revista española de derecho
canonico 45 (1988), 487
Ägypten ist das
sich längs des unteren Nils erstreckende Gebiet Ägyptens, in dem seit dem Ende
des 4. Jt. v. Chr. eine Hochkultur erkennbar ist, deren Rechtssätze nur wenig
bekannt sind. 30 v. Chr. fällt Ä. an die Römer, später wird es rasch vom →
Islam erfasst. Aus dem Erbe des osmanischen Reiches wird es 1882 von
Großbritanien besetzt, zwischen 1922 und 1946 aber schrittweise
verselbständigt.
Lit.: Friedell, E., Kulturgeschichte Ägyptens und des Alten
Orients, 1936, Neudruck 1998; Seidl, E., Einführung in die ägyptische
Rechtsgeschichte, 2. A. 1951; Seidl, E., Ägyptische Rechtsgeschichte 2. A.
1968; Goedicke, H., Die privaten Rechtsinschriften, 1970; Lurje, M., Studien
zum altägyptischen Recht, 1971; Seidl, E., Rechtsgeschichte Ägyptens als römischer
Provinz, 1973; Wolff, H., Das Recht der griechischen Ppyri Ägyptens, Bd. 2
1978; Vercoutter, J., L´Egypte, Bd. 1 1992; Hölbl, G., Geschichte des
Ptolemäerreiches, 1994; Assmann, J., Ägypten, 1996; Wesel, U., Geschichte des
Rechts, 3. A. 2006; Reclams Lexikon des alten Ägypten, hg. v. Shaw, I. u. a.,
1998; Boochs, W., Altägyptisches Zivilrecht, 1998; Huß, W., Ägypten in
hellenistischer Zeit, 2001; Clauss, M., Das alte Ägypten, 2001; Wolff, H., Das
Recht der griechischen Papyri Ägyptens, hg. v. Rupprecht, H., Bd. 1 2002;
Hölbl, G., Altägypten im römischen Reich, 2005; Capponi, L., Augustan Egypt,
2005; Langner, U., Forschungsarbeiten zur frühen Kultur der Menschhheit, 2007;
Bingen, J., Hellenistic Egypt, 2007; Hornung, E., Einführung in die Ägyptologie,
6. A. 2008; Booth, C., Das alte Ägypten, 2009
Ahnengrab
Lit.:
Meier, J., Ahnengrab und Brautstein, 1944; Meier, J., Ahnengrab und
Rechtsstein, 1950
Ahnenprobe ist der
Nachweis der (adeligen) Abkunft vom 12. bis 19. Jh.
Lit.: Langer, C., Die Ahnen- und Adelsprobe, 1862; Klocke,
F. v., Westdeutsche Ahnenproben, 1940; Medien der Kommunikation im Mittelalter,
hg. v. Spieß, K., 2003, 139ff.
Ahrweiler
Lit.: Krahforst, P.,
Stadtverfassung und Gerichtswesen im mittelalterlichen Ahrweiler, Diss. jur.
Bonn 1962; Inventar des Archivs der Stadt Ahrweiler 1228-1795, bearb. v.
Zimmer, T., 1965
Akademie ist die 529 n. Chr. vom oströmischen Kaiser Justinian verbotene Philosophenschule, deren Grundgedanke 1454 in Italien (Terranuova/Florenz) wiederbelebt wird. Seitdem versammeln sich nach dem Kooptationsprinzip bedeutende universitäre Gelehrte in außeruniversitären Akademien (Accademia dei Lincei 1603, Accademia del Cimento 1657, Leopoldina Schweinfurt 1652) vor allem zwecks Netzwerkbildung. Der entscheidende Anteil an der Entwicklung der modernen Welt kann aber eher den Universitäten (z. B. Halle 1694, Göttingen 1737, Berlin 1810) als den Akademien (Preußen 1700, Österreich 1847) als Wissenschaftsnetzwerken zugesprochen werden.
Lit.: Electoralis academiae scientiarum Boicae primordia,
Briefe aus der Gründungszeit, 1959; Lepper, H., Die Einheit der Wissenschaften,
1987; Die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin, hg. v.
Kocka, J., 1999; Die Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1914-1945,
hg. v. Fischer, W., 2000; Göttinger Gelehrte, hg. v. Arndt, K. u. a., 2001;
Hammerstein, N., Innovation und Tradition, HZ 278 (2004), 591; Kopetz, H., Die
österreichische Akademie der Wissenschaften, 2006; Die Gründung der Leopoldina,
hg. v. Toellner, R. u. a., 2008
Akademie für deutsches Recht
ist die außeruniversitäre wissenschaftliche Einrichtung der
nationalsozialistischen Zeit (1933-1945) zur weltanschaulichen Umgestaltung des
Rechts. Die A. f. d. R. wird mit verschiedenen Gesetzesvorhaben befasst (u. a.
Volksgesetzbuch). Ihr wissenschaftlicher Ertrag bleibt vor allem aus
zeitlichen Gründen notwendigerweise eher gering.
Lit.: Kroeschell,
DRG 2; Pichinot, H., Die Akademie für deutsches Recht, 1981; Akademie für Deutsches
Recht, 1933-1945, Protokolle der Ausschüsse, hg. v. Schubert, W., Bd. 1ff.
1986ff.; Anderson, D., The Academy for German Law 1933-1944, 1987; Wacker, G.,
Der Erbrechtsausschuss, 1997
akademisch (Adj.)
die Akademie oder Universität betreffend (z. B. akademische Gerichtsbarkeit der
Universität über Professoren, Studenten, Angehörige, Bedienstete bis zum
19. Jh.)
Akklamation (F.) Zuruf, Zustimmung
Akkreszenz(F.) → Anwachsung
Akkusation (F.) Anklage
Akkusationsprozess ist der durch Akkusation (Anklage) seitens eines (privaten) Anklägers begründete, seit dem 4. Jh. (Konstantin) aus dem römischen Recht in das kirchliche Recht (6./7. Jh.) übernommene Prozess. Er erfordert eine → Anklage (lat. [F.] accusatio). Kennzeichnend sind die dem Anklageschriftsatz beizufügende Verpflichtung des Anklägers zum → Talion für den Fall der Falschanklage und der → Kalumnieneid. Im Hochmittelalter wird der A. auf den → Strafprozess eingeschränkt. Die Constitutio Criminalis Carolina (Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V.) von 1532 behandelt den A. in Art. 6 noch, doch hat er bereits zu dieser Zeit keine wirkliche Bedeutung mehr. Ein Gegensatz zum A. ist der → Inquisitionsprozess. Seit dem 19. Jh. (1848) ist öffentlicher Ankläger der Staatsanwalt. → Anklageprozess
Lit.: Köbler,
DRG 156; Mommsen, T., Römisches Strafrecht, 1899; Herde, P., Audientia litterarum
contradictarum, Bd. 1 1970; Kleinheyer, G., Zur Rechtsgestalt von
Akkusationsprozess und peinlicher Frage, 1971
Akten ist die seit
dem 15. Jh. (1500 acten) gelegentlich erscheinende Bezeichnung der in Gericht
und Verwaltung in einer Angelegenheit entstehenden Schriftstücke. Solche A.
kennt schon die Antike (59 v. Chr. [lat. N. Pl.] acta senatus). Nach dem
frühmittelalterlichen Rückgang des Schriftwesens werden sie erst im 14. Jh.
wieder bedeutsamer.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 3, 5, 105, 145; Neuss,
E., Aktenkunde der Wirtschaft, 1954; Dülfer, K., Urkunden, Akten und Schreiben
in Mittelalter und Neuzeit, Archival. Z. 53 (1957), 11; Schellenberg, T., Akten- und Archivwesen in der Gegenwart, 1961; Weitzel,
J., Das Inventar der Akten des Reichskammergerichts, ZNR 1999, 408;
Prozessakten als Quellen, hg. v. Baumann, A. u. a., 2001; Zala, S., Geschichte
unter der Schere politischer Zensur, 2001; Als die Welt in die Akten kam, hg.
v. Lepsius, S. u. a., 2007; Hochedlinger, M., Aktenkunde, 2009
Aktenversendung (lat. transmissio [F.] actorum) ist die in der
frühen Neuzeit verbreitete Übung der Gerichte, in einem anhängigen Verfahren
(auf Antrag oder von Amts wegen) die Akten mit der Bitte um ein(en)
Urteil(svorschlag) an eine rechtskundige Stelle zu versenden, um danach die
Antwort als eigenes Urteil zu verkünden. Sie baut auf dem mittelalterlichen →
Oberhof auf, bezieht aber nach italienischem Vorbild Juristen und deren →
Fakultäten immer stärker ein (vgl. Art. 219 CCC). Seit der Mitte des 18. Jh.s
schränken staatliche Gesetze die A. ein (Preußen 1746, Bayern 1753). Mit den
Reichsjustizgesetzen der Jahre 1877/1879 (§ 16 GVG) endet die der
Unmittelbarkeit des Richters widersprechende A. im Deutschen Reich.
Lit.: Kroeschell,
DRG 2, 3; Köbler, DRG 155, 201; Bülow, O., Das Ende des Aktenversendungsrechts,
1881; Löning, G., Spätes Lob der Aktenversendung, ZRG GA 63 (1943), 333; Ebel,
W., Studie über ein Goslarer Ratsurteilsbuch des 16. Jahrhunderts, 1961;
Baumgärtel, G., Die Gutachter- und Urteilstätigkeit der Erlanger
Juristenfakultät, 1962; Gehrke, H., Die privatrechtliche
Entscheidungsliteratur, 1974; Lorenz, S., Aktenversendung und Hexenprozess,
1983
Aktenwesen → Akten
Aktie ist der Anteil an der →
Aktiengesellschaft. Im 15. Jh. ist A. in Amsterdam und Brügge der klagbare
Anspruch und das diesen verbriefende Papier, in Zeugnissen von 1606/1607
(niederländisch-ostindische Handelscompagnie) vielleicht der Anspruch auf
Dividende (aus dem Anteilsschein des Kapitalgebers) und im Code de commerce
Frankreichs von 1807 ein Teil des Kapitals einer Handelsgesellschaft.
Lit.: North, M., Von Aktie bis Zoll, 1995;; Aktienrecht im
Wandel, hg. v. Bayer, W. u. a., Bd. 1f. 2007
Aktiengesellschaft ist
die Gesellschaft mit eigener Rechtspersönlichkeit (juristische Person), die ein
in Aktien zerlegtes Grundkapital hat und für deren Verbindlichkeiten den
Gläubigern nur das Gesellschaftsvermögen haftet (nicht auch der Gesellschafter
mit ihrem sonstigen Vermögen). Auf der Grundlage erster Durchbrechungen des
Grundsatzes der persönlichen Haftung des handelnden Kaufmanns infolge des
wachsenden Kapitalbedarfs in Bergbau und Fernhandel im 15. Jh. entsteht die A.
aus den Bedürfnissen der Beschaffung hohen Kapitals und der Streuung großen
Risikos im Kolonialhandel am Beginn des 17. Jh.s (English East India Company
1600 zunächst als Rahmen für auf einzelne Unternehmungen beschränkte terminated
stock companies, Niederländische ostindische Handelscompagnie VOC 1602,
Schweden 1615, Dänemark 1616, Brandenburgisch-Ostindische Compagnie 1651,
Niederlande Österreichs 1719). Sie wird mehr und mehr als Zusammenschluss
mit eigenem Vermögen angesehen. Sie beruht zunächst auf einem einzelnen
Privileg (Oktroisystem). Gesetzlich wird die A. im französischen Code de
commerce (1807, 14 Artikel, „anonyme Gesellschaft“), (im Eisenbahngesetz
Preußens von 1838,) im Gesetz über die Aktiengesellschaften für die königlich
preußischen Staaaten vom 9. November 1843 (Konzession als Verwaltungsakt auf
der Grundlage eines Gesetzes [Konzessionssystem], Vorstand und Generalversammlung)
und im Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuch (1861, Konzessionssystem 1870
durch System der Normativbestimmungen mit Anspruch auf Erteilung bei Vorliegen
der Voraussetzungen ersetzt), danach in Deutschland (nach zwei Notverordnungen
von 1930 und 1931) 1937 in einem eigenen, 1938 auf Österreich erstreckten, 1945
geringfügig entnazifizierten, 1965 und 1994 novellierten Aktiengesetz geregelt.
Lit.: Kroeschell,
DRG 2, 3; Köbler, DRG 167, 217, 242, 272; Gesetz über die Aktiengesellschaften
vom 9. November 1843, hg. v. Baums, T., 1981; Lehmann, K., Die geschichtliche
Entwicklung des Aktienrechts, 1895; Cohn, G., Die Aktiengesellschaft, Bd. 1
1921; Schumacher, H., Die Entwickelung der inneren Organisation der Aktiengesellschaft,
1937; Lévy-Bruhl, H., Histoire juridique des sociétés de commerce en France,
1938; Bösselmann, K., Die Entwicklung des deutschen Aktienwesens, 1939; Rauch,
K., Die Aktienvereine in der geschichtlichen Entwicklung des Aktienrechts, ZRG
GA 69 (1952), 238; Reich, N., Die Entwicklung des deutschen Aktienrechts, Ius
commune 2 (1969), 239; Gmür, R., Die Emder Handelscompagnien, FS H. Westermann
1974, 167; Großfeld, B., Die rechtspolitische Bedeutung der Aktiengesellschaft
im 19. Jahrhundert, (in) Wissenschaft und Kodifikation, hg. v., Coing, H. u.
a., Bd. 4 1979, 236ff.; Baums-Stammberger, B., Der Versuch einer
Aktiengesetzgebung in Sachsen 1836/37, 1989; Landwehr, G., Die
Organisationsstruktur der Aktienunternehmen, (in) Vom Gewerbe zum Unternehmen,
1982, 251; Landwehr, G., Die Verfassung der Aktiengesellschaft, ZRG GA 99
(1982), 1; 100 Jahre modernes Aktienrecht, hg. v. Schubert, W. u. a., 1984;
Schubert, W., Die Entwürfe der Weimarer Republik zur Reform des Aktienrechts,
ZRG GA 103 (1986), 140; Akademie für deutsches Recht 1933-1945. Protokolle der
Ausschüsse 1 Ausschuss für Aktienrecht, hg. v. Schubert, W., 1986; Die
Aktienrechtsreform am Ende der Weimarer Republik. Die Protokolle der
Verhandlungen im Aktienrechtsausschuss des vorläufigen Reichswirtschaftsrats,
hg. v. Schubert, W. u. a., 1987; Gaastra, F., De geschiedenis van de VOC, 1991;
Nörr, K., Zur Entwicklung des Aktien- und Konzernrechts, ZHR 150 (1986), 155;
Frey, M., Die spanische Aktiengesellschaft, 1999; Hartung, W., Geschichte und
Rechtsstellung der Compagnie in Europa, 2000; Bahrenfuss, D., Die Entstehung
des Aktiengesetzes von 1965, 2001; Kalss, S./Burger, C./Eckert, G., Die
Entwicklung des österreichischen Aktienrechts. Geschichte und Materialien,
2003; Söhnchen, M., Die historische Entwicklung der rechtlichen Gründungsvoraussetzungen,
2005; VOC 1602-2002 400 Years of Company Law, hg. v. Gepken-Jager, E. u. a.,
2005; Thiäner, F., Das Verhältnis von Aufsichtsrat und Abschlussprüfern, 2007;
Aktienrecht im Wandel, hg. v. Bayer, W. u. a., Bd. 1f. 2007
Aktiengesetz ist
das die Aktie bzw. → Aktiengesellschaft betreffende Gesetz. (z. B.
Deutsches Reich 1937)
Aktionär ist
der Gesellschafter der → Aktiengesellschaft.
Aktionensystem ist
das auf die (lat. [F.]) actio (z. B. im römischen Recht die
Rechtsschutzverheißung im edictum perpetuum) als Klaganspruch ausgerichtete
Rechtssystem, das den Sachverhalt nicht unter einen Tatbestand subsumiert,
sondern auf seine Klagbarkeit untersucht. Bernhard Windscheid (1817-1892)
trennt den materiellen Anspruch von der verfahrensrechtlichen (lat.) actio.
Damit endet im deutschen Recht das A.
Aktivlegitimation (F.) Klagebefugnis
Akzeptation (Annahme, Anerkennung) ist die meist durch Überleitungsgesetz umgesetzte
weltliche Anerkennung (Transformation) kirchlichen Rechts im Spätmittelalter
(z. B. Pragmatische Sanktion von Bourges 1438, Mainzer Akzeptation 1439).
Lit.: Hürten, H., Die Mainzer
Akzeptation, 1955
Akzessorietät (F.)
Abhängigkeit eines rechtlichen Umstandes von einem anderen
Akzise (zu lat. accidere, auferlegen,
cisa, Einschnitt [auf dem Kerbholz]) ist
die im 11. Jh. in Spanien (1001) und Venedig, im 13. Jh. im deutschen Reich
(Köln 1206, Standal 1314 Bierziese) bezeugte, ursprünglich städtische, meist am
Stadttor erhobene → Verbrauchsteuer (auf z. B. Wein, Bier, ausgedehnt
auf Salz, Getreide, Fleisch). In den zusätzliche Einkünfte benötigenden Ländern
wird die auf die reine Warenbewegung abstellende A. nach niederländischem
Vorbild im 17. Jh. bedeutsam (Württemberg 1633, Sachsen 1641, Brandenburg 1641,
Kurpfalz 1699), deren Einführung die Landstände noch bewilligen. Im 19. Jh.
tritt die A. gegenüber der Einkommensteuer zurück (abgeschafft in Bayern 1808, im
Wesentlichen in Preußen 1820, in Sachsen 1834), wird aber in der Form der alle
Bereiche des Warenumsatzes erfassenden Umsatzsteuer (oder später der auf den
jeweils erzielten Mehrwert beschränkten Mehrwertsteuer) im 20. Jh. (1916 bzw.
1918) wieder belebt.
Lit.: Köbler, DRG 113; Der Akzisenstreit, hg. v. Blesgen,
D. u. a., 1717, Neudruck 2006; Knipping, R., Die Kölner Stadtrechnungen des
Mittelalters, 1897; Mit dem Zehnten fing es an, hg. v. Schultz, U., 3. A. 1992;
Schomburg, W., Lexikon der deutschen Steuer- und Zollgeschichte, 1992;
Schwennicke, A., Ohne Steuer kein Staat, 1996; Ullmann, H., Der deutsche
Steuerstaat, 2005
Alarich → Breviarium Alarici
Albanien ist der
südosteuropäische, nördlich Griechenlands an der Adria gelegene Staat mit einer
Fläche von 28748 qkm und rund 3,1 Millionen überwiegend muslimischer Einwohner
(Skipetaren oder Albaner), deren seit dem 15. Jh. schriftlich bezeugte Sprache
zum albanischen Zweig der indogermanischen Sprachenfamilie zählt. Das Gebiet
wird im 1. Jt. v. Chr. griechisch beeinflusst und gerät 168 v. Chr. unter
römische Herrschaft, unter der es 395 n. Chr. Ostrom zugeteilt wird. Am Ende
des Mittelalters wird das von 1392 bis 1479 Venedig unterstehende A. von den
Osmanen erobert. Am 28. 11. 1912 erklärt sich A. für unabhängig, 1928 zum von
1939 bis September 1943 in Personalunion mit Italien verbundenen Königreich.
Am 11. 1. 1946 entsteht die Volksrepublik A., die sich zunehmend abschließt.
Im Dezember 1990 endet die kommunistische Einparteienherrschaft. Seit freien
Wahlen vom März 1991 bemüht sich A. um eine Öffnung. Das albanische Recht ist
dementsprechend im Wandel der Zeiten griechisch, römisch, osmanisch (Geltung
der → Megelle [1869-1876] bis 1928), westlich, sozialistisch und
demokratisch geprägt.
Lit.: Frasheri,
K., The History of Albania, 1964; Skendi, S., The Albanian National Awakening,
1967; Ruß, W., Der Entwicklungsweg Albaniens, 1979; Lendvai, P., Das einsame
Albanien, 1985; Albanien im Umbruch, hg. v. Altmann, F., 1990; Albanien, hg. v.
Neuwirth, H. u. a., 1995; Mustafaj, B., Albanien, 1997; Kohl-Libal, C. v.,
Albanien, 1998; Schmitt, O., Das venezianische Albanien, 2001; Kohl, C. v.,
Albanien, 2. A. 2003; Albanien, hg. v. Jordan, P. u. a., 2003; Schubert, P.,
Albanische Identitätssuche, 2005; Köbler, G., Rechtsalbanisch, 2008 (Internet);
Ordolli, S., Histoire constitutionelle de l’Albanie, 2008; Albanische
Geschichte, hg. v. Schmitt, O., 2009
Albericus (de porta Ravennate) ist ein
zwischen 1165 und 1194 bezeugter Glossator (Glossen, Summula de testibus).
Lit.: Lange, H.,
Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997, 200
Albericus de Rosate
ist ein in Rosciate bei Bergamo aus vornehmer Familie um 1290 geborener, in
Padua ausgebildeter, praktisch tätiger, im September 1360 verstorbener Jurist
(Kommentare zu Codex und Digesten, alphabetum bzw. dictionarium utriusque
iuris, opus statutorum, kleinere Schriften).
Lit.: Lange, H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im
Mittelalter, Bd. 2 2007, 665; Albericus de Rosate, Dictionarium, per Decianum,
F., 1581, Neudruck 2008 (372 Blätter)
Albertiner →
Wettin
Albertus Gandinus
s. Gandinus, Albertus
Albigenser
Lit.: La Croisade albigeoise, hg. v. Roquebert, M., 2004
Albrecht, Wilhelm Eduard (Elbing
4. 3. 1800-Leipzig 22. 5. 1876) wird nach dem Studium der Rechtswissenschaft in
Königsberg und Göttingen und der Promotion (1822) und Habilitation (1824) in
Königsberg 1829 Professor für deutsches Recht. 1830 wird er Nachfolger seines
Lehrers Karl Friedrich Eichhorn in Göttingen, wo er in einer Rezension den
Staat als juristische Person erklärt und 1837 (als einer der Göttinger Sieben)
entlassen wird. Ab 1838 wirkt er in Leipzig, ist Vertreter Oldenburgs, Schwarzburgs
und Anhalts im Bundestag des Deutschen Bundes und nimmt für Harburg an der
deutschen Nationalversammlung von 1848 teil.
Lit.: Albrecht, W., Die
Gewere als Grundlage des älteren deutschen Sachenrechts, 1828; Küc k, H., Die
Göttinger Sieben, 1935; Borsdorff, A., W. E: Albrecht, 1993
Alcala de Henares ist die östlich Madrids in Spanien gelegene Stadt, die auf römische Grundlagen zurückgeht und 1118 den Mauren wieder abgewonnen wird. 1348 wird dort durch die Cortes ein bedeutendes Rechtsbuch verkündet. 1498/1508 wird eine 1836 nach Madrid verlegte Universität gegründet.
Alciat, Andreas
(Alzate bei Como 1492-Pavia 1550), Kaufmannssohn, wird nach dem Studium
(Latein, Griechisch, 1507 Rechtswissenschaft) in Pavia und Bologna(, 1516
Promotion Universität Ferrara, Advokat Mailand,) 1518 nach Avignon berufen, (1522
Advokat Mailand, 1527 an die Universität Avignon zurückgekehrt,) und 1529 nach
Bourges sowie 1533 nach Pavia berufen, (1541-1546 Ferrara). Er begründet mit
Budé und Zasius die vom → Humanismus geprägte Rechtswissenschaft ([lat.] Paradoxa [N.Pl.] iuris
civilis, 1518, De verborum significatione, 1530), die im (lat.) → mos
(M.) Gallicus zum Ausdruck kommt. Zeitlebens
ist er auch ein geschätzter Gutachter.
Lit.: Köbler, DRG 143; Omnia … opera, 1557,
Neudruck 2004; Moeller, E. v., Andreas Alciat, 1907; Viard, P., André Alciat,
1926; Osler, D., Development in the text of Alciatus’ Dispunctiones, Ius
commune 19 (1992), 219; Troje, H., Humanistische Jurisprudenz, 1993; Belloni,
A., L’amministrazione della giustizia a Milano, (in) Cunabula iuris, 2002, 1ff.
Aldermann (ae. ealdorman) ist seit dem
Mittelalter an verschiedenen Stellen (z. B. Hamburg 1266, London 13. Jh.) ein
Funktionsträger mit unterschiedlichen Befugnissen.
Lit.: Dollinger, P.,
Die Hanse, 5.A. 1998; Wormald, P., The making of English law, Bd. 1 1999
Aldricus ist ein zwischen 1154 und 1177
bezeugter Glossator, von dem vielleicht eine Schrift über anwendbares Ortsrecht
stammt.
Lit.: Lange, H.,
Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997, 202
Alemanne ist der Angehörige eines wohl am Ende des 2. Jh.s n. Chr. vor allem aus elbgermanischen Sueben gebildeten, im 3. Jh. erstmals erwähnten germanischen Stammes, der 259/260 den römischen Limes durchbricht und das Gebiet am oberen Rhein besiedelt (am Anfang des 4. Jh.s im Breisgau). 496/497 unterliegen die von einem König geführten Alemannen den → Franken. Etwa zu dieser Zeit setzt die sich über Jahrhunderte hinziehende Christianisierung ein. Zu Beginn des 7. Jh.s zeichnen die Alemannen ihr Recht im → Pactus Alamannorum und zu Beginn des 8. Jh.s in der → Lex Alamannorum auf. 746 wird ihr Herzogtum vom fränkischen König endgültig beseitigt. Im fränkisch-deutschen Reich gehen die Alemannen in Schwaben (Baden, Württemberg), Elsässern, Schweizern und Vorarlbergern auf.
Lit.: Kroeschell,
DRG 1; Cramer, J., Die Geschichte der Alamannen, 1899; Grundfragen der
alemannischen Geschichte, hg. vom Institut für geschichtliche Landesforschung,
1955; Die Alemannen in der Frühzeit, hg. v. Hübener, W., 1974; Zur
Frühgeschichte der Alemannen, hg. v. Müller, W., 1975; Beiträge zum
frühalemannischen Recht, hg. v. Schott, C., 1978; Borgolte, M., Die Geschichte
der Grafschaften Alemanniens in fränkischer Zeit, 1984; Borgolte, M., Die
Grafen Alemanniens, 1986; Geuenich, D., Geschichte der Alemannen, 1997, 2. A.
2004; Die Alamannen, hg. v. archäologischen Landesmuseum, 1997; Hellmuth, D.,
Frau und Besitz, 1998; Franks and Alamanni, hg. v. Wood, I., 1998; Bücker, C.,
Frühe Alemannen im Breisgau, 1999; Siegmund, F., Alemannen und Franken, 2000;
Hartung, W., Die Alamannen, 2003; Die Alemannen und das Christentum, hg. v.
Lorenz, S. u. a., 2003; Krapp, K., Die Alamannen, 2007; Alamannen zwischen
Schwarzwald, Neckar und Donau, hg. v. Ade, D. u. a., 2008
Alemannien → Alemanne, → Schwabe
Alexander III.,
der (um 1120?) als Roland (Bandinelli?) in Siena geboren wird und in Bologna
(vor 1142) Theologie und die Rechte lehrt (wohl verschieden von dem Dekretisten
magister Rolandus), veranlasst als Papst (1159-1181) und Gegner Friedrichs I.
Barbarossa bedeutsame → Dekretalen (insgesamt mehr als 700, u. a. zur
Papstwahl [Zweidrittelmehrheit der wählenden Kardinäle] und zur
Eheschließung).
Lit.: Pacaut,
M., Alexandre III, 1956; Baldwin, M., Alexandre III and the XIIth century, 1968;
Weigand, R., Magister Rolandus und Papst Alexander III., AKKR 149 (1980), 3;
Laudage, J., Alexander III. und Friedrich Barbarossa, 1997
Alexander von Roes (2.
H. d. 13. Jh.s, um 1225-vor 1300) ist Kanoniker in Köln und weilt nach 1280
mehrfach in Italien. Er verfasst dort drei Werke. In ihnen setzt er sich
zugunsten des deutschen Königs gegen Ansprüche des französischen Königs ein
([lat.] Memoriale [N.] de prerogativa Romani imperii, 1281).
Lit.: Schraub,
W., Jordan von Osnabrück und Alexander von Roes, 1910; Alexander von Roes,
Schriften, hg. v. Grundmann, H. u. a., 1958; Horst, H., Weltamt und Weltende
bei Alexander von Roes, 2002
Aller guten Dinge sind drei
(d. h. der Kläger muss dem Beklagten in drei Gerichtsterminen die Möglichkeit
zur Gegenwehr geben).
Lit.: Deutsche Rechtsregeln und Rechtssprichwörter, hg. v.
Schmidt-Wiegand, R., 1996, 76 (Henisch 1616)
Allgäu
Lit.: Wiedemann, R.,
Der „Allgäuische Gebrauch einer Gerichtsbarkeit nach Personalitätsprinzip,
1932; Zinsrodel des Klosters Mehrerau 1290-1505, bearb. v. Bilgeri, B., 1940
Allgemeine Deutsche Civilprozessordnung ist das 1866 Entwurf gebliebene zivilprozessuale Gesetzgebungsprojekt des Deutschen Bundes, dem die Bürgerliche Prozessordnung (1850) Hannovers des Ministerialbeamten Adolf Leonhardt zugrunde liegt.
Lit.: Kroeschell,
DRG 3; Protocolle der Commission zur Beratung einer allgemeinen
Civilprozessordnung, 1862ff., Neudruck 1985
Allgemeine Deutsche Wechselordnung ist das auf Grund eines 1847 von allen Mitgliedstaaten des →
Deutschen Bundes ausgearbeiteten Entwurfes von der Frankfurter
verfassungsgebenden Nationalversammlung angenommene, am 27. 11. 1848
verkündete Gesetz zur Vereinheitlichung des partikularen Wechselrechts, das
nach Scheitern der Einigungsbestrebungen des Jahres 1848 in den einzelnen
Mitgliedstaaten durch Landesgesetz (als gleichlautendes allgemeines deutsches
Recht) in Kraft gesetzt wird.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 182; Protocolle der
zur Beratung einer Allgemeinen Deutschen Wechsel-Ordnung in der Zeit vom 20.
October bis zum 9. December in Leipzig abgehaltenen Conferenz, 1848; Huter, U.,
Das Reichsgesetz über die Einführung einer allgemeinen Wechselordnung, JZ 1978,
77ff.; Schubert, W., Die Einführung der Allgemeinen Deutschen Wechselordnung
und des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuchs, ZHR 144 (1980), 484;
Pannwitz, K. v., Die Entstehung der Allgemeinen Deutschen Wechselordnung, 1998;
http://www.koeblergerhard.de/Fontes/AllgemeineDeutscheWechselordnung1848.pdf
Allgemeine Gerichtsordnung (Österreichs) ist das (nach ersten Ansätzen der Jahr 1709 und 1753 vor
allem von April 1774 bis September 1775 von Joseph Hyazinth Froidevo [Arlesheim
1735-Weidling 15. 8. 1811] in Fortschreibung des vom gemeinen Recht stark
geprägten Prozessrechts Böhmens ausgearbeitete,) 1781 in Österreich zwecks
Rechtsvereinheitlichung kompilatorisch geschaffene Gesetz (Publikation 1. Mai
1781, JGS 13, Einführung mit Patent vom 9. 4. 1782) zur Regelung des
gemeinrechtlichen Zivilprozesses (geheimes Aktenverfahren mit Verhandlungsmaxime,
Eventualmaxime, grundsätzlicher Anwaltszwang,
mittelbarer Beweisaufnahme und gebundener Beweisregel), das 1796
abgeändert in Westgalizien (Westgalizische Gerichtsordnung), später in
Ostgalizien, der Bukowina, Salzburg, Tirol, Vorarlberg, Dalmatien und Istrien
in Kraft tritt und erst durch die
ältere Allgemeine Gerichtsordnung und erweiterte Westgalizische
Gerichtsordnung vereinheitlichende österreichische Zivilprozessordnung
von 1895 abgelöst wird.
Lit.: Köbler, DRG 155; Baltl/Kocher; Loschelder, M., Die
österreichische Allgemeine Gerichtsordnung von 1781, 1978
Allgemeine Gerichtsordnung (Preußens) ist die 1793 für Preußen geschaffene
Zivilprozessordnung, die in vernunftrechtlicher Prägung (Erforschung der
Wahrheit) eine Abkehr vom gemeinrechtlichen, als zu langwierig empfundenen
Zivilprozess versucht, ohne ihre Ziele wirklich erreichen zu können.
Lit.: Köbler, DRG 141, 155; Nörr, K., Reinhardt und die
Revision der Allgemeinen Gerichtsordnung für die preußischen Staaten, 1975;
Eckert, J., Die Entstehung der Allgemeinen Gerichtsordnung, (in) Das Preußische
Allgemeine Landrecht, hg. v. Wolff, J., 1995; Busch, S., Die Entstehung der
Allgemeinen Gerichtsordnung für die preusßischen Staaten, 1999
Allgemeine Geschäftsbedingung ist die allgemein verwendete Geschäftsbedingung.
Allgemeine Geschäftsbedingungen entstehen (nach Vorläufern in
(mittelalterlichen Formelsammlungen und) Policen von Versicherungen im ersten
Drittel des 18. Jh.s) als Folge der Massengeschäfte nach der industriellen
Revolution am Ende des 19. Jh.s (Eisenbahnbetriebsreglements, Postordnungen,
1919 Berliner Spediteurbedingungen), werden trotz der erkennbaren Vorteilssicherung
der Verwender mittels Haftungsbeschränkungen, Beweislastumkehrungen, Gerichtsstandsklauseln,
Rücktrittsvorbehalten und Verfallklauseln) zunächst nur vorsichtig im
Einzelfall gerichtlich kontrolliert, am 9. 12. 1976 in Deutschland aber in
einem eigenen Gesetz über das Recht der allgemeinen Geschäftsbedingungen
gesetzlich geregelt, das 2002 als §§ 305ff. in das Bürgerliche Gesetzbuch
aufgenommen wird.
Lit.: Kroeschell, DRG 2, 3; Kroeschell, 20. Jh.; Raiser,
L., Das Recht der allgemeinen Geschäftsbedingungen, 1935, 2. A. 1961;
Pohlhausen, R., Zum Recht der allgemeinen Geschäftsbedingungen, 1978; Nörr, K.,
Zwischen den Mühlsteinen, 1988; Helm, J., AGB-Regelungen im Transportrecht des
ADHGB, FS E. Brandner, 1996, 219; Prang, T., Der Schutz der
Versicherungsnehmer, 2003; Röder, T., Rechtsbildung im wirtschaftlichen
Weltverkehr, 2006
Allgemeine Gütergemeinschaft → Gütergemeinschaft
Allgemeiner Teil ist
der die allgemeinen Erscheinungen besonderer Teile zusammenfassende (und
voranstellende) Teil einer Gesamtheit. Eine Unterscheidung zwischen Gattung
([lat.] genus, Geburt, Geschlecht, Gattung) und Art ([lat.] species, Sehen,
Anblick, Gestalt, Bild, Stück) sowie zwischen (lat.) generalis (zum Geschlecht
gehörig, zur Gattung gehörig, allgemein) und (lat.) specialis (besondere) ist
bereits dem lateinischen Altertum bekannt. Allgemeine Einführungen in das Recht
werden in den Versuchen des Franciscus Connanus (1508-1551) und Hugo Donellus
(1527-1591), sich von der wenig systematischen Reihenfolge der Bestimmungen
der justinianischen Kompilation(en) zu lösen, sichtbar. Johannes Althusius
(Diedenshausen 1557-Emden 1638) überschreibt im Index capitum seiner
Dicaelogicae (1618) den ersten Teil des ersten Buches mit (lat.) agit de
generalibus (handelt von den allgemeinen [Angelegenheiten]), doch wird dies nicht
weiter beachtet. Im Gefolge naturrechtlicher Systematisierungsansätze
(Erhard → Weigel [1625-1699], Samuel → Pufendorf [1632-1694],
allgemeine Einleitung in das Recht und seine Anwendung sowie Auslegung in Jean
Domats [1625-1695] Loix civiles dans leur ordre naturel [1689-1695], Christian
Wolff [1679-1754] 1711 [Jus naturae, Band 1 De obligatione et iure hominum
universali]) veröffentlicht Christian Wolffs Schüler Georg Darjes 1740 (lat.)
Institutiones jurisprudentiae universalis (Einrichtungen der universellen
Jurisprudenz), in denen er in einer pars generalis (einem allgemeinen Teil) de
iurium atque obligationum objecto (von der Rechte und Verbindlichkeiten
Gegenstand), de iurium atque obligationum diversitate (von der Rechte und
Verbindlichkeiten Verschiedenheit) und de acquisitione iurium et obligationum
generatim (vom Erwerb der Rechte und Verbindlichkeiten im Allgemeinen)
handelt. 1749 legt Christian Wolffs weiterer Schüler Daniel Nettelbladt
(Rostock 1719-Halle 1791) ohnvorgreifliche Gedancken, den heutigen Zustand der
bürgerlichen und natürlichen Rechtsgelehrtheit in Teutschland, deren nöthige
Verbesserung und dazu dienliche Mittel betreffend vor, in denen er eine vom
Demonstrieren der Rechtssätze nach Gründen ausgehende straffe Definitionen
verwendende Darstellung des positiven Rechts verlangt, in der alles
systematisch so geordnet werden soll, dass das Allgemeine vor dem Besonderen
und das Zusammengehörige beieinander steht. Nach erfolgreichen
Elementarsystemen des gleichen Jahres verfasst er 1761 eine (lat.) Introductio
(F.) in jurisprudentiam positivam Germanorum communem (Einleitung in die
allgemeine positive Jurisprudenz der Deutschen), die neben einem allgemeinen
Teil eine kurze Enzyklopädie und Methologie sowie eine straffe Rechts- und Literärgeschichte
enthält. 1767 entsteht Johann Stephan Pütters Versuch einer juristischen
Enzyklopädie und Methodologie, die eine systematische, durch einen allgemeinen
Teil grundgelegte Darstellung des römischen Rechts verlangt. 1772 bietet Daniel
Nettelbladt in seiner (lat.) Nova introductio in jurisprudentiam positivam
Germanorum communem wohl erstmals einen ausgeführten allgemeinen Teil in zwei
Büchern mit 7 bzw. 5 Sektionen über allgemeine rechtliche Fachwörter,
Personen, Tatsachen, Sachen, Rechtshandlungen, Begründen, Auflösen,
Bestätigen von Verbindlichkeiten, Stellvertretung, Anfechtung, Erwerb,
Verlust und Bewahrung von Rechten, Eigentum, Schadensersatz, Sicherheitsleistung,
Arrest, Sequestration, Protest, Besitz und Rechtsmittel. Nach weiteren
ähnlichen Werken (Hofacker 1773, Habernickel 1776) ordnet (der Hallenser
Schüler Daniel Nettelbladts) Gustav → Hugo in seinen (lat.) Institutionen
des heutigen römischen Rechts, 1789 das Privatrecht noch klarer ([Einleitung in
7 Paragraphen über Gegenstand der bürgerlichen Rechtspflege, Entscheidungsgrundlagen
des Richters, Unmöglichkeit der Vorausbestimmtheit der Entscheidung, römisches
Recht in Deutschland, Justinians Leistung, teilweise Unbrauchbarkeit durch
Änderung der Verhältnisse, Vereinfachung durch Vorausschickung des
Allgemeinen,] Realrechte, persönliche Obligationen, Familienrechte, Verlassenschaften,
Prozess). Christoph Christian Dabelow (Neu-Buckow 1767-Dorpat 1830), ebenfalls
Schüler Nettelbladts in Halle, bietet 1793 eine Einleitung in die deutsche
positive Rechtswissenschaft und 1794 ein System der heutigen
Civilrechtsgelahrtheit, die beide 1796 eine zweite Auflage erfahren, wobei das
System des gesamten heutigen Zivilrechts von 1796 in seinem allgemeinen Teil Personen,
Sachen, Handlungen, Zeit, rechtliche Geschäfte, Eide, Wahrheit, Rechte, Verbindlichkeiten,
Sicherheiten, Besitz, Verjährung, Rechtsmittel, Schaden, Schadensersatz, Verwaltung
fremder Sachen und Wiedereinsetzung in den vorigen Stand erfasst. Hugos
Erkenntnisse vertieft sein Göttinger Schüler Georg Arnold Heise in seinem
Grundriss eines Systems des gemeinen Zivilrechts zum Behuf von Pandektenvorlesungen
(1807, allgemeine Lehren [Von den Quellen des Rechts, Von den Rechten im
Allgemeinen, Von Verfolgung und Schützung der Rechte, Von den Subjecten und
Objecten des Rechts], dingliche Rechte, Obligationen-Recht, jura potestatis,
das gesamte Erbrecht, Restitutio in integrum) zu einem allgemeinen Teil des
Privatrechts. Durch → Savigny erlangt diese Vorstellung allgemeine
Verbreitung und erfasst später über das Privatrecht hinaus auch Strafrecht und
Verwaltungsrecht und andere Rechtsgebiete.
Lit.: Köbler, DRG 158, 199, 206, 213, 237; Schwarz, A., Zur
Entstehung des modernen Pandektensystems, ZRG RA 42 (1921), 578; Wieacker, F.,
Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 1952, 2. A. 1967; Jakobs, H./Schubert, W.,
Materialien zur Entstehungsgeschichte des BGB - Allgemeiner Teil, 1985;
Lehmann, A., Nettelbladt und Dabelow als die eigentlichen Begründer eines allgemeinen
Teiles, FS G. Maier, 1994, 39; Jacoby, S., Allgemeine Rechtsgrundsätze, 1997;
Hollstein, T., Die Verfassung als „Allgemeiner Teil“, 2007
Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch (ABGB) ist die →Kodifikation des Privatrechts in →
Österreich. Sie wird mit dem Ziel der Rechtsvereinheitlichung der verschiedenen
habsburgischen Herrschaftsgebiete schon von Leibniz als Codex Leopoldinus
Leopolds I. angeregt. 1709 setzt Joseph I. (erfolglos) Kompilationskommissionen
in Prag und Brünn ein, (nach der 1749 die österreichische Monarchie mit
Ausnahme der ungarischen Länder von einer Länderunion in eine Einheit
umwandelnden Reform Maria Theresias) 1753 Maria Theresia eine Kommission
(Kompilationskommission [Joseph von Azzoni], 1756 Aufgabe auf die 1755
gebildete Revisionskommission übertragen) zur Abfassung ([einer allgemeinen
Gerichtsordnung und] eines gleichen Landrechts in allen benachbarten
österreichisch-deutschen Erblanden bzw.) eines (lat.) → Codex (M.) Theresianus,
der Provinzialrechte, das gemeine Recht, die Gesetze anderer Staaten und das
allgemeine Recht der Vernunft berücksichtigen soll. Der umfangreiche, in drei
Teilen 1766 fertiggestellte, vor allem auf dem gemeinen Recht beruhende Entwurf
(ein vierter Teil sollte das Zivilprozessrecht enthalten) wird lediglich als
brauchbare Materialsammlung angesehen (und deswegen 1770 von Maria Theresia
nicht sanktioniert und 1772/1773 von der geplanten Verbindung mit dem
Zivilprozessrecht gelöst). Der bis 1774 auf etwa die Hälfte gekürzte Entwurf
Johann Bernhard Hortens wird 1776 nicht weiter beraten, (nach Ehepatenten vom
16. 1. 1783 und 3. 5. 1786) in seinem die gesetzliche Erbfolge betreffenden
Teil 1786 aber als Erbfolgepatent vom 11. 5. 1786 und in seinem
personenrechtlichen Teil am 1. 11. 1786 zum 1. 1. 1787 als Allgemeines Bürgerliches
Gesetzbuch, ErsterTeil (bzw. [später so genanntes] → Josephinisches
Gesetzbuch) Josephs II. in den deutschen Erblanden (Österreichs bzw. Habsburgs)
in Kraft gesetzt, doch verzögern sich die Arbeiten an den übrigen Teilen durch
die nunmehr geplante Einbeziehung Ungarns und unterbricht der Tod Josephs II.
(20. 2. 1790) den weiteren Fortgang. Ab 1793 bzw. 1794 arbeitet Karl Anton von →
Martini an Hand der Benützung des Entwurfes Hortens und des (1794) in Kraft
gesetzten Allgemeinen Landrechts Preußens einen neuen, etwas stärker
naturrechtlich geprägten Entwurf (1796 Entwurf Martini) aus, der (nach
Inkraftsetzung der Zivilprozessordnung und des Strafgesetzes 1796 und geringer
Umarbeitung) durch Patent vom 13. 2. 1797 als Bürgerliches Gesetzbuch für
Westgalizien (→ Westgalizisches Gesetzbuch) für das aus der dritten
Teilung Polens 1795 erworbene Erbland Westgalizien und durch Patent vom 18. 9.
1797 auch für das 1772 erlangte Ostgalizien kundgemacht wird (Bürgerliches
Gesetzbuch für Galizien [und Bukowina] 1. 1. 1798). Dieses Bürgerliche
Gesetzbuch für Galizien wird als sog. Urentwurf unter der Leitung Franz von →
Zeillers zwischen 1801 und 1810 in drei Lesungen (unter Abbau der
naturrechtlichen Prägung wegen der französischen Revolution) beraten und nach
kaiserlicher Sanktion vom 7. Juli 1810 (ohne Darlehensbestimmungen) bzw. 29.
4. 1811 (Darlehensbestimmungen) als Anlage zum kaiserlichen Patent vom 1. 6.
1811 (JGS 94) zum 1. 1. 1812 unter Aufhebung des gemeinen Rechts und grundsätzlich
der Privatrechtsgesetze (als allgemeines, d. h. für den gesamten Bereich der
Rechtsvereinheitlichung geltendes, als neuständisches Gesetzbuch ständische
Unterschiede nur formal nicht berücksichtigendes und damit verdeckendes) für
die gesamten deutschen Erblande des österreichischen Kaisers
(Niederösterreich, Oberösterreich [ohne Innkreis], Böhmen [einschließlich
Marktredwitz und sog. Fraischbezirk
in der Oberpfalz, in Geltung bis 31. 12. 1899], Mähren, Schlesien,
Galizien [z. T.], Bukowina, Teile des Hausruckkreises, Steiermark, Kärnten,
Militärgrenze, nicht aber Ungarn, Kroatien-Slawonien, Siebenbürgen) als reines
Privatgesetzbuch (mit drei Teilen und 1512 Paragraphen) in Kraft gesetzt (1815
Lombardo-Venetien, 1878 partiell-subsidär Bosnien-Herzegowina). Der (vielleicht
durch Abstände des Wappens auf dem Titelblatt im Ausmaß von 47 bzw. 7. bzw 9
Millimeter erkennbare, anscheinend in § 591 die Zeichenfolge … Ordens;
Jünglinge unter 18 Jahren, Frauenspersonen, Sinnlose, Blinde, Taube, oder Stumme
… aufweisende) Erstdruck wird dem Kaiser am 24. Juni 1811 überreicht (amtlich
publizierter Text in Justizgesetzsammlung 1817, Nr. 946). Inhaltlich beruht es
auf dem römisch-gemeinen Recht (Schuldrecht, gewillkürtes Erbrecht),
einheimischen Recht (Sachenrecht, Erbvertrag), kirchlichen Recht (Eherecht) und
dem Naturrecht (Systematik, Auslegungsregeln, Parentelenordnung). Von Savigny
wird es als misslungen bewertet. Durch Patent vom 29. 11. 1812 bzw. 1846
(Erbrecht) wird es von Liechtenstein übernommen (, wo der Text um zwei Fünftel
gekürzt und seit dem 20. Jh. an das Recht der Schweiz angeglichen wird). In
Moldau wird es 1817 im Wesentlichen in den Codex Callimachus übersetzt. 1852
wird es (mit Anpassungen vor allem im Eherecht) in Ungarn (1853-1861), Kroatien
und Slawonien (bis 1918), in der Woiwodschaft Serbien und im Temescher Banat,
durch Patent vom 29. 5. 1853 in Siebenbürgen eingeführt. Bern (1824/1830,
Luzern (1831/1839), Solothurn (1841/1847) und Aargau (1847/1855), Serbien
(1844) und Montenegro (1888 Code Bogisic) dient es als Vorbild. (1855 Ehegesetz
für Katholiken 1856-1868,) 1914 (Personenrecht,
Familienrecht, Vormundschaftsrecht, gesetzliches Erbrecht), 1915 (Grenzberichtigung), 1916 (Eigentumsvorbehalt, Belastungsverbot,
Schuldübernahme, Auslobung, Schadensersatz, Verjährung) wird das ABGB
unter dem vor allem durch Joseph Unger (1818-1913) vermittelten Einfluss der
deutschen historischen Rechtsschule in drei Teilnovellen pandektistisch
novelliert (rund 15 Prozent der nun 1511 Paragraphen). 1938 wird das Eherecht
durch das Ehegesetz des Deutschen Reiches
geändert, seit den 70er Jahren des 20. Jh.s durch mehrfache Novellierung
das gesamte Familienrecht. Seit 1896 (Ratengesetz, Mietengesetz 1923, Konsumentenschutzgesetz
1979) wird es durch Nebengesetze ergänzt. Nach 1945 ist es im sozialistischen
Rechtskreis außer Kraft gesetzt. Vielleicht steht bzw. stehen in der Gegenwart
noch die Hälfte oder zwei Drittel (Brauneder) der ursprünglichen Paragraphen in
Geltung.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 141, 185, 205;
Banniza, J. Gründliche Anleitung zu dem Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuche,
Bd. 1 1787; Wildner von Maithstein, I., Lexikon sämtlicher Worte des
österreichischen allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches, 1843; Harras von
Harrasowsky, P., Geschichte der Kodifikation des österreichischen Civilrechtes,
1868; Ofner, J., Der Ur-Entwurf, Bd. 1f. 1889; Festschrift zur Jahrhundertfeier
des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches, 1911; Slapnicka, H., Österreichs
Recht außerhalb Österreichs, 1945; Dölemeyer, B., Die Revision des ABGB durch
die drei Teilnovellen von 1914, 1915 und 1916, Ius commune 6 (1977), 274;
Ogris, W., 175 Jahre ABGB, 1986/7; Caroni, P., Der unverstandene Meister, FS H.
Baltl, 1978, 107; Seemann, O., Die mit „1811“ datierten Drucke des ABGB, 1995;
Neschwara, C., Die Geltung des österreichischen Allgemeinen Bürgerlichen
Gesetzbuches in Ungarn und seinen Nebenländern von 1853 bis 1861, ZRG GA 113
(1996), 362; Frohnecke, E., Die Rolle des ABGB in Gesetzgebung und Rechtswissenschaft
des 19. Jahrhunderts, 2001; http://www.koeblergerhard.de/Fontes/ABGB1811.htm
Allgemeines Deutsches Gesetz über Schuldverhältnisse ist das seit 1863 von den Mitgliedstaaten des →
Deutschen Bundes beratene Gesetz, dessen (→Dresdener) Entwurf im Jahre
1866 gerade der Bundesversammlung zugeleitet ist, als der Deutsche Bund am
Gegensatz zwischen Österreich und Preußen zerbricht, so dass der Entwurf dieses
Gesetzes nicht weiter behandelt wird.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 182; Hedemann, J., Der
Dresdener Entwurf von 1866, 1935; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der
Neuzeit, 1952, 2. A. 1967; Dresdener Entwurf eines allgemeinen deutschen
Gesetzes über Schuldverhältnisse von 1866, hg. v. Francke, B., 1973; Protocolle
der Commission zur Ausarbeitung eines allgemeinen deutschen Obligationenrechts,
1866, 1984
Allgemeines Deutsches Handelsgesetzbuch ist das auf Grund des Vorbildes des französischen →
Code de commerce (1808) nach Scheitern eines 1848 auf Anregung der deutschen Nationalversammlung
(Frankfurter Paulskirchenversammlung eingesetzten Gesetzgebungsausschusses
seit 1856 von einer Kommission des Deutschen Bundes vorbereitete, nach
preußischer (1850-1856) und österreichischer (1842, 1853, 1857) Vorlage(n) 1861
im (Nürnberger) Entwurf entstandene Handelsgesetzbuch, das die Mitgliedstaaten
des → Deutschen Bundes auf Empfehlung der Bundesversammlung vom 31. 5.
1861 durch übereinstimmende Einzelstaatsgesetze (u. a. Österreich 1862 Allgemeines Handelsgesetzbuch, Anlage zum
Gesetz 17. 12. 1862 RGBl. 1863, 1, (ohne Seerecht) in Geltung bis 1938)
als allgemeines deutsches Recht in Kraft setzen. An seine Stelle tritt im Deutschen Reich 1897 das →
Handelsgesetzbuch (Österreich 24. 12.
1938).
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 182; Protokolle der Kommission zur
Beratung eines allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuches, hg. v. Lutz, J., Bd.
1ff. 1958ff., Neudruck 1984; Thöl, H., Zur Geschichte des Entwurfes eines
allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuches, 1861; Goldschmidt, L., Der
Abschluss und die Einführung des allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuchs, ZHR
5 (1862), 204ff.; Lindau, L., Register zu dem Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuch,
1867; Schubert, W., Die Einführung der Allgemeinen Deutschen Wechselordnung und
des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuches, ZHR 144 (1980), 484; Wild, P.,
Der Einfluss des Allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuchs auf die
Privatrechtsdogmatik, Diss. jur. Saarbrücken 1966; Wieacker, F.,
Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 1952, 2. A. 1967;
http://www.koeblergerhard.de/Fontes/AllgemeinesDeutschesHandelsgesetzbuch1861.htm
Allgemeines deutsches Recht ist das in der Mitte des 19. Jh.s durch
Parallelgesetzgebung der Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes entstandene
Recht. → Allgemeine Deutsche Wechselordnung, → Allgemeines
Deutsches Handelsgesetzbuch
Lit.: Köbler, DRG 182
Allgemeines Gesetzbuch für die preußischen Staaten (1791) ist eine älteren gescheiterten Versuchen folgende
Vorstufe für die Kodifikation → Allgemeines Landrecht für die preußischen
Staaten (1794). Vorausgeht eine Kabinettsordre des Königs vom 14. 4. 1780, nach
der „alle Gesetze für unsere Staaten und Untertanen in ihrer eigenen Sprache
abgefasst, genau bestimmt und vollständig gesammelt werden“, „nur das
Wesentliche mit dem Natur-Gesetz und der heutigen Verfassung Übereinstimmende
aus dem römischen Recht abstrahirt, das Unnütze weggelassen, Unsere eigene
Landes-Gesetze am gehörigen Ort eingeschaltet und solchergestalt ein
subsidiarisches Gesetz-Buch, zu welchem der Richter beim Mangel der
Provinzial-Gesetze recurriren kann, angefertigt werden soll. Eine
Kabinettsordre vom 27. 7. 1780 konkretisiert den Auftrag, dem das Corpus iuris
Justinians zu Grund gelegt werden soll. Der unter Leitung Johann Casimir von
Carmers hauptsächlich von Carl Gottlieb Svarez und Ernst Ferdinand Klein auf
der Grundlage von Auszügen aus dem Corpus iuris civilis Justinians nach einer
systematischen natürlichen Ordnung erarbeitete Entwurf eines allgemeinen
Gesetzbuches für die preußischen Staaten wird seit 1784 in sechs Abteilungen
gedruckt (Erster Teil, erste Abteilung 1784, zweite Abteilung 1785, dritte
Abteilung 1786, zweiter Teil, erste Abteilung 1787, zweite Abteilung 1787,
dritte Abteilung 1788). Die nach der Veröffentlichung eingereichten Vorschläge
(Monita) werden verwertet und in einer Svarezschen Revision 1790/1791 genutzt.
Am 20. 3. 1791 reicht von Carmer das Publikationspatent für das Allgemeine
Gesetzbuch für die preußischen Staaten ein, dessen Inkrafttreten zum 1. 6. 1792
geplant wird. Am 18. 4. 1792 verschiebt der König die Geltung aus politischen
Gründen bis auf Weiteres. Wegen des Gebietsgewinns Preußens aus der zweiten
Teilung Polens (1793) wird das im Privatrecht einem abgewandelten Institutionensystem
folgende Werk am 1. 6. 1794 als Allgemeines Landrecht für alle preußischen
Staaten in Kraft gesetzt.
Lit.:
Svarez, Carl Gottlieb, Entwurf eines allgemeinen Gesetzbuches für die
preußischen Staaten, hg. v. Krause, P., Bd. 1ff. 1996ff.; Register zum
allgemeinen Gesetzbuch für die preußischen Staaten (1792), hg. v. Krause, P.,
2004; Finkenauer, T., Vom Allgemeinen Gesetzbuch zum Allgemeinen Landrecht, ZRG
113 (1995), 40; Barzen, C., Die
Entstehung des „Entwurf(s) eines allgemeinen Gesetzbuchs für die Preußischen
Staaten“, 2000
Allgemeines Gesetzbuch über Verbrechen und derselben
Bestrafung ist das unter Joseph II.
gewisse aufgeklärte Grundsätze verwirklichende Strafgesetzbuch Österreichs von
1787, das noch vom Strafzweck der Abschreckung ausgeht.
Lit.:
Baltl/Kocher;http://www.koeblergerhard.de/Fontes/Strafgesetz1787.pdf
Allgemeines Landrecht für die preußischen Staaten (ALR) ist das als → Kodifikation zum 1. 6. 1794 in
Kraft gesetzte umfassende Vernunftrechtsgesetzbuch → Preußens. Ihm gehen
als ältere, im Ergebnis erfolglose Versuche der Rechtsvereinheitlichung der
rechtlich ganz verschieden geordneten Teile Brandenburg-Preußens ein Ersuchen
Friedrich Wilhelms I. von Preußen an die juristische Fakultät der Universität
Halle an der Saale (1714) und das von Samuel von → Cocceji bearbeitete
Projekt eines Corpus juris Fridericiani Friedrichs des Großen (Teilentwürfe
1749, 1751) voraus. Als Folge des sog. → Müller-Arnold-Prozesses (1. 1.
1780) erarbeiten nach einer Kabinettsorder Friedrichs des Großen (14. 4. 1780
betreffend die Verbesserung des Justizwesens bezüglich der Gerichtsverfassung,
des Prozessrechts und des materiellen Rechts) der neu berufene Großkanzler
Johann Heinrich Casimir von → Carmer und Carl Gottlieb → Svarez
(außer dem Corpus juris Fridericianum von 1781 für das Verfahrensrecht und
einer Hypothekenordnung von 1783) an Hand des römischen Rechtes nach
natürlicher Ordnung und der Sonderrechte der einzelnen Provinzen einen vom
König (1785) als zu weitläufig zurückgewiesenen Entwurf aus (1783-1788,
zwischen 1784 und 1788 in sechs Bänden veröffentlicht). Nach Überarbeitung an
Hand zahlreicher eingegangener Monita und Denkschriften wird 1791 ein Entwurf
eines → allgemeinen Gesetzbuches für die preußischen Staaten vorgelegt,
(nach Einreichen des Publikationspatents
am 20. 3. 1791) sein Inkrafttreten zum 1. 6. 1792 verfügt, aber nach nicht mehr
vollständig aufklärbaren Vorgängen am 18. 4. 1792 auf unbestimmte Zeit
suspendiert. 1794 wird das Gesetzbuch nach dem 1793 bei der zweiten Teilung
Polens erfolgten Erwerb umfangreicher Gebiete (Südpreußen, Neu-Ostpreußen)
unter geringer Umarbeitung (Aufhebung des Verbots der Machtsprüche und einiger
Bestimmungen über die Ehe zur linken Hand) als A. L. R. erlassen (Anlage zum
königlich preußischen Patent vom 5. 2. 1794). Das Gesetz umfasst in zwei Teilen
(„Eigentum“, „Gesellschaft“) mit 23 und 20 Titeln sowie 19194 Paragraphen
(fast) das gesamte private und öffentliche Recht (Privatrecht, Gemeinderecht,
Beamtenrecht, Staatsrecht, Kirchenrecht, Lehnrecht, Strafrecht), das es
fürsorglich und kasuistisch abhandelt. Sein vom Einzelnen (über Ehe, Familie
und Stände) zum Staat fortschreitender Aufbau ist vernunftrechtlich. Anknüpfungspunkt
ist (noch) nicht der Mensch als ohne weiteres rechtsfähiges Wesen, sondern der
Mensch, soweit er nach Geburt, persönlichen Verhältnissen und Stand Rechte und
Pflichten hat. Inhaltlich stellt es in seiner Ausrichtung auf das gemeine Wohl
einen Ausgleich zwischen altständischer Gesellschaft und aufgeklärter Freiheit
dar, der die fortschrittlichen Ideen des Bürgertums nur eingeschränkt
verwirklicht. Im Privatrecht folgt es einem abgewandelten Institutionensystem.
Von Savigny wird es abgelehnt (1816 „Sudeley“), aber ab 1819 in Vorlesungen an
der Universität vorgetragen. In den 1815 auf dem Wiener Kongress gewonnenen
Rheinlanden, in denen Frankreich 1806/1807 seinen 1804 geschaffenen Code civil
in Kraft setzt, und in den 1866 bei Auflösung des Deutschen Bundes erlangten
Gebieten wird es nicht eingeführt. Durch das Strafgesetzbuch von 1851, das
Allgemeine Deutsche Handelsgesetzbuch von 1861 und schließlich durch das →
Bürgerliche Gesetzbuch (1896/1. 1. 1900) wird es Stück für Stück abgelöst.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 140, 184, 151, 160,
198; Eggers, C. v., Lehrbuch des Natur- und allgemeinen Privatrechts und
gemeinen preußischen Rechts, 1797; Thieme, H., Die preußische Kodifikation, ZRG
GA 57 (1937), 355; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 1952, 2.
A. 1967; Conrad, H., Die geistigen Grundlagen des ALR, 1958; Allgemeines
Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794, hg. v. Hattenhauer, H., 1970,
2. A. 1994, 3. A. 1996; Allgemeines Landrecht für die
Preußischen Staaten von 1794, Register 1973; Koselleck, R., Preußen
zwischen Reform und Revolution, 1975; Das nachfriderizianische Preußen
1786-1806, hg. v. Hattenhauer, H. u. a., 1988; Mühleisen, H., Zur Ordnung der
Akten und Materialien des Allgemeinen Landrechts, ZRG GA 108 (1991), 194;
Schwennicke, A., Die Entstehung der Einleitung des preußischen Allgemeinen
Landrechts von 1794, 1993; Friedrich Carl von Savigny, Landrechtsvorlesung
1824, hg. v. Wollschläger, C. u. a., 1994ff.; Gemeinwohl - Freiheit - Vernunft
- Rechtsstaat, hg. v. Ebel, F., 1995; Das Preußische Allgemeine Landrecht, hg.
v. Wolff, J., 1995; 200 Jahre allgemeines Landrecht, hg. v. Dölemeyer, B. u.
a., 1995; Kodifikation gestern und heute, hg. v. Merten, D. u. a., 1995; Entwurf
eines allgemeinen Gesetzbuches für die Preußischen Staaten, hg. v. Krause, P.,
Bd. 1ff. 1996ff.; Finkenauer, T., Vom Allgemeinen Gesetzbuch zum Allgemeinen
Landrecht, ZRG GA 113 (1996), 40; Benthaus, R., Eine „Sudeley“?, Diss. jur.
Kiel 1996; Reformabsolutismus und ständische Gesellschaft, hg. v. Birtsch, G.,
1998; Zur Ideen- und Rezeptionsgeschichte des preußischen Allgemeinen
Landrechts, hg. v. Gose, W. u. a., 1999; Dilcher, G., Forschungen zum
ALR-Jubiläum, ZNR 2001, 285; Steinbeck, J., Die Anwendung des allgemeinen
Landrechts in der richterlichen Praxis, 2004; Benöhr, H., Die Urheber des ALR,
ZRG GA 121 (2004), 493; Register zum allgemeinen Gesetzbuch, hg. v. Krause, P.,
2004; Albrecht, M., Die Methode der preußischen Richter, 2005; http://www.koeblergerhard.de/Fontes/ALR1fuerdiepreussischenStaaten1794teil1.htm;http://www.koeblergerhard.de/Fontes/ALR2fuerdiepreussischenStaaten1794Teil2.htm;
Hilgenstock, C., Die Anwendung des Allgemeinen Landrechts in der richterlichen
Praxis, 2009
Allgemeines Persönlichkeitsrecht ist das einer Person an ihrer Persönlichkeit insgesamt
zustehende Recht. Erste Ansätze hierfür finden sich bei Donellus (Doneau
1527-1591), Pufendorf, Thomasius und Wolff (vgl. § 83 Einl. ALR, § 16 ABGB),
doch lehnt Friedrich Carl von Savigny ein a. P. ab, weil Injurienstrafenklage
und Strafrecht genügenden Schutz bieten. Demgegenüber treten später Otto von
Gierke und Josef Kohler für ein a. P. ein. Bei der Schaffung des Bürgerlichen
Gesetzbuch (1900) wird auf ein a. P. bewusst verzichtet, nur der Namensschutz
in § 12 geregelt und der Schadensersatz bei immateriellen Schäden
eingeschränkt (§ 253 BGB, anders Art. 28 ZGB Schweiz 1907/1911). Seit 1954
wird ein a. P. in Deutschland durch die Rechtsprechung (BGHZ 13, 334, 1958
BGHZ 26, 349, 1974 BVerfGE 34, 269, vgl. 1956 BGHZ 20, 345 pönale Geldentschädigung)
anerkannt. Als Rechtsgrund wird Art. 2 Iff. GG angesehen (vgl. BGHZ 128,1).
Beachte auch § 201a StGB.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Hedemann, J., Die Fortschritte
des Zivilrechts im 19. Jahrhundert, Teil 1 1910, 58; Irmscher, K., Der
privatrechtliche Schutz der Persönlichkeit in der Praxis des gemeinen und
partikularen Rechts, 1953; Scheyhing, R., Zur Geschichte des
Persönlichkeitsrechts im 19. Jh., AcP 158 (1959/1960), 503; Leuze, D., Die
Entwicklung des Persönlichkeitsrechts im 19. Jh. 1962; Simon, J., Das
allgemeine Persönlichkeitsrecht und seine gewerblichen Erscheinungsformen,
1981; Gottwald, S., Das allgemeine Persönlichkeitsrecht, 1996; Goebel, J.,
Allgemeines Persönlichkeitsrecht, 2004; Kastl, K., Das allgemeine
Persönlichkeitsrecht, 2004; Martin, K., Das allgemeine Persönlichkeitsrecht,
2007
Allgemeines Vermögensgesetzbuch für das Fürstentum
Montenegro ist das vor allem unter der
Mitarbeit Baltazar → Bogisics (1834-1908) 1888 in Kraft gesetzte
Privatrechtsgesetzbuch Montenegros (ohne Familienrecht und Erbrecht).
Lit.: Zimmermann, W., Valtazar Bogisic (1834-1908), 1962
Alliierte →
Alliierte Hohe Kommandantur
Alliierte hohe Kommandantur Berlin ist das gemeinsame Organ der Vereinigten Staaten von
Amerika, der Sowjetunion, Großbritanniens und Frankreichs für Berlin seit Juli
1945. Nach dem Auszug des sowjetischen Stadtkommandanten am 16. Juni 1948
tagen die drei westlichen Stadtkommandanten allein. Die Hoheitsgewalt über →
Berlin (West) wird bis zur Vereinigung Berlins (1990) von den drei
Westalliierten ausgeübt.
Lit.: Kroeschell,
20. Jh.; Schiedermair, H., Der völkerrechtliche Status Berlins, 1975; Grant,
H., Die Alliierten und die Teilung Deutschlands, 1985
Alliierte hohe Kommission ist das oberste Organ der Vereinigten Staaten von Amerika,
Großbritanniens und Frankreichs für die Bundesrepublik Deutschland
einschließlich der westlichen Sektoren Berlins vom 21. 9. 1949 bis 5. 5. 1955.
Die A. H. K. hat ihren Sitz auf dem Petersberg bei Königswinter. Sie besteht
aus den 3 Hohen Kommissaren der beteiligten Mächte.
Lit.:
Vogt, H., Wächter der Bonner Republik, 2004
Alliierter Kontrollrat ist das am 30. 7. 1945 errichtete Organ der Vereinigten
Staaten von Amerika, der Sowjetunion, Großbritanniens und Frankreichs für die
Ausübung der obersten Gewalt in Deutschland, insbesondere die Entscheidung
aller Deutschland als Ganzes betreffenden Fragen. Der Alliierte Kontrollrat
erlässt auch Gesetze. Am 20. 3. 1948 stellt er wegen der gegensätzlichen
Ansichten der westlichen Mächte einerseits und der Sowjetunion andererseits
seine Tätigkeit ein. In Österreich werden nach dem ersten alliierten
Kontrollabkommen vom 4. 7. 1945 ein aus den vier militärischen Kommissaren der
vier Besatzungsmächte gebildeter Alliierter Rat und ein Exekutivkomitee mit
Stäben (insgesamt als Alliierte Kommission bezeichnet) eingerichtet, deren
oberste Gewalt durch das zweite alliierte Kontrollabkommen vom 28. 6. 1946 abgeschwächt
wird.
Lit.: Kroeschell,
20. Jh.; Köbler, DRG 245; Jaenicke, G., Der Abbau der Kontrollratsgesetzgebung,
1952; Etzel, M., Die Aufhebung von nationalsozialistischen Gesetzen, 1992; Schmoeckel, M., Die Aufhebung von
nationalsozialistischen Gesetzen, ZRG 112 (1994), 431; Mai, G., Der
Alliierte Kontrollrat in Deutschland, 1995
Alliiertes Recht ist
das von den alliierten Besatzungsmächten (in Deutschland nach 1945) geschaffene
oder veranlassete Besatzungsrecht.
Allmende (mhd. almende) ist die mehreren zur allgemeinen Nutzung zustehende Wirtschaftsfläche (einer Gemeinde oder ähnlichen Körperschaft). Es ist mehr als zweifelhaft, ob die Anfänge der vor allem im Hochmittelalter bezeugten A. in die germanische Landnahme zurückreichen. Inhaltlich besteht die A. aus Wäldern, Weide und Ödland. Nutzungsberechtigt sind regelmäßig die Inhaber von (nahe liegender) Hofstellen bestimmter Größe (Markgenossen). Schon früh versucht der König und später auch der Landesherr, ein Allmendregal durchzusetzen. Das 19. Jh. strebt nach Beseitigung der A. zugunsten von Alleineigentum. → Alm
Lit.: Kroeschell,
DRG 1, 2; Köbler, DRG 96, 121; Maurer, G. v., Geschichte der Markenverfassung
in Deutschland, 1856; Weiss, J., Die Hackwaldallmende der Stadt Eberbach, ZRG
GA 17 (1896), 77; Rüttimann, K., Die zugerischen Allmendkorporationen, 1904;
Rennefahrt, H., Die Allmend im Berner Jura, 1905; Wopfner, H., Das Almendregal
des Tiroler Landesfürsten, 1906; Omlin, H., Die Allmendkorporationen der
Gemeinde Sarnen, 1913; Litscher, M., Die Alpkorporationen des Bezirkes
Werdenberg, 1919; Meyer, E., Die Nutzungskorporationen im Freiamt, 1919;
Haff, K., Überbleibsel strenger Feldgemeinschaft auf friesischen und
skandinavischen Inseln, ZRG GA 46 (1926), 378; Haff, K., Die alten Feld- und
Wiesengemeinschaften der Insel Föhr und ihre Erbbücher, ZRG GA 47 (1927), 673;
Bergdolt, W., Badische Allmenden, ZRG GA 48 (1928), 466; Weber, K., Zur
Rechtsgeschichte der Wiesengemeinschaften der Hallig Hooge, 1931; Plett, E.,
Zur Rechtsgeschichte des Spätlandes auf Osterlandföhr, 1931; Kirchner, R., Die
Allmende und ihre Schicksale in Unterfranken, Diss. jur. Würzburg 1931; Mantel,
K., Der Gemeindewald in Bayern, Diss. jur. Würzburg 1933; Rynning, L., Bidrag
til norsk almenningsrett I, 1934; Brinkmann, O., Die Bedeutung der Allmende im
neuen Deutschland, 1935; Grass, N., Beiträge zur Rechtsgeschichte der
Alpwirtschaft, 1948; Fischer, H., Zum Gebietsrecht der Stadtallmende, ZRG GA 71
(1954), 209; Sidler, R., Die schwyzerische Unterallmeindkorporation, Diss.
jur. Zürich 1956; Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen
Dorfes, Bd. 1ff. 1957ff.; Wehrenberg, D., Die wechselseitigen Beziehungen
zwischen Allmendrechten und Gemeindefronverpflichtungen, 1969; Schildt, B.,
Bauer - Gemeinde - Nachbarschaft, 1996; Below, S. v. u. a., Wald, 1998; Zückert,
H., Allmende und Allmendaufhebung, 2003; Schmidt-Wiegand, R., Allmende, (in)
Worte des Rechts, 2007, 347
Allod ist das
keinen zusätzlichen Beschränkungen unterliegende Familiengut (19. Jh., vgl.
Lex Salica 59). Es steht insbesondere im Gegensatz zu → Lehen. In
Deutschland gibt es immer A., während in Frankreich (wegen der Vermutung nulle
terre sans seigneur) A. eher selten und in England A. seit 1066 (Domesdaybook)
verschwunden ist. A. kann zu Lehen gemacht werden und Lehen in A. verwandelt
werden. Mit dem 19. Jh. geht A. in → Eigentum auf.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, WAS; Chenon, E., Étude sur
l’histoire des alleux en France, 1888; Rauch, K., Die Übertragung der
steirischen Allode an das österreichische Herzogsgeschlecht der Babenberger,
ZRG GA 58 (1938), 448; Ebner, H., Das freie Eigen, 1969; Spieß, K., Das
Lehnswesen, 2002
Allodifikation ist
die (ausdrückliche oder stillschweigende) Umwandlung von Lehen in →
Allod. Tatsächlich findet in der Neuzeit eine allmähliche A. der deutschen
Landesfürstentümer statt (bis 1806). Innerhalb der Landesfürstentümer erfolgt
(nicht zuletzt aus steuerlichen Überlegungen) eine A. der Lehen von 1702
(Preußen) bis 1919 (Mecklenburg).
Lit.: Köbler,
DRG 211; Loewe, V., Die Allodifikation der Lehen unter Friedrich Wilhelm I.,
(in) Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte 11 1898
Allthing ist die
vielleicht 930 eingerichtete politische Versammlung der seit der 2. Hälfte des
9. Jh.s vor allem von Westnorwegen aus besiedelten Insel → Island. Das A.
wird in der zweiten Junihälfte jedes Jahres im Südwesten abgehalten.
Teilnahmeberechtigt ist jeder thingsteuerfähige Freie, teilnahmeverpflichtet
jeder Häuptling (Gode) und jeder neunte Mann. Auf dem A. hat der
Gesetzessprecher oder Rechtssprecher (lögsögumadr) das Recht vorzutragen, ist
Recht zu setzen und zu klären und müssen Urteile gefällt werden. 1271/81 endet
diese ältere Gestaltung. 1798 wird das A. aufgelöst.
Lit.: Kuhn, H., Das alte Island, 1971
Alm →
Almrecht
Almrecht ist das
Recht der Alp oder (aus alben kontrahiert) Alm als der hochgelegenen,
vielleicht seit 3000 Jahren in den Sommermonaten bewirtschafteten Weidefläche
(vor allem des Alpenraums). Diese gehört teils Genossenschaften, teils
Grundherren. Das Eigentum an den Grundstücken ist oft durch besondere Rechte
und Dienstbarkeiten eingeschränkt (z. B. Schneefluchtrecht auf unteren Almen).
Lit.: Weiß, R., Das Alpwesen Graubündens, 1941; Grass, N.,
Beiträge zur Rechtsgeschichte der Alpwirtschaft, 1948; Moritz, A., Die
Almwirtschaft im Stanzertal, 1956; Grass, N., Forschungen zur Alpwirtschaft,
ZRG GA 81 (1964), 368; Ramseyer. R., Das altbernische Küherwesen, 1961;
Gietzen, H., Die Almen des Stubaitales, 1964; Schweizerischer Alpkataster, hg.
v. d. Abteilung für Landwirtschaft des eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements
in Bern, 1962ff.; Hägele, E., Die Hinterriss, Diss. staatswiss. Innsbruck 1967;
Edelmann, M., Die Almen im Tegernseer Tal, 1966; Werner, K., Die Almwirtschaft
des Schnalstales, 1969; Starz, R., Die Almwirtschaft in der Wildschönau, Diss.
staatswiss. Innsbruck 1970; Carlen, L., Das Recht der Hirten, 1970; Schenk, P.,
Die Almwirtschaft im Alpbachtal (Tirol), 1974; Zwittkovits, F., Die Almen
Österreichs, 1974; Grass, N., Oswald von Wolkenstein und die Almwirtschaft, ZRG
GA 92 (1975), 105; Tremel, F., Zur Rechtsgeschichte des Almwesens, FS N. Grass
Bd. 2 1975, 3; Untersuchungen zur eiszeitlichen und frühmittelalterlichen Flur,
hg. v. Beck, H., 1980; Arnold, G., Die Korporation Ursern, 1990; Grass, N., Alm
und Wein, 1990 (Aufsätze)
alodis (lat.-afränk.) → Allod
Alp →
Alm
Alpen ist der Name des Italien von
Frankreich und Deutschland trennenden europäischen Gebirges.
Lit.: Die Alpen in der
europäischen Geschichte des Mittelalters, 1965; Die Alpen, hg. v. Mathieu, J.
u. a., 2005; Wege über die Alpen, hg. v. Oster, U., 2006
Altar ist der in der christlichen
Kirche für geistliche Handlungen verwendete Tisch, mit dem auch
Rechtshandlungen (z. B. Stiftungen, Eide, Gottesurteile) verbunden werden
können.
Lit.: Carlen, L., Orte,
Gegenstände, Symbole kirchlichen Rechtslebens, 1999; Viek, S., Der
mittelalterliche Altar als Rechtsstätte, Mediävistik 17 (2004)
Alsfeld in Oberhessen übernimmt nach
1556 weitgehend wörtlich das Frankenberger Stadtrechtsbuch.
Lit.: Gerhardt, H.,
Das Alsfelder Stadtrechtsbuch, Diss. Freiburg im Breisgau 1993
Altdorf bei Nürnberg, 1504 von der
Pfalz an Nürnberg gelangt, 1553 sehr zerstört, ist von 1575 an Sitz des 1526
nach Vorschlägen Melanchthons im Egidienkloster Nürnbergs eingerichteten
Gymnasiums und von 1622 bis 1809 Sitz einer Universität (Donellus,
Rittershusius, 1599 Wallenstein, 1667 Leibniz).
Lit.: Will, G.,
Geschichte und Beschreibung der nürnbergischen Universität Altdorf 1796,
Neudruck 1975; Die Matrikel der Universität Altdorf, hg. v. Steinmeyer, E. v.,
1812, Neudruck 1980; Mummenhoff, G., Die Juristenfakultät Altdorf in den
ersten fünf Jahrzehnten ihres Bestehens, Diss. jur. Erlangen 1957; Loiermann,
H., Die Altdorfer Juristen, FS K. S. Bader 1965, 267; Mährle, W., Academia
Norica (1575-1623), 2000
alte Kulm → Kulm
Altena
Lit.: Lappe, J., Die Freiheit Altena, 1929
Altenteil ist die einem Bauern und seinem überlebenden Ehegatten nach Übergabe seines Hofes an seinen Nachfolger zustehende Versorgung. Das seit der Mitte des 14. Jh. nachweisbare A. wird bei freien Bauern durch (seit dem 16. Jh. nachweisbaren) Vertrag vereinbart (und in neuerer Zeit im Grundbuch dinglich gesichert), bei grundherrschaftlichen Bauern auch in Hofrechten festgelegt. Es haftet am Hofgrundstück. Die Anerbengesetzgebung des 19. Jh.s kennt eine gesetzliche Regelung, deren Ausgestaltung der Vereinbarung überlassen ist. Art. 96 EGBGB verweist für den schuldrechtlichen Vertrag auf das Landesrecht.
Lit.: Piepenbrock, J., Die Entwicklung des Altenteils oder
der Leibzucht, 1925 (Diss.); Weiland, H., Die geschichtliche Entwicklung des
bäuerlichen Altenteils, 1940; Weber, H., Der deutsche bäuerliche
Übergabevertrag, 1941; Czerannowski, B., Das bäuerliche Altenteil in Holstein,
Lauenburg und Angeln 1650-1850, 1988; Schäfer, A., Übernahme und Altenteil,
Diss. jur. Bonn 1994
Alter ist die für
das Recht in verschiedener Hinsicht bedeutsame, durch die dem Menschen
vorgegebene Dimension Zeit bedingte Erscheinung menschlichen Lebens. Schon das
römische Recht unterscheidet zwischen Kleinkindern (lat. [M.Pl.] infantes),
Nochnichtgeschlechtsreifen (lat. [M.Pl.] impuberes) und Geschlechtsreifen (lat.
[M.Pl.] puberes), wobei der Eintritt der Reife bei Männern mit vollendetem 14.,
bei Frauen mit vollendetem 12. Lebensjahr angenommen wird und volle
Geschäftsfähigkeit bedeutet. Allerdings besteht (wohl schon früh) bis zur
Vollendung des 25. Lebensjahres ein besonderer Schutz bei Rechtsgeschäften.
Nach den frühmittelalterlichen Volksrechten tritt Mündigkeit zunächst nach der
jeweiligen einzelnen Geschlechtsreife ein, später mit der Vollendung des 10.
Lebensjahrs (angelsächsisches Recht vor 1000) oder 12. Lebensjahrs (Edictus
Rothari [643] 155, Leges Liutprandi [721] 18). Der Unmündige kann bestimmte
Handlungen nicht vornehmen, andere nach Erreichen der Mündigkeit widerrufen.
Die väterliche Gewalt dauert aber bis zur → Abschichtung fort. Nach dem
Sachsenspiegel kann diese Rechtsstellung des Unmündigen freiwillig bis zum
Ablauf des 21. Lebensjahres und nach dem 60. Lebensjahr fortgeführt werden. Mit
der Rezeption seit dem späteren Mittelalter dringt die römische Regelung der
(lat. [F.]) infantia (Kindheit) ein (Geschäftsunfähigkeit). Wer älter als
sieben Jahre alt ist, kann zwar Rechte erwerben, aber bis zur Geschlechtsreife
keine Pflichten begründen bzw. bis zur Volljährigkeit (meist 25 Jahre) das
Vermögen nicht ohne Zustimmung eines Kurators verringern, allerdings auf Antrag
diese Rechtsstellung bereits mit 20 bzw. für Frauen mit 18 Jahren erreichen
(lat. sog. [F.] venia aetatis, Erlaubnis des Alters). Nach dem österreichischen
Codex Theresianus von 1766 (V § IV 98), dem preußischen Allgemeinen Landrecht
von 1794 (II 18 § 696) und dem österreichischen Allgemeinen Bürgerlichen
Gesetzbuch von 1811/1812 (§ 21) tritt die Volljährigkeit mit 24 Jahren ein, im
Deutschen Reich seit 1875 mit 21 Jahren, in der Deutschen Demokratischen
Republik und in der Bundesrepublik Deutschland (1975) mit 18, in Österreich
(1919) mit 21, dann (1973) mit 19 und danach (2001) auch mit 18 Jahren. Daneben
gibt es die Schulpflicht mit 6 Jahren, die Religionsmündigkeit mit 14 Jahren,
die beschränkte Ehemündigkeit, Testierfähigkeit und Eidesfähigkeit mit 16
Jahren und den Heranwachsenden zwischen 18 und 21 Jahren im Strafrecht bzw. Jugendstrafrecht.
Lit.: Kaser § 14; Hübner 63ff.; Wackernagel, W., Die
Lebensalter, 1862; Eckhardt, K., Die Volljährigkeitsgrenze von 24 Jahren, ZRG
GA 61 (1941), 1; Helfenstein, U., Beiträge zur Problematik des Lebensalters in
der mittleren Geschichte, 1952; Luther, G., Ehemündigkeit, Volljährigkeit,
Strafmündigkeit, 1961; Cromberg, H., Die Knabenschaftsstatuten der Schweiz,
1970; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.; Aging and the Ages,
hg. v. Sheehan, M., 1990; Alter und Gesellschaft, hg. v. Borscheid, P., 1995;
Schäfer, D., Alter und Krankheit in der frühen Neuzeit, 2004; Schlegel-Voß, L.,
Alter in der Volksgemeinschaft, 2005; Generationengerechtigkeit?, hg. v. Brakensiek,
S. u. a., 2006
Alteri stipulari nemo potest (lat.). Für einen anderen kann man sich nichts versprechen (bzw.
sich versprechen lassen).
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 7. A. 2007
(Ulpian 170-223)
Alternativentwurf zur
Strafrechtsreform ist der 1966 von reformfreudigen deutschen
Strafrechtsprofessoren vorgelegte Entwurf, der die Liberalisierung des
deutschen Strafrechts in der anschließenden Novellierung maßgeblich
mitbestimmt.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.
Altershilfe für
Landwirte ist eine durch Gesetz vom 27. 7. 1957 (zum 1. 10. 1957) in
Deutschland errichtete Abteilung der Sozialversicherung, die von Alterskassen
bei den landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften betrieben wird.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.
Altersversicherung →
Sozialversicherung
Altertum ist der
mit den ersten schriftlichen Aufzeichnungen (3000-2800 v. Chr.) bzw. dem 11.
Jh. v. Chr. beginnende, vor allem die Völker der Gegend vom Mittelmeer
(Griechen, Römer) bis zum Zweistromland erfassende und mit der Völkerwanderung
(476 Eroberung Westroms durch die Germanen) allmählich endende geschichtliche
Abschnitt der menschlichen Kulturentwicklung. → Antike
Lit.: Der Kleine Pauly, hg. v. Ziegler, K. u. a., Bd. 1ff.
1975ff.; Buchwald, W. u. a., Tusculum-Lexikon griechischer und lateinischer
Autoren, 3. A. 1982; Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft,
Gesamtregister I, II, 1997ff. (mit CD-ROM); Ott, M., Die Entdeckung des
Altertums, 2002; Piepenbrink, K., Das Altertum, 2006
Althochdeutsch ist
die normalisierende Bezeichnung der zwischen (500 bzw.) 750 und 1050 als der
alten deutschen Sprachperiode im südlichen (hochgelegenen) Deutschland
(Alemannen, Bayern, Franken) gesprochenen, dem Germanischen folgenden und dem →
Mittelhochdeutschen vorausgehenden Sprachen (z. B. althochdeutsches
Lex-Salica-Bruchstück).
Lit.: Baesecke, G., Vor- und
Frühgeschichte des deutschen Schrifttums (2, 1), 1950; Schützeichel, R., Die
Grundlagen des westlichen Mitteldeutschen, 1961; Schützeichel, R.,
Althochdeutsches Wörterbuch 1969, 6. A. 2004; Sonderegger, S., Althochdeutsch
als Anfang, 1977; Köbler, G., Wörterbuch des althochdeutschen Sprachschatzes,
1993; Köbler, G., Taschenwörterbuch des althochdeutschen Sprachschatzes, 1994;
Meinecke, E./Schwerdt, J., Einführung in das Althochdeutsche, 2001;
http://www.koeblergerhard.de/ahdwbhin.html
Althusius (Althaus),
Johannes (Diedenshausen bei Berleburg 1557 [oder um 1563]-Emden 12. 8. 1638),
Hofpredigerssohn, wird nach dem Studium in Marburg (Pädagogium), Köln (1581)
Basel (Amerbach, 1586 Promotion) und Genf (D. Gothofredus) nach Herborn (1588)
berufen (1592-1596 Steinfurt). Von 1604 bis 1638 wirkt er in Emden als
Ratssyndikus. Sein Hauptwerk (lat. [F.] Politica methodice digesta, Politik
methodisch behandelt, 1603) ist der erste deutsche Versuch einer systematischen
Staatslehre, den A. zu einer allgemeinen, mit noch mittelalterlicher Naturrechtsvorstellung
behafteten Rechtslehre ausbaut, der aber im beginnenden Absolutismus letztlich
von beschränkter Wirkung bleibt.
Lit.: Köbler, DRG 148; Gierke, O. v.,
Johannes Althusius, 1880, 2. A. 102, 3. A. 1913, 4. A. 1929, 5. A. 1958, 6. A. 1968,
Neudruck 1980, 7. A. 1981; Reibstein, E., Johannes Althusius als Fortsetzer der
Schule von Salamanca, 1955; Winters, P., Die „Politik“ des Johannes Althusius
und ihre zeitgenössischen Quellen, 1961; Althusius-Bibliographie, hg. v.
Scupin, H. u. a., Bd. 1f. 1973; Friedrich, C., Johannes Althusius und sein
Werk, 1975; Politische Theorie des Johannes Althusius, hg. v. Dahm, G. u. a.,
1988; Wyduckel, D., J. Althusius - Die deutsche Literatur zwischen 1450 und
1620, 1991; Politische Begriffe und historisches Umfeld in der Politica
methodice digesta, hg. v. Bonfatti, E. u. a., 2002; Althusius, J., Politik,
übers. v. Janssen, H., hg. v. Wyduckel, D., 2003; Jurisprudenz, politische
Theorie und politische Theologie. Beiträge des Herborner Symposions zum 400.
Jahrestag der Politica des Johannes Althusisus 1603-2003, hg. v. Carney, F. u.
a., 2004
Altmärkische Glosse zum Sachsenspiegel → Stendaler Glosse
Altniederfränkisch
ist die im Nordwesten des fränkischen Reiches in der altdeutschen Zeit des
Frühmittelalters gesprochene Sprache, aus der sich das Mittelniederländische
und das Niederländische entwickeln.
Lit.: Köbler, G.,
Sammlung altniederfränkischer Tradition – Texte – Glossen, 2002
Altsächsisch ist die zwischen (500 bzw.) 750 und 1200 als der alten deutschen Sprachperiode von den Sachsen gesprochene, dem Mittelniederdeutschen vorausgehende Sprache (z. B. → Heliand).
Altzelle
Lit.: Urkundenbuch des
Zisterzienserklosters Altzelle, Teil 1 1162-1249, bearb. v. Graber, T., 2006;
Die Zisterzienser und ihre Bibliotheken, hg. v. Graber, T. u. a., 2008
Alzey
Lit.: 1750 Jahre Alzey, hg. v. Becker, K., 1973
Amberg in der
Oberpfalz wird erstmals 1034 in einer Gabe Konrads II. an das Hochstift Bamberg
erwähnt. Spätestens 1242 ist es Stadt. Die älteste erhaltene (deutsche)
Bestätigung des Stadtrechts stammt von 1294.
Lit.: Denkmäler des Amberger Stadtrechts, hg. v. Laschinger, J., 1994ff.
Amerbach, Bonifacius (Basel 1495-1562), Schüler Zasius’ und Alciats, Freund des Erasmus von Rotterdam, Professor der Pandekten in Basel und Anwalt (Familie aus Amorbach, ursprünglicher Name Welcker).
Lit.: Die Amerbachkorrespondenz, hg. v. Hartmann, A. u. a.,
Bd. 1ff. 1942ff.; Kisch, G., Humanismus und Jursprudenz, 1955; Troje, H.,
Graeca leguntur, 1971; Hagemann, H., Die Rechtsgutachten des Bonifacius
Amerbach, 1997; Hagemann, H., Die Rechtsgutachten des Basilius Amerbach, 2001
Amerika ist der frühgeschichtlich von Sibirien aus (von Mongolen/Indianern) besiedelte,
um die erste Jahrtausendwende von Wikingern und 1492 von Kolumbus auf der von
Europa aus nach Westen gerichteten Suche nach Indien (nochmals) entdeckte, von
Amerigo Vespucci als verschieden von Indien erkannte, im Süden von Spanien und
Portugal und im Norden vor allem von England (und Frankreich) in Besitz
genommene Kontinent, dessen verschiedene Kolonien bzw. Staaten sich seit dem
18. Jahrhundert von den Kolonialmächten lösen, aber im 20. Jahrhundert von
den 1776 von Großbritannien gelösten →
Vereinigten Staaten von A. stark geprägt werden.
Lit.: Bravo Lira, B., Beziehungen zwischen den
europäischen und ibero-amerikanischen Kodifikationen, ZRG GA 103 (1986), 294;
Die neue Welt, hg. v. Edelmayer, F. u. a., 2001; Semper, F., Die Rechte der
indigenen Völker in Kolumbien, 2003; Weber, K., Deutsche Kaufleute im
Atlantikhandel 1680-1830, 2004; Arens, W./Braun; H., Die Indianer Nordamerikas,
2004; Depkat, V., Geschichte Nordamerikas, 2004; König, H., Kleine Geschichte
Lateinamerikas, 2006; Gemegah, H., Die Suche nach den ersten Amerikanern, 2007;
Klemke, U., Die deutsche politische Emigration nach Amerika 1815-1848, 2007;
Taladoire, E./Courau, J., Die Maya, 2007; Winfield, A., Eugenics and Education
in America, 2007; Place and Native American Indian History and Culture, hg. v.
Porter, J., 2007; Borge, F., A New World for a New Nation, 2007; Gemegah, H.,
Die Suche nach den ersten Amerikanern, 2007
Amira, Karl von
(Aschaffenburg 8. 3. 1848-München 22. 6. 1930), Richterssohn, wird nach dem
Studium in München (Konrad Maurer) 1875 ordentlicher Professor in Freiburg im
Breisgau und 1892 in München. Seine Hauptwerke betreffen Nordgermanisches
Obligationenrecht (1882ff., unvollendet), die Dresdener Sachsenspiegelbilderhandschrift
(1902, 1925/6) und die germanischen Todesstrafen (1922).
Lit.: Amira, K., Über Zweck und Mittel der germanischen
Rechtsgeschichte, 1876; Amira, K. v., Grundriss des germanischen Rechts, 1890,
2. A. 1897, 3. A. 1913; Puntschart, P., Karl von Amira und sein Werk, 1932; Karl von Amira zum Gedächtnis, hg. v.
Landau, P. u. a., 1999; Hein, O., Vom Rohen zum Hohen, 2001, 313ff.
Amnestie (griech. amnestia, F., Nichterinnerung)
ist im Strafrecht die Begnadigung einer Mehrheit von Straftätern (in Griechenland
seit dem 6. Jh. belegt, Athen 403 v. Chr., erstmals 196 v. Chr. A. benannt). Im
16./17. Jh. wird die Bezeichnung in das Deutsche aufgenommen. Im 19. Jh. wird
im deutschen Sprachraum für eine A. ein formelles Gesetz erforderlich. A. kann
Rechtssicherheit und Rechtsstaat gefährden.
Lit.: Usteri, P.,
Ächtung und Verbannung im griechischen Recht, 1903; Waldstein, W., Untersuchungen
zum römischen Begnadigungsrecht, 1964; Hammel, F., Innerstaatliche Amnestien,
1993; Süß, F., Studien zur Amnestiegesetzgebung, 2001
Amortisation
(F.) Tilgung
Amortisationsgesetz ist das weltliche Gesetz, das die Freiheit des kirchlichen (oder auch jüdischen) Grunderwerbs und die Zunahme des abgabenfreien Kirchengutes einschränkt (z. B. Lübeck 1220/1226, Judenburg 1269, Österreich 1303, vgl. Ssp LR I 25 § 1, ALR II 11 § 1199) (, weil die tote Hand das einmal Ergriffene nicht mehr hergibt). Das österreichische Konkordat von 1855 und Art. 137 III WRV beseitigen diese wenig wirksamen Beschränkungen endgültig.
Lit.: Moshamm, F. v., Über die Amortisationsgesetze
überhaupt, 1798; Kahl, W., Die deutschen Amortisationsgesetze, 1879; Lea, H.,
The Dead Hand, 1900; Borries, A. v., Die Erwerbsbeschränkungen der manus mortua
in Preußen, Diss. jur. Leipzig 1904; Olivier-Martin, F., Histoire du droit
français, 2. A. 1951, 483f.; Haegele, K., Die Beschränkungen des
Grundstücksverkehrs, 3. A. 1970; Schmidt, P., Die Privatisierung des Besitzes
der toten Hand in Spanien, 1990
Amsterdam an der
Mündung der Amstel in das Ijsselmeer entsteht um 1270 und erhält um 1300
Stadtrecht. 1632 wird eine Universität eingerichtet.
Lit.: Koning, H., Amsterdam 1977
Amt ist die Aufgabe
oder der Dienst. Im römischen Recht hat nach dem Sturz des Königs vom Jahr 510
v. Chr. der Höchstmagistrat (lat. consules [M. Pl.] Berater) das höchste A.
der Republik. Hieraus entwickelt sich durch Schaffung weiterer Magistraturen
ein nach Zuständigkeiten gegliedertes System der Träger herrschaftlicher
Gewalt (mit einem vielleicht seit dem 2. J. v. Chr. regelmäßigen cursus honorum).
Dieses wird durch die Einführung des Prinzipats abgeändert (Ressortbezogenheit,
auf den Kaiser ausgerichtete Hierarchie, Rangklassen, Qualifikationskriterien,
Besoldung). Zu den leitenden Ämtern treten zahlreiche nachgeordnete
Dienststellen hinzu. Bereits bei Caesar ist dabei keltisch-lat. (M.) ambactus
als Bezeichnung für die gallische Adlige umgebenden Männer bezeugt (Commentarii
de bello Gallico VI, 15). In der fränkischen Zeit wird das System der Römer
zwar grundsätzlich übernommen, aber erheblich vereinfacht. Hinzu kommt eine
verstärkte personelle Bindung durch die Belehnung. Insbesondere das A. (Dienst,
Dienstverhältnis, Herrschaft, lat. [N.] ministerium) des Grafen wird als Lehen
übertragen. Bald danach werden die dem Adel verliehenen Ämter vielfach durch
ihre Inhaber dem König entzogen und zu eigenem Recht behauptet. In den seit dem
12. Jh. dementsprechend entstandenen Ländern ersetzt der Landesherr die
Lehnsmannen durch festbesoldete absetzbare Amtsträger und macht das A. wieder
zur staatlichen Einrichtung. Das örtliche Tätigkeitsgebiet wird zum A. im
räumlichen Sinn. Wer mit einem A. betraut ist, ist Beamteter und wird zum →
Beamten. Seit dem 17. Jh. entstehen Verzeichnisse der Ämter (Amtskalender z. B.
in England, Frankreich, dem Kirchenstaat um 1670, in Österreich um 1690 [1692],
in Kursachsen 1702, in Preußen 1704 oder in Nürnberg 1705). Seit dem
ausgehenden 19. Jh. ist das öffentliche A. ein Kernbegriff der Verwaltung. Das
A. im öffentlichen Dienst wird bestimmt durch seine Bezeichnung, die Laufbahn
und die damit verbundene Besoldung.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein;
Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 111, 197, 258; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd.
7 1992, 1; Conrat, M., Ein Traktat über romanisch-fränkisches Ämterwesen, ZRG
GA 29 (1908), 239; Conrat, M., Ein Traktat über romanisch-fränkisches
Ämterwesen, ZRG GA 30 (1909), 326; Keutgen, F., Ämter und Zünfte, 1903; Lappe,
J., Geschichte des Amtes Waltrop, 1938; Beyerle, D., Das frühmittelalterliche
Schulheft vom Ämterwesen, ZRG GA 69 (1952), 1; Grube, W., Vogteien, Ämter,
Landkreise, 1960; Scheyhing, R., Eide, Amtsgewalt und Banngewalt, 1960;
Richardson, H./Sayles, G., The Governance of Medieval England, 1963; Forsthoff,
E., Lehrbuch des Verwaltungsrechts, 10. A. 1973; Bauer, V., Repertorium territorialer
Amtskalender, Bd. 1f. 1997ff.; Brommer, P., Die Ämter Kurtriers, 2003; Beck,
H., Karriere und Hierarchie, 2005; Löffler, U., Dörfliche Amtsträger im
Staatswerdungsprozess, 2005
Ämtertraktat → Decurio de gradus
Amtmann ist der
Inhaber eines Amtes. Im Mittelalter ist A. (ahd. ambahtman als Wiedergabe von
lat. villicus, officialis, procurator) vor allem der Verwalter eines
grundherrlichen Hofverbandes (im Südwesten auch der Dorfvorsteher) und danach
der Leiter eines landesherrlichen Amtsbezirks. Seit 1921 ist A. (unter Lösung
von einem bestimmten Amtsgebiet) ein Beamter des gehobenen Dienstes.
Lit.: Kroeschell, DRG 2, 3; Köbler, DRG 113, 151; Bader,
K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 1ff.
1957ff.; Agena, K., Der Amtmann im 17. Jahrhundert, 1972; Kroeschell, K., Der
Amtmann, http://www.rewi.hu-berlin.de/FHI/zitat/0201kroeschell.htm;
Klingebiel, T., Ein Stand für sich? Lokale Amtsträger in der frühen Neuzeit,
2002
Amtsanwalt ist der
Vertreter des Staates vor dem Amtsgericht.
Lit.: Rüping, H., Polizeianwalt - Amtsanwalt -
Staatsanwalt. Zur Geschichte der Amtsanwaltschaft in Deutschland, FS Wolfgang
Sellert, 2000, 537
Amtsbuch (19. Jh.) ist das aus Lagen
zusammengesetzte Buch (oder die Rolle), das (bzw. die) zur Ausübung eines →
Amtes gehörige Eintragungen enthält. Solche Amtsbücher sind seit dem Ende der
römischen Republik die (lat. [M.Pl.]) commentarii der Magistrate und Priester
sowie später des Kaisers. Im Mittelalter entsteht im 9. Jh. das Traditionsbuch
und werden seit dem 12. Jh. viele Amtsbücher (Grundbuch, Lagerbuch,
Schreinsbuch, Stadtbuch, Kopialbuch, Register, Imbreviaturbuch) eingerichtet. →
Stadtbuch
Lit.: Der kleine Pauly, hg. v. Ziegler, K. u. a., Bd. 1 1986,
1257ff.; Reetz, J., Hamburgs mittelalterliche Stadtbücher, Z. d. Ver. f.
hamburg. Gesch. 44 (1958), 95; Pätzold, S., Amtsbücher des Mittelalters,
Archivalische Zeitschrift 81 (1998), 87; Kreter, K., Stadtbücher und Register
1289-1533, Hannoversche Geschichtsblätter 48 (1994), 47
Amtsgericht ist das
seit der frühen Neuzeit partikular für den Umfang eines → Amtes
(Verwaltungsbezirkes) eingerichtete, beispielsweise in Baden durch Verordnung
vom 22. Juli 1857 zum 1. September 1857 an die Stelle der Ämter gesetzte →
Gericht, das durch das deutsche Gerichtsverfassungsgesetz 1877/1879 zum
einheitlichen Eingangsgericht (1893 im Deutschen Reich 1924 Amtsgerichte mit
4409 Richtern, 42% Einmannamtsgerichte) der ordentlichen Gerichtsbarkeit
bestimmt wird.
Lit.: Köbler, DRG 200, 261; Kern, E., Geschichte des
Gerichtsverfassungsrechts, 1954; Steinbach, E./Kniffka, R., Strukturen des
amtsgerichtlichen Zivilprozesses, 1982; 150 Jahre Amtsgericht Diepholz, hg. v.
Kruthaup, E. u. a., 2002; 150 Jahre Amtsgericht Soltau, hg. v. Rundt, S., 2002;
150 Jahre Amtsgerichte im Bereich des ehemaligen Königreichs Hannover, 2002;
125 Jahre rheinische Amtsgerichte, hg. v. Lünterbusch, A. u. a., 2003; Fischer,
D., 150 Jahre badische Amtsgerichte, 2007; Dee Gerichtsbarkeit wird ausgeübt
durch Amtsgerichte - 150 Jahre Amtsgerichte im Oldenburger Land, red. v. Welp,
J., 2008
Amtshaftung ist die neben den Ersatzansprüchen
des Einzelnen für die Aufopferung seiner Rechtsgüter für das allgemeine Wohl
stehende Art der → Staatshaftung. Ihr geht vor allem die
spätmittelalterliche Syndikatsklage gegen einen absichtlich oder grob
fahrlässig ein unrichtiges Urteil fällenden Richter voraus. Im späten 18. und
im 19. Jh. wird allgemeiner eine Haftung jedes Beamten für eine Verletzung
seiner Amtspflichten anerkannt (II 10 § 89 ALR für jede Fahrlässigkeit), wobei
jede den Dienstvertrag verletzende Handlung dem Herrscher bzw. dem Staat nicht
zugerechnet werden kann und deshalb eine private Ersatzpflicht des Beamten
auslösen muss. Seit 1831 wird vereinzelt eine Ersatzpflicht des Staates
geschaffen (Sachsen-Altenburg, 1852 Sachsen-Coburg-Gotha). Das Bürgerliche
Gesetzbuch des deutschen Reiches von 1900 hat für eine öffentlichrechtliche
Ersatzpflicht des Staates keine Zuständigkeit und bestimmt deshalb in § 839 nur
eine deliktische Ersatzpflicht des Beamten. Demgegenüber sehen Bayern 1899,
Preußen 1909 und § 1 des Reichsbeamtenhaftungsgesetzes vom 22. 5. 1910 eine
zwar mittelbare, aber primäre Haftung des Staats vor. Art. 131 WRV leitet die
Haftung reichseinheitlich vom Beamten auf den Staat über. Dem schließt sich
Art. 34 GG an. Das eine unmittelbare, verschuldensunabhängige Staatshaftung
für Amtspflichtverletzung festlegende Staatshaftungsgesetz der Bundesrepublik
Deutschland ist wegen (seinerzeit) fehlender (, inzwischen in Art. 74 I Nr. 25
GG geschaffener) Zuständigkeit nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts
vom 19. 10. 1982 nichtig. Die 1969 im Staatshaftungsgesetz der ehemaligen Deutschen
Demokratischen Republik geschaffene unmittelbare, vom Verschulden unabhängige
Staatshaftung für rechtswidriges hoheitliches Handeln ist zwar im
Einigungsvertrag von 1990 aufrechterhalten, aber inzwischen durch Landesgesetz
abgeschafft oder eingeschränkt. Das Recht Österreichs kennt eine vergleichbare
A., das Recht der Schweiz eine mittelbare, meist verschuldensunabhängige
Haftung des Staates.
Lit.:
Loening, E., Die Haftung des Staates aus rechtswidrigen Handlungen seiner
Beamten, 1879; Heidenhain, M., Amtshaftung und Entschädigung aus
enteignungsgleichem Eingriff, 1965; Kohl, J., Die Lehre von der
Unrechtsunfähigkeit des Staates, 1977; Henne, T., Verwaltungsrechtsschutz im
Justizstaat, 1995
Amtsherzogtum ist
das als königliches Amt vergebene → Herzogtum (9. Jh.) im Gegensatz zu
dem aus der Heerführerschaft eines Volkes erwachsenden → Herzogtum.
Lit.: Goetz, H., „Dux“ und „ducatus“,
1974
Amtshilfe ist die auf Ersuchen einer
Behörde von einer anderen Behörde geleistete ergänzende Hilfe. Sie entwickelt
sich im 19. Jh. und wird von der Rechtshilfe durch Gerichte erst in der 2. H.
des 20. Jh.s abgegrenzt. Sie beruht anfangs auf Übung, Vertrag oder
Einzelgesetz. Im späteren 20. Jh. ist sie durch Verwaltungsverfahrensgesetze
allgemein geregelt.
Lit.: Dreher, M., Die
Amtshilfe, 1959; Schlink, B., Die Amtshilfe, 1982
Amtskalender → Amt
Amtspflichtverletzung ist die Verletzung einer einem Amtsträger gegenüber einem Dritten
obliegenden Pflicht. Sie begründet nach § 839 BGB (1900) einen Schadensersatzanspruch
(Amtshaftung, Staatshaftung).
Lit.: Köbler, DRG 217
Amtsrecht ist im
römischen Recht das vom Amtsträger geschaffene Recht (lat. → ius [N.]
honorarium).
Lit.: Wieacker,
F., Römische Rechtsgeschichte, Bd. 1 1988
Amtssasse ist der
im Gerichtsstand erster Instanz dem örtlichen Amt zugeordnete → Landsasse.
Amtsverfolgung ist
die Verfolgung eines Unrechtserfolgs durch die Allgemeinheit bzw. den Staat von
Amts wegen ohne Antrag des Verletzten. Sie findet sich bereits in Rom und
erscheint seit dem Frühmittelalter. → Offizialmaxime
Amtsvergehen ist das
in einem → Amt begangene Vergehen. Als gedankliche Einheit werden die A.
erst gegen Ende des 17. Jh.s erkannt. Noch das preußische Allgemeine Landrecht
(1794) behandelt im Abschnitt Verbrechen der Diener des Staates strafrechtliche
und disziplinare Sanktionen nebeneinander. Unter französischem Einfluss wird
danach das Standesdisziplinarrecht der Beamten vom Strafrecht geschieden (in
Preußen 1849 zwei Verordnungen über das Disziplinarrecht). Im preußischen
Strafgesetzbuch von 1851 werden Verbrechen und Vergehen im Amt als
Sonderdeliktsgruppe zusammengefasst (§§ 309-331).
Lit.: Stock, U., Entwicklung und Wesen der Amtsverbrechen,
1932; Sturm, W., Die Entwicklung der Sonderverbrechen, 1939; Schmitt-Weigand,
A., Rechtspflegedelikte in der fränkischen Zeit, 1962; Lüpkes, H., Die
Verbrechen der Diener des Staats, 2004
Amtsvormundschaft ist die durch den Staat von Amts wegen übernommene → Vormundschaft.
Analogie ist der bereits der griechischen Philosophie bekannte Schluss von der (eigentlichen) Gleichheit mindestens zweier zunächst verschieden behandelter Tatbestände auf die (wegen der Gleichheit notwendige) Ausdehnung der Rechtsfolge eines (ersten) Tatbestandes auf den zweiten oder weiteren Tatbestand. Der Begriff analogisch taucht in der juristischen Literatur im 16./17. Jh. auf, wobei man unter analogischer Interpretation die Beseitigung von Widersprüchen versteht. Im frühen 19. Jh. wird auf Grund von Immanuel Kants Überlegungen zur Systematisierbarkeit des empirischen Wissens die alte Verbindung von ausdehnender Auslegung und Ähnlichkeitsschluss aufgelöst und die A. als „rein logische“ Ergänzung des Rechts aus dem – nur noch positiven und sich geschlossenen – Rechtssytem verstanden (Feuerbach, Hufeland, Savigny). Zwischen Gesetzesanlogie und Rechtsanalogie wird seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts unterschieden.
Lit.: Falk, J., Die Analogie im Recht. Eine Studie zur
neueren Rechtsgeschichte, Diss. jur. Gießen, 1906; Diedenhofen, P., Die Artikel
104/105 der peinlichen Gerichtsordnung, 1938; Steinwenter, A., Prolegomena zu
einer Geschichte der Analogie, FS F. Schulz 2 (1951), 345; Langhein, A., Das
Prinzip der Analogie als juristische Methode, 1992; Chanos, A., Begriff und
Geltungsgrundlagen der Rechtsanalogie, 1994; Raisch, P., Juristische Methoden, 1995,
78; Schröder, J., Zur Analogie, ZRG GA 114 (1997), 1; Höltl, J., Die
Lückenfüllung der klassisch europäischen Kodifikationen - Zur Analogie im ALR,
Code civil und ABGB, 2006
Analogieverbot ist
das Verbot für alle im Strafverfahren beteiligten staatlichen Stellen, →
Analogie eines Strafgesetzes zu Ungunsten des Handelnden vorzunehmen und damit
die strenge Bindung des Richters an den Wortlaut des Gesetzes. Seit dem späten
18. Jh. wird Analogie zu Ungunsten Handelnder verboten (Österreich 1787). Im
Dritten Reich wird am 28. 6. 1935 das A. aufgehoben, nach seinem Ende (1945)
aber wieder hergestellt. → Nullum crimen, nulla poena sine lege.
Lit.: Köbler, DRG; Schottlaender, A., Die geschichtliche
Entwicklung, 1911; Kleinheyer, G., Vom Wesen der Strafgesetze, 1968; Schreiber,
H., Gesetz und Richter, 1976; Rüping, H./Jerouschek, G., Grundriss der
Strafrechtsgeschichte, 5. A. 2007; Weber, W., Analogie- und Rückwirkungsverbot,
Diss. jur. Bonn 1998
Analytical jurisprudence ist die von John → Austin (1790-1859) begründete
Strömung der englischen Rechtswissenschaft.
Anarchie
(F.) Herrschaftslosigkeit
Lit.: Der Anarchismus,
hg. v. Oberländer, E, 1972; Lösche, P., Anarchismus 1977; Anarchismus, hg. v.
Diefenbacher, H., 1996
Ancien régime ist die Bezeichnung für die monarchisch-feudale Regierungsform (in Frankreich vor der französischen Revolution des Jahres 1789 bzw. allgemein) zwischen etwa 1650 und 1800.
Lit.: Köbler, DRG 129, 132; Fehrenbach, E., Vom ancien
régime zum Wiener Kongress, 5. A. 2008
Andelang ist der bei
der Übereignung von Grundstücken im fränkisch-alemannischen Gebiet bis zum Ende
des 11. Jh.s verwendete, nicht sicher bekannte Gegenstand (Handschuh?).
Lit.: Goldmann, E., Der andelang, 1912; Frommhold, G., Das andelang-Rätsel,
ZRG GA 35 (1914), 426; Balon, J., L’andelangus, ZRG GA 79 (1962), 32
Andernach am Rhein
führt von 1173 bis 1256 einen den Schreinskarten von Köln ähnlichen Rotulus (→
Grundbuch).
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Inventar des Archivs der Stadt
Andernach, Bd. 1ff., bearb. v. Heyen, F., 1965ff.
Andlau → Peter von
Andorra ist die aus
sechs Tälern zu politischer Einheit (Principat d’Andorra) zusammengefasste
Tallandschaft im Südosten der ibero-baskisch besiedelten Pyrenäen. Seit dem
späten 9. Jh. lassen sich dort Abgabenrechte der Grafen von Urgel und der
Bischöfe von Urgel feststellen. Im 11. Jh. treten die verschiedenen Täler zu
einer Einheit zusammen. Am 8. 9. 1278 werden durch Schiedsspruch (Paréage)
Unklarheiten beseitigt. Die Rechte der Grafen fallen über Zwischenstufen 1607
bzw. 1620 an Frankreich. Das ursprüngliche Recht Andorras nimmt römische und
katalanische Sätze auf. 1748 wird das Gewohnheitsrecht aufgezeichnet. In der
Gegenwart ist A. ein Fürstentum, dessen von den Souveränen (Staatspräsident
Frankreichs, Bischof von [La Seu d’] Urgel) delegierte Rechte durch einen
französischen Departementspräfekten und einen spanischen Provinzzivilgouverneur
bzw. ihre Vikare (Viguier, Viguer) wahrgenommen werden (Kondominium). Die
Verfassung vom 14. 3. 1993 schafft einen Consell General (Generalrat,
Parlament) mit je 7 Abgeordneten aus jeder der vier Gemeinden, dem der
Ministerpräsident verantwortlich ist, dem gegenüber aber die beiden coprínceps
noch Einspruchsrechte haben. Seit 1. 7. 1991 besteht ein Handelsabkommen mit
der Europäischen Gemeinschaft, seit 28. 7. 1993 ist A. Mitglied der Vereinten
Nationen und seit November 1994 Mitglied des Europarats.
Lit.: Guilera, J., Una història
d’Andorra, 1960; Engels, O., Schutzgedanke und Landesherrschaft, 1970; Belinguier,
B., La condition juridique des vallées d’Andorre, 1970; Ourliac, P., La jurisprudence
civile d’Andorre, 1972; Valls Taberner, F., Privilegis i ordinacions de les
valls d’Andorra, 1990; Gergen, T., Sprachengesetzgebung in Katalonien,
2000 ; Consell General, Die Verfassung des Fürstentums Andorra, 2002
Andreas de Isernia
ist ein in Isernia im Süden der Apenninen wohl nach 1220 geborener, in Neapel
ausgebildeter und lehrender, vielleicht 1316 verstorbener Jurist (commentaria
in usus feudorum, lectura zu den sizilianischen Konstitutionen, ritus regiae
summariae regni Neapolitani bzw. de iure Dohanarum).
Lit.: Lange, H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im
Mittelalter, Bd. 2 2007, 507
Anefang ist das
rechtsförmliche Anfassen einer abhandengekommenen und vom Verfolger
wiedergefundenen beweglichen (, durch Kennzeichen erkennbaren) Sache unter der
Behauptung des besseren Rechts an ihr (lat. [F.] intertiatio). Der (z. B. in
der Lex Ribvaria 37, 1 [7. Jh.] schon und im Sachsenspiegel, Landrecht II, 36
[1221-1224] noch belegte) A. bedeutet eine Klageerhebung gegen den Besitzer,
der sich im nachfolgenden Verfahren verteidigen muss. Vor Gericht kann der
Besitzer sich insbesondere dadurch vor dem Diebstahlsvorwurf befreien, dass er
die Sache dem übergibt, von dem er sie erhalten hat. Führt dies zur Entdeckung
des Diebes, so muss dieser die Sache herausgeben und Diebstahlsbuße leisten.
Kann der Angegriffene sein besseres Recht darlegen, muss der Angreifer eine
Buße wegen unrechten Anefangs leisten. Seit dem Hochmittelalter geht der A.
allmählich in die Herausgabeklage (bzw. den → Herausgabeanspruch) bzw.
für alle auf freiem Markt erworbene Sachen in einen Lösungsanspruch über.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 86, 91; Köbler,
WAS; Planck, J., Das deutsche Gerichtsverfahren im Mittelalter, Bd. 1 1879,
824ff.; Meyer, H., Entwerung und Eigentum, 1902; Rauch, K., Spurfolge und
Anefang, 1908; Meyer, H., Gerüft, Handhaftverfahren und Anefang, ZRG GA 37
(1916), 382; Goldmann, E., Tertia manus und Intertertiation, ZRG GA 39 (1918),
145, 40 (1919), 199; Rauch, K., Spurfolge und Dritthandverfahren, ZRG GA 68
(1951), 1; Anners, E., Hand wahre Hand, 1952; Scherner, K., Salmannschaft,
Servusgeschäft und venditio iusta, 1971
ane geværde (mhd.) ohne Gefährdung,
aufrichtig
Aneignung ist der (originäre) Erwerb des Eigentums an einer herrenlosen (eigentümerlosen) Sache durch Inbesitznahme (lat. [F.) occupatio]). Die ersten Aneignungen fallen in die Anfangszeit des Rechtes überhaupt. Im römischen Recht wird an aufgegebenen (lat. [F. Pl.]) res mancipi mit Inbesitznahme nur bonitarisches Eigentum erworben, während der zivile Eigentumserwerb Ersitzung verlangt. Im Laufe der Geschichte wird die A. vom abgeleiteten Eigentumserwerb (→ Übereignung) zurückgedrängt, so dass A. ziemlich selten wird.
Lit.: Kaser § 26
I 1; Köbler, DRG 24, 40, 73, 90, 124; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd.
1f. 1985ff.
Anerbe ist der
durch das → Anerbenrecht begünstigte → Erbe.
Lit.: Köbler, DRG 123, 162, 175, 210
Anerbenrecht ist
das Recht des Übergangs eines landwirtschaftlichen Betriebs auf einen einzelnen
von mehreren vorhandenen Erben. Eine derartige Gestaltung fehlt noch in den
frühmittelalterlichen Volksrechten, bildet sich aber spätestens im
spätmittelalterlichen deutschen Reich aus, wobei grundherrschaftlicher
Einfluss (Interesse an einem einzigen Verpflichteten) gestaltend gewesen sein
kann. Daneben ist aber (freiere) Realteilung in Mitteldeutschland und Süddeutschland
verbreitet. Der Liberalismus lehnt das A. als freiheitsfeindlich ab, weshalb
die Verfassung Preußens die Teilbarkeit des Grundeigentums sichert. Aus wirtschaftlichen
Gründen sehen partikulare Gesetze aber seit dem späteren 19. Jh. A. vor, das
dann zur Anwendung kommt, wenn der Hofinhaber (bestimmter großer oder
eingetragener Höfe) nicht durch letztwillige Verfügung einen Hoferben auswählt
(Österreich 1. 4. 1889, Tirol Höfegesetz 12. 6. 1900, Kärnten Erbhofgesetz).
Das Reichserbhofgesetz des Jahres 1933 verallgemeinert die
Anerbenrechtsregelung des Höfegesetzes Hannovers (1909). 1947 treten in der
französischen und amerikanischen Besatzungszone die alten Anerbengesetze
wieder in Kraft. In der britischen Besatzungszone wird eine Höfeordnung
erlassen, die das Bundesverfassungsgericht, wegen der Bevorzugung der Söhne,
1963 als verfassungswidrig ansieht, worauf eine verfassungsgemäße gesetzliche
Regelung am 24. 8. 1964 erfolgt.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Miaskowski, A. v., Das Erbrecht
und die Grundeigentumsverteilung im deutschen Reiche, 1882ff.; Hagmeister Meyer
zu Rahden, G., Die Entwicklung des ravensbergischen Anerbenrechts, 1936; Mauß,
H., Anerbenrecht im niederrheinisch-westfälischen Grenzgebiet, 1938;
Mayer-Edenhauser, T., Untersuchungen über Anerbenrecht und Güterschluss in
Kurhessen, 1942; Gebb, J., Über den Versuch des deutschen Anerbenrechts, Diss.
jur. Greifswald 1955; Bischoff, W., Die Geschichte des Anerbenrechts in
Hannover, Diss. jur. Göttingen 1966; Kroeschell, K., Geschichtliche Grundlagen
des Anerbenrechts, Agrarrecht 6 (1978), 147; Deutsches Agrarrecht, hg. v.
Kroeschell, K., 1983; Brauneder, W., Studien II 1994, 357ff.; Buchenroth, A.,
Die Heimatzuflucht, 2004; Wöhrmann, H., Das Landwirtschaftserbrecht, 9. A. 2007
Anerkenntnis → Schuldanerkenntnis
Anerkennungszins ist
der wegen seiner geringen Höhe wirtschaftlich bedeutungslose, aber als
erkennbares Zeichen eines bestehenden Abhängigkeitsverhältnisses rechtlich
bedeutsame Zins (z. B. Freigelassener, Erbbauberechtigter usw.).
Lit.: Schröder, R./Künßberg, E. v., Lehrbuch der deutschen
Rechtsgeschichte, 7. A. 1932, Neudruck 1966
Anfechtung ist die
nachträgliche Beseitigung einer eingetretenen Rechtswirkung durch
Willenserklärung und bzw. oder Verfahrenshandlung des durch die Rechtswirkung
Betroffenen. In diesem Sinne ermöglicht bereits die → (lat.) querela
[F.] inofficiosi testamenti (Beschwerde des pflichtwidrigen Testamentes) des
klassischen römischen Rechtes die Entkräftung eines Testamentes, das bestimmte
nahe Angehörige des Erblassers übergeht. Im spätantiken Recht werden auch die
Fälle der (lat.) → in integrum restitutio (F.) so verstanden. Das
deutsche Bürgerliche Gesetzbuch (1900) ordnet die A. im allgemeinen Teil ein.
Lit.: Kaser § 9 I 1; Hübner;
Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 209; Schultze, A., Über Gläubigeranfechtung und
Verfügungsbeschränkungen des Schuldners nach deutschem Stadtrecht des
Mittelalters, ZRG GA 41 (1920), 210; Harder, M., Die historische Entwicklung
der Anfechtbarkeit von Willenserklärungen, AcP 173 (1973), 209; Düwel, L., Die
Nichtigkeit und Anfechtbarkeit der Ehe, 2006
Anfechtungsklage ist
die Klage, die auf die nachträgliche Beseitigung bestimmter Rechtsfolgen durch
Urteil gerichtet ist. Im 19. Jh. gibt es eine A. gegen den Beschluss auf
Eröffnung des Konkurses oder gegen polizeiliche Verfügungen. In Deutschland ist
seit 1960 eine A. gegen einen (rechtswidrigen) Verwaltungsakt statthaft.
Lit.: Köbler, DRG 263
angariae (lat. [F.Pl.], aus dem
Persischen, Abgaben an reisende Boten des Königs Persiens) Spanndienste,
Beherbergungspflichten in Antike und Frühmittelalter, seit 1789 weitgehend
abgeschafft
Lit.: Köbler, LAW; Brunner, H., Deutsche Rechtsgeschichte,
2. A. Bd. 2 1928, 308
Angebot ist die auf
den Abschluss eines → Vertrages gerichtete → Willenserklärung. Das im
Wesentlichen im Naturrecht seit Hugo Grotius als allgemeine Erscheinung
herausgearbeitete A. ist im älteren gemeinen Recht und im angloamerikanischen
Recht nicht bindend, nach dem deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch (1896/1900)
aber verbindlich. Wird das Angebot von dem Empfänger angenommen, so entsteht
ein Vertrag unter den Beteiligten. Dem Gläubiger vom Schuldner angeboten wird
auch die Leistung.
Lit.: Zimmermann, R., The Law of Obligations, 1996
Angelsachse ist der
Angehörige der im 5./6. Jh. unter den sagenhaften Führern Hengist und Horsa von
Norddeutschland auf die britischen Inseln auswandernden, seit etwa 775 (Beda,
Paulus Diaconus) mit der Sammelbezeichnung Angelsachsen (lat. [M.l.]Angli
Saxones) benannten → Sachsen, Angeln (aus Schleswig) und Jüten. Die
Angelsachsen bilden unter Verdrängung der einheimischen → Kelten mehrere
Kleinkönigreiche (Kent, Sussex, Wessex, Essex, East Anglia, Mercia,
Northumbria), in denen sie von römischen und von schottischen Missionaren zum
Christentum bekehrt werden. Den Königen von Wessex gelingt im 9. Jh. die
Einigung, doch werden die Angelsachsen 1016-1042 von den Dänen beherrscht und
1066 bei Hastings von dem → Normannen Wilhelm dem Eroberer unterworfen.
Aus der Zeit bis 1066 ist mit insgesamt rund 1500-1800 Urkunden zu rechnen, von
denen mehr als 1150 vom Herrscher ausgestllt sind (von etwa 670 bis 900 rund
450 Urkunden, davon 2-3 Originale aus dem 7. Jh., 17-18 aus dem 8. Jh. und etwa
55 aus dem 9. Jh.).
Lit.: Köbler, DRG 81; Schmid, R., Die Gesetze der
Angelsachsen, 1858; Liebermann, F., Die Gesetze der Angelsachsen, Bd. 1ff. 1898ff., Neudruck 1960; Attenbourgh, F., Laws of the
Earliest Englisch Kings, 1922; Robertson, A., Laws of the Kings of England,
1925; Braude, J., Die Familiengemeinschaften der Angelsachsen, 1932; Wilson,
D., The Anglo-Saxons, 2. A. 1970; Vollrath-Reichelt, H., Königsgedanke und Königtum
bei den Angelsachsen, 1971; Wallace-Hadrill, J., Early Germanic Kingship, 1971;
Torkar, R., Eine altenglische Übersetzung von Alcuins de virtute et vitiis Kap.
20, 1981; Baker, J., An Introduction to English Legal History, 4. A. 2002; The
Anglo-Saxons, hg. v. Hines, J., 1997
Angelsächsisches Recht
ist das Recht der → Angelsachsen (zwischen der Mitte des 5. Jh.s und etwa
1066). Es ist überliefert durch Rechtsbücher (lat. [F.Pl.] leges, Gesetzbücher)
der angelsächsischen Könige des 7. bis 11. Jh.s, durch allgemeine Rechtsaufzeichnungen
unbekannter Verfasser und durch Urkunden und allgemeine Geschichtsquellen. Den
Beginn bilden die in der Volkssprache niedergeschriebenen Rechtssätze
Aethelberhts von Kent (597-616) und in jüngerer Überlieferung Ines von Wessex
(688-694). Von Alfred dem Großen von Wessex stammt ein (ae.) domboc (887-899), von
König Knut eine weitere umfangreiche Sammlung (1018-1023). Nichtoffizielle
Kompilationen stellen der → Quadripartitus, die Leis Willelme (A. 12.
Jh.), die Consiliatio Cnuti (12. Jh.) und die → Leges Henrici Primi
(1114-1118) dar, mit denen das angelsächsische Recht noch weit in die
normannische Zeit Englands reicht. Die Überlieferung ist auf wenige
Handschriften beschränkt, so dass mit deutlichen Verlusten zu rechnen ist.
Christlicher Einfluss ist unübersehbar. Die Abgrenzung von aufgezeichnetem
Gewohnheitsrecht und neuem, gemeinsam mit Bischöfen und Adel gesetztem Recht
(z. B. Todesstrafe für Diebstahl 925-939) bereitet Schwierigkeiten. Hauptgegenstand
der Rechtsbücher („Gesetzbücher“) ist zunächst der Ausgleich von
Unrechtserfolgen durch Buße an den Verletzten. Unter König Alfred nehmen
kirchlicher Einfluss und königliche Anordnung zu. Ein Bezug auf geschriebenes
Recht findet sich in den überlieferten Rechtsfällen, die vor dem vom reeve,
ealdorman oder scirman des Königs geleiteten örtlichen Gericht verhandelt
werden, nicht.
Lit.: Schmid, R., Gesetze der Anggelsachsen, 1858;
Liebermann, F., Zu den Gesetzen der Angelsachsen, ZRG GA 5 (1884), 198;
Liebermann, F., Die Gesetze der Angelsachsen, Bd. 1f. 1998ff., Neudruck 1960;
Brunner, H., Geschichte der englischen Rechtsquellen im Grundriss, 1909;
Liebermann, F., The national assembly in the Anglo-Saxon period, 1913;
Attenborough, F., Laws of the Earliest English Kings, 1922; Bechert, R., Die
Einleitung des Rechtsgangs nach angelsächsischem Recht, ZRG GA 47 (1927), 1;
Würdinger, H., Einwirkungen des Christentums auf das angelsächsische Recht, ZRG
GA 55 (1935), 105; Goebel, J., Felony and Misdemeanour, 1937; English
Historical Documents I, hg. v. Whitelock, D., 1955; Sawyer, P., Anglo-Saxon
Charters, 1968; Harding, A., Law Courts of medieval England, 1973; Korte, D.,
Untersuchungen zu Inhalt, Stil und Technik angelsächsischer Gesetze und
Rechtsbücher des 6.-12. Jahrhunderts, 1974; Rivers, T., A Reevaluation of
Aethelberht 31, ZRG GA 93 (1976), 315; Scharer, A., Untersuchungen zu den
angelsächsischen Königsurkunden des 7. und 8. Jahrhunderts, Diss. phil. Wien 1978 (masch.schr.); Baker, J., An
Introduction to English Legal History, 4. A. 2002; Wormald, P., The Making of
English Law, 1999; Scharer, A., Herrschaft und Repräsentation, 2000; Oliver,
L., The Beginnings of English Law, 2002
Anger
Lit.: Brednich, R., Tie und Anger, 2007
Angers
Lit.: Lange,
H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 2 2007, 138
Angestellter ist
der Arbeitnehmer, der vorwiegend geistige Arbeit leistet. Die Gruppe der
Angestellten wird im 19. Jh. als besonderer Teil der Arbeitnehmer erkannt.
Lit.: Dittrich, M., Die Entstehung der Angestelltenschaft
in Deutschland, 1939; Hromadka, W., Das Recht der leitenden Angestellten, 1979;
Bichler, B., Die Formierung der Angestelltenbewegung, 1997; Schulz, G., Die
deutschen Angestellten, 2000
Anhalt über dem
Selketal ist die vielleicht um 1050 errichtete Burg (in der Gegenwart Ruine),
nach der sich ein seit etwa 1000 erkennbares Geschlecht (→ Askanier)
benennt (1215 [lat.] princeps [Fürst] in Anahalt), dessen Angehörige als
einzige Grafen seit 1218 dem Reichsfürstenstand angehören. Nach vielen Teilungen
kommen die Güter 1863 im Herzogtum A. (1807) der Linie Anhalt-Dessau wieder
zusammen, das am 12. 11. 1918 Freistaat wird (Verfassung 18. 7. 1919). Am 9. 7.
1945 wird A. innerhalb der sowjetischen Besatzungszone mit der Provinz Sachsen
→ Preußens vereinigt und 1947 dem neugebildeten Land →
Sachsen-Anhalt eingegliedert (1990-2003 Regierungsbezirk Dessau).
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Schrecker, U., Das
landesfürstliche Beamtentum in Anhalt, 1906; Schröder, A., Grundzüge der
Territorialentwicklung der anhaltinischen Lande, Anhalt. Geschichtsbll. 2
(1926); Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,3,2895; Marcus,
P., Herzog Bernhard von Anhalt, 1993; Die Fürsten von Anhalt, hg. v. Freitag,
W. u. a., 2003; Rheinbündischer Konstitutionalismus, hg. v. Brandt, H. u. a.,
2007
animo (lat.) durch
Beherrschungswillen, → possessio, → animus
animus (lat. [M.]) → Wille
animus (M.) domini (lat.) Eigentümerwille
animus (M.) donandi (lat.)
Schenkungswille → Schenkung
animus (M.) novandi (lat.)
Abänderungswille → Novation
Anjou ist die
Seitenlinie der → Kapetinger (erstes Haus begründet von vicecomes Fulco
dem Roten um 898, Verlust der Grafschaft 1214/1259 an den König von Frankreich,
1154 Königtum in England mindestens bis 1399, 1499 Hinrichtung des letzten männlichen
Plantagenet Earl Eduard von Warwick, zweites Haus 1246-1328/1351 als Apanage
nach Übernahme der Grafschaft durch den König von Frankreich, drittes Haus
1351-1480), welche die Grafschaft Provence, Sizilien (1265-1282,
Sizilien-Trinakria), Neapel (1265-1435, Sizilien-Neapel), Ungarn (1308-1386)
und Polen (1370-1386) sowie in einer jüngeren Linie Lothringen (1431-1473)
beherrscht. Die Landschaft A. (der keltischen Andekaver) um Angers zählt von
1154 bis 1204 unter dem Haus → Plantagenet zu → England. 1480/1481
fallen A. und Provence an den König von → Frankreich.
Anklage ist die vor
Gericht gegen eine bestimmte Person wegen einer bestimmten Straftat erhobene
Anschuldigung. Sie tritt erst mit der Entstehung allgemeiner Streitbeendigungseinrichtungen
auf. In Rom erfolgt der Übergang zu einer allgemeinen staatlichen
Strafverfolgung seit dem 2. vorchristlichen Jh. Danach erscheint eine
Popularanklage bei Verfolgung gemeiner Verbrechen. Jeder Bürger kann durch
Anzeige die A. vorbringen und erhält im Falle des Erfolges einen Lohn. Im
deutschen Mittelalter bildet die A. die Voraussetzung für den besonderen, seit
dem 14. Jh. sichtbaren → Anklageprozess, bei dem der Betreiber Sicherheit
stellen und im Fall des Unterliegens die Kosten tragen und den Angeklagten
entschädigen muss. Im mehr und mehr vorherrschenden Inquisitionsprozess
erfolgt die A. durch den Richter auf dem endlichen Rechtstag. Im 19. Jh. wird
nach dem Vorbild Frankreichs die öffentliche A. durch eine vom Gericht
unabhängige Behörde eingeführt (Baden 1832 und Württemberg 1843 für
Pressevergehen, Preußen 1846 für Kammergericht, 1849 allgemein). Seitdem gibt
es eine private A. nur noch bei (wenigen) Privatklagedelikten.
Lit.: Köbler, DRG 156, 202, 118; Planck, J., Das deutsche
Gerichtsverfahren im Mittelalter, 1879; His, R., Strafrecht des deutschen
Mittelalters, 1920; Grossmann, S., Masken des Anklägers – Geschichte des
Anklägers im amerikanischen Strafprozess, Diss. jur. Frankfurt am Main 2000
Anklagegrundsatz ist
der Grundsatz, dass ein Strafverfahren nur auf Grund einer Anklage betrieben
werden kann.
Anklageprozess ist
der Strafprozess, der eine → Anklage (insbesondere seit dem 19. Jh. eine
Anklage durch eine besondere öffentliche Anklagebehörde) (→ Staatsanwaltschaft)
voraussetzt. Er ist in Frankreich eine unmittelbare Folge der französischen
Revolution von 1789. In Deutschland setzt Baden 1832 erstmals Staatsanwälte
ein. 1848 wird der A. von der (gescheiterten) Verfassung der Frankfurter
Paulskirche vorgesehen. → Akkusationsprozess
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Schmidt, E., Einführung in die
Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. A. 1965; Kern, E., Geschichte
des Gerichtsverfassungsrechts, 1954
Anklam ist die am
Unterlauf der Peene vor 1243 von deutschen Siedlern angelegte Stadt, die vor
1283 der Hanse beitritt und spätestens 1292 Lübecker Stadtrecht übernimmt. Sie überliefert
ein bedeutsames → Stadtbuch.
Lit.: Das Stadtbuch von Anklam, bearb. v. Bruinier, J., Bd.
1ff. 1960ff.
Anleite ist seit
dem Hochmittelalter im deutschen Rechth die Einweisung in ein fremdes Gut,
insbesondere die Einweisung des Klägers in die Güter eines wegen Prozessungehorsams
geächteten Beklagten in einem sich über rund 10 Termine erstreckenden Verfahren
vor dem Reichshofgericht (Reichskammergericht und Reichshofrat bis 1654) oder
einem kaiserlichen Landgericht vor 1784. Sachlich wird es durch das
Versäumnisverfahren ersetzt.
Lit.: Kohler, J., Acht und Anleite des königlichen
Hofgerichts, FS G. Cohn, 1915, 1; Battenberg, F., Reichsacht und Anleite im
Spätmittelalter, 1984
Annahme → Vertrag
Annahmeverzug (M.) Gläubigerverzug, Verzug des Gläubigers mit der
Annahme der Leistung des Schuldners
Annalen (Jahrbücher)
sind in möglicher Parallele zu spätantiken Konsullisten seit dem 8. Jh.
erscheinende, chronologisch geordnete Aufzeichnungen über denkwürdige Begebenheiten
(z. B. Quedlinburger Annalen Sankt Servatiusstift Quedlinburg 1008-1030 [ab
Schöpfung]).
Lit.: Poole, R., Chronicles and Annals, 1926; Caenegem, R.
van/Ganshof, F., Kurze Quellenkunde des westeuropäischen Mittelalters, 1964; Mc
Cormick, M., Les annales, 1975; Hay, D., Annalists and Historians, 1977; Die
Annales Quedlinburgenses, hg. v. Giese, M., 2004
Annaten (14. Jh.) sind
gewohnheitsmäßig entwickelte, seit der Mitte des 13. Jh.s bei der Verleihung
freier nichtkonsistorialer Benefizien allgemein an den Papst geleistete Abgaben
in Höhe eines ganzen oder halben Jahresertrages, die seit dem Konzil von Basel
(1435) abkommen und seit 1917 grundsätzlich untersagt sind.
Lit.: Kirsch, J., Die päpstlichen Annaten, 1903; Hoberg,
H., Die Einnahmen der apostolischen Kammer, Bd. 1f. 1955ff.; Denzel, M.,
Kurialer Zahlungsverkehr, 1991; Camera apostolica, hg. v. Ansani, M., 1994
Anschluss ist die
von dem in Braunau gebürtigen Österreicher Adolf → Hitler 1938 nach
mehrjähriger Vorbereitung durch politischen Druck herbeigeführte Vereinigung →
Österreichs mit dem Deutschen Reich. Dem A. geht 1918 der von den alliierten
Siegermächten des ersten Weltkriegs verhinderte Versuch der aus den meisten
deutschsprachigen Gebieten Österreich-Ungarns gebildeten Republik →
Deutschösterreich voraus, sich mit dem → Deutschen Reich zu vereinigen,
wofür sich in Tirol 98,8 und in Salzburg 99,1 Prozent der Abstimmungsberechtigten
aussprechen. Nach seiner Bestellung zum Reichskanzler im Deutschen Reich will
Hitler dieses Ziel politisch erreichen. Am 12. 2. 1938 zwingt Hitler den
österreichischen Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg (im Berchtesgadener Abkommen),
den nationalsozialistischen Sympathisanten Seyss-Inquart als Sicherheitsminister
zu bestellen, die freie Betätigung der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei
innerhalb der vaterländischen Front zuzulassen und alle Nationalsozialisten zu
amnestieren. Eine für den 12. 3. 1938 von Schuschnigg angesetzte Volksabstimmung
für ein „freies und deutsches, unabhängiges und soziales, christliches und
einiges Österreich“ unterbleibt wegen des am 11. 3. 1938 von Hitler erzwungenen
Rücktritts des Bundeskanzlers Schuschnigg. Auf Anforderung (Bitte um „Hilfe“)
Seyss-Inquarts an Hitler kommen deutsche Truppen. Danach bestellt der Bundespräsident
Österreichs (Miklas) Seyss-Inquart zum Bundeskanzler und tritt am 13. 3. 1938
zurück. Die Bundesregierung Österreichs beschließt auf der Grundlage des
Ermächtigungsgesetzes von 1934 ein Bundesverfassungsgesetz über die Wiedervereinigung
Österreichs mit dem Deutschen Reich (BGBl. 1938, 75), auf Grund dessen
Österreich ein Land des Deutschen Reiches wird. Eine Volksabstimmung vom 10.
4. 1938 bejaht den A. zu 99,73%, doch wird dies nach 1945 verdrängt.
Lit.: Köbler, DRG 223; Baltl/Kocher; Kleinwächter,
F./Paller, H., Die Anschlussfrage, 1930; Tirol und der Anschluss, hg. v.
Albrich, T. u. a., 1988; Botz, G., Die Eingliederung Österreichs in das
Deutsche Reich, 1972, 3. A. 1988; Jung, O., Plebiszit und Diktatur, 1995;
Roesler, J., Der Anschluss von Staaten, 1999; Krämer, K., Die Bestrebungen für
einen Zusammenschluss zwischen Österreich und Deutschland 1918 bis 1921, Diss.
phil.. Hannover 2003
Anschütz, Gerhard
(Halle an der Saale 10. 1. 1867-Heidelberg 14. 4. 1948) wird nach dem
Rechtsstudium Professor in Tübingen (1899), Heidelberg (1900), Berlin (1908)
und Heidelberg (1916) und 1933 auf Antrag emeritiert. Er ist Verfechter des
demokratischen Gedankens und verfasst auf gesetzespositivistischer Grundlage
den mit 14 Auflagen erfolgreichsten Kommentar zu der von ihm lose mitgestalteten
Verfassung der → Weimarer Republik.
Lit.: Anschütz,
G., Die Verfassung des Deutschen Reiches, 14. A. 1933; Forsthoff, E., Gerhard
Anschütz, Der Staat 6 (1967), 139; Gerhard Anschütz, Aus meinem Leben, hg. v.
Pauly, W., 1993, 2. A. 2008; Dreier, H., Ein Staatsrechtslehrer, ZNR 20 (1998)
Ansegis (bei St.
Rambert bei Lyon um 770-St. Wandrille/Fontenelle 20. 7. 833) ist der fränkische
Benediktinerabt (823) von St. Wandrille bzw. Fontenelle in der Erzdiözese
Rouen, der 827 in seinem vier Bücher (Karl der Große, Ludwig der Fromme,
Weltliches, Kirchliches) umfassenden (lat.) Legiloquus liber (M.) in einfacher
Ordnung 29 (von etwa 90 heute bekannten) → Kapitularien Karls d. Großen
und Ludwigs des Frommen zusammenstellt, deren zwei Redaktionen (?) durch mehr
als 60 (63), in vier Gruppen einteilbare Handschriften überliefert werden.
Lit.: Ganshof, F., Was sind die Kapitularien?, 1961; Die
Kapitulariensammlung des Ansegis, hg. v. Schmitz, G., 1996
Anselm von Lucca
verfasst zwischen 1081 und 1083 eine Sammlung (lat. [F.) Collectio) von
Papstbriefen, Canones, patristischen Texten und römischen Rechtsquellen.
Lit.: Szuromi, S.,
Anselm von Lucca as Canonist, 2006
Anspruch ist das Recht, von einem
anderen ein Tun oder Unterlassen zu verlangen (§ 194 BGB) bzw. die von einem
Kläger an einen Beklagten gerichtete Behauptung eines Rechts mit einem
bestimmten Inhalt. Im römischen Recht ist beides in der (lat. [F.]) → actio (Klaganspruch) enthalten,
wobei im Legisaktionenverfahren die Beachtung eines genauen Wortlauts
erforderlich ist und im Formularverfahren nur verfahrensrechtlich durchsetzbare
Rechte anerkannt werden (aktionenrechtliches Denken), wovon sich das
spätantike Verfahren je nach Zweckmäßigkeit löst. Im Spätmittelalter werden die
Anforderungen an die Geltendmachung von Ansprüchen eher abgeschwächt. Der
(lat.) usus modernus begnügt sich mit der Erkennbarkeit einer (lat.) actio.
Savigny versteht die (lat.) actio als Klagerecht, das aus der Verletzung eines
subjektiven Rechts erwächst, als ein Recht im Zustand der Verteidigung. Nach
Bernhard Windscheid (1856) ist dagegen der A. unabhängig von der jeweiligen Entscheidung
eines Gerichts ein Recht.
Lit.: Windscheid, B.,
Die actio des römischen Civilrechts, 1856; Nörr, K., Das Aktionrenrecht bei
Savigny, Ius commune 8 (1879), 110; Simshäuser, W., Zur Entwicklung des
Verhältnisses von materiellem Recht und Prozessrecht seit Savigny, 1965;
Vossius, O., Zu den dogmengeschichtlichen Grundlagen der Rechtsschutzlehre,
1985; Kriechbaum, M., Actio, ius und dominium, 1996; Kollmann, A., Begriffs-
und Problemgeschichte des Verhältnisses von formellem und materiellem Recht,
1996
Anstalt ist die von einem Träger öffentlicher Verwaltung seit dem 18. Jh. zur Erfüllung einer besonderen Verwaltungsaufgabe errichtete, verwaltungsorganisatorisch oder rechtlich verselbständigte Verwaltungseinheit von persönlichen oder sachlichen Mitteln.
Lit.: Gerstlacher, C., Sammlung aller Baden-Durlachischen
Anstalten und Verordnungen, Bd. 1ff. 1772f.; Weber, W., Die Entwicklung der
Sparkassen, 1985; Dorn, U., Öffentliche Armenpflege in Köln, 1991; Alexander,
L., Anstalten und Stiftungen. Verselbständigte Vermögensmassen im römischen
Recht, 2003
Anstiftung ist die
vorsätzliche Bestimmung eines anderen zu einer vorsätzlich begangenen rechtswidrigen
Tat (Versuch genügt). Als allgemeine Grundfigur des → Strafrechts wird
die A. unter Herauslösung aus der Urheberschaft (intellektuelle Urheberschaft,
so noch Feuerbach 1801) des (lat. [M.]) auctor erst im 19. Jh. ausgebildet (§
34 I StGB Preußens 1851).
Lit.: Schaffstein, F., Die allgemeinen Lehren vom
Verbrechen, 1930, Neudruck 1973; Ebrahim-Nesbat, S., Die Herausbildung der
strafrechtlichen Teilnahmeformen im 19. Jahrhundert, 2006
Anthropologie (F.) Menschenkunde
Lit.: Dülmen, R. van,
Historische Anthropologie, 3. A. 2001; Hoßfeld, U., Geschichte der biologischen
Anthropologie in Deutschland, 2005
Antichrese ist das
aus dem hellenistischen Bereich in das klassische römische Recht eingeführte
Nutzpfand, bei dem der Pfandgläubiger mit Erlaubnis des Verpfänders die Früchte
der Pfandsache ziehen darf.
Lit.: Kaser § 31; Hübner
Antike ([3000/2800
v. Chr. bzw.] 11. Jh. v. Chr.-4./6. Jh. n. Chr.) ist der vor allem durch die
Kultur der (Sumerer, Assyrer, Ägypter, Juden,) Griechen und Römer gekennzeichnete,
durch die Eroberung Westroms durch Germanen im Jahre 476 abgeschlossene
geschichtliche Abschnitt der menschlichen Kulturentwicklung. → Altertum
Lit.: Der Kleine Pauly, hg. v. Ziegler, K. u. a., Bd. 1ff.
1986; Selb, W., Antike Rechte im Mittelmeerraum, 1993; The Cambridge Ancient
History, 2. A. Bd. 6, hg. v. Lewis, D., 1994; Dahlheim, W., Die Antike, 6. A.
2002; Löwe, G./Stoll, H, Lexikon der Antike, 1997; Wesel, U., Geschichte des
Rechts, 3. A. 2006; Gehrke, H., Kleine Geschichte der Antike, 1999; Metzler
Lexikon Antike, hg. v. Brodersen, K./Zimmermann, B., 1999; Lexikon der
christlichen Antike, hg. v. Brauer, J./Hutter, M., 1999; Nickel, R., Lexikon
der antiken Literatur, 1999; Geschichte der Antike, hg. v. Gehrke, H. u. a.,
2000; Brandt, H., Das Ende der Antike, 2001; Grziwotz, H./Döbertin, W.,
Spaziergang durch die Antike, 2002; Die Rechtskulturen der Antike, hg. v.
Manthe, U., 2003; Lexikon der antiken Gestalten in den deutschen Texten des
Mittelalters, hg. v. Kern, M. u. a., 2003; Pöhlmann, E., Einführung in die Überlieferungsgeschichte
und in die Textkritik der antiken Literatur, Bd. 1 2. A. 2003; Personen der
Antike, hg. v. Brodersen, K. u. a., 2004; Herrscherchronologien der antiken
Welt, 2004; Höhepunkte der Antike, hg. v. Brodersen, K., 2006; Erinnerungsorte
der Antike, hg. v. Stein-Hölkeskamp, E. u. a., 2006; Troianer sind wir gewesen,
hg. v. Olshausen, E. u. a., 2006; Sonnabend, H., Die Grenzen der Welt, 2007;
Geschichte der Antike – Quellenband, hg. v. Gehrke, H. u. a., 2007; Geschichte
der antiken Texte – Autoren- und Werklexikon, hg. v. Egger, B., 2007;
Historischer Atlas der antiken Welt, hg. v. Wittke, A. u. a., 2007; Baltrusch,
E., Außenpolitik, Bünde und Reichsbildung in der Antike, 2008; Mann, C.,
Antike, 2008; Stangl, G., Antike
Populationen in Zahlen, 2008
Antiochia (Kreuzfahrerfürstentum)
Lit.: Mayer, H., Varia Antiochena, 1993
Antisemitismus ist die die Juden (Semiten) ablehnende Haltung. Sie entsteht nach antiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Vorläufern in der 2. Hälfte des 19. Jh.s (in Österreich um 1885) neu. In dieser Zeit gelten Juden als Modernisierungsgewinner des Liberalismus, wobei auch die katholische Kirche ihr Unbehagen über die gesellschaftlichen Veränderungen am steigenden Einfluss der Juden zum Ausdruck bringt.→ Jude
Lit.: Badinter, R., Un antisémitisme ordinaire, 1997;
Scheil, S., Die Entwicklung des politischen Antisemitismus in Deutschland
zwischen 1881 und 1912, 1999; Walter, D., Antisemitische Kriminalität, 1999;
Katholischer Antisemitismus, hg. v. Blaschke, A. u. a., 2000; Kertzer, D., Die
Päpste gegen die Juden, 2001; Bergmann, W., Geschichte des Antisemitismus,
2002; Ferrari Zumbini, M., Die Wurzeln des Bösen - Gründerjahre des Antisemitismus,
2002; Haury, T., Antisemitismus von links, 2002; El olivo y la espada, hg. v.
Joan i Tous, P. u. a., 2003; Ley, M., Kleine Geschichte des Antisemitismus,
2003; Der Berliner Antisemitismusstreit 1879-1881, bearb. v. Krieger, K., 2003;
Benz, W., Was ist Antisemitismus?, 2004; Wladika, M., Hitlers Vätergeneration,
2005; Terwey, S., Moderner Antisemitismus in Großbritannien 1899-1919, 2006;
Mittmann, T., Vom Günstling zurm Urfeind der Juden, 2006; Volkov, S., Germans,
Jews and Antisemites, 2006; Sieg, U., Deutschlands Prophet - Paul de Lagarde
und die Ursprünge des modernen Antisemitismus, 2007; Nonn, C., Antisemitismus,
2008
Antitribonianus ist
das 1603 posthum erschienene Werk François → Hotmans, das im Angriff auf →
Tribonian die Anwendbarkeit des Corpus iuris civilis in der Neuzeit bestreitet
und die Schaffung eigener Gesetzbücher empfiehlt.
Lit.: Baron, J., Franz Hotmans
Antitribonian, 1888
Antrag ist das → Angebot auf Abschluss eines →
Vertrags.
Antrustio (lat.
[M.], zu afrk. druht, lat.-afrk. trustis, M., bewaffnete Schar) ist der im
Volksrecht der → Franken durch dreifaches Wergeld des Freien
ausgezeichnete, auch in Kapitularien und Formeln erwähnte freie Königsmann.
Lit.: Bergengruen, A., Adel und Grundherrschaft im
Merovingerreich, 1958; Olberg, G. v., Die Bezeichnungen für soziale Stände,
1991
Antwerpen an der
Schelde wird 726 erstmals urkundlich erwähnt. 1291 erhält es Stadtrecht. 1852
wird eine Universität eingerichtet.
Anwachsung ist die
Erhöhung der Anteile anderer Berechtigter an einer (gesamthänderischen)
Gesamtheit im Wege der Gesamtnachfolge bei Wegfall eines Mitberechtigten. Sie
hat wohl in alten gesamthänderischen Gesamtheiten (z. B. Hausgemeinschaft,
Akkreszenz im klassischen römischen Erbrecht) Bedeutung und wird später eher
zurückgedrängt (z. B. durch Eintrittsrechte, Realteilung). Durch das
Bürgerliche Gesetzbuch (1900) gewinnt sie mit dem Gesamthandsprinzip an
Gewicht.
Lit.: Kaser §§ 73 III, 76 III 1 154ff.; Hübner; Breuel, F.,
Geschichte des Anwachsrechts in Ostfriesland, 1954; Coing, H., Europäisches
Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.; Meyer, H., Anwachs und Insel im
hochmittelalterlichen Recht der Grafschaft Flandern, ZRG GA 113 (1996), 333
Anwalt ist der
Vertreter eines anderen (im Recht). Im römischen Recht ist Vertretung grundsätzlich
ausgeschlossen. Im deutschen Bereich begegnen die ersten Anfänge im fränkischen
Reich. Zum Hochmittelalter hin erscheinen Vertreter für Bischöfe (Vögte), Äbte,
Gemeinden oder Genossenschaften. Bis zur zweiten Hälfte des 15. Jh.s setzt sich
neben dem Fürsprecher als Vertreter im Wort (Mund der Partei) die inhaltliche
Vertretung der Partei im bürgerlichen Rechtsstreit durch. Mit der Rezeption des
römisch-kanonischen Prozessrechts wird am Ende des 15. Jh.s der meist
rechtsgelehrte, praktisch geschulte → Prokurator zum Vertreter der Partei
vor Gericht, der rechtsgelehrte → Advokat zum außergerichtlichen
Berater (1495 am Reichskammergericht acht Prokuratoren, zwei Advokaten, seit
1500 bzw. 1530 Prüfungen), doch verwischen sich in Deutschland die Unterschiede
trotz Fortführung der verschiedenen Benennungen schon seit dem 16. Jh. wieder.
Bedeutung hat der A. vor allem im Zivilprozess. In Preußen wird 1725 die
Prokuratur abgeschafft und 1780 die Advokatur als freier Beruf beseitigt
(Assistenzrat, Justizkommissar). Im 19. Jh. werden auch in Preußen wieder frei
wählbare Prozessvertreter zugelassen, die seit 1849 (1878 im Deutschen Reich)
Rechtsanwälte heißen (Österreich Advokatenordnungen von 1849 und 1868). Neben
ihnen dürfen in Deutschland seit 2008 auch Nichtjuristen eingeschränkt
Rechtsberatung durchführen.
Lit.: Kaser § 87 II IV; Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 155,
202; Weißler, A., Geschichte der Rechtsanwaltschaft, 1905; Kübl, F., Geschichte
der österreichischen Advokatur, 1925; Bader, K., Vorsprecher und Anwalt in den
fürstenbergischen Gerichtsordnungen, 1931; Böhm, O., Die nürnbergische
Anwaltschaft um 1500 bis 1806, 1949; Döhring, E., Geschichte der deutschen
Rechtspflege, 1953; Kern, E., Geschichte des Gerichtsverfassungsrechts, 1954;
Schlosser, H., Spätmittelalterlicher Zivilprozess, 1971; Failenschmid, H.,
Anwalt und Fürsprech, 1981; Holly, G., Geschichte der Ehrengerichtsbarkeit der
deutschen Rechtsanwälte, 1989; Krach, T., Jüdische Rechtsanwälte in Preußen,
1991; Grahl, C., Die Abschaffung der Advokatur unter Friedrich dem Großen,
1994; Siegrist, H., Advokat, Bürger und Staat, 1996; Krug, G., Die
Advokat-Anwälte, Diss. jur. Mannheim 1996; Die Geschichte des Deutschen
Anwaltvereins, hg. v. Deutschen Anwaltverein, 1997; Nirk, R., 50 Jahre NJW. Die
Entwicklung der Anwaltschaft, NJW 1997, 2625; Scherner, K., Advokaten,
Revolutionäre, Anwälte, 1997; Treve, W., Rechts-, Wirtschafts- und
Steuerberatung in zwei Jahrhunderten, 3. A. 1998; Klas, A., Standes- oder
Leistungselite?, 2002; Wiedemann, A., Preußische Justizreformen, 2003;
Reichspersonal, hg. v. Baumann, A., 2003
Anwaltszwang ist
die (tatsächliche oder) rechtliche Verpflichtung im → Prozess einen →
Anwalt zu verwenden.
Anwartschaft ist
die einer bestimmten Person zustehende rein tatsächliche Aussicht auf ein
später zu erwartendes Amt oder Recht. Im deutschen Mittelalter hat der nahe
Verwandte ein Anrecht auf den Nachlass (→ Erbenwartrecht). Im 20. Jh.
setzt sich die A. als werdendes Recht, das dem Vollrecht wesensgleich ist,
beim Kauf unter Eigentumsvorbehalt durch.
Lit.: Kaser § 10 I; Hübner; Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG
269; Berger, W., Eigentumsvorbehalt und Anwartschaftsrecht, 1984
Anweisung ist die
schriftliche Aufforderung eines Teiles (Anweisender) an einen anderen Teil
(Angewiesener) (Deckungsverhältnis), Geld, Wertpapiere oder andere Sachen an
einen die Anweisung dem Angewiesenen vorlegenden Dritten (Anweisungsempfänger)
zu leisten (lat. [F.] delegatio zwischen Delegant, Delegat und Delegatar,
Verhältnis zwischen Angewiesenem und Anweisungsempfänger Valutaverhältnis).
Sie gehört in die Frühzeit des → Wertpapiers (13./14. Jh.). Sie kann
Zahlungsanweisung oder Verpflichtungsanweisung sein.
Anwenderecht ist
das in die Anfänge des dichteren Ackerbaues zurückreichende, seit dem 13. Jh.
vielfach schriftlich bezeugte Recht, zur Bestellung des eigenen Feldes
kurzzeitig ein Nachbargrundstück zu betreten. Das Bürgerliche Gesetzbuch
(1900) lässt das landesrechtlich vorhandene A. als Teil des Nachbarrechts
bestehen.
Lit.: Hübner 281; Götz, A., Das Anwenderecht, 1925;
Schmidt-Wiegand, Anwende, Text und Sprachbezug in der Rechtssprachgeographie,
1985, 146
Anzeige ist die
Mitteilung eines rechtlich erheblichen Vorganges oder Zustandes. Sie ist in
verschiedenen Formen dem römischen Recht bekannt. Eine Verpflichtung zu einer
A. bestimmter Handlungen stellt die Rügepflicht dar. Der hochmittelalterliche
kanonische Prozess unterscheidet im 12. Jh. die A. von der (lat. [F.])
accusatio. In der frühen Neuzeit genügt im Strafverfahren statt der Klage eines
einzelnen Klägers die A. beim Richter zur Ingangsetzung des Verfahrens.
Lit.: Köbler, DRG 157; Kisker, S., Die Nichtanzeige
geplanter Straftaten - §§ 138, 139 StGB, 2002
Aostatal
Lit.: Roddi, G., Il Coutumier
Valdostano (1588), 1994 (Diss. jur. Freiburg im Üchtland)
Apanage ist die Ausstattung eines nachgeborenen Sohnes, Bruders oder sonstigen Mitgliedes eines landesherrlichen Hauses zur Sicherung des standesgemäßen Unterhalts. Sie entwickelt sich nach älteren Vorläufern (Bretagne 990?, Dreux 1137?) im 13. Jh. in Frankreich. Einen Rechtsanspruch auf A. gibt es nur bei Vorliegen eines entsprechenden Hausgesetzes. Die meist bei Eintritt der Volljährigkeit fällige A. kann auf eine Person oder auf eine Linie bezogen sein.
Lit.: Schulze, H., Das Recht der Erstgeburt, 1851; Wood,
C., The French Apanages, 1966
Apel, Johann
(Nürnberg 1486-27. 4. 1536) wird nach dem Rechtsstudium in Wittenberg 1524
Rechtslehrer, 1530 Kanzler in Preußen und 1534 Rechtsberater in Nürnberg. 1535
schlägt er eine dialektische Lehrmethode für die Rechtswissenschaft vor.
Außerdem bietet er erste systematische Ansätze.
Lit.: Köbler, DRG 144; Muther, T., Doctor Johann Apell,
1861; Wieacker, F., Einflüsse des Humanismus auf die Rezeption, Z. f. d. ges.
Staatswiss. 100 (1940), 423
Apokalypse
Lit.: Fried, J., Aufstieg aus dem Untergang, 2001
Apostasie (F.) ist
der von
der Spätantike bis zur Aufklärung geahndete Abfall vom Glauben.
Lit.: Hinschius, P.,
System des katholischen Kircherechts, 1888ff.; Schauf, H., Einführung in das
kirchliche Strafrecht, 1952
Apostelbrief ist im gelehrten Verfahrensrecht des Mittelalters der Bericht, den der untere Richter (lat. iudex [M.] a quo) auf die Bitte einer Partei, die → Appellation gegen seine Entscheidung erhebt, an den oberen Richter (iudex ad quem) sendet. Er enthält eine Schilderung des bisherigen Verfahrensablaufes und eine Beurteilung der Berechtigung der Appellation sowie später auch die bisherigen Prozessakten.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Sägmüller, J., Lehrbuch des
katholischen Kirchenrechts, Bd. 2 3. A. 1914, 342
Apotheke ist
das Unternehmen des wissenschaftlich ausgebildeten, staatlich zu Herstellung
und Verkauf von Arzneimitteln Berechtigten (Apothekers). 1935 wird eine deutsche
Apothekerschaft gegründet, 1937 eine Reichsapothekenkammer eingerichtet. 1961
ergeht ein Arzneimittelgesetz.
Lit.: Schröder, G., NS-Pharmazie - Gleichschaltung des deutschen
Apothekerwesens im Dritten Reich, 1988; Schlick, C., Apotheken im totalitären
Staat, 2008
Apothekenurteil
ist die in drei Stufen nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit die
Einschränkung von Grundrechten (z. B. Berufsfreiheit) ordnende Entscheidung des
Bundesverfassungsgerichts Deutschlands vom 11. 6. 1958 über die Zulassung eines
Apothekers in Traunreut.
Lit.: Henne, T., Das
Lüth-Urteil, hg. v. Henne, T. u. a., 2004
appellatio (lat. [F.]) Anrufung, Berufung, → Appellation
Appellation ist im
spätrömischen Verfahrensrecht das aufschiebend wirkende Rechtsmittel zur
Überprüfung der Entscheidung eines unteren Richters durch einen höheren
Richter, das mit einem Urteil endet (Berufung). Die A. ist bei dem unteren
Richter mündlich oder binnen 10 Tagen schriftlich einzubringen. Die A. wird im
frühen Mittelalter in vereinfachter Form in der Kirche und in Oberitalien
bewahrt. Im hohen Mittelalter wird die A. (mittels → Apostelbriefs), die
seit dem 12. Jh. im kirchlichen Prozessrecht erscheint, aus dem
oberitalienisch-kanonischen Prozessrecht in Deutschland zuerst in geistlichen
Gerichten aufgenommen. In Italien und Frankreich dringt sie rascher vor. Im
Heiligen römischen Reich, in dem zwischen 1200 und 1450 (lat. [F.]) appellatio
sehr unterschiedliche Einrichtungen benennen kann, ersetzt die A., die sich vor
1451 nur in einzelnen besonderen Fällen vor dem um 1450 grundsätzlich noch
unmittelbar angerufenen, aber auch im älteren Rechtszugverfahren kaum eine
nennenswerte Rolle spielenden König findet, in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s
allmählich die ältere Urteilsschelte in weltlichen Verfahren. Die Appellationsverfahren
verdrängen bald die erstinstanzlichen Rechtszugverfahren. Das 1495
eingerichtete Reichskammergericht ist vielfach Appellationsgericht (am Ende des
15. Jh.s zu 80%). Zur Eindämmung der A. wird dort 1521 eine Appellationssumme
von 50 Gulden festgelegt, die über 150 (1570) und 300 (1600) Gulden bis 1654
auf 600 Gulden bzw. 400 Reichstaler steigt, und wird 1530 dem Reichskammergericht
die Annahme einer A. in Strafsachen verboten. In die gleiche Richtung wirken
die Nichtappellationsprivilegien. 1879 wird die teuere und schwierige A. im
Deutschen Reich durch die → Berufung ersetzt, in England erst 1875
wirklich zugelassen. → Konzil
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 34, 56, 114, 117,
152; Köbler, LAW; Perels, K., Die allgemeinen Appellationsprivilegien für
Brandenburg-Preußen, 1908; Stölzel, A., Geding, Appellation, Hof, Hofgericht
und Räte, 1912; Kaser, M., Das römische Zivilprozessrecht, 1966; Blaschke, K.,
Das kursächsische Appellationsgericht 1559-1835 und sein Archiv, ZRG GA 84
(1967), 329; Eisenhardt, U., Die Rechtswirkungen der in der Goldenen Bulle
genannten privilegia de non evocando et appellando, ZRG GA 86 (1969), 75;
Weitzel, J., Zur Zuständigkeit des Reichskammergerichts als
Appellationsgericht, ZRG GA 90 (1973), 213; Broß, S., Untersuchungen zu den
Appellationsbestimmungen der Reichskammergerichtsordnung von 1495, 1973;
Weitzel, J., Der Kampf um die Appellation ans Reichskammergericht, 1976; Die
kaiserlichen privilegia de non appellando, hg. v. Eisenhardt, U., 1980;
Weitzel, J., Über Oberhöfe, Recht und Rechtszug, 1981; Rechtsbehelfe, Beweis
und Stellung des Richters im Spätmittelalter, hg. v. Sellert, W., 1985; Becker,
H., Die Appellation vom Papst an ein allgemeines Konzil, 1988; Kern, B., Die
Appellation in Kurpfälzer und verwandten Rechtsquellen des 15. Jahrhunderts,
ZRG GA 106 (1989), 115; Seeger, T., Die Extrajudizialappellation, 1993;
Morhard, A., Die gerichtliche Berufung, 1995; Diestelkamp, B., Die Durchsetzung
des Rechtsmittels der Appellation, 1998; Szidzek, C., Das frühneuzeitliche
Verbot der Appellation in Strafsachen, 2002; Strauch, D./Arntz,
J./Schmidt-Troje, J., Der Appellhof zu Köln, 2002; Kannowski, B., Zwischen
Appellation und Urteilsschelte - Über das Rechtsdenken des Johann von Buch, ZRG
123 (2006), 110
Appellationsgericht (N.) Berufungsgericht (z. B. Österreich 1782
Erhebung der von den Gubernien getrennten Justizsenaten zu Appellationsgerichten
durch Joseph II., 1852 Oberlandesgerichte)
Appellationsprivileg ist das Privileg des deutschen Königs an Landesherren, das eine → Appellation aus dem jeweiligen Gebiet an den König ausschließt (Nichtappellationsprivileg). Es betrifft anfangs wohl nur den Rechtszug nach einer Urteilsschelte und erst in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s die eigentliche Appellation. 1356 verleiht die → Goldene Bulle den Kurfürsten ein unbeschränktes A., dessen Bedeutung deswegen umstritten ist, weil die Appellation 1356 noch nicht allgemein aufgenommen worden war (z. B. in Sachsen erst seit dem 16. Jh.).
Lit.: Kern, E., Geschichte des Gerichtsverfassungsrechts,
1954; Bross, S., Untersuchungen zu den Appellationsbestimmungen der
Reichskammergerichtsordnung von 1495, 1972; Eisenhardt, U., Die kaierlichen
privilegia de non appellando, 1980
Appenzell erscheint
1071 erstmals als Abbacella. Das zunächst unter der Herrschaft der Abtei Sankt
Gallen stehende Gebiet gewinnt zwischen 1377 und 1429 Selbständigkeit. Seit
1411 ist A. zugewandter Ort der Eidgenossenschaft der → Schweiz, seit
17. 12. 1513 dreizehntes Mitglied. A. besteht aus einem evangelischen
Halbkanton (Außerrhoden) und einem katholischen Halbkanton (Innerrhoden).
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Benz, R., Die
rechtlichen Zustände im Lande Appenzell, Appenzellische Jahrbücher 46 (1918),
1; Wirz, H., Die Grundlagen der Appenzeller Freiheit, Appenzellische Jahrbücher
56 (1929); Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,461; Die Land-
und Alpwirtschaft in Außerrhoden, 1974; Blickle, P., Verfassung und Religion –
Voraussetzungen und Folgen der Landteilung des Appenzell 1597, ZRG GA 115
(1998), 339; Die Appenzellerkriege, hg. v. Niederhäuser, P. u. a., 2006
Approbation (F.) Billigung, Bestätigung (z.
B. einer klösterlichen Genossenschaft, einer Verehrung oder einer Königswahl)
Lit.: Deußen, W., Die
Approbation der deutschen Königswahl, 1879; Unverhau, D., Approbatio -
Reprobatio, 1973;
Aprilverfassung ist die am 25. 4. 1848 von Kaiser Ferdinand I. erteilte, vom Innenminister Franz Xaver von → Pillersdorff geformte, nach dem 15. 5. 1848 zurückgezogene, erste formelle Verfassung Österreichs mit Gewaltenteilung, Reichstag und Grundrechten.
Lit.: Köbler, DRG 194; Baltl/Kocher
apud iudicem (lat.) vor dem
Richter, → Prozess, Verfahren
Apulien im Süden
Italiens gerät seit dem 9. Jh. v. Chr. unter den Einfluss der Griechen, wird
317 v. Chr. von Rom erobert und gehört nach dem Untergang Westroms über die
Herrschaft von Ostgoten und Oströmern im Norden seit 570 zum Herzogtum Benevent
der Langobarden. In der Mitte des 11. Jh.s fällt es an die Normannen (1130
Sizilien), 1282 an das Königreich Neapel.
Lit.: Palumbo, P., Medio evo meridionale, 1978
aquae ductus (lat. [M.])
Wasserleitungsrecht, → Dienstbarkeit
aquae haustus (lat. [M.])
Wasserschöpfrecht,→ Dienstbarkeit
Aquileia nahe der
Adria wird 181 v. Chr. als römische Kolonie (lat. [F.] colonia) gegründet. Der
seit spätestens 314 nachweisbare Bischof beansprucht seit 558/68 den Titel
eines Patriarchen. 1077 wird der Patriarch Reichsfürst. Seit 1418 gelangt A.
an Venedig, im 16. Jh. an Österreich und mit Venetien (1866) an Italien.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Gamber, K., Das
Patriarchat Aquileja, 1987
Aquilius → lex Aquilia
Aquitanien ist das
Gebiet nördlich der Pyrenäen. Es wird seit 71 v. Chr. römisch, 418 westgotisch
und 507 fränkisch. Im 7. Jh. entsteht ein fast selbständiges Herzogtum (bis
768), das im 9. Jh. erneuert wird. Durch Heirat der Erbtochter mit Heinrich II.
→ Plantagenet (1152) gelangt A. beim Thronantritt Heinrichs II. in
England in eine Personalunion mit → England. Am Ende des hundertjährigen
Krieges (1453/75) fällt A. von England an → Frankreich.
Lit.: Histoire de l’Aquitaine, hg. v.
Higounet, C., 1971; Trabut-Cussac, J., L’administration anglaise en Gascogne,
1972
Äquivalenzprinzip ist der im 20. Jh. ausgebildete Grundsatz, dass zwischen
dem Wert einer einzelnen Leistung der Verwaltung und der für diese geforderten
Gebühr ein ausgewogenes Verhältnis bestehen muss.
Araber ist der Angehörige des in den mittelalterlichen lateinischen Quellen meist als (lat. [M.Pl.]) Saraceni bezeichneten semitischen Volkes, das zunächst auf der arabischen Halbinsel siedelt. Die A. erobern nach der Bekehrung zum → Islam im frühen Kalifat (632-692) Ägypten, (638 Jerusalem,) Syrien, Irak und Persien. 711 wird Gibraltar erreicht, 716/717 Konstantinopel belagert und 732 ein Spanien einnehmender Vorstoß erst bei Tours und Poitiers von den Franken zurückgeschlagen. Im 9. Jh. setzt der Zerfall des bald auf Bagdad (762, um 1000 Kalifenbibliotheken mit vielleicht 100000 Bänden) ausgerichteten Reiches in mehrere Einzelherrschaften ein. 1260 können die Mongolen abgewehrt werden. Das im 15. Jh. unter muslimisch gewordenen Osmanen gebildete osmanische Reich fasst die A. nochmals zusammen, doch geht 1492 mit Granada die letzte Herrschaft in Spanien verloren und werden im 19. Jh. die arabischen Länder mit dem Zerfall des osmanischen Reiches Gegenstand der Kolonialpolitik europäischer Staaten. Ein unmittelbarer Einfluss der A. auf das Recht Europas ist nicht nachweisbar, doch finden sich ausgehend von den wichtigsten Berührungsorten gewisse, Handel und Verwaltung betreffende mittelbare Auswirkungen (Kaufhöfe in Venedig, Seezoll in Pisa, Gesundheitsrecht in Sizilien, lat. contractus [M.] mohatrae). Im Übrigen geben die A. allgemein auch antikes Gedankengut und eigene Gelehrsamkeit fruchtbringend an das europäische Mittelalter weiter.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Amari, M.,
Storia dei Musulmani di Sicilia, Bd. 1ff. 1854ff.; Geschichte der arabischen Welt,
hg. v. Haarmann, U./Halm, H., 4. A. 2001; Crespi, G., Die Araber in Europa,
1992; Halm, H., Die
Araber, 2004; Walther, W., Kleine Geschichte der arabischen Literatur,
2004; Steinberg, G., Saudi-Arabien, 2004; Katzer, A., Araber in deutschen
Augen, 2008; Schlicht, A., Die Araber und Europa, 2008
Aragonien (Aragón)
im Nordosten Spaniens gelangt am Ende des 3. Jh.s v. Chr. von den Puniern an
die Römer, im 5. Jh. n. Chr. an die Westgoten und 713 an die Araber. Kurz nach
800 wird es eine Grafschaft der Franken, die eine eigene (lat. [F.])
convenientia (958) hat und sich im Zuge der Rückeroberung der von den Arabern
beherrschten Gebiete 1035 und 1134 zum Königreich entwickelt, in dem der →
Fuero von → Jaca (1064) besondere Bedeutung hat. Dieses A. wird 1137 mit
Katalonien und 1238 mit Valencia verbunden. Seit dem 13. Jh. dringt römisches
Recht ein. 1247 werden die in 8, später in 12 Bücher gegliederten, vielleicht
auf Vidal de Cañellas zurückgehenden, ausschließliche Geltung beanspruchenden
Fueros de Aragón (Fori Aragonum) in Huesca verkündet. Unter die Herrschaft
Aragoniens gelangen auch Sizilien (1282), Sardinien (1323) und Neapel (1442).
Seit 1469 tritt A. hinter → Kastilien (1474 Personalunion) zurück und
verliert die 1707 zunächst noch gewahrten Sonderrechte. Der Verlust der
selbständigen Verwaltung (1833) wird erst 1982 wieder aufgehoben. Das
überlieferte besondere Privatrecht gilt seit 1889 im Rahmen des Código Civil
Español fort.
Lit.: Fori Aragonum 1476/1477, Neudruck 1979; Schwarz, K.,
Aragonische Hofordnungen, 1914; Klüpfel, L., Verwaltungsgeschichte des
Königreichs Aragon, 1915; Vidal mayor, hg. v. Tilander, G., 1956; Lalinde
Abadía, J., Virreyes y lugartenientes, Cuadernos de historia de España 1960,
98; Lalinde Abadía, J., La gobernación general en la corona de Aragón, 1963;
Molho, M., El Fuero de Jaca, 1964; Lalinde Abadia, J./Fairen Guillen, V., Die
aragonesischen Verfassungsprozesse, ZRG GA 91 (1974), 116; Los Fueros de
Aragón, 1976; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,258
Arba ‘at ha-Turim → Jakob Ben Ascher
Arbeit ist die auf
Schaffung von Werten gerichtete körperliche oder geistige Tätigkeit. Steht
ursprünglich die damit verbundene Mühe im Mittelpunkt, so verlagert sich der
Bedeutungskern besonders seit dem 19. Jh. auf die Unselbständigkeit und Fremdbestimmtheit
der Tätigkeit. Hinsichtlich der A. treten deshalb, obwohl bereits im
Mittelalter das dauernde Vorkommen vertraglich vereinbarter
Arbeitsverhältnisse in Stadt und Land und die beständige Sorge der Obrigkeit
für Reglementierung der Entlohnung bezeugt sind, erst seit etwa 1840
Arbeitgeber und Arbeitnehmer einander gegenüber. Bezüglich der A. schließen sie
den → Arbeitsvertrag, dessen Gestaltung Teil des → Arbeitsrechts
ist, für das sich das besondere → Arbeitsgericht ausbildet. Bereits im
19. Jh. wird auch die Sicherung eines Rechtes des Einzelnen auf A. verlangt.
Lit.: Künßberg, E. Frhr. v., Arbeit und Rhythmus im
Rechtsleben, ZRG GA 41 (1920), 370; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1 1972,
154; Schröder, R., Zur Arbeitsverfassung des Spätmittelalters, 1984; Le travail
au Moyen Age, hg. v. Hamesse, J. u. a., 1990; Jansen, R., Die
Arbeitsverhältnisse an den deutschen Porzellanmanufakturen, 1990; Benöhr, H.,
Das Recht auf Arbeit in Frankreich 1848, ZRG GA 109 (1992), 179; Ritter, G.,
Arbeiter, Arbeiterbewegung und soziale Idee in Deutschland, 1996; Sellier, U.,
Die Arbeiterschaftgesetzgebung, 1998; Brückner, W., Arbeit macht frei, 1998;
Brandt, P., Geschichtliche Entwicklung und heutige Bedeutung des Begriffs der
gefahrgeneigten Arbeit, 1998; Geschichte und Zukunft der Arbeit, hg. v. Kocka,
J. u. a., 2000; Fossier, R., Le travail au moyen âge, 2000; Schaller, K.,
Einmal kommt die Zeit, 2001; Guinand, C., Die Internationale
Arbeitsorganisation (ILO), 2003; Steinfeld, R., Free Wage Labor and the
Suffrage in Nineteenth Century England, ZRG GA 123 (2006), 267
Arbeiter ist
der körperliche Arbeit verrichtende Arbeitnehmer.
Lit.: Lorenz,
A., Kleine Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland von 1948 bis heute,
2009
Arbeiterkammer ist
die in Österreich ab 1872 geplante, mit Gesetz vom 26. 2. 1920 eingerichtete,
1938 aufgelöste, durch Gesetz vom 20. 7. 1945 wiedererrichtete Vertretung der
Arbeitnehmer (Arbeiter und Angestellten), die maßgeblich bei der Entwicklung
des kollektiven Arbeitsrechts mitgewirkt hat.
Arbeitnehmer ist der im Arbeitsverhältnis
die Arbeit ausführende Beteiligte.
Lit.: Pflaume, H.,
Organisation und Vertretung der Arbeitnehmer in der Bewegung von 1848/1849,
1934
Arbeitsgericht ist das im Deutschen Reich 1926 für die erste Instanz (RGBl. 1926, 507, Inkrafttreten am 23. 12. 1926 bzw. 1. 7. 1927) geschaffene Eingangsgericht der vor allem auf Wunsch der Arbeitnehmerseite für Streitigkeiten aus Arbeitsverträgen zuständigen, 1946/1953 gänzlich von der ordentlichen Gerichtsbarkeit verselbständigten Arbeitsgerichtsbarkeit (1927 Reichsarbeitsgericht). Vorläufer des Arbeitsgerichts ist ein besonderes, mit Arbeitgeberbeisitzern und Arbeitnehmerbeisitzern besetztes Gewerbegericht (1890, Österreich 1898). Es geht seinerseits auf den in Frankreich (Lyon 1806) von Napoleon auf Wunsch der Arbeitnehmer errichteten Conseil de prud’hommes zurück, der linksrheinisch nachgebildet (1808 Aachen-Burtscheid) und später in Preußen (1845) und im Norddeutschen Bund (1869) beibehalten wird. Noch früher gibt es in Preußen im 18. Jh. Fabrikdeputationen und im Mittelalter allgemein auch Entscheidungen innerhalb der Zünfte.
Lit.: Köbler, DRG 234, 261; Kaskel, W., Die Arbeitsgerichtsbarkeit
1929; Globig, K., Gerichtsbarkeit als Mittel sozialer Befriedung, 1985;
Linder, M., The Supreme Labor Court, 1987; Brand, J., Untersuchungen zur
Entstehung der Arbeitsgerichtsbarkeit, Bd. 1 1990; Schöttler, P., Zur
Mikrogeschichte der Arbeitsgerichtsbarkeit, Rechtshistorisches Journal 9
(1990), 127; Weiß, J., Arbeitsgerichtsbarkeit, 1994; 50 Jahre saarländische
Arbeitsgerichtsbarkeit, hg. v. Präsidenten des Landesarbeitsgerichts, 1997; 50
Jahre Arbeitsgerichtsbarkeit des Landes Schleswig-Holstein, 1997; Brand, J.,
Untersuchungen zur Entstehung der Arbeitsgerichtsbarkeit in Deutschland, Bd. 2
2002, Bd. 3 2008; Bachem-Rehm, M., Die katholischen Arbeitervereine im
Ruhrgebiet 1870-1914, 2004; Zimmermann, U., Die Entwicklung der Gewerbegerichtsbarkeit
in Deutschland, 2005
Arbeitsgesetzbuch ist
das für das → Arbeitsrecht geschaffene Gesetzbuch (z. B. Deutsche
Demokratische Republik 12. 4. 1961, 23. 11. 1966, 1977).
Lit.: Kroeschell, DRG 3
Arbeitskampf (nach Kittner erster bekannter
Arbeitskampf auf deutschem Boden Breslau 1329) → Aussperrung, Streik
Lit.: Die Entwicklung des Arbeitskampfrechts, hg. v. Pohl,
H., 1980; Sieg’l, C., Arbeitskämpfe seit dem Spätmittelalter, 1993; Schröder,
R., Der gewerbliche Kampf, (in) Das Bürgerliche Gesetzbuch und seine Richter,
2000, 533; Dallmann, C., Die Anfänge des französischen Arbeitskampfrechts,
Diss. jur. Würzburg 2002; Kittner, M., Arbeitskampf, 2005 (61 Fallschilderungen
zwischen 1155 v. Chr. und 2003 n. Chr.)
Arbeitslosenversicherung ist die bescheidenen gemeindlichen Anfängen (1913 in 13
deutschen Gemeinden eine Arbeitslosenunterstützung vorhanden) folgend von
1918 an geschaffene, 1927 einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zur
Selbstverwaltung übertragene, 1969 aufgabenerweiternd im Arbeitsförderungsgesetz
geregelte und zum 1. 1. 1998 in das Sozialgesetzbuch (III) überführte →
Sozialversicherung gegen die wirtschaftlichen Folgen des Mangels einer Erwerbstätigkeit.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 233, 241;
Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, hg. v. Benöhr, H., 1991;
Führer, K., Arbeitslosigkeit und die Entstehung der Arbeitslosenversicherung,
1990; Lewek, P., Arbeitslosigkeit und Arbeitslosenversicherung, 1992; Dorn,
U., Arbeitslosigkeit, ZNR 1993, 12; Fukuzawa, N., Staatliche Arbeitslosenunterstützung
in der Weimarer Republik, 1995; Raithel, T. u. a., Die Rückkehr der
Arbeitslosiegkeit, 2009
Arbeitslosigkeit → Arbeitslosenversicherung
Arbeitsmündigkeit → Mündigkeit
Lit.: Gefaeller, W., Entstehung und Bedeutung der Arbeitsmündigkeit,
1968
Arbeitsrecht ist
das die → Arbeit betreffende Recht. Es wird trotz der bereits im
Hochmittelalter vorhandenen und seit dem 16. Jh. auch von den Landesherren
geordneten Tätigkeiten als Gesinde, Seemann, Bergmann, Kaufmannsdiener oder Handwerksgeselle
als Rechtsgebiet erst am Beginn des 20. Jh.s verselbständigt (Sinzheimer
1907f./1914, Potthoff 1925), nachdem sich im 19. Jh. die obrigkeitlichen und
genossenschaftlichen Bindungen infolge des Liberalismus lösen (z. B.
Bauernbefreiung) und → Arbeit zum Gegenstand freier vertraglicher
Vereinbarung wird. Als erste gesetzliche Regelungen erscheinen Arbeitsschutzbestimmungen
(England 1802, Preußen 1839, Truckverbot 1849/1869, Frauenschutz 1878, Gewerbeaufsicht
1878), die das deutsche Arbeiterschutzgesetz von 1891 verallgemeinert.
Flankierend wirkt die → Sozialversicherung. Die seit der zweiten Hälfte
des 19. Jh.s allmählich entwickelte Kollektivierung des Arbeitsrechts (1891
Arbeiterausschüsse, 1916 Hilfsdienstgesetz) findet einen ersten Abschluss in
der → Tarifvertragsverordnung (1918) und der zugehörigen Schlichtungsverordnung
(1923). Durch die nationalsozialistische Regierung wird dann das kollektive
A. durch eine autoritäre Arbeitsverfassung (1934 Gesetz zur Ordnung der
nationalen Arbeit) ersetzt, die nach 1945 wieder beseitigt wird. 1949 wird das
Tarifvertragsrecht neu gestaltet, 1951 die Mitbestimmung in der
Montanindustrie ausgedehnt, in den Folgejahren eine Reihe weiterer Gesetze
erlassen bzw. neu gefasst. Wo der Gesetzgeber nicht tätig zu werden vermag,
tritt ersatzweise die Arbeitsgerichtsbarkeit mit Richterrecht ein. In der
Deutschen Demokratischen Republik wird 1961 ein Gesetzbuch der Arbeit erlassen,
1978 ein Arbeitsgesetzbuch. In der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft,
Europäischen Gemeinschaft bzw. Europäischen Union gewinnt das europäische
Recht an Bedeutung (z. B. Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs,
Europäische Sozialcharta 1961). Erste Darstellungen des Arbeitsrechts stammen
von P. Lotmar (1902/1908) und H. Sinzheimer (1907f./1914). Als Besonderheit des
Arbeitsrechts wird lange Zeit die Haftungseinschränkung bei → gefahrgeneigter
Tätigkeit angesehen.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 215, 227, 241;
Sinzheimer, H., Über den Grundgedanken und die Möglichkeit eines einheitlichen
Arbeitsrechts in Deutschland, 1914; Ebel, W., Gewerbliches Arbeitsvertragsrecht
im Mittelalter, 1934; Schmieder, E., Geschichte des Arbeitsrechts im deutschen
Mittelalter, 1939; Siebert, W., Die Entwicklung der staatlichen Arbeitsverwaltung,
1943; Anton, G., Geschichte der preußischen Fabrikgesetzgebung, 1953;
Schmelzeisen, G., Polizeiordnungen und Privatrecht, 1955; Teuteberg, H.,
Geschichte der industriellen Mitbestimmung, 1961; Ebel, W., Quellen zur
Geschichte des deutschen Arbeitsrechts bis 1849, 1964; Mampel, S.,
Arbeitsverfassung und Arbeitsrecht in Mitteldeutschland, 1966; Wedderburn, K.,
Cases and materials on labour law, 1967; Weidmann, P., Die soziale Entwicklung
des zürcherischen Arbeitsrechts von 1815-1870, Diss. jur. Zürich 1971; Handbuch
der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg.
v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,3,3635; Ramm, T., Die Arbeitsverfassung des
Kaiserreichs, FS W. Mallmann, 1978; Ramm, T., Die Arbeitsverfassung der Weimarer
Republik, (in) In memoriam Sir Kahn-Freund, 1980; Umlauf, J., Die deutsche
Arbeiterschutzgesetzgebung 1880-1980, 1980; Wege zur Arbeitsrechtsgeschichte,
hg. v. Steindl, H., 1984; Schröder, R., Zur Arbeitsverfassung des
Spätmittelalters, 1984; Tschudi, H., Geschichte des schweizerischen
Arbeitsrechts, 1987; Lewisch, P., Der Wandel von Arbeitsethos und Arbeitsrecht
in Österreich in der Zeit von Maria Theresia bis zum ABGB, 1988; Bohle, T.,
Einheitliches Arbeitsrecht in der Weimarer Republik, 1990; Wahsner, R.,
Arbeitsrecht unter’m Hakenkreuz, 1994; Rückert, J., Beschreibende Bibliographie
zur Geschichte des Arbeitsrechts, 1996; Kim, Y., Die Entwicklung des Rechts der
Arbeitnehmerhaftung, Diss. jur. Freiburg im Breisgau 1996; Benöhr, H., Fast
vier Tropfen sozialen Öls, FS K. Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997;
Sellier, U., Die Arbeiterschutzgesetzgebung im 19. Jahrhundert, 1998; Die
Entstehung des Arbeitsrechts in Deutschland, hg. v. Nutzinger, H., 1998;
Rudischhauser, S., Vertrag, Tarif, Gesetz. Der politische Liberalismus und die
Anfänge des Arbeitsrechts in Frankreich 1890-1902, 1999; Thiele, M., Die
Auflösung von Arbeitsverhältnissen, 1999; Steinmetz, W., Begegnungen vor
Gericht, 2001; Bornheim, S., Die arbeitsrechtliche Normsetzung des Reichskommissariats
in den Niederlanden, 2002; Böhm, A., Arthur Philipp Nikisch, 2003; Hermel, M.,
Karl Flesch, 2004; Schmoeckel, M., Rechtsgeschichte der Wirtschaft, 2008
Arbeitsverfassung → Arbeitsrecht
Arbeitsvertrag ist der
zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer über die entgeltliche Leistung von →
Arbeit geschlossene → Vertrag. Anfangs individuell ausgehandelt wird
sein Inhalt unter Einschränkung der individuellen Vertragsfreiheit zunehmend
kollektiv gestaltet (Tarifvertrag). Seit 1995 wird grundsätzlich die
Schriftform angestrebt.
Lit.: Kroeschell, DRG 2, 3; Lotmar, P., Der Arbeitsvertrag,
2. A. hg. v. Rehbinder, M., 2001; Europäisches Arbeitsvertragsrecht, hg. v.
Molitor, E. u. a., 1928ff.; Ebel, W., Gewerbliches Arbeitsvertragsrecht im
deutschen Mittelalter, 1934; Schmieder, E., Geschichte des Arbeitsrechts im
deutschen Mittelalter, 1939; Gellbach, H., Arbeitsvertragsrecht der Fabrikarbeiter
im 18. Jahrhundert, 1939; Kaiser, A., Zum Verhältnis von Vertragsfreiheit und
Gesellschaftsordnung während des 19. Jahrhunderts, insbesondere in den
Auseinandersetzungen über den Arbeitsvertrag, 1972; Söllner, A., Der
industrielle Arbeitsvertrag in der deutschen Rechtswissenschaft des 19.
Jahrhunderts, (in) Studien zur europäischen Rechtsgeschichte, 1972, 288;
Vietinghoff-Scheel, E. v., Gewerbliche Arbeitsverhältnisse in Preußen, Diss.
jur. Göttingen 1972; Ebert, K., Der industrielle Arbeitsvertrag in der
österreichischen Gesetzgebung und Rechtswissenschaft des 19. Jahrhunderts, ZRG
GA 92 (1975), 143; Söllner, A., Entwicklungslinien im Recht des Arbeitsverhältnisses,
(in) NS-Recht in historischer Perspektive, hg. v. Institut für Zeitgeschichte,
1981, 135; Alonso Olea, M., Von der Hörigkeit zum Arbeitsvertrag, 1981; Wild,
T., Die Entwicklung des Gesamtarbeitsvertragsrechts, 1984; Klippel, D., Der
Lohnarbeitsvertrag in Naturrecht und Rechtsphilosophie, (in) Geschichtliche
Rechtswissenschaft, hg. v. Köbler, G., 1990; Entwürfe zu einem deutschen
Arbeitsvertragsgesetz mit dem Arbeitsgesetzbuch der DDR von 1990 und dem
österreichischen Entwurf einer Teilkodifikation des Arbeitsrechts von 1960,
hg. v. Ramm, T, 1992; Becker, M., Arbeitsvertrag und Arbeitsverhältnis, 1995;
Thiele, A., Die Auflösung von Arbeitsverhältnissen, 2000; Becker, M.,
Arbeitsvertrag und Arbeitsverhältnis während der Weimarer Republik und in der
Zeit des Nationalsozialismus, 2005; Bausback, M., Der Bestandsschutz des
Arbeitsverhältnisses, 2007
Arbeitszeit ist die
für → Arbeit aufzuwendende Zeit des Arbeitnehmers. Ihre Bestimmung ist
Ausfluss der Verrechtlichung des Arbeitsverhältnisses. Im Zug der Industrialisierung
verlängert sich die A. durch Wegfall von Feiertagen erkennbar (um 20 Prozent?).
Am 23. 11. 1918 wird im → Deutschen Reich der Achtstundentag angeordnet
und am 21. 12. 1923 die A. durch die Arbeitszeitordnung sowie 1994 durch das
Arbeitszeitrechtsgesetz allgemein geregelt.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Bischoff, S., Arbeitszeitrecht in
der Weimarer Republik, 1987; Grabherr, S., Das Washingtoner Arbeitszeitübereinkommen
von 1919, 1992; Voth, H., Time and Work in England 1750-1830, 2000
arbiter (lat. [M.])
Schiedsrichter, → Schiedsgericht
Lit.: Kampmann, C., Arbiter und
Friedensstiftung, 2001
arbiträr (Adj.) willkürlich, nach Ermessen (z. B. Strafe [lat. poena arbitraria],
möglich nach der Constitutio Criminalis Carolina 1532, ausgedehnt durch
Benedikt Carpzov 1595-1666, eingeschränkt durch das Strafgesetzbuch Josephs
II. von 1787, bzw. das Strafgesetzbuch Bayerns von 1813).
Arbitrium (lat. [N.])
Ermessen, Gutachten, Entscheid, Schiedsspruch
Lit.:
Meccarelli, M., Arbitrium iudicis und officialis im ius commune, ZRG GA 115
(1998), 552
archaisch (Adj.)
altertümlich (anschaulich, einfach, mündlich)
Archäologie (Altertumskunde) ist die Wissenschaft von den gegenständlichen Hinterlassenschaften (z. B. Bauwerke, Geräte, Münzen, Knochen) von Menschen, die bei günstigen Voraussetzungen auch ethnische Unterschiede (z. B. im Frühmittelalter) wahrscheinlich machen kann.
Lit.: Amira, K. v./Schwerin, C. Frhr. v., Rechtsarchäologie,
1943; Niemeyer, H., Einführung in die Archäologie, 3. A. 1983; Enzyklopädie der
Archäologie, hg. v. Daniel, G., 1996; Fehring, G., Die Archäologie des
Mittelalters, 3. A. 2000; Sinn, U., Einführung in die klassische Archäologie,
2000; Halle, U., Die Externsteine sind bis auf weiteres germanisch!, 2002;
Martini, W., Sachwörterbuch der klassischen Archäologie, 2003; Bäbler, B.,
Archäologie und Chronologie, 2004; Die Aktualität des Archäologischen, hg. v.
Ebeling, K. u. a., 2004; Frommer, S., Historische Archäologie, 2007
Archidiakon ist
seit etwa 365 der Leiter der → Diakone einer Bischofskirche, der sich zum
Stellvertreter des → Bischofs entwickelt, ehe er bis zum 19. Jh.
weitgehend verschwindet.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Reinhardt, R., Das
Archidiakonat auf dem Konzil von Trient, ZRG KA 61 (1975), 84
Archipresbyter ist
der seit Anfang des 5. Jh.s nachweisbare Stellvertreter des → Bischofs
bei Messfeier und Spendung der Sakramente, im frühen Mittelalter der Leiter der
Priester einer Taufkirche.
Lit.: Faure, J., L’archiprêtre, 1911
Archiv ist die Einrichtung zur (geordneten) Sammlung und Aufbewahrung sowie Verwertung von Schriftgut (z. B. Akten, Urkunden, Karten, Pläne, Bilder, Dateien, Programme). Archive sind bereits in der Antike dort vorhanden, wo (umfangreiches) Schriftgut anfällt. Hieran schließt sich seit dem 3. Jh. die christliche Kirche an, deren frühmittelalterliches Schriftgut gleichwohl zu großen Teilen verloren ist. Im weltlichen Bereich werden Archive mit dem 12. Jh. sichtbar. Für das Heilige römische Reich setzt eine dauerhafte zentrale Archivierung erst mit König bzw. Kaiser Maximilian am Übergang zur Neuzeit ein. Das Hauptproblem der Gegenwart ist die große Menge des Schriftguts, das nach dem Grundsatz der Archivwürdigkeit von wissenschaftlich ausgebildeten Archivaren (München 1821, Marburg 1894) gesichtet werden muss.
Lit.: Köbler, DRG 105, 145; Goldinger, W., Geschichte des
österreichischen Archivwesens, 1957; Schellenberg, T., Akten- und Archivwesen,
1961; Kleinau, H., Übersicht über die Bestände des niedersächsischen
Staatsarchivs in Wolfenbüttel, 1963; Meisner, H., Archivalienkunde, 1969;
Papritz, J., Archivwissenschaft, 1976; Gesamtarchiv Schenk von Stauffenberg,
Herrschaft Wilflingen, hg. v. Becker, O., 1981; Archiv der Freiherren von
Woellwarth. Urkundenregesten 1359-1840, bearb. v. Hofmann, N., 1991; Die
Bestände des Generallandesarchivs Karlsruhe, Teil 7 Spezialakten der badischen
Ortschaften (229), bearb. v. Rupp, R., 1992; Franz, E., Einführung in die
Archivkunde, 4. A. 1993, 5. A. 1999; Gaisberg-Schöckingensches Archiv, bearb.
v. Müller, P., 1993; Füchtner, J., Quellen rheinischer Archive zur neuzeitlichen
Personen- und Familiengeschichte, 1995; Bayerisches Hauptstaatsarchiv, red.
Liess, A., 1996; Musial, T., Staatsarchive im Dritten Reich, 1996; Strauch, D.,
Das Archivalieneigentum, 1998; Weiser, J., Geschichte der preußischen
Archivverwaltung, 2000; Handbuch der bayerischen Archive, hg. v. bayerischen
Archivtag, 2001; Die archivalischen Quellen, hg. v. Beck, F. u. a., 2002, 4. A.
2004; Brenner-Wilczek, S. u. a., Einführung in die moderne Archivarbeit, 2006;
Schoch, F. u. a., Archivgesetz, 2007; Schenk, D., Kleine Theorie des Archivs,
2008; Schreyer, H., Das staatliche Archivwesen der DDR, 2008
Arco
Lit.:
Waldstein-Wartenberg, B., Geschichte der Grafen von Arco, 1971
Arelat (N.)
Gebiet bzw. Reich um Arles in Burgund im Mittelalter
Arenga ist die der spätrömischen Rhetorik entstammende Einleitungsformel mittelalterlicher Urkunden, die mit meist sehr allgemeinem Inhalt vom Protokoll (Urheber, Empfänger usw.) zum Text (Inhalt) überleitet.
Lit.: Fichtenau, H., Arenga, 1957
argentarius (lat.
[M.]) Bankier, → receptum (argentarii)
Ärgere Hand (lat. conditio
[F.] vilior) ist die Kurzfassung des aus dem Grundsatz der Ebenburt (→
Ebenbürtigkeit) an manchen Stellen folgenden mittelalterlichen Rechtssatzes,
dass Kinder aus Ehen von Angehörigen unterschiedlicher Stände dem Stand des
schlechter geborenen Elternteiles angehören. Dieser Grundsatz nimmt vielleicht
seinen Ausgang bei Ehen zwischen Unfreien und Freien. Mit der Durchsetzung der
Gleichheitsidee (1789) verliert er seine Bedeutung.
Lit.: Hübner 104; Kroeschell, DRG 1; Fehr, H., Die
Rechtsstellung der Frau und der Kinder, 1912; Binder-Krieglstein, R.,
Österreichisches Adelsrecht, 2000
Arglist ist die
hinterhältige Gesinnung. Im klassischen römischen Schuldrecht verletzt jedes
auf A. (lat. dolus [M.] malus) beruhende Verhalten ohne weiteres die
Vertragstreue, so dass die Einrede (lat. [F.] exceptio) der A. auch ohne
besondere Vereinbarung offensteht. In der Neuzeit bewirkt A. bei Täuschung die
Anfechtbarkeit der dadurch beeinflussten Willenserklärung und kann arglistige
Täuschung Strafbarkeit wegen Betrugs nach sich ziehen.
Lit.: Kaser § 8 V; Köbler, DRG 42, 49; Braun, F., Ohne
Arglist, ZRG GA 54 (1934), 246; Raschke, M., Der Betrug im Zivilrecht, 1900
Arianer ist der
Angehörige der 325 auf dem Konzil von Nizäa verworfenen Lehre des
alexandrinischen Priesters Arius, nach der Christus Gott nicht wesensgleich
ist. Goten, Vandalen und Langobarden sind bis ins 6. Jh. A., die Franken
dagegen von Anfang an Athanasianer.
Lit.: Courtois, C., Les Vandales et
L’Afrique, 1955; Meslin, M., Les Ariens, 1967; Feine, H., Kirchliche
Rechtsgeschichte, 5. A. 1972
Arier ist der
Angehörige eines arisch (indoiranisch) sprechenden, seit der Mitte des 2. Jt.
v. Chr. geschichtlich nachweisbaren, auf die → Indogermanen
zurückführbaren Volkes. Seit dem 19. Jh. wird zunächst A. mit Indogermane
gleichgesetzt und dann allmählich A. als Angehöriger der nordischen →
Rasse verstanden. Im Dritten Reich bedeutet A. in antijüdischer Verengung den
Nichtjuden.
Lit.: Bajohr, F., „Arisierung“ in
Hamburg, 1997
Arimanne (Heermann,
lat. [M.] exercitalis) ist bei den Langobarden im Frühmittelalter der vollfreie
Krieger, insbesondere möglicherweise der auf Königsland angesiedelte, dem König
verpflichtete Krieger. Unklar sind die Bezüge zu einer vom 10. bis zum 13. Jh.
belegten Abgabe arimannia.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Cavanna, A., Fara sala arimannia,
1967; Jarnut, J., Beobachtungen zu den langobardischen arimanni und
exercitales, ZRG GA 88 (1971), 1; Jarnut, J., Prosopographische und
sozialgeschichtliche Studien zum Langobardenreich in Italien, 1972; Strukturen
und Wandlungen der ländlichen Herrschaftsformen vom 10. zum 13. Jahrhundert,
hg. v. Dilcher, G. u. a., 2000
Arisierung ist im Dritten Reich (Adolf → Hitlers) die überwiegend rechtswidrige Verdrängung der → Juden aus dem Berufsleben und der Wirtschaftstätigkeit des Deutschen Reiches (u. a. Verordnungen vom 26. 4. 1938, 25. 11. 1941), die nach 1945 nur teilweise ausgeglichen wird.
Aristokratie (F.) Adelsherrschaft, Adel (im
Gegensatz zu Monarchie und Demokratie sowie auch zu Oligarchie)
Armenier ist der Angehörige des
armenisch sprechenden, indogermanischen Volkes (10,4 Millionen).
Lit.: Der Genozid an
den Armeniern, hg. v. Kieser, H. u. a., 2006
Armenrecht ist die einstweilige Befreiung einer armen (unbemittelten) Partei von den Kosten eines Rechtsstreits. Sie ist eine besondere Ausprägung der Bevorzugung wegen Armut, wie sie bereits von der mittelalterlichen Kirche gefordert wird. Sie findet sich etwa in der Reichskammergerichtsordnungen von 1471 (§ 7), 1495 (§ 27), 1555 (1, 41) oder in der Constitutio Criminalis Carolina (Art. 47 CCC). In Deutschland wird 1980 das A. durch die → Prozesskostenhilfe (1981 §§ 114ff. ZPO) ersetzt.
Lit.: Köbler, DRG 155, 263; Schott, C., Armenfürsorge,
Bettelwesen und Vagantenbekämpfung in der Reichsabtei Salem, 1978; Mollat du
Jourdin, M., Die Armen im Mittelalter, 2. A. 1987; Scherner, K., Arme und
Bettler, ZNR 1988, 129; Dorn, U., Öffentliche Armenpflege in Köln, 1991; Krauß,
M., Armenwesen und Gesundheitsfürsorge in Mannheim vor der Industrialisierung,
1993; Tierney, B., Medieval poor law, 1995; Hippel, W. v., Armut,
Unterschichten, Randgruppen in der frühen Neuzeit, 1995; Eser, S., Verwaltet
und verwahrt, 1996; Hudemann-Simon, C., L’État et les pauvres, 1997; Hartlief,
E., Die Düsseldorfer Armenversorgungsanstalt, Diss. jur. Köln 1998; Wohlrab,
K., Armut und Staatszweck im deutschen Naturrecht, 1998; Sachße, C. u. a., Geschichte
der Armenfürsorge in Deutschland, 2. A. 1998; Humborg, M., Das Armenrecht,
Diss. jur. Münster 1999; Rosenbaum, U., Liebestätigkeit und Armenpflege in der
Stadt Zwickau, 1999; Jütte, R., Arme, Bettler, Beutelschneider, 2000; Gerhold,
W., Armut und Armenfürsorge im mittelalterlichen Island, 2002; Armut im
Mittelalter, hg. v. Oexle, O., 2004; Armut und Armenfürsorge in der
italienischen Stadtkultur, hg. v. Helas, P. u. a., 2006; Being poor in modern
Europe, hg. v. Gestrich, A. u. a., 2006; Norm und Praxis der Armenfürsorge in
Spätmittelalter und früher Neuzeit, hg. v. Schmidt, S. u. a., 2006;
Armenfürsorge und Wohltätigkeit - Ländliche Gesellschaften in Europa 1850-1930,
hg. v. Brandes, I. u. a. , 2008
Armesünder ist
ursprünglich der in der Kirche bemitleidenswerte Sünder (lat. miser peccator),
in der frühen Neuzeit der dem peinlichen Gericht überantwortete Täter,
insbesondere wenn er bereits (zum Tod) verurteilt ist.
Lit.: Künßberg, E. Frhr. v., Rechtliche Volkskunde, 1936;
Radbruch, G., Elegantiae iuris criminalis, 2. A. 1950, 163
Arnstein
Lit.:
Heinrich, G., Die Grafen von Arnstein, 1961
Arnulfinger ist der Angehörige der nach Bischof Arnulf von Metz benannten Familie der Pippiniden oder späteren Karolinger. Von den Arnulfingern sind (ab etwa 650) 34 Urkunden und ein Brief überliefert (davon elf Fälschungen oder starke Verfälschungen), zu denen 56 verlorene Urkunden hinzuzrechnen sind (90 Privaturkunden).
Lit.: Die Urkunden der Arnulfinger,
hg. v. Heidrich, I., 2001, vgl. http://www.igh.histsem.uni-bonn.de
arra (lat. [F.]) Angeld, → arrha
Arras
Lit.: Kéry, L., Die
Errichtung des Bistums Arras 1093/1094, 1994
Arrest ist die Verhaftung (eines Menschen oder einer Sache) oder Beschlagnahme und insbesondere das Eilverfahren des Zivilprozesses zur Sicherung der Zwangsvollstreckung wegen einer Geldforderung oder wegen eines Anspruchs, der in eine Geldforderung übergeht. Im römischen Recht fehlt eine solche Einrichtung. Die Bezeichnung A. erscheint seit dem Anfang des 13. Jh.s in französischen Quellen und wenig später auch in lateinischen Texten (arrestare, arrestum, Frankfurt am Main 1297, Liber Sextus 1298, Sachsenspiegelvulgatfassung um 1340, wissenschaftlich erörtert von Andreas Gail 1586, David Mevius 1674). Seit dem 17. Jh. verdrängen arrestieren und Arrest allmählich die ältere deutsche Bezeichnung Kummer für ein wohl schon seit dem frühen Mittelalter bekanntes, (nach Hans Planitz aus einem Handhaftverfahren erwachsenes,) seit dem späteren 12. Jh. (Köln 1178, beschleunigtes gerichtliches Verfahren Hagenau 1164) durch Privilegien und Verträge urkundlich bezeugtes Verfahren, bei dem vielleicht anfangs der Personalarrest als außergerichtliche Selbsthilfemaßnahme des Gläubigers im Vordergrund steht, aber schon seit dem 13. Jh. von dem Sacharrest zurückgedrängt wird. Seit dem Ende des 13. Jh.s macht der Gläubiger bei Gericht seinen Anspruch glaubhaft und der Richter ordnet die Anlegung des Arrests (meist bei Gericht) an., wobei erst nach Durchführung eines ordentlichen Verfahrens eine Zwangsvollstreckung erfolgen kann.
Lit.: Köbler, DRG 116, 202; Briegleb, H., Arrest und Kummer
- Vermischte Abhandlungen I 1868, 1; Wach, A., Der italienische Arrestprozess,
1868, Neudruck 1973; Planck, J., Das deutsche Gerichtsverfahren im Mittelalter,
1879; Rudorff, H., Zur Rechtsstellung der Gäste im mittelalterlichen
städtischen Prozess, 1907; Kisch, G., Der deutsche Arrestprozess, 1914; Planitz,
H., Studien zur Geschichte des deutschen Arrestprozesses, ZRG GA 34 (1913), 49;
Kisch, G., Der deutsche Arrestprozess, 1914; Planitz, H., Studien zur
Geschichte des deutschen Arrestprozesses – Der Fremdenarrest, ZRG GA 39 (1918),
223, 40 (1919), 87; Planitz, H., Grundlagen des deutschen Arrestprozesses,
1922; Mahnke, H., Das Arrestverfahren in den Lübecker Ratsurteilen, Diss. jur.
Kiel 1961; Kraß, G., Das Arrestverfahren in Frankfurt am Main, 1996
Arrha (lat. [F.]
arra, arrabon) ist die nach semitischem Vorbild („altorientalischer
Arrhalvertrag“) im hellenistischen Recht bekannte, im entwickelten römischen
Recht entbehrliche Draufgabe (Angeld) bei einem Vertragsschluss. Wer
abredeuntreu wird, verwirkt im spätantiken Recht als Geber die a. an den Gegner
und muss sie als Nehmer in doppelter Höhe zurückgeben. Im Frühmittelalter
(Codex Euricianus 297, Lex Baiwariorum 16, 10, Lex Visigothorum 3, 1, 3-4 [für
Verlobung]) soll mit der Hingabe einer Teilleistung ein Vertrag geschlossen
worden sein, der vielleicht anfangs nur den Empfänger verpflichtet. Vielfach
wird die a. nur als Symbol gegeben, das von den Beteiligten sofort verschenkt
oder vertrunken wird. Seit dem Spätmittelalter verliert die auch als Weinkauf
(Worms 1498), Angeld (ABGB § 908 [1811]) oder Draufgabe (ALR I 5 § 207 [1794],
BGB § 337 [1896/1900]) bezeichnete a. außerhalb des Gesinderechts (Handgeld)
ihre schuldbegründende Bedeutung und nähert sich dem → Reugeld. In jedem
Fall hat die a. eine gewisse Beweisfunktion.
Lit.: Kaser § 41; Hübner 535ff.; Köbler, DRG 64, 91, 127;
Köbler, LAW; Stobbe, O., Zur Geschichte des deutschen Vertragsrechts, 1855;
Gierke, O., Schuld und Haftung, 1910; Gastreich, F., Die Draufgabe, 1933;
Siems, H., Handel und Wucher im Spiegel frühmittelalterlicher Rechtsquellen,
1992
Arrhalvertrag ist
der aus dem Orient in das spätrömische Recht eindringende, unter notwendiger
Verwendung einer → arrha (Hingabe unter Anrechnung auf die Gesamtleistung
oder ohne Anrechnung) entstehende, vom Formalvertrag und vom Realvertrag zu trennende
→ Vertrag.
Lit.: Köbler, DRG 91, 126, 164
Ars (F.) dictandi (lat.)
ist die seit dem 12. Jh. auftretende Bezeichnung für die Lehre vom Abfassen von
Briefen und Urkunden, die auf Grund der antiken Rhetorik und Grammatik am
Anfang des 12. Jh.s in Oberitalien ausgebildet wird ([lat.] Praecepta [N.Pl.]
dictamina 1111?).
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Rockinger, L., Über Briefsteller
und Formelbücher, 1861; Schmale, F., Die Bologneser Schule der ars dictandi, DA
13 (1967); Schaller, D., Baldwin von Viktring, DA 35 (1979)
Ars (F.) notaria (lat.)
ist die auf Grund antiker Vorläufer am Beginn des 13. Jh.s (ars notaria 1221)
in Oberitalien (Bologna) verselbständigte Lehre von der Beurkundung von Rechtshandlungen
([lat.] Formularium [N.] tabellionum 1200/5, Rainerius Perusinus 1226-1233,
Rolandus Passagerii [Summa Rolandina, 1255ff.]).
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Anselmi, A., Le scuole di
notariato in Italia, 1926
Artes (F.Pl.) liberales
(lat., Sg. ars liberalis) sind die in der römischen Antike auf der Grundlage
der griechischen Philosophie von Bürgern gepflegten Wissenschaftsfächer
(Grammatik, Rhetorik, Dialektik als sog. Trivium, Arithmetik, Geometrie,
Astronomie und Musik als sog. Quadrivium), die im Mittelalter den Gegenstand
der artistischen Fakultät der Universität bilden (schätzungsweise 200000
Studierende in Deutschland im Mittelalter ohne späteren Übertritt in eine der
drei höheren Fakultäten, 50-70 Prozent ohne Graduierung).
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Meyer, G., Die sieben freien
Künste im Mittelalter, 1886; Glorieux, P., La faculté des arts et ses maîtres
aux XIIIe siècle, 1971; Curtius, E., Europäische Literatur und lateinisches
Mittelalter, 9. A. 1978; Englisch, B., Die artes liberales im frühen
Mittelalter, 1994; Artisten und Philosophen, hg. v. Schwinges, R., 1999; Haage,
B./Wegner, W., Deutsche Fachliteratur der artes in Mittelalter und früher
Neuzeit, 2007
Articuli (M.Pl.) reprobati (lat.,
Sg. articulus reprobatus) sind die von Papst Gregor XI. am 8.. 4. 1374 auf
Betreiben des Augustinermönchs Johannes → Klenkok (Dekadikon, Magdeburg
1369) ohne wesentliche Auswirkung für nichtig erklärten 14 Artikel des →
Sachsenspiegels, die kirchliches Verfassungsrecht (Landrecht I 3 § 3, III 57 §
1, III 63 § 2), Verfahrensrecht (Landrecht I 18 §§ 2, 3, I 39, I 63 § 3, I 64,
II 12 § 10) und Privatrecht (Landrecht I 6 § 2, I 37, I 52 §§ 1, 2) betreffen.
Lit.: Köbler, DRG 117; Homeyer, C., Johannes Klenkok wider
den Sachsenspiegel, Abh. d. Ak. d. Wiss. Berlin, phil.-hist. Kl. 1855, 1856,
377; Böhlau, H., Zur Chronologie der Angriffe Klenkoks, ZRG GA 4 (1883), 118;
Brünneck, W. v., Zur Geschichte der articuli reprobati im Ermlande, ZRG GA 31
(1910), 426; Kirche und Staat, hg. v. Eichmann, E., Bd. 2 1914, Neudruck 1968,
159ff.; Kullmann, J., Klenkok und die „articuli reprobati“ des Sachsenspiegels,
Diss. jur. Frankfurt am Main 1959; Oppitz, K., Deutsche Rechtsbücher des
Mittelalters, Bd. 1 1990, 28; Der Sachsenspiegel als Buch, hg. v.
Schmidt-Wiegand, R. u. a., 1991; Ocker, C., Johannes Klenkok, 1993
articulus (lat.
[M.]) Artikel
Artikel
(M.) Gliedchen, Abschnitt
Artikelbrief ist der in Abschnitte
gegliederte Brief (z. B. Dienstvertrag für Söldner, Kriegsartikel, Zunftbrief,
Forderungen der Bauern 1525).
Lit.: Pelz, S., Die
preußischen und reichsdeutschen Kriegsartikel, Diss. jur. Hamburg 1979;
Seebass, G., Bundesordnung und Verfassungsentwurf, 1988
Artikelprozess ist der im Spätmittelalter entwickelte römisch-kanonische Zivilprozess, bei dem der Kläger nach der Erhebung der Klage und nach Durchführung der Streitbefestigung seinen Vortrag in scharf abgegrenzte Behauptungen einzelner Tatsachen ([lat. F.Pl.] positiones [bzw. articuli]) zerlegen (wahr, dass) und der Beklagte dazu einzeln Antworten ([lat. F.Pl.] responsiones, glaubt wahr bzw. glaubt nicht wahr) geben muss, so dass sich (aus diesen auch als Artikel bezeichneten Positionen und Responsionen) leicht(er) das Bestrittene und vom Kläger zu Beweisende ermitteln lässt. Der A. wird bereits von der Reichskammergerichtsordnung des Jahres 1496 (Art. 12, ähnlich 1555, 1570) übernommen, wegen seiner Schwerfälligkeit unter dem Einfluss des sächsischen Prozesses durch den jüngsten Reichsabschied von 1654 aber bis auf die noch im 19. Jh. erlaubten Beweisartikel wieder aufgegeben (vgl. aber Obliegenheit der Darlegung der Bestrittenheit oder Nichtbestrittenheit von Tatsachen für den Beklagten der Gegenwart).
Lit.: Linde, v., Lehrbuch des deutschen gemeinen
Zivilprozesses, 7. A. 1850; Wetzell, G., System des ordentlichen
Zivilprozesses, 3. A. 1878; Budischin, J., Der gelehrte Zivilprozess, 1974;
Wiegand, W., Studien zur Rechtsanwendungslehre der Rezeptionszeit, 1977;
Oestmann, P., Rechtsvielfalt vor Gericht, 2002; Lepsius, S., Von Zweifeln zur
Überzeugung, 2003
Artushof ist das von dem sagenhaften
britischen König Artus (um 500) abgeleitete gesellschaftliche Bürgernetzwerk in
Hansestädten (z. B. Danzig 1350) bzw. das ihm dienende Gebäude.
Lit.: Selzer, S., Artushöfe im Ostseeraum, 1996
Arumaeus (van Arum), Dominikus (Leeuwarden 1579-Jena 24. 2. 1637) wird nach Studien in Franeker, Oxford, Rostock und Jena dort 1600 promoviert und 1602 zum außerordentlichen Professor (1605 ordentlicher Professor) ernannt. Er begründet die sich an deutschen Quellen ausrichtende, methodisch gemeinrechtlich arbeitende Reichsstaatsrechtslehre, innerhalb deren er das Reich als eine ständisch mitbestimmte Monarchie ansieht.
Lit.: Arumaeus, D., Commentarius de comitiis
Romano-Germanici Imperii, 1630; Hoke, R., Die Reichsstaatsrechtslehre des Johannes
Limnaeus, 1968; Stolleis, M., Geschichte des öffentlichen Rechts in
Deutschland, Bd. 1 1988; Friedrich, M., Geschichte der deutschen
Staatsrechtswissenschaft, 1997
Arzt ist der wissenschaftlich
vorgebildete Heilkundige.
Lit.: Niederhellmann,
A., Arzt und Heilkunde in den frühmittelalterlichen Leges, 1983; Täterschaft,
Strafverfolgung, Schuldentlastung, hg. v. Böhm, B. 2007; Laufs,
A./Katzenmeier, C./Lipp, V., Arztrecht, 6. A. 2009
As (lat. [N.]) ist eine römische Geldeinheit.
Asega ist eine
Figur der (hoch)mittelalterlichen altfriesischen (Hunsigoer, Emsigoer, Fivelgoer,
Rüstringer und Westerlauwerschen) Rechtsquellen (17 Küren und 24 Landrechte),
deren Alter (vorfränkisch?, nachkarolingisch?) und Bedeutung
(Gesetzessprecher?, Urteilsfinder?, Rechtskenner) umstritten sind.
Lit.: Jaekel, H., Abba, asega und redjeva, ZRG GA 27
(1906), 114; Gerbenzon, P., Der altfriesische asega, der altsächsische eosago
und der althochdeutsche esago, TRG 41 (1973), 75; Köbler, G., Zu Alter und
Herkunft des friesischen asega, TRG 41 (1973), 93
Asien ist der von Europa bis zum
Pazifik reichende, u. A. Indogermanen, Mongolen, Chinesen und Japaner
beherbergende Kontinent.
Lit.: Krieger, M., Geschichte Asiens, 2003
Askanier ist der Angehörige eines ursprünglich alemannisch-fränkischen Geschlechts, das um 1000 am Harz erscheint. Unter Albrecht dem Bären († 1170) betreibt es die Ostsiedlung und erwirbt 1180 das Herzogtum Sachsen (Gebiet um Wittenberg). Die brandenburgischen Güter der A. fallen 1319 an die → Wittelsbacher, die wittenbergischen 1422 (mit der 1356 in der Goldenen Bulle gesicherten Kurfürstenwürde) an die → Wettiner und die lauenburgischen 1689 an die → Welfen.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, Historisches Lexikon;
Diederichs, A., Erbe und Erben Albrechts des Bären, VuG 28 (1938); Schmidt, E.,
Die Mark Brandenburg unter den Askaniern, 1973; Marcus, P., Herzog Bernhard von
Anhalt, 1993; Partenheimer, L., Albrecht der Bär, 2001
assecuratio (lat.
[F.]) → Versicherung
Assekuranz ist die
wohl im 17. Jh. aus Italien übernommene, im 19. Jh. verdrängte Bezeichnung für
die → Versicherung.
Assessor
ist in der Spätantike der Rechtsberater hoher Amtsträger, seit dem 15. Jh.
(?) der rechtsgelehrte Beisitzer eines Gerichts (z. B. des königlichen Kammergerichts
oder seit 1495 des Reichskammergerichts), seit der zweiten Hälfte des 19. Jh.s
der Anwärter auf eine feste Anstellung im höheren Staatsdienst.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG
153; Smend, R., Das Reichskammergericht, 1911; Jahns, S., Das
Reichskammergericht und seine Richter, Bd. 1f. 2003ff.; Mader, E., Die letzten
Priester der Gerechtigkeit, 2005
Assise (mlat. [F.]
assisa) ist die Versammlung und die Gesamtheit der dort beschlossenen
Rechtssätze vor allem in Frankreich und England (z. B. Assise regum regni
Sicilie [von Ariano] 1140, Assise sur la ligece um 1165, Assize of Clarendon
1166 Assize of novel disseisin, Assize of Northampton 1176, Grand Assize 1179,
Assize of Woodstock 1184,). In England entwickelt sich daraus die Laienjury,
die in Frankreich nach 1789 übernommen wird. Demgegenüber sind die Assisen von
Jerusalem private Sammlungen von Abhandlungen über das Recht des Königreichs
Jerusalem und Zyperns in französischer Sprache des 13. Jh.s.
Lit.: Köbler, DRG 108; Stenton, D., The Earliest
Northamptonshire Assize Rolls, 1940; Grandclaude, M., Etude critique sur les
livres des Assizes de Jérusalem, 1923; Dilcher, H., Normannische Assisen und
römisches Recht, 1966; Dilcher, H., Die sizilianische Gesetzgebung Kaiser
Friedrichs II., 1975; Jenks, S., Die Assisen von Clarendon (1166) und
Northampton (1176), Ius commune 21 (1994), 149
Asso y del Río, Ignacio
(1742-1804) begründet 1771 mit den (span.) Instituciones (F.Pl.) del derecho
civil de Castilla ein aus partikularer Rechtssatzung schöpfendes, neben das
römische Recht tretendes gemeines spanisches (kastilisches) Privatrecht, das
begrifflich und systematisch noch römischrechtlich geprägt ist.
Lit.: Mora, C., Vida y obra de Don
Ignacio de Asso y del Río, 1972
Assyrer ist der Angehörige des vom 2. Jahrtausend
v. Chr. an im vorderen Orient bedeutenden, im späten 7. Jh. v. Chr. den Medern
und Persern unterliegenden Volks.
Lit.: Cancik-Kirschbaum, E., Die
Assyrer, 2003
Asyl (N.) unverletzlich(er Ort),
Zuflucht → Asylrecht
Asylrecht ist das Recht der geschützten Zuflucht (politisch) Verfolgter. In griechischer und späterer römischer Zeit besteht das sakral-magisch geprägte Recht, einem Täter an einem heiligen Ort vorübergehend Schutz zu gewähren, für Tempel und wird von dort im 5. Jh. auf christliche → Kirchen übertragen. Ob eine ähnliche Einrichtung auch den Germanen bekannt ist, lässt sich nicht feststellen. Die wohl durch römisch-christliches Vorbild geprägte karolingische Zeit schränkt das A. auf noch nicht verurteilte Täter und auf bestimmte Fristen ein. Örtlich wird später die Möglichkeit des Asylrechts auf Friedhof, Kloster, Pfarrhaus, Richterhaus usw. erweitert. Der neuzeitliche Staat schafft das A. bis zum Ende des 18. Jh.s als geordneter Rechtspflege entbehrlich bzw. entgegenstehend ab (Frankreich 1539, England 1625, Österreich 1787). Danach gewährt er aber selbst politisch Verfolgten Schutz vor Verfolgung in einem Verfolgerstaat (Art. 16 GG 1949).
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 259; Bindschedler, R.,
Kirchliches Asylrecht (Immunitas ecclesiarum localis) und Freistätten in der
Schweiz, 1906; Mittermaier, H., Die geschichtliche Entwicklung des Asylrechts,
Diss. jur. München 1950; Henßler, O., Formen des Asylrechts, 1954; Kimminich,
O., Die Geschichte des Asylrechts, 1978; Siems, H., Zur Entwicklung des
Kirchenasyls, (in) Libertas, 1991, 139; Reiter, H., Politisches Asyl im 19.
Jahrhundert, 1992; Theler, J., Asyl in der Schweiz, 1995; Gamauf, R., Ad
statuam licet confugere, 1999; Backsmann, K., Das Asylrecht in Preußen, Diss.
jur. Bonn 2000; Fruscione, D., Das Asyl bei den germanischen Stämmen im frühen
Mittelalter, 2003; Bammann, K., Im Bannkreis des Heiligen, 2002; Das antike
Asyl, hg. v. Dreher, M., 2003; Derlien, J., Die religiöse und rechtliche
Begründung der Flucht zu sakralen Orten, 2003; Traulsen, C., Das sakrale Asyl
in der alten Welt, 2004
Aszendent (M.)
Verwandter in aufsteigender Linie (z. B. Vater, Großmutter, Urgroßtante),
Gegensatz Deszendent
Athen ist der griechische, seit dem 7. Jh. erkennbare Stadtstaat in Attika, in dem Drakon (624) und Solon (594) gesetzgeberisch tätig werden. 508/507 geht A. zur → Demokratie über. Im 4. Jh. könnte A. rund 30000 erwachsene Bürger gehabt haben. 338 wird A. von Makedonien besiegt. 86 v. Chr. fällt es unter Sulla an die Römer, 1456 an die Osmanen (Türken). Nach dem griechischen Befreiungskampf wird es 1834 Hauptstadt Griechenlands und erhält 1837 eine Universität.
Lit.: Lipsius, J., Das attische Recht, Bd. 1ff. 1905ff.,
Neudruck 1984; Meyer-Laurin, H., Gesetz und Billigkeit im attischen Prozess, 1965;
Wolff, H., „Normenkontrolle“ und Gesetzesbegriff, 1970; Mac Dowell, D., The Law
in Classical Athens, 1978, 4. A. 1995; Bötig,
K., Athen, 3. A. 1981; Rhodes, P., The Athenian Boule, 2. A. 1985; Welwei,
K., Athen, 1992; Bleicken, J., Die athenische Demokratie, 2. A. 1994; Die
athenische Demokratie, hg. v. Eder, W., 1995; Hansen, M., Die athenische
Demokratie, 1995; Habicht, C., Athen, 1995; Cohen, D., Democracy and individual
rights in Athens, ZRG RA 114 (1997), 27; Wesel, U., Geschichte des Rechts, 3. A.
2006; Lehmann, G., Oligarchische Herrschaft im klassischen Athen, 1997;
Figueira, T., The Power of Money, 1998; Hurwit, J., The Athenian Acropolis,
1999; Welwei, K., Das klassische Athen, 1999; Funke, P., Athen in klassischer
Zeit, 1999; Dreyer, B., Untersuchungen zur Geschichte des spätklassischen
Athen, 1999; Knell, H., Athen im 4. Jahrhundert, 2000; Große Prozesse im
antiken Athen, hg. v. Burckhardt, L./Ungern-Sternberg, J. v., 2000; Law and
Social Status in Classical Athens, hg. v. Hunter, V. u. a., 2000; Cohen, E.,
The Athenian Nation, 2000; Dreher, M., Athen und Sparta, 2001; Wilson, P., The
Athenian Institution of the Khoregia, 2002; Tießler-Marenda, E., Einwanderung
und Asyl bei Hugo Grotius, 2002; Demokratie, Recht und soziale Kontrolle im
klassischen Athen, hg. v. Cohen, D., 2002; Schulz, R., Athen und Sparta, 2003;
Pabst, A., Die athenische Demokratie, 2003; Schubert, C., Athen und Sparta,
2003; Goette, H./Hammerstaedt, J., Das antike Athen, 2004; Sinn, U., Athen,
2004; Flaig, E., Der verlorene Gründungsmythos der athenischen Demokratie, HZ
279 (2004), 36; Karakostas, I., König Otto, die Otto-Universität von Athen und
ihre juristische Fakultät, 2007
Atlantikcharta ist
die am 14. 8. 1941 von dem amerikanischen Präsidenten Wilson und dem britischen
Premierminister Churchill auf einem Schiff im Atlantik vereinbarte Erklärung
über die Grundsätze der Politik (Verzicht auf Aggression, Entwaffnung von
Aggressionsstaaten, Selbstbestimmungsrecht der Völker, Gleichberechtigung im
Welthandel, Freiheit der Meere), die von den Vereinten Nationen übernommen
wird.
Atomrecht ist die
Gesamtheit der Atome besonders betreffenden Rechtssätze (z. B. Deutschland 1959
Atomgesetz).
Lit.: Winters, K., Atom- und Strahlenschutzrecht, 1978
Attentat ist der
gewaltsame Angriff Einzelner auf einen Staat aus politischen Gründen.
Lit.: Kellerhoff, S., Attentäter, 2003
Aubry, Charles
(1803-1883) übersetzt 1838 als Professor in Straßburg zusammen mit Frédéric
Charles Rau die vierte Auflage von Karl-Salomon Zachariäs Handbuch des französischen
Zivilrechts (1837) aus dem Deutschen ins Französische und entwickelt hieraus in
der Folge die führende Darstellung des französischen Privatrechts des 19. Jh.s.
Lit.: Beudant, C./Gaudemet, E.,
Inauguration d’un moment à la mémoire de Aubry et Rau, 1923
Auctor (lat. [M.])
ist im römischen Recht der Vormann eines Gewalthabers einer Sache, auf den sich
dieser berufen kann, wenn ein anderer als Eigentümer von ihm die Sache
verlangt. Scheitert die Verteidigung durch den a., kann der angegriffene Gewalthaber
vom a. den doppelten Kaufpreis verlangen.
Lit.: Kaser § 25; Söllner § 8; Köbler,
DRG 24; Köbler, LAW
auctoritas (lat.
[F.]) Ansehen, Zustimmung, (z. B. eines [lat., M.] tutor zu einem Geschäft
eines [lat., M.] pupillus bei Vornahme des Geschäfts)
Auctor (M.) vetus de beneficiis
(lat.) ist das in lateinischer Reimprosa abgefasste Rechtsbuch mit Grundsätzen
des Lehnrechts, das (in wortgetreuer Übersetzung) in der ersten Hälfte des 14.
Jh.s (um 1300?) die Grundlage des mitteldeutschen → Görlitzer Rechtsbuches
bildet. Es ist streitig, ob der A. v. die Urfassung des Lehnrechts des Sachsenspiegels
(oder eine im frühen 14. Jh. aus einer deutschen Fassung entstandene
lateinische Übersetzung) darstellt oder auf sie unmittelbar zurückgeht. Alle
Handschriften sind verschollen. Die Überlieferung besteht in Drucken von 1569
(Havichorst), 1692 (Auszüge, Freher) und 1708 (Thomasius). Möglicherweise
enthält der A. v. ursprünglich auch Landrecht in lateinischer Fassung. Der A.
v. kennt ein Volljährigkeitsalter von 24 Jahren (I 65), während der
Sachsenspiegel im Landrecht eine Volljährigkeit von 21 Jahren aufweist (I 42 §
1). Ihm fehlen Sätze späterer Ergänzungen des Sachsenspiegels in jüngeren
Bearbeitungsstufen.
Lit.: Köbler, DRG 103; Moeller, R., Noch einmal der Vetus
auctor de beneficiis und der Sachsenspiegel, ZRG GA 38 (1917), 309; Eckhardt,
K., Die Volljährigkeitsgrenze von 24 Jahren, ZRG GA 61 (1941), 4; Auctor vetus
de beneficiis, hg. v. Eckhardt, K., 1964; Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des
Mittelalters, Bd. 1 1990, 27; Recht und Verfassung im Übergang vom Mittelalter
zur Neuzeit, hg. v. Boockmann, H. u. a., 1 1998
Audiatur et altera pars (lat.). Auch die andere Seite muss (gerechterweise stets) gehört
werden (vorrömisch, belegt 1580).
Lit.: Rüping, H., Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs,
1976; Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 7. A. 2007; Coenraad, L., Het
beginsel van hoor en wederhoor in het Romeinse procesrecht, 2000; Zur Erhaltung
guter Ordnung, hg. v. Hausmann, J. u. a., 2000
Auditor (M.) Zuhörer, Hörer
Lit.: Hülle, W., Das
Auditoriat in Brandenburg-Preußen, 1971
Aufgebot ist allgemein die öffentliche Aufforderung zu einem Verhalten (z. B. A. zum Heeresdienst), insbesondere die (mehrfache) öffentliche, vielfach gerichtliche Aufforderung an unbekannte oder an unbekanntem Ort weilende Beteiligte, zwecks Verhinderung eines Rechtsverlusts vor einer beabsichtigten Änderung der Rechtslage Tatsachen anzugeben oder Rechte geltend zu machen. Ähnliche Vorgangsweisen erscheinen bereits in fränkischer Zeit (z. B. bei Vollstreckung in Grundstücke). Im Mittelalter finden sie vermehrt Anwendung (z. B. bei Aneignung gefundener beweglicher Sachen oder bei der Suche nach unbekannten Erben). Ein A. vor einer Eheschließung fordert nach älteren Ansätzen das vierte Laterankonzil 1215. Mit der Rezeption römischrechtlicher Regelungen entwickelt sich die → Ediktalzitation, bei der jemand binnen einer Frist Klage zu erheben hat, wenn er sein Recht nicht verlieren will. Allgemein geordnet wird das A. in der preußischen → Allgemeinen Gerichtsordnung (1793) und in der deutschen Zivilprozessordnung (1877/1879). Das A. vor einer weltlichen Eheschließung wird in Deutschland und Österreich am Ende des 20. Jh.s beseitigt bzw. eingeschränkt.
Lit.: Haase, E., Über Ediktalladungen und Ediktalprozess,
1871; Daude, E., Das Aufgebotsverfahren, 5. A. 1930, VIII
Aufklärung ist
allgemein die Aufhellung eines dunkleren Zustands. Unter Bezugnahme auf einen
auf Befreiung von nicht vernunftgemäß zu begründenden Ansichten gerichteten
Erkenntnisvorgang durch selbständiges unvoreingenommenes Denken wird die
gesellschaftskritische Geistesbewegung des 17./18. Jh.s A. genannt (frühe
Anfänge im letzten Drittel des 17. Jh.s). Vorbereitend hierfür wirken
Renaissance, Humanismus und Reformation. Als Denkverfahren werden →
Empirismus und → Rationalismus verwendet. Bewusst wird die Einbeziehung
immer breiterer Kreise (des Publikums) gesucht. Im Recht entspricht dem
Gedankengang der A. die Anerkennung eines weltlichen → Naturrechts (→
Vernunftrechts), das in die Kodifikationen des → Allgemeinen Landrechts
Preußens (1794), des → Code civil Frankreichs (1804) und des →
Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuchs Österreichs (1811/
1812) Eingang findet,
und die Ablehnung von Folter, Hexenprozess, Leibesstrafen einerseits und das
Verlangen nach Gewaltenteilung, Teilhabe an der Macht, Grundrechten, Verfassung
und Volkssouveränität andererseits. In der Verwaltung entsteht aus der A. die
Funktionalität anstrebende Kameralwissenschaft. In der Wirtschaft geht es in
der A. um größtmöglichen Wohlstand. Politisch führt die A. zum aufgeklärten →
Absolutismus (Friedrich der Große in Preußen, Joseph II. in Österreich,
Großherzog Leopold in Toskana) bzw. zur Revolution in Frankreich vom 14. 7.
1789. Die vollständige Umsetzung aller Ziele in politische Handlung gelingt
nicht.
Lit.: Kroeschell, DRG 2, 3; Köbler, DRG 136, 157, 161, 206;
Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1 1972, 243; Valjavec, F., Geschichte der
abendländischen Aufklärung, 1961; Schulze, R., Policey und Gesetzgebungslehre
im 18. Jahrhundert, 1982; Bosshard, H., Pestalozzis Staats- und
Rechtsverständnis und seine Stellung in der Aufklärung, 1983; Aufklärung, hg.
v. Hinrichs, E., 1985; Aufklärung als Politisierung - Politisierung der
Aufklärung, hg. v. Bödeker, H. u. a., 1987; Aufklärung und
Geheimgesellschaften, hg. v. Reinalter, H., 1989; Im Hof, U., Das Europa der
Aufklärung, 1993; Böhme, H., Politische Rechte des Einzelnen in der
Naturrechtslehre, 1993; Lexikon der Aufklärung, hg. v. Schneiders, W., 1995; Vierhaus,
R., Was war Aufklärung?, 1995; Universitäten der Aufklärung, hg. v.
Hammerstein, N., 1996; Schneiders, W., Das Zeitalter der Aufklärung, 1997;
Aufklärung-Vormärz-Revolution, hg. v. Reinalter, H., 1997; Der Illuminatenorden
(1776-1785/87), hg. v. Reinalter, H., 1997; Cattaneo, M., Aufklärung und
Strafrecht, hg. v. Vormbaum, T., 1998; Sweetman, J., The Enlightenment and the
Age of Revolution, 1998; The Enlightenment, hg. v. Williams, D., 1999;
Toleration in Enlightenment Europe, hg. v. Grell, O. u. a., 1999; Aufklärung –
Vormärz – Revolution, hg. v. Reinalter, H., 2000; Böning, H./Siegert, R.,
Volksaufklärung, Bd. 2 2000; Alt, P., Aufklärung, 2. A. 2001; Lexikon der
Aufklärung, hg. v. Schneiders, W., 2001; The Enlightenment in Europe, hg. v.
Schneiders, W., 2003; Bürgerliche Freiheit und christliche Verantwortung, hg.
v. De Wall, H., 2003; Les Lumières et leur combat, hg. v. Mondot, J., 2004;
Borgstedt, A., Das Zeitalter der Aufklärung, 2004; Goldenbaum, U., Appell an
das Publikum, 2004; Asbach, O., Staat und Politik zwischen Absolutismus und
Aufklärung, 2005; Fichte und die Aufklärung, hg. v. De Pascale, C., 2005;
Körber, E., Die Zeit der Aufklärung, 2006; Israel, J., Enlightenment Contested,
2006
Auflassung ist die
Öffnung eines Grundstücks für einen Erwerber. Sie erfolgt zunächst durch
tatsächliches, möglicherweise rechtsförmliches Eröffnen des Grundstücks, später
durch eine Erklärung vielleicht unter notwendiger Wahrung bestimmter Formen
(außerhalb des Grundstücks, wissenschaftlich als zweiter Teil der Investitur
eingeordnet, Besitzaufgabe). Seit dem 13. Jh. wird A. zur Bezeichnung für die
Grundstücksübereignung insgesamt. Häufig erfolgt sie gerichtlich. Während der
Aufnahme des römischen Rechts in der frühen Neuzeit wird die A. zurückgedrängt.
Im 19. Jh. dringt sie wieder vor. Im deutschen bürgerlichen Gesetzbuch (1900)
ist sie die Bezeichnung für den von Savigny (1779-1861) entwickelten
dinglichen Vertrag über den Eigentumsübergang an Grundstücken, zu dem die
Eintragung der Eigentumsänderung in das Grundbuch hinzukommen muss, wobei die
gesamte Übereignung bei Fehlen eines Grundgeschäfts als ungerechtfertigte Bereicherung
rückgängig gemacht werden kann.
Lit.: Hübner 205, 259f., 262; Kroeschell, DRG 1, 2; Stobbe,
O., Die Auflassung des deutschen Rechts, Jh. Jb. 22 (1873), 137; Lehmann, K.,
Die altnordische (altnorwegisch-altisländische) Auflassung, ZRG GA 5 (1884),
84; Lehmann, K., Zur nordgermanischen Auflassung, ZRG GA 11 (1890), 255;
Schmidt, W., Die Auflassung im Mittelalter, Diss. jur. München 1932; Voser, P.,
Die altdeutsche Leigenschaftsübereigung, 1952; Köbler, G., Verzicht und
Renuntiation, ZRG GA 85 (1968); Buchholz, S., Abstraktionsprinzip und
Immobiliarrecht, 1978; Joswig, D., Die germanische Grundstücksübertragung,
1984; Steppan, M., Das bäuerliche Recht an der Liegenschaft, 1995; Wieling, H.,
Wie Kaiser Konstantin die germanische Auflassung erfand, ZRG GA 124 (2007), 287
Aufnehmen des
Kindes (in die Familie) ist der in frühmittelalterlichen Volksrechten erkennbare,
nach der Geburt vielleicht notwendige förmliche Rechtsakt, durch den ein
neugeborenes Kind Mitglied der Rechtsgemeinschaft wird und deshalb danach
nicht mehr ausgesetzt werden kann. Unter dem Einfluss des Christentums
verschwindet dieses besondere A.
Lit.: Hübner 52f., 699; Coulin, A., Der nasciturus, ZRG GA
31 (1910), 131
Aufopferung ist die
Beseitigung eines einzelnen Rechtes zugunsten der Allgemeinheit oder eines
begünstigten Dritten, für die seit der Aufklärung Ersatz zu leisten ist (vgl. §
75 Einl. ALR).
Lit.: Köbler, DRG 259; Niesler, A., Aufopferung und
Enteignung vom ALR bis zur WRV, Juristische Zeitgeschichte 8 (2007), 128ff.
Aufrechnung ist die
schon der römischen klassischen Jurisprudenz als prozessual geltend zu machende
(lat. [F.]) → compensatio bekannte, wechselseitige Tilgung zweier sich
gegenüberstehender gleichartiger Forderungen durch Verrechnung (Verurteilung
nur auf einen vorhandenen Überschuss bzw. [lat.] exceptio [F.] doli zur
Überprüfung der Gegenforderung). Das ältere deutsche Recht kennt anscheinend
einen besonderen Aufrechnungsvertrag. Eine A. durch einseitige Erklärung
entsteht wohl unter römischrechtlichem Einfluss im Spätmittelalter. Später
genügt auf Grund eines Ansatzes des Glossators Martinus eine bloße Aufrechnungslage
für das Erlöschen der gegenüberstehenden Ansprüche (ALR I 16 § 301, Cc 1290,
ABGB § 1348). Seit dem späteren 19. Jh. wird die A. als einseitiges Rechtsgeschäft
eingeordnet und wieder eine Aufrechnungserklärung verlangt.
Lit.: Kaser § 53; Köbler, DRG 43, 125; Dernburg, H.,
Geschichte und Theorie der Compensation, Neudruck 1965, 2. A. 1968; Prausnitz,
O., Die Geschichte der Forderungsverrechnung, 1928; Pielemeier, K., Das
Aufrechnungsverbot des § 393 BGB, 1988; Halbwachs, V., Ipso iure compensatur, hg.
v. Thier, A. u. a., 1999; Pichonnaz, P., La compensation, 2001
Auftrag ist im
römischen Recht die als (lat. [N.]) → mandatum bezeichnete Übernahme der
unentgeltlichen Besorgung eines fremden Geschäfts (eines Auftraggebers oder Mandanten
durch einen Auftragnehmer oder Mandatar), die wohl auf sittliche Pflichten zum
Tätigwerden für einen Nachbarn zurückgeht, wobei diesem A. mangels der
Möglichkeit unmittelbarer Stellvertretung keine Vollmacht entspricht (höchstpersönlicher
Konsensualkontrakt). Im deutschen Recht scheint der A. zunächst keine besondere
Rolle gespielt zu haben. Nach der Rezeption des römischrechtlichen Mandats
wird am Ende des 19. Jh.s zwischen A. als Innenverhältnis und Vollmacht als
Rechtsmacht gegenüber Dritten (Außenverhältnis) unterschieden (§ 788 SächsBGB
1863, § 662 BGB 1896).
Lit.: Kaser § 4; Söllner §§ 9, 17, 18; Hübner; Kroeschell,
DRG 3; Müller, U., Die Entwicklung der direkten Stellvertretung, 1969;
Albrecht, G., Vollmacht und Auftrag, 1970; Coing, H., Europäisches Privatrecht,
Bd. 1f. 1985ff.; Amann, P., Abgrenzung und Anwendungsbereich von Dienstvertrag,
Werkvertrag und Auftrag in der Entstehungsgeschichte des Bürgerlichen
Gesetzbuches, Diss. jur. Bielefeld 1987; Grau, U., Historische Entwicklung und
Perspektiven des Rechts der öffentlichen Aufträge, 2004
Aufwertung ist die
Erhöhung eines Wechselkurses einer Währung im Verhältnis zum Goldwert oder zu
anderen Währungen. Daneben wird auch die Erhöhung des Nennbetrages einer
Geldschuld, die in Einheiten einer entwerteten Währung ausgedrückt ist,
entsprechend der Kaufkraft bei der Begründung des Schuldverhältnisses als A.
bezeichnet (z. B. Aufwertungsentscheidung des Reichsgerichts vom 28. 11.
1923, 3. Steuernotverordnung vom Februar 1924 auf Grund der Inflation,
Aufwertungsgesetz vom Juli 1925) im Deutschen Reich.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh. 50; Mügel, O., Die Entwicklung
der Aufwertungslehre des Reichsgerichts, DJZ 1928, 29ff.; Klemmer, M.,
Gesetzesbindung und Richterfreiheit in den Entscheidungen des Reichsgerichts
in Zivilsachen, 1996; Scholz, R., Analyse der Entstehungsbedingungen der
reichsgerichtlichen Aufwertungsrechtsprechung, 2001; Chlosta, C., Nur dem
Gesetz unterworfen?, 2005
Aufzeichnung ist die Umwandlung von Gedachtem
oder Gesprochenem in Schrift oder andere weniger schnell vergängliche Mittel. → Schriftlichkeit
Auge ist das dem Sehen dienende
Sinnesorgan von Tieren und Menschen, das auch als Zeichen der alles sehenden
Gerechtigkeit verwendet werden kann.
Lit.:
Deonna, W., Le symbolisme de l’oeil, 1965; Jaeger, W., Augenvotive, 1979;
Schleusener-Eichholz, G., Das Auge im Mittelalter, 1980; Geissmar, C., Das Auge
Gottes, 1993; Stolleis, M., Das Auge des Gesetzes, 2004
Augenschein ist die unmittelbare sinnliche Wahrnehmung. Der A. ist als Beweismittel bereits dem römischen Prozessrecht bekannt und findet auch im mittelalterlichen deutschen Prozess (insbesondere im Inquisitionsprozess) Verwendung (mhd. blickender schin, lat. evidentia ocularis). Seit dem 17. Jh. wird der A. wissenschaftlich erörtert.
Lit.: Kaser § 84; Hänel, A., Das Beweissystem des
Sachsenspiegels, 1858; Planck, J., Das deutsche Gerichtsverfahren im
Mittelalter, Bd. 2 1879; Holdefleiß, E., Der Augenscheinbeweis im
mittelalterlichen deutschen Strafverfahren, 1933
Auge um Auge, Zahn um
Zahn.
Lit.: Deutsche Rechtsregeln und Rechtssprichwörter, hg. v.
Schmidt-Wiegand, R., 1996, 39 (2. Moses 21, 22-25, Körte 1837)
Augen auf, Kauf ist Kauf ist wohl ein erst im 19. Jh. geschaffenes
Rechtssprichwort, das der Begründung des Ausschlusses der Sachmangelhaftung im
deutschen Recht dient.
Lit.: Vgl. Deutsche Rechtsregeln und Rechtssprichwörter, hg. v.
Schmidt-Wiegand, R., 1996, 2002, 38f.
Augsburg geht auf
den 45 n. Chr. auf einem Bergsporn zwischen Lech und Wertach gegründeten Vorort
Augusta Vindelicum der römischen Provinz Rätien zurück (um 121 n. Chr. [lat.
N.] municipium). Vielleicht ist es seit dem 4. Jh. (oder 5. Jh.) trotz
Zerstörung durch Germanen (5. Jh. Alemannen) Sitz eines seit dem 7. Jh. bzw.
738 nachweisbaren Bischofs. 1156 grenzt eine Urkunde Kaiser Friedrichs I.
Barbarossa die Rechte des Bischofs und die Rechte der Bürger voneinander ab.
1167/1168 lässt sich der Kaiser die Hochstiftsvogtei und die
Blutgerichtsbarkeit in A. übertragen. 1273 kommt die Vogtei an das Reich. 1276
zeichnet die Stadt ein eigenes, vom König bestätigtes Stadtrecht in
mittelhochdeutscher Sprache auf. Zu dieser Zeit entsteht wohl in A. eine
mittelhochdeutsche Fassung des Sachsenspiegels, die zu Deutschenspiegel und
sog. Schwabenspiegel weiterbearbeitet wird. 1294 erhält A. ein
Nichtevokationsprivileg König Adolfs von Nassau. An der Wende des Mittelalters
zu Neuzeit wirkt von A. aus die Kaufmannsfamilie Fugger. 1555 wird in A. der
Augsburger Religionsfriede geschlossen. Bis 1805 bleibt das zu einem
europäischen Handelsmittelpunkt aufsteigende A. danach Reichsstadt, bis es am
26. 12. 1805 durch den Vertrag von Pressburg
an Bayern fällt.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Das Stadtbuch von
Augsburg, hg. v. Meyer, C., 1872; Urkundenbuch der Stadt Augsburg, hg. v.
Meyer, C., 1874ff.; Berner, E., Zur Verfassungsgeschichte der Stadt Augsburg,
1876; Hellmann, F., Das Konkursrecht der Reichsstadt Augsburg, 1905; Wolff, A.,
Gerichtsverfassung und Prozess im Hochstift Augsburg in der Rezeptionszeit,
Archiv für die Geschichte des Hochstifts Augsburg 4 (1913), 129; Steiger, H.,
Geschichte der Stadt Augsburg, 1941; Augusta 955-1955, 1955; Liedl, E.,
Gerichtsverfassung und Zivilprozess der freien Reichsstadt Augsburg, 1958;
Batori, J., Die Reichsstadt Augsburg im 18. Jahrhundert, 1969; Zorn, W.,
Augsburg, 2. A. 1972, 4. A. 2001; Schröder, D., Stadt Augsburg 1975; Geschichte
der Stadt Augsburg, hg. v. Gottlieb, G., 2. A. 1985; Fassl, P., Konfession,
Wirtschaft und Politik, 1988; Roeck, P., Eine Stadt in Krieg und Frieden, 1989;
Dietrich, R., Die Integration Augsburgs in den bayerischen Staat, 1993; Hecker,
H., Das Recht der Reichsstadt Augsburg, ZRG GA 113 (1996), 391; Augsburger
Buchdruck und Verlagswesen, hg. v. Gier, H. u. a., 1997; Künast, H., Getruckt
zu Augspurg, 1997; Müller, F., Bürgerliche Herrschaft in Augsburg, 1998;
Schorer, R., Die Strafgerichtsbarkeit in der Reichsstadt Augsburg, 2001; Roeck,
B., Geschichte Augsburgs, 2005
Augsburger Konfession
(Bekenntnis) ist die von Philipp Melanchthon für den Reichstag zu Augsburg
verfasste, am 25. 6. 1530 verlesene Bekenntnisschrift der lutherischen Kirche
mit 2 Teilen zu 21 und 7 Artikeln (im Gegensatz zum Helvetischen Bekenntnis).
Lit.: Hoffmann, G., Entstehungsgeschichte der Augustana, Z.
f. systemat. Theologie 15 (1938), 419
Augsburger Religionsfriede ist der im Reichsabschied des Heiligen römischen Reiches
(deutscher Nation) vom 25. 9. 1555 zwischen König Ferdinand I. (für Karl V.)
und den deutschen Reichsständen in Bezug auf die Religion nach dem Stand vom 2.
8. 1552 geschlossene Friede, der die freie Religionsausübung für Katholiken
und Lutheraner gewährleistet. Er sichert den Reichsständen (nicht aber ihren
Untertanen) die Freiheit der Bekenntniswahl zu ([lat.] → cuius regio,
eius religio). Gibt ein geistlicher Reichsstand den katholischen Glauben auf,
verliert er Gebiet und Kirchenamt ([lat.] → reservatum [N.]
ecclesiasticum). Das Auswanderungsrecht von Untertanen bereitet die
Religionsfreiheit vor. Der lückenhafte, widersprüchliche und auch mehrdeutige
A. R. kann weder die geistliche Einheit herstellen noch den Frieden dauerhaft
sichern, bildet aber die Grundlage des paritätischen Reichskirchenrechts bis
1806.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 130; Brandi, K., Der
Augsburger Religionsfriede, 2. A. 1927; Simon, M., Der Augsburger
Religionsfriede, 1955; Walder, E., Religionsvergleiche des 16. Jahrhunderts, 3.
A. 1974; Rabe, H., Der Augsburger Religionsfriede und das Reichskammergericht
1550-1600, 1976; Heckel, M., Deutschland im konfessionellen Zeitalter, 2. A.
2001; Gotthard, A., Der Augsburger Religionsfrieden, 2004; Heckel, M.,
Konfessionalisierung in Koexistenznöten, HZ 280 (2005), 647; Heckel, M.,
Politischer Friede, HZ 282 (2006), 391
Augsburger Vertrag
(Augsburger Transaktion) → Niederlande
Augustiner ist der
Anhänger des nach der im 8. Jh. entstandenen sog. Regel Augustins (354-430)
lebenden kirchlichen Ordens. Zu den Augustinern gehören die Augustiner-Eremiten
(Orden zwischen 1244 und 1256), während Augustinerchorherren (11. Jh.),
Prämonstratenser und Dominikaner nur auch nach der Regel Augustins leben.
Lit.: Verheijen, L., La règle de St. Augustin, 1967; Feine,
H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972; Gutiérrez,
D. u. a., Geschichte des Augustinerordens, 1975ff.; Cremona, C., Augustinus, 2.
A. 1995; Mönchtum, Orden, Klöster, hg. v. Schwaiger, G., 2003
Augustinus (354-430)
Lit.: Fuhrer, T., Augustinus, 2004;
Augustin Handbuch, hg. v. Drecoll, V., 2007
Augustus (Rom 23. 9. 63 v. Chr.–Nola bei Neapel 19. 8. 14 n. Chr.) Sohn einer Nichte Caesars, 44 n. Chr.
Adoptivsohn Caesars (ursprünglich Gaius Octavius, seit Adoption Gaius Iulius
Caesar, Ehrenname griech. sebastos, lat. augustus, Erhabener) verfolgt die
Mörder Caesars und wird 36 v. Chr. Herrscher im westlichen und 30 v. Chr.
Herrscher auch im östlichen Teil des römischen Reiches. Äußerlich stellt er
die republikanischen Zustände wieder her. Tatsächlich leitet er (27 v. Chr.)
mit seinem Prinzipat den Übergang zum Kaisertum ein. Seine Herrschaft wird als
(lat.) pax (F.) Augusta (augusteische Friedenszeit) erklärt. Für die Ehe
erlässt er gesetzliche Gebote und Verbote.
Lit.: Kienast, D., Augustus, 1982, 3. A. 1999; Eck, W.,
Augustus und seine Zeit, 1998; Bleicken, J., Augustus, 1998; Bringmann,
K./Schäfer, T., Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums, 2002;
Schlange-Schöningen, H., Augustus, 2005; Bringmann, K., Augustus, 2007
Auktion ist die
schon der Antike bekannte, dort rechtlich nicht besonders beachtete Veräußerung
einer (beweglichen) Sache an den Meistbietenden durch öffentlichen Aufruf. Sie
erhält sich in der Form der Vergabe von Steuern, Ämtern und Nutzungen an den
Meistbietenden in den romanischen Ländern. Im 13. Jh. dringt die A. gepfändeter
Güter eines nichtzahlenden Schuldners nach Mitteleuropa ein. Daneben findet
sich seit dem 14. Jh. die A. von Waren durch Großhändler, seit der Mitte des
17. Jh.s die A. fremdländischer Waren durch Kolonialgesellschaften. Wegen der
damit möglichen Missstände entstehen Ordnungsvorschriften, die mit Einführung
der Gewerbefreiheit im 19. Jh. wieder aufgegeben werden. Wegen der damit wieder
möglichen Missstände greift der Gesetzeber seit 1883 wieder ein (in Deutschland
u. a. 1960 § 34b GewO).
Lit.: Süßheim, M., Das moderne Auktionsgewerbe, 1900;
Durach, H., Die deutschen Großhandelsauktionen, 1960; Thielmann, G., Die
römische Privatauktion, 1961; Marx, H./Arens, H., Der Auktionator, 1992;
Schneider, A., Auktionsrecht, 1999; Spindler, G./Wiebe, A., Internet-Auktion,
2001
Aurich
Lit.: Conring, W., Die
Stadt- und Gerichtsverfassung der ostfriesischen Residenzstadt Aurich, Diss.
jur. Göttingen 1965
Ausbildung
Lit.: Elementarbildung
und Berufsbildung zwischen 1450 und 1750, hg. v. Hanschmidt, A. u. a., 2005
Ausbildungsförderung ist die Förderung der allgemeinen und beruflichen Bildung durch Geldleistungen seitens der Allgemeinheit. Sie ist eine Folge des Sozialstaatsgrundsatzes. Sie ist auf Herstellung der Chancengleichheit im Ausbildungsbereich gerichtet (in Deutschland 1957-1971 Honnefer Modell, 1971ff. Bundesausbildungsförderungsgesetz).
Lit.: Köbler, DRG 261
Ausbluten(lassen)
Lit.: Rau, K.,
Augsburger Kinderhexenprozesse, Diss. jur. Zürich 2003
Ausbürger ist der außerhalb der → Stadt lebende → Bürger.
Lit.: Domsta, H., Die Kölner Ausbürger,
1973
Auschwitz ist der Ort eines
Konzentrationslagers des Dritten Reichs. Ab 1963 werden in der Bundesrepublik
Deutschland Strafverfahren wegen dort verübter Verbrechen durchgeführt. Dabei
werden 22 Angeklagte zu Haftstrafen verurteilt, 3 freigesprochen.
Lit.: Langbein, H., Der
Auschwitzprozess, 1995; Werle, G./Wandres, T., Auschwitz vor Gericht, 1995
Ausdärmen ist das gelegentlich
angedrohte, kaum tatsächlich ausgeführte Töten eines Menschen durch
Herausziehen des Darmes aus dem Körper als Strafe.
Lit.: His, R., Das
Strafrecht des deutschen Mittelalters, 1920ff.; Rehfeldt, B., Todesstrafen und
Bekehrungsgeschichte, 1942
Ausgleich ist die 1867 unter maßgeblicher Beteiligung Franz Deáks (Söjtör 17. 10. 1803-Budapest 28. 1. 1876) für die Selbständigkeitsbestrebungen → Ungarns innerhalb der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie gefundene Lösung (ungarischer Gesetzesartikel XII:1867, österreichisches Delegationsgesetz vom 21. 12. 1867, RGBl. 1867, 146, betreffend die allen Ländern der österreichischen Monarchie gemeinsamen Angelegenheiten und die Art ihrer Behandlung, Umwandlung des Kaisertums Österreich in die österreichisch-ungarische Monarchie). Auf der Grundlage der kaiserlichen Anerkennung der Selbständigkeit und Unabhängigkeit Ungarns und der ungarischen Anerkennung der → Pragmatischen Sanktion (1723) wird dort festgelegt, dass den österreichischen und ungarischen Ländern der Herrscher, die auswärtigen Angelegenheiten, die Armee und das Finanzwesen (mit gewissen Einschränkungen) unter einem einheitlichen Ministerium gemeinsam sein sollen (gemeinsame pragmatische Angelegenheiten und dualistische Angelegenheiten, Trennung in kaiserlich und königliche k. u. k., kaiserlich-königliche k. k. und königlich ungarische k. ung. Organe). Das daraus erwachsende staatsrechtliche Verhältnis zu → Österreich wird teils als Gesamtreich oder Personalunion, teils als Realunion erklärt. 1918 wird Ungarn souverän.
Lit.: Köbler, DRG 265; Baltl/Kocher; Der
österreichisch-ungarische Ausgleich von 1867, 1967; Olechowski-Hrdlicka, K.,
Die gemeinsamen Angelegenheiten der österreich-ungarischen Monarchie, 2001
Aushebung (F.) Auswahl von Soldaten bei
Wehrpflicht
Lit.: Schulze, W.,
Landesdefension und Staatsbildung, 1973
ausheischen (V.) herausverlangen, verlangen,
dass ein Streit von einem Gericht vor einem Oberhof (z. B. Ingelheim) zur
Sprache gebracht wird
Lit.: Gudian, G.,
Ingelheimer Recht im 15. Jahrhundert, 1968; Weitzel, J., Der Kampf um die
Appellation an das Reichskammergericht, 1976
Ausländer ist der aus einem anderen Land kommende und deswegen einem anderen Land angehörige → Fremde. Der A. erscheint als Folge der Bildung besonderer Länder im 13. Jh. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jh.s (um 1960) erweisen sich besondere Gesetze für A. (18. 4. 1965) als erforderlich (1991 Schengener Abkommen der Europäischen Gemeinschaften).
Lit.: Söllner §§ 6, 7, 8, 9; Kanein, W./Renner, G.,
Ausländerrecht, 5. A. 1992; Herbert, U., Geschichte der Ausländerpolitik in
Deutschland, 2001
Auslegung ist die
Ermittlung und Klarlegung des Bedeutungsgehaltes eines Umstandes, insbesondere
einer Erklärung. Sie ist bereits Bestandteil der römischen Rechtswissenschaft,
die das Zwölftafelgesetz ebenso auslegt wie einzelne Verträge oder Erklärungen.
Justininian verbietet 529/530/533 die A. seiner Kompilation (Const. 1, 14, 12,
Deo auctore 12, Const. Tanta 21). Nach der vorkritischen Hermeneutik der
Aufklärung und des Vernunftsrechts ist Verstehen die Regel und Missverstehen
die Ausnahme, weswegen die A. klarer und eindeutiger Rechtssätze ausgeschlossen
ist. Zulässig ist vor allem die erklärende Auslegung, während ausdehnende und
einschränkende A. ausgeschlossen sein können (z. B. Forster, V., Interpres,
1613, 2, 4). In der Neuzeit, vor allem seit dem 18. Jh. erscheinen vermehrt
Verbote der A. (Stadtrechtsreformation Nürnberg 1479/1484, Landrechtsreformation
Bayern 1518, Papst Pius IV. Benedictus Deus 1654, Ordonnance Frankreichs 1667,
Preußen 1746, 1794, ähnlich Österreich Codex Theresianus 1758 fertiggestellter
Teil, Frankreich Gesetze von 1790/1793). Nach der modernen Hermeneutik ist
Missverstehen die Regel, so dass auch scheinbar klare und eindeutige
Rechtssätze der A. bedürfen. In seinen methodologischen Darlegungen
unterscheidet am Beginn des 19. Jh.s Savigny vier Arten von A. (grammatisch,
historisch, systematisch und teleologisch).
Lit.: Kaser §§ 2 II 2, 3 V 1, 8 I;
Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 2, 17, 146, 229; Müller, H., Zur Geschichte der
bindenden Gesetzesauslegung, 1939; Schumacher, D., Das rheinische Recht in der
Gerichtspraxis des 19. Jahrhunderts, 1970; Conrad, H., Richter und Gesetz,
1971; Rüthers, B., Die unbegrenzte Auslegung, 1968, 6. A. 2005; Schott, C.,
Rechtsgrundsätze und Gesetzeskorrektur, 1975; Hübner, H., Kodifikation und
Entscheidungsfreiheit des Richters, 1980; Schröder, J., Gesetzesauslegung und
Gesetzesumgehung, 1985; Ogorek, R., Richterkönig oder Subsumtionsautomat?,
1986, Neudruck 2007; Savignyana, Bd. 2 Vorlesungen über juristische
Methodologie 1802-1842, hg. v. Mazzacane, A., 1993; Baldus, C., Regelhafte
Vertragsauslegung, 1998; Bergfeld, C., Entscheidungen des Reichsoberhandelsgerichts
und des Reichsgerichts zur Auslegung von Rechtsgeschäften, (in) Das Bürgerliche
Gesetzbuch und seine Richter, 2000, 625; Miersch, M., Der sog. référé
législatif, 2000; Vogenauer, S., Die Auslegung von Gesetzen in England und auf
dem Kontinent, 2001; Meder, S., Missverstehen und Verstehen, 2004; Haspl, R.,
Die Kontrolle der tatrichterlichen Auslegung von individuellen
Willenserklärungen durch die Rechtsmittelinstanz, 2008; Baldus, C., Historische
Auslegung in Rom?, Seminarium Complutense 20/21 (2007/2008), 85
Auslieferung ist die Beförderung von Sachen
oder Menschen von einem Ort an einen anderen Ort oder die Überlassung an
andere, meist gefährlichere Gegebenheiten. Das römische Recht kennt die A. von
Tieren oder Sklaven in der Form der Preisgabe zwecks Haftungsfreiheit des
Berechtigten oder Herren ([lat.] noxae datio [F.]). In der Neuzeit ist vor
allem die A. eines Straftäters von einem Staat an einen anderen Staat zwecks
Strafverfolgung oder Strafvollzug bedeutsam.
Lit,: His, R., Das
Strafrecht im deutschen Mittelalter, 1920
Auslobung ist das durch öffentliche Bekanntmachung erfolgende (seit dem 18. Jh.) einseitige Versprechen einer Belohnung für die Vornahme einer Handlung, das im 18. Jh. so benannt wird. Ursprünglich wird die Erklärung des Auslobens als Angebot an unbestimmte Personen angesehen.
Lit.: Dreiocker, K., Zur Dogmengeschichte der Auslobung,
Diss. jur. Kiel 1969; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.
Ausmärker ist der
außerhalb einer → Mark Wohnende, der nur ausnahmsweise an einer Mark
berechtigt ist. Seit dem Spätmittelalter wird eine Verfügung über Allmendrechte
ohne Zustimmung der anderen Berechtigten möglich. Dadurch wird die Allmendberechtigung
verkehrsfähig.
Lit.: Hübner 137f.; Maurer, G. v., Geschichte der
Markenverfassung in Deutschland, 1856; Bader, K., Das mittelalterliche Dorf,
1957ff.
Ausnahmegericht
ist das besonders gebildete und zur Entscheidung besonderer Fälle bestimmte Gericht.
Es findet sich beispielsweise als Star Chamber oder Court of High Commission
in England, als Justizkommission im Absolutismus in Frankreich oder als
Zentraluntersuchungskommission im Deutschen Bund. Ausgehend von England (Bill
of Rights 1689) wird das A. in den Verfassungen verboten (Frankreich 1791,
Deutsches Reich 1849).
Lit.: Pollard, A.,
Council, Star Chamber and Privy Council under the Tudors, EHR 37 (1922), 516;
Menzel, W., Ausnahmegericht und gesetzlicher Richter, 1925; Schmidt, J., Rechtssprüche
und Machtsprüche der preußischen Könige des 18. Jahrhunderts, 1943; Andrieux,
C., Les Commissions Extraordinaires, 1955 (Diss. Paris); Seif, U., Recht und
Justizhoheit, 2003
Ausnahmezustand ist der in der Mitte des 19. Jh.s als solcher erkannte Zustand des Staates in einer außergewöhnlichen Notlage, in der grundsätzlich die Regel gilt Not kennt kein Gebot. Nach rechtsstaatlichem Verständnis bedarf auch der A. einer (vorherigen gesetzlichen) Regelung (z. B. Gesetz über den Belagerungszustand vom 4. 6. 1851 Preußen, Reichstagsbrandverordnung vom 28. 2. 1933 Deutsches Reich, Art. 87a, 91, 115aff. GG). Im Zweifel entscheidet der souveräne Staat über das anzuwendende Mittel.
Lit.: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1 1972, 343;
Schneider, P., Ausnahmezustand und Norm, 1957; Boldt, H., Rechtsstaat und
Ausnahmezustand, 1967; Trotter, M., Der Ausnahmezustand, Diss. jur. Heidelberg,
1997
Außenerbe (lat.
heres [M.] extraneus) ist im altrömischen Recht der bei Fehlen von Hauserben
(lat. sui heredes [M.Pl.]) eintretende Erbe (Agnat, Gentile, Patron, beliebiger
Hausfremder), der die Vermögensrechte durch eine besondere Handlung ergreifen
muss.
Lit.: Kaser § 65
Ausschlagung ist
die bereits dem römischen Recht bekannte Willenserklärung des vorläufigen
Erben, die Erbschaft nicht anzunehmen (lat. repudiare).
Lit.: Kaser § 71 II 3; Hübner; Coing, H., Europäisches
Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.
Ausschuss ist allgemein das aus einer
Gesamtheit Ausgesonderte wie z. B. eine Untergliederung einer Einrichtung zur
einfacheren Erfüllung einer Aufgabe (z. B. Untersuchungsausschuss).
Lit.: Schmitt, C.,
Verfassungslehre 1928; Schönberger, C., Parlament im Anstaltsstaat, 1997
Außenminister - > Minister
Lit.: Hampe, K., Das Auswärtige Amt
in wilhelminischer Zeit, 2001
Außerstreitverfahren →
freiwillige Gerichtsbarkeit
Aussetzung ist die
bewusste Verbringung einer Person in eine Lage, in der ihr eine besondere
Gefahr für das Leben droht. Nach dem römischen Zwölftafelgesetz ist die A. einer
Missgeburt geboten, nach späterem römischem Recht und nach einzelnen
frühmittelalterlichen Volksrechten ist die A. eines neugeborenen Kindes
anscheinend erlaubt, doch lehnt die christliche Kirche die A. ab. Ob es A. als
Strafe gegeben hat, ist streitig. Im Übrigen ist A. eine Straftat.
Lit.: Kaser § 60; Hübner 52; Amira, K. v., Die germanischen
Todesstrafen, 1922; Schwarz, H., Der Schutz des Kindes im Recht des frühen
Mittelalters, 1993
Aussperrung ist die
von Arbeitgeberseite seit dem 19. Jh. unter Verweigerung der Lohnzahlung
planmäßig vorgenommene Nichtzulassung einer Gruppe von Arbeitnehmern zur
Dienstleistung. Sie ist ein Mittel des Arbeitskampfes. Ihre Zulässigkeit ist
nicht unbestritten.
Lit.: Wege zur Arbeitsrechtsgeschichte, hg. v. Steindl, H.,
1984; Kalbitz, R., Die Arbeitskämpfe in der Bundesrepublik Deutschland, Diss.
phil. Bochum 1972
Ausstattung ist die
über den gewöhnlichen Unterhalt hinausgehende, mit Rücksicht auf die
Verheiratung oder die Erlangung einer selbständigen Lebensstellung erfolgende
Zuwendung der Eltern an ein Kind. Sie geschieht im Wesentlichen als → Abschichtung
bei Verheiratung oder sonstiger Verselbständigung. Einen eindeutigen Rechtsanspruch
auf A. gewähren das preußische Allgemeine Landrecht von 1794 (II 2 §§ 232ff.)
und das österreichische Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch (§§ 1220, 1231).
Lit.: Hübner; Mitteis, H./Lieberich, H., Deutsches
Privatrecht, 9. A. 1981; Torp, S., Das Rechtsverhältnis zwischen den Eltern und
ihren Kindern, 2000
Ausstäupen ist das
mittels Rute, Stock oder Peitsche erfolgende Schlagen (an einem Pfahl
[Staupe]?). Es findet sich als Rechtsfolge einer Tat früh für Unfreie, seit dem
Hochmittelalter als Strafe des Diebstahls von geringerem Wert. Die Aufklärung
erreicht bis 1848 die Beseitigung des Ausstäupens.
Lit.: Breithaupt, W., Die Strafe des Staupenschlags, 1938
Aussteuer ist die
in weitem Umfang übliche Zuwendung der zur angemessenen Einrichtung eines
Haushaltes gehörenden Gegenstände (an eine Tochter durch die Eltern oder
näheren Verwandten), die auch als Heimsteuer, Brautschatz und Mitgift
bezeichnet werden kann. Sie ist wohl nur ausnahmsweise rechtlich notwendig (z.
B. § 1220 ABGB, §§ 1620ff. BGB [1957 aufgehoben], nicht II 2 §§ 231ff. ALR). In
der Gegenwart wird die A. vor allem durch die Gewährung einer Ausbildung
verdrängt.
Lit.: Hübner 664; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd.
1f. 1985ff.; Schumacher, S., Das Rechtsverhältnis zwischen Eltern und Kindern,
1999; Torp, S., Das Rechtsverhältnis zwischen den Eltern und ihren Kindern,
2000
Austin, John
(1790-1859), von 1826 bis 1832 Professor in London, ist als Begründer der
englischen analytischen Jurisprudenz (Recht als eine Form des Befehls) einer
der bedeutendsten englischen Rechtstheoretiker (The Province of Jurisprudence,
1832).
Lit.: Löwenhaupt, W., Politischer Utilitarismus und
bürgerliches Rechtsdenken, 1972; Morison, W., John Austin, 1982
Austrägalinstanz (Austrägal
latinisiert aus Austrag) ist seit dem 13./14.
Jh. ein zunächst einzeln vereinbartes, und durch die Reichskammergerichtsordnung
von 1495 für Gefürstete, seit 1521 auch für den übrigen reichsunmittelbaren
Adel anerkanntes Schiedsgericht für Streitigkeiten zwischen Reichsfürsten.
Gegen die Entscheidungen der bis 1806 bestehenden A. ist die Appellation an das
→ Reichskammergericht zulässig. Der Deutsche Bund kennt nach Art. XI der
Deutschen Bundesakte bzw. Art. XXII der Wiener Schlussakte ebenfalls eine A.
für die Entscheidung von Streitigkeiten zwischen Bundesstaaten bzw. Streitsachen
der Bundesglieder. Für die Vollstreckung der Urteile dieser 1866 endenden A.
ist die Bundesversammlung zuständig. Vergleichbare Einrichtungen im Deutschen
Reich (1871-1918) und in Österreich (bis 1918) sind von geringer Bedeutung.
Lit.: Köbler, DRG 153, 200; Leonhardi, P. v., Das Austrägalverfahren
des Deutschen Bundes, Bd. 1f. 1838ff.; Stein, A., Die Austragsgerichtsbarkeit
des deutschen Bundes, 1950; Frühauf, G., Die Austrägalgerichtsbarkeit im
Deutschen Reich und im Deutschen Bund, Diss. jur. Mainz 1976; Meurer, N., Die
Entwicklung der Austrägalgerichtsbarkeit bis zur Reichskammergerichtsordnung
von 1495, (in) Prozesspraxis im alten Reich, hg. v. Baumann, A. u. a., 2005
Austrasien ist
zeitweise ein besonderer (östlicher) Teil des fränkischen Reichs.
Lit.: Parisse, M., Austrasie, Lotharingie,
Lorraine, 1990
Austria ist die am
Ende des Frühmittelalters in Parallele zu → Austrien erscheinende
Bezeichnung für ein Gebiet im Osten (des fränkischen oder deutschen Reiches z.
B. 996 → ostarrihhi, 1156 marchia Austrie, woraus sich → Österreich
entwickelt).
Lit.: Köbler, DRG 76; Baltl/Kocher; Floßmann, U., Regnum
Austriae, ZRG GA 89 (1972), 78
Austrien ist vom 6.
bis 8. Jh. eine Bezeichnung für östliche Teile des Reiches der Franken.
Lit.: Lugge, M., Gallia und Francia im Mittelalter, 1960; Parisse,
M., Austrasie, Lotharingie, Lorraine, 1990
Austrofaschismus ist eine Bezeichnung für das Herrschaftssystem
Österreichs zwischen 1933/1934 und 1938.
Auswanderung ist das Verlassen eines Landes auf Dauer (durch einen Freien). 1555 erlaubt der → Augsburger Religionsfriede die A. (lat. [F.) emigratio) bei Religionswechsel des Landesherrn. Der absolute Staat schränkt die Freiheit der A. aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Überlegungen ein. Nach dem Vorbild Frankreichs (1789) lassen die Mitgliedstaaten des → Deutschen Bundes 1815 die A. in einen anderen Mitgliedstaat und um 1848 die A. überhaupt zu (§ 136 der gescheiterten Reichsverfassung), wobei zwischen 1816 und 1914 5,5 Millionen Deutsche vor allem nach Amerika auswandern (1897 gesetzliche Regelung). Teilweise wird bei A. eine → Steuer verlangt (u. a. 1931 Reichsfluchtsteuer, 1953 aufgehoben).
Lit.: Scheuner, U., Die Auswanderungsfreiheit, FS R. Thoma,
1950, 199ff.; Vom Reichskommissar für das Auswanderungswesen zum
Bundesverwaltungsamt, 1989; Mußgnug, D., Die Reichsfluchtsteuer 1931-1953,
1993; Straten, A. v. d., Die Rechtsordnung des zweiten Kaiserreiches und die
deutsche Auswanderung nach Übersee 1871-1914, 1997; Migration in der europäischen
Geschichte, hg. v. Bade, K., 2002; Migration steuern, hg. v. Oltmer, J., 2003
Ausweis
s. Pass
Ausweisung
ist die Anordnung zum Verlassen eines Gebietes (Landes, Stadt). Wegen ihrer
geringen Kosten und ihrer befreienden Wirkung verbreitet sich die A. seit dem
späten Mittelalter rasch. Von der Aufklärung wird die A. von Straftätern seit
dem 17. Jh. zugunsten des Zuchthauses zurückgedrängt.
Lit.: Grenzen
und Raumvorstellungen, hg. v. Marchal, G., 1996; Schnabel-Schüle, H.,
Überwachen und Strafen im Territorialstaat, 1997; Schuster, P., Eine Stadt vor Gericht,
2000; Reiter, I., Ausgewiesen, abgeschoben, 2000
Authenticae (lat. [F.Pl.]) sind die vielleicht von oder seit → Irnernius wahrscheinlich unter Verwendung der Epitome Juliani geschaffenen, im 13. Jh. in den ersten neun Büchern des → Codex → Justinians eingefügten (362 bzw. 212) Auszüge aus der → Authenticum genannten Sammlung der → Novellen sowie (seit dem 14. Jh.) die (2) Konstitutionen Sacramenta puberum (nach C 2. 27 bzw. 28. 1) und Habita (nach C 4. 13. 5) Friedrichs I. Barbarossa und die (durch Aufteilung eines umfangreichen Gesetzes entstehenden 11) Konstitutionen (Navigia, Omnes peregrini, Agricultores usw.) Friedrichs II. (Ad decus), die bis zu → Accursius (um 1230) in den Codex aufgenommen werden. Eine Konstitution Heinrichs VII. von 1312 (Ad reprimendum) und der Friede von Konstanz sind nicht in den Codex, sondern als Extravaganten hinter die (lat. [M.Pl.]) libri feudorum (Lehnbücher) eingefügt. Nicht glossiert werden die A. zu den letzten drei Büchern des Codex. Erst am Beginn der Neuzeit werden alle Novellen wieder zu einer Einheit verbunden.
Lit.: Savigny, F., Geschichte des römischen Rechts im
Mittelalter, 2. A. Bd. 3f. 1834ff.; Wesenberg, G., Die Privatrechtsgesetzgebung
des Heiligen römischen Reiches, Studi P. Koschaker Bd. 1 1954, 187; Troje, H.,
Graeca leguntur, 1971; Lange, H., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997
Authenticum (lat.
[N.]) ist die Bezeichnung für eine um 1100 in Bologna erscheinende, 134 in das
Lateinische übersetzte Stücke umfassende, in neun (lat. [F. Pl.]) collationes
geteilte Sammlung unbekannter Herkunft der seit 535 n. Chr. unter dem
oströmischen Kaiser → Justinian ergangenen (168 griechisch gehaltenen) →
Novellen, die der Zeit als authentische Fassung gilt. → Authenticae
Lit.: Söllner § 22; Savigny, F., Geschichte des römischen
Rechts im Mittelalter, 2. A. Bd. 3f. 1834ff.; Lange, H., Römisches Recht im
Mittelalter, Bd. 1 1997
Autobahn ist die nur
für den Automobilverkehr zugelassene, vierspurige, kreuzungsfrei ausgebaute
Straße. In Berlin wird 1921 die Avus eröffnet, der oberitalienische Autobahnen
und im August 1932 die Strecke Köln-Bonn folgen. Nach Plänen Fritz Todts
(1891-1942) entscheidet sich Adolf Hitler für Reichsautobahnen, von denen
mittels gewagter Kreditaufnahmen (viereinhalb Milliarden Reichsmark Schulden)
zwischen 1933 und 1945 rund 3860 Kilometer errichtet werden.
Lit.:
Hartmannsgruber, F., …ungeachtet der noch ungeklärten Finanzierung, HZ 278
(2004), 625
Autograph (N.) vom Autor selbst geschriebenes Schriftstück (kein
Werk der antiken Literatur als A. erhalten)
Lit.: Hoffmann, H.,
Autographa im früheren Mittelalter, DA 57 (2001), 1
Automat ist die
mechanische, nach Aufheben einer Hemmung einen Vorgang selbsttätig ausführende
Einrichtung. Größere tatsächliche Bedeutung gewinnt der A. mit dem Vordringen
der elektronischen Datenverarbeitung am Ende des 20. Jh.s. Für Rechtsfolgen
wird dessenungeachtet auf das hinter dem A. stehende menschliche Verhalten
abgestellt.
Autonomie ist das
(vom Staat gewährte) Recht zur Selbstgesetzgebung innerhalb einer anderweitigen
Gesetzgebungshoheit. Die A. gewinnt mit der Entstehung des staatlichen
Gesetzgebungsmonopols im Absolutismus an Bedeutung. A. haben beispielsweise
Städte, Universitäten, Religionsgemeinschaften, Sozialversicherungsträger,
Vereine usw.
Lit.: Wicki, A., Zur Dogmengeschichte der Parteiautonomie
im internationalen Privatrecht, 1965; Steffen, W., Die studentische Autonomie
im hochmittelalterlichen Bologna, 1981; Mizia, R., Der Rechtsbegriff der
Autonomie und die Begründung des Privatfürstenrechts, 1995; Lim, M., Der
Begriff der Autonomie und des Menschenrechts bei Kant, 2002
Autor → Urheber
Auvergne ist die
durch Cäsar ins römische Reich gelangte Landschaft um das Zentralmassiv in
Frankreich. Sie wird 507 fränkisch (Mitte 8. Jh. [lat.] Formulae [F.Pl.]
Arvernenses) und kommt 955 an Poitou. Seit 1189 geht sie vom König zu Lehen.
Ein Teil fällt 1527/1531 an den König, der gräfliche Rest 1609. Der Advokat
Jean Masuer († 1450) zeichnet in seiner (lat.) Practica (F.) forensis
(Gerichtliche Praxis) das zuvor ganz zersplitterte Recht erstmals umfassender
auf. 1510 wird die Coutume d’Auvergne wirksam.
Lit.: Massé, E., La coutume
d’Auvergne, Diss. jur. Toulouse 1913; Histoire d’Auvergne, hg. v. Manry, A.,
1974
Averani, Giuseppe
(1662-1738), seit 1685 Professor des römischen Rechts in Pisa, übernimmt die
humanistischen Gedanken des (lat.) → mos (M.) Gallicus in die Rechtswissenschaft
Italiens und bereitet dadurch den Boden für die Aufklärung (in Toskana) vor
([lat.] Interpretationum
iuris libri [M.Pl.] duo usw., 1713).
Lit.: Dizionario Biographico degli
Italiani, 1960ff., 4, 658f.
Avignon in
Südfrankreich ist von 1309 bis 1378 Sitz des von Frankreich gefangen gehaltenen
Papstes und von 1378 bis 1417 Sitz eines Gegenpapstes.
Lit.: Lange, H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im
Mittelalter, Bd. 2 2007, 149
Aware, Avare, ist
der Angehörige eines um 460 aus Zentralasien nach Westen vorstoßenden, um 566
an Donau und Theiß siedelnden, 822 aus der Überlieferung verschwindenden
Steppenvolks.
Lit.: Pohl, W., Die Awaren, 2. A. 2002
Aymar du Rivail (Aymarus
Rivallius) (1490?-1560), Sohn eines (lat.) legum doctor (M.) und Richters, wird
nach dem Rechtsstudium in Avignon und Pavia (Mayno, Alciat?) 1521 königlicher
Rat im Parlament von Grenoble. Mit Druckerprivileg vom 8. 8. 1515
veröffentlicht er in Valence (lat.) Libri (M.Pl.) de historia iuris civilis et
pontificii mit 129 numerierten und 19 unnumerierten Blättern, welche die erste
umfassende Rechtsgeschichte (des römischen und kirchlichen Rechts) darstellen.
Lit.: Moeller, E. v., Aymar du Rivail, 1907; Köbler, G.,
Zur Geschichte der römischen Rechtsgeschichte, (in) Geschichtliche
Rechtswissenschaft, hg. v. Köbler, G., 1990, 220
Aytta, Wigle
(Viglius) van (Barrahuis bei Leeuwarden 1507-Brüssel 1577) wird nach dem
Studium in Löwen, Dôle und Valence Schüler → Alciats in Bourges und 1532
Professor des römischen Rechts in Padua, 1537-1542 in Ingolstadt. Er verwertet
in seinen Veröffentlichungen auch byzantinische Rechtsquellen.
Lit.: Postma, F., Viglius van Aytta als humanist en
diplomaat 1507-1549, 1983; Sprenger, R., Viglius von Aytta, 1988
Azo (Bologna
1150?-1220 [vor 1190-1220/1230]) lehrt nach dem Studium in Bologna (u. a.
Johannes Bassianus) spätestens seit 1190 dort weltliches Recht. Seine bedeutendsten
Leistungen bestehen in der Herstellung von (weitgehend ungedruckten)
Glossenapparaten zu allen Teilen der justinianischen Gesetzgebung (die glossa
ordinaria verweist auf ihn 3600mal) sowie in (lat.) Summae (F.Pl.) Codicis
(1208-1210), Lectura Codicis (durch Vorlesungsnachschrift erhalten), Summae
Institutionum und Summae Digestorum (str.) (daneben Quästionen, Distinktionen,
Brocardica, Consilia und Definitionen). Insbesondere im 16. Jh. erfahren seine
Werke weiteste Verbreitung. Er ist Lehrer z. B. des → Accursius, Jacobus
Balduini, (Martinus de Fano,) Roffredus Epiphanii, Jacobus de Ardizone,
(Goffredus de Trano,) und Johannes Teutonicus. Seine Arbeiten werden u. a.
verwendet von Henry de Bracton (vielleicht nach 1230), vom Klagspiegel ([Conrad
Heyden] um 1436) und wohl auch vom (lat. [M.]) Vocabularius utriusque iuris
(Wörterbuch beider Rechte) des Jodocus aus Erfurt (1452).
Lit.: Köbler, DRG 107; Belloni, A., Le questioni
civilistiche del secolo XII, 1989; Lange, H., Römisches Recht im Mittelalter,
Bd. 1 1997, 255
B
Baar ist die in
Urkunden des 8. und 9. Jh.s bezeugte, bisher nicht sicher erklärte Bezeichnung
des Gebietes an der obersten Donau bei Donaueschingen (z. B. Adalhartespara).
Nach den Herzögen von Zähringen erscheint 1264 Konrad von Wartenberg als
Landgraf in der B., 1304 eine Landgrafschaft B., die denen von Fürstenberg
zukommt.
Lit.: Bader, K., Zur politischen und rechtlichen
Entwicklung der Baar, 1937; Bader, K., Kloster Amtenhausen in der Baar, 1940;
Beyerle, F., Zum Problem der alamannischen Baaren, ZRG GA 62 (1942), 305;
Bohnenberger, K., Zu den Baaren, ZRG GA 63 (1943), 319; Bader, K., Die
Landgrafschaft Baar, 1960; Leiber, G., Das Landgericht der Baar, 1969; Banse,
H., Ein neuer Ansatz, Alemann. Jb. 1997/1998, 27
Babelsberger Konferenz
ist die in Babelsberg am 2./3. 4. 1958 tagende Konferenz, in der Walter
Ulbricht von der Rechtswissenschaft der → Deutschen Demokratischen
Republik eine stärkere marxistisch-leninistische Durchdringung sowie eine
bessere Verbindung mit der Praxis des sozialistischen Aufbaus fordert.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Mollnau, K., Implementationsmechanismen
der Babelsberger Konferenz, (in) Staat und Recht in den neuen Bundesländern,
Sonderheft Oktober 1991, 175; Güpping, S., Die Bedeutung der „Babelsberger
Konferenz“, 1997; Die Babelsberger Konferenz, hg. v. Eckert, J., 1993
Babenberger ist der
Angehörige eines in der Mitte des 11. Jh.s nach der Burg Babenberg (Bamberg)
benannten, vor allem in Ostfranken begüterten, 945 letztmalig bezeugten Adelsgeschlechtes
(Popponen, Adalbert von Bamberg bei Haßfeld am 9. 9. 906 enthauptet). Als
erster, wohl mit ihnen verwandter jüngerer B. erscheint 976 ein Markgraf
Liutpald der Mark an der Donau. 1156 erreichen die B. (Leopold I. 976-994,
Heinrich I. 994-1018, Adalbert 1018-1055, Ernst 1055-1075, Leopold II.
1075-1095, Leopold III 1095-1136, Leopold IV. 1136-1141, Heinrich II.
Jasomirgott 1141-1177) im sog. (lat. [N.]) privilegium minus als Ausgleich für
die Rückgabe des 1138 von den Staufern den Welfen entzogenen und 1139 den
Babenbergern übertragenen Herzogtums → Bayern die Erhebung ihrer Mark zum
selbständigen, von Bayern gelösten Herzogtum → Österreich des deutschen
Reiches. Die (nach Leopold V. 1177-1194, Friedrich I. 1195-1198, Leopold VI.
1198-1230 und Friedrich II. 1230-1246) zunächst an Baden (1248-1251) und dann
an Böhmen gelangten Güter des 1246 im Mannesstamm erloschenen Geschlechts
verlehnt König Rudolf von Habsburg nach dem → Interregnum (1282)
innerfamiliär an die → Habsburger. Die Benennung als B. wird erst im 15.
Jh. allgemein üblich.
Lit.: Köbler, DRG 76, 94; Rauch, K., Die Erwerbung des
Herzogtums Steiermark durch die Babenberger, ZRG GA 38 (1917), 269; Rauch, K.,
Die Übertragung der steirischen Allode an das österreichische Herzogsgeschlecht
der Babenberger, ZRG GA 58 (1938), 448; Urkundenbuch zur Geschichte der
Babenberger in Österreich, Bd. 1ff. 1950ff.; Appelt, H., Privilegium minus, 2.
A. 1977; Lechner, K., Die Babenberger, 4. A. 1985, 6. A. 1996; Tausend Jahre
Babenberger in Österreich, 1976; Weller, T., Die Heiratspolitik, 2004; Dienst,
H., Die Babenberger 976-1246, 2005; Brunner, K., Leopold der Heilige, 2009
Babylon
Lit.: Jursa, M., Die Baylonier, 2004
Baccalaureus (9. Jh.
baccalarius, [lat., M.], Knecht) ist seit dem 13. Jh. (1231) der unterste
akademische Grad (vgl. angloam. bachelor).
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Leff, G., Paris and Oxford in the
13th and 14th Centuries, 1968; Lange, H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im Mittelalter,
Bd. 2 2007, 63
Bacharach
Lit.: Wagner, F., Stadt Bacharach und Samtgemeinde der
Viertäler, 1956
Bachofen, Johann
Jakob (Basel 22. 12. 1815-Basel 25. 11. 1887), Seidenbandfabrikantensohn, wird
nach dem Studium von Philologie, Geschichte und Recht in Basel, Berlin
(Savigny) und Göttingen 1841-1844 Professor für römisches Recht in Basel und
1842 Richter (1844 Appellationsrat). Auf rechtsethnologischer Grundlage
entwickelt er die Vorstellung eines ursprünglichen Mutterrechts (Über das
Weiberrecht, 1856, Das Mutterrecht, 1861). Bei seinen Zeitgenossen findet er
hierfür kein Verständnis.
Lit.: Bachofen, J., Eine Selbstbiographie, Zeitschrift für
vergleichende Rechtswissenschaft 34 (1917); Bernoulli, C., Johann Jakob
Bachofen und das Natursymbol, 1924; Müllenbach, B., Johann Jakob Bachofen als
Rechtshistoriker, ZRG GA 105 (1988), 17
Bacon, Francis (London 22. 1. 1561- Highgate bei
Lit.: Köbler, DRG 136; Bock, H., Staat und Gesellschaft bei
Francis Bacon, 1937; Anderson, F., Francis Bacon, 1962; Krohn, W., Francis
Bacon, 1988; Wormald, B., Francis Bacon, 1993; Zagorin, P., Francis Bacon,
1998; Keller, S., Experiment versus Dogma, 2005
Baculus (M.) iudicii secularis
(lat.) in Frankenford ist das in 88 Artikeln gegliederte Werk über
Gerichtsverfassung und Verfahren in Frankfurt am Main, das zwischen 1400 und
1430 von einem unbekannten Stadtschreiber verfasst worden sein könnte.
Lit.: Coing, H., Die Rezeption des römischen Rechts in
Frankfurt am Main, 1939, 15
Bad
Lit.: Gail, W., Die
Rechtsverfassung der öffentlichen Badstuben, 1940
Baden im Oostal erscheint nach einem römischen Aquae Aureliae 987. Nach ihm benennt sich seit 1112 eine mit Markgraf Hermann († 1074) erkennbare, von den Herzögen von → Zähringen abstammende Familie. Sie gewinnt umfangreiche Güter, die nach Vervierfachung unter Napoleon am Beginn des 19. Jh.s (1806) bis zur Abdankung am 22. 11. 1918 gehalten werden können. 1951/1952 geht B. in Baden-Württemberg auf.
Lit.: Kroeschell, DRG 186, 192, 201, 156; Köbler, Historisches Lexikon; Meyer, E., Badisches Volksleben im neunzehnten Jahrhundert, 1900; Carlebach, R., Badische Rechtsgeschichte Bd. 1f. 1906ff.; Andreas, W., Die Einführung des Code Napoléon in Baden, ZRG GA 31 (1910), 182; Lenel, P., Badens Rechtsverwaltung und Rechtsverfassung unter Markgraf Karl Friedrich (1738-1803), 1913; Andreas, W., Geschichte der badischen Verwaltungsorganisation und Verfassung in den Jahren 1802-1818, 1913; Windelband, W., Die Verwaltung der Markgrafschaft Baden zur Zeit Karl Friedrichs, 1916; Krieger, A., Badische Geschichte, 1921; Strobel, E., Neuaufbau der Verwaltung und Wirtschaft der Markgrafschaft Baden-Durlach, 1935; Hofmann, K., Die germanische Besiedelung Nordbadens, 1937; Wahle, E., Vorzeit am Oberrhein, 1937; Beinert, B., Geheimer Rat und Kabinett in Baden, 1937; Baden im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 1f. 1948ff.; Rheinbaben, G. v., Die erste Kammer in Baden, Diss. jur. Freiburg im Breisgau 1949; Bader, K., Der deutsche Südwesten in seiner territorialstaatlichen Entwicklung, 1950; Armbruster, F., Die Freiburger Talvogtei, 1950; Arndt, E., Vom markgräflichen Patrimonialstaat zum großherzoglichen Verfassungsstaat Baden, Diss. jur. Freiburg 1952 = ZGO 101 (1953), 157, 436; Haebler, R., Badische Geschichte, 1951, Neudruck 1987; Wielandt, F., Badische Münz- und Geldgeschichte, 1955; Leiser, W., Der gemeine Zivilprozess in den badischen Markgrafschaften, 1961; Rummer, J., Die Pforzheimer Prob, 1963; Sütterlin, B., Geschichte Badens, 1967; Gut, J., Die Landschaft auf den Landtagen der markgräflich badischen Gebiete, 1970; Blickle, P., Landschaften im alten Reich, 1973; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,2,2626, 3,3,2855,3696; Hahn, W., Die Entwicklung der Laiengerichtsbarkeit im Großherzogtum Baden-Baden, 1974; Vogteien, Ämter, Landkreise in Baden-Württemberg 1, 2, hg. v. Landkreistag, 1975; Theil, B., Das älteste Lehnbuch der Markgrafen von Baden, 1974; Krimm, K., Baden und Habsburg, 1976; Stiefel, K., Baden 1648-1952, 1978; Boelcke, W., Handbuch Baden-Württemberg, 1982; Badische Biographien, neue Folge, Bd. 1ff. 1982ff.; Real, W., Die Revolution in Baden 1848/49, 1983; Das Großherzogtum Baden zwischen Revolution und Restauration 1849-1851, hg. v. Real, W., 1983; Pforzheim in der frühen Neuzeit, hg. v. Becht, H., 1989; Gross, N., Der Code civil in Baden, 1993; Muscheler, K., Die Rolle Badens in der Entstehungsgeschichte des Bürgerlichen Gesetzbuchs, 1993; Die badische Verfassung von 1818, hg. v. Bräunche, E. u. a., 1996; Handbuch der baden-württembergischen Geschichte, hg. v. Schwarzmaier, H. u. a., Bd. 1ff. 1998ff.; Baldes, A., Die Entstehung des Strafgesetzbuches, 1999; Quellen zur Entstehung der Verfassung des Landes Baden, bearb. v. Feuchte, P., 1999; Kißener, M., Richter zwischen Diktatur und Demokratie, 2003; Holenstein, A., Gute Policey und lokale Gesellschaft, 2003; Festschrift 200 Jahre Badisches Oberhofgericht – Oberlandesgericht Karlsruhe, hg. v. Münchbach, W., 2003; Würtz, C., Johann Niklas Friedrich Brauer (1754-1813), 2005; Schwarzmaier, H., Baden, 2005; Engehausen, F., Kleine Geschichte des Großherzogtums Baden 1806-1918, 2005; Die Protokolle der Regierung von Baden, Bd. 1 bearb. v. Hochstuhl, K., 2006; Kohnle, A., Kleine Geschichte der Markgrafschaft Baden, 2007; Pätzold, S., Kleine Geschichte der Stadt Pforzheim, 2007; Laufs, A. u. a. Das Eigentum an badischen Kulturgütern, 2008
Baden-Württemberg ist das
1951/1952 (25. April 1952) aus Württemberg-Baden (Nordbaden, Nordwürttemberg),
Baden (Südbaden) und Württemberg-Hohenzollern (Südwürttemberg, Hohenzollern)
gebildete Bundesland der Bundesrepublik Deutschland.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Deutsches Städtebuch,
Baden-Württemberg 1959; Landesgeschichtliche Vereinigungen in
Baden-Württemberg, bearb. v. Gönner, E., 1987; Boelcke, W., Handbuch
Baden-Württemberg, 1982; Handbuch der baden-württembergischen Geschichte, hg.
v. d. Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Bd. 1ff.
1990ff.; Weber, R./Wehling, H., Geschichte Baden-Württembergs, 2007; Wilhelm,
B., Das Land Baden-Württemberg, 2007; Meier-Braun, K. u. a., Kleine Geschichte
der Ein- und Auswanderung in Baden-Württemberg, 2008
Bader, Karl Siegfried (Waldau/Schwarzwald
27. 8. 1907-Zürich 13. 9. 1998, Vater Hauptlehrer) wird nach dem Rechtsstudium
in Tübingen, Wien, Heidelberg und Freiburg im Breisgau 1931 in Notariat und
Staatsanwaltschaft in Freiburg im Breisgau tätig, aber zum 1. 10. 1933 trotz
Beitritts zur NSDAP wegen nicht vollarischer Abstammung seiner in Wien
kennengelernten Ehefrau (Grete Weiss) entlassen und deswegen Rechtsanwalt und
Leiter des fürstenbergischen Archivs in Donaueschingen. 1945 wird er
Generalstaatsanwalt und außerordentlicher Professor für Rechtsgeschichte und
Kirchenrecht in Freiburg in Breisgau, 1951 ordentlicher Professor in Mainz und
1953 als Nachfolger Heinrich Mitteis‘ in Zürich (1975 emeritiert). Sein
bekanntestes Werk seiner rund 1200 Veröffentlichungen sind dreibändige Studien
zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes (1957-1973).
Lit.: Zwei Jahrzehnte
Rechtsgeschichte an der Universität Zürich, 1975; Bader, K., Ausgewählte
Schriften, 1983; Schott, C., Karl Siegfried Bader, ZRG GA 119 (2002), 1
Badisches Landrecht von 1588 ist das von Markgraf Philipp II. am 2. 1. 1588 erlassene, 1805 erstmals gedruckte, bis Ende 1809 bzw. bis 1810 geltende Landrecht für die Markgrafschaft Baden-Baden (Landesordnung), das in seinen drei ersten Teilen (Untergerichtsordnung, Kontrakte, Testamente) auf dem württembergischen Landrecht von 1567 beruht, im vierten Teil das Intestaterbrecht selbständig behandelt und in seinem fünften Teil (Strafrecht) (über das Kurpfälzer Landrecht von 1580 bzw. 1582) auf die kursächsischen Konstitutionen (1572) zurückgeht.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Leiser, W., Der gemeine
Zivilprozess in den badischen Markgrafschaften, 1961, 86
Badisches Landrecht
von 1654 ist das seit 1604 vorbereitete, für 1619 geplante, 1622 (und 1710,
1715 sowie 1773) gedruckte, ursprünglich für ganz Baden (Baden-Baden und
Baden-Durlach) gedachte, aber wegen der (bis 1771 dauernden) Landesteilung nur
in Baden-Durlach von 1654 bis 1810 gültige Landrecht, das auf der Grundlage
älterer Einzelgesetze sowie des kurpfälzischen Landrechts und des
württembergischen Landrechts in sieben Teilen (Untergerichtsordnung,
Hofgerichtsordnung, Ehe- und Ehegerichtsordnung, Verträge, Testamente, Intestaterbrecht,
Strafrecht und Strafprozessrecht) fast das gesamte Recht ordnet (ausgenommen
das Verwaltungsrecht).
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Carlebach, R., Badische
Rechtsgeschichte, Bd. 1f. 1906ff., 2, 20
Badisches Landrecht
von 1809 ist der zum 1. 1. 1810 als Landrecht für das Großherzogtum Baden
eingeführte, durch Johann Nikolaus Friedrich Brauer unter Ausschluss von
Fremdwörtern wortnah in die deutsche Sprache übersetzte Code Napoléon (→
Code civil, 2281 Artikel) Frankreichs mit (270) Zusätzen und Handelsgesetzen,
dessen Geltung (revidierte Fassungen von 1846, 1874 und 1899) durch die
Inkraftsetzung des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuchs am 1. 1. 1900 endet.
Lit.: Brauer, J., Erläuterungen über den Code Napoléon,
1809ff.; Carlebach, R., Badische Rechtsgeschichte, Bd. 2 1909; Schubert, W.,
Französisches Recht in Deutschland, 1977; Fehrenbach, E., Traditionale
Gesellschaft und revolutionäres Recht, 3. A. 1983; Gross, N., Der Code Napoléon
in Baden und sein Verleger C. F: Müller, 1997; Code Napoleon - Badisches
Landrecht, (hg. v. Müller-Wirth, C.,) 1997; http://www.koeblergerhard.de/Fontes/CodeNapoleonBaden1809.pdf
Bagarottus ist ein zwischen 1170 und 1180
geborener, wohl in Piacenza anässiger Jurist.
Lit.: Lange, H.,
Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997, 297
Bähr, Otto (Fulda 2. 6. 1817-Kassel 17. 2. 1895) wird nach dem Rechtsstudium in Marburg, Göttingen und Heidelberg Richter in Kassel (1849), Fulda, Kassel und (1866) Berlin (1879-1881 Reichsgericht). Als nationalliberaler Rechtspolitiker setzt er sich für die gerichtliche Überprüfbarkeit des Verwaltungshandelns ein (Der Rechtsstaat, 1864). In der Untersuchung Die Anerkennung als Verpflichtungsgrund entwickelt er den selbständig (abstrakt) verpflichtenden Schuldvertrag.
Lit.: Weber, D., Die Lehre vom Rechtsstaat, Diss. jur. Köln
1968; Binder, B., Otto Bähr, 1983
Bahrprobe ist das
wohl erst seit dem 12./13. Jh. in literarischen Texten (Nibelungenlied)
bezeugte, zunächst außergerichtliche, in dem Rechtsbuch Ruprechts von Freising
von 1328 (Art. 278) auch für gerichtliche Verwendung nachgewiesene Verfahren,
bei dem bei Fehlen anderer Beweismöglichkeiten ein einer Tötung Beschuldigter
an die Totenbahre des Getöteten treten und seine Unschuld beschwören muss oder
auch darf. Veränderungen der Leiche (z. B. Bluten) werden als Hinweis auf die
Täterschaft des Beschuldigten angesehen. Herkunft (vgl. 1. Moses 4,10 [lat.]
vox sanguinis fratris tui clamat ad me de terra, die Stimme des Blutes deines
Bruders ruft zu mir von der Erde) und Wesen des Verfahrens sind unklar. Mit der
Aufklärung verschwindet die in der Neuzeit als Indiz für die Anwendbarkeit der Folter
gebrauchte B., mit dem 19. Jh. der Glaube an sie.
Lit.: Christensen, C., Baareprøven, 1900; Kolb, F., Das
alte Bahrrecht in Tirol, Tiroler Heimat 13/14 (1949/1950), 7; Ewers, H., Die
Bahrprobe, Diss. jur. Bonn 1951; Fehr, H., Das Bahrrecht, Dt. Jb. f. Volkskunde
6 (1960), 85
Balduinus → Baudoin
Baldus de Ubaldis (Perugia 2. 10. 1327-Pavia
28. 4. 1400), Sohn eines adligen Professors
der Medizin, wird nach dem Studium in Perugia (Bartolus) Professor des
römischen Rechts in Perugia (1347-1357), Pisa (1357/1358), Florenz (1358-1364),
Perugia (1364-1376), Padua (1376-1379), Perugia (1379-1390) und Pavia
(1390-1400). Auf Grund der vollständigen Beherrschung des gesamten geltenden
Rechtes gelingt ihm die selbständige Weiterbildung vieler Einzelheiten
(Wechselrecht, Gesellschaftsrecht, internationales Privatrecht, Prozessrecht,
Staatsrecht, Strafrecht, Privatrecht) in rund 2800 (d. h. fast 70 je Jahr)
Gutachten (lat. [N.Pl.] consilia) und verschiedenen (lückenhaften) Kommentaren
(lectura Codicis, Kommentar zum digestum vetus, lectura trium librorum Codicis,
lectura super usibus feudorum, Kommentar zu acta pacis Constantiae, Kommentar
zum liber extra) und Traktaten.
Lit.: Söllner § 25; Kisch, G., Bartolus und Baldus, 1960;
Horn, N., Aequitas in den Lehren des Baldus, 1968; Lange, H., Die Consilien des
Baldus, 1974; Maffei, D., Giuristi medievali, 1979; Danusso, C., Ricerche sulla
lectura feudorum di Baldo, 1991; Lange, H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im
Mittelalter, Bd. 2 2007, 749
Balkan (Berg in Bulgarien)
ist die aus dem Türkischen kommende, zusammenfassende Bezeichnung für die
südosteuropäische Halbinsel. → Griechenland, Albanien, Bulgarien,
Jugoslawien.
Lit.: Weithmann, M., Balkan-Chronik, 1995; Hösch, E.,
Geschichte der Balkanländer, 4. A. 2002; Der Balkan, hg. v. Elvert, J., 1997;
Der Balkan, hg. v. Heuberger, V. u. a., 1998; Südosteuropa, hg. v. Hatschikjan,
M. u. a., 1999; Der Balkankrieg, hg. v. Hofbauer, H., 1999; Mennel, R., Der
Balkan, 1999; Razumovsky, D. Gräfin, Der Balkan, 1999; Pavlowitsch, S., A
History of the Balkans 1804-1945, 1999; Todorova, M., Die Erfindung des
Balkans, 1999; Hösch, E., Geschichte des Balkans, 2004; Europe and the
Historical Legacies in the Balkans, hg. v. Detrez, R. u. a., 2008; Am Rande
Europas?, hg. v. Chiari, B. u. a., 2009
Ballei (zu mlat.
[M.] ballivus) ist seit dem 14. Jh. nach sizilianischem Vorbild die Bezeichnung
für die Provinz des → Deutschen Ordens (außerhalb des Preußenlandes) mit
dem Landkomtur (als Vertreter des Hochmeisters) an der Spitze (z. B. Utrecht,
Alten-Biesen, Westfalen, Sachsen, Hessen, Thüringen, Franken, Koblenz,
Elsass-Schwaben-Burgund, Lothringen, Österreich, An der Etsch und im Gebirge,
Lamparten, Apulien, Sizilien, Böhmen, Armenien und Zypern, Romanien).
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Voigt, J., Geschichte
des Deutschen Ritter-Ordens, Bd. 1f. 1857ff.; Militzer, K., Die Entstehung der
Deutschordensballeien im deutschen Reich, 2. A. 1981; Militzer, K., Von Akkon
zur Marienburg, 1999
Ballivus (zu lat.
baiulus [M.] Lastträger) ist ein herrschaftlicher Amtsträger im mittelalterlichen
Frankreich (um 1150) sowie später in Süditalien und als bailiff im hochmittelalterlichen
England mit meist auch niedergerichtlichen Aufgaben.
Lit.: Nowé, H., Les baillis comtaux de
Flandre, 1929; Rompaey, J. v., Het grafelijk baljuwsambt in vlaanderen, 1967
Balte ist der
Angehörige eines baltisch sprechenden indogermanischen Volkes (Preußen, Kuren,
Letten, Litauer).
Baltikum ist die
neuzeitliche Sammelbezeichnung (seit dem 16. Jh. sind baltische Länder
Estland, Livland mit Lettgallen im Südosten, Semgallen und Kurland, während
Litauen erst seit dem 19. Jh. zu dem B. gezählt wird) für die spätestens seit
dem ausgehenden Frühmittelalter von ugro-finnischen und balto-slawischen
Stämmen (Esten, Liven, Kuren, Lettgaller, Selen, Semgaller) besiedelten Gebiete
am östlichen Rand der südlichen Ostsee. Das B. wird seit dem Ende des 12. Jh.s
von Deutschen (Riga 1201) und Dänen (Reval 1219) beeinflusst. Die Bischöfe von
Riga (1255 Erzbistum), Dorpat, Ösel, Kurland und Reval sowie der
Deutschordensmeister von Livland erlangen die Stellung von Fürsten des Heiligen
römischen Reiches. Sie finden sich im 15. Jh. in einer altlivländischen
Konföderation mit alljährlichen Landtagen zusammen. Das aufgezeichnete, neben
ungeschriebenen Gewohnheitsrechten der Bauern bestehende Recht ist (von
Dänemark und) vom Heiligen römischen Reich beeinflusst (1315
waldemar-erichsches Lehnrecht [beeinflusst vom Dienstrecht des Hochstifts
Hildesheim], ältestes livländisches Ritterrecht, livländischer Spiegel [als
Überarbeitung des → Sachsenspiegels], [kompiliert als] wiek-öselsches
Lehnrecht, mittleres livländisches Ritterrecht [15. Jh.], umgearbeitetes Ritterrecht
[systematisiert], Bauernrechte [mit Bußbestimmungen], lübisches Stadtrecht
[Reval] und hamburgisches Stadtrecht [Riga, Dorpat, Libau]). Das römische Recht
wirkt sich nur wenig aus. 1561 kommt das Gebiet an Polen (Livland, Kurland) und
Schweden (Estland, 1621 auch Livland), 1710 fallen Estland und (mittleres)
Livland (sowie das seit 1559 dänische Ösel), 1772 bei der ersten Teilung Polens
Lettgallen und 1795 bei der dritten Teilung Polens Kurland an Russland, wobei
augsburgische Konfession, deutsches Recht, deutsche Verwaltung und Amtssprache
zugesichert bleiben. 1816/1819 erfolgt (innerhalb Russlands) die
Bauernbefreiung, danach die Festlegung des Provinzialrechts (1864
Zivilgesetzbuch [mit etwa 4600 Artikeln], liv-, est- und kurländisches
Privatrecht, wobei der Kern des inhaltlichen baltischen Privatrechts als aus
deutschen [40 Prozent livländisches, estländisches, lübisches, russisches
Recht, kurländische Statuten, baltische Bauernverordnungen, Gewohnheitsrecht]
und römischen Wurzeln [57 % römisch-rechtlichen Ursprungs] erwachsenen
gemeinen Rechts örtlicher Prägung erhalten bleibt), 1877 die Einführung der
Städteordnung Russlands von 1870, 1889 die Einführung des russischen
Gerichtsverfassungsrechts und Prozessrechts. 1918 werden Estland (24. 2. 1918)
und Lettland von Russland bzw. der Sowjetunion unabhängig und selbständig, am
6. 8. 1940 bzw. 5. 8. 1940 der Sowjetunion unter Aussiedlung der Deutschen auf
Grund des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 gewaltsam eingegliedert und am 6. 9.
1991 wieder unabhängig.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Ziegenhorn, C. v.,
Staatsrecht der Herzogtümer Curland und Semgallen, 1772, Neudruck 1973; Bunge,
F. v., Einleitung in die liv-, est- und kurländische Rechtsgeschichte, 1849;
Bunge, T. v., Der baltische Civilprozess nach der Justizreform vom Jahre 1889,
1890f.; Schmidt, O., Rechtsgeschichte Liv-, Est- und Curlands, 1894, Neudruck
1968; Schilling, C., Die lehn- und erbrechtlichen Satzungen des
waldemar-erich’schen Rechtes, (o. J.); Wittram, R., Baltische Geschichte, 1954;
Blaese, H., Einflüsse des römischen Rechts in den baltischen Gebieten, 1964;
Von den baltischen Provinzen zu den baltischen Staaten, hg. v. Hehn, J. v. u.
a., 1977; Hehn, J. v., Die Umsiedlung der baltischen Deutschen, 1984; Ludwig,
K., Das Baltikum, 2. A. 1992; Schmidt, A., Geschichte des Baltikums, 1992;
Baltische Länder, hg. v. Pistohlkors, G. v., 1994; Die baltischen Sprachen, hg.
v. Eckert, R., 1994; Der Aufbau der freiheitlich-demokratischen Ordnung in den
baltischen Staaten, hg. v. Meissner, C. u. a., 1995; Norgaard, O. u. a., The
Baltic States after Independence, 1996; Die baltischen Staaten, hg. v. Scholz,
F. u. a., 1997; Baltistik, hg. v. Bammesberger, A., 1998; Handbuch Baltikum
heute, hg. v. Graf, H. u. a., 1998; Die Deutschbalten und der Nationalsozialismus,
Bd. 1, hg. v. Garleff, M., 2000; Roth, M., Der Einfluss des Europarats auf die
demokratische und menschenrechtliche Transformation der baltischen Staaten,
2004; Tuchtenhagen, R., Geschichte der baltischen Länder, 2005; Garber, K.,
Schatzhäuser des Geistes, 2006; Lange,
H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 2 2007, 982;
Baltisch-europäische Rechtsgeschichte und Lexikographie, hg. v. Kronauer, U. u.
a., 2009
Baluze, Etienne
(Tulle 24. 11. 1630-Paris 28. 7. 1718) veröffentlicht nach dem Rechtsstudium
in Toulouse als Bibliothekar Colberts 1677 die erste große Ausgabe der frühmittelalterlichen
→ Kapitularien (einschließlich der Volksrechte) des fränkischen Reiches
(Capitularia regum Francorum).
Lit.: Ganshof, F., Was waren die Kapitularien?, 1961
Bamberg ist der als
Burg Babenberg (→ Babenberger) erstmals zum Jahre 902 genannte Ort am
oberen Main, der 973 von Kaiser Otto II. an den verwandten Herzog von Bayern
gegeben und 1007 unter dessen Erben König Heinrich II. Sitz eines Bistums wird.
Um 1060 erfolgt eine Aufzeichnung des Dienstrechts der Dienstmannen. 1507
schafft der bischöfliche Hofmeister Johann von → Schwarzenberg die
Bamberger Halsgerichtsordnung (Constitutio Criminalis Bambergensis). 1735
wird für kurze Zeit eine juristische Fakultät (Gönner) an der von 1648 bis 1803
bestehenden Universität eingerichtet. 1769 wird ein Landrecht erlassen (nur
Teil 1 Civil- oder bürgerliche Sachen betreffend). 1803 fällt das Fürstbistum
B. an Bayern. Kirchlich wird das seit dem 13. Jh. von Mainz exemte Bistum
1818/1821 Erzbistum mit den Bistümern Eichstätt, Speyer und Würzburg. Seit 1923
besteht eine philosophisch-theologische Hochschule mit (1946) rechtswissenschaftlichem
Studiengang, seit 1972 eine Gesamthochschule (1979 Universität) mit einer
wirtschaftswissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Fakultät.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 94, 138; Köbler,
Historisches Lexikon; Zöpfl, H., Das alte Bamberger Recht, 1839; Jaffé, P.,
Monumenta Bambergensia, 1869; Güterbock, C., Zur Redaktion der Bambergensis,
1910; Ament, W., Bamberg, 1929; Das (exemte) Bistum Bamberg, hg. v. Guttenberg,
E. v. u. a., 1937ff.; Weiß, H., Stadt- und Landkreis Bamberg, 1974; Hoffmann,
H., Bamberger Handschriften, 1995; Moser, P., Bamberg, 1998; Pflefka, S., Das
Bistum Bamberg, 2005; Das Bistum Bamberg um 1007, hg. v. Urban, J., 2006;
Festschrift 200 Jahre Appellationsgericht/Oberlandesgericht Bamberg, hg. v.
Meisenberg, M., 2009
Bamberger Halsgerichtsordnung → Bamberg
Bank ist allgemein
die breite Sitzgelegenheit und rechtlich das Unternehmen, dessen Inhaber
mindestens eine Art von Bankgeschäften in einem Umfang betreibt, der einen in
kaufmännischer Weise eingerichteten Geschäftsbetrieb erfordert. Nach antiken
Vorläufern in Ägypten, Griechenland und Rom (lat. [M.Pl.] argentarii, mensarii)
entwickeln sich seit dem 12. Jh. berufsmäßige, jeweils auf einer hölzernen
oder steinernen Bank tätige Geldwechsler zuerst in Italien (Lombarden), wobei
wegen der Nähe von Geldwechsel und Darlehen auf Grund des kanonischen Zinsverbotes
Juden geschäftliche Vorteile erwachsen. Seit dem 15. Jh. entstehen
halböffentliche Banken und danach öffentliche Banken (Barcelona 1401, Genua
1409, Amsterdam 1609, Hamburg 1619, Nürnberg 1621, Bank of England 1694). Seit
etwa 1835 beginnen die Banken mit der Finanzierung von industriellen
Unternehmen, die bereit sind, Fremdkapital aufzunehmen (Paris 1852 Aktienbank).
Seit dem ausgehenden 19. Jh. werden die (zu etwa der Hälfte von jüdischen
Inhabern betriebenen rund 1000 deutschen) Privatbanken (Sal. Oppenheim in Köln,
M. Warburg in Hamburg) von den von ihnen zur Gefahrenverringerung entwickelten
Aktienbanken allmählich zurückgedrängt, zwischen 1933 und 1945 auch
geschlossen oder enteignet. In der zweiten Hälfte des 20. Jh.s werden die
Banken zu bedeutenden Dienstleistungsunternehmen, deren Recht zunehmend
europäisiert wird. Im Herbst 2008 entsteht auf Grund ungesicherter Darlehensvergabe
weltweit eine Bankenkrise.
Lit.: Köbler, DRG 176; Günther, K., Die städtischen
Wechselbanken Deutschlands, Diss. jur. Münster 1932; Trusen, W., Die Anfänge
öffentlicher Banken und das Zinsproblem, FS J. Bärmann, 1975, 113; Born, K.,
Geld und Banken im 19. und 20. Jahrhundert, 1976; Poeschel, H., Die Statuten
der Banken, Sparkassen und Kreditgenossenschaften in Hamburg und Altona von
1710-1889; Wissenschaft und Kodifikation Bd. 5 1980; Klein, E., Deutsche
Bankengeschichte, 1982; L’alba della banca, 1982; Gabler Banklexikon, hg. v.
Grill, W. u. a., 11. A. 1995, 13. A. 2002; Lane, F./Mueller, R., Money and
Banking, 1985; Ruland, A., Zur Entwicklung des Bankaufsichtsrechts, Diss. jur.
Münster 1987; Wandel, E., Banken und Versicherungen, 1997; Europäische
Bankgeschichte, hg. v. Pohl, H., 1997; Banking, Trade and Industry, hg. v.
Teichova, A., 1997; Fuchs, R., Die Wiener Stadtbank, 1998; North, M.,
Kommunikation, Handel, Geld und Banken, 2000; A History of European Banking,
hg. v. Kurgan, G. u. a., 2000; James, H., Verbandspolitik im Nationalsozialismus,
2001; Kahmann, H., Die Bankiers von Jacquier & Securius 1933-1945, 2002;
Distel, J., Die Errichtung des westdeutschen Zentralbanksystems mit der Bank
deutscher Länder, 2003; Der Privatbankier, hg. v. Institut für bankhistorische
Forschung, 2003; James, H., Die Deutsche Bank im Dritten Reich, 2003; Die
Commerzbank und die Juden, hg. v. Herbst, L. u. a., 2004; Linder, N., Die
Berner Bankenkrise von 1720, 2004; Liedtke, R., N M Rothschild & Sons,
2006; Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts, hg. v. Pohl, H., 2008
Bankert (mhd.
Banchart [M.] auf der Bank Gezeugter) ist die ältere deutsche Bezeichnung für
das seit dem 8. Jh. von der Kirche abgelehnte → nichteheliche Kind.
Bankrott ist das vollständige Scheitern
des Unternehmers, das im Spätmittelalter bei den Bankinhabern zum Zerstören
ihrer Bank (ital. banca rotta [F.] zerbrochene Bank) führt, wobei die
Bezeichnung über das Niederländische und das Französische im 16. Jh. in das
Neuhochdeutsche eindringt. Für die Abwicklung des Bankrotts setzt sich seit dem
späteren 16. Jh. das Verfahren des Konkurses durch. Der betrügerische B. ist
Straftatbestand.
Lit.: Meier, A., Die
Geschichte des deutschen Konkursrechts, 2003
Bann ist die Möglichkeit eines Amtsträgers, Gebote und Verbote unter Anordnung gewichtiger Rechtsfolgen im Fall der Nichtbeachtung auszusprechen (lat. bannus Gregor von Tours [538/539-594], Historiae 5, 26). In diesem Sinn kann bereits der jüdische Rabbi den uneinsichtigen Sünder zum Heiden erklären (vgl. Matthäus 18,15-17). Dementsprechend schließt das Christentum (Elvira 306) Sünder in bestimmten Fällen aus der kirchlichen Gemeinschaft (lat. [F.] excommunicatio Ausschluss aus der Gemeinschaft im 4./5. Jh. gebildet) aus (nicht auch aus der Kirche insgesamt). In Fällen geringerer Sünde werden nur der Empfang der Sakramente und das kirchliche Amt abgesprochen. Vom kirchlichen B. kann der Papst lösen. Im weltlichen Bereich kennt das fränkische Recht den B. des Königs oder Grafen. Wer dagegen verstößt, muss 60 bzw. 15 Schilling leisten. Seit dem Hochmittelalter gehen die Bannrechte des Königs auf den Landesherrn über und werden dann durch das Hoheitsrecht des Landesherrn bzw. später des Staates ersetzt. Der kirchliche B. wird unter dem Einfluss der Aufklärung im 18. Jh. vielfach verboten, im 19. Jh. aber häufig wieder eingeführt.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 83, 130; Sickel, W.,
Zur Geschichte des Bannes, 1886; Koehne, C., Studien über die Entstehung der
Zwangs- und Bannrechte, ZRG GA 25 (1904), 172; Eichmann, E., Acht und Bann,
1909; Eichholzer, E., Über Zwangs- und Bannrechte, 1914; Voltelini, H. v.,
Königsbannleihe und Blutbannleihe, ZRG GA 36 (1915), 290; Heck, P., Die
Bannleihe im Sachsenspiegel, ZRG GA 37 (1916), 260; Ganahl, K., Der Fürbann im
bayerischen Rechtsgebiet, ZRG GA 54 (1934), 257; Fehr, H., Zur Geschichte des
Bannes, ZRG GA 55 (1935), 237; Wießner, H., Twing und Bann, 1935; Stutz, U.,
Zur Herkunft von Zwing und Bann, ZRG GA 57 (1937), 289; Siuts, H., Bann und
Acht, 1959 (Diss. phil. Kiel 1956); Doskucil, W., Der Bann in der Urkirche,
1958; Scheyhing, R., Eide, Amtsgewalt und Bannleihe, 1960; Tiefenbach, H.,
Studien zu Wörtern volkssprachiger Herkunft, 1973; Vodola, E., Excommunication
in the Middle Ages, 1986; Schneider, J./Erb, T., Bannus, Archivum latinitatis
medii aevi 64 (2006), 57
Banner ist die
vielleicht schon in germanischer Zeit als Zeichen dienende Fahne (Heerfahne,
Gerichtsfahne). Seit dem 11. Jh. werden Fahnen mit einem Fahnenwagen in die
Schlacht gefahren. Seit Friedrich I. Barbarossa (1122-1190, König 1152) führt
der König ein B. mit schwarzem Adler auf gelbem Grund mit sich.
Lit.: Amira, K. v./Schwerin, C. Frhr. v.,
Rechtsarchäologie, 1943, 34; 75 (Fünfundsiebzig) Jahre Reichsbanner Schwarz -
Rot - Gold, red. v. Grimm, U., 1999
bannitio (lat.
[F.]) öffentliche Ladung
Bannleihe ist die Vergabe (Leihe) eines
Bannes durch den König. Sie wird 1149 zu Gunsten der Kirche sichtbar. Im
Sachsenspiegel ist die B. eine grundlegende Erscheinung der Gerichtsbarkeit,
doch verliert die königliche B. mit dem Übergang der Gerichtsbarkeit auf die
Landesherren ihre Bedeutung.
Lit.: Scheyhing, R.,
Eide, Amtsgewalt und Bannleihe, 1960; Reynolds, S., Fiefs and Vassals, 1994
Bannmeile ist die örtlich auf eine (oder auch mehrere) Meilen festgelegte Reichweite eines → Bannes oder einer Herrschaftsgewalt. Seit dem Hochmittelalter werden insbesondere Burgen, Städte (z. B. Lechenich 1279 banmile sive bivanc), Märkte, Mühlen oder Brauhäuser mit einer B. ausgestattet. In der Gegenwart beschreibt die B. eines Staatsorgans den räumlichen Bereich, in dem keine Versammlungen abgehalten werden dürfen.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Hirsch, H., Die Klosterimmunität
seit dem Investiturstreit, 1913; Küchler, W., Das Bannmeilenrecht, 1964
Bannwald ist der durch Bann des Königs
oder sonstigen Herren der allgemeinen Nutzung entzogene Wald (7. Jh. lat. [F.]
silva regis, forestis, 1251 banholz, 1280 banforst).
Lit.: Mantel, K., Wald
und Forst in der Geschichte, 1990; Dasler, C., Forst und Wildbann, 2001
barbarus (lat. [M.]) plappernder (Nichtrömer)
Lit.: Köbler, LAW; Rugullis, S., Die Barbaren in den
spätrömischen Gesetzen, 1992
Barbeyrac, Jean de
(1674-1744), 1697-1710 Professor für alte Sprachen in Berlin, 1711-1717 für
Geschichte und Naturrecht in Lausanne, 1717-1744 für öffentliches und privates
Recht in Groningen, verbreitet naturrechtliches Gedankengut durch französische
Übersetzungen von Werken Pufendorfs, Grotius’ und Cumberlands.
Lit.: Othmer, S., Berlin und die Verbreitung des
Naturrechts in Europa, 1970
Bargilde →
Biergelde
Barock
Lit.: Methoden und Probleme
der Alltagsforschung im Zeitalter des Barock, hg. v. Pickl, O. u. a., 1992
Baron ist die über das Mittellateinische und Mittelfranzösische von ahd. (M.) baro Mann abgeleitete Bezeichnung für eine Gruppe Adliger (1595 für Freiherr).
Barrister ist der
vor Gericht ([engl.] bar) auftretende Anwalt des englischen Rechts.
Lit.:
Kroeschell, DRG 3; Baker, J., An Introduction to English Legal History, 4. A. 2002; Baker,
J., The Common Law Tradition, 2000
Barschalk ist eine
Bezeichnung für bestimmte Halbfreie im frühmittelalterlichen Bayern (8./9. Jh.,
auch 13. Jh.).
Lit.: Köbler, WAS; Janda, A., Die Barschalken, 1926; Mayer,
T., Baar und Barschalken, FS I. Zibermayr, 1954, 143
Bartholomäus de Capua
ist ein in Capua am 12. 8. 1248 als Sohn eines Juristen geborener, in Neapel
ausgebildeter und 1278 promovierter, 1328 verstorbener neapolitanischer
Jurist (Glossen, Quästionen, Reden).
Lit.: Lange, H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im
Mittelalter, Bd. 2 2007, 499
Bartholomäusnacht
ist die Nacht zum 24. August (1572), in der nach der Hochzeit (Bluthochzeit)
des Protestanten Heinrich von Navarra mit Margareta von Valois in Paris und
Umgebung mehr als 3000 Menschen (meistens Hugenotten) getötet werden.
Bartolus de Saxoferrato (aus bäuerlicher Familie, Venatura bei Sassoferrato/Saxoferrato nahe Ancona 1313? oder 1314?-Perugia 13. 7. 1357) lehrt nach dem in Perugia (1327, Cinus de Sighibuldis) und Bologna (1330?, 1333?) betriebenen Rechtsstudium und der nach der Disputation von 1333 (baccalaureus) am 10. 11. 1334 in Bologna erlangten Promotion zum (lat.) doctor (M.) iuris civilis und einer Tätigkeit als Assessor des Podestà in Todi, Cagli und Pisa seit Winter 1338/1339 in Pisa und Perugia (1342) weltliches Recht. Neben vielleicht mehr als 400 gedruckten und weiteren rund 200 ungedruckten Gutachten verfasst er bedeutende Kommentare zu Digesten und Codex Justinians sowie Glossen, additiones, 22 gedruckte quaestiones und etwa 45 (28 gedruckte) wichtige Traktate (z. B. zum Markenrecht und Wappenrecht) in klarer, aber trotz freierer Auslegung noch an der Scholastik ausgerichteter Denkweise. Seine Werke bilden neben der Glosse des Accursius an vielen Orten die Grundlage des juristischen Studiums bis weit in die Neuzeit ( [lat.] Nemo bonus iurista, nisi Bartolista, niemand ist guter Jurist, wenn er nicht Bartolist ist). Sein wohl bekanntester Schüler ist Baldus de Ubaldis.
Lit.: Söllner § 25; Bartolus, Opera omnia, Drucke seit
1525; Savigny, F., Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter, 2. A. Bd. 3ff. 1834ff.; Woolf, C., Bartolus of Sassoferrato,
1913; Bartolo da Sassoferrato, Bd. 1f. 1962; Merzbacher, F., Bartolo de
Sassoferrato, (in) Recht - Staat - Kirche, hg. v. Köbler, G. u. a., 1989, 559;
Kisch, G., Bartolus und Baldus, 1960; Cavallar, O. u. a., A Grammar of Signs, 1994;
Lepsius, S., Der Richter und die Zeuge, 2003; Lange, H./Kriechbaum, M.,
Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 2 2007, 682
Basel am Rhein (Basilia 374 n. Chr.) wird auf keltisch-römischer Siedlungsgrundlage (keltische Rauriker 1. Jh. v. Chr., römisches Kastell um 15 v. Chr.) nach dem Übergang an die Alemannen (6./7. Jh.) vielleicht im 7. Jh. Sitz eines Bischofs (zunächst von Augst und B.). Seit 1362 zählt es sich nach dem Kauf wichtiger Rechte des Bischofs zu den freien Städten im Heiligen römischen Reich (deutscher Nation) und erwirbt Gebiete zum Jura hin. 1431-1437 ist es Tagungsort eines Konzils. 1459 (4. 4. 1460) erlangt es eine (bald verbaselete) Universität (mit rund 2200 Promotionen zwischen 1558 und 1818 d. h. jährlich etwa 9). Am 13. 7. 1501 schließt sich B. als neunter Ort der Eidgenossenschaft der → Schweiz an und löst sich 1648 förmlich vom Heiligen römischen Reich. Die Stadtgerichtsordnung von 1719 schöpft hauptsächlich aus dem württembergischen Landrecht von 1555. 1832/1833 trennt sich Basel-Land von Basel-Stadt.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Heusler, A.,
Verfassungsgeschichte der Stadt Basel, 1860; Concilium Basiliense, hg. v.
Haller, J., Bd. 1ff. 1896ff.; Wackernagel, R., Geschichte der Stadt Basel, Bd.
1ff. 1907ff.; Bruder, H., Die Lebensmittelpolitik der Stadt Basel, 1909;
Mulsow, H., Maß und Gewicht der Stadt Basel, 1910; Festschrift zur Feier des
450jährigen Bestehens der Universität Basel, 1910; His, E., Geschichte des
Basler Grundbuchs, 1915; Wackernagel, R., Geschichte der Stadt Basel, Bd. 1f.
1907ff.; Heusler, A., Geschichte der Stadt Basel, 1917; Ribeaud, A., Le moulin
féodal, 1920; Heusler, A., Basels Gerichtswesen im Mittelalter, 1922; His, E.,
Zur Geschichte des Basler Notariats, Basler Zeitschrift für Geschichte und
Altertumskunde 20 (1922), 1; Saxer, E., Das Zollwesen der Stadt Basel, 1923;
Roth, P., Die Organisation der Basler Landvogteien, 1922; His, E., Eine
historische Staatsteilung, GF Fritz Fleiner 1927; Membrez, A., Die Burgvogtei
Binzen, 1928; Metzger, K., Die Verbrechen und ihre Straffolgen im Basler Recht
des späteren Mittelalters, 1931; Koelner, P., Die Safranzunft zu Basel, 1935;
Mayer-Edenhauser, T., Zur Territorialbildung der Bischöfe von Basel, ZGO 52
(1938), 226; Die Matrikel der Universität Basel, hg. v. Wackernagel, H., Bd.
1f. 1951ff.; Staehelin, A., Geschichte der Universität Basel 1632 bis 1818,
1957; Hagemann, H., Rechtswissenschaft und Basler Buchdruck, ZRG GA 77 (1960),
241; Hagemann, H., Basler Stadtrecht im Spätmittelalter, ZRG GA 78 (1961), 140;
Professoren der Universität Basel, 1960; Kisch, G., Die Anfänge der
juristischen Fakultät der Universität Basel 1459-1529, 1962; Baerlocher, R.,
Das Rechtsmittelsystem des baselstädtischen Zivilprozessrechts, 1964; Bühler,
T., Andreas Heusler und die Revision der Basler Stadtgerichtsordnung 1860-1870,
1963; Staehelin, A., Sittenzucht und Sittengerichtsbarkeit in Basel, ZRG GA 85
(1968), 78; Christ, B., Die Basler Stadtgerichtsordnung von 1719, 1969;
Abplanalp, F., Zur Wirtschaftspolitik des Fürstbistums Basel, 1971; Bühler, T.,
Gewohnheitsrecht und Landesherrschaft im ehemaligen Fürstbistum Basel, 1972;
Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte,
hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,443, 3,2,1958; Mommsen, K., Katalog der
Basler juristischen Disputationen 1558-1818, 1978; Simon, C.,
Untertanenverhalten und obrigkeitliche Moralpolitik, 1981; Hagemann, H.,
Basler Rechtsleben im Mittelalter, Bd. 1f. 1981ff.; Kern, B., Die juristische
Gesellschaft zu Basel, ZRG GA 100 (1983), 145; Röthlin, N., Die Basler
Handelspolitik, 1986; Münch, P., Aus der Geschichte des Basler Privatrechts im
19. Jahrhundert, 1991; Basel, hg. v. Kreis, G. u. a., 2000; Hirsch, V., Der Hof
des Basler Bischofs Johannes von Venningen, 2004; Hagemann, H., Laiengericht
und gelehrtes Recht am Beispiel des Basler Stadtgerichts, ZNR 27 (2005), 1;
Gröbli, F., Bibliographie von Basel, 2005; Suter, S., Die strafrechtlichen
Bedenckhen, 2006; Immenhauser, B., Bildungswege – Lebenswege, 2007; Steinbrink,
M., Ulrich Meltinger, 2008; Berner, H. u. a., Kleine Geschichte der Stadt
Basel, 2008
Basiliken (griech.
[ta[] basilika [nomima], kaiserliche [Bücher bzw. Gesetze]) ist der Name für
die (von Kaiser Basilius I. 867-886 geplanten) 60 Bücher, in denen unter Kaiser
Leon VI. (886-912) in → Byzanz die lateinischen Rechtstexte (Codex und
Digesten) Kaiser → Justinians (528-534) auf der Grundlage wohl alter
griechischer Paraphrasen ins Griechische übersetzt, gestrafft und vereinfacht
werden (Digestenparaphrase des Anonymus, Codexparaphrase des Thaleleios).
Später kommen Randbemerkungen (Scholien) hinzu. Um 1345 bearbeitet →
Harmenopoulos die B. im → Hexabiblos. Die unmittelbare Geltung der B.
endet mit der Einnahme Ostroms durch die Türken 1453 n. Chr., doch bleiben die
B. in Zusammenfassungen und Auszügen für Griechenland bis zum Zivilgesetzbuch
des Jahres 1946 bedeutsam.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 44 I 6; Basilicorum
libri LX, hg. v. Scheltema, J., u.a, Bd. 1ff. 1953ff.
Baske ist der
Angehörige eines vorindogermanischen, um die Pyrenäen siedelnden Volkes. Im 10.
Jh. deckt sich das Land der Basken mit dem Königreich → Navarra. 1939
beseitigt der spanische Diktator Franco die Vorrechte der ihm ablehnend
gegenüberstehenden Basken. 1979 erhalten die Basken (wieder) Autonomie.
Lit.: Ortots, H., Die Basken, 1979; Handbuch der Quellen
und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing,
H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,247; Kasper, M., Baskische Geschichte, 1997, 2. A.
2008; Kurlansky, M., Die Basken, 2000
Baudoin (Balduinus),
François (Arras 1520-Paris 1573), Fiskaladvokatensohn, lehrt nach dem Studium
in Löwen (Mudaeus) kurz in Paris (Du Moulin), seit 1548 in Bourges, seit 1555
in Straßburg, seit 1556 in Heidelberg, nach einiger Unterbrechung seit 1566 in
Besançon und seit 1569 in Angers. Innerhalb der französischen Humanisten bemüht
er sich um die von der einfachen Überlieferung gelöste zusammenfassende
Behandlung verschiedener Textschichten (z. B. der Codexfragmente Konstantins).
Lit.: Erbe, M., François Baudoin, 1978
Bauer ist der
Angehörige des die Landwirtschaft betreibenden Berufsstands. Sachlich entsteht
der B. mit der Sesshaftwerdung, mit welcher der Ackerbau neben die Viehzucht
tritt. Im Frühmittelalter gerät der B. vielfach in grundherrschaftliche
Abhängigkeit. Seit der Aussonderung der Bürger und Ritter etwa im 11. Jh.
bilden die verbleibenden Mitglieder der Gesellschaft den Berufsstand der
Bauern. Namengebend wird das bloße Nebeneinanderwohnen (ahd. būan).
Möglich ist unter bestimmten Umständen der Erwerb von Freiheit (z. B.
Rodungsfreiheit). Zu Beginn des 16. Jh.s lehnen sich die Bauern erfolglos gegen
ihre Herren auf (→ Bauernkrieg). Im dreißigjährigen Krieg (1618-1648)
wird vielleicht die Hälfte der Bauern getötet. Im 19. Jh. erlangen die Bauern
Freiheit und Eigentum (→ Bauernbefreiung) und werden den (anderen)
Bürgern grundsätzlich gleichgestellt. Seit der 2. Hälfte des 20. Jh.s nimmt die
Zahl der Bauern wegen der günstigeren Lebensbedingungen in anderen
Erwerbszweigen sehr stark ab und verliert die Landwirtschaft überhaupt ihre
wesentliche wirtschaftliche Bedeutung an die Dienstleistung.
Lit.: Köbler, DRG 79, 98, 111, 135; Heusler, A., Der Bauer
als Fürstengenoss, ZRG GA 7 (1886), 235; Wittich, W., Die Frage der Freibauern,
ZRG GA 22 (1901), 245; Fehr, H., Das Waffenrecht der Bauern im Mittelalter, ZRG
GA 35 (1914), 111; Urkunden zur deutschen Agrargeschichte, hg. v. Wopfner, H.,
1925; Barth, F., Der baaremer Bauer, Schriften des Vereins für Geschichte und
Naturgeschichte der Baar 17 (1928); Weller, K., Die freien Bauern in Schwaben,
ZRG GA 54 (1934), 178; Bader, K., Die freien Bauern im Breisgau, 1936; Mayer,
T., Die Entstehung des „modernen“ Staates im Mittelalter und die freien Bauern,
ZRG GA 57 (1937), 210; Bader, K., Das Freiamt im Breisgau und die freien Bauern
am Oberrhein, 1936; Veltzke, G., Der gebundene bäuerliche Besitz, 1938;
Arbusow, L., Das Bauernrecht des sog. budberg-schraderschen Landrechtsentwurfs
von 1740, Mitteilungen aus der livländischen Geschichte 25 (1937), 377;
Huppertz, B., Räume und Schichten bäuerlicher Kulturformen in Deutschland,
1939; Höffner, J., Bauer und Kirche 1939; Dopsch, A., Herrschaft und Bauer,
1939; Deutsches Bauerntum, Bd. 1f. hg. v. Franz, G., 1939f.; Möller, K., Das
Vierländer Bauernrecht, 1940; Lütge, F., Die landesherrlichen Urbarsbauern in
Ober- und Niederbayern, 1943; Adel und Bauern im Staat des deutschen
Mittelalters, hg. v. Mayer, T., 1943; Grass, N., Zur Kontinuität im bäuerlichen
Rechte der Alpenländer, ZRG GA 66 (1948), 516; Haff, K., Der freie Bergbauer
als Staatsgründer, ZRG GA 67 (1950), 394; Dollinger, P., L’évolution des
classes rurales en Bavière, 1949; Das Problem der Freiheit in der deutschen und
schweizerischen Geschichte, 1955; Niederer, A., Gemeinwerk im Wallis, 1956; Lehmann,
R., Die Verhältnisse der niederlausitzischen Herrschafts- und Gutsbauern, 1956;
Hofmann, H., Freibauern, Freidörfer, Zeitschrift für bayerische
Landesgeschichte 23 (1960), 195; Wopfner, H., Bergbauernbuch, 1951ff.; Henning,
F., Herrschaft und Bauernuntertänigkeit, 1964; Achilles, W.,
Vermögensverhältnisse braunschweigischer Bauernhöfe im 17. und 18.
Jahrhundert, 1965; Henning, F., Dienste und Abgaben der Bauern im 18.
Jahrhundert, 1969; Grüll, G., Der Bauer im Lande ob der Enns, 1969; Bauer, Wort
und Begriff, hg. v. Wenskus, R. u. a., 1975; Deutsches Bauerntum im
Mittelalter, hg. v. Franz, G., 1976; Kuchenbuch, L., Bäuerliche Gesellschaft
und Klosterherrschaft im 9. Jahrhundert, 1978; Dollinger, P., Der bayerische
Bauernstand vom 9. bis zum 13. Jahrhundert, 1982 (franz. 1949); Fossier, R.,
Paysans d’Occident, 1984; Rösener, W., Bauern im Mittelalter, 1985, 4. A. 1987;
Blickle, P., Studien zur geschichtlichen Bedeutung des deutschen Bauernstandes,
1989; Rösener, W., Agrarwirtschaft, Agrarverfassung und ländliche Gesellschaft
im Mittelalter, 1992; Trossbach, W., Bauern 1648–1806, 1993; Rösener, W., Die
Bauern in der europäischen Geschichte, 1993; Wopfner, H., Tiroler
Bergbauernbuch, hg. v. Grass, N., Bd. 1ff., 1995ff.; Epperlein, S., Bäuerliches
Leben im Mittelalter, 2003; Wiese, M., Leibeigene Bauern und römisches Recht im
17. Jahrhundert, 2006; Kissling, P., Freie Bauern und bäuerliche Bürger, 2006
Bauerbrief → Dorfordnung
Bauergericht ist
unter verschiedenen Namen das unter Vorsitz eines Bauermeisters in Flursachen
tagende Gericht des mittelalterlich-frühneuzeitlichen Dorfes.
Lit.: Wiemann, H., Der Heimbürge in Thüringen und Sachsen,
1962
Bauernbefreiung (F.
Knapp 1887) ist die Befreiung der gebietsmäßig durchaus verschieden
gestellten Bauern aus der grundherrlichen Abhängigkeit an der Wende des 18.
Jh.s zum 19. Jh., die von Staatsmännern, Wirtschaftsdenkern und aufgeklärten
Bürgern auch zwecks Ertragssteigerung angeregt wird. Sie beginnt nach
Verbesserungen des Bauernschutzes in Preußen (1749) und Österreich (1751) in
Savoyen (1761, 1771). Reformen Josephs II. in Österreich werden abgesehen von
der Aufhebung der Erbuntertänigkeit nach 1789 wieder abgeschafft. In Baden wird
1787 die Leibeigenschaft aufgehoben. In Preußen erhalten von 1799 bis 1805 50000
Domänenbauern persönliche Freiheit und freies Eigentum. Im Oktober 1807
verschafft ein preußisches Edikt bis zum Martinitag 1810 allen Bauern
persönliche Freiheit, das Regulierungsedikt von 1811 auch Eigentum gegen
Entschädigung. Im Laufe des 19. Jh.s dringt die B. vor allem seit 1848
(Österreich Aufhebung der Robot, Grundentlastung) allgemein durch (z. B.
Russland 1861). Entgegen den Zielsetzungen bewirkt die B. keine allgemeine
Verbesserung der Lage der Bauern.
Lit.: Kroeschell, DRG 2, 3; Köbler, DRG 174; Knapp, G., Die
Bauernbefreiung, 1887; Grünberg, C., Die Bauernbefreiung in Böhmen, Mähren und
Schlesien, Bd. 1f. 1893; Darmstädter, P., Die Befreiung der Leibeigenen
(Mainmortables) in Savoyen, 1897; Vogt, G., Die Bauernbefreiung in Mecklenburg,
1937; Conze, W., Die liberalen Agrarreformen Hannovers im 19. Jahrhundert,
1947; Conze, W., Quellen zur Geschichte der Bauernbefreiung, 1957; Engels, W.,
Ablösungen und Gemeinheitsteilungen in der Rheinprovinz, 1957; Schremmer, E.,
Die Bauernbefreiung in Hohenlohe, 1963; Winkel, H., Die Ablösungskapitalien
aus der Bauernbefreiung in West- und Süddeutschland, 1968; Hippel, W. v., Die
Bauernbefreiung im Königreich Württemberg, Bd. 1f. 1977; Dipper, C., Die
Bauernbefreiung in Deutschland 1790-1850, 1980; Kreutzkamp, F., Bauernbefreiung
auf Cappenberg, 2003
Bauernkrieg ist der
(zwischen 1300 und 1800) von den → Bauern gegen die → Grundherrn
geführte (einzelne) Krieg. Der B. von 1525 gründet sich auf eine als Folge der Pest
am Ende des Mittelalters entstandene Agrarkrise und auf die von Martin Luther
(Von der Freiheit eines Christenmenschen) genährte Hoffnung auf Besserung der
Lage der Unterdrückten. Nicht zuletzt wegen Luthers baldiger Stellungnahme
gegen die mörderischen Rotten der Bauern enden die Bauernkriege mit Niederlagen
(bei Frankenhausen, Zabern, Böblingen und Würzburg) der Bauern (etwa 100000
Tote), ohne dass diese sich jedoch vollständig entrechten lassen.
Lit.: Zimmermann, W., Allgemeine Geschichte des großen
Bauernkrieges, 1841ff.; Franz, G., Der deutsche Bauernkrieg, 1933, Aktenband
1935, 14. A. 1984; Blickle, P., Die Revolution von 1525, 1975; Struck, W., Der
Bauernkrieg am Mittelrhein und in Hessen, 1975; Waas, A., Der Bauernkrieg,
1995; Blickle, P., Der Bauernkrieg, 1998, 2.A. 2002; Strunz-Happe, A., Wandel
der Agrarverfassung, 2003; Fink, B., Die Böhmenkircher Bauernrevolte
1580-1582/83, 2004; Hohn, M., Die rechtlichen Folgen des Bauernkrieges von
1525, 2004; Bundschuh, hg. v. Blickle, P. u. a., 2004; Bauernkrieg zwischen
Harz und Thüringer Wald, hg. v. Vogler, G., 2008
Bauernlegen ist das im Hochmittelalter bei
Orden (z. B. Zisterziensern) und dann in England im 15. Jh. beginnende
Einziehen wüst liegender Bauernhöfe und Aufkaufen freier Bauernhöfe durch
Grundherren zwecks Vergrößerung von Grundherrschaften (z. B. Rittergütern in
Mecklenburg und Vorpommern), das seit 1709 bzw. 1749 in Preußen verboten wird.
Lit.: Nichtweiß, J.,
Das Bauernlegen in Mecklenburg, 1954; Zientara, B., Die Agrarkrise in der Uckermark,
1867
Bauernlehen ist das vereinzelt an einen
Bauern gelangte kleine Lehen, das zwischen Lehen und Leihe steht und in das
Lehensrecht nur in einzelnen Hinsichten einbezogen wird.
Bauermeister (1159 mnd. burmester) ist vom
Hochmittelalter (bis zum Ausgang der frühen Neuzeit) der (gebietlich auch
anders bezeichnete) Leiter örtlicher, meist bäuerlicher Gemeinden mit auch
gerichtlichen Aufgaben.
Lit.: Schildt, B., Bauer Gemeinde Nachbarschaft, 1996
Bauerschaft ist die als Einheit verstandene
Nachbarschaft, vor allem auf dem Land, aber zeitweise auch in niederdeutschen
Städten.
Lit.: Lappe, J., Die
Bauerschaften der Stadt Geseke, 1908; Lappe, J., Eine „untergegangene“
Bauerschaft, ZRG GA 32 (1911), 229; Lappe, J., Die Bauerschaften und Huden der
Stadt Salzkotten, 1912
Bauersprache (mnd. bursprake) ist die Versammlung der Nachbarn in Stadt und Dorf, in der das geltende Recht verkündet wird und bei Bedarf allgemeine Angelegenheiten beraten werden.
Lit.: Kroeschell, DRG 1
Baulast ist im
späten 20. Jh. in Deutschland das sich nicht bereits aus öffentlichrechtlichen
Vorschriften ergebende, also freiwillig gegenüber der Bauaufsichtsbehörde übernommene,
ein Grundstück betreffende Tun, Dulden oder Unterlassen eines Eigentümers. →
Kirchenbaulast
Lit.: Döring, C., Die öffentliche
Baulast, 1994
Baurecht ist
objektiv die Gesamtheit der Rechtssätze, die sich auf die Zulässigkeit und die
Grenzen bzw. die Ordnung und die Förderung der Errichtung und wesentlichen
Veränderung von baulichen Anlagen sowie auf deren bestimmungsgemäße Nutzung
beziehen. Ursprünglich gilt für das B. der Grundsatz der Baufreiheit des
Grundstücksberechtigten (so noch das preußische Allgemeine Landrecht von
1794). Seit dem Hochmittelalter finden sich erste Einschränkungen in den
verdichtet besiedelten Städten. Dem folgen allmählich zahlreiche einzelne
Polizeiverordnungen, Erlässe und Entschließungen der Landesherren. Sie werden
in der Mitte des 19. Jh.s durch allgemeine Regelungen ersetzt (München 1863,
Bayern 1864, Baden 1868, Sachsen 1868/1869, Preußen 1871, Württemberg 1872),
die mit zunehmender Besiedlungsdichte immer stärkere Beschränkungen
aufnehmen, so dass der Grundsatz der Baufreiheit in erheblichem Umfang zum
bloßen Grundsatz eingeengt wird. Als B. wird in Österreich das →
Erbbaurecht bezeichnet.
Lit.: Köbler, DRG 152, 198, 259, 269; Grein, F., Baurecht
nach den Vorschriften des allgemeinen Landrechts, 1863; Urschlechter, A., Das
Baurecht der Stadt Nürnberg, Diss. jur. Erlangen 1940; Gönnenwein, O., Die
Anfänge des kommunalen Baurechts, FG H. Fehr, 1948, 71; Pirson, D., Das
Baurecht des fürstlichen Absolutismus im hohenzollerischen Franken, 1961;
Deutsche Verwaltungsgeschichte, hg. v. Jeserich, K. u. a., Bd. 1ff. 1983ff.;
Ries, P., Bauverträge im römischen Recht, Diss. jur. München 1989; 100 Jahre
Allgemeines Baugesetz Sachsen, hg. v. Bauer, H. u. a., 2000; Binding,
G./Linscheid-Burdich, S., Planen und Bauen im frühen und hohen Mittelalter,
2002; Kocken, E., Van bouwen, 2004: Untermann, M., Architektur im frühen
Mittelalter, 2006
Bausparkasse ist
die genossenschaftlich organisierte → Sparkasse, die Darlehen zu
Bauzwecken an Genossen vergibt. Die erste B. wird 1775 in
Lit.: Köbler, DRG 241; Lehmann, W., Die Bausparkasse, 5. A.
1977
Bautzen
Lit.: Eide, Statuten
und Prozesse, hg. v. Schwerhoff, G. u. a., 2002
Bayer ist der Angehörige des aus streitigen Grundlagen (Bojern, Alemannen, Walchen) erwachsenden, zum 6. Jh. (Jordanes) erstmals genannten, zwischen Alpen und Donau siedelnden Volkes. Die Bayern geraten schon früh unter die Herrschaft der → Franken. Um 740 werden für die Bayern von Bonifatius Bistümer eingerichtet (Passau, Salzburg, Freising, Regensburg, Eichstätt). Vielleicht vor 743 zeichnen die Bayern nach dem Vorbild der Alemannen ihr Recht auf (→ Lex Baiwariorum). Ihr dem bereits im 6. Jh. nachweisbaren Geschlecht der Agilolfinger angehörender König Tassilo III. wird 788 von Karl dem Großen abgesetzt. Später gelangen die Bayern (bzw. gelangt das Gebiet der Bayern als Herzogtum) nacheinander an die Luitpoldinger (Anfang 10. Jh.), das sächsische und salische Königshaus (größte Ausdehnung um 950), die Welfen (1070-1138), die Babenberger (1139-1156), die Welfen (1156) und nach dem Sturz Heinrichs des Löwen (1180) an die → Wittelsbacher.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 3; Köbler,
Historisches Lexikon; Köbler, DRG 75, 131, 139, 192, 256; Monumenta Boica, ed. Academia
Scientiarum Boica, Bd. 1ff. 1763ff.; Rosenthal, E., Geschichte des
Gerichtswesens und der Verwaltungsorganisation Baierns, Bd. 1f. 1889ff.;
Gutmann, F., Die soziale Gliederung der Bayern zur Zeit des Volksrechtes, 1906;
Stölzel, A., Die Entwicklung der gelehrten Rechtsprechung, Bd. 1f. 1901ff.;
Stowasser, O., Das Land und der Herzog in Bayern und Österreich, 1925;
Spindler, M., Die Anfänge des bayrischen Landesfürstentums, 1937; Handbuch der
Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v.
Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,2,1472,2634, 3,3,3697; Handbuch der bayerischen
Geschichte, hg. v. Spindler, M., Bd. 1ff. 2. A. 1981, z. T. 3. A.ff. 1995ff.;
Schmid, A., Das Bild des Bayernherzogs Arnulf (907-937), 1976; Jahn, J.,
Ducatus Baiuvariorum, 1989; Hartmann, P., Bayerns Weg in die Gegenwart, 2. A.
1992; Wolf, G., Bemerkungen zur Geschichte Herzog Tassilos III. von Bayern
(748-788), ZRG GA 109 (1992), 353; Prinz, F., Die Geschichte Bayerns, 1997;
Liebhart, W., Bayerns Könige, 2. A. 1997; Fait, B., Demokratische Erneuerung,
1998; Sagstetter, M., Hoch- und Niedergerichtsbarkeit im spätmittelalterlichen
Herzogtum Bayern, 2000; Volkert, W., Geschichte Bayerns, 2001; Störmer, W.,
Die Baiuwaren, 2002; Bayerische Verfassungsurkunden, bearb. v. Wenzel, A., 4.
A. 2002; Schauplätze der Geschichte der Bayern, hg. v. Schmid, A. u. a., 2003;
Holzfurtner, L., Gloriosus dux, 2003; Kraus, A., Geschichte Bayerns, 3. A.
2004; Freund, S., Von den Agilolfingern zu den Karolingern, 2004
Bayerisches Landrecht
von 1616 ist das von Herzog Maximilian (1597-1651) seinem Land → Bayern
gegebene einheitliche → Landrecht.
Lit.: Schuppenies, P., Die Bürgschaft im bayerischen
Landrecht, Diss. jur. Mannheim 1975
Bayerisches Oberstes Landesgericht ist das in Wahrung der Erinnerung an Bayern als
unabhängigen deutschen Staat (1806-1871) beibehaltene, über mehreren
bayerischen Oberlandesgerichten (München, Nürnberg, Bamberg) stehende oberste
Gericht (Oberappellationsgericht) der ordentlichen Gerichtsbarkeit in
Bayern. Es geht auf das auf Grund eines kaiserlichen, vom Reichskammergericht
befreienden Privilegs am 18. 4. 1625 verfügte Revisorium (Revisionsgericht)
Bayerns zurück. Eingerichtet wird es durch das bayerische Ausführungsgesetz zum
Gerichtsverfassungsgesetz vom 23. 2. 1879. Vom 1. April 1935 bis 1948 war es
aufgehoben. Ab 1. Januar 2005 ist es für Neueingänge durch die
Oberlandesgerichte München, Nürnberg und Bamberg ersetzt, zum 30. 6. 2006 auch
für anhängige Sachen aufgehoben.
Lit.: Merzbacher, F., 350 Jahre Bayerisches Oberstes
Landesgericht, (in) Recht - Staat - Kirche, hg. v. Köbler, G. u. a., 1989, 509;
Das Bayerische Oberste Landesgericht, hg. v. Herbst, G., 1993; Demharter, J.,
375 Jahre Bayerisches Oberstes Landesgericht, NJW 2000, 1154; Hettler, F., Das
bayerische oberste Landesgericht, (in ) Bayern und Europa, 2005; Hirsch, G.,
Die Auflösung des bayerischen obersten Landesgerichts, NJW 2006, 3255
Bayerisches Strafgesetzbuch von 1813 ist das von → Feuerbach erarbeitete Strafgesetzbuch
→ Bayerns, das unter der Theorie des psychologischen Zwanges die wechselseitige
Freiheit aller Bürger dadurch schützen will, dass es den Straftatbestand
möglichst genau festlegt.
Lit.: Feuerbach, P., Lehrbuch des gemeinen, in Deutschland
geltenden peinlichen Rechts, 1801, 14. A. 1847; Schubert, G., Feuerbachs
Entwurf zu einem Strafgesetzbuch für das Königreich Bayern, 1978
Bayerische Zivilprozessordnung vom 29. 4. 1869 ist das am 1. 7. 1870 den älteren (lat.) →
Codex (M.) iuris Bavarici iudiciarii (von 1753) ablösende, bis 1879 geltende
Zivilprozessgesetz → Bayerns.
Bayern ist das von den Bayern (→ Bayer) bewohnte Gebiet. Seit
1255 wird das mit dem (lat. [N.]) privilegium minus von 1156 bei der Abteilung
Österreichs als eigenes Territorialherzogtum erkennbare, 1180 an die
Wittelsbacher verlehnte, 1214 um die Pfalzgrafschaft bei Rhein erweiterte,
durch die Ausbildung der Hochstifte Augsburg, Passau, Freising, Regensburg und
Salzburg aber geschmälerte Land B. mehrfach geteilt (1255 Oberbayern mit
Pfalzgrafschaft, Niederbayern, bis 1346). 1329 werden im Hausvertrag von
Pavia (aus Oberbayern) Oberpfalz (im Nordgau) und Pfalz einer eigenen Linie
überantwortet (mit Kurwürde seit 1356). 1335/1346 gibt Kaiser Ludwig der Bayer
dem Teil Oberbayern ein Landrecht. Nach seinem Tode (1347) wird das um Holland
und Brandenburg vergrößerte Land erneut geteilt. 1474 gibt Herzog Ludwig der
Reiche, der Gründer der Universität Ingolstadt (1472, 1800 Landshut, 1826
München), Niederbayern eine Landesordnung, die 1501 ergänzt wird (vgl. auch
das Landgebot von Bayern-München von 1500). Nach dem Landshuter Erbfolgekrieg
wird nach Schaffung des Fürstentums Pfalz-Neuburg (junge Pfalz) 1506 die
Unteilbarkeit des wiedervereinigten Landes festgelegt, 1516 eine Landesfreiheitserklärung,
1516/1520 eine (vielleicht von Augustin Köllner endredigierte, 1520 um 20
Seiten gekürzte) Landesordnung, 1518 eine Landrechtsreformation (zum Landrecht
von 1335/1346), 1520 eine Gerichtsordnung, 1553 eine Landesordnung und 1616
durch den die Landstände weiter zurückdrängenden, aber nicht entmachtenden
Herzog Maximilian (1598-1651) ein einheitliches Landrecht geschaffen. 1623
wird B. Kurfürstentum. 1669 findet der letzte Landtag in B. statt. In der Mitte
des 18. Jh.s wird das Recht unter Wiguläus von Kreittmayr im (lat.) →
Codex (M.) iuris Bavarici criminalis (1751), im → Codex iuris Bavarici
iudiciarii (1753) und im → Codex Maximilianeus Bavaricus civilis (1756)
zusammengefasst. 1777 kommen Pfalz (abgesehen von der Nebenlinie
Pfalz-Zweibrücken) und Bayern in der Pfälzer Linie (Carl Theodor aus der
Nebenlinie Sulzbach-Hilpoltstein, der 1742 Jülich und Berg erheiratet und
zudem Bergen op Zoom, Pfalz-Sulzbach, Neuburg und die Kurpfalz erbt) wieder
zusammen. 1799 erbt die Nebenlinie Pfalz-Zweibrücken (Max Joseph) alle Güter
Zwischen 1803 und 1816 gewinnt das zum 1. 1. 1806 zum Königreich aufgestiegene,
dem Rheinbund angeschlossene und zum 6. 8. 1806 souverän gewordene Bayern große
schwäbische und fränkische Gebiete (Würzburg, Bamberg, Augsburg, Freising,
Teile von Eichstätt und Passau, 1806 Ansbach, Bayreuth). Am 1. 5. 1808
entsteht zwecks Verhinderung einer zetralistischen Gestaltung des
Rheinbundstatuts und einer Einmischung Napoleons in die inneren Angelegenheiten
Bayerns eine Verwaltung und Gerichtsbarkeit umfassend modernisierende, von 23
Edikten und Verordnungen ergänzte Konstitution, 1813 ein Strafgesetzbuch, am
26. 5. 1818 eine Verfassung (mit Kammer der Reichsräte und Kammer der
Abgeordneten). 1871 wird B. Teil des deutschen Reiches. 1918 wird das
Königreich zum Freistaat, an den 1920 Coburg angegliedert wird, der aber 1945
alle linksrheinischen Gebiete (Pfalz) an das neue Rheinland-Pfalz verliert. Am
1. 12. 1946 wird innerhalb der Besatzungszone der Vereinigten Staaten von
Amerika eine neue Verfassung für B angenommen. 1949 wird B. ein Teil der
Bundesrepublik Deutschland.
Lit.: Riezler, S. v. Geschichte Bayerns, Bd. 1ff. 1880ff.,
Neudruck 1964; Gengler, H., Beiträge zur Rechtsgeschichte Bayerns, 1889;
Wohlhaupter, E., Hoch- und Niedergericht in der mittelalterlichen Gerichtsverfassung
Bayerns, 1929; Wüstendörfer, M., Das baierische Strafrecht des 13. und 14.
Jahrhunderts, 1942; Historischer Atlas von Bayern, hg. v. d. Kommission für
bayerische Landesgeschichte, Teil Altbayern Heft 1ff. 1950ff., Teil Franken
1951ff., Teil Schwaben 1952ff.; Rall, H., Kurbayern in der letzten Epoche der
alten Reichsverfassung, 1952; Lieberich, H., Zur Feudalisierung der
Gerichtsbarkeit in Bayern, ZRG GA 71 (1954), 243; Wilhelm, R., Rechtspflege und
Dorfverfassung nach niederbayrischen Ehehaftsordnungen, 1954; Fried, P.,
Herrschaftsgeschichte der altbayerischen Landgerichte Dachau und Kranzberg,
1962; Grasser, W., Johann Freiherr von Lutz 1826-1890, 1967; Hofmann, S.,
Urkundenwesen, Kanzlei und Regierungssystem der Herzoge von Bayern und
Pfalzgrafen bei Rhein von 1180/1214 bis 1255/1294, 1967; Handbuch der
bayerischen Geschichte, hg. v. Spindler, M., Bd. 1ff. 1967ff.; Dollinger, H.,
Studien zur Finanzreform Maximilians I. von Bayern in den Jahren 1598-1618,
1968; Peitzsch, Kriminalpolitik in Bayern, 1968; Ostadal, H., Die Kammer der
Reichsräte in Bayern von 1819-1848, 1968; Hüttl, L., Caspar von Schmid
(1622-1693), 1971; Weis, E., Montgelas, 1971; Mößle, W., Bayern auf den
Dresdener Konferenzen 1850/51, 1972; Repräsentation und Parlamentarismus in
Bayern, Bd. 1 1974; Dokumente zur Geschichte von Staat und Gesellschaft in
Bayern, hg. v. Bosl, K. u. a., Bd. 1ff. 1974ff.; Rankl, H., Staatshaushalt,
Stände und „gemeiner Nutzen“ in Bayern 1500 bis 1516, 1976; Was früher in
Bayern alles Recht war, v. Eberle, R., 1976; Kraus, A., Geschichte Bayerns,
1983; Handbuch der bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte 1799-1980, hg. v.
Volkert, W. u. a., 1983; Demel, W., Der bayerische Staatsabsolutismus
1806/1808-1817, 1983; Kraus, A., Grundzüge der Geschichte Bayerns, 1984;
Sandberger, A., Altbayerische Studien zur Geschichte von Siedlung, Recht und
Landwirtschaft, 1985; Christoffer af Bayerns breve 1440-1448, hg. v. Olesen,
J., 1986; Der Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuchs für das Königreich Bayern
von 1811, hg. v. Demel, W. u. a., 1986; Sprinkart, P., Kanzlei, Rat und
Urkundenwesen der Pfalzgrafen, 1986; Weiß, J., Die Integration der Gemeinden in
den modernen bayerischen Staat, 1986; Fischer, S., Der geheime Rat und die
geheime Konferenz unter Kurfürst Karl Albrecht von Bayern 1726-1745, 1987;
Rall, H., Kurfürst Karl Theodor, 1993; Der bayerische Landtag, hg. v. Ziegler,
W. u. a., 1995; Leeb, J., Wahlrecht und Wahlen zur zweiten Kammer, 1996;
Regierungsakten des Kurfürstentums und Königreichs Bayern 1799-1815, bearb. v.
Schimke, M., 1996; Treml, M., Geschichte des modernen Bayern, 2. A. 2000;
Heydenreuter, R., Kriminalgeschichte Bayerns, 2003; Biebl, G., Bayerns
Justizminister v(on) Fäustle und die Reichsjustizgesetze, 2003; Franz, M., Die
Landesordnung von 1516/1520, 2003; Die Protokolle des bayerischen
Ministerrates, hg. v. d. historischen Kommission bei der bayerischen Akademie
der Wissenschaften, Bd. 1ff. 2003ff.; Fiedler, B., Der rheinbayerische
Kassationsgerichtshof, 2004; Hartmann, P., Bayerns Weg in die Gegenwart, 2. A.
2004; Kraus, A., Geschichte Bayerns, 3. A. 2004; Schlosser, H., Agnes
Bernauerin (1410-1435), ZRG GA 122 (2005), 263; Weis, E., Montgelas, 2005;
Bayern mitten in Europa, hg. v. Schmid, A. u. a., 2005; Krey, H.,
Herrschaftskrisen und Landeseinheit, 2005; Kummer, K., Landstände und
Landschaftsverordnung unter Maximilian I. von Bayern (1598-1651), 2005; Tassilo
III. von Bayern, hg. v. Kolmer, L., 2005; Körner, H., Geschichte des
Königreichs Bayern, 2006; Bayerisches Hauptstaatsarchiv, 2. A. neubearb. v.
Wild, J. u. a., 2006; Schwertmann, M., Gesetzgebung und Repräsentation im
frühkonstitutionellen Bayern, 2006; Handbuch der historischen Stätten, Bayern,
3. A., Bd. 1f., hg. v. Körner, H. u. a., 2006; Volkert, W., Geschichte Bayerns,
3. A. 2007; Bayern – Böhmen – 1500 Jahre Nachbarschaft, 2007; Rheinbündischer
Konstitutionalismus, hg. v. Brandt, H. u. a., 2007; Weiß, D., Kronprinz
Rupprecht von Bayern, 2007; Deutsches Verfassungsrecht, hg. v. Kotulla, M., Bd.
2 2007 (rund 340 Dokumente); Landesordnung und gute Policey, hg. v. Gehringer,
H. u. a., 2008; Die bayerische Konstitution von 1808, hg. v. Schmid, A., 2009
Beamtenrecht ist die sich als Rechtsgebiet seit dem 19. Jh. entwickelnde Gesamtheit der → Beamten betreffenden Rechtssätze (Ansätze im 17. Jh. und in einem Reichshofratsprozess von 1776, in dem der Reichshofrat seinen Schutz einem ohne gerichtliches Urteil entschädigungslos und unehrenhaft entlassenen Beamten gewährt).
Lit.: Bader, K., Die Rechtsprechung des Reichshofrats und
die Anfänge des territorialen Beamtenrechts, ZRG GA 65 (1947), 363; Dold, I.,
Die Entwicklung des Beamtenverhältnisses im Fürstentum Fürstenberg, 1961;
Rejewski, H., Die Pflicht zur politischen Treue im preußischen Beamtenrecht,
1973
Beamter im
beamtenrechtlichen Sinn ist, wer unter Aushändigung einer Urkunde bei einer
juristischen Person des öffentlichen Rechts in das Beamtenverhältnis als ein
öffentliches Dienstverhältnis und Treueverhältnis berufen worden ist. Insofern
gibt es vor dem im Mittelalter entstehenden Territorialstaat keine eigentlichen
Beamten, sondern nur Amtsträger. Für diese setzt sich im fränkischen Reich das
Lehnsprinzip durch. Vielleicht seit dem 13. Jh. (bzw. der ausgehenden
Stauferzeit) wird der belehnte Adlige durch den festbesoldeten, absetzbaren und
zunehmend fachlich geschulten Beamten ersetzt. Schon im 17. Jh. kann dieser
wegen seiner wohlerworbenen Rechte nicht mehr ohne gerichtliches Urteil
entschädigungslos seines Amtes enthoben werden. Im 18. Jh. werden Beamte in
Preußen zu Pflichtbewusstsein, Sachkenntnis, Pünktlichkeit und
Unbestechlichkeit erzogen. Allgemeine Regeln über die als Zivilbediente
bezeichneten Beamten enthält das preußische Allgemeine Landrecht von 1794 (II
10 §§ 68ff.). Dort ist der Beamte nicht länger Fürstendiener, sondern
Staatsdiener. 1850 schreibt die preußische Verfassungsurkunde in den Artikeln
87ff. für die richterlichen Beamten moderne Grundsätze fest, welche die
Weimarer Reichsverfassung in den Artikeln 128ff. auf alle Beamten erweitert. In
Österreich wird die dienstrechtliche Stellung allgemein erst durch die
Dienstpragmatik vom 25. 1. 1914 geregelt (RGBl. 1914, 15). Im Deutschen Reich
werden die Beamten 1933 auf die nationalsozialistische Ideologie ausgerichtet
(Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933,
maßregelt durchschnittlich 6-8 % der Beamten). 1949 werden die hergebrachten
Grundsätze des (wiederhergestellten) Beamtentums in Art. 33 GG aufgenommen.,
während die Deutsche Demokratische Republik den Beamten zum öffentlichen
Arbeitnehmer macht. Wichtigste Beamtengesetze der Bundesrepublik Deutschland
sind das Bundesbeamtengesetz und das Beamtenrechtsrahmengesetz. Österreich
schafft am 2. 6. 1977 ein Beamtendienstrechtsgesetz. Wegen der hohen Personalkosten
ist in der Gegenwart streitig, welche Staatstätigkeit von Beamten ausgeübt
werden muss.
Lit.: Köbler, DRG 151, 197, 217, 225, 233, 258;
Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 7 1992, 1; Gönner, T., Der Staatsdienst,
1808; Isaacsohn, S., Geschichte des preußischen Beamtentums, Bd. 1ff. 1874ff.;
Cohn, W., Das Zeitalter der Hohenstaufen in Sizilien, 1925; Bader, K., Die
Rechtsprechung des Reichshofrates und die Anfänge des territorialen
Beamtenrechts, ZRG GA 65 (1947), 363; Wyluda, E., Lehnrecht und Beamtentum,
1969; Rejewski, H., Die Pflicht der politischen Treue im preußischen
Beamtenrecht (1850-1918). 1973; Wunder, B., Privilegierung und Disziplinierung,
1978; Hattenhauer, H., Geschichte des Beamtentums, 1980, 2. A. 1993;
Schimetschek, B., Der österreichische Beamte, 1984; Megner, K., Beamte, 1985;
Asch, R., Verwaltung und Beamtentum, 1986; Süle, T., Preußische
Bürokratietradition, 1988; Heindl, W., Gehorsame Rebellen, 1991; Kittel, E.,
From Ad Hoc to Routine, 1991; Mühl-Benninghaus, S., Das Beamtentum in der
NS-Diktatur, 1996; Wunder, B., Die badische Beamtenschaft, 1998; Heyen, E.,
Pastorale Beamtenethik 1650-1700, HZ 280 (2005) 345; Hesse, C., Amtsträger der
Fürsten im spätmittelalterlichen Reich, 2005 (7468 Kurzbiographien); Krause,
F., Die hergebrachten Grundsätze des Berufsbeamtentums, 2008; Herlemann, H.,
Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 (BBG),
ZRG GA 126 (2009), 296
Beati possidentes (lat.
[M.Pl.]) die glücklichen Besitzenden (sind im Rechtsstreit im Vorteil).
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 7. A. 2007 (Euripides 485/480-406 v. Chr.)
Beaumanoir, Philippe de Rémi, Herr (Seigneur) von (um 1247-7. 1. 1296), nachgeborener Sohn des bailli (Amtmanns) des
Gâtinais, wird nach dem Studium des Rechts in Orléans und vielleicht Bologna
1279 bis 1283 bailli der Grafschaft Clermont in Beauvaisis. Zwischen 1280 und
1283 verfasst er Li livres des coustumes et des usages de Beauvoisins (Coutumes
de Beauvaisis), die teils das Bestehende bewahren, teils aber auch verändern.
Später erhält er hohe königliche Ämter.
Lit.: Köbler, DRG 103; Philippe de Beaumanoir, Coutumes de
Beauvaisis, hg. v. Salmon, A., Bd. 1f. 1899,
Neudruck 1970; Actes du colloque international Philippe de Beaumanoir et les
coutumes de Beauvaisis, 1283-1983, hg. v. Bonnet-Laborderie, P., 1983
Beaumont bei Reims
ist die freie Siedlung, mit deren Recht viele Orte im Westen des deutschen
Reiches bewidmet werden. → Loi de Beaumont
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 221;
Bonvalot, E., Le tiers état d’après la charte de Beaumont, 1884
Bebenburg, Lupold
von (Bebenburg in Württemberg um 1297-Bamberg 28. 10. 1363),
Reichsministerialensohn, wird nach dem Studium des kirchlichen Rechts in
Bologna (1316) Kanoniker in Würzburg und nach der Lösung (1351) des 1338 vom
Papst ausgesprochenen Bannes 1353 Bischof in Bamberg. In seinem
kaiserfreundlichen (lat.) Tractatus (M.) de iuribus regni et imperii (1340)
entwickelt er eine eigenständige Reichstheorie, in der er einem Reichskaisertum
ein auf göttliches Recht gegründetes Weltkaisertum gegenüberstellt.
Lit.: Wolf, E., Große Rechtsdenker, 1939, 4. A. 1963, 30
Beccaria, Graf Cesare Bonesana von (Mailand 15. 3. 1738-28. 11. 1794), nach dem Rechtsstudium (1754-1758)
1760-1771 Professor in Mailand, danach im Dienst der österreichischen
Lombardei, verfasst 1764 zunächst anonym (it.) Dei delitti e delle pene (Von
Verbrechen und Strafen). Darin verlangt er die Durchsetzung des Grundsatzes
(lat.) nulla poena sine lege (keine Strafe ohne Gesetz), die regelmäßige
Ersetzung der Todesstrafe durch lebenslängliche Zwangsarbeit, die Abschaffung
der Folter, die Öffentlichkeit der Strafgerichtsverhandlung, das Verbot der
Willkür bei Strafverfolgung, die Beachtung der Nützlichkeit gegenüber der
bloßen Vergeltung sowie die Bekämpfung des Verbrechens durch aufgeklärte
Bildung. Dies hat Auswirkungen auf das Erzherzogtum Toskana des Habsburgers
Leopolds II. Gegner Beccarias ist Immanuel Kant.
Lit.: Köbler, DRG 158; Cesare Beccaria, hg. v. Deimling,
G., 1989; Weis, E., Cesare Beccaria (1738-1794), 1992; Beccaria et la culture
juridique des lumières, hg. v. Porret, M., 1998
Bede ist im
deutschen Mittelalter (13.-15. Jh. die im Hinblick auf eine bestimmte Notlage
von einem Herrn erbetene und von den Betroffenen durch Zustimmung bewilligte,
in ihrer Höhe vermögensabhängige → Abgabe in Geld seit etwa dem 11. Jh.
Innerhalb der als Einheit bedepflichtigen Stadt trifft die B. als Umlage den
Bürger. Später wird die B. von der Steuer verdrängt (z. B. Bayern 1292, 1295,
1304, 1309).
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 113; Zeumer, K.,
Die deutschen Städtesteuern, 1878; Waas, A., Vogtei und Bede, 1919; Erler, A.,
Bürgerrecht und Steuerpflicht, 1939, 2. A. 1963; Schomburg, W., Lexikon der
deutschen Steuer- und Zollgeschichte, 1992
Bedingung ist das
zukünftige ungewisse Ereignis, von dessen Eintritt die Folgen einer
menschlichen Erklärung abhängig gemacht werden. Die B. ist aufschiebend oder
auflösend bereits dem frühen römischen Privatrecht bekannt (lat. [F.] →
condicio). Mit diesem wird sie in weiten Teilen Europas seit dem Mittelalter
aufgenommen. Das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch (1896/1900) folgt dem von
Windscheid (Die Wirkung der erfüllten Bedingung, 1851) eingenommenen Standpunkt,
dass die erfüllte aufschiebende Bedingung regelmäßig keine rückwirkende Kraft
hat und während der Schwebezeit eine Gebundenheit des bedingt Verpflichteten zu
Gunsten des bedingt Berechtigten für den Fall des Eintritts der Bedingung
besteht
Lit.: Kaser § 10; Schiemann, G., Pendenz und Rückwirkung
der Bedingung, 1973; Scheltema, A., De goederechtelijke werking van de
ontbindende voorwarde, 2003
beerbt (mit einem
[Abkömmling als] Erben versehen)
Beeskow
Lit.: Urkunden
der Stadt Beeskow, bearb. v. Beck, F., 2003
Befangenheit ist das Fehlen der Unvoreingenommenheit bzw. der sachlichen Einstellung unabhängig von persönlichen Neigungen. Insbesondere von Richtern wird schon früh verlangt, dass sie unparteilich vorgehen. Allgemein wird die B. erst im 18. Jh. erfasst.
Befestigung ist die künstliche Schutzvorrichtung
(z. B. durch Mauern) eines Ortes gegenüber anderen.
Befestigungsrecht ist das bei den Franken vom König beanspruchte Recht, einen Ort mit einer künstlichen Schutzvorrichtung (z. B. Mauer) zu sichern. Mit der Entstehung des → Landes geht das B. vom König auf den Landesherrn über (1220 bzw. 1231). Danach erwerben auch die Städte ein B.
Lit.: Schrader, E., Das Befestigungsrecht in Deutschland, 1909;
Coulin, A., Befestigungshoheit und Befestigungsrecht, 1911; Isenburg, G., Die
Befestigung der mittelalterlichen Stadt, 1997
Begnadigung ist der
auf Gnade beruhende teilweise oder völlige Erlass der Strafe eines einzelnen
Täters nach Eintritt der Rechtskraft eines Strafurteils durch einen Herrn. Sie
ist so alt wie die Strafe selbst. Im 20. Jh. wird sie zunehmend verrechtlicht.
Lit.: Bauer, A., Das Gnadenbitten in der Strafrechtspflege,
1996; Rehse, B., Die Supplikations- und Gnadenpraxis in Brandenburg-Preußen,
2008
Begräbnis ist das
Verbringen eines Toten unter die Erdoberfläche. Es ist schon in frühen Zeiten
an vielen Orten üblich. Vielfach werden dem Begrabenen Beigaben für ein
anderweitiges Fortwirken mitgegeben. Im Anschluss an die jüdische Bibel begraben
die Christen ihre Toten im Hinblick auf die künftige Auferstehung des
verklärten Leibes (1. Moses 38,24, 1. Korinther 15,42), wobei allmählich der
Kirchhof zum wichtigsten Begräbnisplatz wird. Mit der zunehmenden Verdichtung
wird das B. verrechtlicht. Die vom Christentum abgelehnte Verbrennung wird seit
dem Ende des 18. Jh.s bedeutsamer.
Lit.: Körner, A., Das kirchliche Beerdigungsrecht, 1906;
Gaedke, J., Handbuch des Friedhofs- und Bestattungsrechts, 6. A. 1992, 9. A.
2004; Ili, M., Wohin die Toten gingen, 1992; Fischer, N., Vom Gottesacker zum
Krematorium, 1996; Bestattungsbefunde in ethnoarchäologischer Perspektive, hg.
v. Noll, E. u. a., Ethnograph.-archäolog. Zs. 38 (1997), 287ff.; Engels, J.,
Funerorum sepulcrorumque magnificentia, 1998; Hassenpflug, E., Das
Laienbegräbnis in der Kirche, 1999
Begriff ist die von
Sache und Wort zu trennende Vorstellung des Menschen von einer Gegegebenheit.
Lit.: Begriffsgeschichte, hg. v. Bödeker, H., 2002;
Koselleck, R., Begriffsgeschichten, 2006
Begriffsjurisprudenz (Jhering
1884) ist die Richtung der Rechtswissenschaft, die davon ausgeht,
dass die Rechtsordnung nicht eine zusammenhanglose Anhäufung einzelner
Vorschriften ist, sondern ein sinnvolles, zusammenhängendes Ganzes und damit
aus einem lückenlos geschlossenen System von Begriffen (Begriffspyramide)
besteht, aus dem vor allem unter Ausschluss aller außerrechtlichen politischen
und gesellschaftlichen Wertungen durch einen logischen Denkvorgang eine
Lösung des gesetzlich nicht eindeutig geregelten Einzelfalls ermittelt werden
könne und Lücken durch Begriffe und Grundsätze geschlossen werden, die aus dem
Gesetz oder Gewohnheitsrecht (z. B. aus den Regeln des römischen Rechts über
den Irrtum bei dem Kauf) durch Abstraktion gewonnen werden (z. B. der Grundsatz,
dass ein Irrtum eine Willenserklärung nichtig macht). Sie beruht geschichtlich
auf der → historischen Rechtsschule (Savigny) und methodisch auf dem →
Naturrecht (Christian Wolff). Wichtigster Vertreter ist Georg Friedrich →
Puchta (1798-1846), der den Juristen auf ein hierarchisches System von rein
juristischen, positiven und von der gesellschaftlichen Wirklichkeit (wie der
Geschichte) gelösten Begriffen verpflichtet, aus dem nach vorgegebener, den
Naturwissenschaften verwandter geometrischer Art für jede Frage konstruktiv
die zutreffende Lösung gewonnen werden kann, ohne dass freilich auf der Suche
nach Gerechtigkeit andere Gesichtspunkte völlig ausgeschlossen sind. Die B.
wird in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s vor allem von Rudolf von Ihering angezweifelt
und danach allmählich von der → Interessenjurisprudenz verdrängt.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 3; Köbler, DRG 188; Savigny, F.
v., Vorlesungen über juristische Methodologie 1802-1842, hg. v. Mazzacane, A.,
1993; Puchta, G., Cursus der Institutionen, 1841, Bd. 1, 9 A. 1881; Wilhelm,
W., Zur juristischen Methodenlehre im 19. Jahrhundert, 1958; Krawietz, W.,
Theorie und Technik der Begriffsjurisprudenz, 1976; Schlosser, H., Grundzüge
der neueren Privatrechtsgeschichte, 10. A. 2005, § 4; Bohnert, J., Über die
Rechtslehre Georg Friedrich Puchtas, 1975; Falk, U., Ein Gelehrter wie
Windscheid, 1989; Schröder, J., Recht als Wissenschaft, 2001; Haferkamp, H.,
Georg Friedrich Puchta und die Begriffsjurisprudenz, 2004; Henkel, T.,
Begriffsjurisprudenz und Billigkeit, 2004
Begründung → Urteilsbegründung
Lit.: Horak, F., Rationes decidendi, 1969; Gudian, G., Die
Begründung in Schöffenspüchen des 14. und 15. Jahrhunderts, 1960; Begründungen
des Rechts, hg. v. Nembach, U. u. a., 1979; Köbler, G., Die Begründung von
Rechtssätzen im Hoch- und Spätmittelalter, Archival. Z. 75 (1979), 86; Köbler,
G., Die Begründungen der Lex Baiwariorum, Gedächtnisschrift W. Ebel, 1982, 69;
Hensche, M., Teleologische Begründungen, 1998; Die Begründung des Rechts als
historisches Problem, hg. v. Willoweit, D., 2000; Hocks, S., Gerichtsgeheimnis
und Begründungszwang, 2002; Ratio decidendi. Guiding Principles of Judicial Decisions, hg. v. Bryson, W. u. a., 2006
Begünstigung ist
die Hilfeleistung an einen anderen, der eine rechtswidrige Tat begangen hat, in
der Absicht, ihm die Vorteile der Tat zu sichern. Sie wird erst in der Neuzeit
als solche verselbständigt.
Lit.: Dersch, G., Begünstigung, Hehlerei und unterlassene
Verbrechensanzeige, 1980; Rüping, H./Jerouschek, G., Grundriss der Strafrechtsgeschichte,
5. A. 2007; Wolff, B., Begünstigung, Strafvereitelung und Hehlerei, 2002
Behörde ist die
organisatorisch selbständige Stelle, die (als unselbständiges Organ des Staates
oder sonstigen selbständigen Verwaltungsträgers) Aufgaben öffentlicher →
Verwaltung wahrnimmt. Dementsprechend entstehen Behörden, sobald die Verwaltung
eine gewisse Größe überschreitet. Dies ist insbesondere seit der Entwicklung
des modernen Staates im Spätmittelalter der Fall. Frühe Ansatzpunkte sind
Kanzlei, Hofgericht, und Raitkammer. Im 19. Jh. erfolgt ein rational-bürokratischer
Aufbau aller Behörden, wobei monokratische und kollegiale Behörden möglich
sind. → Bürokratie
Lit.: Köbler, DRG 150, 197, 233, 258; Biedermann, H.,
Geschichte der landesfürstlichen Behörden in und für Tirol, Archiv f. Gesch.
Tirols 2 (1866); Mommsen, T., Römisches Staatsrecht, Bd. 1ff. 3. A. 1887,
Neudruck 1963; Wintterlin, F., Geschichte der Behördenorganisation in
Württemberg, 1904; Walther, A., Die Ursprünge der deutschen Behördenorganisation,
1913; Walther, A., Die Ursprünge der deutschen Behördenorganisation im
Zeitalter Maximilians I., 1913; Bär, M., Die Behördenverfassung der
Rheinprovinz seit 1815, 1919; Freitag, D., Das schlesische Behördenwesen, Diss.
jur. Breslau 1937; Ohnsorge, W., Die Verwaltungsreform unter Christian, Neues
Archiv f. sächs. Gesch. 63 (1943), 26ff.; Bernhard, W., Die Zentralbehörden des
Herzogtums Württemberg und ihre Beamten 1520-1629, Bd. 1f. 1973; Histoire
comparée de l’administration, hg. v. Paravicini, W. u. a., 1980; Deutsche
Verwaltungsgeschichte, hg. v. Jeserich, K. Bd. 1ff.1983ff.
Beichtstuhljurisprudenz ist die sich auf die spätantike Ohrenbeichte (lat. [F.]
paenitentia privata, private Beichte) gründende, in Westeuropa seit dem 6. Jh.
(Toledo 589, Irland E. 6. Jh., Châlon-sur-Saône 644-656) sichtbare, seit dem
12. Jh. an Gewicht gewinnende Lehre vom Verhalten des christlichen Beichtvaters
gegenüber einem Sünder hinsichtlich der Entscheidung für und gegen die Lossprechung.
Hierzu entstehen im Frühmittelalter besondere Bußbücher (Columban, Liber
paenitentiarum mensura taxanda [Luxueil um 573], Iudicia Theodori Cantuariensis
[Canterbury? Ende 7. Jh.]) und im Hochmittelalter Beichtsummen (lat. Summae
[F.Pl.] confessorum) wie z. B. die Summa de poenitentia des Raymund von
Peñafort (vor 1238) oder die Summa confessorum des Johannes von Freiburg (vor
1290?). Die auftretenden Rechtsprobleme des sog. (lat.) → forum (N.)
internum werden dabei nach den Regeln des Rechts bzw. der gelehrten Rechte
behandelt. Am päpstlichen Hof entwickelt sich die apostolische Poenitentiarie
als für Gewissenssachen und Gnadensachen zuständige Behörde. Während die
Reformation dem Beichtvater die Entscheidungsgewalt abspricht, stellt die
katholische Kirche die Entscheidung der Beichtväter (1551) einem Urteil gleich.
Nach 1558 wird das Beichtverfahren in die geistliche Gerichtsbarkeit überführt.
Lit.: Stintzing, R., Geschichte der populären Literatur des
römisch-kanonischen Rechts in Deutschland, 1867, Neudruck 1959; Trusen, W.,
Anfänge des gelehrten Rechts in Deutschland, 1962; Michaud-Quantin, P., Sommes
de casuistique et manuels de confession au moyen âge, 1962; Handbuch der
Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v.
Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,1,999; Trusen, W., Zur Bedeutung des geistlichen
forum internum und externum für die spätmittelalterliche Gesellschaft, ZRG KA
76 (1991), 254ff.; Prosperi, A., Tribunali della coscienza, 1996; Das Konzil
von Trient und die Moderne, hg. v. Reinhard, W., 2001; Alle origini del
pensiero giuridico moderno, hg. v. Cavina, M., 2004
Beichtsumme → Beichtstuhljurisprudenz
Lit.: Michaud-Quantin, P., Sommes de casuistique, 1962;
Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,1,1828
Beigeordneter ist in einigen Bundesländern
Deutschlands der vom zuständigen Organ einer kommunalen Körperschaft auf Zeit
gewählte führende →Beamte.
Lit.: Wolter, H., Der Beigeordnete, 1978
Beihilfe ist die
Unterstützung eines Menschen insbesondere bei einer Straftat oder hinsichtlich
einer Entlohnung für eine Tätigkeit. Zwischen Tätern und Gehilfen wird erst im
Spätmittelalter gelegentlich unterschieden. Danach wird die B. als allgemeine
Erscheinung erfasst. Die finanzielle B. entwickelt sich mit dem Ausbau des
Rechts der → Beamten.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 119; His, R., Das
Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 1f. 1920ff., Neudruck 1964; Deutsche
Verwaltungsgeschichte, hg. v. Jeserich, K. u. a., Bd. 1ff. 1983ff.
Beil ist das aus metallener Klinge und hölzernem
Griff zusammengesetzte, hauptsächlich einhändig dem Zerkleinern von Holz
dienende Gerät. Es ist in Altertum und Mittelalter auch ein Kennzeichen für
herrschaftliche Gewalt und wird zum Vollzug von Todesstrafen und Leibesstrafen
verwendet. Seit dem 14. Jh. erscheint das Fallbeil, das in Frankreich 1792 nach
Vorschlag des Arztes J. Guillotin zur Guillotine weiterentwickelt wird.
Lit.: Funk, W., Alte deutsche Rechtsmale, 1940; Maisel, W., Rechtsarchäologie
Europas, 1992
Beilager ist
der Beischlaf bzw. die öffentliche Beschreitung des Ehebetts als Voraussetzung
für die vollzogene → Eheschließung, deren rechtliche Notwendigkeit in der
germanischen Zeit streitig ist.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Eckhardt, K., Beilager und
Muntübergang zur Rechtsbücherzeit, ZRG GA 47 (1927), 174; Carlsson, L., Das
Beilager im altschwedischen Recht, ZRG GA 75 (1958), 348; Hemmer, R., Über das
Beilager im germanischen Recht, ZRG GA 76 (1959), 292; Carlsson, L., Vom Alter
und Ursprung des Beilagers im germanischen Recht, ZRG GA 77 (1960), 310;
Hemmer, R., Nochmals über das Beilager im germanischen Recht, ZRG GA 78 (1961),
298
Beirut → Berytos
Beisasse ist (vor
allem in der mittelalterlichen Stadt) der nicht vollberechtigte Bewohner
(Bürger).
Lit.: Planitz, H., Die deutsche Stadt im Mittelalter, 5. A.
1980, 275ff.; Vits, B., Hüfner, Kötter und Beisassen, 1993
Beisitz ist eine
mindere Form einer Beteiligung. Im mittelalterlichen Recht bleibt nach dem Tode
eines Hausvaters die Witwe mit den Kindern in ungeteilter Vermögensgemeinschaft
auf dem Gut sitzen. Sie erzieht die Kinder und nutzt deren Vermögen durch B.,
bis dieser durch Abschichtung, Wiederverheiratung oder Tod beendet wird. Mit
der Entwicklung des → Ehegattenerbrechts schwindet der noch im
preußischen Allgemeinen Landrecht (1794, II 1 § 645) enthaltene B.
Lit.: Hübner 693; Köbler, DRG 89; Brauneder, W., Die
Entwicklung des Ehegüterrechts in Österreich, 1973
Beisitzer → Assessor
Beispruch ist im
älteren deutschen Recht die Zustimmung des nächsten Erben des Veräußerers eines
Gutes zur Veräußerung. Das Beispruchsrecht beruht auf der ursprünglichen
Familiengebundenheit von Grund und Boden. Es ist zunächst ein vollständiges
Recht auf Herausgabe der veräußerten Sache (Rückrufsrecht), schwindet im Laufe
des Mittelalters aber in regionaler Verschiedenheit über ein Vorkaufsrecht
allmählich gegenüber der Verfügungsfreiheit des Eigentümers.
Lit.: Hübner 332; Fipper, C., Das Beispruchsrecht nach
altsächsischem Recht, 1879; Freytagh-Loringhoven, A. v., Beispruchsrecht und
Erbenhaftung, ZRG GA 28 (1907), 69; Agena, G., Grundbesitz, Beispruch und
Anerbenrecht in Ostfriesland, 1938; Forster, G., Mitwirkungsrechte, 1952
Beispruchsrecht → Beispruch
Belagerungszustand ist der seit dem 19. Jh. verrechtlichte Zustand der
(ursprünglich tatsächlichen) Belagerung (z. B. einer Stadt) durch einen Feind,
in dem bestimmte Rechte eingeschränkt und die Zuständigkeit von Gerichten
abgeändert werden kann.
Lit.: Schudnagies, C., Der Kriegs- oder Belagerungszustand während des
ersten Weltkriegs, 1994
Beleidigung ist die nach außen dringende Kundgabe der Missachtung oder Nichtachtung eines anderen. Sie ist im altrömischen Recht in der (lat. [F.]) iniuria (Unrecht) des Zwölftafelgesetzes mit der Folge der Leistung von 25 Pfund Kupfer enthalten, die im klassischen römischen Recht zu einem Tatbestand erweitert wird, der jede bewusste Missachtung der Persönlichkeit eines anderen in Wort und Tat umfasst. Im Mittelalter hat die B. eher tatsächliche als rechtliche Folgen. Die peinliche Gerichtsordnung Karls V. von 1532 erfasst nur einzelne Sonderfälle. Bei Thomasius (1655-1728) werden Körperverletzung und tätliche B. voneinander geschieden. Im preußischen Allgemeinen Landrecht (1794) wird die B. als Straftatbestand angesehen. Das frühe 19. Jh. sondert die Verleumdung von der B., das Reichsstrafgesetzbuch des Jahres 1871 sieht B., Verleumdung und üble Nachrede als B. in weiterem Sinn an.
Lit.: Köbler, DRG; Landsberg, E., Injuria und Beleidigung,
1886; Thieme, K., Iniuria und Beleidigung, 1905; Bartels, K., Die Dogmatik der
Ehrverletzung in der Wissenschaft des gemeinen Rechts, Diss. jur. Göttingen
1959; Rüping, H./Jerouschek, G., Grundriss der Strafrechtsgeschichte, 5. A.
2007; Fuchs, R., Um die Ehre, 1998
Belgien ist das
Gebiet zwischen der kontinentalen Ärmelkanalküste und den Ardennen. Sein Name
geht auf 51 v. Chr. von Caesar unterworfene keltisch-germanische Mischstämme
zurück, die zusammenfassend als (lat. [M.Pl.]) Belgae bezeichnet werden. Sie
geraten in der Völkerwanderung unter den Einfluss der vom Niederrhein
einströmenden → Franken, die den nördlichen Teil sprachlich assimilieren
(altniederfränkisch, flämisch). 843/877 gelangt ein Teil an den Westen
(Frankreich), der übrige Teil an den Osten (Deutschland), 1384 das gesamte
Gebiet an → Burgund und über Maria von Burgund 1477 an Habsburg, für das
Karl V. 1531 die Aufzeichnung aller örtlichen Gewohnheitsrechte (coutumes)
binnen sechs Monaten anordnet ([1750] 691). Bei der Teilung im Hause Habsburg
(1521/1522/1526) fällt der Raum an → Spanien, ohne im Freiheitskampf der →
Niederlande mit diesen sich (tatsächlich 1571-1581 und rechtlich 1648) aus der
spanischen Herrschaft lösen zu können (spanische Niederlande). Nach dem spanischen
Erbfolgekrieg (1713) wird das Gebiet an das habsburgische → Österreich
gegeben (österreichische Niederlande), nach der Besetzung durch das bald seine
Kodifikationen von 1804ff. unter Aufhebung älterer Gewohnheitsrechte und
Gesetze einführende Frankreich (1793, 1795 Batavische Republik, 1797 Teil
Frankreichs) 1815 aber Österreich auch rechtlich entzogen und mit den
Niederlanden zum Königreich der Niederlande vereint. Unter der Einwirkung der
französischen Revolution des Jahres 1830 erklärt das teils wallonische
(romanische) Gebiet (im Südosten um [Brüssel,] Charleroi, Namur, Bastogne, 40
Prozent), teils flämische (niederländischsprachige) Gebiet (im Nordwesten um
Ostende, Brügge, Gent, Antwerpen, Mechelen, 60 Prozent) am 18. 11. 1830 seine
Unabhängigkeit. Die Verfassung vom 7. 2. 1831 legt eine konstitutionelle
Monarchie fest (Einheitsstaat). Das Recht ist deutlich von Frankreich geprägt.
Die 1831/1839 garantierte Neutralität ist seit 1914/1919 beendet bzw.
aufgehoben. Seit 1951/1952 ist B., in dem die sog. flämische Revolution die
Vorherrschaft französischer Kultur mehr und mehr durchbricht, Kernland
europäischer Einigung (1951/1952 Montanunion, 1957 Euratom, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft),
entwickelt sich als Folge des inneren sprachlichen Gegensatzes aber 1993 zu
einem Bundesstaat. → Europäische Union
Lit.: Recueil des anciennes ordonnances de la Belgique;
Recueil des anciennes coutumes de la Belgique; Pirenne, H., Histoire de
Belgique, Bd. 1ff. 1899ff., Neudruck 1975; Errera, P., Das Staatsrecht des
Königreichs Belgien, 1909; Marez, G. des, Le droit privé à Ypres, 1927;
Vercauteren, F., Étude sur les civitates de la Belgique seconde, Mémoires
publiés par l’académie royale de Belgique 1934; Niermeyer, J., Onderzoekingen
over Luikse en Maastrichtse oorkonden, 1935; Dievoet, E. van, Het burgerlijk
recht, 1943; Algemene Geschiedenis der Nederlanden, 1949ff.; Standen en Landen,
Bd. 1ff. 1950ff.; Génicot, L., L’économie rurale Namuroise, 1960; Verhulst,
A./Gysseling, M., Le compte général de 1187, 1962; Handbuch der Quellen und
Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H.,
Bd. 1ff. 1973ff. 3,1,1069, 3,2,2581, 3,3,3726,3794,3892,3973,4091; Ordonnances
et autres actes juridiques concernant le duché de Bouillon, Bd. 2 1977;
Gilissen, J., Introduction historique au droit, 1979; Smidt, J. de u. a.,
Chronologische Lijsten van de geentendeerde sententien, 1979; Gilissen, J.,
Historische Inleiding tot het recht, 1981; Liber sentenciarum van de
officialiteit van Brussel 1448-1459, hg. v. Vleeschouwers, C. u. a., 1982;
Cossart, A. v., Belgien, 1985; Dumont, G., Histoire de la Belgique, 1985;
Godding, P., Le droit privé dans les Pays-Bas méridionaux, 1987; Costumen van
de stad en van de kasselrij Kortrijk, hg. v. Monballyu, J., Bd. 2 1989;
Schilling, J./Täubrich, R., Belgien, 1990; Holthöfer, E., Beiträge zur
Justizgeschichte der Niederlande, Belgiens und Luxemburgs im 19. und 20.
Jahrhundert, 1993; Hermsdörfer, W., Geschichte und Gegenwartsgestalt des
Verhältnisses von Staat und Kirche in Belgien, 1998; Cook, B., Belgium, 3. A.
2002ff.; Delpérée, F., Le droit constitutionnel de la Belgique, 2000; Zedinger,
R., Die Verwaltung der österreichischen Niederlande in Wien (1714-1795), 2000;
Uyttendaele, M., Précis de droit constitutionnel belge, 2001; Geschiedenis van
de Belgische Kamer van Volksvertegenwoordigers, red. v. Gerard, E. u. a., 2003;
Koll, J., Die belgische Nation, 2003; Politieke en sociale geschiedenis van
justitie in Belgie, hg. v. Heirbaut, D. u. a., 2004; La Belgique, les petits
Ètats et la construction européenne, hg. v. Dumoulin, M. u. a., 2003; Napoleons
nalatenschap, hg. v. Heirbaut, D. u. a., 2005; Heirbaut, D., Hadden/hebben de
Belgische ministers van Justitie een civielrechtelijk beleid?, 2005; Schaepdrijver,
S. de, La Belgique et la première guerre mondiale, 2005; Heirbaut, D.,
Privaatrechtsgeschiedenis van de Romeinen tot heden, 2005; Vesentini, F.,
Pratiques pénales et structures sociales, 2005; Lejeune, C., Die Säuberung, Bd.
1ff. 2005ff.; Monballyu, J., Zes eeuwen strafrecht, 2006; Dupont-Bouchat, M. u.
a., La Belgique criminelle, 2006; Lange,
H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 2 2007, 971; Deferme,
J., Uit de ketens van de vrijheid, 2007; Verfassungsdokumente Belgiens,
Luxemburgs und der Niederlande 1789-1848, hg. v. Stevens, F., 2008; Heirbaut,
D., Een beknopte geschiedenis van het sociaal, het economisch en het fiscaal
recht in Belgie, 2009; Horvat, S., De vervolging van militairrechtelijke
delicten tijdens Wereldoorlog I, 2009
Belial (hebr.
Bosheit, Widersacher Christi) ist in der Bibel (2. Kor. 6, 15) ein Teufel und
im Spätmittelalter eine Lehrschrift ([lat.] Processus [M.] Luciferi contra
Jesum coram iudice Salomone, Prozess Luzifers gegen Jesus vor dem Richter
Salomo) des kanonistisch geschulten Archidiakons Jacobus (Paladinus) de Theramo
(Teramo, 1382 Archidiakon in Aversa, 1391 Bischof von Monopoli, später von
Florenz) von 1382. Ihre frühe deutsche Übersetzung ist ein Fall populärer, die
Rezeption der gelehrten Rechte beschleunigender Literatur.
Lit.: Hagemann, H., Der Processus Belial, FG M. Gerwig,
1960, 55; Ott, N., Rechtspraxis und Heilsgeschichte, 1983
Beliebung →
Dorfordnung, Siebenhardenbeliebung
Bellapertica → Petrus de
Bello, Andrés
(1781-1865), der von 1810 an ein jahrelanges Rechtsstudium in London betreibt,
ist der Verfasser des auf dem europäischen Kodifikationsgedanken und dem
spanisch-römischen Sachmaterial eigenständig aufgebauten (span.) Codigo civil
(Bürgerliches Gesetzbuch) de la república de Chile von 1855.
Lit.: Nelle, D., Entstehung und Ausstrahlungswirkung des
chilenischen Zivilgesetzbuches von Andrés Bello, 1988
Bellot, Pierre
François (1776-1836), seit 1819 bzw. 1823 Professor in Genf, ist der Redaktor
des Zivilgesetzbuches und Schöpfer des Prozessrechts in → Genf.
Lit.: Elsener, W., Die Schweizer Rechtsschulen, 1975, 446
bellum (lat.
[N.]) Krieg
Benedictus de Isernia
ist ein in Benevent kurz vor 1200 geborener, 1252 in Neapel noch bezeugter
Jurist (Glossen, Summen).
Lit.: Lange, H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im
Mittelalter, Bd. 2 2007, 496
Benedictus Levita
ist der selbstgewählte Name des (unbekannten) Verfassers einer in drei Bücher
mit 405, 436 und 478 (bzw. insgesamt 1721) Kapiteln gegliederten, um 850 (vor
852?) wohl in der Erzdiözese Reims (nach eigenen Angaben im Archiv der Kirche
von Mainz) entstandenen, zum Teil (mehr als drei Vierteln?) gefälschten oder
verfälschten, zu einem beträchtlichen Teil aber echten, auf sehr guten
Vorlagnen beruhenden, vollständig nur durch zwei Handschriften überlieferten,
nur mäßig erfolgreichen Rechtssammlung, die Kapitularien aus der Sammlung des
→ Ansegis, Bibeltexte, Kirchenväter, Kanones und andere Quellen
kirchlichen wie weltlichen Rechts (von den Volksrechten nur die [lat.] Lex
Baiwariorum, Volksrecht der Bayern) ohne jede erkennbare Ordnung aneinanderreiht.
Lit.: Ganshof, F., Was waren die Kapitularien? 1961;
Fälschungen im Mittelalter, hg. v. Fuhrmann, H., Bd. 1ff. 1988ff.; Schmitz, G.,
Die Reformkonzilien von 813 und die Sammlung des Benedictus Levita, DA 56
(2000), 1; Fortschritt durch Fälschungen?, 2002; Lukas, V., Eine Sammlung von
Kapitularien Karls des Großen bei Benedictus Levita, ZRG KA 90 (2004), 1
Benedikt XIV. (Prospero
Lambertini, Bologna 1694-1754), seit 1740 Papst, ist auf Grund seines Werkes
(lat.) De synodo dioecesana (Über die Diözesansynode) der früheste Vertreter
einer geschichtlichen Kirchenrechtswissenschaft.
Lit.: Haynes,
R., Philosopher King. The Humanist Pope Benedict XIV, 1970
Benediktiner ist der
Angehörige des von Benedikt von Nursia (um 480-547) zunächst in Subiaco und
nach 529 in Montecassino (bei Neapel) geleiteten ältesten abendländischen
Mönchsordens, der nach der von Benedikt verfassten, sich im fränkischen Reich
durchsetzenden Klosterregel lebt. Bedeutende Klöster der B. sind neben
Montecassino vor allem Luxeuil, Cluny, Corbie, Fontenelle, Stablo, Malmédy,
Bobbio, Farfa, Echternach, Prüm, Hirsau, Reichenau, Sankt Gallen, Weißenburg im
Elsass, Lorsch, Maria Laach, Fulda, Corvey, Benediktbeuern, Wessobrunn, Beuron,
Ettal, Tegernsee, Mondsee, Gorze, Melk, Bursfeld, Sankt Blasien, Weingarten,
Sankt Emmeram und Göttweig. Als Zweigorden der B. lassen sich Kamaldulenser,
Vallumbrosaner, Zisterzienser, Silvestriner, Cölestiner und Olivetaner verstehen.
In Frankreich werden alle Klöster der B. 1789 aufgehoben, im Heiligen Reich
alle Klöster 1803 säkularisiert, doch werden im 19. Jh. viele wiederbegründet.
Seit 1893 gibt es einen weltweiten Zusammenschluss mit derzeit 21
Kongregationen und rund 200 Klöstern.→ regula Benedicti
Lit.: Hilpisch, S., Geschichte des benediktinischen
Mönchtums, 1929; Schmitz, P., Geschichte des Benediktinerordens, Bd. 1ff.
1947ff.; Holtz, L., Geschichte des christlichen Ordenslebens, 1986; Engelbert,
P., Geschichte des Benediktinerkollegs Sankt Anselm in Rom, 1988
Benediktinerregel →
regula Benedicti
Benediktion
Lit.: Franz, A., Die
kirchlichen Benediktionen im Mittelalter, 1909
Beneficium (lat. [N.] Wohltat, gute Tat) ist im römischen Recht jede (, vor allem kaiserliche) Gunst (z. B. Übertragung des Rechts an einer Sache [u. a. b. excussionis sive ordinis, b. divisionis, b. cedendarum actionum, b. dationis in solutum, b. abstinendi, b. inventarii, b. separationis bonorum, b. cessionis bonorum, b. competentiae]), im Frühmittelalter unter anderem die besonders vorteilhafte → Leihe. Als solche gilt jedenfalls seit 743/744 auch die Leihe (z. B. säkularisierten Kirchenguts) gegen Leistung von Kriegsdienst. Später werden als b. auch Ämter und in Anerkennung an spätrömische Vorbilder sogar Kirchen oder Pfründengüter (Amtspfründen) verliehen. Im Süden Frankreichs spricht man seit dem Ende des 9. Jh.s auch von fevum, feodum, feudum, später allgemein volkssprachig von → Lehen. Im 13. Jh. tritt in Deutschland das Wort b. ebenfalls zurück. Im Rahmen des römischen Rechtes wird es mit dessen Aufnahme seit dem Spätmittelalter wieder verwendet.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, LAW; Stutz, U., Geschichte
des kirchlichen Benefizialwesens, 1895, Neudruck 1972; Mitteis, H., Lehnrecht
und Staatsgewalt, 1933; Ganshof, F., Was ist das Lehnswesen?, 6. A. 1983, 7.
A. 1989; Wesener, G., Rechtswohltat, HRG Bd. 4 1986, 423; Reynolds, S., Fiefs and Vassals, 1994 ; Mönchtum - Kirche -
Herrschaft, hg. v. Bauer, D. u. a., 1998 ; Erdmann, J., Quod non est in
actis, 2007
beneficium (N.)
cedendarum actionum (lat.) Wohltat der abzutretenden
Ansprüche
Beneficium (N.) competentiae (lat.) (Rechtswohltat des Notbedarfs) heißt seit dem 16.
Jh. die schon im klassischen römischen Recht vorhandene Möglichkeit, gewisse
nahe Angehörige oder Mitgesellschafter nur zum Geldwert eines zur Urteilszeit
vorhandenen Vermögens zu verurteilen, um die mit der Vollstreckung verbundenen
Nachteile nicht eintreten zu lassen. Ein gewohnheitsrechtlich entstandenes, auf
Liber extra 3,23,3 gestütztes b. c. genießt auch der Klerus, dem das zum
standesgemäßen Unterhalt Notwendige zu belassen ist.
Lit.: Kaser §§ 32 III, 85; Wünsch, O., Zur Lehre vom
beneficium competentiae, Diss. jur. Leipzig 1897; Zipperling, O., Das Wesen des
beneficium competentiae, 1907; Gildemeister, J., Das beneficium competentiae im
klassischen römischen Recht, 1986
beneficium (N.) divisionis (lat.) Wohltat der Teilhaftung
Beneficium (N.) emigrationis (lat.) (Wohltat der Auswanderung) ist die nach der
Reformation Martin → Luthers von Landesherren und durch den Augsburger
Religionsfrieden vom 25. 9. 1555 reichsrechtlich gewährte Freiheit, in ein
Land auszuwandern, in dem die vom eigenen Landesherrn nicht geteilte Religion
eines auswanderungswilligen Untertanen gilt. Voraussetzung ist der Verkauf der
Güter und die Entrichtung einer Nachsteuer sowie einer möglichen Befreiungsabgabe.
Lit.: Zycha, A., Deutsche Rechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1949, 55
beneficium (N.) excussionis
(lat.) Wohltat (Einrede) der Vorausklage
beneficium (N.) inventarii (lat.) Wohltat der Inventarerrichtung
Beneš-Dekrete sind die von Edvard
Beneš (28. 5. 1884-3. 9. 1948) als dem Präsidenten der zweiten tschechoslowakischen
Republik verfügten (insgesamt 143) Dekrete (Dekret des Präsidenten vom 19. Mai
1945 über die nationale Verwaltung [Enteignung) der Vermögenswerte von
Deutschen und Madjaren, Verrätern und Kollaborateuren, Dekret vom 19. Juni 1945
über die Bestrafung der nazistischen Verbrecher, Verräter und ihrer
Helfershelfer durch außerordentliche Volksgerichte, Dekret vom 21. Juni 1945
über die Konfiskation und Aufteilung des landwirtschaftlichen Vermögens der
Deutschen, Madjaren usw., [Bekanntmachung des Finanzministers vom 22. Juni
1945 über die Sicherstellung des deutschen Vermögens,] Dekret vom 20. Juli 1945
über die Besiedlung des landwirtschaftlichen Bodens der Deutschen, Madjaren und
anderen Staatsfeinde durch Tschechen und Slowaken, Verfassungsdekret vom 2.
August 1945 über den Verlust der Staatsbürgerschaft der Deutschen und Madjaren,
Dekret vom 19. September 1945 über die Arbeitspflicht der ausgebürgerten Menschen (ohne Entlohnung und
Lebensmittel), Dekret vom 18. Oktober 1945 über die Auflösung der deutschen
Universität Prag und der deutschen technischen Hochschulen von Prag und
Brünn, Dekret vom 25. Oktober 1945 über die Konfiskation des feindlichen
Vermögens, Dekret vom 27. Oktober 1945 über die Einrichtung von
Zwangsarbeitssonderabteilungen und Verfassungsdekret vom 27. Oktober 1945
über die Sicherstellung der als unzuverlässig angesehenen Menschen (sowie
Erlass des Innenministeriums vom 26. November 1945 über die Aussiedlung der
deutschen Antifaschisten in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands und
Gesetz vom 6. Mai 1946 über die Rechtmäßigkeit aller mit dem Kampf um die
Wiedergewinnung der Freiheit der Tschechen und Slowaken zusammenhängenden
Handlungen [oder Straftaten]). Die B. entfalten noch in der Gegenwart
Wirksamkeit.
Lit.: Dokumente
zur Diskussion über die Beneš-Dekrete, hg. v.
Slapnicka, H., 1999; Beneš, E., Benesovy
dekrety, 2002; Mandler, E., Benesovy dekrety, 2002; Die Deutschen
und Magyaren in den Dekreten des Präsidenten der Republik. Studien und
Dokumente 1940-1945, hg. v. Jech, K., 2003; Perzi, N., Die Beneš-Dekrete, 2003;
Bühler, K./Schusterschitz, G./Wimmer, M., The Beneš-Decrees, Austrian Review of
International and European Law 9 (2004), 1
Bentham, Jeremy
(London 15. 2. 1748-6. 6. 1832), Anwaltssohn, wird nach dem Studium in Oxford
und der Ausbildung in Lincoln’s Inn (1763) für kurze Zeit Anwalt. 1789
veröffentlicht er als Privatgelehrter (engl.) The Introduction of the
Principles of Morals and Legislation (Einführung in die Grundsätze von Moral
und Gesetzgebung), welcher der Gedanke zugrunde liegt, dass eine Handlung dann
richtig und ein Gesetz dann gerecht ist, wenn es das größte Glück der größten
Zahl von Menschen fördere (→ Utilitarismus). Dazu strebt er eine
Kodifikation an. 1817 tritt er in (engl.) A Catechism on Parliamentary Reform
(Bekenntnis zur Reform des Parlaments) für jährliche Wahlen, einheitliche
Wahlbezirke, Ausdehnung des Wahlrechts und Geheimheit der Wahl ein. Er
beeinflusst John → Austins analytische Rechtswissenschaft. Die historische
Rechtsschule nimmt ihn nicht zur Kenntnis, doch gibt es einzelne Auswirkungen
seiner Vorstellungen im Prozess, Gefängniswesen und den Zinsen.
Lit.: Köbler, DRG 139, 179; Bentham, J., A Comment on the
Commentaries, hg. v. Everett, C., 1928; Vanderlinden, J., Code et codification
dans la pensée de J. Bentham, TRG 32 (1974); Campos Boralevi, L., Bentham and
the oppressed, 1984; Postema, G., Bentham and the Common Law Tradition, 1986;
Luik, S., Die Rezeption Jeremy Benthams, 2003; Kramer-McInnis, G., Der
„Gesetzgeber der Welt“, 2008
Bentheim
Lit.: Köbler, G.,
Historisches Lexikon der deutschen Länder, 7. A. 2007; Finkemeyer, E.,
Verfassung und Verwaltung der Grafschaft Bentheim zur Zeit der hannoverschen
Pfandschaft 1753-1804, 1967; Veddeler, P., Die territoriale Entwicklung der
Grafschaft Bentheim bis zum Ende des Mittelalters, 1970; Marra, S., Allianzen des
Adels, 2006
Benutzungszwang ist der öffentlichrechtliche Zwang zur Benutzung einer öffentlichrechtlichen Einrichtung, wie er im 19. Jh. durch die → Leistungsverwaltung durchgesetzt wird (z. B. Preußen 1868 bezüglich der öffentlichen Schlachthäuser).
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Deutsche Verwaltungsgeschichte,
hg. v. Jeserich, K. u. a., Bd. 1ff. 1983f.
Beratungshilfe ist
die in Deutschland zusammen mit der Prozesskostenhilfe das → Armenrecht 1980
ablösende Hilfe für die Wahrnehmung von Rechten außerhalb eines gerichtlichen
Verfahrens durch Rechtsanwälte.
Lit.: Köbler, DRG 263; Engels, C., Beratungshilfegesetz/Prozesskostenhilfe,
1990
Berber ist der Angehörige eines eine
Berbersprache sprechenden Volkes in Nordafrika (z. B. Tuareg, Kabyle, Wort
vielleicht von gr. barbaros?)
Lit.: Brandes, J., Geschichte der Berber, 2004
Bereicherung ist die Vermehrung eines Vermögens. Sie ist dann herauszugeben, wenn sie nicht rechtlich begründet ist. In diesem Sinn kann bereits im klassischen römischen Recht eine nichtgeschuldete Leistung (lat. indebitum [N.] solutum) wohl wegen der Ähnlichkeit mit einem Darlehen mit der besonderen Begehrensform der → Kondiktion (lat. [F.] condictio) zurückverlangt werden. Über die Nichtschuld hinaus gilt diese Folge auch für Fälle nicht eingetretener Erwartung oder sittenwidrigen Leistungszweckes. Herauszugeben ist grundsätzlich der erlangte bestimmte Gegenstand. In nachklassischer Zeit wird im Osten die Herausgabe aus grundloser Vorenthaltung mit der allgemein philosophisch-christlichen Überlegung gerechtfertigt, dass niemand aus dem Nachteil eines anderen reicher (lat. locupletior) werden dürfe. Im Mittelalter versuchen die Glossatoren erstmals, die Kondiktion mit dem Grundsatz der Beschränkung der Herausgabepflicht auf die noch vorhandene B. zu verbinden. Dem folgt → Duaren (1509-1559). Von Hugo → Grotius wird der allgemeine Grundsatz aufgestellt, dass jemand, der aus der Sache eines anderen, der sie nicht mehr hat, reicher geworden ist, herauszugeben hat, worum er reicher geworden ist. Er wird aber nicht in die vernunftrechtlichen Kodifikationen aufgenommen. Im 19. Jh. setzt sich wohl auf Grund der von Glück übernommenen Vorstellung die Ansicht durch, dass nur die noch vorhandene B. herauszugeben ist. Otto von Gierke bewirkt, dass im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch (1900) die Grundlosigkeit des Habens als Leitgedanke der Ansprüche auf Herausgabe der B. vorangestellt wird.
Lit.: Kaser § 48; Söllner § 9; Köbler, DRG 166, 215, 271;
Coing, H., Zur Lehre von der ungerechtfertigten Bereicherung bei Accursius, ZRG
RA 80 (1963), 396; Schmitt, R., Die Subsidiarität der Bereicherungsansprüche,
1969; Feenstra, R., Die ungerechtfertigte Bereicherung in dogmengeschichtlicher
Sicht, (in) Ankara Universitesi Hukuk Fakültesi Dergise 29 (1972), 289; Misera,
K., Der Bereicherungsgedanke bei der Schenkung unter Ehegatten, 1974; Schubert,
W., Windscheid und das Bereicherungsrecht des ersten Entwurfs des BGB, ZRG RA
92 (1995), 186; Bauer, K., Ersitzung und Bereicherung im klassischen römischen
Recht, 1988; Schartl, R., Ungerechtfertigte Bereicherung nach deutschen
Rechtsquellen des Mittelalters, TRG 60 (1992), 109; Jakobs, H., Lucrum ex
negotiatione, 1993; Unjust Enrichment, ed. by Schrage, E., 1995; Hallebeek, J.,
The Concept of unjust enrichment, 1995; Schäfer, F., Das Bereicherungsrecht in
Europa, 2001; Wernecke, F., Abwehr und Ausgleich aufgedrängter Bereicherungen,
2004; Grundstrukturen eines europäischen Bereicherungsrechts, hg. v.
Zimmermann, R., 2005
Berg an der Dhün am
Niederrhein ist im 11. Jh. der Sitz eines Geschlechts von Grafen, deren Land
1614/1666 an Pfalz-Neuburg und 1777 mit der Pfalz an Bayern gelangt. 1805/1806
formt Napoleon hieraus und aus anderen Gebieten das Großherzogtum Berg mit
Verfassung und Verwaltung nach französischem Vorbild. 1813/1814 werden die
französischen Einrichtungen aufgehoben. 1815 fällt B. an Preußen, über das sein
Gebiet (1946) zu → Nordrhein-Westfalen kommt.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Stölzel, A., Die
Entwicklung der gelehrten Rechtsprechung, Bd. 1f. 1901ff.; Land im Mittelpunkt
der Mächte, 3. A. 1985; Kraus, T., Die Entstehung der Landesherrschaft der
Grafen von Berg, 1981; Francksen, M., Staatsrat und Gesetzgebung im
Großherzogtum Berg 1806-1813, 1982; Lohausen, H., Die obersten Zivilgerichte,
1995; Schmidt, C., Das Großherzogtum Berg, 1999; Hecker, M., Napoleonischer
Konstitutionalismus in Deutschland, 2005; Modell und Wirklichkeit, hg. v.
Dethlefs, G. u. a., 2008; Severin-Barboutie, B., Französische
Herrschaftspolitik und Modernisierung, 2008
Berg, Günther
Heinrich von (Schwaigern bei Heilbronn 27. 11. 1765-9. 9. 1843), Amtmannssohn,
wird nach dem Rechtsstudium in Tübingen 1793 außerordentlicher Professor in
Göttingen und danach Hofrat (1800), Regierungspräsident, Bundestagsgesandter,
Oberappellationsgerichtspräsident und Staatsminister. Sein bekanntestes
Werk ist ein siebenbändiges Handbuch des → Polizeirechts (1799ff.).
Lit.: Köbler, DRG 152
Bergbau → Bergrecht
Lit: Bader, K., Zur
Geschichte des Eisenerzabbaues und des Hüttenwerks zu Blumberg, 1938;
Schmidtill, E., Zur Geschichte des Eisenerzbergbaues im südlichen
Fichtelgebirge, 1963; Valentinitsch, H., Das landesfürstliche
Quecksilberbergwerk Idria 1575-1659, 1981; Europäisches Montanwesen im
Hochmittelalter. Das Trienter Bergrecht 1185-1214, hg. v. Hägermann, D. u. a.,
1986; Paul, R., Vorstudien für ein Wörterbuch zur Bergmannssprache in den
sieben niederungarischen Bergstädten, 1987; Wiesemann, J., Steinkohlenbergbau
in den Territorien um Aachen 1334-1794, 1995; Krenz, H., Lütticher
Steinkohlen-Bergbau im Mittelalter, 2000
Bergelohn ist die bei der Bergung eines in Seenot und zugleich aus der Verfügungsgewalt der Schiffsbesatzung geratenen Schiffes geschuldete Vergütung. Ursprünglich herrscht hier der Grundsatz des Strandraubs, dem der Grundsatz des Strandregals des Landesherrn folgt. Seit dem frühen Mittelalter (Rhodos 600-800 n. Chr., Hamburg 1270, Ordonnance de la Marine 1681) wird dem Berger ein Anteil zugesprochen. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jh.s wird für den Berger wie den Hilfeleistenden ein gemäß den Umständen nach billigem Ermessen zu bestimmender B. für richtig gehalten (Strandungsordnung 1874, §§ 740ff. HGB, Brüsseler Übereinkommen 1910).
Lit.: Goldschmidt, L., Universalgeschichte des
Handelsrechts, (Bd. 1 3. A.) 1891, Neudruck 1957
Bergen („Bergweide“)
am Byfjord wird 1070 gegründet. Es ist seit dem 12. Jh. → Norwegens
Krönungsstadt. Um 1343 eröffnet dort die → Hanse eine Niederlassung.
Lit.: Bruns, F., Die Lübecker Bergenfahrer, 1900; Bergen,
hg., v. Friedland, K., 1971; Archiv der Bergenfahrerkompagnie zu Lübeck, bearb.
v. Asmussen, G. u. a., 2002; Ullrich, S., Untersuchungen zum Einfluss des
lübischen Rechts, 2008
Berggericht
Lit.: Huffmann, F.,
Über die sächsische Berggerichtsbarkeit, 1935
Bergrecht ist das Berge betreffende Recht, insbesondere das Recht des Bergbaus und damit der Gewinnung von Bodenschätzen zunächst vor allem aus Bergen. Der dem antiken folgende, mittelalterliche Bergbau beginnt um Goslar (Silber) im 9. Jh., an der Südseite des Erzgebirges um 1140 und im Mansfelder Gebiet (Kupfer) um 1190. Ausgangspunkt ist die Bergbaufreiheit des Grundeigentümers. Wohl bereits im Frühmittelalter beansprucht aber der König die Herrschaft über den Bergbau, durch welche die Stellung des Grundeigentümers beschränkt wird. 1158 verkündet Friedrich I. Barbarossa zunächst für Italien in Roncaglia ([lat.] Constitutio [F.] de regalibus, Gesetz über die königlichen Rechte) das Silberregal und das Salzregal des Königs ([lat.] argentariae … et salinarum reditus, Abgaben aus Silberwerken? und Salinen). Wenig später wird das B. erstmals ausführlicher festgehalten (Trient 1185/1208, Iglau 1249, Goslar 1271, Freiberg 14. Jh., Schladming 1408). In der Folge darf auch gegen den Willen des Grundeigentümers an jedem geeigneten Ort Bergbau betrieben werden (Bergfreiheit, Bergbaufreiheit, Goldberg 1342), wobei der Finder Anspruch (Finderrecht) auf Verleihung der Schürfrechte hat (Kulmer Handfeste 1233). 1356 geht das Bergregal des Königs urkundlich auf die Kurfürsten und danach bis 1648 auf andere Reichsfürsten über. Die Landesherren erlassen Bergordnungen (Kuttenberg 1300-1305 als Vorläuferin, Schneeberg 1492, Annaberg 1509, Joachimsthal 1518, Jülich-Berg 1542, Henneberg 1566). Die Bergbauunternehmer arbeiten als bergrechtliche Gewerkschaft (Genossenschaft) mit Kuxen als Anteilen. Arbeitgeber ist zunächst der einzelne Gewerke für seine allmählich in verschiedenen Hinsichten geschützten Arbeiter (Knappe). In der Mitte des 18. Jh.s wandelt sich der Bergbau zur Industrie. Der Staat greift durch Gesetze ein (Loi relative aux mines 28. 7. 1791, Code des mines 1810, Österreich 1854, Allgemeines Berggesetz für die preußischen Staaten 24. 6. 1865), wobei an die Stelle des fürstlichen Bergregals die staatliche Berghoheit tritt.
Lit.: Köbler, DRG 90, 97, 113, 167, 205, 218; Agricola, G.
v., De re metallica libri XII, 1556; Die Henneberger Bergordnung von 1566, hg.
v. Lingelbach, G., 2002; Achenbach, H., Das gemeine deutsche Bergrecht, 1871;
Ermisch, H., Das sächsische Bergrecht des Mittelalters, 1887; Abignente, G., La
proprietà del sottosuolo, 1888; Zycha, A., Das Recht des ältesten deutschen
Bergbaues, 1899; Zycha, A., Das böhmische Bergrecht des Mittelalters, 1900;
Arndt, A., Noch einmal der Sachsenspiegel und das Bergregal, ZRG GA 23 (1902),
112; Arndt, A., Einige Bemerkungen zur Geschichte des Bergregals, ZRG GA 24
(1903), 59; Zycha, A., Über den Ursprung der deutschen Bergbaufreiheit, ZRG GA
24 (1903), 338; Arndt, A., Zur Frage des Bergregals, ZRG GA 24 (1903), 465;
Arndt, A., Zur Geschichte und Theorie des Bergregals und der Bergbaufreiheit,
2. A. 1916; Möllenberg, W., Das Mansfelder Bergrecht und seine Geschichte,
1914; Müller-Erzbach, Das Bergrecht, 1917; Stolz, O., Die Anfänge des Bergbaues
und Bergrechtes in Tirol, ZRG GA 48 (1928), 207; Schönbauer, E., Beiträge zur
Geschichte des Bergbaurechts, 1929; Weizsäcker, W., Das alte Zinnbergrecht von
Graupen im Erzgebirge, ZRG GA
50 (1930), 233; Weizsäcker, W., Sächsisches Bergrecht in Böhmen, 1929; Sehm,
J., Der Silberbergbau zu Annaberg, (1934); Silberschmidt, W., Zur Geschichte
der Bergfreiheiten, Zeitschrift für Bergrecht 75 (1935), 260; Silberschmidt,
W., Das schwedische Bergrecht, Zeitschrift für Bergrecht 75 (1935), 442, Krzyżanowski,
J., Die Bergbaufreiheit in Polen, 1935 (polnisch); Sehm, J., Die
Schreckenberger Bergordnung 1499/1500, 1936; Büchsel, H., Rechts- und
Sozialgeschichte des oberschlesischen Berg- und Hüttenwesens 1750 bis 1806,
1941, Thieme, H., Die Funktion der Regalien im Mittelalter, ZRG GA 62 (1942),
57; Löscher, H., Die erste Annaberger Bergordnung vom 11. Februar 1493, ZRG GA
68 (1951), 435; Schneider, H., Zur Geschichte des Bergrechts und der
Bergverfassung im Siegerland, Diss. jur. Bonn 1954; Schmelzeisen, G., Die
Arbeitsordnung in den jüngeren Berggesetzen, ZRG GA 72 (1955), 111; Schneider, H.,
Das ältere Siegerländer Bergrecht, 1956; Clauss, H./Kube, S., Freier Berg und
vermessenes Erbe, 1957; Schrader, E., Zum Bergrecht und zum Schatzrecht im
Sachsenspiegel I, 35, ZRG GA 74 (1957), 178; Löscher, H., Vom Bergregal im
sächsischen Erzgebirge, Freiberger Forschungshefte D 22, 1957; Ebel, W., Über
das landesherrliche Bergregal, Zs. f. Bergrecht 109 (1968), 146; Löscher, H.,
Zur Frühgeschichte des Freiberger Bergrechts, ZRG GA 76 (1959), 343; Willecke,
R./Turner, G., Grundriss des Bergrechts, 2. A. 1970; Handbuch der Quellen und
Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H.,
Bd. 1ff. 1973ff., 3,2,1767; Strätz, H., Bergmännisches Abbaurecht, FS N. Grass,
1974, 533; Willecke, R., Die deutsche Berggesetzgebung, 1977; Europäisches Montanwesen im Hochmittelalter. Das Trienter
Bergrecht 1185-1214, hg. v. Hägermann, D. u. a., 1986; Tubbesing, G.,
Vögte, Froner, Silberberge, 1996; Steuer, H./Zettler, A., Der mittelalterliche
Bergbau und seine Bedeutung für Freiburg, 1996; Ecker, F., Die Entwicklung des
Bergrechts im Saarbrücker Steinkohlenrevier, 1997; Soestwöhner, M.,
Bergschadensrecht im 19. Jahrhundert, Diss. jur. Bochum 1997; Kranz, H., Lütticher
Steinkohlen-Bergbau im Mittelalter, 2000; Pfeifer, G., Ius regale montanorum,
2002; Thür, G., Gedanken zu Bergregal und Bergbaufreiheit in der
griechisch-römischen Antike, (in) Festschrift für Gernot Kocher, 2002, 317ff.;
Löscher, H., Das erzgebirgische Bergrecht des 15. und 16. Jahrhunderts, Bd. 1f.
2003ff.; Stadt und Bergbau, hg. v. Kaufhold, K. u. a., 2004
Bergregal → Bergrecht
Berlich(ius),
Matthias (Schkölen bei Weißenfeld 9. 10. 1586-Leipzig 8. 8. 1638),
Bürgermeisterssohn, wird nach dem Studium des Rechts in Jena und Marburg
(Promotion 1610) 1611 in Leipzig Anwalt. In seinen (lat.) Conclusiones (F.Pl.)
practicabiles (Praktische Schlüsse) (1615ff.) stellt er das gemeine Recht nach
der Ordnung der kursächsischen Konstitutionen von 1572 dar. Auf seinem im
Strafrecht eine genauere Beschreibung der Straftatbestände anstrebenden Werk
baut Benedikt Carpzov auf.
Lit.: Stintzing, R./Landsberg, E., Geschichte der deutschen
Rechtswissenschaft, Bd. 1 1880, Neudruck 1957, 1978, 640, 736
Berlin erwächst aus
zwei älteren (um 1200 geplanten?), beiderseits eines Übergangs über die untere
Spree liegenden Siedlungen (Cölln [dendrologische Daten um oder nach 1171,
Ersterwähnung 1237], Berlin [Sumpfort], slawische Besiedlung Berlins bis ins
10. Jh. nachweisbar?, Ersterwähnung 1244), die um 1235 (Berlin um 1230?, 1253
an Frankfurt an der Oder übertragen) Stadtrecht erhalten und 1307
organisatorisch (zu einer Union) vereinigt werden. Am Ende des 14. Jh.s (1397)
entsteht das Berliner Stadtbuch (Berlin, Stadtarchiv, ohne Signatur), dessen
Schöffenrecht hauptsächlich auf dem → Sachsenspiegel aufbaut und durch
die Glosse Johanns von Buch, durch den Richtsteig Landrechts und durch das
Sächsische Weichbildrecht beeinflusst ist, aber auch brandenburgische
Gewohnheiten und gelegentlich gelehrtes Recht erkennen lässt. Unter den
1442/1448 den Widerstand der Stadt B. brechenden Hohenzollern (1415) wird B.
1470 Residenz der Markgrafen von Brandenburg, die hier 1516 das → Kammergericht
einrichten und sich seit 1701 Könige in Preußen nennen. 1709 wird aus B.,
Cölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt, Friedrichstadt und einigen
Vorstädten die einheitliche Königsstadt B. mit einem Magistrat gebildet. 1810
erhält B. eine Universität. 1871 wird B. Hauptstadt des Deutschen Reiches. 1878
findet dort ein internationaler Kongress über die Staatsverhältnisse auf dem
Balkan statt. 1912 wird der Zweckverband Groß-Berlin geschaffen. Am 27. 4.
1920 wird aus 8 Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken die zweistufig
gegliederte, in 20 Bezirke geteilte Einheitsgemeinde B. gebildet. 1945 wird
B. in vier Sektoren der Besatzungsmächte aufgeteilt, 1948 in Westberlin und
Ostberlin gespalten, von 1961 bis 1989 durch eine Mauer mit Schießbefehl
getrennt, 1990 aber wieder vereinigt und 1991 (mit rund 890 Quadratkilometern
Fläche und etwa 3,5 Millionen Einwohnern) statt Bonn zur Hauptstadt der
Bundesrepublik Deutschland bestimmt. Der Versuch der Vereinigung mit
Brandenburg scheitert bei einer Volksabstimmung am 5. 5. 1996.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 181, 245;
Berlinisches Stadtbuch, hg. v. Clauswitz, P., 1883; Das Stadtbuch des alten
Köln an der Spree, hg.v. Clauswitz, P., 1921; Gebhardt, P. v., Das älteste
Berliner Bürgerbuch 1453-1700, 1927; Seeboth, J., Das Privatrecht des Berliner
Stadtbuches, 1928; Die Bürgerbücher von Cölln an der Spree, hg. v. Gebhardt, P.
v., 1930; Latendorf, O., Die Entwicklung der städtischen Kassenorganisation
Berlins, 1931; Berliner Häuserbuch, bearb. v. Lüdicke, R., Bd. 1 1933; Steffen,
K., Das Berliner Stadtverfassungsrecht, 1936; Asen, J., Gesamtverzeichnis des
Lehrkörpers der Universität Berlin, Bd. 1 (1810-1945), 1955;
Berlin-Bibliographie, Bd. 1ff. 1965ff.; Schiedermair, H., Der völkerrechtliche
Status Berlins, 1975; Scholz, F., Berlin und seine Justiz, 1982; Festschrift
zum 125jährigen Bestehen der juristischen Gesellschaft zu Berlin, hg. v. Wilke,
D., 1984; Geschichte Berlins, hg. v. Ribbe, W., Bd. 1f. 1987, 3. A. 2002;
Rechtsentwicklungen in Berlin, hg. v. Ebel, F. u. a., 1988; Geschichte der
Berliner Verwaltungsbezirke, hg. v. Ribbe, W., Bd. 1ff. 1988ff.; Oppitz, U.,
Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1 1990, 61; Schultz, H., Berlin
1650-1800, 2. A. 1992; Fijal, A., Die Geschichte der juristischen Gesellschaft
zu Berlin in den Jahren 1859 bis 1933, 1991; Schubert, W., Die Vorträge von
Reinhold Johow in der Berliner Mittwochs-Gesellschaft (1881-1897), ZRG GA 110
(1993), 458; Schröder, R./Bär, F., Zur Geschichte der juridischen Fakultät,
Kritische Justiz 1996, 447; Spree-Insel, hg. v. Haspel, J. u. a., 1998; Raiser,
T., Schicksalsjahre einer Universität, 1998; Lösch, A. Gräfin v., Der nackte
Geist, 1999; Berlin. Die Hauptstadt, hg. v. Süß, W., 2000; Fritze, W./Schich,
W., Gründungsstadt Berlin, 2000; Städtebuch Brandenburg und Berlin, hg. v.
Engel, E. u. a., 2000; Ribbe, W., Die historische Kommission zu Berlin, 2000;
Berlin, hg. v. Schoeps, J., 2001; Ziolkowski, T., Berlin, 2002; Large, D.,
Berlin, 2002; Engler, H., Die Finanzierung der Reichshauptstadt, 2004; Die
Berliner Universität in der NS-Zeit, hg. v. Bruch, R. vom u. a., 2005; Thies,
R., Ethnograph des dunklen Berlin, 2006
Bern wird wohl
unter Bezugnahme auf Verona 1191 vom Herzog von Zähringen auf ursprünglichem
Königsgut gegründet. 1218 gelangt es an das Reich zurück (Berner Handfeste
Kaiser Friedrichs II., in ihrer Echtheit umstritten) und wird 1274 Reichsstadt.
Danach erwirbt B. umfangreiche Güter, verbindet sich 1353 mit der →
Eidgenossenschaft der Schweiz und entwickelt sich (1458 4500 Einwohner) zum
größten Stadtstaat nördlich der Alpen, der mit 130000 qkm rund ein Drittel der
heutigen Schweiz umfasst. Seit 1848 ist B. Hauptstadt der Schweiz. Am 9. 9.
1886 wird in B. die völkerrechtliche Berner Übereinkunft des Urheberrechts
geschlossen, die alle Verbandsstaaten (nicht z. B. Vereinigte Staaten von
Amerika) zur Gleichbehandlung der Urheber aus Mitgliedstaaten mit Inländern
verpflichtet.
Lit.: Mutach, A. v., Revolutionsgeschichte der Republik
Bern 1789-1815, hg. v. Wirz, H., 1934; Die Rechtsquellen des Kantons Bern (Teil
1 Stadtrechte, Teil 2 Rechte der Landschaft), hg. v. Welti, E. u. a. 1902ff.;
Welti, F. u. a., Das Stadrecht von Bern, Bd. 1ff. 1902ff., Bd. 1f. 2. A. bearb.
v. Rennefahrt, H., 1971; Stürler, R. v., Die vier Berner Landgerichte Seftigen,
Sternenberg, Konolfingen und Zollikofen, Diss. jur. Bern 1920; Die historische
Entwicklung der Leinwandweberei im Kanton Bern, Diss. staatswiss. Bern 1920;
Audétat, E., Verkehrsstraßen und Handelsbeziehungen Berns (Diss. phil. Bern),
1921; Rennefahrt, H., Freiheiten für Bern aus der Zeit Friedrichs II.,
Zeitschrift für schweizerisches Recht N. F. 46 (1927); Rennefahrt, H.,
Grundzüge der bernischen Rechtsgeschichte, Bd. 1-4 1928ff.; Däppen, O.,
Verfassungsgeschichte der Berner Landstädte, Archiv des historischen Vereins
des Kantons Bern 30 (1929), 1; Strahm, H., Studien zur Gründungsgeschichte der
Stadt Bern, 1935; Die Rechtsquellen des Kantons Bern, Teil 2, Bd. 2 1937;
Schmid, B., War Bern in staufischer Zeit Reichsstadt?, Zeitschrift für
schweizerische Geschichte 20 (1940), 161; Feller, R., Geschichte Berns, 1946;
Roth, U., Samuel Ludwig Schnell und das Zivilgesetzbuch für den Kanton Bern von
1824-1830, 1948; Bader, K., Um Echtheit oder Fälschung der Berner Handfeste,
ZRG GA 72 (1955), 194; Sechshundert Jahre Inselspital (1354-1954), verf. v.
Rennefahrt, H. u. a., 1954; Dübi, A., Die Geschichte der bernischen
Anwaltschaft, 1955; Rennefahrt, H., Nochmals um die Echtheit der Berner
Handfeste, Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 6 (1956), 145; Häusler,
F., Das Emmental im Staate Bern bis 1798, Bd. 1f. 1958ff.; Handbuch der Quellen
und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing,
H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,444, 3,2,1925; Soliva, C., Zur Berner Stadtrechtsreformation
von 1614, ZRG GA 92 (1975), 117; Bierbrauer, P., Freiheit und Gemeinde im
Berner Oberland 1300-1700, 1991; Gmür, R., Der alte bernische Stadtstaat
(1191-1798), ZRG GA 112 (1995), 366; Gerber, R., Gott ist Burger zu Bern, 2001;
Berns mutige Zeit, hg. v. Schwinges, R. 2003 Repertorium der Policeyordnungen
7, hg. v. Schott-Volm, C., 2006; Rieder, K., Netzwerke des Konservativismus,
2008
Bernardus Dorna ist
ein aus der Provence stammender, zeitweise in Bologna tätiger, 1222-1234 in
Montpellier nachweisbarer Jurist (Summula de libellis et eorum compositione).
Lit.: Lange, H.,
Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997, 302
Bernardus Papiensis (Pavia vor 1150-1213) wird nach dem Studium in Bologna Lehrer des geistlichen Rechts und 1187 Propst, 1198 Bischof von Pavia. Seine in fünf Bücher geteilte systematische Dekretalensammlung (lat.) Breviarium (N.) extravagantium (Kurzfassung der zusätzlichen [Dekretalen]) (1188/1190) wird (als [lat.] compilatio [F.] prima, erste Sammlung) zum Vorbild aller späteren Gesetzessammlungen (Dekretalensammlungen) des kanonischen Rechts, das seit seiner Zeit als sich ständig erneuernde Rechtsordnung in ihrem jeweils neuesten Stand auf den Universitäten gelehrt wird.
Lit.: Landau, P., Die Entstehung der systematischen
Dekretalensammlungen, ZRG KA 65 (1979), 120
Berner, Albert
Friedrich (Straßburg/Uckermark 30. 11. 1818-Berlin 13. 1. 1907),
Justizratssohn, wird nach dem Studium von Philosophie und Recht in Berlin
(Savigny, Gans) 1848 außerordentlicher Professor und 1861 ordentlicher
Professor in Berlin. Sein vom Vergeltungszweck geprägtes Lehrbuch des →
Strafrechts erfährt 18 Auflagen.
Lit.: Schmidt, E., Einführung in die Geschichte der
deutschen Strafrechtspflege, 3. A. 1965
Berthold von Henneberg → Henneberg
Beruf ist die auf Dauer
angelegte, die Arbeitskraft und Arbeitszeit überwiegend in Anspruch nehmende
Betätigung, die im allgemeinen mit dem Ziel betrieben wird, daraus den
Lebensunterhalt zu gewinnen, und die zugleich einen Beitrag zur gesellschaftlichen
Gesamtleistung erbringt (bloße gelegentliche Betrauung mit einer gutachterlichen
Tätigkeit ist kein B.). Der B. entwickelt sich mit der Entstehung besonderer
Tätigkeitsfelder. Bedeutsam ist er bereits in der mittelalterlichen Stadt.
Verfassungsrechtlich geschützt wird der B. im späteren 20. Jh.
Lit.: Lange, H., Das Verbot der Berufsausübung im
Mittelalter, 1940; Richarz, M., Der Eintritt der Juden in die akademischen
Berufe, 1974; Henning, H., Die deutsche Beamtenschaft, 1984; Knörr, M., Die
Berufszulassung zum Handwerk, Diss. jur. Erlangen 1996
Berufsfreiheit ist
die Freiheit der Berufswahl und Berufsausübung, die erst in der zweiten Hälfte
des 20. Jh.s grundrechtliche Bedeutung erlangt.
Lit.: Hege, H., Das Grundrecht der Berufsfreiheit, 1977
Berufsrichter ist
der Richter, der seine Tätigkeit als Beruf ausübt. Er tritt als gelehrter
Offizial des Bischofs vereinzelt seit dem späten 12. Jh. (Reims, Mainz), allgemeiner
seit 1246 als ständiger, ordentlicher und selbst entscheidender Einzelrichter
der kirchlichen Gerichtsbarkeit auf. Bis zum 19. Jh. setzt er sich unter
Verdrängung des ungelehrten, ehrenamtlich tätigen Schöffen auch im weltlichen
Gericht durch, ehe ihm dann durch den Liberalismus nach englischem (bzw.
französischem) Vorbild erneut ehrenamtliche Laienrichter zur Seite gestellt
werden.
Lit.: Köbler, DRG 154, 234; Nörr, K., Zur Stellung des
Richters im gelehrten Prozess der Frühzeit, 1967; Müller-Volbehr, J., Die
geistlichen Gerichte in den braunschweig-wolfenbüttelschen Landen, 1972;
Budischin, H., Der gelehrte Zivilprozess in der Praxis geistlicher Gerichte,
1974; Horn, N., Bologneser doctores und iudices im 12. Jahrhundert, ZHF 3
(1976), 221
Berufsschule ist die in Deutschland im 19.
Jh. zur Verbesserung der beruflichen Ausbildung entwickelte öffentliche
Schule.
Lit.:
Fischbach, R., Von der Sonntags- und Fortbildungsschule zur Berufsschule, 2004
Berufsverbot (seit 1933) ist das Verbot,
einen bestimmten Beruf auszuüben. Ihm geht die nach Einführug der
Gewerbefreiheit im 19. Jh. geschaffene Möglichkeit voraus, ein aufgenommenes
Gewerbe nachträglich zu untersagen (Preußen Gewerbeordnung 1845, Norddeutscher
Bund 1869, Reich 1872). Das Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher vom
24. 11. 1933 führt daneben als Maßregel der Sicherung und Besserung eine
Untersagung einer Gewerbeausübung im Rahmen eines Strafverfahrens bei Begehung
einer Straftat unter Missbrauch des Berufs ein (§ 42l StGB). Sie wird bald als
B. bezeichnet. Seit etwa 1970 wird auch das ablehnende Ergebnis einer
politischen Überprüfung von Bewerbern für die Einstellung in den öffentlichen
Dienst B. genannt.
Lit.: Reinhard, E., Die
Entwicklung der Untersagung gewerblicher Unternhemen seit 1869, Diss. jur.
Heidelberg 1940
Berufung ist das seit 1877/1879 grundsätzlich gegen Urteile des ersten Rechtzuges in Deutschland gegebene Rechtsmittel. Es kommt sachlich mit der Aufnahme des römisch-kanonischen Prozessrechts im Spätmittelalter als → Appellation an einen höheren Richter ins Reich und verdrängt dort die ältere Urteilsschelte, die seit dem Ende des 13. Jh.s aber schon in einem ziemlich allgemeinen Sinn B. genannt werden kann. Gleichzeitig wird B. allmählich das allgemeine deutsche Wort für die bis 1877/1879 als Rechtsmittel verwendete Appellation.
Lit.: Kaser § 65 IV; Köbler, DRG 116, 202, 235; Planck, W.,
Das deutsche Gerichtsverfahren im Mittelalter, Bd. 1 1879, 268; Weitzel, J.,
Der Kampf um die Appellation ans Reichskammergericht, 1976
Berytos (Beirut)
ist der Sitz einer bereits vor 238 n. Chr. berühmten Rechtsschule. Hier wie
später in Konstantinopel lehren besoldete Professoren (lat. [M.Pl.]
antecessores) in einem festen Studienplan in fünf Jahreskursen. Im ersten Jahr
beginnt man (als dupondius) mit den Institutionen des Gaius (Privatrecht,
Prozessrecht). Es folgen vier Teile (lat. libri singulares) zivilrechtlicher
Schriften ([vielleicht aus Ulpians Ad Sabinum libri] Mitgiftrecht,
Vormundschaftsrecht, Testamentsrecht, Vermächtnisrecht). Im zweiten und
dritten Jahr (edictalis, Papinianista) wird der Stoff des Jurisdiktionsedikts
der römischen Privatrechtsmagistrate (Stadtprätor, Provinzgouverneur bzw.
Legat) behandelt. Im zweiten Jahr studiert man wahrscheinlich nach Ulpians Ad
edictum praetoris libri aus dem Edikt (Buch 1-14) das Gerichtsverfassungsrecht
und Anfänge des Zivilprozessrechts (Allgemeines, Zuständigkeiten, Einleitung
des Verfahrens, Wiedereinsetzung, Haftung für Garantiezusagen, Sicherheitsleistung,
danach in der zweiten Jahreshälfte (Buch 15-25) Prozesseid, parteiliche
Richter, wichtige dingliche Ansprüche, einige deliktische Ansprüche), im
dritten Jahr (Ediktsstoff Buch 26-32) Kreditverträge, Leihe, Verpfändung,
Gehilfengeschäftehaftung, Verwahrung, Treuhand, Auftrag, Gesellschaft, Kauf,
Miete, Pacht, Dienstvertrag, Werkvertrag), in der zweiten Hälfte des dritten
Jahrs die (ersten 8 der 19) Responsen (Rechtsbescheide) Papinians. Im vierten
Jahr (lytes) und fünften Jahr (prolytes) beschäftigt man sich im Selbststudium
mit den Responsen des Paulus und den Konstitutionen der Kaiser (einschließlich
des Strafrechts und des sonstigen öffentlichen Rechts), wobei bewusst die
klassischen Traditionen aufgegriffen werden. Erzeugnisse der Arbeit der Lehrer
sind nur vereinzelt überliefert. Justinian setzt 533 n. Chr. in erster Linie an
die Stelle der bisherigen Studientexte seine Institutiones und Digesten sowie
seinen Codex (im ersten Jahr Institutionen, Digesten 1-4 mit Rechtsphilosophie,
Rechtsgeschichte, Rechtsquellen, Grundbegriffe, Staatsrecht, Verwaltungsrecht,
Zivilprozessrecht, im zweiten Jahr Digesten 5-11 oder 12-19, Mitgift D. 23-29,
Vormundschaft D. 26-27, Testament D. 28-29, Vermächtnis D. 30-36, im dritten
Jahr vertragliches Schuldrecht D. 12-19 oder Gerichtsverfassung, Einleitung
eines Zivilprozesses, Sachenrecht aus Buch 5-11 der Digesten, dann Hypotheken
D. 20, Sach- und Rechtsmängel bei Marktkauf D. 21, Verzinsung, Seedarlehen,
Beweis und Irrtum D. 22, im vierten Jahr Mitgift, Vormundschaft, Testament,
Vermächtnis aus D. 24, 25, 27, 29 und 31-36 und im fünften Jahr den Codex
einschließlich von Wirtschaft, Verwaltung und Kirche).
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 39; Köbler, DRG 53;
Wieacker, F., Antecessores, FS H. Niederländer, 1991, 215
Besançon wird 1691 Sitz einer
Universität (bis 1793).
Besatzung ist die zeitweise Übernahme der
Herrschaftsgewalt in einem fremden Gebiet durch einen an sich nicht zuständigen
Staat beispielsweise als Ergebnis eines Krieges (z. B. nach 1945 insgesamt 15
Millionen Soldaten und Angehörige der Vereinigten Staaten von Amerika im
Gebiet der späteren Bundesrepublik Deutschland).
Lit.: Marx, T.,
Zwischen Schwert und Schild, 2004; Die besetzte res publica, hg. v. Meumann, M.
u. a., 2006
Besatzungsstatut ist die 1949 von den drei westlichen Besatzungsmächten Deutschlands einseitig erlassene Grundregelung des Verhältnisses ihrer Hoheitsgewalt zu jener der Bundesrepublik Deutschland, die dieser grundsätzlich die volle gesetzgebende, vollziehende und rechtsprechende Gewalt überträgt. 1951 überarbeitet, wird es am 5. 5. 1955 mit Inkrafttreten der Pariser Verträge beseitigt.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Pollock, J., Besatzung und
Staatsaufbau nach 1945, hg. v. Krüger-Bulcke, I., 1994; Waibel, D., Von der
wohlwollenden Despotie zur Herrschaft des Rechts, 1996; Deutschland unter
alliierter Besatzung 1945-1949/55. Ein Handbuch, hg. v. Benz, W., 1999
Besatzungsrecht → Besatzungszone
Lit.: Handbuch
des Besatzungsrechts, hg. v. Schmoller, G. v. u. a., 1957; Das geltende
Besatzungsrecht, hg. v. Schröder, D., 1990; Zwischen Kontinuität und Fremdbestimmung,
hg. v. Diestelkamp, B. u. a., 1996; Waibel, D., Von der wohlwollenden Despotie
zur Herrschaft des Rechts, 1996; Die volle Macht eines souveränen Staates, hg.
v. Haftendorn, H. u. a., 1996; Deutschland unter alliierter Besatzung 1945-1949/55.
Ein Handbuch, hg. v. Benz, W., 1999; Walton-Jordan, U., Die britische
Gerichtsbarkeit in Nordwestdeutschland 1945-1949, ZRG GA 117 (2000), 362;
Rensmann, M., Besatzungsrecht im wiedervereinigten Deutschland, 2002; Zentz,
F., Das amerikanische Strafverfahren als Element der Besatzungspolitik, 2005
Besatzungszone ist
das Gebiet (Zone), das einer von mehreren Besatzungsmächten zugeteilt ist. 1945
werden das → Deutsche Reich (und das davon wieder verselbständigte →
Österreich) in je eine B. der Vereinigten Staaten von Amerika, der Sowjetunion,
Großbritanniens und Frankreichs aufgeteilt (Potsdamer Abkommen vom 2. 8. 1945).
Am 5. 5. 1955 erklären die westlichen Besatzungsmächte die Bundesrepublik
Deutschland für souverän, am 25. 3. 1954/20. 9. 1955 die Sowjetunion die
Deutsche Demokratische Republik. Das in den Besatzungszonen von den alliierten
Stellen unmittelbar oder durch deutsche Stellen mittelbar gemeinsam oder
einzeln in fünf unterscheidbaren Phasen (1941-8. 5. 1945, 5. 6. 1945-30. 3.
1948, 30. 3. 1948-1951, 1951-1955, 1955-1990ff., abschließende Regelung in
Bezug auf Deutschland 12. 9. 1990) erlassene (deutsche) Recht (Besatzungsrecht
zur Sicherung der Interessen der Besatzungsmächte, zur Entmilitarisierung,
Entnazifizierung und Bestrafung von Kriegsverbrechern sowie zum allmählichen
Wiederaufbau) gilt auch über die Beendigung des Besatzungsregimes hinaus bis zu
seiner Aufhebung oder Abänderung.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh; Köbler, DRG 244, 245; Blomeyer,
A., Die Entwicklung des Zivilrechts, 1950; Overesch, M., Das besetzte
Deutschland, 1986, Neudruck 1992; Das geltende Besatzungsrecht, hg. v.
Schröder, 1990; Zwischen Kontinuität und Fremdbestimmung, hg. v. Diestelkamp,
B. u. a., 1996; Deutschland unter alliierter Besatzung 1945-1949/55. Ein
Handbuch, hg. v. Benz, W., 1999; Lehmann, A., Der Marshall-Plan und das neue
Deutschland, 2000; Mußgnug, D., Alliierte Militärmissionen in Deutschland
1946-1900, 2001; Kriegsende und Neubeginn, hg. v. Hoser, P. u. a., 2003;
Behling, K., Spione in Uniform, 2004; Groß, J., Die deutsche Justiz unter
französischer Besatzung 1945-1949, 2007
Beschlagnahme (Anfang 19. Jh.) ist die
zwangsweise Sicherstellung von Gegenständen zur Sicherung öffentlicher oder
privater Belange. Unterschiedliche Einzelfälle dieser Art sind bereits in
älteren Zeiten bekannt (z. B. römische [lat.] missio [F.] in bona,
Gütereinweisung). Im Rechtsstaat des 19. Jh.s wird die B. an gesetzlich
geregelte Voraussetzungen gebunden.
Lit.: Kaser §§ 85, 86; Mothes, R., Die Beschlagnahme nach
Wesen, Arten und Wirkungen, 1903; Planitz, H., Die Vermögensvollstreckung,
1912; Freyberg, R., Über die Beschlagnahme, Diss. jur. Frankfurt am Main 1971
Beschreien der Wände ist die wahrnehmbare
Lautgebung eines neugeborenen Menschen. Das B. ist vom Sachsenspiegel (1221-1224)
bis zum preußischen Allgemeinen Landrecht (1794) bezeugt. Nach vielen
Rechtsquellen ist es ausreichende Voraussetzung der Rechtsfähigkeit.
Lit.: Brunner, H., Die
Geburt eines lebenden Kindes, ZRG GA 16 (1896), 63; Kuyk, I. van, Het schreiend
Kind, TRG 2 (1920/1921), 63ff.
Beschwerde (lat. [N.] gravamen) ist die Belastung, aus der sich ein verfahrensmäßiger Rechtsbehelf entwickelt (z. B. Italien 12. Jh.). Im Verhältnis zu Rechtsmitteln wie Appellation bezieht sich die B. in der jüngeren Vergangenheit auf Beschlüsse und Verfügungen. Eine neue Sonderform ist die → Verfassungsbeschwerde in Deutschland. → Nichtigkeitsbeschwerde
Lit.: Bethmann Hollweg, M. v., Der germanisch-romanische
Zivilprozess, Bd. 1ff. 1868ff., Neudruck 1959; Kiefner, H., Zur Divergenzjudikatur
des Reichsgerichts, (in) Das Bürgerliche Gesetzbuch und seine Richter, 2000,
585; Suppliche e <<gravamina>>, hg. v. Nubola, C., 2002
Beseitigung ist die
Entfernung eines Umstands, insbesondere die Entfernung einer Störung. Auf sie
kann ein Anspruch bestehen. Er ist von einem möglichen Schadensersatzanspruch
unabhängig.
Lit.: Kawasumi,
Y., Von der römischen actio negatoria zum negatorischen Beseitigungsanspruch,
2001
Beseler, Georg
(Rödemis bei Husum 2. 11. 1809-Bad Harzburg 28. 8. 1888), Kammerratssohn, wird
nach dem Studium in Kiel, München, Göttingen und Heidelberg mit der streng
geschichtlich die Einrichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart verfolgenden,
auch Urkunden berücksichtigenden Lehre von den Erbverträgen in Heidelberg 1835
habilitiert und nach Basel, Rostock (1837), Greifswald (1842) und Berlin
(1859) berufen. Sein System des gemeinen deutschen Privatrechts (1847ff.)
versucht ein dem gemeinen römischen Recht gegenüber gleichwertiges deutsches
System (allen nicht rein römischen Rechts) zu entwickeln, in dem die
Genossenschaft besonders bedeutsam ist. Vor 1831 bzw. 1848ff. wirkt er auch
politisch (rechtsliberal).
Lit.: Beseler, G., Erlebtes und Erstrebtes, 1884; Gierke,
O., Georg Beseler, ZRG GA 10 (1889), 1; Kern, B., Georg Beseler, 1982 (mit
Schriftenverzeichnis, 77 Titel); Kern, B., Georg Beselers Mitgliedschaft in der
Berliner Mittwochs-Gesellschaft, ZRG GA 113 (1996), 279
Besitz ist die
tatsächliche Gewalt einer Person über eine Sache. Das römische Recht bezeichnet
dies als (lat. [F.]) possessio, die auf die tatsächliche Gewalt (lat. [M.]
usus) und auf das Sitzen auf Land zurückgeht. Notwendig sind Gewalt über eine
Sache ([lat.] corpus) und (nicht notwendig rechtsgeschäftlicher) Wille zur
Herrschaft ([lat.] animus). Nach dem allgemeinen Recht (lat. ius [N.] civile)
muss die tatsächliche Gewalt auf einem Rechtsgrund beruhen, nach dem Amtsrecht
(lat. ius [N.] praetorium) wird der Besitz (Interdiktenbesitz) durch bestimmte
Klagen gegen Entziehung oder Störung geschützt (z. B. Eigenbesitzer [Besitzer
mit <lat.> animus <M.> domini, Eigenbesitzwillen wie Eigentümer
oder Ersitzungsbesitzer] und gewisse Fremdbesitzer [unter Anerkennung eines
fremden Besitzrechts besitzende Besitzer] wie Erbpächter, Prekarist,
Pfandgläubiger oder Sequester). Nicht B. (im rechtlichen Sinne, sondern nur
[lat.] possessio [F.] naturalis, natürlichen B.) hat der bloße Innehaber (z. B.
Mieter). Vom B. streng geschieden ist das Eigentum. Justinian schränkt den B.
auf den rechtlichen B. mit Eigentümerbesitzwillen ein, nähert diesen B. aber
einem Recht an. Im deutschen Recht steht ursprünglich das schlichte Haben (ahd.
haben, aigan) im Vordergrund. Später entwickelt sich die besondere Figur der →
Gewere. Vielleicht aus dem kirchlichen Recht stammt die Anerkennung des Besitzes
auch bestimmter Innehaber (z. B. Mieter, Pächter usw.). Mit der Aufnahme des
römischen Rechts verdrängt das Wort B. (Lehnübertragung?) das Wort Gewere.
Sachlich kommt es zu einer gegenseitigen, ziemlich verwirrenden Beeinflussung.
In den naturrechtlichen Kodifikationen ist B. grundsätzlich der Eigenbesitz,
doch gewährt das preußische Allgemeine Landrecht (1794) auch dem Mieter,
Pächter oder Pfandgläubiger Besitzschutz (nicht dem Prekaristen). Savigny
versteht (1803) den B. als Tatsache, stellt ihn dem Eigentum (Recht) gegenüber,
ordnet ihn in das Deliktsrecht ein und verrätselt das Recht des Besitzes
hinsichtlich der Folgen als das Recht eines Faktums. Das (tatsächliche Gewalt
und in § 309 Eigenbesitzwillen verlangende, von einem sehr weiten Begriff der
Sache ausgehende) Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch Österreichs (1811/1812)
kennt den Tabularbesitz des im Grundbuch Eingetragenen. Im deutschen
Bürgerlichen Gesetzbuch (1900) ist unter Bruch mit dem gemeinen Recht der unmittelbare
B. die tatsächliche Herrschaft über eine Sache (z. B. des Mieters oder Diebs),
neben welcher der durch ein Rechtsverhältnis (Besitzkonstitut) vermittelte
mittelbare B. (z. B. des Vermieters) steht. Die Innehabung ist grundsätzlich
beseitigt, der Gegensatz zum Eigentum betont.
Lit.: Kaser § 19; Hübner 221; Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler,
DRG 25, 39, 60, 140, 162, 211; Savigny, F., Das Recht des Besitzes, 1803, 7. A.
1875, Neudruck 1990; Bruns, K., Das Recht des Besitzes, 1848; Randa, A., Der Besitz
nach österreichischem Recht, 4. A. 1895; Kaser, M., Eigentum und Besitz im
älteren römischen Recht, 2. A. 1956; Schubert, W., Die Entstehung der
Vorschriften des BGB über Besitz und Eigentumsübertragung, 1966; Benöhr, H.,
Der Besitzerwerb durch Gewaltabhängige, 1972; Wacke, A., Das Besitzkonstitut,
1974; Hofmeister, H., Die Grundsätze des Liegenschaftserwerbs, 1977; Diurni,
G., Le situazioni possessorie nel Medioevo, età langobardo-franca, 1988;
Schnatenberg, P., Die Entstehung der Regeln des BGB über den mittelbaren
Besitz, Diss. jur. Köln 1994; Ernst, W., Eigenbesitz und Mobiliarerwerb, 1992;
Link, M., Possession, possessio und das Schicksal des common law, 2003; Moriya,
K., Savignys Gedanke im Recht des Besitzes, 2003
Besitzdiener ist der die tatsächliche Gewalt
für einen anderen (d. h. einen Besitzer) in dessen Haushalt oder
Erwerbsgeschäft oder in einem ähnlichen weisungsgeprägten Verhältnis Ausübende
(z. B. Chauffeur). Er ist nicht Besitzer. Er dient der Überbrückung der
Verschiedenheit von tatsächlichen Gegebenheiten und rechtlicher Bewertung.
Besitzerwerb ist
der Erwerb des Besitzes. Er erfordert im römischen Recht die Begründung der
tasächlichen Gewalt über eine Sache und den Willen, diese für sich zu
beherrschen. Er kann ursprünglich (originär) oder abgeleitet (derivativ)
erfolgen.
Besitzkonstitut (Besitzmittlungsverhältnis, § 868 BGB) ist das Verhältnis zwischen einem unmittelbaren Besitzer (nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch z. B. Mieter) und einem mittelbaren Besitzer (z. B. Vermieter), in dem bzw. durch das der ursprüngliche Besitzer (z. B. Vermieter) seinen Eigenbesitzwillen bezüglich einer Sache durch Fremdbesitzwillen (für den Erwerber) ersetzt und der neue Besitzer (z. B. Mieter) Eigenbesitzwillen begründet.→ Besitz
Besitzrecht → Besitz
Besitzschutz ist
der dem zunächst rein tatsächlichen Herrschaftsverhältnis (Besitz) zugeordnete
Schutz der Rechtsordnung gegen unrechtmäßige Entziehung oder Störung. Hierzu
gewährt das römische Recht besondere → Interdikte gegen unerlaubte
Eigenmacht (lat. vi [gewaltsam], clam [heimlich], precario [Zurückbehaltung bei
bloßer Bittleihe]) zu Gunsten des verhältnismäßig rechtmäßigen Besitzers
(Verbot der Gewaltanwendung und Gebot zur richterlich überwachten Rückstellung
zu Gunsten von Eigenbesitzer, Erbpächter, Prekarist, Faustpfandgläubiger und
Sequester). Das kanonische Recht des Mittelalters entwickelt dies zu einem
vorläufigen Besitzschutz weiter. Hierauf baut auch das Reichskammergericht
(1495-1806) auf, das aber bereits bei der vorläufigen Entscheidung nach einem
bestandskräftigen Ergebnis strebt. Die historische Rechtsschule erarbeitet
einen rein possessorischen Schutz der besonderen Besitzklagen, bei dem wie in
Rom eine Einrede aus dem Recht zum Besitz (z. B. Eigentum) ausgeschlossen ist.
Er ist in das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch (1900) übernommen.
Lit.: Kaser § 21; Söllner §§ 9, 23; Hübner 221ff.;
Kroeschell, DRG 1; Wieling, H., Grund und Umfang des Besitzschutzes, FG U. v.
Lübtow, 1980; Dedek, H., Der Besitzschutz, ZEuP 1997, 342; Jacobi, J.,
Besitzschutz vor dem Reichskammergericht, 1998; Beermann, C., Besitzschutz,
2000
Besold, Christoph
(Tübingen 22. 9. 1577-Ingolstadt 15. 9. 1638), aus einer Juristenfamilie
(Hofgerichtsadvokatensohn), nach dem Rechtsstudium (1599 Tübingen Promotion) 1610
Professor in Tübingen, 1636 in Ingolstadt, entwickelt als Reichspublizist
innerhalb der politischen Wissenschaft eigene Vorstellungen im Bereich des
neuen öffentlichen Rechts (Vorbereitung der Lehre vom Bundesstaat).
Lit.: Meyer, F., Christoph Besonld als Staatsrechtler,
Diss. jur. Erlangen 1957; Stolleis, M., Geschichte des öffentlichen Rechts in
Deutschland, Bd. 1 1988, 120; Synopse der Politik, hg. v. Boehm, L., 2000,
291ff.
Besonderes Gewaltverhältnis ist das Verhältnis, das, im Gegensatz zum allgemeinen
Verhältnis des Inhabers von Hoheitsgewalt über den Bürger, zusätzliche
Einwirkungen ohne weitere Rechtsgrundlage ermöglicht (z. B. Staat -
Strafgefangener). Diese im 19. Jh. entwickelte Vorstellung wird im letzten
Drittel des 20. Jh.s zunehmend abgelehnt.
Lit.: Wenninger, L., Geschichte der Lehre vom besonderen
Gewaltverhältnis, 1982
Bessarabien (östlicher Teil der Moldau
zwischen Pruth und Dnjestr, in dem ab 1814 von Zar Alexander I. Deutsche
angesiedelt wurden, 1918 Rumänien, 1940 umgesiedelt, 1945 vertrieben)→ Rumänien, Sowjetunion, Moldawien
Lit.: King, C., The Moldovans, 2000; Schmidt, U., Die
Deutschen aus Bessarabien, 2. A. 2004, 3. A. 2006
Besserung ist allgemein die Vermehrung der
Güte eines Zustands. Hierzu kann auch die wertsteigernde Aufwendung auf zur
Leihe überlassenem Land gezählt werden. Sie ist teilweise eigenständiges,
veräußerliches Gut.
Lit.: Arnold, W., Zur
Geschichte des Eigentums in den Städten, 1861; Wolf, M., Der Bau auf fremden
Gut, 1900; Stingel, M., Die bäuerliche Leihe im Recht des Würzburger
Benediktinerklosters Sankt Stephan in Würzburg, Diss. jur. Erlangen 1962
Bestechung ist die Gewährung eines Vorteiles an einen Amtsträger für eine Dienstpflichtverletzung. Sie ist als Wahlbestechung bereits dem römischen Recht bekannt. Besondere Bedeutung erlangt sie mit der Entwicklung des Beamtentums.
Lit.: Rüping, H./Jerouschek, G., Grundriss der
Strafrechtsgeschichte, 5. A. 2007; Kulesza, R., Die Bestechung im politischen
Leben Athens, 1995
Besthaupt ist das
beim Tode eines Bauern besonders in Grundherrschaften an einen Herrn
abzuliefernde beste Stück Vieh. Das B. begegnet in Flandern und Lothringen im
9. Jh. und ist im Hochmittelalter weit verbreitet. Bereits zu dieser Zeit
schwindet es aber in den Städten, wird allgemein aber erst am Beginn des 19.
Jh.s aufgegeben.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Bodmann, F.,
Historisch-juristische Abhandlung vom Besthaupte, 1794; Schultze, A., Seelgerät
und Besthaupt, ZRG GA 38 (1917), 301; Mayer, E., Seelgerät und Besthaupt, ZRG
GA 38 (1917), 301; Stutz, U., Zweitbesthaupt, ZRG GA 40 (1919), 282; Müller,
W., Die Abgaben von Todes wegen in der Abtei Sankt Gallen, 1961
Bestimmtheitsgebot ist
das Gebot (an den Gesetzgeber), einen Rechtssatz insbesondere im Strafrecht so
bestimmt zu fassen, dass der Betroffene Tragweite und Anwendungsbereich
erkennen kann. Es erwächst aus der Aufklärung. Es setzt sich seit dem 19. Jh.
durch.
Lit.: Schreiber, H.,
Gesetz und Richter, 1976; Krey, V., Keine Strafe ohne Gesetz, 1983;
Müller-Dietz, H., Abschied vom Bestimmtheitsgrundsatz im Strafrecht? (in) FS T.
Lenckner, 1998, 179
Bet, Josef → Karo
Betäubungsmittel ist das der Betäubung der menschlichen Sinne
dienende Mittel (z. B. Opium, Morphium, Heroin, Kokain, Cannabis und
synthetische B.) Seit dem 16./17. Jh. wird die Sucht nach Betäubungsmitteln als
Krankheit erkannt, seit etwa 1850 breitet sich die Sucht allmählich, seit etwa
1965 rasch aus. Mit der zweiten Hälfte des 19. Jh.s begint die gesetzliche
Bekämpfung (Preußen, kaiserliche Verordnung vom 25. 3. 1872, Opiumkonferenz von
Schanghai 1909, Den Haag, Ausführungsgesetz von 1921, Opiumgesetz vom 1. 1.
1930, Betäubungsmittelgesetz 1972).
Lit.: Wriedt, J., Von
den Anfängen der Drogengesetzgebung bis zum Betäubungsmittelgesetz vom 1. 1.
1972, 2006
Betreibung
Lit.: Malamud, S. u.
a., Die Betreibungs- oder Eingewinnungsverfahren der Stadt Zürich im
Spätmittelalter, ZRG GA 116 (1999), 87
Betreuung ist in Deutschland seit 1. 1. 1992 die staatliche Fürsorge für die Person und das Vermögen eines volljährigen Menschen, soweit er infolge einer Krankheit oder Behinderung seine Angelegenheiten nicht selbst besorgen kann, durch einen vom zuständigen Vormundschaftsgericht bestellten Betreuer. Die B. ersetzt die Entmündigung
Lit.: Köbler, DRG 268; Damrau, J./Zimmermann, W.,
Betreuungsgesetz, 1991; Müller, B., Rechtliche und gesellschaftliche Stellung
von Menschen mit einer geistigen Behinderung, 2001
Betriebsrat ist das
Organ der Arbeitnehmer einer Betriebs, das in bestimmten Angelegenheiten eines
Betriebs mitwirkt und mitbestimmt. Der B. entwickelt sich am Ende des 19. Jh.s
(1905 Bergbau, 1916 Kriegswirtschaft). Nach dem Betriebsrätegesetz vom 4. 2.
1920 ist in Betrieben mit 20 und mehr Beschäftigten ein B. zu bilden (Österreich
1919). Im Dritten Reich wird der B. beseitigt, 1946 (in Österreich 1947) aber
wieder eingeführt und danach gestärkt (11. 10. 1952, 15. 1. 1972).
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 241, 273; Oertzen,
P. v., Betriebsräte in der Novemberrevolution, 1963; Plumeyer, M., Die
Betriebsrätegesetze, Diss. jur. Hannover, 1992; Schaub, G., Der Betriebsrat,
1973, 7. A. 2002, 8. A. 2005; Raedel, C., Amtsenthebungen und Kündigungen von
Betriebsräten, 1999
Betriebsrisiko ist
im Arbeitsrecht die im 20. Jahrhundert verrechtlichte Gefahr des Erliegens bzw.
Stillstands eines Betriebs ohne Verschulden eines Beteiligten.
Lit.: Tamm, M., Die Entwicklung der Betriebsrisikolehre,
2001
Betriebsverfassung ist
die Gesamtheit der Regeln, welche die Rechte des Arbeitgebers, der Arbeitnehmer
und ihrer Organe im Betrieb in Bezug auf das Betriebsgeschehen ordnen. Die B.
wird in Deutschland nach einzelnen Vorläufern des späten 19. Jh.s durch das
Betriebsrätegesetz vom 4. 2. 1920 eingerichtet und durch Gesetz vom 17. 4. 1946
wiederhergestellt.
Lit.: Köbler, DRG 273; Adelmann, G., Quellensammlung zur
Geschichte der sozialen Betriebsverfassung, Bd. 1f. 1960ff.; Reichold, H.,
Betriebsverfassung als Sozialprivatrecht, 1995; Mitbestimmung und
Betriebsverfassung, hg. v. Pohl, H., 1996
Betriebswirtschaft ist
die Wirtschaft des einzelnen Betriebs (im Gegensatz zur Wirtschaft des gesamten
Volks oder Staats), die seit 1898 wissenschaftlich gelehrt wird.
Lit.: Entwicklungen der Betriebswirtschaftslehre, hg. v.
Gaugler, E./Köhler, R., 2002
Betrug ist die
durch Täuschung verursachte Vermögensschädigung (z. B. der Universitätsassistent
I. lässt sich im öffentlichen Dienst jahrelang krank schreiben und betreibt in
dieser Zeit privatwirtschaftlich einen Verlag für Lügenbarone). Im römischen Recht
erfassen (lat. [N.]) falsum (Fälschung), stellionatus (M.) (Hinterhältigkeit)
und (N.) furtum (Wegnahme) einzelne Fälle des nicht als solcher
zusammengefassten Betrugs. Ähnlich verfährt auch das Mittelalter. Die durch
Täuschung verursachte Vermögensschädigung findet sich seit dem 16. Jh., ohne
dass sie aber von der Fälschung bereits eindeutig geschieden werden kann. Erst
in der Mitte des 19. Jh.s bzw. 1871 gelingt unter dem Einfluss des Code pénal
(1810) Frankreichs eine klare Abgrenzung.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 158; Köstlin, C.,
System des deutschen Strafrechts, Bd. 2 1858, Neudruck 1978, 124ff.; Mommsen,
T., Römisches Strafrecht, 1899, Neudruck 1955; His, R., Das Strafrecht des
deutschen Mittelalters, Bd. 2 1935, 318ff.; Naucke, W., Zur Lehre vom
strafbaren Betrug, 1964; Hupe, E., Falsum, fraus und stellionatus im römischen
und germanischen Recht bis zur Rezeption, Diss. jur. Marburg 1967; Kausch, W.,
Die Entwicklung des falsum, Diss. jur. Göttingen 1971; Schütz, S., Die
Entwicklung des Betrugsbegriffs, 1988; Roth, J./Sokolowsky, K., Lügner,
Fälscher, Lumpenhunde, 2000; Lügen und Betrügen, hg. v. Hochadel, O. u. a.,
2000; Freller, T., Die Welt will betrogen sein, 2001
Betteln ist das
Bitten um unentgeltliche Leistungen zum Lebensunterhalt. Es wird seit dem
Hochmittelalter sichtbar. Zeitweise wird es mit polizeilichen Mitteln
entschieden bekämpft (u. a. z. B. Graz 1996).
Lit.: Stamm, R., Theodor Konrad Hartleben (1770-1827) und seine
Allgemeine deutsche Justiz- und Polizey-Fama, ZGO 113 (1965), 45; Goglin, J.,
Les miserables, 1976; Scherner, K., Arme und Bettler, ZNR 1988, 129;
Rudersdorf, M., Das Glück der Bettler, 1995; Bindzus, D./Lange, J., Ist Betteln
rechtswidrig? JuS 1996, 482; Bräuer, H., .. und hat seit hero gebetlet, 1996;
Bettler in der europäischen Stadt der Moderne, hg. v. Althammer, B., 2007
Betti, Emilio
(Camerino 1890-1968), nach juristischen Studien in Parma und philosophischen
Studien in Bologna seit 1917 Professor für römisches Recht in Camerino und in
Macerata, Messina, Parma, Florenz, Mailand und Rom, bemüht sich unter
Verknüpfung von Dogmatik und Geschichte vor allem um ein neues Verständnis der →
Auslegung und der Hermeneutik insgesamt.
Lit.: Betti, E., Die Hermeneutik als allgemeine Methodik
der Geisteswissenschaften, 1962; L’ermeneutica giuridica di Emilio Betti, hg.
v. Frosini, V./Riccobono, F., 1994
Beunde (963 ahd. piunta) ist das
dorfnahe, durch Einzäunung („Bewindung“?) aus der Allmende ausgeschiedene landwirtschaftliche
Grundstück.
Lit.: Bader, K.,
Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 1 1957, Bd. 3
1973
Beutellehen ist das an einen Bürger oder Bauern gelangende → Lehen (Bayern E. 13. Jh.), bei dem statt Kriegsdienst bei Herrenfall und Mannfall eine erhöhte Abgabe in den Beutel des Herrn zu leisten ist. Im 18. Jh. gibt es auch ritterliche B. Durch Gesetz vom 17. 12. 1862 wird in Österreich das B. in Eigentum umgewandelt.
Lit.: Klein, H., Ritterlehen und Beutellehen, Mitteil. d. Ges.
f. Salzburger Landesk. 80 (1940), 87ff.; Spieß, K., Das Lehnswesen in
Deutschland, 2002
Beuterecht ist das
Recht auf Aneignung feindlichen Gutes im Krieg. Es besteht ursprünglich
gegenüber der gesamten gegnerischen Bevölkerung, wenn auch 1179 durch das
dritte Laterankonzil unter Christen die Versklavung verboten wird. Im 19. Jh.
setzt sich für den Landkrieg die Beschränkung auf das für Kriegszwecke
verwendbare Staatseigentum des Feindes durch (Haager Landkriegsordnung 1907).
Lit.: Redlich, F., De praeda militari, 1956; Ziegler, K.,
Völkerrechtsgeschichte, 1994, 2. A. 2007
bewegliche Sache →
Sache
Beweis ist die
Darlegung der Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Vorstellung durch ein Verhalten.
Besondere Bedeutung hat der B. in einem Streit zweier Personen. Im altrömischen
und im klassischen römischen Recht würdigt dabei der (lat. [M.]) iudex
(Richter) frei die mit beliebigen Mitteln vorgebrachten Beweisversuche.
Demgegenüber dringt im spätantiken römischen Recht die Bindung an feste
Beweisregeln und Beweislastregeln vor. Bei den Germanen erfolgt wahrscheinlich
meist außerhalb der Versammlung ein B. mit Eid, Zeugen oder Augenschein, wobei
der Angegriffene ein Recht zum B. vor allem durch Eid (mit Eidhelfern) hat. Im
Frühmittelalter kann der in einem zweizüngigen Urteil auferlegte B. auch im
Gericht erbracht werden, wobei der B. durch eine Urkunde vordringt. Wahrscheinlich
unter christlichem Einfluss gewinnt zeitweise das Gottesurteil dann Bedeutung,
wenn ein anderer B. nicht möglich ist. Der Kläger kann allmählich das
Beweisrecht dadurch an sich ziehen, dass er ein stärkeres Beweismittel als den
Eid anbietet. Möglich wird der Gegenbeweis. Im spätmittelalterlichen Strafverfahren
bemüht sich der Richter von sich aus um die Ermittlung der Wahrheit. Als
sicherstes Beweismittel gilt dabei das Geständnis (lat. [F.] confessio). Zu
seiner Erreichung ist die Folter zulässig, wobei seit der Peinlichen
Gerichtsordnung Karls V. (1532) ihre Anwendung nur bei Vorliegen bestimmter
Indizien (z. B. Aufenthalt in Tatnähe) gestattet wird. Hinzu kommen feste
Beweisregeln. Das Gottesurteil verschwindet. Mit dem über die Kirche schon seit
dem Spätmittelalter eindringenden gelehrten Zivilprozess gelten unbestrittene
Tatsachen als zugestanden. Bestrittene Tatsachen sind vom Kläger durch Zeugen,
Parteieid, Urkunden, Augenschein oder Sachverständige zu beweisen (Beweislast,
s. [lat.] onus [N.] probationis reo non incumbit, Die Beweislast trifft nicht
den Beklagten, Gratian um 1140), wobei feste Beweisregeln gelten. Nach französischem
Vorbild (1791) setzt sich im 19. Jh. die freie richterliche Beweiswürdigung
wieder allgemein durch (Berlin 1846, Preußen 1849), wobei es auf die
Überzeugung des Richters ankommt. Die Beweislast im Zivilprozess trägt
grundsätzlich jede Partei für die ihr günstigen Tatsachen.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 86, 116, 155, 167;
Savigny, C., Über Schwurgerichte und Beweistheorie, GA 6 (1858), 469; Hänel,
A., Das Beweissystem des Sachsenspiegels, 1858; Kries, A. v., Der Beweis im
Strafprozess des Mittelalters, 1878; Endemann, W., Die Entwicklung des
Beweisverfahrens im deutschen Civilprozess seit 1495, 1895; Haff, K.,
Beweisjury und Rügeverfahren im fränkischen und altdänischen Recht, ZRG GA 38
(1917), 130; Mayer-Homberg, E., Beweis und Wahrscheinlichkeit nach älterem
deutschem Recht, 1921; Stutz, U., Die Beweisrolle im altdeutschen Rechtsgang,
ZRG GA 49 (1929), 1; Bechert, R., Recht oder Pflicht zur Beweisführung?, ZRG GA
49 (1929), 26; La preuve, 1963; Kaser, M., Das römische Zivilprozessrecht,
1966; Nagel, H., Die Grundzüge des Beweisrechts im euopäischen Zivilprozess,
1967; Ziller, H., Private Bücher des Spätmittelalters und ihre rechtliche
Funktion, Diss. jur. Frankfurt am Main 1971; Langbein, J., Torture and the Law
of Proof, 1972; Walter, G., Freie Beweiswürdigung, 1979; Rechtsbehelfe, Beweis
und Stellung des Richters im Spätmittelalter, hg. v. Sellert, W., 1986;
Schmitt, B., Die richterliche Beweiswürdigung im Strafprozess, 1992;
Subjektivierung des justiziellen Beweisverfahrens, hg. v. Gouron, A. u. a.,
1994; Allen, C., The Law of Evidence in Victorian England, 1997; Wißgott, V.,
Das Beweisantragsrecht im Strafverfahren, 1998; Macnair, M., The Law of Proof
in Early Modern Equity, 1999; Stürner, R., Geschichtliche Grundlinien des europäischen
Beweisrechts, FS A Söllner, 2000; Nehlsen-von Stryk, K., Die Krise des
irrationalen Beweises im Hoch- und Spätmittelalter, ZRG GA 117 (2000), 1;
Sauer, M., Die Entwicklung des Ablehnungsgrundes der Wahrunterstellung, Diss.
jur. Köln 2002; Perband, M., Der Grundsatz der freien Beweiswürdigung im
Zivilprozess (§ 286 ZPO), 2003; Lepsius, S., Von Zweifeln zur Überzeugung - Der
Zeugenbeweis im gelehrten Recht, 2003; Deppenkemper, G., Beweiswürdigung als
Mittel prozessualer Wahrheitserkenntnis, 2004; Bausteine eines europäischen
Beweisrechts, hg. v. Marauhn, T., 2007
Beweisinterlokut ist
im gemeinen deutschen Zivilprozessrecht eine gerichtliche Zwischenentscheidung
über Beweislast, Beweisthema und Beweisfrist. Es trennt den Prozess in zwei
Teile und bildet den Beginn des besonderen Beweisverfahrens. Dessen Ergebnis
bindet den Richter. Besonders ausgestaltet ist das B. im sog. sächsischen
Prozess (so noch Hannover 1850). Im 18. Jh. dringt das B. allgemein in den
gemeinen Prozess ein. Die preußische allgemeine Gerichtsordnung von 1793 kennt
aber schon kein B. mehr, ebensowenig das französische Zivilprozessrecht (1806)
und die davon beeinflusste deutsche Zivilprozessordnung von 1877/1879.
Lit.: Planck, J., Die Lehre vom
Beweisurteil, 1848
Beweislast →
Beweis
Beweismittel →
Beweis
Beweisurteil ist
das → Urteil über eine Beweisfrage. → Beweisinterlokut
Beyer, Georg
(Leipzig 10. 9. 1665-Wittenberg 21. 8. 1714), Aktuarssohn, wird nach den
Studien von Philosophie und Recht in Leipzig (Thomasius), Frankfurt an der Oder
und Leipzig 1706 Professor in Wittenberg. Dort hält er als einer der ersten
eine Vorlesung über deutsches Recht, die als Leitfaden des deutschen Rechts
([lat.] Delineatio [F.] iuris Germanici, 1718) nach seinem Tod veröffentlicht
wird.
Lit.: Köbler, DRG 144, 186, 205; Stintzing, R./Landsberg,
E., Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft, Bd. 1ff. 1880ff., Neudruck
1957, 1978, III, 1 137f.
Beyerle, Franz (Konstanz 30. 1.
1885-Wangen 22. 10. 1977), Rechtsanwaltssohn, wird nach dem Austritt aus der
katholischen Kirche und dem Studium in Freiburg im Breisgau, Breslau (Konrad
Beyerle) und Göttingen (Promotion 1910, Frensdorff) sowie der Habilitation in
Jena (1913, Rauch) 1918 Professor in Basel, 1929 Greifswald, 1930 in Frankfurt
am Main, 1934 in Leipzig und 1938 in Freiburg im Breisgau (bis 1953). Seine
Arbeiten betreffen das Stadtrecht Freiburgs, den Entwicklungsgang im Recht,
die Treuhand und Volksrechte.
Lit.: Dürselen, F., Franz Beyerle, 2005
Beyerle, Konrad (Konstanz 14. 09.
1882-München 26. 4. 1933), Rechtsanwaltssohn, wird nach dem Rechtsstudium in
Heidelberg, der Promotion bei Richard Schröder (1895) und der Habilitation bei
Ulrich Stutz (1899) Professor in Freiburg im Breisgau (1900), Breslau (1903),
Göttingen (1906) und München (1918). Als Abgeordneter der bayerischen
Volkspartei wirkt er in der verfassunggebenden Nationalversammlung (1919) und
im Reichstag. (bis 1924). Einzelne Arbeiten betreffen die Grundeigentumsverhältnisse
in Konstanz, die Lex Baiwariorum und die Kultur der Abtei Reichenau.
Lit.: Hense, T., Konrad Beyerle, 2002
Bezirk ist
das abgegrenzte Gebiet. Preußen wird zwischen 1808 und 1816 in (Provinzen und)
Regierungsbezirke geteilt. Mit österreichisch-kaiserlicher Entschließung vom
26. 6. 1849 (RGBl. 295) wird die Einteilung der Kronländer in Kreise und
darunter in Bezirke bestimmt, wobei an der Spitze des Bezirks ein
Bezirkshauptmann steht (1852-1868 Vereinigung der Bezirkshauptmannschaften
mit den Bezirksgerichten zu gemischten Bezirksämtern) und der B. 1925 von
einer Zentralstaatsbehörde zu einer Landesbehörde umgestaltet wird. Die
Deutsche Demokratische Republik ersetzt 1952 die Länder durch 15 Bezirke.
Bibel ([griech.] Buch] ist die
Sammlung der für Juden und Christen das Wort (ihres) Gottes enthaltenden
Schriften. Diese sind zwischen 1200 v. Chr. (10. Jh. v. Chr.) und dem 2. Jh. n.
Chr. (50-120 n. Chr.) entstanden. Die jüdische B. gliedert sich in Tora
(Weisung), Propheten und Schriften, die christliche B, ergänzt dieses alte, um
die Zeitenwende in seinem Bestand abgeschlossene Testament um das nachchristliche,
im 4. Jh. weitgehend abgeschlossene neue Testament. Die Übertragung der
ursprünglich aramäischen bzw. hebräischen Texte in das Griechische erfolgt
zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. (Septuaginta), die Übersetzung in das
Lateinische im 4. Jh. n. Chr., die Übersetzung in germanistische Volkssprachen
seit dem ausgehenden 4. Jh. n. Chr. Das älteste erhaltene Handschriftenbruchstück
stammt von etwa 125 n. Chr. Die christliche B. ist das am weitesten verbreitete
und am häufigsten gedruckte Buch der Welt. Die B. enthält umfangreiches → biblisches Recht.
Lit.: Klauck, H., Die
apokryphe Bibel, 2008; The Biblical Models of Power and Law, hg. v. Biliarsky,
I. u. a., 2008; Bibel und Exegese der Abtei Saint Victor zu Paris, hg. v.
Berndt, R., 2009
Bibliothek ist die Sammlung von Büchern
und das ihr dienende Gebäude.
Lit.: Otto, J.,
Bibliothek des Bundesgerichtshofs, 1996 (rund 475000 Bände); Rekonstruktion und
Erschließung mittelalterlicher Bibliotheken, hg. v. Rapp, A. u. a., 2008;
Jochum, U., Geschichte der abendländischen Bibliotheken, 2009; Zur Erforschung
mittelalterlicher Bibliotheken, hg. v. Rapp, A. u. a., 2009
Biblisches Recht ist das aus den in der jüdisch-christlichen → Bibel (vor allem in den Büchern Moses) enthaltenen zahlreichen rechtlichen Sätzen gebildete Recht. Am bekanntesten hiervon sind die zehn Gebote. Noch wichtiger ist vielleicht die grundsätzliche Beschreibung des jüdisch-christlichen Gottes als eines Gottes des Rechts, der die Einhaltung von Recht gebietet und die Verletzung von Recht verbietet. Dieser Grundgedanke beeinflusst die europäischen Rechte in nachhaltiger Weise.
Lit.: Collatio legum Mosaicarum et Romanarum, (in) Fontes
iuris Romani antejustiniani, Bd. 2 1940, 541; Hohenlohe-Schillingsfürst, C. v.,
Der Einfluss des Christentums auf das Corpus Juris, 1937; Kisch, G.,
Sachsenspiegel and Bible, 1941; Biondi, B., Il diritto Romano Cristiano, Bd.
1ff. 1952ff.; Verdam, P., Mosaic Law in
Practice and Study throughout the Ages, 1959; Heckel, J., Lex charitatis, 2. A.
1973; Wolter, U., Ius canonicum in iure civili, 1975; Hattenhauer, H., Das
Recht der Heiligen, 1976; Welch, J., A biblical law bibliography, 1990; Bibel
und Recht, hg. v. Eckert, J. u. a., 1994; Calvocoressi, P., Who´s who in der
Bibel, 5. A. 1994; Brand, J., Bibel und altes Recht im Bauernkrieg, 1996;
Campenhausen, H. v., Die Entstehung der christlichen Bibel, Neudruck 2003;
Ohler, A., dtv-Atlas Bibel, 2004
Bielefeld
Lit.: Urkundenbuch der
Stadt und des Stiftes Bielefeld, hg. v. Vollmer, B., 1937; Flügel, A.,
Kaufleute und Manufakturen in Bielefeld, 1990
Bienenrecht ist das die Bienen betreffende Recht. Dabei darf der (unverzüglich) verfolgende Eigentümer (s)einen mit dem Schwärmen herrenlos werdenden Bienenschwarm auch auf einem fremden Grundstück einfangen (Aneignungsrecht). Im deutschen → Bürgerlichen Gesetzbuch (1900) gelten für das B. die §§ 961ff.
Lit.: Rieth, J., Das gesamte deutsche Bienenrecht, 1910;
Schüßler, A., Deutsches Bienenrecht, 1934; Haff, K., Zum Bienenrecht in den
schwedischen und dänischen Landschaftsgesetzen, ZRG GA 60 (1940), 253; Schulz,
S., Die historische Entwicklung des Rechts an Bienen, 1990
Biener, Friedrich
August (Leipzig 5. 2. 1787-Dresden 1861) wird nach Rechtsstudien in Leipzig und
Göttingen 1810 Professor in Berlin.
Bier (vielleicht zu
lat. bibere trinken) ist das aus stärkehaltiger Substanz (z. B. Gerste, Weizen)
durch alkoholische Gärung gewonnene (gebraute) Getränk. Im Frühmittelalter
wird es von Frauen hergestellt, später entsteht in den Städten eine gewerbliche
Produktion, die seit etwa 1300 Hopfen als die Haltbarkeit erhöhenden Zusatz
verwendet. In der frühen Neuzeit setzt sich in Bayern ein auf das Jahr 1516
zurückgeführtes Reinheitsgebot (Malz, Hopfen, Hefe, Wasser) durch.
Lit.: Moldehauer, G., Das Göttinger Braurecht, Diss. jur.
Göttingen 1956; Schlosser, H., Braurechte, Brauer und Braustätten in München,
1981; Unger, R., A History of Brewing in Holland 900-1900, 2001; Blanckenbuerg,
C. v., Die Hanse und ihr Bier, 2001
Biergelde oder
Bargilde ist der im 8./9. Jh. erscheinende (freie, aber trotzdem pflichtige)
Mensch, der von der Forschung teils mit Wehrsiedlung, teils mit Rodungssiedlung
verbunden wird. Der Inhalt des Wortes ist nicht völlig klar („Abgabenleister“?),
obgleich die Biergelden noch im → Sachsenspiegel (1221-1224) als
besonderer Stand erfasst sind.
Lit.: Köbler, WAS; Metz, W., Zur Geschichte der Bargilden,
ZRG GA 72 (1955), 185; Hagemann, H., Die Stände der Sachsen, ZRG GA 76 (1959),
111; Olberg, G. v., Freie, Nachbarn und Gefolgsleute, 1983; Springer, M., Die
Sachsen, 2004
Bifang ist (im
Mittelalter) das von einem Berechtigten durch tatsächlichen Zugriff neu
(stärker) genutzte, meist eingefriedete Grundstück.
Lit.: Köbler, WAS; Bethge, O., Über Bifänge, VSWG 20
(1928), 139ff.; Sorhagen, I., Die karolingischen Koloniosationsprivilegien,
1976
Bigamie ist die
weitere Eheschließung eines bereits verheirateten Menschen in einer nur die
Einehe zulassenden Rechtsordnung. Das Christentum hält von Anfang an nur die
Einehe für zulässig. Als Folge der Christianisierung der römischen Gesellschaft
ist die B. seit Diokletian strafbar und als Folge der Christianisierung der
Germanen wird die bei ihnen erlaubte, tatsächlich aber wohl seltene Mehrehe von
der Kirche abgelehnt. Im Frühmittelalter ist die B. eine zunächst rein
kirchliche Frage, für die nur die kirchlichen Gerichte zuständig sind. Seit dem
Hochmittelalter sehen aber vor allem die Stadtrechte Enthaupten und Ertränken
als peinliche Strafe vor. Die → Constitutio Criminalis Bambergensis
(1507, Art. 146) behandelt unter dem Einfluss der augustinischen
Ehebruchsgesetzgebung eine Frau bei B. strenger als einen Mann, die →
Constitutio Criminalis Carolina (1532, Art. 121) ordnet die B. stets als
qualifizierten Ehebruch ein. Strafe ist zunächst die Todesstrafe, nach dem
preußischen Allgemeinen Landrecht von 1794 (II, 20 §§ 1066ff.) und nach dem
deutschen Reichsstrafgesetzbuch von 1871 mehrjähriges Zuchthaus (§ 171 StGB, 5
Jahre Zuchthaus). Privatrechtlich ist die B. Ehehindernis.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 56; Hälschner, H., Die
Lehre vom Ehebruch und der Bigamie, Gerichtssaal 22 (1870), 401; His, R.,
Geschichte des deutschen Strafrechts, 1928, 150f.; Erle, M., Die Ehe im Naturrecht
des 17. Jh.s, 1952; Buchholz, S., Der Landgraf und sein Professor, FS K.
Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997; Siebenhüner, K., Bigamie und
Inquisition in Italien 1600-1750, 2006
Bilanz ist die
zusammengefasste Gegenüberstellung der aktiven und passiven Vermögenswerte
einer Person. Sie entwickelt sich im spätmittelalterlichen Handelsgeschäft. Besonders
seit dem ausgehenden 20. Jh. werden die rechtlichen Vorschriften betreffend
eine B. angesichts der wachsenden Größe der Unternehmen immer dichter (1937
Richtlinien zur Vereinheitlichung des Buchhaltungswesens der Wirtschaft, § 266
HGB).
Lit.: Brönner, H., Die Bilanz nach Handels- und
Steuerrecht, 9. A. 1991
Bild ist die sichtbare Wiedergabe eines Umstandes (durch menschliches Tun).
Lit.: Goerlitz, T., Die rechtliche Behandlung
der gewerblichen Bildzeichen in Deutschland seit dem 14. Jahrhundert, ZRG GA 55
(1935), 216; Historische Bildkunde 2, 1935; Beyerle, F., Sinnbild und
Bildgewalt im älteren deutschen Recht, ZRG GA 58 (1938), 788; Troescher, G.,
Weltgerichtsbilder, Westdt. Jb. f. Kunstgeschichte 11 (1939), 139; Kisch, G.,
Recht und Gerechtigkeit in der Medaillenkunst, 1955; Brückner, W., Bildnis und
Brauch, 1966; Ebel, F. u. a.,
Römisches Rechtsleben im Mittelalter, 1988; Köbler, G., Bilder aus der
deutschen Rechtsgeschichte, 1988; Bild und Abbild, hg. v. Vavra, E., 1999;
Schmoeckel, M., Auf der Suche nach der verlorenen Ordnung, 2004; Zitzlsperger,
P., Dürers Pelz und das Recht im Bild, 2008; Poeschel, S., Handbuch der
Ikonographie, 2. A. 2008
Bilderhandschrift ist
die mit sachlich auf den Text bezogenen Bildern ausgestattete Handschrift. Die
umfänglichsten rechtlichen Bilderhandschriften sind mit bis zu 924 Bildstreifen
zum Sachsenspiegel überliefert (Vorbild eine bebilderte Willehalmhandschrift?,
1270?/vor E. 13. Jh. Harzvorland?, Stammhandschrift verloren, Anfang 14.
Jh./um 1300 Heidelberger B. [nur zu einem Drittel erhalten, Druck 1971],
vielleicht Meißen wohl 1347-1363/M. 14. Jh. Dresdener B. [Druck 1902, 2002],
drittes Viertel 14. Jh. Wolfenbütteler B. [Tochterhandschrift der Dresdener
Bilderhandschrift?, Druck 1993], 1336 Oldenburger B. [mittelniederdeutsch, nur
Landrecht bebildert, vielfach nur Vorzeichnungen, Druck 1995]). Die Bedeutung
der Bilder ist streitig.
Lit.: Köbler, DRG 103; Amira, K. v., Die Dresdener
Bilderhandschrift, Bd. 1ff. 1902ff.; Koschorreck, W., Die Heidelberger
Bilderhandschrift des Sachsenspiegels, 1970; Text – Bild – Interpretation, hg.
v. Schmidt-Wiegand, R., 1986; Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters,
Bd. 1 1990, 24; Katalog der deutschsprachigen illustrierten Handschriften des
Mittelalters, hg. v. Ott, N., 1991ff.; Got ist selber Recht. Die vier
Bilderhandschriften des Sachsenspiegels Oldenburg, Heidelberg, Wolfenbüttel,
Dresden, hg. durch Schmidt-Wiegand, R. u. a., 1992; Scheele, F., die sal man
alle radebrechen, 1992; Eike von Repgow Sachsenspiegel Die Wolfenbütteler
Bilderhandschrift, hg. v. Schmidt-Wiegand, R., 1993; Bloh, U. v., Die
illustrierten Historienbibeln, 1993; Der Oldenburger Sachsenspiegel, hg. v.
Schmidt-Wiegand, R., 1995; Bilderhandschriften des Sachsenspiegels, 1995;
Repgow, Eike von, Sachsenspiegel. Die Wolfenbütteler Bilderhandschrift, hg. v.
Schmidt-Wiegand, R., 1998; Die Heidelberger Bilderhandschrift des
Sachsenspiegels als digitale Edition auf CD-ROM, hg. v. Hüpper, D. u. a., 1999;
Lück, H., Über den Sachsenspiegel, 1999, 2. A. 2005; Brunschwig, C.,
Visualisierung von Rechtsnormen, 2001; Die Dresdener Bilderhandschrift des
Sachsenpiegels. Interimskommentar, hg. v. Lück, H., 2002; Der Dresdener
Sachsenspiegel. Faksimile-Ausgabe, 2002; Schmidt-Wiegand, R., Rechtsbücher als
Ausdruck pragmatischer Schriftlichkeit, Frühmittelalterliche Studien 37 (2003),
435ff.
Bildnisstrafe ist die am Bild vollzogene
Strafe. Sie findet sich für die Majestätsbeleidigung beispielweise in
Frankreich 1670 in Dänemark und Norwegen 1683 und 1687, in Brandenburg 1688 und
1717, in Sachsen 1712, in Peußen 1721 und 1794, in Österreich 1768 und in Baden
1809, wird aber nach 1848 beseitigt. Daneben bestehen verschiedene von der B.
im engeren Sinn verschiedene Einrichtungen.
Lit.: Hentig, H. v., Die Strafe, Bd. 1 1954, 320
Bildung
Lit.: Handbuch der
deutschen Bildungsgeschichte, Bd. 5 1989, Bd. 2 18. Jahrhundert 2005
Billigkeit ist die natürliche Gerechtigkeit vor allem im einzelnen Fall. Sie erscheint in der römischen Antike teils als (lat. [F.]) benevolentia des Kaisers, teils bei den nach der B. beurteilten Klagen oder Schuldverhältnissen (lat. → bonae-fidei-iudicia [N.Pl.]). Im frühen Mittelalter bewirkt die Kirche die Aufnahme des Gedankens der B. (lat. → aequitas [F.] canonica), wobei Streit darüber besteht, ob der König nach B. urteilen konnte. Danach greift insbesondere das Naturrecht verstärkt die B. auf. Die B. steht grundsätzlich in einem Spannungsverhältnis zur Gleichheit und zur Rechtssicherheit.
Lit.: Kaser §§ 3, 33; Köbler, DRG 86; Rühl, P., Das
aequitatis iudicium im fränkischen Königsgericht, ZRG GA 20 (1899), 207; Stölzel, A., Die
Entwicklung der gelehrten Rechtsprechung, Bd. 1f. 1901ff.; Kirn, P., Über die
angebliche Billigkeitsjustiz des fränkischen Köngs, ZRG GA 47 (1927), 115;
Wohlhaupter, E., Aequitas canonica, 1931; Kirn, P., Aequitatis iudicium, ZRG GA
53 (1932), 53; Lange, H., Ius aequum und ius strictum bei den Glossatoren, ZRG
RA 71 (1954), 319; Erler, A., Aequitas in Sprüchen des Ingelheimer Oberhofes
(in) FS G. Kisch, 1955, 53; Kaufmann, E., Aequitatis iudicium, 1959; Schott,
C., Billigkeit und Subjektivismus, FS M. Keller, 1989, 745; Wesener, G.,
Aequitas naturalis, natürliche Billigkeit (in) Der Gerechtigkeitsanspruch des
Rechts, 1996, 81ff.; Jacoby, S., Allgemeine Rechtsgrundsätze, 1997; Schröder,
J., Aequitas und rechtswissenschaftliches System, ZNR 21 (1999), 29ff.; Schmidt,
R., Zur Rechtsprechung Regensburger Gerichte im 14. Jahrhundert, ZRG GA 125
(2008), 82; Zwischen Formstrenge und Billigkeit, hg. v. Oestmann, P., 2009
Bill of Rights ist das
englische Gesetz, das 1689 vom König angenommen und von einem ordentlichen
Parlament bestätigt wird. In 13 Artikeln verbietet es katholische Thronfolge,
Steuererhebung, Gesetze und Heer ohne Zustimmung des Parlaments sowie
geistliche Gerichte und gewährt Redefreiheit, Petitionsrecht und das
grundsätzliche regelmäßige Geschworenengericht. In den Vereinigten Staaten
von Amerika heißen B. o. R. die zehn Artikel, die 1791 der Verfassung von 1787
hinzugefügt werden. → Virginia Bill of Rights
Lit.: Baker, J.,
An Introduction to English Legal History, 4. A. 2002; The complete Bill of
Rights, hg. v. Cogan, N., 1997
Binding, Karl
(Frankfurt am Main 4. 6. 1841-Freiburg im Breisgau 7. 4. 1920), aus einer
Juristenfamilie, wird nach dem Studium in Göttingen (1860-1863) Professor für
Strafrecht, Strafprozessrecht und Staatsrecht in Heidelberg (1865), Basel,
Freiburg im Breisgau, Straßburg und Leipzig (1913 emeritiert). Er vertritt auf
liberaler Grundlage ein formales Vergeltungsstrafrecht zwecks Aufrechterhaltung
staatlicher und gesetzlicher Autorität und bekämpft abweichende Auffassungen (z.
B. Franz von Liszt) entschieden. Nach seiner Normentheorie geht der Rechtsregel
eine Sozialnorm voraus, deren Befehlswirkung der Täter missachtet, so dass er
durch Bestrafung unter die Macht des Staates gebeugt werden muss (Die Normen
und ihre Übertretung, Bd. 1ff. 1872ff.). Er lässt Analogie zu und befürwortet
die Vernichtung lebensunwerten Lebens (Binding, K./Hoche, A. Die Freigabe der
Vernichtung lebensunwerten Lebens, 1920, posthum).
Lit.: Köbler, DRG 204; Binding, K., Die Geschichte des
burgundisch-romanischen Königreichs, 1868; Kaufmann, A., Lebendiges und Totes
in Bindings Normentheorie, 1954; Westphalen, D., Karl Binding, 1989;
Jerouschek, G., Carl Binding, JZ 2005, 514
Binnenmarkt ist der
innere Markt, insbesondere der Markt innerhalb der sich aus der europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft (seit 1957) entwickelnden Europäischen Gemeinschaft
und Europäischen Union. In ihm gibt es keine Grenzen und Binnenzölle, während
der Außenhandel mit Drittstaaten gemeinsam geregelt wird. In der Europäischen
Union gelten Warenverkehrsfreiheit, Personenverkehrsfreiheit, Kapitalverkehrsfreiheit
und Dienstleistungsverkehrsfreiheit.
Binnenschifffahrt ist die Schifffahrt auf den schiffbaren Binnenwasserstraßen. Sie geht bereits weit in die Zeit der alten Völker zurück, wobei nach römischem Recht alle größeren Flüsse als öffentliche Sachen (lat. [F.Pl.] res publicae) von jedem Bürger zur Schifffahrt benutzt werden dürfen. Im Mittelalter ist die B. durch Zölle stark belastet. Im 19. Jh. sichern nach dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 und dem Wiener Kongress (1815) besondere Schifffahrtsakten die freie Schifffahrt (1821 Elbe, 1823 Weser, 1831/1868 Rhein, 1857/1948 Donau). In Deutschland ist die B. in der Gegenwart in einem besonderen Gesetz (1896) geregelt.
Lit.: Eckert, C., Rheinschifffahrt im 19. Jahrhundert,
1900; Rörig, F., Zur Rechtsgeschichte der Territorialgewässer, 1949; Wettstein,
L., Die Schifffahrtsfreiheit auf dem Rhein, Diss. jur. Mainz 1963; Gerber, S.,
Die Ordnung auf den Wasserwegen, Diss. jur. Würzburg 1975; Kischel, D., Die
Geschichte der Rheinschifffahrtsgerichtsbarkeit, 1990; Vortisch, O.,
Binnenschifffahrtsrecht, 4. A. 1991; Scherner, K., Handel, Wirtschaft und Recht
in Europa, 1999
Biographie ist die
Lebensbeschreibung eines Menschen. Aussagen über sich selbst (Autobiographien)
begegnen in Griechenland seit dem 7. Jh. v. Chr. (Hesiod, Xenophon, Isokrates,
Platon, Augustinus), wobei die Zeit um 300 v. Chr. für die griechische B. besonders
wichtig ist. Im deutschen Sprachraum entsteht seit der Mitte des 14. Jh.s eine
umfangreiche weltliche Autobiographik (z. B. Ulman Stromer, Nikolaus Muffel,
Anton Tucher, Elias Holl, Karl IV.).
Lit.: Berschin, W., Biographie und Epochenstil im lateinischen
Mittelalter, Bd. 1ff. 1986ff.; Varnhagen von Ense, K., Denkwürdigkeiten des
eignen Lebens, hg. v. Feilchefeldt, K., Bd. 1ff. 1987; Rüthers, B., Geschönte
Geschichten – geschonte Biographien, 2001; Biographisches Lexikon zur
Weltgeschichte, hg. v. Danckelmann, O., 2001; Sonnabend, H., Geschichte der
antiken Biographie, 2002; Meisterdenker der Welt, hg. v. Grabner-Haider u. a.,
2004; Biographisches Handbuch der deutschen Politik, bearb. v. Jahn, B., Bd.
1ff. 2004; Antike Autobiographien, hg. v. Reichel, M., 2005; Schmid, B.,
Schreiben für Status und Herrschaft, 2006; Hageneier, L., Jenseits der Topik,
2004; The Limits of Ancient Biography, hg. v. McGing, B. u. a., 2006
Birkarecht (biaerkeraett,
bjärköarätt) → Schonen, → Schweden
Bischof (griech. episkopos
[M.] Aufseher) ist in der katholischen Kirche der Obere, der in einem
bestimmten Teil der Kirche als Nachfolger der Apostel in Einheit mit dem Papst
das höchste Amt ausübt. Er setzt sich als Leiter einer Gemeinde von Kleinasien
aus allmählich durch und hat im 3. Jh. auch das Amt als Richter inne, wobei zu
innergemeindlichen Aufgaben auch weltliche Aufgaben kommen (lat. [F.]
episcopalis audientia). Sein Sitz innerhalb seines Bistums ist grundsätzlich
eine Stadt (lat. [F.] civitas). Ausgewählt wird er an sich durch Klerus und
Volk, tatsächlich aber im Einzelfall vom Vorgänger, durch das Priesterkollegium
der Bischofskirche, durch die Gemeinde oder durch den Erzbischof. Im
fränkischen Frühmittelalter wird der B. wichtiger Berater des Königs, wird deshalb
das Interesse des Adels an dieser Stellung geweckt und beginnt der König
allmählich mit der Einbeziehung der Bischöfe in sein Herrschaftssystem durch
Beauftragung der Bischöfe mit weltlichen Aufgaben, weshalb neben die Wahl durch
Klerus und Volk die Einsetzung durch den König tritt (ottonisch-salisches
Reichskirchensystem). Im Investiturstreit (ab 1073) setzt die Kirche (1122)
die Wahl durch Klerus und Volk durch. Bis 1215 wird das Domkapitel zum
Wahlgremium. Danach tritt neben den B. der vor allem mit geistlichen Aufgaben
betraute Weihbischof. Im Reich, für dessen Gebiet sich zwischen 1198 und 2001
rund 5500 Diözesanbischöfe (und seit der frühen Neuzeit Weihbischöfe und
Generalvikare) nachweisen lassen, wird der B. (seit dem Investiturstreit) geistlicher
Reichsfürst (bis zur Säkularisation 1803). Im evangelischen Kirchenwesen
verdrängt der Superintendent bis 1918 (teilweise) den B. Seit dem 19. Jh. sind
Staat und Kirche grundsätzlich getrennt, doch gewähren Konkordate (z. B.
Österreich 1855, 1933) der Kirche noch verschiedene Einflussmöglichkeiten.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 56, 87, 115, 152;
Stutz, U., Der neuste Stand des deutschen Bischofswahlrechts, 1909; Feine, H.,
Die Besetzung der Reichsbistümer, 1921; Hofmeister, P., Bischof und Domkapitel,
1931; Claude, D., Die Bestellung der Bischöfe im merowingischen Reiche, ZRG KA
80 (1963), 1; Vescovi e diocesi, 1964; Ganzer, K., Papsttum und
Bischofsbesetzungen, 1968; Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972;
Kaiser, R., Bischofsherrschaft, 1981; Scheibelreiter, G., Der Bischof in
merowingischer Zeit, 1983; Die Bischöfe des Heiligen römischen Reiches, hg. v.
Gatz, E., 1990; Landau, P., Der Papst und die Besetzung der Bischofsstühle, Z.
f. ev. Kirchenrecht 37 (1992), 241; Bührer-Thierry, G., Évêques et pouvoir dans
le royaume de Germanie, 1997; Die früh- und hochmittelalterliche
Bischofserhebung im europäischen Vergleich, hg. v. Erkens, F., 1998; Die
Bischöfe des Heiligen römischen Reiches, hg. v. Gatz, E., 2000; Die Bischöfe
der deutschsprachigen Länder 1945-2001, hg. v. Gatz, E., 2002; Freund, S., Von
den Agilolfingern zu den Karolingern, 2004; Die Wappen der Hochstifte, Bistümer
und Diözesanbischöfe im heiligen römischen Reich 1648-1803, hg. v. Glatz, E.,
2007
Bismarck, Otto von
(Schönhausen/Altmark 1. 4. 1815-Friedrichsruh 30. 7. 1898) wird nach dem
Studium der Rechtswissenschaft (1832-1835) in Göttingen und Berlin und
Tätigkeit im Staatsdienst Landwirt (1839) und 1849 für die Konservative Partei
Mitglied der zweiten preußischen Kammer, Vertreter Preußens im Deutschen Bund
(1851), Gesandter in Sankt Petersburg (1859) und Paris (1862) und am 23. 9./8.
10. 1862 preußischer Ministerpräsident. Im Deutschen Bund setzt er sich für
Preußen und damit gegen Österreich ein. Nach der Gründung des →
Norddeutschen Bundes (1867) und des (zweiten) Deutschen Reiches (1871) wird er
bis 20. 3. 1890 Reichskanzler (meist gleichzeitig Ministerpräsident und
Außenminister Preußens) und betreibt eine Bündnispolitik (1879 Zweibund mit
Österreich-Ungarn, 1882 zum Dreibund mit Italien erweitert, 1915 von Italien
gekündigt). Besondere rechtliche Verdienste gewinnt er durch die Herstellung
der Rechtseinheit in Deutschland und durch die Einführung der →
Sozialversicherung. Im Mittelpunkt seines Denkens und Handelns steht der von
einem Erbmonarchen mit starker Bürokratie gelenkte Staat, nicht die
Nationsidee.
Lit.: Köbler, DRG 171, 177, 183, 194; Meyer, A., Bismarcks
Kampf mit Österreich, 1927; Kober, H., Studien zur Rechtsanschauung Bismarcks,
1961; Wehler, H., Bismarck und der Imperialismus, 1969; Gall, L., Bismarck,
1980; Engelberg, E., Bismarck, 1985; Pflanze, O., Bismarck, Bd. 1f. 1997f.;
Krobckow, C., Graf v., Bismarck, 1997; Thier, A., Steuergesetzgebung und
Verfassung in der konstitutionellen Monarchie, 1999; Otto von Bismarck und die
Parteien, hg. v. Gall, L., 2001; Schmidt. R., Otto von Bismarck (1815-1898),
2004; Brunck, H., Bismarck und das preußische Staatsministerium 1862-1890,
2004; Otto von Bismarck im Spiegel Europas, hg. v. Hildebrand, K. u. a., 2006;
Gall, L., Bismarck, Preußen und die nationale Einigung, HZ 285 (2007), 355;
Althammer, B., Das Bismarckreich 1871-1890, 2008
Bistum ist der kirchliche
Herrschaftsbezirk des → Bischofs. Seit dem 12. Jh. tritt ihm im Heiligen
römischen Reich das weltliche Hochstift bis 1803/1806 zur Seite. Neben dem
Bischof steht im B. der Kathedralklerus (mit Archidiakon, Archipresbyter,
Propst, Offizial, Generalvikar).
Lit.: Hinschius, P., Das System des katholischen
Kirchenrechts, 1878; Gatz, E., Die Bistümer des Heiligen römischen Reiches,
2003; Die Bistümer der deutschsprachigen Länder, hg. v. Gatz, E., 2005;
Bistümer und Bistumgsgrenzen, hg. v. Klueting, E. u. a., 2006
Bittleihe (lat.
[N.] precarium) ist im römischen Recht die unentgeltliche, widerrufliche
Gebrauchsüberlassung einer Sache. Sie ist kein Rechtsverhältnis und begründet
keinen für eine Ersitzung ausreichenden Besitz, wohl aber Schutz gegenüber
Dritten.
Bizone ist die Bezeichnung für den Zusammenschluss von amerikanischer und britischer Besatzungszone in Deutschland (1. 1. 1947-8. 4. 1949).
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Pünder, T., Das bizonale
Interregnum, 1966; Hubert, G., Die Diskussion um die rechtliche Natur der
Bizone, 1996
Bjärköarätt (N.) →
Birkarecht, → Schonen, → Schweden
Blackstone, Sir
William (London 10. 7. 1723-14. 2. 1780) wird nach Studien in Oxford
(1738-1741) und einer Rechtsausbildung im Middle Temple in London 1746 Anwalt
(barrister) in London, 1753 Dozent und 1758 Professor für englisches Recht in
Oxford, (1761 Unterhaus,) 1763 solicitor general to the Queen, 1766 Anwalt in
London und 1770 Richter (Court of common pleas). Seine vier Bände Commentaries
on the Laws of England (1765ff.) bieten (beeinflusst von Matthew → Hale,
Burlamaquis, Pufendorf, Locke und Montesquieu) eine umfassende knappe Darstellung
des englischen Verfassungsrechts, Vermögensrechts, Schuldrechts und Strafrechts
bzw. Privatrechts, Staatsrechts, Prozessrechts und Strafrechts (common law und
equity), die sich in Anlehnung an ein Werk Hales in Personen, Sachen, Delikte und
Straftaten gliedert.
Lit.:
Holdsworth, W., A History of English Law, Bd. 12 1938, 702ff.; Benser, R., Die
Systematik des Privatrechts, 1938; Warden, L., The Life of Blackstone, 1938;
Simmonds, N., Reason, History an Privilege – Blackstone’s Debt to Natural Law,
ZRG GA 105 (1988), 200; Harman, C., Critical Commentaries on Blackstone, 2002
Blasius de Morcono
(in Morcone vielleicht zwischen 1283 und 1293 geboren, 1350 an Pest gestorben)
ist der letzte Erläuterer des langobardischen Rechts als eines lebenden Rechtes
(Tractatus de differentiis inter ius Longobardorum et Romanorum) vielleicht
zwischen 1323 und 1332 entstanden).
Lit.: Dom. Blasii de
Morcono de differentiis inter ius Longobardorum et ius Romanorum tractatus,
cura Abignente, J., 1912; Lange, H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im Mittelalter,
Bd. 2 2007, 513
Blasphemie ist die Lästerung des christlichen Gottes. Seit dem 13. Jh. erscheint die B. auch in weltlichen Strafrechtstexten. Kirchliche wie weltliche Folgen sind vielfältig. Im 20. Jh. schwindet die Bedeutung.
Lit.: Volker, G., History of the Crime of Blasphemy, 1928;
Schwerhoff, G., Blasphemie vor den Schranken der städtischen Justiz, Ius
commune 25 (1998), 39; Cabatous, A., Geschichte der Blasphemie, 1999 (übersetzt
von Wilczek, B.); Schwerhoff, G., Zungen wie Schwerter, 2005
Bleichgericht
Lit.:
Das Chemnitzer Bleichgericht und die dortigen Bleichen vor 500 Jahren, ZRG GA
25 (1904), 345
Blendung (F.) ist
das Ausstechen oder Ausbrennen eines Auges oder beider Augen. B. ist eine Leibesstrafe
in Altertum und Mittelalter. Mit der Aufklärung wird sie beseitigt.
blickender Schein →
Augenschein
Blijde Inkomst →
Brabant
Blinder
Lit.: Laske,
W., Zur Stellung des Blinden im Recht des Mittelalters, ZRG GA 97 (1980), 27; Krüger, J.,
Blindheit und Königtum, 1992
Blockade ist die Absperrung eines Gebietes von anderen Gebieten vor allem im Seekrieg (aus it. [F.] bloccata). 1584 verwenden die Holländer die B. als Kriegsmittel im Freiheitskampf gegen Spanien. Die Pariser Seerechtsdeklaration vom 16. 4. 1856 und die nicht ratifizierte Londoner Deklaration vom 26. 2. 1909 legen das Recht der B. fest, die Charta der Vereinten Nationen lässt die B als kollektive Zwangsmaßnahme zu.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Hogan, A., Pacific blockade,
1908; Schenk, R., Seekrieg und Völkerrecht, 1958; Ziegler, K.,
Völkerrechtsgeschichte, 1994, 2. A. 2007, §§ 42, 48
Blume des Sachsenspiegels
(Di blume ubir der Sachsen spigel …) ist die in 8 bzw. 10 Handschriften
überlieferte ungedruckte, ein Abecedar (Incipiunt regulae juris Ad decus …)
enthaltende Bearbeitung der → Blume von Magdeburg durch Nikolaus →
Wurm (um 1397).
Lit.: Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters,
Bd. 1 1990, 67; Leuchte, H., Das Liegnitzer Stadtrechtsbuch des Nikolaus Wurm,
1990
Blume von Magdeburg ist das
von Nikolaus → Wurm am Ende des 14. Jh.s (um 1390) nach dem Vorbild des
Richtsteig Landrechts unter Benutzung des Sachsenspiegels und des Magdeburger
Weichbildes verfasste, in zwei Teile gegliederte, in einer Handschrift
überlieferte Werk, das Sachsenrecht (Weichbildrecht) und gelehrtes gemeines
Recht (lat. [FPl.] leges und canones) verbinden will.
Lit.: Böhlau, H., Die Blume von Magdeburg, 1868; Oppitz,
U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1 1990, 66; Leuchte, H., Das
Liegnitzer Stadtrechtsbuch des Nikolaus Wurm, 1990
Bluntschli, Johann
Kaspar (Zürich 7. 3. 1808-Karlsruhe 21. 10. 1881) wird nach dem Studium in
Zürich, Berlin (1827-1829) und Bonn Gerichtsschreiber in Zürich (1830), dann
Professor in Zürich (1836), München (1848) und Heidelberg (1861). Auf der
Grundlage seiner Staats- und Rechtsgeschichte der Stadt und Landschaft →
Zürich (1838/1839, 2. A. 1856) führt er das in Personenrecht, Sachenrecht,
Obligationenrecht, Familienrecht und Erbrecht gegliederte Privatrechtliche
Gesetzbuch für den Kanton Zürich zum Abschluss (1853-1855), das bis 1911 (auch
in Schaffhausen, Thurgau und Zug) gilt.
Lit.: Briefwechsel Johann Kaspar Bluntschlis mit Savigny,
Niebuhr, Leopold Ranke, Jakob Grimm und Ferdinand Meyer, hg. v. Oechsli, W.,
1915; Vontobel, J., Die liberal-konservative organische Rechts- und Staatslehre
Joh(ann) Caspar Bluntschlis, Diss. jur. Zürich 1954; Schmidt, S., Die
allgemeine Staatslehre Johann Caspar Bluntschlis, 1968 (Diss.); Elsener, F.,
Die Schweizer Rechtsschulen, 1975; Affentranger, M., Besitz und Besitzschutz im
Züricher Privatrechtlichen Gesetzbuch Johann Caspar Bluntschlis, 1987; Senn,
M., Rassistische und antisemitische Elemente im Rechtsdenken von Johann Caspar
Bluntschli, ZRG GA 110 (1993), 372; Röben, B., Johann Caspar Bluntschli,
Francis Lieber und das moderne Völkerrecht 1861-1881, 2003; Cavallar, G.,
Johann Caspar Bluntschlis europäischer Staatenbund in seinem historischen
Kontext, ZRG GA 121 (2004), 504
Blut ist die das Leben von
Wirbeltieren sichernde Körperflüssigkeit, auf die einzelne Rechtswörter (z. B.
Blutbann, Blutrache, Blutschande) und Rechtsregeln (Das Gut fließt wie das B.)
Bezug nehmen.
Lit.: Strack, H., Das
Blut im Glauben und Aberglauben, 7. A. 1900; Schenda, R., Gut bei Leibe, 1998;
Schury, G., Lebensflut, 2001
Blutbann ist die Zuständigkeit zur Verhängung der Todesstrafe. → Hochgerichtsbarkeit
Blutrache ist die
im älteren Recht erlaubte eigenmächtige Vergeltung einer Verletzung (Tötung)
durch eine neue Verletzung (Tötung). Recht und Pflicht zur B. bzw. Fehde oder
Selbsthilfe verschwinden bis zur Neuzeit. Das Wort Bluträcher begenet erstmals
bei Martin Luther in der ersten Hälfte des 16. Jh.s.
Lit.: Söllner § 8; Kroeschell, DRG 2; Heusler, A., Das
Strafrecht der Isländersagas, 1911; Vlavianos, B., Zur Lehre der Blutrache,
Diss. jur. München 1924; Zacharias, R., Die Blutrache im deutschen Mittelalter,
Z. f. d. A. 91 (1962), 167 (Diss. phil. Kiel 1961); Miller, W., Bloodtaking and
peacemaking, 1990; Diesselhorst, M., Die Fehde von Sichar und Chramnesind (in)
FS F. Wieacker, 1991, 187ff.
Blutschande (Inzest)
ist der Geschlechtsverkehr zwischen nahen leiblichen Verwandten, der sowohl im
Alten Testament wie auch bei den Römern verboten ist. Vom christlichen Einfluss
wird das Frühmittelalter erfasst, das als Folge die Tötung, die Verknechtung,
das Exil oder das Gefängnis kennt. Häufiger erscheint die B. am Ende des
Mittelalters wohl unter dem Einfluss des römischen Rechts (1507 [Constitutio
Criminalis Bambergensis] Enthauptung). Eine Einschränkung auf die Verwandten
und Verschwägerten aufsteigender und absteigender Linie bringt das preußische
Strafgesetzbuch von 1851.
Lit.: His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters,
Bd. 2 1935, 165f.; Siebert, M., Das Inzestverbot, Diss. jur. Berlin 1997
Bocksdorf, Dietrich
(Theoderich) von (Zinnitz bei Calau um 1405-Zeitz 9. 3. 1466) wird nach dem
Rechtsstudium in Leipzig (1425, 1426 baccalaureus) und Perugia (1436/1437, Dr.
iur. utr.) Professor des kirchlichen Rechts in Leipzig (1443-1463) und 1463
Bischof von Naumburg. Er verfasst wissenschaftliche Arbeiten zum →
Sachsenspiegel (Informaciones 1433, 1451, Sippschaftsregeln, Erbschaftsregeln,
Remissorium, Weise des Lehnrechts), nicht dagegen die sog. Bocksdorfsche
Erweiterung der Glosse zum Sachsenspiegel.
Lit.: Köbler, DRG 103; Distel, T., Eine Rechtsunterweisung
Dittrich von Bocksdorfs, ZRG GA 4 (1833), 234; Kisch, G., Zur sächsischen
Rechtsliteratur der Rezeptionszeit, Bd. 1 Dietrich von Bocksdorfs
„Informaciones“, 1923; Verfasserlexikon, 2. A. Bd. 2 1980, 110 (H.
Ulmschneider)
Bocksdorfsche Glosse
ist die wohl von Tammo von → Bocksdorf nur in einzelnen Besserungen
veränderte Erweiterung der buchschen Glosse des Sachsenspiegels.
Lit.: Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters,
Bd. 1 1990, 74
Bocksdorf, Tammo
von (um 1385-nach 1460), verfasst nach dem Rechtsstudium in Prag als Domherr in
Magdeburg 1426 ein → Remissorium zum Sachsenspiegel und vielleicht die
Bocksdorfschen (lat. [F.Pl.]) additiones (Zusätze) zur Sachsenspiegelglosse.
Lit.: Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters,
Bd. 1 1990, 74
Bodenreform ist die
Umwandlung von Großgrundeigentum in bäuerliche Betriebe im Anschluss an
staatliche Umwälzungen teils liberalistischer, teils sozialistischer Zielsetzung
(z. B. Sowjetunion 1929, 1945 sowjetische Besatzungszone).
Lit.: Kroeschell, 20. Jh., 121; Damaschke, A., Die
Bodenreform, 1902; Hedemann, J., Fortschritte des Zivilrechts im 19.
Jahrhundert, Teil 2 1930; Kippes, O., Die Bestrebungen der Bodenreform, 1933;
Weißbuch über die „Demokratische Bodenreform“, hg. v. Kruse, J., 1988; Werner,
J., Die Bodenreform, 1997; Oppenheimer, F., Großgrundeigentum und soziale
Frage, 1998; Fikentscher, R./Schmuhl, B./Breitenborn, K., Die Bodenreform in
Sachsen-Anhalt, 1999; Zahnert, D., Das Recht der Bodenreform der sowjetischen
Besatzungszone, 2000; Kempen, B./Dorf, Y., Bodenreform 1945-1949, 2004; Die
rechtsstaatliche Bewältigung der demokratischen Bodenreform, hg. v. Kempen, B.,
2005
Bodenregal ist das
vom König im Frühmittelalter grundsätzlich geltend gemachte → Regal an
herrenlosem Grund und Boden, das sich in Frankreich erhalten (domaine public)
und in Deutschland zum Aneignungsrecht des Staates (Fiskus) entwickelt hat.
Lit.: Köbler, DRG 90; Mitteis, H./Lieberich, H., Deutsches
Privatrecht, 9. A. 1981, § 27
Bodensee
Lit.: Stoffel, F., Die
Fischereiverhältnisse des Bodensees, 1906; Münch, W., Das Fischereirecht des
Bodensees im Mittelalter, Diss. jur. Graz 1943; Gönnenwein, O., Die
Rechtsgeschichte des Bodensees, Schriften des Vereins für Geschichte des
Bodensees 69 (1950); Der Bodensee, hg. v. Maurer, H., 1982
Bodin, Jean (Angers
1530?-Laon 1596), Kaufmannssohn, wird nach dem Rechtsstudium (1548) und einer
Lehrtätigkeit in Toulouse 1561 Advokat am Parlament von Paris, 1571
Bediensteter des Herzogs von Alençon, 1576 Staatsanwalt in Laon und schließlich
königlicher Prokurator. In seinem empirisch entwickelten, für die politische
Festigung Frankreichs gedachten Hauptwerk (Les six livres de la République,
1576, Die sechs Bücher über die Republik) beschreibt er rationalistisch das auf
der von Gott gegebenen Souveränität (Unteilbarkeit, Unbeschränktheit,
Ständigkeit) aufbauende moderne Staatswesen, in dem der Souverän zum Erlass
des Gesetzes (lat. [F.] lex) befugt ist, aber den göttlichen und natürlichen
Gesetzen (lat. [N.] ius) unterliegt. Die Monarchie kann für B. den
Religionsfrieden und die Staatsordnung am besten wieder herstellen. Hexerei ist
B. das schwerste Verbrechen (De la démonomanie des sorciers, 1580). Streitig
ist, inwieweit B. den → Absolutismus begründet.
Lit.: Köbler, DRG 148f.; Fickel, G.,
Der Staat bei Bodin, 1934; Schmitz, A., Staat und Kirche bei Jean Bodin, 1939;
Bodin, Jean, hg. v. Denzer, H., 1973; Goyard-Fabre, S., Jean Bodin et le droit
de la république, 1989; Spitz, J., Bodin et la souverainieté, 1998; Couzinet,
M., Jean Bodin, 2001
Bodman
Lit.: Bodman. Dorf,
Kaiserpfalz, Adel, hg. v. Berner, H., 1977
Bodmann, Franz Josef (Groß-Aura 3. 5.
1754-Mainz 21. 10. 1820) wird nach dem Studium des Rechts in Würzburg und
Göttingen (Johann Stephan Pütter) 1780 außerordentlicher und 1783 ordentlicher
Professor in Mainz und von 1807 bis 1814 Konservator der ehemals kurfürstlichen
Bibliothek und Archivar. Er fälscht Quellen durch Änderung von Ort, Zeit und
Namen (z. B. sog. Rheingauer Landrecht). Wegen dieser seit 1903 aufgedeckten
Fälschungen sind alle nur durch ihn überlieferten Quellen verdächtig.
Lit.: Erler, A.,
Ingelheimer Urteile als Quellen Franz Josef Bodmanns, ZRG GA 69 (1952), 74ff.,
77 (1960), 345ff.; Büttner, H., Zum Bodmann-Problem, HJB 74 (1955), 363ff.
Bodmerei ist die hochverzinste Beleihung eines Schiffes in der Form, dass mit seinem Verlust die Zahlungspflicht entfällt und die Rückzahlung von der sicheren Ankunft des Schiffes abhängt (seerechtliches Darlehen mit Gefahrtragung durch den Darlehensgeber, reine Sachhaftung). Der B. geht das griechisch-römische Seedarlehen voraus (lat. fenus [N.] nauticum), das möglicherweise durch indische oder babylonische Vorläufer beeinflusst ist. Im Hochmittelalter wird auf Grund unbekannter Entwicklung die Verpfändung des der Seegefahr ausgesetzten Schiffes oder Schiffsteils (bodeme, Boden) vorausgesetzt (Rôles d’Oléron 2. H. 13. Jh., Lübeck 1387, 1418 Bodmereiverbot der Hanse, 1591 Zulassung). Später wird sie durch die Seeversicherung verdrängt und auf die Notbodmerei des Schiffes (durch den Kapitän in Notfällen) eingeschränkt (HGB 1897). Als Folge der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung wird die B. durch Gesetz vom 21. 6. 1972 im Handelsgesetzbuch Deutschlands ganz aufgehoben.
Lit.: Mathiass, B., Das foenus nauticum und die
geschichtliche Entwicklung der Bodmerei, 1881; Goldschmidt, L.,
Universalgeschichte des Handelsrechts, (Bd. 1 3. A.) 1891, Neudruck 1957;
Schuster, S., Das Seedarlehen in den Gerichtsreden des Demosthenes, 2005
Böhmen ist das nach
den keltischen Boiern (latinisiert Boiohaemum) benannte Land östlich des
Bayerischen Waldes, in das seit dem 6. Jh. Slawen eindringen. Seit 800 wird es
christianisiert, wobei um 890 Herzog Boriwoi aus dem Geschlecht der →
Przemysliden getauft wird. Vom ottonischen König Heinrich I. wird B.
unterworfen. Im 10. Jh. wird der bisher nicht sicher gedeutete Name Čechy
(Tschechen) erwähnt. 973 wird für das zunächst kirchlich Regensburg unterstellte
Gebiet das Bistum Prag, 975 das Bistum Olmütz gegründet und Mainz unterstellt.
B. entwickelt sich zum Herzogtum (1085 Königstitel) im deutschen Reich (1114
Schenk, Reichserzschenk). Seit dem 12. Jh. wandern deutsche Siedler in den
Randgebieten und in den Städten ein. 1198/1212 wird B. als Königreich ähnlich
wie → Österreich im Reich verhältnismäßig verselbständigt. Der
Sachsenspiegel (1221-1224) zählt den König von B. zu den Kurfürsten. Nach dem
Aussterben der Babenberger in männlicher Linie in Österreich (1246) wird
Ottokar II. aus der Familie der Przemysliden (um 1232-26. 8. 1278) 1251 mit
Zustimmung der Stände Herzog von Österreich (1252 Heirat mit der mehr als 30
Jahre älteren Margarete von Babenberg, 1261 annulliert zwecks Heirat mit möglicher
Erbin Ungarns) und 1253 als Nachfolger seines Vaters König von Böhmen. 1260
erzwingt er von Ungarn die Übergabe der Steiermark. 1269 erwirbt er nach einem
Erbvertrag die Herzogtümer Kärnten und Krain. 1273 unterliegt er Rudolf von
Habsburg bei der Wahl zum deutschen König. 1276 muss er auf seine Erwerbungen
verzichten und Böhmen und Mähren von Rudolf von Habsburg als Reichslehen
nehmen. Am 26. 8. 1278 wird er bei dem Versuch der gewaltsamen Rückgewinnung
dieser Güter im Zuge der Schlacht von Dürnkrut (Marchfeld) getötet, wodurch
Österreich als Reichslehen wieder frei wird. 1306 sterben die Przemysliden aus
(1307 Habsburg, 1311 Luxemburg, 1438-1457 Habsburg). 1314 gewinnt Johann von
Luxemburg als König von B. das Nichtappellationsprivileg. Die Markgrafschaft
Mähren und Fürstentümer in Schlesien werden angegliedert. 1344 wird Prag
Erzbistum. 1348 erhält die Stadt eine Universität. Kaiser Karls IV. Plan eines
böhmischen Landrechts (→ Maiestas Carolina) scheitert 1355. !356
betrifft die Goldene Bulle auch das Kurfürstentum B. 1415 wird der tschechische
Religionserneuerer Jan Hus hingerichtet. Im 15. Jh. wird B. zur
Adelsherrschaft. 1495 entsteht mit den Neun Büchern über die Rechtsordnung des
Landes Böhmen das bedeutendste Werk der tschechischen spätmittelalterlichen
Rechtswissenschaft. 1526 ernennt der Adel Ferdinand I. von Österreich auf
Grund von Erbansprüchen zum König. 1527 gründet Ferdinand I. auf Drängen der
böhmischen Stände eine böhmische Hofkanzlei. 1547 wird das Königreich B. für
Habsburg erblich und verselbständigt sich danach mehr und mehr vom Reich. 1564
wird eine nach Niederschlagung der mit dem Prager Fenstersturz (1618)
verbundenen Reformationsbewegung (1620, Winterkrieg, Schlacht am Weißen Berg,
Verlegung der böhmischen Hofkanzlei nach Wien) 1627 absolutisierend
(v)erneuerte Landesordnung erlassen. In beachtlichem Umfang wird
römisch-kanonisches Recht aufgenommen. Im 17. Jh. versucht Österreich eine
Zentralisierung. 1707 wird Böhmen in die Halsgerichtsordnung Josephs I. von
1707 einbezogen. Maria Theresia hebt die böhmische Hofkanzlei 1748/1749 auf
(Directorium in publicis et cameralibus). 1761 entsteht die
böhmisch-österreichische Hofkanzlei für die innere Verwaltung der böhmischen
und österreichischen Erbländer. Joseph II. beseitigt die Leibeigenschaft in
Böhmen, Mähren und Schlesien. 1812 wird das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch
Österreichs auch in B. in Kraft gesetzt. Am 8. 4. 1848 verspricht der
österreichische Kaiser Ferdinand I. eine eigene Verfassung (Böhmische Charte),
bezieht B. aber tatsächlich in die Geltung der pillersdorfschen Aprilverfassung
ein. Die böhmisch-österreichische Hofkanzlei wird zum Innenministerium. 1918
löst sich das Kronland (Cisleithaniens) B., wie seit 1848 gefordert, in der →
Tschechoslowakei von Österreich. 1993 teilt sich die im zweiten Weltkrieg
aufgeteilte, danach wiederhergestellte Tschechoslowakei in die Tschechische
Republik (Tschechien) und in die Slowakei auf.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Köbler, DRG 95, 109,
129; Palacky, F., Geschichte Böhmens, Bd. 1ff. 1836ff.; Rössler, E., Deutsche
Rechtsdenkmäler aus Böhmen und Mähren, 1845ff.; Schmidt von Bergenhold, J.,
Geschichte der Privatrechtsgesetzgebung und Gerichtsverfassung, 1866; Codex
juris municipalis regni Bohemiae, 1886; Werunsky, E., Die Maiestas karolina,
ZRG GA 9 (1888), 64; Werunsky, E., Der Ordo iudicii terre Boemie, ZRG GA 10
(1889), 98; Grünberg, C., Die Bauernbefreiung in Böhmen, Bd. 1 1895; Lippert,
J., Sozialgeschichte Böhmens in vorhussitischer Zeit, 1896ff.; Schreuer, H.,
Untersuchungen zur Verfassungsgeschichte der böhmischen Sagenzeit, 1901; Codex
diplomaticus et epistolaris regni Bohemiae, hg. v. Friedrich, G. u. a., Bd.
1ff. 1904ff.; Bretholz, B., Geschichte Böhmens und Mährens, 1912; Köster, A.,
Die staatlichen Beziehungen der böhmischen Herzöge und Könige zu den deutschen
Kaisern, 1912; Stieber, M., Böhmische Staatsverträge, 1912; Zycha, A., Über den
Ursprung der Städte in Böhmen, 1914; Peterka, O., Rechtsgeschichte der
böhmischen Länder, Bd. 1f. 1923ff., Neudruck 1965; Perels, E., Zur Geschichte
der böhmischen Kur, ZRG GA 45 (1925), 83; Weizsäcker, W., Die Fremden im
böhmischen Landrechte, ZRG GA 45 (1925), 206; Weizsäcker, W., Nárok und sok im
böhmisch-mährischen Landrecht, ZRG GA 53 (1933), 300; Stanka, R., Die
böhmischen Konföderationsakte von 1619, 1932; Diels, P./Koebner, R., Das
Zaudengericht in Böhmen, Mähren und Schlesien, 1935; Schubart-Fikentscher, G.,
Die Verbreitung der deutschen Stadtrechte in Osteuropa, 1942; Wegener, W., Die
Přemysliden, 1957; Klabouch, J., (Die Rechtslehren des Aufklärungszeitalters
in den böhmischen Ländern), 1958; Wegener, W., Böhmen/Mähren und das Reich im
Hochmittelalter, 1959; Das böhmische Staatsrecht in den deutsch-tschechischen
Auseinandersetzungen des 19. und 20. Jahrhunderts, hg. v. Birke, E. u. a.,
1960; Nový, R., Libri civitatum Bohemiae,
1963; Markov, J., Das landrechtliche Gerichtsverfahren in Böhmen und Mähren bis
zum 17. Jahrhundert, ZRG GA 83 (1966), 144; Cultus pacis, hg. v. Vaněček, V., 1966; Siedlung und
Verfassung Böhmens in der Frühzeit, hg. v. Graus, F./Ludat, H., 1967; Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder, hg. v. Bosl, K.,
Bd. 1ff. 1967ff.; Russocki, S.,
Protoparlamentaryzm Czech do początku XV wieku (Der Protoparlamentarismus
Böhmens bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts), 1973; Procházka, R. Frhr. v.,
Genealogisches Handbuch erloschener böhmischer Herrenstandsfamilien, 1973; Handbuch der
Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v.
Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,429; Hlavaček, I. u. a. Nichtbohemikale
Originalurkunden in den böhmischen Ländern, 1977; Eberhard, W.,
Konfessionsbildung und Stände in Böhmen 1478-1530, 1981; Sasse, B., Die
Sozialstruktur Böhmens in der Frühzeit, 1982, Hassenpflug-Elzholz, E., Böhmen
und die böhmischen Stände, 1982; Prinz, F., Böhmen im mittelalterlichen Europa,
1984; Eberhard, W., Monarchie und Widerstand, 1985; Hoensch, J., Geschichte
Böhmens, 3. A. 1997; Seltenreich, R., Das römische
Recht in Böhmen, ZRG GA 110 (1993), 496; Čechura, J., Die Struktur der
Grundherrschaften im mittelalterlichen Böhmen, 1994; Rentzow, L., Die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Vernewerten
Landesordnung für das Königreich Böhmen von 1627, 1998; Kadlecová, M.,
Verneuerte Landesordnungen, ZRG GA 120 (2003), 150; Begert, A., Böhmen, die
böhmische Kur und das Reich, 2003; Himl, P., Die armben Leüte und die Macht,
2003; Malý, K., Die böhmische Konföderationsakte und die verneuerte
Landesordnung, ZRG GA 122 (2005), 285; Untertanen, Herrschaft und Staat in Böhmen
und im alten Reich, hg. v. Cerman, M. u. a., 2005; Küpper, H., Einführung in
die Rechtsgeschichte Osteuropas, 2005; Votypka, V., Böhmischer Adel, 2007; Lange, H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im Mittelalter,
Bd. 2 2007, 973; Kejř, J., Die mittelalterlichen
Städte in den böhmischen Ländern, 2009; Schelle, K., Recht und Verwaltung im
Protektorat Böhmen und Mähren, 2009; Böhmen und das Deutsche Reich, hg. v.
Schlotheuber, E. u. a., 2009
Böhmer, Johann Friedrich (Frankfurt am
Main 22. 4. 1795-Frankfurt am Main 22. 10. 1863), begüterter
Kanzleidirektorssohn, wird nach dem Studium des Rechts in Heidelberg und
Göttingen (1817 Promotion), Privatgelehrter, Stadtarchivar und
Stadtbibliothekar in Frankfurt am Main, als welcher er das Urkundenbuch
Frankfurts (Codex Diplomaticus Moeno-Francofurtanus), deutsche Kaiserurkunden
und die (lat. [N.Pl.] Regesta imperii (1831ff.) herausgibt.
Lit.: Jansen, J.,
Böhmers Leben, 1863; Kleinstück, E., Johann Friedrich Böhmer, 1959; Frankfurter
Biographie 1, 1994, 84ff.
Böhmer, Justus Henning (Hannover 29. 1. 1674-Halle 23. 8. 1749) wird nach dem Studium in Jena (1693-1695) Anwalt in Hannover und Hofmeister, seit 1698 Lizentiat in Halle, dann 1701 außerordentlicher und 1711 ordentlicher Professor. Hier verfasst er 1704 das beste Lehrbuch des römischen Rechts im 18. Jh. ([lat.] Introductio [F.] in ius digestorum, Einführung in das Recht der Digesten, 14. A. 1791), 1710 eine Einführung in das allgemeine öffentliche Recht bzw. Staatsrecht (lat. Introductio [F.] in ius publicum universale) und 1714-1737 eine umfassende geschichtlich-dogmatische Gesamtdarstellung des protestantischen Kirchenrechts ([lat.] Ius [N.] ecclesiasticum protestantium, z. T. 5. A. 1756ff.). Er präsidiert 139 Dissertationen, die mit der Einschränkung des Vorrangs protestantischer Bekenntnisschriften auch der Übertragung des (lat.) modernus usus (M.) pandectarum auf das Kirchenrecht dienen.
Lit.: Köbler, DRG 144, 159; Rütten, W., Das zivilrechtliche
Werk Justus Henning Böhmers, 1981; Landau, P., Kanonistischer Pietismus bei
Justus Henning Böhmer, (in) Vom mittelalterlichen Recht zur neuzeitlichen
Rechtswissenschaft, 1994, 317; Wall, H. de, Zum kirchenrechtlichen Werk Justus
Henning Böhmers, ZRG G`KA 87 (2001), 455ff.; Schulze, R., Justus Henning Böhmer
und due Dissertationen seiner Schüler, 2009
Boissonade de Fontarabie, Gustave Emile (1825-1910), nach dem Rechtsstudium seit
1864 Lehrer des römischen Rechts in Grenoble und 1867 Paris, wechselt 1873 nach
→ Japan, wo er als Berater der Regierung französisches Recht lehrt und
1880 ein Strafgesetzbuch und eine Strafprozessordnung sowie 1890 einen nicht
Gesetz gewordenen Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuches erarbeitet.
Lit.: Carbonnier, J. u. a., Boissonade
et la réception du droit français au Japon, Revue internationale du droit
comparé 43 (1991), 327
Bologna ist die auf
etruskischen und römischen Grundlagen ruhende Hauptstadt der oberitalienischen
Landschaft Emilia am südöstlichen Rand der Po-Ebene, die sich seit 1115 von den
vom deutschen König eingesetzten Grafen von B. zu lösen vermag (und aus der für
das elfte Jh. 478 Urkunden und für die Zeit bis 1150 etwa 1300 städtische
Urkunden erhalten sind). In B. wird vielleicht auf der Grundlage einer im 11.
Jh. bezeugten Artistenschule und wegen des Wissensbedarfs zahlreicher Notare
und Investitoren (1057) als Rechtsschule (lat. [N.] studium) eine der ältesten
Universitäten Europas gegründet. Ihr bekanntester Lehrer ist (nach Albertus
[1067], Arianus, Geminianus und Pepo) zunächst → Irnerius mit der von ihm
geprägten Schule der → Glossatoren (Bulgarus, Martinus, Jacobus, Hugo und
viele andere bis Accursius). Um 1140 kommt das Studium des kirchlichen Rechts
hinzu. Die fremden Studenten gründen am Ende des 12. Jh.s als Mehrheit aus zwei
(lat. [F.Pl.]) universitates eine → universitas. Ihre Zahl wird zu dieser
Zeit auf etwa 1000 beziffert. Bruchstücke von Statuten der Universität sind aus
dem Jahre 1252 überliefert. Zwischen 1265 und 1425 lassen sich rund 3600
deutsche, fast ausschließlich geistliche Rechtsstudenten in B. nachweisen
(durchschnittlich 23 Erstnennungen im Jahr mit rückläufiger Tendenz).
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 106, 159; Fitting,
H., Die Anfänge der Rechtsschule von Bologna, 1888; Dallari, U., I Rotuli dei
lettori, legisti e artisti dello studio bolognese dal 1384 al 1799, 1888ff.;
Knod, G., Deutsche Studenten in Bologna (1289-1562), 1899; Schelb, W.,
Staatsverwaltung und Selbstverwaltung, 1911; Handbuch der Quellen und Literatur
der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1 1973,
39; Zanella, G., Bibliografia (in) Studi e memorie per la storia
dell’università di Bologna N. S. 5, 1985; Wandruszka, N., Die Oberschichten
Bolognas, 1993; Lange, H., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997; Schmutz,
J., Juristen für das Reich, 2000; Le carte bolognesi del secolo XI, a cura di
Feo, G., 2001; Soetermeer, F., Utrumque ius in peciis, 2002; Le carte bolognesi
del secolo XI, Appendice hg. v. Modesti, M., 2005; Lange, H./Kriechbaum, M.,
Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 2 2007, 32; Behle, T., Der Magister Walfred
von Bologna, 2008
Bolschewismus ist
die bis etwa 1953 übliche Bezeichnung des Kommunismus in der Sowjetunion (zu
Bolschewiki, russ., Mehrheitler).
Lit.: Köbler, DRG 226; Lösche, P., Der Bolschewismus im Urteil
der deutschen Sozialdemokratie, 1967
Bonae-fidei-iudicium (lat.
[N.], Klage nach Treu und Glauben) ist im klassischen römischen Recht die nach
der → Billigkeit beurteilte freiere Klage bzw. das freier beurteilte
Schuldverhältnis (z. B. Kauf, Miete, Leihe, Pacht, Dienstvertrag, Werkvertrag,
Gesellschaft, Auftrag, Geschäftsführung ohne Auftrag, Verwahrung,
Bruchteilsgemeinschaft [lat. fiducia], Vormundschaft bzw. Tutel,
Treuhandschaft, Mitgiftrückgabe, Pfand, Innominatkontrakt). Bei einem b. ist zu
leisten, was nach guter Treue (lat. ex fide bona) geschuldet wird. Für die
diesbezügliche Feststellung hat der (lat.) iudex (Richter) auf Grund der
Klagformel des Gerichtsmagistrats einen Ermessensspielraum. Er muss Nebenpflichten
aus Abreden, Schutzpflichten und Treuepflichten beachten und Arglist auch ohne
Einrede des Beklagten berücksichtigen. Der Gegensatz zum b. ist das (lat.) iudicium (N.) stricti iuris
(strengrechtliche Klage).
Lit.: Kaser § 33; Wieacker, F., Zum Ursprung der bonae-fidei-iudicia,
ZRG RA 80 (1963) 1; Honsell, H., Quod interest im bonae-fidei-iudicium, 1969
Bona fides (lat. [F.] gute
Treue) ist im klassischen römischen Recht zunächst die Pflicht zum Worthalten
und danach ein Maßstab, nach dem der Richter das betreffende Rechtsverhältnis
zu beurteilen hat. Für den Inhalt des Schuldverhältnisses findet dabei neben
der formlosen Vereinbarung auch die Verkehrssitte Anwendung. Bei der
Ersitzung ist b. f. (Gutgläubigkeit hinsichtlich der Rechtmäßigkeit des
Erwerbs) des Erwerbers ([lat.] bonae fidei possessor [M.]) im Zeitpunkt des
Erwerbs nötig ([lat.] mala fides superveniens non nocet, nachträgliche
Bösgläubigkeit schadet nicht).
Lit.: Kaser § 33; Söllner §§ 8, 9, 12,
18; Köbler, DRG 40, 42; Köbler, LAW; Lombardi, L., Dalla fides alla bona fides,
1961; Hausmaninger, H., Die bona fides des Ersitzungsbesitzers im klassischen
römischen Recht, 1965
Bonaparte (Buonaparte) s. Napoleon
Bonellus de Barulo,
Andreas ist
ein wohl vor 1250 in Barletta bei Bari geborener, vor oder nach 1291
verstorbener neapolitanischer Jurist (Commentaria super postremis libris
codicis, commentaria in leges Longobardorum, Glossen zu den constitutiones
Siculae).
Lit.: Lange, H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im
Mittelalter, Bd. 2 2007, 502
Bönhase ist seit
dem 15. Jh. die im Mittelniederdeutschen entstandene Bezeichnung für den
unzünftigen, bereits vereinzelt seit dem 14. Jh. von den Zünften bekämpften
Handwerker (wie ein Hase auf dem Boden arbeitend?, heimlich auf dem Dachboden
arbeitend?, außerhalb der „Hanse“ arbeitend?).
Lit.: Wissell, R./Hahm, K., Des alten Handwerks Recht und
Gewohnheit, 1928, 2. A. 1981; Ennen, R., Zünfte und Wettbewerb, 1971
Boni homines (lat. [M.Pl.],
Sg. bonus homo) oder auch (lat.) probi homines (M.Pl., frz. prud’hommes) sind
(in Frankreich, Spanien, Italien, dem Alpenraum und dem Heiligen römischen
Reich im Frühmittelalter (seit Anfang des 7. Jh.s) und bis ins 13. Jh. Zeugen,
Gerichtsbeisitzer, Schätzer oder Vermittler, die Freiheit, guten Leumund sowie
meist Grundeigentum und Ansässigkeit als Voraussetzung ihrer jeweiligen
Tätigkeit erfüllen, aber sich nicht einem bestimmten Stand zuweisen lassen und
kein bestimmtes Amt haben. Seit Ende des 12. Jh.s treten sie in den
oberitalienischen Städten als Vertreter der Konsuln auf.
Lit.: Köbler, LAW; Nehlsen-von Stryk, K., Die boni homines
des frühen Mittelalters, 1981
Bonifatius bzw. Wynfreth (Wessex
672/675-bei Dokkum 5. 6. 754), aus niederem Adel, im Kloster Exeter erzogen,
wird zunächst Lehrer und 718 Missionar im fränkischen Reich. In Rom am 30. 11.
722 zum Bischof geweiht, missioniert er unter einem Schutzbrief Karl Martells
von 723 bis 732 in Thüringen und Hessen (u. a. Fällung der Donareiche bei
Geismar und Gründung der Zelle Fritzlar). 732 wird er Erzbischof ohne besonderen
Sitz, 737/738 Legat für Germanien. 738/739 erneuert er die Bistümer
Regensburg, Passau, Salzburg und Freising. 741/742 gründet er die Bistümer
Würzburg, Büraburg und Erfurt (später Eichstätt), 744 das Kloster Fulda. 754
wird er in Friesland erschlagen.
Lit.: Schieffer, T.,
Winfrid-Bonifatius, 2. A. 1972; Schipperges, S., Bonifatius ac socii sui, 1996;
Padberg, L. v., Bonifatius, 2003
Bonifatius VIII (Benedetto
Caetani, Anagni um 1235-Rom 11. 10. 1303) wird nach dem Studium vermutlich des
kirchlichen Rechts in Todi, Spoleto und Bologna am 23. 1. 1295 Papst. 1298
lässt er die päpstlichen Dekretalen ab 1234 im (lat.) Liber (M.) sextus
decretalium (sechsten Buch der Dekretalen) zusammenfassen. In der Dekretale
(lat.) Unam sanctam (eine heilige) vom 18. 11. 1302 fordert er die Unterordnung
der weltlichen Gewalt unter den Papst, wird aber am 7. 9. 1303 in Anagni
verhaftet.
Lit.: Gagnér, S.,
Studien zur Ideengeschichte der Gesetzgebung, 1960; Schmidt, T., Der
Bonifaz-Prozess, 1989; Politische Reflexion der Welt des späten Mittelalters,
hg. v. Kaufhold, M., 2004, 129ff.
bonitarisch auf
(lat.) in bonis esse, „in den Gütern sein“ beruhend, im Gegensatz zu zivil (z.
B. die im römischen Recht durch bloße Übergabe einer mancipium-Sache statt
Manzipation seitens des Eigentümers erlangte, vom Prätor geschützte Stellung
des Erwerbers)
Bonn (Bonna 12-9 v. Chr.) am Rhein gegenüber der Einmündung der Sieg ist ein auf keltisch-römischer Grundlage entstandener Ort, der im 11. Jh. (von den Ezzonen) an das Erzstift → Köln gelangt. Im 16. Jh. wird er dessen Hauptort und erhält 1777/1786 eine 1797 aufgehobene, 1815/1816 jedoch wiedererrichtete Universität, in der 1928 die Staatswissenschaften fast vollständig aus der philosophischen Fakultät in die juristische Fakultät übergeführt werden. Vom 1. 9. 1948 bis 23. 5. 1949 tagt in B. der Parlamentarische Rat zur Vorbereitung der Bundesrepublik Deutschland, weshalb das → Grundgesetz auch als Bonner Grundgesetz bezeichnet wird. 1949 wird B. bis zum Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland (1990) vorläufige Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Wiedemann, A.,
Geschichte Godesbergs und seiner Umgebung, 1920; Niessen, J./Ennen, E.,
Geschichte der Stadt Bonn, 1956ff.; Eisenhardt, U., Die weltliche
Gerichtsbarkeit der Offizialate, 1966; Hübinger, P.,
Das historische Seminar, 1963; Schäfer, K., Verfassungsgeschichte der
Universität Bonn 1818 bis 1960, 1969; Meier, J., Der Rechtsunterricht an den
Universitäten Köln und Bonn, Diss. jur. Köln 1987; Geschichte der Stadt Bonn,
hg. v. Höroldt, D. u. a., 1989ff.; 150 Jahre Landgericht Bonn, hg. v.
Fassbender, H., 2000; Die Juristen der Universität Bonn im Dritten Reich, hg.
v. Schmoeckel, M., 2004; 75-Jahr-Feier der rechts- und staatswissenschaftlichen
Fakultät, 2004; Schmoeckel, M. u. a., Stätten des Rechts in Bonn, 2004
Bonorum possessio (lat. [F.]
Güterbesitz, Nachlassbesitz) ist im klassischen römischen Erbrecht die
Stellung, die der → Prätor auf Antrag dem zuweist, den er im Fall des
Todes eines Erblassers am ehesten für berechtigt hält. Der damit erreichte
Schutz und die damit gewonnene Zuständigkeit für den Bereich des prätorischen
Rechts können sich durch Ersitzung in Eigentum nach zivilem Recht wandeln.
Lit.: Kaser §§ 65, 71, 73; Söllner § 25; Köbler, DRG 38;
Ankum, H. u. a., Die verschiedenen Bedeutungen des Ausdrucks in bonis alicuius
esse, ZRG RA 107 (1990), 155
bonum (N.) commune (lat)
gemeines Wohl, Allgemeinwohl
bonus homo → boni homines
Boppard
Lit.: Heyen, F., Reichsgut im Rheinland, 1956
Borgarthingsbók ist ein norwegisches Rechtsbuch. → nordisches Recht
Lit.: Bruchstücke der Rechtsbücher des Borgarthings und des
Eidsivathings, hg. v. Meißner, R., 1942
Börse (zu lat. [F.] bursa, Beutel,
Kasse?) ist die regelmäßig an einem bestimmten Ort stattfindende, nur von
Kaufleuten besuchte Veranstaltung zum Zweck des Abschlusses von Gattungskäufen
vertretbarer Sachen. Geldbörsen entstehen seit dem 12. Jh. in Oberitalien und
Südfrankreich, eine Warenbörse ohne anwesende Waren ist in Antwerpen um 1500
bezeugt. Wichtige Börsen bestehen in Antwerpen, Lyon, Amsterdam, Paris.
London, Frankfurt am Main, Berlin und Wien, später auch in New York oder Tokio.
Lit.: Deutsche Börsengeschichte,
hg. v. Pohl, H., 1992; Blumentritt, J., Die privatrechtlich organisierte Börse,
2003
Börsengesetz ist das am 22. 6. 1896 geschaffene, das Recht des Wertpapierhandels an der Börse (Vorformen im 15. Jh. in Sevilla, Cadiz und Lissabon [16. Jh.]) regelnde deutsche Gesetz.
Lit.: Meier, J., Die Entstehung des Börsengesetzes, 1992;
Schulz, W., Das deutsche Börsengesetz, 1994
Bösgläubigkeit ist
das Wissen oder grobfahrlässige Nichtwissen um einen rechtlich bedeutsamen
Umstand. → guter Glaube
Bosnien ist die
östlich der mittleren Adria gelegene Landschaft, die 9 n. Chr. von den Römern
erobert wird (Dalmatia) und bei der Reichsteilung an Ostrom gelangt. Zu Beginn
des 7. Jh.s siedeln sich Südslawen an. Das dort entstehende Königreich (1377)
gerät mit Herzegowina 1463/1482 durch Eroberung unter die Herrschaft der
Osmanen. Seit 1878 erlebt B. unter dem Einfluss (Besetzung und Verwaltung)
Österreichs (1883 HGB, ZPO, Wechselgesetz u. a.) einen Aufschwung. 1908 wird
B. von → Österreich-Ungarn annektiert und als weitere pragmatische
Angelegenheit von Österreich und Ungarn gemeinsam verwaltet (1909 von der
Türkei anerkannt). 1918 wird es Teil → Jugoslawiens (1941-1945 Kroatiens).
Nach der Erklärung der Souveränität (1992) und einem Bürgerkrieg wird es 1995/1996
als Bosnien-Herzegowina (zwischen Kroatien, Serbien, Monenegro und Adria, 4,3
Millionen Einwohner, 51129 Quadratkilometer, bosniakisch-kroatische Föderation
und serbische Republik) verselbständigt.
Lit.: Handbuch der Quellen und Literatur der neueren
europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff.,
3,5,332; Balic, S., Das unbekannte Bosnien, 1992; Dzaja, S.,
Bosnien-Herzegowina, 1994; Bär, S., Der Zerfall Jugoslawiens, 1995; Babouna,
A., Die nationale Entwicklung der bosnischen Muslime, 1996; Haselsteiner, H.,
Bosnien-Hercegovina, 1996; Lovrenovic, I., Bosnien und Herzegowina, 1998;
Jäger, F., Bosniaken, Kroaten, Serben, 2001; Gabriel, K., Bosnien-Herzegowina
1878, 2003; Classen, L., Der völkerrechtliche Status von Bosnien-Herzegowina,
2004; Küpper, H., Einführung in die Rechtsgeschichte Osteuropas, 2005
Bote (lat. [M.]
nuntius) ist ein Mensch, der für einen anderen ohne eigene Willensbildung eine
Erklärung empfängt oder abgibt.
Lit.: Kaser § 11; Kroeschell, DRG 2
Bourbone ist der
nach Bourbon-l’Archambault im heutigen Departement Allier benannte Angehörige
einer durch Graf Ludwig I. von Clermont (1270-1342, 1327 Herzog von Bourbon)
begründeten Seitenlinie der → Kapetinger. Die jüngere Linie
Bourbon-Vendôme erlangt von 1589 bis 1792 und von 1814 bis 1830 bzw. in der
1660 abgespaltenen Nebenlinie Orléans von 1830 bis 1848 das Königtum in →
Frankreich. In Spanien wird die Linie Bourbon-Anjou 1700 Königsgeschlecht
(ausgenommen 1808-1814, 1868-1875, 1931-1975). Sie herrscht auch von 1735 bis
1860 in Neapel-Sizilien sowie von 1748 bis 1802 und von 1847 bis 1859/1860 in
Parma-Piacenza.
Lit.: Legual, A., Histoire du
Bourbonnais, 1960; Malettke, K., Die Bourbonen 1589-1848, Bd. 1ff. 2008f.
Bourges ist die auf
keltischen Grundlagen (Avaricum) beruhende zentralfranzösische Stadt am
Zusammenfluss von Yèvre und Auron. Ihre Universität ist zu Beginn des 16. Jh.s
Ausgangspunkt des → mos Gallicus (lat. [M.], gallische Art) der
Rechtswissenschaft. → Budé
Lit.: Devailly, G. u. a., Histoire du
Berry, 1980
Boutillier, Jehan
(Pernes/Pas-de-Calais vor 1350-Tournai [vor?] 24. 1. 1396) verfasst als Berater
des französischen Königs in Nordfrankreich (Tournai) wohl kurz vor 1396 das
(französische) Rechtsbuch → Somme rural.
Lit.: Köbler, DRG 143; Dievoet, G.
van, Jehan Boutillier en de Somme rural, 1951
Boykott ist die
nach dem englischen Gutsbesitzer Charles Boycott (Irland 1880) benannte
Ablehnung aller Rechtsbeziehungen zu einem möglichen Vertragspartner, dem
dadurch die Möglichkeit zur Teilnahme am Rechtsverkehr abgeschnitten wird.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.
Bozen
Lit.: Die Bozner
Handelskammer vom Merkantilmagistrat bis zur Gegenwart, 1981; Das Urbar des
Heilig-Geist-Spitals zu Bozen von 1420, bearb. v. Schneider, W., 2003;
Obermair, H., Bozen Süd – Bolzano Nord. Schriftlichkeit und urkundliche
Überlieferung, Bd. 1 2005
Brabant ist das aus dem fränkischen Gau Bracbantum im Nordwesten (um Brüssel) unter den Grafen von Löwen (um 1188 Herzöge von B.) entstandene, sich vom Reich verselbständigende (1349 Goldene Bulle von Brabant), den Einwohnern in der Blijde Inkomst 1356 die Rechte des Fürsten begrenzende Herzogtum, das nach Johanna von B. (1355-1406) 1390/1430 an → Burgund und nach Maria von Burgund 1477 an → Habsburg (Spanien) kommt. Nach dem spanischen Erbfolgekrieg gelangt es 1723 an Österreich. Nach Ende der 1775 erfolgten Annexion durch Frankreich wird es 1815 Teil der → Niederlande, 1830 mit seinem südlichen Gebiet Teil → Belgiens.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon;
Moll, W., De rechten van den Heer van Bergen op Zoom, 1915; Lousse, E., Les
deux chartes romanes brabançonnes du 12 juillet 1314, Bulletin de la Commission
royale d’histoire 96 (1932), 1; Sturler, J. de, Les relations politiques et les
échanges commerciaux entre le duché de Brabant et l’Angleterre, 1936; Willem
van der Tanerijen, Boec van der loopender praktijken der raidtcameren van
Brabant, hg. v. Strubbe, E., 1952; Ganshof, F., Brabant, 1938; Middeleeuwe
rechtsbronnen van stad en heerlijkheid Breda, hg. v. Cerutti, F., Bd. 1f.
1956ff.; Nikolay, W., Die Ausbildung der
ständischen Verfassung in Geldern und Brabant während des 13. und 14.
Jahrhunderts, 1985; Geschiedenis van Noord-Brabant, hg. v. Van den Eerenbeemt,
H., Bd. 1ff. 1996f; Godding, P., Le
Conseil de Brabant sous le règne de Philippe le Bon (1430-1467), 1999; Weller,
T., Die Heiratspolitik, 2004; Geschiedenis van
Brabant, hg. v. Van Uytven, R. u. a.,2004; Tigelaar, J., Brabants historie
ontvouwd, 2006
bracchium (N.) saeculare (lat.) (der Staat als) weltlicher Arm (der Kirche)
(kirchlicher Anspruch auf staatliche Unterstützung 1983 aufgegeben)
Bracton, Henry de (Bratton Fleming 1210-Exeter 1268) ist nach dem Studium des weltlichen und kirchlichen Rechts wohl an der Domschule von Exeter seit etwa 1229 Schreiber (clerk) eines Richters, seit 1245 reisender Richter, von 1247 bis 1257 Richter am Gericht Coram rege (Court of King’s Bench) und seit 1264 Domkanzler in Exeter. Sein vielleicht nach 1230 verfasstes oder auch von ihm nur überarbeitetes, durch 48 Handschriften überliefertes, unvollendetes Werk (lat.) → De legibus et consuetudinibus Angliae (Über Gesetze und Gewohnheiten Englands) bietet auf Grund einer Sammlung von etwa 2000 Urteilen (precedents) des Königsgerichts die beste Darstellung des englischen → common law des Mittelalters. Der Traktat gliedert sich nach Personen, Sachen und Klagansprüchen. Im dritten Teil behandelt er an Hand der verschiedenen Klageformeln (writs) das Privatrecht, Strafrecht und Lehnrecht. Eine gezielte Romanisierung des englischen Rechts durch B. ist nicht erweislich.
Lit.: Bractons
Note Book, hg. v. Maitland, F., 1887; Holdsworth, W., A History of English Law,
Bd. 2 4. A. 1936, 230; Peter H., Actio and writ, 1957; Fesefeldt, W.,
Englische Staatstheorie des 13. Jahrhunderts,
1962; Richardson, H., Bracton, the problem of his text, 1965; Bracton, hg. v.
Woodbine, G., übers. v. Thorne, S., 1968; Thorne, S., Henry de Bracton
1268-1968, 1970
Brand von Tzerstede
(Lüneburg um 1400-Lünenburg 3. 10. 1451), Patrizierssohn, wird nach dem Studium
des Rechtes in Leipzig (1414, 1417 baccdalaureus) Ratsherr in Lüneburg. Er
verfasst die in zwei Handschriften und einem Fragment überlieferte, 1442
abgeschlossene Glosse zur Vorrede des Sachsenspiegels von der Herren Geburt und
nach eigener Angabe weitere Glossierungen.
Lit.: Glossen zum
Sachsenspiegel-Landrecht Buch’sche Glosse, hg. v. Kaufmann, F., 2002, 124ff.
Brandenburg ist die nach der slawischen Brennaburg (928/929, 948 Bistum, 983 Slawenaufstand) benannte Mark ([3. 10.] 1157) östlich der Elbe. Nach den Askaniern (1134-1319, 1165 Wiederbegründung des Bistums), Wittelsbachern, Luxemburgern (1375 Landbuch der Mark Brandenburg) gelangt es als Kurfürstentum (1356) an die Hohenzollern (1411/1417). 1473 legt die → Dispositio Achillea des Markgrafen Albrecht Achilles die Unteilbarkeit fest (1506 Universität Frankfurt an der Oder, 1516 Kammergericht in Berlin). 1614 fallen Kleve, Mark und Ravensberg an, 1618 → Preußen als Lehen Polens. Seit 1701 tritt B. hinter den Namen Preußen zurück. 1947 wird Preußen aufgelöst. Der 1945 unter Verwaltung Polens gestellte Teil Brandenburgs östlich der Oder und Neiße wird 1990 Polen zugeteilt. Der Versuch der Vereinigung des Bundeslandes B. mit Berlin scheitert bei einer Volksabstimmung am 5. 5. 1996.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Stölzel, H.,
Brandenburg-Preußens Rechtsverwaltung und Rechtsverfassung, Bd. 1f. 1888;
Urkundliches Material aus den Brandenburger Schöppenstuhlsakten, hg. v.
Stölzel, A., 1901; Stölzel, A., Die Entwicklung der gelehrten Rechtsprechung,
1901f.; Spangenberg, H., Hof- und Zentralverwaltung der Mark Brandenburg im
Mittelalter, 1908; Perels, K., Die allgemeinen Appellationsprivlegien für
Brandenburg-Preußen, 1908; Altmann, W., Ausgewählte Urkunden zur
brandenburgisch-preußischen Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte, 2. A.
1914; Hintze, O., Die Hohenzollern und ihr Werk, 1915, Neudruck 1980;
Caemmerer, H. v., Die Testamente der Kurfüsten von Brandenburg, 1915; Luck, W.,
Die Prignitz, 1917; Werminghoff, A., Ludwig von Eyb der Ältere (1417-1502),
1919; Gley, W., Die Besiedlung der Mittelmark, 1926; Acta Brandenburgica, Bd.
1ff. 1927ff.; Tschirch, O., Geschichte der Chur- und Hauptstadt Brandenburg an
der Havel, 1928; Schulze, B., Brandenburgische Landesteilungen, 1928; Schulze,
B., Die Reform der Verwaltungsbezirke in Brandenburg und Pommern 1809-1918,
1931; Erläuterungen zur brandenburgischen Kreiskarte von 1815, v. Schulze, B.,
1933; Die alten und neuen brandenburgischen Kreise nach dem Stande von 1815,
bearb. v. Curschmann, F. u. a., 1933; Brandenburgische Ämterkarte, bearb. v.
Schulze, B., 1935; Schulze, B., Besitz- und siedlungsgeschichtliche Statistik
der brandenburgischen Ämter und Städte, 1935; Das Landregister der Herrschaft
Sorau von 1381, hg. v. Schultze, J., 1936; Oestreich, G., Der brandenburgisch-preußische
geheime Rat, 1937; Ruppel-Kuhfuß, E., Das Generaldirektorium unter der
Regierung Friedrich Wilhelms II., 1937; Das Landbuch der Mark Brandenburg von
1375, hg. v. Schultze, J., 1940; Buchda, G., Über die verlorenen hallischen
Konstitutionen zum Landrecht der Kurmark Brandenburg (1714), ZRG GA 69 (1952),
385; Schultze, J., Forschungen zur brandenburgischen und preußischen
Geschichte, 1964 (Aufsätze); Hoppe, W., Die Mark Brandenburg, Wettin und
Magdeburg, 1965 (Aufsätze); Engel, E./Zientara, B., Feudalstruktur,
Lehnbürgertum und Fernhandel im spätmittelalterlichen Brandenburg, 1967;
Geschichte von Brandenburg und Berlin, Bd. 3, hg. v. Herzfeld, H., 1968;
Harnisch, H., Die Herrschaft Boitzenburg, 1968; Schmidt, E., Markgraf Otto I.
von Brandenburg, ZRG GA 90 (1973), 1; Schmidt, E., Die Mark Brandenburg unter
den Askaniern, 1973; Scholz, J., Der brandenburgische Landrechtsentwurf von
1594, 1973; Podehl, W., Burg und Herrschaft in der Mark Brandenburg, 1975; Die
Mark Brandenburg, hg. v. Schultze, J., Bd. 1ff. 2. A. 1989; Ein sonderbares
Licht in Teutschland, hg. v. Heinrich, G., 1990; Brandenburgische Geschichte,
hg. v. Materna, I./Ribbe, W., 1995; Justiz in Stadt und Land Brandenburg, hg.
v. Clavée, K., 1998; Geschichte der brandenburgischen Landtage, hg. v. Adamy,
K. u. a., 1998; Pohl, D., Justiz in Brandenburg 1945-1955, 2001; Das Domstift
Brandenburg und seine Archivbestände, bearb. v. Schößler, W., hg. v. Neitmann,
K., 2005; Beck, F., Regesten der Urkunden Kurmärkische Stände (Rep. 23 A),
2006; Partenheimer, L., Die Entstehung der Mark Brandenburg, 2007; Scheffczyk,
F., Der Provinzialverband der preußischen Provinz Brendenburg 1933-1945, 2008;
Baumgart, P., Brandenburg-Preußen unter dem Ancien régime, hg. v. Kroll, F.,
2009
brandenburgischer Landrechtsentwurf → Köppen
Brandileone,
Francesco (Buonabitacolo 1858-Neapel 1929) wird nach dem Studium der
Rechtswissenschaft in Neapel Professor für italienische Rechtsgeschichte in
Macerata, Sassari, Parma, Bologna und Rom.
Brandmarken ist das
schon den Römern (für Sklaven und Abhängige, Verbot der B. ins Gesicht durch
Kaiser Konstantin) bekannte Kennzeichnen eines Täters durch Brandzeichen auf
die Hand oder in das Gesicht (oder Verstümmeln), das sich 726 bei den
Langobarden (für rückfällige Diebe) und trotz Ablehnung durch die Aufklärung
noch 1787 in Österreich, 1813 in Bayern und 1810 und 1832 in Frankreich findet
(Verbot in England 1829, Frankreich 1834, Frankfurter Paulskirchenverfassung
1849 § 139).
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Mommsen, T., Römisches Strafrecht,
1899, Neudruck 1961, 495; His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters,
Bd. 1 1920, 530, Neudruck 1964; Chen, Y., Probleme der Strafe der Brandmarkung,
1948; Hentig, H. v., Die Strafe, Bd. 1 1954; Cate, C. ten, Tot glorie der
gerechtigheit, 1975; Hattenhauer, H., Die Brandmarkung in das Gesicht, 1994
Brandstiftung ist
das Inbrandsetzen einer (fremden) Sache. Die B. ist in Rom eine Straftat, auf
die der Feuertod steht. Im Mittelalter wird sie wegen ihrer Bedeutung in der →
Fehde eher gering gebüßt. Gottesfrieden (z. B. 1083) und Landfrieden lehnen sie
ab. Der Sachsenspiegel (1221-1224) kennt Enthauptung oder (bei Mordbrand)
Rädern als ihre Strafen (ähnlich sog. Treuga He[i]nrici von 1224), die (lat.)
Constitutio (F.) Criminalis Carolina (1532, Art. 126) Feuertod (bei boshaftiger
B.), das preußische Allgemeine Landrecht (1794) Enthauptung und Feuertod. Die
fahrlässige B. wird schon früh gesondert behandelt. Seit dem 19. Jh. werden
allgemein unterschiedliche Begehungsformen unterschieden.
Lit.: Kaser §§ 36, 50; Kroeschell, DRG 1, 2; Osenbrüggen,
E., Die Brandstiftung, 1854; Mommsen, T., Römisches Strafrecht, 1899, Neudruck
1961; His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 2 1935, 348;
Geerds, F., Die Brandstiftungsdelikte, 1962; Timcke, G., Der Straftatbestand
der Brandstiftung, Diss. jur. Göttingen 1965; Spicker-Beck, M., Räuber,
Mordbrenner, umschweifendes Gesind, 1995
Brant, Sebastian
(Straßburg 1457/1458-Straßburg 10. 5. 1521), Gastwirtssohn, wird nach dem
Rechtsstudium (1477) in Basel Professor (1489 Dr. iur. utr.), lehrt seit 1483
römisches Recht, kirchliches Recht und Poetik, wechselt aber als Folge der
Annäherung Basels an die Eidgenossen 1501 als Syndicus (bzw. 1503 Stadtschreiber)
nach Straßburg. Neben (lat. [F.Pl.]) Expositiones [1490, Ausstellungen, ein
Anfängerlehrbuch], 36 Auflagen) veröffentlicht er im Rahmen der populären
Literatur eine Bearbeitung von Tenglers → Laienspiegel von 1495 (1509)
und des → Klagspiegels (Conrad Heydens, † 1443/1444) (Neuausgabe 1516)
sowie die Satire Narrenschiff (1494).
Lit.: Köbler, DRG 143; Staehelin, A., Sebastian Brant, (in)
Professoren der Universität Basel, 1960, 18; Trusen, W., Anfänge des gelehrten
Rechts in Deutschland, 1962, 127; Knape, J., Dichtung, Recht und Freiheit,
1992; Sebastian Brant, hg. v. Wilhelmi, T., 2002
Brauchtum ist die
Gesamtheit der tatsächlich innerhalb einer Personenmehrheit geübten
sozialverträglichen Verhaltensweisen. Das B. weist viele Beziehungen zum Recht
auf (z. B. Weistümer). Insbesondere kann das Recht das B. beeinflussen.
Lit.: Köbler, DRG 5; Sartori, P., Sitte und Brauch, 1910;
Bächtold, H., Die Gebräuche bei Verlobung und Hochzeit, 1914; Künßberg, E.
Frhr. v., Rechtsbrauch und Kinderspiel, 1920 (SB Heidelberg), 2. A. 1952;
Künßberg, E. v., Rechtliche Volkskunde, 1936; Becker, A., Frühlingsbrauch und
Sonnenkult, 1937; Fehrle, E., Deutsche Hochzeitsbräuche, 1937; Zipperer, F.,
Das Haberfeldtreiben, 1938; Lippert, E., Glockenläuten als Rechtsbrauch, 1939;
Müller, G., Der Umritt, 1941; Dörrer, A., Brotspenden als Verlöbnis und
Gemeinschaftsbrauch, ZRG GA 74 (1957), 266; Erler, A., Burschenbrauchtum vor
den Schranken des Ingelheimer Oberhofes, ZRG GA 79 (1962), 254; Schädler, K.,
Die Lederhose in Bayern und Tirol, 1962; Brückner, W., Bildnis und Brauch,
1966; Cromberg, H., Die Knabenschaftsstatuten der Schweiz, (um 1976); Schieder,
E., Das Haberfeldtreiben, 1983; Deimling, B., Ad rufam ianuam, ZRG GA 115
(1988), 498; Becker-Huberti, M., Lexikon der Bräuche und Feste, 2000; Althoff,
G., Die Macht der Rituale, 2003; Rechtssymbole und Wertevermittlung, hg. v.
Schulze, R., 2004
Brauen ist das Herstellen von Bier aus
Getreide und Wasser(, 12. Jh. Hopfen und in der Neuzeit Hefe). Es ist bereits
dem Altertum bekannt und findet sich in den Grundherrschaften seit dem
Frühmittelalter (1040 Bischof von Freising für Weihenstephan). In der
hochmittelalterlichen Stadt entwickelt es sich zum verrechtlichten Gewerbe. Die
Herzöge von Bayern beschränken die Bierherstellung auf Gerste, Hopfen und
Wasser (1493/1516, Reinheitsgebot, vgl. 1906 Biersteuergesetz § 9 I). Seit der
Einführung der Gewerbefreiheit im frühen 19. Jh. entstehen Bierfabriken, die
als Großbrauereien die Hausbrauereien verdrängen.
Lit.: Brinkmann, H.,
Das Brauwesen der kaiserlich freien Reichsstadt Goslar, 1925; Schlosser, H.,
Braurechte, Brauer und Braustätten in München, 1981; Heckel-Stehr, K.,
Brauwesen in Bayern, 1988; Blanckenberg, C. v., Die Hanse und ihr Bier, 2001
Braunschweig an der Oker wird 1031 erstmals erwähnt und wächst aus fünf älteren Siedlungen (Altstadt, Neustadt E. 12. Jh., Sack 2. H. 13. Jh., Hagen um 1160, Altenwiek) zusammen. Schon früh steht der Ort unter der Herrschaft der Welfen, deren Reichsfürstentum von 1235 nach B. und Lüneburg benannt wird. Die zeitweise ziemlich selbständige Stadt, die 1227 das Hagenrecht und das sog. Ottonianum (mnd.) aufzeichnet, 1402 den Rechtsstoff neu ordnet und 1532 ihre Statuten einer 1675 aufgehobenen Reformation unterzieht, geht 1671 an das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel über und gelangt, wirtschaftlich mehr und mehr von Hannover und Magdeburg überholt, 1946 mit dem Land B. an Niedersachsen.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Urkundenbuch der Stadt
Braunschweig, bearb. v. Dolle, J. u. a., Bd. 1ff. 1874ff. (Bd. 5 1994);
Hanselmann, L., Die ältesten Stadtrechte Braunschweigs, Hans. Geschbll. 1892,
3; Frensdorff, F., Das braunschweigische Stadtrecht bis zur Rezeption, ZRG GA
26 (1905), 195; Merkel, J., Der Kampf des Fremdrechtes mit dem einheimischen
Rechte in Braunschweig-Lüneburg, 1904; Fahlbusch, O., Die Finanzverwaltung der
Stadt Braunschweig, 1913; Busch, F., Beiträge zum Urkunden- und Kanzleiwesen
der Herzöge zu Braunschweig und Lüneburg, 1921; Hüttebräuker, L., Das Erbe
Heinrichs des Löwen, 1927; Wolters, G., Das Amt Friedland und das Gericht
Leineberg, 1927; Meier, P., Der Streit Herzog Heinrichs des Jüngeren von
Braunschweig-Wolfenbüttel mit der Reichsstadt Goslar, 1928; Kleinau, H., Der
Grundzins in der Stadt Braunschweig, 1929; Willecke, R., Das eheliche
Güterrecht im Braunschweiger Stadtrecht, 1929; Timme, F., Die wirtschafts- und
verfassungsgeschichtlichen Anfänge der Stadt Braunschweig, 1931; Germer, H.,
Die Landgebietspolitik der Stadt Braunschweig, 1937; Spieß, W., Die Heerstraßen
auf Braunschweig, 1937; Spieß, W., Die Ratsherren der Hansestadt Braunschweig
1231-1671, 1940; Querfurth, H., Die Unterwerfung der Stadt Braunschweig im
Jahre 1671, 1953; Beiträge zur Geschichte des Gerichtswesens im Lande
Braunschweig, hg. v. Spieß, W., 1954; Piper, H., Testament und Vergabung von
Todes wegen, 1960; Diestelkamp, B., Die Städteprivilegien Herzog Ottos des
Kindes, 1961; Moderhack, R., Hundert Jahre Stadtarchiv und Stadtbibliothek,
1961; Spieß, W., Geschichte der Stadt Braunschweig im Nachmittelalter, 1966;
Kleinau, H., Geschichtliches Ortsverzeichnis des Landes Braunschweig, 1967,
1968 (2425 Namen); Pitz, E., Landeskulturtechnik, 1967; Handbuch der Quellen
und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing,
H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,3,2903; Garzmann, M., Stadtherr und Gemeinde in
Braunschweig, 1976; Lockert, M., Die niedersächsischen Stadtrechte, 1978;
Petersen, W., Verzeichnis der Einblattdrucke und Handschriften, 1984, Rat und
Verfassung im mittelalterlichen Braunschweig, 1986; Bringmann, W., Die
braunschweigische Thronfolgefrage, 1988; Henne, T., Verwaltungsrechtsschutz im
Justizstaat, 1995; Hanse - Städte - Bünde, hg. v. Puhle, M., 1996; Hackel, C.,
Der Untergang des Landes Braunschweig, 2000; Die braunschweigische Landesgeschichte,
hg. v. Jarck, H. u. a., 2000; Ohm, M., Das Braunschweiger Altstadtrathaus,
2002; Justiz und Anwaltschaft in Braunschweig, hg. v. Isermann, E. u. a., 2004;
Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte des braunschweigischen Landes vom
Mittelalter bis zur Gegenwart, hg. v. Leuschner, J. u. a., 2008
Braurecht ist das das Brauen betreffende
Recht.
Lit.: Peterka, O., Die
bürgerlichen Braugerechtigkeiten in Böhmen, 1917; Schlosser, H., Braurechte,
Brauer und Braustätten in München, 1981
Braut (8./9. Jh.) ist zunächst die neuvermählte junge Frau und erst in jüngerer Zeit die durch ein Heiratsversprechen erst zur Eheschließung verpflichtete Frau.
Lit.: Köbler, WAS; Opet, O., Brauttradition und
Konsensgespräch, 1910; Die Braut, hg. v. Völger, G. u. a., 1985
Brautkind ist
das Kind einer (unverheirateten) Braut. Es ist unehelich, kann aber innerhalb
der unehelichen Kinder eine bessere Rechtsstellung haben.
Brautlauf ist die im 13. Jh. im Deutschen erloschene Bezeichnung für die Hochzeit.
Lit.: Krogmann, W., Brautlauf und Braut, Wörter und Sachen
16 (1934), 81
Bregenz
Lit.: Helbok, A., Die
Bevölkerung der Stadt Bregenz, 1912
Breisach
Lit.: Beyerle, Franz,
Das älteste Breisacher Stadtrecht, ZRG GA 39 (1918), 318; Haselier, G.,
Geschichte der Stadt Breisach am Rhein, 1969
Bremen (782) südlich der Wesermündung wird 787/789 Sitz eines Bischofs bzw. 845/864 eines Erzbischofs. Im 13. Jh. löst sich B. von der Herrschaft des Bischofs. Wahrzeichen wird der Roland. B. wird Mitglied der Hanse. 1303/1304 wird das Recht aufgezeichnet. 1541/1646 wird die Reichsfreiheit erlangt, die sich in der Stellung als Mitglied des Deutschen Bundes (1815) und als Land im Deutschen Reich (1871) und in der Bundesrepublik Deutschland (1949) fortsetzt. 1970 entsteht in B. eine Universität.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Bremisches
Urkundenbuch, Bd. 1ff. 1873ff.; Kühtmann, A., Die Romanisierung des
Zivilprozesses in der Stadt Bremen, 1891; Kühtmann, A., Geschichte der bremischen
Stadtvogtei, 1900; Rehme, P., Über das älteste bremische Grundbuch (1438-1558),
1908; Gattjen, B., Der Rentenkauf in Bremen, 1928; Eckhardt, K., Die
mittelalterlichen Rechtsquellen der Stadt Bremen, 1931; Das bremische
Stadtrecht von 1303/08, hg. v. Eckhardt, K., 1931; Haase, C., Untersuchungen
zur Geschichte des Bremer Stadtrechts, 1953; Hinte, P., Die hannoversche
Gerichtsbarkeit in der Stadt Bremen von 1720-1803, Diss. jur. Göttingen 1957;
Merker, O., Die Ritterschaft des Erzstifts Bremen im Spätmittelalter, 196ich,
1969; 2; Lorenz, G., Das Erzstift Bremen und der Administrator Friedrich, 1969;
Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,3,2905;
Schwarzwälder, H., Geschichte der freien Hansestadt Bremen, Bd. 1ff. 1975ff.;
Barkhausen, W., Erzbischof Adaldag und König Harald Gormsson, ZRG GA 111
(1994), 363; Kessler, A., Die Entstehung der Landesverfassung, Diss. jur.
Freiburg im Breisgau 1996; Bremer Freiheiten, bearb. v. Gerstenberger, H.,
1997; Schwarzwälder, H., Das große Bremen-Lexikon, 2000; 700 Jahre Bremer Recht
1303-2003, hg. v. Elmhäuser, K., 2003; Kähler,
J., Französisches Zivilrecht und französische Justizverfassung in den
Hansestädten Hamburg, Lübeck und Bremen (1806-1815), 2007; Elmshäuser, K.,
Geschichte Bremens, 2007
Bremgarten
Lit.: Bürgisser, E.,
Geschichte der Stadt Bremgarten, 1937
Breslau an der Oder erscheint im 10. Jh. als befestigte Siedlung und wird 1000 Sitz eines Bischofs. Seit 1163 ist es in Niederschlesien Sitz eines Herzogs aus der Familie der Piasten. 1225 erhält es eine Marktsiedlung nach deutschem Recht, 1241 deutsches Recht. (1261 Magdeburger Recht). 1335 gelangt B. an Böhmen. In der Mitte des 14. Jh. wird ein zunächst unsystematisches, gegen 1370 systematisiertes Stadtrechtsbuch zusammengestellt. Am Ende des 15. Jh. entstehen die Rechtsbücher Der rechte Weg und Remissorium. B. wird Oberhof für mindestens 65 Städte. 1526 fällt B. mit Böhmen an Österreich. 1702 wird eine Universität eingerichtet (bis 1811). 1741 wird B. von Preußen erobert. Über Preußen gelangt B. nach 1945 an Polen. → Breslauer Landrecht
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Laband, P., Das
Magdeburg-Breslauer systematische Schöffenrecht, 1863; Breslauer Urkundenbuch,
hg. v. Korn, G., 1870; Goerlitz, T., Die Übertragung liegenden Gutes, 1906;
Rehme, P., Über die Breslauer Stadtbücher, 1909; Pfitzner, J., Besiedlungs-,
Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte des Breslauer Bistumslandes, 1926;
Pfeiffer, G., Das Breslauer Patriziat, 1929; Goerlitz, T., Die Breslauer
Rechtsbücher des 14. Jahrhunderts, ZRG GA 59 (1939), 136; Lindgren, E., Die
Breslauer Strafrechtspflege, 1939; Hermann, E., Das Abgabenrecht der Stadt
Breslau, 1941, Goerlitz, T., Verfassung, Verwaltung und Recht der Stadt Breslau,
hg. v. Petry, L., 1962; Rabe, C., Alma mater Leopoldina, 1999; Encyklopedia
Wroclawia (Enzyklopädie Breslaus), hg. v. Harasimowicz, J., 2000; Der rechte
Weg, hg. v. Ebel, F., 2000; Quellenbuch zur Geschichte der Universität Breslau
1702 bis 1811, hg. v. Conrads, N., 2002; Davies, N. u. a., Die Blume Europas,
2002; Eschenloer, P., Geschichte der Stadt Breslau, hg. v. Roth, G., 2003;
Thum, G., Die fremde Stadt, 2003; Quellenbuch zur Geschichte der Universität
Breslau 1702 bis 1811, hg. v. Conrads, N. u. a., 2004
Breslauer Landrecht
ist die durch König Johann von Böhmen veranlasste, in 351 Kapitel mit 13
Anhangskapiteln gegliederte, im Fürstentum Breslau und Teschen gebrauchte
Bearbeitung des Landrechts des →Sachsenspiegels (1346/1356).
Lit.: Köbler, DRG 103; Gaupp, E., Das schlesische
Landrecht, 1828, Neudruck 1966; Goerlitz, T., Die Breslauer Rechtsbücher, ZRG
59 (1934), 155; Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1 1990,
30
Bretagne ist die
schon früh von Kelten besiedelte westliche Halbinsel Westeuropas, die 56 v.
Chr. von Caesar unter die Herrschaft der Römer gebracht wird. Vom 5. Jh. n.
Chr. an wandern keltische Briten von Britannien aus ein, die unter die
Herrschaft der Franken geraten. Um 845/846 wird die B. vom fränkischen Reich unabhängig,
steht bald aber wieder unter französischer und seit 1113 englischer
Lehnsherrschaft. Zwischen 1312 und 1325 wird die (franz.) Très ancienne coutume
de B. (Sehr alte Gewohnheit der B.) aufgezeichnet. 1515 wird die B. Krondomäne
Frankreichs.
Lit.: La très ancienne coutume de
Bretagne, hg. v. Planiol, M., 1896; Poisson, H., Histoire de la Bretagne, 1966;
Fleuriot, L., Les origines de la Bretagne, 1980
Breviarium (N.) Alarici (lat.) ist die vom Westgotenkönig Alarich II. vor 507
geschaffene Kurzfassung des nachklassischen römischen Rechts, die für die
Romanen im westgotischen Reich gilt und bis in das Hochmittelalter Bedeutung
behält. → Lex Romana Visigothorum
Lit.: Söllner § 20; Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 53, 82;
Buchner, R., Die Rechtsquellen, 1953
Brevium exempla (lat. [N.Pl.])
ist die moderne Bezeichnung eines frühmittelalterlichen Güterverzeichnisses
(825-850) für königliche Güter in Staffelsee, Weißenburg und bei Lille.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Metz, W., Das karolingische
Reichsgut, 1960, 18
Briand-Kellogg-Pakt → Kellogg-Pakt
Brief (aus lat. breve, kurze
[Mitteilung]) ist die (kurze)
schriftliche, später durch einen Umschlag verschlossene Mitteilung.
Lit.: Die Tegernseer Briefsammlung des 12. Jahrhunderts,
hg. v. Plechl, H., 2002; Schaller, H., Handschriftenverzeichnis zur
Briefsammlung des Petrus de Vinea, 2002; Furger, C., Briefsteller, 2009
Briefadel ist der
durch Urkunde erlangte Adelsstand und die Gesamtheit der durch Urkunde in den →
Adel erhobenen Menschen. B. ist seit 1346 unter französischem Einfluss möglich
(bis 1918).
Lit.: Köbler, DRG 98
Briefgeheimnis ist
die Geheimheit der in einem Brief (Schriftstück) niedergeschriebenen Gedanken
eines Menschen. Bereits im römischen Recht (Lex Cornelia) ist das unbefugte
Öffnen von Urkunden mit Strafe bedroht. Mittelalterliche Botenordnungen und
frühneuzeitliche Landesordnungen (Tirol 1532) schützen Briefe. II 10 § 1370
ALR (1794) stellt das unerlaubte Eröffnen von Briefen überhaupt unter Strafe.
Der verfassungsrechtliche Schutz des Briefgeheimnisses ist eine Errungenschaft
des 19. Jh.s (Kurhessen 1831 § 38).
Lit.: Eisenhardt, U., Deutsche Rechtsgeschichte, 4. A.
2004; Geschichte der deutschen Post, hg. v. Sautter, K., Teil 1ff. 1928ff.;
Krauß, M., Das kursächsische Postrecht, 1998; Vellusig, R., Geschichte des
Briefes, 2000
Bringschuld ist die
am Wohnsitz des Gläubigers zu erbringende Schuld. Da Abgaben in der Regel beim
Berechtigten abzuliefern sind, ist die B. schon im Frühmittelalter weit
verbreitet. Ihre Bedeutung wächst nach dem Aufkommen der Geldwirtschaft.
Lit.: Mitteis, H./Lieberich, H., Deutsches Privatrecht, 9.
A. 1981, § 28
Brinz, Alois Ritter
von (Weiler im Allgäu 25. 2. 1820-München 13. 9. 1887), Sohn eines
Landgerichtsaktuars, wird nach dem Studium von Sprachen und Recht in München
und Berlin 1851 außerordentlicher Professor und 1854 ordentlicher Professor in
Erlangen, Prag (1857), Tübingen (1866) und München (1871). Sein wichtigstes
Werk ist ein Pandektenlehrbuch (1857ff.), in dem er die juristische Person als
Zweckvermögen versteht.
Lit.: Rascher, J., Die Rechtslehre des Alois von Brinz,
1975
Britannien → Brite
Brite ist der Angehörige eines keltischen, die britischen Inseln bewohnenden Volkes, das 409 n. Chr. von römischer Herrschaft frei wird, aber wenig später von der Bedrohung durch Angeln, Sachsen und Jüten in die → Bretagne bzw. nach Wales, Cornwall und Schottland zurückweicht.
Lit.: Ross, A., Pagan Celtic Britain,
2. A. 1974; Brodersen, K., Das römische Britannien,
1998; A Companion to Roman Britain, hg. v. Todd, M., 2004; Birley, A., The
Roman Government of
Brite → England, Großbritannien, Kelte
Britische Zone ist
die 1945 Großbritannien zugeteilte → Besatzungszone Deutschlands. Sie
geht am 1. 1. 1947 in der → Bizone auf. Von 1948 bis 1950 kennt sie einen
Obersten Gerichtshof.
Lit.: Trittel, G., Die Bodenreform in der britischen Zone
1945-1949, 1975; Zimmermann, R., Der oberste Gerichtshof für die britische Zone,
ZNR 3 (1981), 158
Brixen
Lit.: Fajkmajer, K.,
Studien zur Verwaltungsgeschichte des Hochstiftes Brixen im Mittelalter,
Forschungen und Mitteilungen zur Geschichte Tirols und Vorarlbergs 6 (1909);
Schwüppe, H., Das Bürger- und Inwohnerbuch der Stadt Brixen 1500-1709, Diss.
phil. Innsbruck 1955 (masch.schr.); Kustatscher, E., Die Städte des Hochstifts
Brixen im Spätmittelalter, 2007
Brocarda oder Brocardica (lat. [F.], Herkunft streitig, zu Burchard?, zu pro - contra?, zu mlat. broccus, Adj., hervorstehend, roman. Spieß?) ist im Hochmittelalter die in der Kompilation Justinians noch nicht enthaltene, gelehrte Rechtsregel, aus der man durch logisches Schließen Rechtsfolgen ableiten kann (Pilius, Damasus Boemus um 1215).
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Meyer, E., Brocardica, ZRG KA 69
(1952), 453; Lange, H., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997
Brücke ist die auf Dauer angelegte
Verbindung zweier Landgebiete über ein Gewässer durch ein überirdisches
Bauwerk. Sie ersetzt die natürliche Furt und die nach Bedarf verkehrende Fähre.
Bereits die Römer hatten eine hoch entwickelte Brückenbaukunst.
Lit: Cooper, A.,
Bridges, Law and Power in Medieval England, 2006
Bruderschaft (F., ahd.) ist der dem Verhältnis von Brüdern nachgebildete Verband von Priestern oder Handwerkern
Lit.: Hinojosa, E. de., La fraternidad artificial en
España, Revista de Archivos 1905; Moeller, E. v., Die Elendenbrüderschaften
1906; Le mouvement confraternel, 1987; Einungen und Bruderschaften in der
spätmittelalterlichen Stadt, hg. v. Johanek, P., 1993; Rosenplenter, K.,
Saeculum pium, 2003; Mittelalterliche Bruderschaften in europäischen Städten,
hg. v. Escher-Apsner, M., 2009
Brügge in Flandern wird trotz römischer
Vorläufersiedlung erst im 11. Jh. als Sitz flämischer Grafen bedeutsam. 1127 erhält
es Stadtrechte. Im Hochmittelalter wird es durch Handel reich. Trotz
wirtschaftlichen Niedergangs wird es 1559 Bischofssitz.
Lit.: Van Houtte, J.,
De geschiedenis van Brugge, 1982; Murray, J., Bruges, Cradle of Capitalism,
2005
Brünn in Südmähren ist der seit 800 erscheinende, im Hochmittelalter von Deutschen aufgesiedelte Ort, der 1243 das Stadtrecht von → Iglau erhält. Brünner Schöffenbuch ist ein von einem Stadtschreiber Johann(es) (1343-1387) in Brünn verfasstes, sachlich-alphabetisch von (lat. [F.Pl.]) actiones (Klagansprüche) bis vulnera (Wunden) geordnetes → Rechtsbuch in 730 Artikeln, das (etwa mit der Wendung lex dicit, das Gesetz besagt) in das einheimische deutsche Recht einzelne römisch-rechtliche Zutaten einfügt.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Bretholz, B., Geschichte der Stadt
Brünn, 1911, Schubart-Fikentscher, G., Das Brünner Schöffenbuch, DA 1 (1937),
457; Schubart-Fikentscher, G., Römisches Recht im Brünner Schöffenbuch, ZRG GA
65 (1947), 86; Weizsäcker, W., Wien und Brünn in der Stadtrechtsgeschichte, ZRG
GA 70 (1953), 125; Flódr, M., Právni kniha města Brna z poloviny 14.
století 1 (Das Rechtsbuch der Stadt Brünn aus der Mitte des 14. Jahrhunderts
1), 1990ff.; Der Brünner Todesmarsch 1945, hg. v. Hertl, H. u. a., 1998;
Lexikon bedeutender Brünner Deutscher, hg. v. Fehige, C. u. a., 2000; Pfeifer,
C., Jus regale Montanorum, 2002; Sulitková, L., Vyvoj mestskych knih v Brne,
2004
Brunnemann, Johann (Cölln bei Berlin 7. 4.
1608-Frankfurt an der Oder 15. 12. 1672), Pfarrerssohn wird nach dem Studium
der Theologie in Wittenberg (1627) und in Frankfurt an der Oder (1632) dort
1636 ordentlicher Professor der Logik. 1638 promoviert er zum Dr. iur. utr. und
wird 1640 Professor der Institutionen, dann der Pandekten, des Codex und der
Dekretalen und 1653 Ordinarius. Bedeutsam ist sein Pandektenkommentar (1670).
Kennzeichnend ist sein Übergang von der exegetischen zur synthetisch-praktischen
Stoffdarstellung. Nachhaltige Wirkung erzielt er mit seinem (lat.) Tractatus
(M.) iuridicus de inquisitionis processu (Rechtlicher Traktat über den
Inquisitionsprozess) von 1648.
Lit.: Hornung-Grove,
M., Beweisregeln im Inquisitionsprozess, Diss. jur. Göttingen 1974
Brunnen ist die meist eingefasste Stelle
zur Entnahme (möglichst reinen) Wassers. An Brunnen können unterschiedliche
Rechte bestehen. Seit dem 19. Jh. sind die einzelnen B. allmählich weitgehend
durch öffentlich verwaltete Wasserleitungen ersetzt.
Lit.: Spindler, H., Der
Brunnen im Recht, Diss. jur. Heidelberg 1938
Brunner, Heinrich (Wels 21. 6. 1840-Bad Kissingen 11. 8. 1915) wird nach dem Rechtsstudium in Wien (1864 Institutsprüfungsarbeit über das gerichtliche Exemtionsrecht der Babenberger, 1865 Habilitation über Zeugen und Inquisitionsbeweis der karolingischen Zeit) Professor in Lemberg (ao. 1866, o.1868), Prag (1870), Straßburg (1872) und Berlin (1873, Nachfolge Homeyer). Unter genauer Quellenkenntnis durchdringt er den geschichtlichen Stoff juristisch und legt nach zahlreichen Einzelarbeiten (z. B. über Schwurgericht, Urkunde, Landschenkung) 1887 den ersten Band seiner die germanische und fränkische Zeit umfassenden deutschen Rechtsgeschichte vor.
Lit.: Köbler, DRG 221; Brunner, H., Forschungen zur
Geschichte des deutschen und französischen Rechtes, 1894; Festschrift Heinrich
Brunner, 1910; Brunner, H., Grundzüge der deutschen Rechtsgeschichte, 8. A.
1930; Brunner, H., Abhandlungen zur Rechtsgeschichte, hg. v. Rauch, K., 1931;
Stutz, U., Heinrich Brunner, ZRG GA 36 (1915), IX
Brunner, Otto (Mödling/Niederösterreich 21. 4.
1898-Hamburg 12. 6. 1982) wird nach dem Studium der Geographie und Geschichte
in Wien 1931 Professor und nach Erscheinen seines die Bedeutung des geltenden
Staatsrechts für das Mittelalter zurückdrängenden, auf Quellenbegriffe
setzenden Werkes Land und Herrschaft (1939, 5. A. 1965) von 1942 bis 1945
Leiter des Instituts für österreichische Geschichtsforschung. 1954 wechselt er
nach Hamburg. Gemeinsam mit W. Conze und R. Koselleck veröffentlicht er seit
1972 Geschichtliche Grundbegriffe.
Lit.: Algazi, G.,
Herrengewalt und Gewalt der Herren im späten Mittelalter, 1996; Deutsche
Historiker im Nationalsozialismus, hg. v. Schulze, W. u. a., 1999 ; Alteuropa
oder frühe Moderne?, hg. v. Schorn-Schüttte, L., 1999
Brüssel an der Zenne erscheint am Ende des 7. Jh.s. Es entwickelt sich zum Vorort der burgundischen Niederlande. 1830 wird es Hauptstadt des neuen Königreichs → Belgien. 1834 erhält es eine Universität. Innerhalb der europäischen Gemeinschaften bzw. der Europäischen Union ist die mehrheitlich frankophone Stadt Sitz der Europäischen Kommission.
Lit.: Favresse, F., Le conseil de
Bruxelles 1282-1521, Revue Belge de Philologie 9 (1930), 139; Godding, P., Le
droit foncier á Bruxelles, 1960; Histoire de Bruxelles, hg. v. Martens, M., 2. A. 1979;
Majerus, B., Occupations et logiques policières, 2008
buccellarius (lat. [M.]) „Bissennehmer“,
freier [grundsätzlich erblicher] Anhänger eines Herrn (Codex Euricianus [um
475?] 310, Lex Visigothorum [7. Jh.?] V, 3. 1)
Lit.: Claude, D., Adel,
Kirche und Königtum im Westgotenreich, 1971; Wolfram, H., Die Goten, 4. A. 2001
Buch ist das zu einem Band zusammengefasste Schriftstück. Sein Inhalt kann alle Lebensbereiche erfassen. Rechtlich bedeutsam sind etwa Achtbuch, Gesetzbuch, Grundbuch, Lehrbuch, Rechtsbuch oder Stadtbuch. Bereits in der Antike entstehen Buchsammlungen oder Bibliotheken mit bis zu einer halben Million katalogisierter Schriftrollen (Alexandria um 300 v. Chr., um 350 n. Chr. vielleicht 30 öffentliche Bibliotheken in Rom). Mit dem Übergang (von der vielfach in ausgeliehenen Lagen oder [lat.] peciis) abgeschriebenen Handschrift zur Drucktechnik mit beweglichen Lettern (Johannes Gensfleisch genannt Gutenberg [Mainz um 1400-Mainz 3. Februar 1468] in Mainz zwischen 1440 und 1454, 1448?, Beginn mit Kalenderblättern und Sibyllenweissagungen, ab 1451 42zeilige Bibel mit 48 erhaltenen von ursprünglich 180 mit Hilfe 20er Mitarbeiter gedruckten Exemplaren zu je 1282 Seiten in Mons, Kopenhagen, Aschaffenburg, Berlin, Frankfurt am Main, Fulda, Göttingen, Kassel, Leipzig, Mainz, Mainz, München, Rendsburg, Schweinfurt, Stuttgart, Trier, Paris, Paris, Paris, Saint Omer, Cambridge, Edinburgh, Eton, London, London, London, Manchester, Oxford, Vatikan, Vatikan, Tokio, Wien, Pelplin/Polen, Lissabon, Moskau, Moskau, Cologny/Schweiz, Burgos, Sevilla, Austin/Texas, Cambridge/Massachusetts, New Haven/Connecticut, New York, New York, New York, New York, Princeton, San Marino/Kalifornien, Washinghton D. C.) wird es (nach Erstdrucken der Clementinae Mainz 1460, des Liber Sextus Mainz 1465, der Institutiones Mainz 1468, des Liber Extra Straßburg 1468/1471, des Decretum Straßburg 1471, des Sachsenspiegels Landrecht Basel 1474, des Codex Mainz 1475, des Digestum vetus Rom 1476 und des Infortiatum, Digestum novum 1476) zur Massenware (um 1500 im deutschen Reich 62 Druckorte, 27000-30000 Titel in Europa, darunter viele Nachdrucke und Neuauflagen), wobei seit 1473 Bücherverzeichnisse geschaffen werden (Vocabularius juris utriusque [1473], Bertachinus, J., Repertorium, 1481), seit etwa 1500 Auflagen sich im Inhalt unterscheiden (sog. Inkunabeln, Wiegendrucke) und im 16. Jahrhundert (um 1525 Schwerpunktverlagerung nach Lyon, Paris, 1550 Basel, 1570 Frankfurt am Main, Venedig) bereits 70 bis 90 Millionen einzelne Bücher (d. h. fast eine Million einzelne Bücher im Jahr) im deutschen Sprachraum (durch [im 16. und 17. Jahrhundert] mehr als 2662 Buchdrucker in 381 Druckorten, seit 1530 Titelblatt mit Drucker und Druckort durch den Augsburger Reichstag vorgeschrieben, seit 1548 Angabe des Verfassers) hergestellt werden. Zur Sicherung gegen (billigere) Nachdrucke erstreben die Drucker Privilegien von Landesherren mit strafbewehrten Verboten gegen den unerlaubten Nachdruck. Der große Erfolg des Buches verstärkt seit der Reformation (1517) Martin Luthers (1521) die im 13. Jh. beginnende Zensur (Vorzensur, im Heiligen römischen Reich durch einen Bücherkommissar, in Frankfurt am Main 1579, ab etwa 1700 in Leipzig). 1871 werden im Deutschen Reich etwa 10750 Bücher und Karten verlegt. Die Zahl allein der rechtswissenschaftlichen Monographien steigt zwischen 1952 und 2002 von 667 auf 3634 pro Jahr.
Lit.: Hagemann, H., Rechtswissenschaft und Basler
Buchdruck, ZRG GA 77 (1960), 241; Bieber, H., Die Befugnisse und
Konzessionierungen der Münchner Druckereien und Buchhandlungen, Diss. jur.
München 1956; Fischel, L., Bilderfolgen im frühen Buchdruck, 1963; Eisenhardt,
U., Die kaiserliche Aufsicht über Buchdruck, Buchhandel und Presse, 1970;
Holthöfer, E., Funktionsweisen gemeinrechtlicher Kommunikation, 1972; Presser,
H., Buch und Druck, 1978; Eisenstein, E., The Printing Press as an Agent of
Change, Bd. 1f. 1979; Lexikon des gesamten Buchwesens, hg. v. Corsten, S., 2.
A. 1987; Hoffmann, H., Buchkunst und Königtum, 1986; Bülow, M., Buchmarkt und
Autoreneigentum, 1990; Giesecke, M., Der Buchdruck in der frühen Neuzeit, 1991;
Rationalisierung der Buchherstellung im Mittelalter und in der frühen Neuzeit,
1994; Janzin, M./Güntner, J., Das Buch vom Buch, 1995; Laienlektüre und
Buchmarkt im späten Mittelalter, hg. v. Kock, T. u. a., 1997; Neddermeyer, U.,
Von der Handschrift zum gedruckten Buch, 1998; Geschichte der Buchkultur, Bd.
1ff., hg. v. Mazal, O. u. a., 1999; Füssel, S., Gutenberg und seine Wirkung,
1999; Zimmer, D., Die Bibliothek der Zukunft, 2000; Osler, D., Catalogue of
Books printed, 2000; Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20.
Jahrhundert, hg. v. Jäger, G. u. a., 2001ff.; Haegen, P. van der, Der frühe
Basler Buchdruck, 2001; Soetermeer, F., Utrumque ius in peciis, 2002; Casson,
L., Bibliotheken in der Antike, 2002; Antike Bibliotheken, hg. v. Hoepfner, W.,
2002; Hiller, H./Füssel, S., Wörterbuch des Buches, 6. A. 2002, 7. A. 2007;
Juristische Buchproduktion im Mittelalter, hg. v. Colli, V., 2002; Handbuch der
historischen Buchbestände in Deutschland, Handbuch der historischen
Buchbestände in Österreich, Handbuch deutscher historischer Buchbestände in
Europa, 1992ff., CD-ROM-Edition 2003; Agati, M., Il libro manoscritto, 2003;
Darnton, R., Die Wissenschaft des Raubdrucks, 2003; Meyer, S., Bemühungen um
ein Reichsgesetz gegen den Büchernachdruck, 2004; Wadle, E., Goethes Wünsche
zum Nachdruckschutz, ZRG GA 122 (2005) 301; Reclams Sachlexikon des Buches, hg.
v. Rautenberg, U., 2. A. 2003; Haus- und Familienbücher in der städtischen
Gesellschaft, hg. v. Studt, B., 2006; Verbergen – Überschreiben – Zerreißen,
hg. v. Körte, M. u. a., 2007; Reske, C., Die Buchdrucker des 16. und 17.
Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet, 2007; Koppitz, H., Die kaiserlichen
Druckprivilegien, 2007; Röhring, H. Wie ein Buch entsteht, 8. A. 2008; Empell,
H., Gutenberg vor Gericht, 2008
Buch, Johann von
(um 1290 -nach 1356), aus einer seit 1194 als Herren von Buch (bei Tangermünde)
bezeugten altmärkischen ritterlichen Familie, ist nach dem Studium in Bologna
(1305) Ratgeber und Richter des Markgrafen von Brandenburg (1332 Hauptmann der
Mark, 1336 [lat.] capitaneus [M.] generalis, Generalhauptmann, zwischen 1321
und 1356 in zahlreichen Urkunden belegt). Er teilt das Landrecht des →Sachsenspiegels
in drei Teile, versieht es mit einer die Übereinstimmung mit dem römischen und
kirchlichen Recht darlegenden Glossierung (buchsche Glosse,
Konkordanzliteratur) und verfasst um 1335 den → Richtsteig Landrechts.
Lit.: Steffenhagen, E., Die Entwicklung der Landrechtsglosse
des Sachsenspiegels, SB. d. Akad. Wien 114 (1887), 309; Oppitz, U., Deutsche
Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1 1990, 29; Kannowski, B., Zwischen
Appellation und Urteilsschelte - Über das Rechtsdenken des Johann von Buch, ZRG
123 (2006), 110
Buchda, Gerhard ([Stadt]Roda/Thüringen
22. 10. 1901-Stadtroda/Thüringen 20. 12. 1977), Verwaltungsamtmannssohn, wird
nach kaufmännischer Lehre und Studium der Rechtswissenschaft in Jena
(1923-1926) 1930 promoviert (Das Privatrecht Immanuel Kants) und 1934
habilitiert (Geschichte und Kritik der deutschen Gesamthandslehre, betreut von
Rudolf Hübner). 1937 wird er zum außerordentlichen Professor an die
Universität Halle-Wittenberg berufen und 1939 zum ordentlichen Professor
ernannt, 1945 entlassen. 1949 wird er nach Jena berufen, wo er 1967 emeritiert
wird.
Lit.: Lieberwirth, R.,
Nachruf ZRG GA 95 (1978), 492; Gedächtnisschrift für Gerhard Buchda, hg. v.
Krahner, L. u. a., 1997
Bücherkommissar ist der mit der Bücherzensur beauftragte Amtsträger (Universität Köln 1479), dem päpstliche Beauftragte seit dem 13. Jh. (Paris 1323) vorausgehen. 1579 wird für das Reich ein ständiges Bücherkommissariat (Reichsfiskalprokurator am Reichskammergericht) in Frankfurt am Main eingerichtet (um 1725 dem Reichshofrat angegliedert), das ohne geringe tatsächliche Bedeutung bis 1792 wirkt.
Lit.: Widmann, F., Geschichte des Buchhandels, 1952;
Eisenhardt, U., Die kaiserliche Aufsicht über Buchdruck, Buchhandel und Presse,
1970
Buchführung → Buchhaltung
Buchhaltung ist die
Aufzeichnung von Geschäftsvorfällen eines Unternehmers in Büchern zur Erlangung
von Übersicht. Älteste Versuche in dieser Richtung finden sich bereits im 3.
vorchristlichen Jahrtausend im vorderen Orient. Im Mittelalter erscheinen die
ersten Anfänge unter byzantinisch-arabischem Einfluss in Venedig im 10. Jh.
(Genua 1157, Bologna, Lübeck 13. Jh., Regensburg 14. Jh.). Das älteste
erhaltene Kaufmannsbuch Oberdeutschlands ist das Schuldbuch der Familie
Holzschuher (Nürnberg 1304). Im 14. Jh. entwickelt sich die doppelte
Buchführung mit doppelter Eintragung unter Soll und Haben (Genua 1327).
Lehrwerke der B. erscheinen seit 1494 (Pacioli, Luca in Venedig). In Frankreich
schreiben Ordonnance du commerce (1673) und Code de commerce (1807) Art und
Weise der B. vor. Im 19. Jh. führt die Industrialisierung zur technischen
Verfeinerung und greift der Staat ordnend ein. Hinter dem privaten Kaufmann
bleibt dabei die öffentliche Verwaltung (kameralistische B., Österreich 18.
Jh.) jeweils deutlich zurück. Auf Grund Richtlinien der Europäischen
Gemeinschaften wird in Deutschland mit dem Bilanzrichtliniengesetz ein eigenes
Buch des Handelsgesetzbuches für das Buchführungsrecht und Bilanzrecht
geschaffen. Daneben
finden internationale Grundsätze vielfache Anerkennung (Generally accepted
accounting principles, International Accounting Standards, International
Financial Reporting Standards).
Lit.: Jäger, E., Beiträge zur Geschichte der
Doppelbuchführung, 1874; Penndorf, B., Geschichte der Buchhaltung in
Deutschland, 1913; Sykora, G., System und Methoden der Buchführung, 1952;
Melis, F., Aspetti della vita economica medievale, 1962; Thomson, H. u. a.,
Foreign Books in Bookkeeping and Accounts, 1968; Edwards, J., A History of
Financial Accounting, 1989; Weiss, S., Buchhaltung und Rechnungswesen des
Avignoneser Papsttums (1316-1378), 2003
Bückler,
Johannes → Schinderhannes
Budaeus → Budé
Budapest an der
Donau entsteht 1872 durch Zusammenlegung der auf antiken Grundlagen ruhenden, 1148
erstmals erwähnten Städte Buda (Ofen) und Pest (kurz nach 1230 deutsche
Gründung), die 1526 bzw. 1541 von den Osmanen erobert werden (bis 1686). 1635
wird eine Universität eingerichtet. 1872 wird B. Hauptstadt der
transleithanischen Reichshälfte Österreich-Ungarns, 1918 Hauptstadt Ungarns.
Lit.: Das Ofner Stadtrecht, hg. v. Mollay, K., 1959;
Mesterházi, L., Tausendjähriges Budapest, 1970; Blazovich, L. u.
a., Buda város jogkönyve, 2001; Juristenausbildung in Osteuropa bis zum ersten
Weltkrieg, hg. v. Pokrovac, Z., 2007
Budé (Budaeus),
Guillaume (Paris 26. 1. 1468-23. 8. 1540) tritt nach dem Rechtsstudium in
Orléans (1483-86) in die Dienste des Königs von Frankreich. Nach einer Plutarchübersetzung
aus dem Spanischen (1503) legt er 1508 (lat.) Annotationes (F.Pl.) in pandectas
(Anmerkungen zu den Pandekten) vor, in denen er die Pandekten
philologisch-historisch untersucht und das erste Beispiel des (lat.) →
mos (M.) Gallicus (gallische Art) gibt. Die Anwendbarkeit der in sich
uneinheitlichen Rechtssammlung auf seine Gegenwart verneint er.
Lit.: Köbler, DRG 143; Delaruelle, L.,
Guillaume Budé, 1970
Budgetrecht ist das
Recht, Einnahmen und Ausgaben im Staatshaushalt durch Gesetz festzulegen. Es
geht im 19. Jh. vom Landesherrn an das → Parlament über (Preußen 1850).
Lit.: Eisenhardt, U., Deutsche Rechtsgeschichte, 4. A. 2004
Büdingen
Lit.: Philippi, H.,
Territorialgeschichte der Grafschaft Büdingen, 1954
Bugenhagen, Johannes (Wollin/Pommern 24.
6. 1485-Wittenberg 19. 4. 1558) wird nach artistischem Studium in Greifswald
1504 Rektor der Ratsschule in Treptow an der Rega, wird zum Priester geweiht
und amtet als Notar. 1517/1518 verfasst er die erste auf Quellen gestützte
Geschichte Pommerns. 1521 schließt er sich der Reformation Martin Luthers in
Wittenberg an und verfasst von Brauschweig (1528) aus Kirchenordnungen für
Hamburg (1528/1529), Lübeck (1530/1532), Pommern (1534/1535), Dänemark
(1537/1539), Holstein, Braunschweig-Wolfenbüttel und Hildesheim (1542).
Lit.: Sehling, E., Die
evangelischen Kirchenordnungen, 1911ff.; Johannes Bugenhagen, hg. v. Leder,
H., 1984; Leder, H., Johannes Bugenhagen, 2002; Lorentzen, T., Johannes
Bugenhagen als Reformator der öffentlichen Fürsorge, 2008; Leder, H., Johannes
Bugenhagen Pomeranus, hg. v. Gummelt, V., 2002
Bukarest erscheint auf antiken Siedlungsspuren im 13. Jh. als Marktflecken. 1862 wird es Hauptstadt Rumäniens. 1864 erhält B. eine Universität.
Bukowina (Buchenland) am Osthang
der Karpaten ist im Alterum von Dakern und Bastarnen, seit dem 7. Jh. von
Slawen besiedelt. Über das Reich von Kiew, und das Fürstentum
Halitsch-Wolhynien kommt das Gebiet seit dem 14. Jh. zum Fürstentum Moldau, das
ab 1512 unter den Einfluss des osmanischen Reiches gerät. 1775 gelangt die B.
nach Besetzung (1774) durch Vertrag an → Österreich (Teil Galiziens), wo
sie 1849 eigenes Kronland wird. 1919 fällt B. an → Rumänien, 1940 im
Norden an die Sowjetunion, nach deren Auflösung 1991 an die Ukraine.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Röskau-Rydel, I.,
Galizien, Bukowina, Moldau, 1999; Scharr, K., Die Bukowina, 2007
Bulgarien südlich
der unteren Donau ist anfangs von Thrakern besiedelt, die im 5. Jh. v. Chr.
unter die Herrschaft der Makedonier, im 2. Jh. v. Chr. der Römer kommen. Im 7. Jh.
entsteht aus Slawen, Thrakern, Awaren und Turkvölkern das Volk der Bulgaren,
das 681 und 1185 zu einem eigenen Reich findet. 1393/1396 fällt B. an die
Osmanen (Türken). 1877/1878 löst sich B. teilweise, 1908 als eigenes Zarenreich
vollständig von der türkischen Herrschaft. 1892 wird eine juristische Fakultät
in Sofia gegründet. 1945 wird B. kommunistisch. Sein Recht ist entsprechend
dieser Entwicklung römisch, slawisch, osmanisch, westlich (französisch,
deutsch, aber auch russisch), sozialistisch (1951 Außerkraftsetzung aller vor
1944 verabschiedeten Gesetze) und nach 1990 demokratisch geprägt. 2007 wird B.
Mitglied der Europäischen Union.
Lit.: Angelov, D. u. a., Istorija na bulgarskata feodalna
darzhava i pravo, 1972; Stefanov, I. u. a., Bulgarien, 1975; Handbuch der
Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v.
Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,5,243; Revolution auf Raten – Bulgariens Weg zur
Demokratie, hg. v. Höpken, W., 1996; Knaus, G., Bulgarien, 1997; Crampton, R.,
A Concise History of Bulgaria, 1997; Härtel, H. u. a., Bulgarien, 1998; 100
Jahre Handelsgesetzbuch, hg. v. Paschke, M. u. a., 1998; Manolova, M., Istorija
na darzhvata i pravoto, 2001; Tokuschev, D., Istorija na novobulgarskata
darzhava i pravo, 2001; Öffentlichkeit ohne Tradition, hg. v. Heppner, H.,
2003; Ziemann, D., Vom Wandervolk zur Großmacht, 2006; Köbler, G.,
Rechtsbulgarisch, 2006; Brunnbauer, U., Die sozialistische Lebensweise, 2007
Bulgarus (Bologna? vor 1100?-1. 1.
1166?) ist ein Glossen zu allen Teilen der justinianischen Kompilation, einen
Apparat zu De regulis iuris, einen Tractatus de iudiciis, Quaestiones,
Summulae, Distinktionen, Casus Codicis und anderes verfassender Glossator.
Lit.: Lange, H.,
Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997, 162
Bulle ist die ein Siegel umschließende Kapsel, das (vorwiegend päpstliche) Siegel (meist aus Gold oder Blei) sowie die mit ihm versehene Urkunde (zwischen [lat. F.Pl.] litterae und [N.] privilegium bzw. einfachem Brief und feierlichem Privileg). Aus Byzanz kommt die Bleibulle im 6. Jh. in die päpstliche Kanzlei und von dort am Ende des 8. Jh.s an den fränkischen Hof (1226 Goldene Bulle von Rimini, 1356 → Goldene Bulle Karls IV.). In der B. Unam sanctam begründet Papst Bonifaz VIIII. einen Anspruch des Papstes auf Universalherrschaft auch in weltlichen Angelegenheiten (Es ist zum Heile für jedes menschliche Wesen durchaus unerlässlich, dem römischen Papst unterworfen zu sein).
Lit.: Eitel, A., Über Blei- und Goldbullen im Mittelalter,
1912; Ewald, W., Siegelkunde, 1914; Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. 1356,
bearb. v. Müller, K., 1970; Frenz, T., Papsturkunden, 2. A. 2000; Stieldorf,
A., Basiswissen Siegelkunde, 2004
Bund ist die
(gewollte) Verbindung von Menschen zu einer übergeordneten Einheit. Politisch
bedeutsam ist beispielsweise der → Deutsche B. Im Bundesstaat kann auch
der Gesamtstaat als B. bezeichnet werden.
Lit.: Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1 1972, 582
Bundesakte → Deutsche Bundesakte
Bundesarbeitsgericht ist
das oberste Gericht der Bundesrepublik Deutschland in arbeitsrechtlichen
Streitigkeiten mit Sitz in Kassel bzw. Erfurt (1996).
Lit.: 25 Jahre Bundesarbeitsgericht, hg. v. Gamillscheg, F.
u. a., 1975; Grunsky, W., Arbeitsgerichtsgesetz, 6. A. 1990; 50 Jahre
Bundesarbeitsgericht, hg. v. Oetker, H. u. a., 2004
Bundesexekution ist
im Deutschen Bund die Ausführung der Bundesakte, der Bundesbeschlüsse und
gerichtlicher und gerichtsähnlicher Entscheidungen durch den Deutschen Bund
gegenüber einem Bundesglied (z. B. 1830 gegen Braunschweig, 1834 gegen
Frankfurt, 1864 gegen Dänemark sowie formlos 1866 gegen Preußen).
Bundesfinanzhof ist
das oberste Gericht der Bundesrepublik Deutschland in Finanzstreitigkeiten mit
Sitz in München. Der B. ist Nachfolger des zum 1. 10. 1918 eingerichteten Reichsfinanzhofes.
Lit.: Offerhaus, K., Der Bundesfinanzhof, 3. A. 1993
Bundesgerichtshof ist
seit 1. 10. 1950 als Nachfolger des Reichsgerichts das oberste Gericht der
ordentlichen Gerichtsbarkeit der Bundesrepublik Deutschland mit Sitz (nicht
wie von der Regierung Konrad Adenauer gewünscht in Köln, sondern) in Karlsruhe
(Präsidenten 1950 Hermann Weinkauff, [zwischen 1954 und 1964 mehr als 70
Prozent aus der Zeit vor 1945 übernommene Richter und Staatsanwälte,] 1960
Bruno Heusinger, 1968 Robert Fischer, 1977 Gerd Pfeiffer, 1988 Walter Odersky
1996 Karlmann Geiß, 2000 Günther Hirsch. 2008 Klaus Tolksdorf). Wichtige Entscheidungen
betreffen die Strafbarkeit der Kuppelei, die Anerkennung des allgemeinen
Persönlichkeitsrechts, die Anerkennung der finalen Handlungslehre, die
Anerkennung des Anwartschaftsrechts und des Sicherungseigentums, die
Anerkennung der Produzentenhaftung).
Lit.: Möhring, P., 25 Jahre Bundesgerichtshof, NJW 1975,
1820; 25 Jahre Bundesgerichtshof, hg. v. Krüger-Nieland, G., 1975; Otto, J., Bibliothek des Bundesgerichtshofs, 1996 (rund
475000 Bände); Pieper, K., Palais im Park, 1999; Medicus, D.,
Entscheidungen des BGH als Marksteine für die Entwicklung des allgemeinen
Zivilrechts, NJW 2000, 2921; Die Praxis des Bundesgerichtshofes im deutschen
Rechtsleben, hg. v. Canaris, C. u. a., Bd. 1ff. 2000; Schubert, W./Glöckner,
H., Vom Reichsgericht zum Bundesgerichtshof, NJW 2000, 2971; Fortitudo
temperantia - Die Rechtsanwälte am Reichsgericht und beim Bundesgerichtshof,
hg. v. d. Verein der beim Bundesgerichtshof zugelassenen Rechtsanwälte, 2000;
Geiß, K., Fünfzig Jahre Bundesgerichtshof, 2001
Bundesgerichtshof (in Österreich) ist das ab 15. 7. 1934 den
Verfassungsgerichtshof und den Verwaltungsgerichtshof ersetzende Gericht, das
1938 durch den Anschluss seine verfassungsgerichtliche Zuständigkeit verliert,
durch Verordnung vom 11. 1. 1940 in Verwaltungsgerichtshof in Wien umbenannt
wird und 1941 im Reichsverwaltungsgericht (bis 1945) aufgeht.
Bundesgesetzblatt ist das Gesetzblatt für Bundesgesetze (z. B. in
Deutschland oder in Österreich).
Bundesintervention ist im Deutschen Bund (1815-1866) die Möglichkeit
des Eingreifens des Bundes in die inneren Angelegenheiten eines Mitgliedstaats
zur Wahrung der inneren Sicherheit auf Ersuchen oder bei Handlungsunfähigkeit
der Regierung.
Bundeskanzler ist der politische Führer der Regierung in Deutschland (1949, Richtlinienkompetenz) und Österreich (1920, seit 1929 durch Bundespräsidenten ernannt) sowie die Amtsbezeichnung Otto von Bismarcks im Nordeutschen Bund (von 1867 bis 1870/1871).
Lit.:
Die Bundeskanzler und ihre Ämter, hg. v. d. Stiftung Haus der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland u. a., 2006
Bundeskartellamt
ist das 1957 in Deutschland gegründete Bundesamt für Kartellangelegenheiten.
Lit.: 50 Jahre Bundeskartellamt, 2007
Bundesoberhandelsgericht ist das für Handelssachen durch Gesetz des Norddeutschen Bundes vom 12. 6. 1869 gegründete und in Leipzig eingerichtete, nationalliberal besetzte Gericht (Präsident Heinrich Eduard Pape 1816-1888). 1871 wird es zum auch die süddeutschen Staaten erfassenden Reichsoberhandelsgericht, das 1879 im → Reichsgericht aufgeht.
Lit.: Köbler, DRG 195; Behrend, J., Das
Bundesoberhandelsgericht, Z. f. Gesetzgebung und Rechtspflege in Preußen, 3,
200; Müller, K., Der Hüter des Rechts, 1997; Weiss, A., Die Entscheidungen des
Reichsoberhnadelsgerichts in Strafsachen, 1997; Winkler, S., Das
Bundesoberhandelsgericht und das spätere Reichsoberhandelsgericht, 2001; Henne,
T., Rechtsharmonisierung durch das „Reichsgericht“ in den 1870er Jahren, 2005
Bundespräsident ist
das Staatsoberhaupt in Deutschland (1949, Wahl durch besondere
Bundesversammlung) und Österreich (1920, Wahl durch den Nationalrat, seit 1929
Wahl durch das Volk).
Bundesrat ist (von
1867 bis 1870/1871 im → Norddeutschen Bund [eigentlich eher ein
Fürstenhaus] und) im Deutschen Reich von 1871 das die Mitwirkung der
Einzelstaaten am Bundesgeschehen ermöglichende Organ, das als Träger der
obersten Gewalt den Gesamtstaat als Einheit repräsentiert (Staatenhaus der
gescheiterten Reichsverfassung von 1848/1849). Von seinen 58 Stimmen entfallen
17 auf Preußen (Möglichkeit der Verhinderung jeder Verfassungsänderung), 24
auf 7 mittlere Staaten und je eine auf die übrigen 17 Länder. Mit dem →
Reichstag erlässt der B. Gesetze. Im Februar 1919 wird dieser B. durch den
Staatenausschuss und vom August 1919 an durch den Reichsrat ersetzt, der 1934
aufgelöst wird. Auch die Bundesrepublik Deutschland kennt einen B. als
(weisungsgebundene) Vertretung der (11 bzw. 1990) 16 Länder, ebenso Österreich
(Art. 24 Bundes-Verfassungsgesetz, mindestens drei Mitglieder für jedes
Bundesland, Abstimmung regelmäßig nach Parteizugehörigkeit, bei Berührung von
Länderinteressen absolutes Vetrorecht gegenüber Beschlüssen des Nationalrats).
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 174, 195, 220, 248,
257; Reincke, H., Der alte Reichstag und der neue Bundesrat, 1906; Maunz, T.,
Der Bundesrat in Vergangenheit und Gegenwart, Hist. Jb. 74 (1955), 446; Ziller,
G. u. a., Der Bundesrat, 10. A. 1998; Der Bundesrat, hg. v. Bundesrat, 1974;
Scholl, Udo, Der Bundesrat in der deutschen Verfassungsentwicklung, 1982;
Vierzig Jahre Bundesrat, hg. v. Bundesrat, 1989; Klein, E., Die Rolle des
Bundesrates und der Länder, 1998
Bundesrecht ist das
vom Bund der Bundesrepublik Deutschland geschaffene bzw. übernommene Recht, im
weiteren Sinn das Recht jeden Bundes.
Lit.: Zachariä, H., Deutsches Staats- und Bundesrecht, Bd.
1f. 3. A. 1867; Bluntschli, J., Geschichte des schweizerischen Bundesrechts,
1875
Bundesregierung ist
die Regierung eines Bundesstaates.
Lit.: Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung, hg. v.
Booms, H., 1953ff.; Die Mitglieder der Bundesregierungen, hg. v. Kempf, U. u.
a., 2000; Kanzler und Minister 1949-1998, hg. v. Kempf, U., 2001
Bundesrepublik ist
die föderalistische Republik (z. B. Österreich, Deutschland).
Bundesrepublik
Deutschland ist der nach der Niederlage
der Achsenmächte Deutsches Reich, Italien und Japan gegen die Alliierten
(Vereinigte Staaten von Amerika, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich)
im zweiten Weltkrieg (8. Mai 1945 Kapitulation des deutschen Reiches), nach der
Verselbständigung des sich 1938 an das Deutsche Reich anschließenden
Österreich und nach der Einteilung des Deutschen Reichs in vier Besatzungszonen
aus den Besatzungszonen der Vereinigten Staaten von Amerika, Großbritanniens
und Frankreichs über die Bizone der Vereinigten Staaten von Amerika und
Großbritanniens (1946 bzw. 1. 1. 1947) und die Trizone (einschließlich der Besatzungszone
Frankreichs 8. 4. 1948) auf Grund einer Londoner Konferenz 1949 gebildete
deutsche Bundesstaat mit (1948) den Ländern Baden (bis 1951/1952), Württemberg
(bis 1951/1952, dann Baden-Württemberg), Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz,
Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und
(West-Berlin sowie ab 1. 1. 1957) Saarland und (ab 1990) (Berlin,) Brandenburg,
Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt sowie Thüringen. Seine Verfassung
ist das auf Aufforderung der westlichen Besatzungsmächte (über die
Ministerpräsidenten der westlichen Länder) von einem Verfassungskonvent in
Herrenchiemsee (1948) und einem parlamentarischen Rat (ab 1. 9. 1948) erarbeitete,
am 23. 5. 1949 verkündete Grundgesetz., dem gegenüber ein Besatzungsstatut
wichtige Bereiche den Besatzungsmächten vorbehält (eingeschränkt durch
Deutschlandvertrag von 1955, beendet 1990). Auf Grund des Gewichts des Verhältniswahlrechts
im gemischeten Wahlrechtssystem stehen sich Bundesregierung und Koaltionsparteien
einerseits und Oppositionsparteien andererseits gegenüber. Jedes Gesetz kann
vom Bundesverfassungsgericht auf seine Verfassungsmäßigkeit überprüft
werden. Seit 1951 verbindet sich die B. mit Frankreich, Italien, den
Niederlanden, Belgien und Luxemburg sowie später weiteren europäischen Staaten
zu europäischen Gemeinschaften (für Kohle und Stahl, 1957 für Atomwesen und
Wirtschaft), zur Europäischen Gemeinschaft bzw. zur Europäischen Union. Nach
dem Grundlagenvertrag vom 21. 12. 1972 treten B. D. und Deutsche Demokratische
Republik 1973 den Vereinten Nationen bei. Am 3. 10 1990 tritt die.Deutsche Demokratische
Republik auf Grund des Einigungsvertrags vom 31. 8. 1990 der B. bei. Innerhalb
der B. wird das Recht vielfach verändert.
Lit.:
Schwarz, H., Vom Reich zur Bundesrepublik, 1966; Akten zur Vorgeschichte der
Bundesrepublik Deutschland, Bd. 1ff. 1976ff.; Bewegt von der Hoffnung aller
Deutschen, hg. v. Benz, W., 1979; Roßnagel, A., Die Änderungen des
Grundgesetzes, 1981; Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, hg. v. Bracher,
K., Bd. 1ff. 1982ff.; Benz, W., Von der Besatzungsherrschaft zur
Bundesrepublik, 1984; Morsey, R., Die Bundesrepublik Deutschland, 4. A. 2000;
Schröder, J., 40 Jahre Rechtspolitik im freiheitlichen Rechtsstaat, 1989; 40
Jahre Bundesrepublik, hg. v. Nörr, K, 1990; Thränhardt, D., Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland, 2. A. 1996; Kröger, K., Einführung in die
Verfassungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, 1993; Geschichte der
deutschen Einheit, Bd. 1ff. 1997ff.; Ritter, G., Über Deutschland, 1998;
Schäfer, J., Deutsche Geschichte (CD-ROM), 1998; ZEIT-Geschichte der Bonner
Republik, hg. v. Dönhoff, M. u. a., 1999; Görtemaker, M., Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland, 1999; Nörr, K., Die Republik der Wirtschaft, Teil 1
1999, Teil 2 2007; Fünfzig Jahre Bundesrepublik Deutschland, hg. v. Conze, E.
u. a., 1999; Frei, N., Vergangenheitspolitik, 1999; Baring, A., Es lebe die
Republik, 1999; Dippel, H., Die Konstitutionalisierung des Bundesstaats, (in)
Der Staat, 1999, 221; Deutschland unter alliierter Besatzung 1945-1949/55. Ein
Handbuch, hg. v. Benz, Wolfgang, 1999; Rupp, K., Politische Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland, 3. A. 2000; Kielmannsegg, P. Graf, Nach der
Katastrophe, 2000; Recker, M., Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, 2002;
Utz, F., Preuße, Protestant, Pragmatiker - Der Staatssekretär Walter Strauß und
sein Staat, 2003; Rödder, A., Die Bundesrepublik Deutschland 1969-1990, 2004;
Die Bundesrepublik Deutschland. Staatshandbuch, 2003; Wolfrum, E., Die
Bundesrepublik Deutschland (1949-1990), 2005; Book, A., Die Justizreform in der
Frühzeit der Bundesrepublik, 2005; Lappenküper, U., Die Außenpolitik der
Bundesrepublik Deutschland 1949 bis 1990, 2008; Ipsen, J., Der Staat der Mitte,
2009; Bevers, J., Der Mann hinter Adenauer, 2009
Bundessozialgericht ist
das oberste Gericht der Sozialgerichtsbarkeit der Bundesrepublik Deutschland
mit Sitz in Kassel.
Bundessozialhilfegesetz
s. Sozialhilfe
Bundesstaat ist der Zusammenschluss von Staaten zu einem neuen Staat (z. B. [Vorformen Städtebünde, Heiliges römisches Reich, holländische Generalstaaten, theoretische Begründung durch Althusius [1563-1638], Leibniz [1646-1717], Vereinigte Staaten von Amerika 1787, Norddeutscher Bund 1867, Deutsches Reich 1871, Schweiz 1848, Österreich 1920, Russland). Die staatlichen Aufgaben, Rechte und Pflichten sind jeweils zwischen Gesamtstaat (Oberstaat) und Gliedstaaten (z. B. Bundesland, Kanton, Land) aufgeteilt. Nach dem Subsidiaritätsprinzip hat die kleinere Einheit grundsätzlich den Vorrang vor der größern Einheit. Die Gliedstaaten sind zwar Staaten, haben aber nur in den von der Verfassung eingeräumten Ausnahmefällen Souveränität. Gegensatz des Bundesstaates ist der Einheitsstaat (z. B. Frankreich, Ungarn, Österreich 1862-1918, Deutsches Reich 1933-1945), doch nähern sich beide in der Wirklichkeit einander an (z. B. Österreich stärker zentralisiert).
Lit.: Grzeszick, B., Vom Reich zur Bundesstaatsidee, 1996;
Holste, H., Der deutsche Bundesstaat im Wandel (1867-1933), 2002; Baier, C.,
Bundesstat und europäische Integration, 2006
Bundestag ist
allgemein die Versammlung der Mitglieder eines Bundes (z. B. Deutscher Bund
1815-1866 in Frankfurt am Main), insbesondere das Parlament der Bundesrepublik
Deutschland (1949ff.), aber auch Österreichs zwischen 1934 und 1938.
Lit.: Schäfer, W., Der Bundestag, 4. A. 1982; Vierzig Jahre
Deutscher Bundestag, hg. v. Neske, G., 1989; Ismayr, W., Der deutsche
Bundestag, 1992; Die Mitglieder des Deutschen Bundestages, 1998; Der Deutsche
Bundestag 1949-1999, hg. v. Deutschen Bundestag, 1999; Schindler, P.,
Datenhandbuch zur Geschichte des Deutschen Bundestages, 1949–1999, 1999; Reker,
S., der Deutsche Bundestag, 1999; M. d. B. Volksvertretung im Wiederaufbau
1946-1961, hg. v. Schumacher, M., 2000; Biographisches Handbuch der Mitglieder
des deutschen Bundestages 1949-2002, hg. v. Vierhaus, R. u. a., 2002f.; Becker,
M., Max von Seydel und die Bundesstaatstheorie des Kaiserreichs, 2009
Bundesverfassungsgericht ist das am 7. 9. 1951 mit Sitz in Karlsruhe errichtete
Verfassungsgericht (des Bundes) der Bundesrepublik Deutschland (bis 2001 132000
Verfahren, davon 127000 Verfassungsbeschwerden).
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 257, 261; Schlaich,
K./Korioth, S., Das Bundesverfassungsgericht, 6. A. 2004, 7. A. 2007;
Haltern, U., Verfassungsgerichtsbarkeit, Demokratie und Misstrauen, 1998; Das
Bundesverfassungsgericht, hg. v. Limbach, J., 2000; Limbach, J., Das
Bundesverfassungsgericht, 2001; Limbach, J., Das Bundesverfassungsgericht und
der Grundrechtsschutz in Europa, NJW 2001, 2913; Festschrift 50 Jahre
Bundesverfassungsgericht, hg. v. Badura, P. u. a., 2001; Grigoleit, K.,
Bundesverfassungsgericht und deutsche Frage, 2004; Wesel, U., Der Gang nach
Karlsruhe, 2004; Das Bundesverfassungsgericht im politischen System, hg. v.
Ooyen, R. van u. a., 2006; Lembcke, O., Hüter der Verfassung, 2007
Bundes-Verfassungsgesetz (1920) ist das von Hans Kelsen wesentlich geprägte,
von der konstituierenden Nationalversammlung beschlossene Gesetz zur
Einrichtung der Republik Österreich als Bundesstaat vom 1. Oktober 1920 (B-VG,
Staatsgesetzblatt 1920, 450, authentisch kundgemacht unter BGl. 1920, 1, ohne
Präambel, Staatszielbestimmungen oder Grundrechte). 1925 wird die mittelbare
Bundesverwaltung eingeführt und werden Zuständigkeiten des Bundes erweitert.
1929 wird die unmittelbare Volkswahl des Bundespräsidenten festgelegt. Danach
wird das B. in der Fassung von 1929 kundgemacht (BGBl. 1930, 1). !934 wird es
durch Verordnung der Regierung Dollfuß außer Kraft gesetzt und eine neue
Verfassung (Maiverfassung) erlassen. Auf Grund des zweiten Verfassungs-Überleitungsgesetzes
von 1945 (StGBl, 1945, 232) tritt es nach dem Stand vom 5. 3. 1933 wieder in
Kraft. 1981 wird die Volksanwaltschaft eingefügt, 1988 der unabhängige
Verwaltungssenat. 1994 wird das Bundes-Verfassungsgesetz neu gefasst.
Lit.: Polaschek, M., Die Rechtsentwicklung in der ersten Republik, 1992
Bundesversammlung ist die Versammlung von Mitgliedern eines Bundes (z. B. Deutscher Bund 1815-1866 mit Sitz in Frankfurt am Main, Art. 38ff. Bundes-Verfassungsgesetz Österreich, Maiverfassung 1934 Österreich in jeweils besonderer Zusammensetzung mit jeweils besonderer Zuständigkeit). In der Bundesrepublik Deutschland wählt eine B. den Bundespräsidenten.
Lit.: Dublin-Honegger, J., Die Anfänge der schweizerischen
Bundesversammlung, Diss. jur. Basel 1978; Moldenhauer, R., Aktenbestand und
Geschäftsverfahren der deutschen Bundesversammlung, Archival. Z. 1978, 35
Bundesverwaltungsgericht ist das oberste Gericht der Bundesrepublik Deutschland in
Verwaltungsstreitigkeiten mit Sitz in (Berlin
[1952] bzw. seit 1997) Leipzig.
Lit.: Festgabe 50 Jahre Bundesverwaltungsgericht, hg. v.
Schmidt-Aßmann, E., 2003
Bundeswehr ist das
(rund 13000 Offiziere der Wehrmacht des Deutschen Reiches übernehmende) Heer
der Bundesrepublik Deutschland seit 1955.
Lit.:
50 Jahre Bundeswehr, hg. v. Clement, R. u. a., 2005; Die Bundeswehr 1955 bis
2005, hg. v. Nägler, Frank, 2007; Loch, T., Das Gesicht der Bundeswehr, 2008;
Pauli, F., Wehrmachtsoffiziere in der Bundeswehr, 2009; Bundeswehr und
Gedenkstätten des NS-Unrechts, hg. v. Wrochem, O. v. u. a., 2009
Bündnis ist der politische Zusammenschluss.
Lit.: Rauch, G., Die Bündnisse deutscher Herrscher mit Reichsangehörigen,
1966; Verosta, S., Theorie und Realität von Bündnissen, 1971
Bündnisrecht ist
das Recht, Bündnisse mit anderen einzugehen. Ursprünglich jedem Inhaber
herrschaftlicher Gewalt offen, wird es in England und Frankreich durch den Staat
beseitigt. Im deutschen Reich eröffnen es die Goldene Bulle (1356) und der
Westfälische Friede von Münster und Osnabrück (1648) für die Reichsstände,
sofern es sich nicht gegen Kaiser und Reich richtet. Im → Deutschen Bund
ist es nur durch die Verpflichtung beschränkt, die Sicherheit des Bundes oder
einzelner seiner Glieder nicht zu beeinträchtigen. Allmählich engt sich in der
späteren Neuzeit das B. auf souveräne Staaten ein.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Bezold, F. v., Das Bündnisrecht,
1904; Böckenförde, E., Der Westfälische Friede und das Bündnisrecht der
Reichsstände, Der Staat 8 (1969) 449
Bundschuh → Bauernkrieg
Bunge, Friedrich Georg von (Kiew 13. 3.1802-Wiesbaden 9. 4. 1897) begründet als Professor für Provinzialrecht in Dorpat (1831, 1840 entlassen, Stadtsyndikus Revals, 1864 Gotha) die baltische Rechtsgeschichte und bearbeitet den 1864 veröffentlichten, zu mehr als der Hälfte römischrechtlich geprägten Band 3 des Provinzialrechts der Ostseegouvernements Russlands (Liv-, Est- und Curländisches Privatrecht), der in Lettland bis 1937 und in Estland bis 1945 als Zivilgesetzbuch gilt.
Lit.: Recke, J./Napiersky, C., Allgemeines Schriftsteller-
und Gelehrtenlexikon, 1827, 303, 1859, 112; Küpper, H., Einführung in die
Rechtsgeschichte Osteuropas, 2005
Burchard von Ursberg
Lit.: Wulz, W., Der
spätstaufische Geschichtsschreiber Burchard von Ursberg, 1982
Burchard von Worms (965-Worms 20. 8. 1025), aus dem Hause der Grafen von Reichenbach-Ziegenhain (Güter bei Fritzlar und Frankenberg?), wird nach seiner Erziehung in Koblenz aus der Nähe Erzbischof Willigis’ von Mainz durch Kaiser Otto III. 1000 Bischof von Worms. Sein wohl zwischen 1008 und 1012 verfasstes, eigenständige Ansätze enthaltendes Handbuch ([lat., N.] Decretum) in 20 Büchern und 1785 Kapiteln (davon 163 noch herkunftmäßig ungeklärt) ist die wichtigste vorgratianische Kanonessammlung. Sie beruht auf der (lat.) Collectio (F.) Anselmo dedicata (dem Anselm gewidmete Sammlung), dem (lat.) Liber (M.) de synodalibus causis (Buch über Synodalsachen) des → Regino von Prüm und einzelnen Kanones und Dekretalen sowie Bußbüchern und Kirchenschriften. Burchards (lat.) Lex (F.) familiae Sancti Petri (1023-1025) ist ein frühes Beispiel eines grundherrschaftlichen Hofrechts.
Lit.: Meyer, G., Überlieferung und Verbreitung des Dekrets
des Bischofs Burchard von Worms, ZRG KA 55 (1935), 141; Theuerkauf, G.,
Frühmittelalterliche Studien, Bd. 2, 1968; Metz, W., Zur Herkunft und
Verwandtschaft, Hess. Jb. f. Landesgeschichte 26 (1976), 27ff.; Kerner, M.,
Studien zum Dekret des Bischofs Burchard von Worms, Diss. phil. Aachen 1971;
Hoffmann, H./Pokorny, R., Das Dekret, 1991; Bischof Burchard von Worms
1000-1025, hg. v. Hartmann, W., 2000; Corbet, P., Autour de Burchard de Worms,
2001; Bischof Burchard I, in seiner Zeit, hg. v. Müller, T. u. a., 2001;
Austin, G., Law, Theology and „Forgery“ around the year 1000, 2005
Burg ist der befestigte Ort, der anfangs wohl nur der Zuflucht dient (Fluchtburg). Im Frühmittelalter wird auch die antike Stadt oder das Kastell als B. bezeichnet. Vielleicht nach deren Vorbild entstehen an vielen Stellen (vor allem im 12. und 13. Jh.) Burgen, von denen nur ein Teil auch urkundlich belegt ist. Wohl seit dem 11. Jh. sondern sich B. (mit Graben, Wall, Ringmauer, Turm, Tor und Wohnbauten wie Kemenate oder Palas) und Stadt. Seit dem 15. Jh. bzw. in der Neuzeit ersetzt der Adel die B. durch das Schloss oder auch die Festung. In der Gegenwart sind 50 Prozent aller namentlich bekannten mitteleuropäischen Burgen verschwunden, vom Restbestand drei Viertel nur noch Ruinen.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 68, 79, 96; Merz,
W., Mittelalterliche Burganlagen und Wehrbauten des Kantons Aargau, 1906;
Koehne, C., Mühlenbann und Burgenbau, ZRG GA 28 (1907), 63; Fischer, H.,
Burgbezirk und Stadtgebiet im deutschen Süden, (1956); Burgen, Schlösser und Burgherrengeschlechter der
Ostschweiz, hg. v. Meili, H., 1970; Jäschke, K., Burgenbau und Landesverteidigung
um 900, 1975; Die
Burgen im deutschen Sprachraum, hg. v. Patze, H., 1976; Binding, G. u. a., Burg,
Lexikon des Mittelalters, Bd. 2 1983, 927; Streich, G., Burg und Kirche, 1984;
Allen Brown, R., Castles, Conquest & Charters, 1989; Biller, T., Die
Adelsburg in Deutschland, 1993, 2. A. 1998; Burg – Burgstadt - Stadt, 1994;
Burgen im Spiegel der Überlieferung, hg. v. Ehmer, H., 1998; Burgen in
Mitteleuropa, hg. v. Böhme, H. u. a., 1999; Spazier, I., Mittelalterliche
Burgen zwischen mittlerer Elbe und Bober, 1999; Pfälzisches Burgenlexikon, hg.
v. Keddigkeit, J. u. a., Bd. 1 1999; Krahe, F., Burgen und Wohntürme, 2002;
Böhme, H. u. a., Wörterbuch der Burgen, Schlösser und Festungen, 2004
Burg (Stadt nordwestlich Magdeburgs,
bäuerlich-ländliches Landrecht [burges lantrecht, Erbrecht, Ehegüterrecht,
Sachenrecht, Friedensrecht, Verfahrensrecht] auf elf Seiten in einer
mittelniederdeutsch-elbostfälisch gehaltenen Sammelhandschrift des frühen 15.
Jahrhunderts [1310-1330] überliefert, vielleicht auf flämischen Siedlern des
12. Jh.s beruhend)
Lit.: Das Burger
Landrecht hg. v. Markmann F. u. a., 1938; Zimmer, K., Das Burger Landrecht,
2003
Bürge ist, wer sich durch Vertrag mit einem Gläubiger eines Dritten verpflichtet, dem Gläubiger gegenüber für die Erfüllung der Verbindlichkeit des Dritten einzustehen. Das Rechtssprichwort Bürgen muss man würgen, aber nicht an den Leib reden, bringt zum Ausdruck, dass nach römischem Recht der Bürge zwar haften muss, aber bei Nichtleistung von Strafen verschont bleiben soll. → Bürgschaft
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler,
DRG 44, 74, 128
Burgenland ist das
ursprünglich meist zu Ungarn gehörige, seit dem 11. Jh. zunehmend von Deutschen
besiedelte, durch viele Burgen gekennzeichnete Gebiet (Deutsch-Westungarn mit
Pressburg, Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg) an der Grenze zwischen
Österreich und Ungarn, das 1919 (trotz Widerstands Ungarns) (ohne Ödenburg/Sopron
[Mehrheit von 64 Prozent für Verbleib]) → Österreich als Bundesland zugesprochen,
im November von Ungarn1921 besetzt, aber dann kampflos zurückgegeben wird
(1939-1945 zwischen Niederdonau/Niederösterreich und Steiermark aufgeteilt).
Lit.: Urkundenbuch des Burgenlandes, Bd. 1ff. 1955ff.;
Burgenland 1938, 1988; Ernst, A., Geschichte des Burgenlandes, 2. A. 1991
Bürger ist der
Bewohner der → Stadt. Ihm entspricht lateinisch vor allem civis (M.), das
ursprünglich hauptsächlich den Angehörigen des römischen Volkes im Gegensatz
zum Nichtrömer und zum Sklaven meint. Im deutschen Frühmittelalter engt sich
der weitere Begriff des ahd. burgari, Burgbewohner, wohl seit dem 11. Jh. auf
den B. ein. Er hat → Bürgerrecht und ist trotz unterschiedlicher
ständischer Herkunft meist oder grundsätzlich frei (Stadtluft macht frei), wenn
auch seiner Stadt verpflichtet. In der Neuzeit wird B. dagegen jeder, der nicht
zum Adel oder zu den Bauern gezählt wird (Preußen 1794, II, 8, § 1). Er ist der
Vorläufer des modernen Staatsbürgers.
Lit.: Maurer, G., Geschichte
der Städteverfassung in Deutschland, Bd. 2 1879, 191ff.; Goerlitz, T., Die Haftung des Bürgers und Einwohners für
Schulden der Stadt und ihrer Bewohner nach Magdeburger Recht, ZRG GA 56 (1936),
150; Planitz, H., Die deutsche Stadt im Mittelalter, 5. A. 1980, 251ff.; Ebel,
W., Der Bürgereid, 1958; Struck, W., Die Neubürger von Großalsleben 1604-1874,
1962; Köbler, G., Civis und ius civile im deutschen Frühmittelalter, Diss. jur.
Göttingen 1964; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1 1972, 672; Felser, R.,
Herkunft und soziale Schichtung der Bürgerschaft obersteirischer Städte und
Märkte, 1977; Über Bürger, Stadt und städtische Literatur im Spätmittelalter,
hg. v. Fleckenstein, J. u. a., 1980; Res publica, Bürgerschaft in Stadt und
Staat, hg. v. Dilcher, G., 1988; Bürgertum im 19. Jahrhundert, hg. v. Kocka,
J., 1995; Dilcher, G., Bürgerrecht und Stadtverfassung, 1996; Bürgertum und
bürgerlich-liberale Bewegung, hg. v. Gall, L., 1997; Ruppert, K., Bürgertum und
staatliche Macht in Deutschland zwischen französischer und deutscher
Revolution, 1997; Haupt, H./Crossick, G., Die Kleinbürger, 1998; Reidegeld,
E., Bürgerschaftsregelungen, Freizügigkeit, Gewerbeordnung und Armenpflege,
ZRG 116 (1999), 87; Sozial- und Kulturgeschichte des Bürgertums, hg. v.
Lundgreen, P., 2001; Neubürger im späten Mittelalter, hg. v. Schwinges, R. u.
a., 2002; Bürgertum in Thüringen, hg. v. Hahn, H. u. a., 2001; Lässig, S.,
Jüdische Wege ins Bürgertum, 2004; Schulz, A., Lebenswelt und Kultur des
Bürgertums im 19. und 20. Jahrhundert, 2005
Bürgerbuch ist das
die → Bürger der mittelalterlichen Stadt verzeichnende, älteren Listen
folgende → Buch (z. B. Köln 1130-1140, Rostock 1258, Lübeck 1259,
insgesamt 228 Bürgerbücher aus dem deutschen Reich bekannt, dazu 82
Bürgerlisten).
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Andernacht, D./Stamm, O., Die
Bürgerbücher der Reichsstadt Frankfurt, 1955; Das älteste Bürgerbuch der Stadt
Soest, hg. v. Rothert, H., 1958; Taschenbuch für Familiengeschichtsforschung,
hg. v. Ribbe, W., 12. A. 2001, 186ff.; Neubürger im späten Mittelalter, hg. v.
Schwinges, R., 2002; Morita, N., Wie wurde man Stadtbürger?, 2008
Bürgerlehen ist das
→ Lehen eines → Bürgers. Es entsteht meist durch Verkauf durch den
Adel. Der älteste Beleg für das B. reicht bis in das 11. Jh. (Regensburg
1072/1073). Bis in das 15. Jh. nimmt die Zahl der B. zu, dann infolge des
Widerstands des landständigen Adels ab. Zumindest im Nordosten des Heiligen
Römischen Reiches scheint das B. dem ritterlichen Lehen nicht völlig
gleichwertig gestellt zu sein. Die in der Neuzeit noch bestehenden B. gleichen
sich an Miete und Pacht an.
Lit.: Frensdorff, F., Die Lehnsfähigkeit der Bürger, 1895;
Grabscheid, D., Die Bürgerlehen im altdeutschen Reichsgebiet, Diss. phil.
Frankfurt am Main 1957; Krieger, K., Die Lehnshoheit der deutschen Könige im
Spätmittelalter, 1979; Schwarz, U., Bürgerlehen und adlige Lehen der Herzöge
von Braunschweig-Grubenhagen, Braunschweigisches Jahrbuch 66 (1985), 9ff.
Bürgerlicher Tod ist der
rechtliche Tod (zivile Tod, fingierte Tod, lat. mors ([F.] civilis, Johannes
Teutonicus, Glosse mortuus zu C 16 q. 1 c. 8) im Gegensatz zum natürlichen Tod.
Er bewirkt den Verlust der bürgerlichen Rechtsfähigkeit (Fähigkeit, Eigentümer
zu sein, eine Ehe einzugehen oder aufrechtzuerhalten, zu schenken, zu
testieren, Vormund zu sein, Zeuge zu sein usw.). Er ist wohl aus
unterschiedlichen Wurzeln (Acht, Exkommunikation, Infamie) entstanden (16. Jh.
mort civile als Bezeichnung bestimmter Kapitalstrafen mit Bürgerrechtsverlust).
Im 17. Jh. ist er die Folge des Gerichtsungehorsams, im 18. Jh. die Folge
jedes Urteils auf Todesstrafe und vieler lebenslänglicher Strafen (vgl. § 7
StGB Bayern 1813). In der Mitte des 19. Jh.s tritt der bürgerliche Tod zurück
(Bayern 1849, Preußen 1850, Frankreich 1854). Ähnliche Folgen wie der
bürgerliche Tod zieht zeitweise auch die Ablegung des klösterlichen
Armutsgelübdes (Klostertod) nach sich.
Lit.: Hübner 56; Weithase, F., Über den bürgerlichen Tod
als Straffolge, Diss. jur. Berlin (FU) 1966; Borgmann, B., Mors civilis, 1969;
Borgmann, B., Mors civilis, Ius commune 4 (1972), 81; Hubmann, V., L’image de
la mort, 1990
Bürgerliches Gesetzbuch
ist allgemein das vom politischen Bürgertum im 18. Jh. zur gesetzlichen
Regelung des Privatrechts geforderte Gesetzbuch. Es wird in Frankreich 1804
(Code civil), in Österreich 1811/2 (Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch) und in
Sachsen 1863 (Bürgerliches Gesetzbuch) verwirklicht, während es andernorts nur
zu Entwürfen kommt (Preußen 1842, Hessen-Darmstadt 1842, Bayern 1861/1864). In
Deutschland erreichen nach vergeblichen Gesetzgebungsanträgen der Jahre
1867-1872 die nationalliberalen Abgeordneten Miquel und Lasker am 20. 12. 1873
([lat.] lex Miquel-Lasker), dass die Gesetzgebungszuständigkeit des Deutschen
Reiches vom Schuldrecht auf das gesamte bürgerliche Recht (sowie das
gerichtliche Verfahren) ausgedehnt wird. Auf ein Gutachten des Handelsrechtlers
Goldschmidt und den Vorschlag einer später sog. Vorkommission (28. 2. 1874,
Levin Goldschmidt, Franz Philipp von Kübel, Anton von Weber, Hermann von
Schelling) vom 15. 4. 1874 wird eine (erste) Kommission (17. 9. 1874) mit 11
Mitgliedern (Eduard Pape Vorsitzender, Albert Gebhard Allgemeiner Teil, Franz
von Kübel Schuldrecht, Reinhold Johow Sachenrecht, Gottfried Planck
Familienrecht, Gottfried von Schmitt Erbrecht, Gustav Derscheid, Karl
Kurlbaum, Anton von Weber, Paul von Roth, Bernhard Windscheid [bis 1883])
eingesetzt. Seit 1. 10. 1881 berät sie Teilentwürfe. Ihr am 27. 12. 1887 mit
Motiven vorgelegter, 1888 veröffentlichter Entwurf wird von verschiedenen
Seiten (u. a. Anton Menger, Otto von Gierke) vor allem als zu wenig
volkstümlich und zu wenig sozial angegriffen (insgesamt rund 700 Beiträge).
Daraufhin wird nach Vorbereitung durch eine interne Vorkommission des
Reichsjustizamts 1890 eine zweite Kommission (25 Juristen, u. a. Gottlieb
Planck, Karl von Jacubezky, Alexander Achilles, Heinrich Börner, Hermann
Struckmann, Arbeitsbeginn 1. 4. 1891) mit der Umarbeitung beauftragt, die nach
einigen Veränderungen 1895 den zweiten Entwurf mit Protokollen dem Bundesrat
vorlegt. Der nach Umarbeitung durch das Reichsjustizamt 1896 im Reichstag mit
einer Denkschrift eingebrachte dritte Entwurf wird nach drei Lesungen am 1. 7.
1896 (u. a. mit 53 der 97 Stimmen der ihre gesellschaftspolititsch relevanten
Grundlagen wahrenden konservativen Parteien) beschlossen, am 14. 7. 1896 vom
Bundesrat gebilligt, am 18. 8. 1896 ausgefertigt, am 24. 8. 1896 verkündet und
zum 1. 1. 1900 in Kraft gesetzt (2385 Paragraphen mit etwa 130000 Wörtern),
wobei flankierend das Handelsgesetzbuch, die Reichsjustizgesetze, die Grundbuchordnung
und das Zwangsversteigerungsgesetz angepasst bzw. erlassen werden. Das die
Geltung des preußischen Allgemeinen Landrechts, des Code civil und des gemeinen
Rechts in Deutschland beendende Gesetzbuch ist ein für neue Anforderungen
durchaus offenes, recht begriffliches, ziemlich abstraktes, nach den
Erscheinungsformen des subjektiven Rechtes und vom Allgemeinen zum Besonderen
fortschreitend in fünf Bücher nach dem sog. Pandektensystem gegliedertes
Erzeugnis technisch geschulter Juristen, unter denen eine überragende
schöpferische Persönlichkeit fehlt. Inhaltlich überwiegen die den bürgerlichen
Kreisen angemessenen und vorteilhaften liberalen Züge, zu denen
patriarchalisch-konservative und soziale, dem Schutz des Schwächeren dienende
Elemente hinzukommen. Das Bürgerliche Gesetzbuch beeinflusst das Privatrecht
vieler Länder (Japan 1898, Schweiz 1907, Österreich 1914, 1915, 1916, China
1912, Brasilien 1916, Thailand 1925, (Türkei 1926,) Peru 1936, Griechenland
1940/1946, Italien 1942, Frankreich, Portugal 1966). Sein Inhalt ist inzwischen
vor allem im Familienrecht erheblich verändert (Erbbaurechtsverordnung vom 15.
1. 1919, Ehegesetz vom 6. 7. 1938, positive Vertragsverletzung, Wegfall der Geschäftsgrundlage,
Arbeitsrecht, Wohnungsmietrecht, Verbraucherschutz, Schuldrechtsreform
2001/2002, allgemeines Persönlichkeitsrecht, Verkehrssicherungspflichten, Wohnungseigentum,
Gleichberechtigungsgesetz 18. 6. 1957, Mietrechtsänderungen, 1969
Dienstvertragsrecht, Nichtehelichengesetz 19. 8. 1969, Eherechtsreformgesetz
vom 14. 6. 1976 mit Zerrüttungsprinzip, allgemeine Geschäftsbedingungen,
Reisevertrag, Betreuungsrecht, Namensrecht, Kindschaftsrechtsreform, 1. 1.
2002 Aufnahme des Gesetzes über die allgemeinen Geschöftsbedingungen, des
Haustürgeschäftswiderrufsrechts, des Verbraucherkreditgesetzes, des
Teilzeit-Wohnrechtegesetzes und des Fernabsatzgesetzes sowie Änderung des
Leistungsstörungsrechts durch das von Richtlinien der Europäischen Union
veranlasste Gesetz zur Modernisierung des Schuldrechts 2001/2002).
Lit.: http://www.koeblergerhard.de/Fontes/BGBDR18961900.htm;
Söllner §§ 1, 16, 25; Kroeschell, DRG 2, 3; Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG
181, 182, 207, 212; Motive zu dem Entwurfe eines Bürgerlichen Gesetzbuchs für
das deutsche Reich, Bd. 1ff. 1888; Zusammenstellung der gutachtlichen
Äußerungen zu dem Entwurf eines Bürgerlichen Gesetzbuches, gefertigt im
Reichsjustizamt, Bd. 1ff., 1890f.; Stenographische Berichte über die
Verhandlungen des Reichstags .. 1895/1996; Protokolle der Kommission für die
zweite Lesung des Entwurfs des Bürgerlichen Gesetzbuchs, Bd. 1ff. 1897ff.;
Gradenwitz, O., Wörterverzeichnis zum bürgerlichen Gesetzbuche, 1902; Wieacker,
F., Das Sozialmodell der klassischen Privatrechtsgesetzbücher, 1953; Gmür, R.,
Das schweizerische Zivilgesetzbuch verglichen mit dem deutschen Bürgerlichen
Gesetzbuch, 1965; Schubert, W., Die Entstehung der Vorschriften des BGB über
Besitz und Eigentumsübertragung, 1966; Brandt, D., Die politischen Parteien und
die Vorlage des Bürgerlichen Gesetzbuches im Reichstag, 1975 (Diss.); Die
Beratung des BGB in systematischer Zusammenstellung der unveröffentlichten
Quellen, hg. v. Schubert, W. u. a., Bd. 1ff. 1978ff.; Die Vorentwürfe der
Redaktoren zum BGB, hg. v. Schubert, W., 1980ff.; Die Vorlagen der Redaktoren
für die erste Kommission zur Ausarbeitung des Entwurfs eines Bürgerlichen
Gesetzbuches, hg. v. Schubert, W., 1981ff.; Behn, M., Der Generalbericht der
badischen Kommission zur Begutachtung des Entwurfs eines Bürgerlichen
Gesetzbuches für das deutsche Reich, ZRG GA 99 (1982), 113; Caroni, P., Liberale
Verfassung und bürgerliches Gesetzbuch im 19. Jahrhundert, 1988; John, M., Politics and the Law in the late nineteenth
century Germany. The Origins of the Civil Code, 1989; Schroeder, K., Deutsches
Recht und Bürgerliches Gesetzbuch, ZRG GA 109 (1992), 152; Muscheler, K., Die
Rolle Badens in der Entstehungsgeschichte des Bürgerlichen Gesetzbuches, 1993;
Schmoeckel, M., 100 Jahre BGB, NJW 1996, 1697; Schulte-Nölke, H., Das
Reichsjustizamt und die Entstehung des Bürgerlichen Gesetzbuchs, 1995;
Schulte-Nölke, H., Die schwere Geburt des Bürgerlichen Gesetzbuches, NJW 1996,
1784; Knieper, R., Gesetz und Geschichte, 1996; Die Sozialdemokratie und die
Entstehung des Bürgerlichen Gesetzbuches, hg. v. Vormbaum, T., 1996;
Bürgerliches Gesetzbuch 1896-1996, hg. v. Schlosser, H., 1997; Schubert, W.,
Das Bürgerliche Gesetzbuch im Urteil französischer Juristen bis zum ersten
Weltkrieg, ZRG GA 114 (1997), 128; Das deutsche Zivilrecht 100 Jahre nach
Verkündung des BGB, 1997; Kern, B., Der preußische BGB-Entwurf von 1842, 1998;
BGB-Synopse 1896-1998, hg. v. Strätz, H., 1998; Eiffler, S., Die Feuertaufe des
BGB, ZNR 1998, 238; Horn, N., Ein Jahrhundert Bürgerliches Gesetzbuch, NJW
2000, 40; Schwab, D., Das BGB und seine Kritiker, ZNR 22 (2000), 325ff.; Gast,
B., Der Allgemeine Teil und das Schuldrecht des Bürgerlichen Gesetzbuches im
Urteil von Raymond Saleilles, 2000; Das Bürgerliche Gesetzbuch und seine
Richter, hg. v. Falk, U. u. a., 2000; Kramer, E., Der Einfluss des BGB auf das
schweizerische und österreichische Privatrecht, AcP 200 (2000), 365; Wolters,
M., Die Zentrumspartei und die Entstehung des BGB, 2000; Damnitz, M.,
Bürgerliches Recht zwischen Staat und Kirche. Mitwirkung der Zentrumspartei,
2001; Dittmann, M., Das Bürgerliche Gesetzbuch aus der Sicht des Common Law, 2001;
Repgen, T., Die soziale Aufgabe des Privatrechts, 2001; Depping, A., Das BGB
als Durchgangspunkt. Privatrechtsmethode und Privatrechtsleitbilder bei
Heinrich Lehmann (1876-1963), 2002; Das BGB im Wandel der Epochen, hg. v.
Sellert, W. u. a., 2002; Historisch-kritischer Kommentar zum BGB, hg. v.
Schmoeckel, M./Rückert, J./Zimmermann, R., Bd. 1 2003; Thiessen, J., Das
unsoziale BGB, 2003; Die soziale Dimension des Zivilrechts, hg. v. Peer, G. u.
a., 2004; Staudinger, J. v., Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch – Eckpfeiler
des Zivilrechts, 2005; Symposion Hundert Jahre BGB, hg. v. Hamza, G., 2006;
Hensel, R., Jurisprudenz und Nationalökonomie, 2006; Riedel, T., Gleiches Recht
für Mann und Frau, 2008; Zrenner, P., Die konservativen Parteien und die Entstehung
des Bürgerlichen Gesetzbuchs, 2008
Bürgerliches Recht
ist das von den Bürgern in der Französischen Revolution (1789) als Recht einer
egalitären Gesellschaft errungene Privatrecht. Es leitet sich sprachlich von (lat.)
ius (N.) civile ab. Neben ihm steht beispielsweise das Handelsrecht (wie in
Frankreich neben dem Code civil der Code de commerce).
Bürgermeister ist
seit der Mitte des 13. Jh.s (Köln 1258, Basel 1261) der Vorsitzende des
kollegialen Verwaltungsorgans und Repräsentant der Gemeinschaft zunächst in
der → Stadt, dem ein etwas älterer lateinischer → magister (M.)
civium (Köln) bzw. magister civilis (Hildesheim-Dammstadt 1196) vorausgehen.
Der B. wird teils gewählt, teils eingesetzt. Er hat sowohl verwaltende wie auch
richterliche Aufgaben und Befugnisse. An vielen Orten gelingt ihm ein
allmählicher Ausbau seiner Stellung. Oft finden sich mehrere B. nebeneinander. →
Selbstverwaltung
Lit.: Kroeschell, DRG 2, 41; Köbler, DRG 111, 198; Planitz,
H., Die deutsche Stadt im Mittelalter, 5. A. 1980, 323; Rabus, K., Der Ulmer
Bürgermeister bis 1548, Diss. jur. Tübingen 1952; Rörig, W., Die Entwicklung
der rheinischen Bürgermeistereiverfassung, Diss. jur. Mainz 1957; Stemmler,
G., Die Amtskette des Bürgermeisters, 2002; Weil, F., Entmachtung im Amt, 2004
Bürgerrecht ist die
Mitgliedschaft in der Gemeinschaft der → Bürger. Schon in Rom vermittelt
die in erster Linie durch Geburt erlangbare Stellung als civis (M.) Romanus
([lat.] römischer Bürger) ein Bündel von Rechten (Stimmrecht in der Volksversammlung,
passives Wahlrecht für Ämter, Berufungsrecht gegen Todesstrafe, gültige Ehe,
Rechtsgeschäfte nach Zivilrecht, Legisaktionenverfahren) und Pflichten (Steuerpflicht,
Wehrdienstpflicht), weil nur für den civis Romanus das römische (lat.) →
ius (N.) civile gilt. In gleicher Weise sondert das B. den Bürger zunächst der →
Stadt (seit dem Hochmittelalter) aus der Allgemeinheit aus. Der Erwerb des
Bürgerrechts erfolgt dabei meist durch Geburt, daneben durch einen besonderen
Akt der Aufnahme. → Grundrecht, Menschenrecht
Lit.: Kaser §§ 3, 13, 58; Söllner § 12; Kroeschell, DRG 1,
2; Erler, A., Bürgerrecht und Steuerpflicht, 1939, 2. A. 1963; Köbler, G.,
Civis und ius civile, Diss. jur. Göttingen 1964; Hartung, F./Commichau, G., Die
Entwicklung der Menschen- und Bürgerrechte, 5. A. 1985; Julen, T., Das
Bürgerrecht im Oberwallis, Diss. jur. Freiburg im Üchtland 1978; Deeters, J.,
Das Bürgerrecht der Reichsstadt Köln, ZRG GA 104 (1987), 1; Menschen- und
Bürgerrechte, hg. v. Klug, U., 1988; Dilcher, G., Bürgerrecht und
Stadtverfassung, 1996
Burgfriede ist im Hochmittelalter der in
der Burg zu wahrende Friede.
Burggraf (seit 10./11. Jh.) ist der eine
Burg (und damit anfangs auch eine Stadt) verwaltende Graf (z. B. Regensburg
970, Köln, Mainz, Trier, Straßburg, Worms, Speyer, Utrecht, Toul, Cambrai,
Augsburg, Würzburg, Magdeburg, B. von Nürnberg).
Lit.: Rietschel, S.,
Das Burggrafenamt und die hohe Gerichtsbarkeit, 1905; Peterka, O., Das
Burggrafentum in Böhmen, 1906; Brünneck, W. v., Das Burggrafenamt und
Schultheißentum in Magdeburg und Halle, 1908; Sander, P., Stadtfestungen und
Burggrafenamt im früheren Mittelalter, HV 13 (1910), 70ff.; Eckhardt, K.,
Präfekt und Burggraf, ZRG GA 46 (1926), 163; Helbig, H., Der wettinische Ständestaat,
1955, 204
Burghausen
Lit.: Leidl, G.,
Rechtsgeschichte der Stadt Burghausen an der Salzach, 1960
Burglehen ist das eine Burg betreffende
Lehen, das den Burgmann zur Burghut verpflichtet. Es findet sich vom 12. bis
zum 15. Jh. Der sich festigende Territorialstaat drängt das B. zurück.
Lit.: Klebel, E.,
Studien zum mittelalterlichen Lehnswesen, 1960; Spiess, K., Lehnsrecht,
Lehnspolitik und Lehnsverwaltung, 1978
Burgrecht erscheint seit der ersten Jahrtausendwende als Lehnübersetzung (ahd. burgreht) des lateinischen ius (N.) civile. In Süddeutschland bezeichnet es seit 1167 eine Landleihe zu freiem Erbzins (und in Österreich auch den Rentenkauf). Daneben findet es sich etwas später als Benennung des → Stadtrechts und des → Bürgerrechts.
Lit.: Köbler, DRG 104; Winiarz, A.,
Erbleihe und Rentenkauf in Österreich im Mittelalter, 1906; Fischer, H.,
Burgbezirk und Stadtgebiet im deutschen Süden, 1956; Köbler, G., Civis und ius
civile, Diss. jur. Göttingen 1964; Illichmann, E., Recht und Besitz der Bauern
und Hintersassen des Mittelalters in Österreich, 1983
Bürgschaft ist der
einseitig verpflichtende Vertrag zwischen einem Gläubiger eines Dritten und
einem → Bürgen, in dem sich der Bürge gegenüber dem Gläubiger des Dritten
verpflichtet, für die Erfüllung der Verbindlichkeit des Dritten einzustehen.
Bei den Römern ist die B. das wichtigste Mittel zur Sicherung einer Forderung.
Vermutlich verbürgen sich dabei (lat. [M.]) vas bzw. praes zunächst noch nicht
für die Leistung des Schuldners, sondern übernehmen nur eine Haftung dafür, den
Schuldner (oder eine Sache) zu bestimmter Zeit an bestimmtem Ort zu stellen
(Gestellungsbürge). Erst aus der Verschmelzung dieser Einrichtung mit einem
Leistungsversprechen (lat. [F.] sponsio) erwächst der (Leistungs-)Bürge (lat.
[M.] adpromissor, sponsor, fidepromissor, fideiussor [1. Jh. v. Chr.]). Die
Verpflichtung des Bürgen als eines Nebenschuldners ist vom Bestand der
Hauptschuld abhängig. Für das deutsche Recht steht ebenfalls die Herkunft der
B. nicht sicher fest (Pfandrecht?, Gestellung zwecks Vermeidung der Festnahme
des Schuldners?). Im späten Mittelalter tritt die B. gegenüber dinglichen
Sicherheiten zurück. Teils haftet der Bürge dem Gläubiger ausschließlich, teils
haftet auch der Schuldner. Verschiedentlich haften beide gesamtschuldnerisch.
Zuerst begegnet die heutige Gestaltung, dass der Schuldner primär und der Bürge
grundsätzlich nur subsidiär haftet (Einrede der Vorausklage), in Norddeutschland.
Während nach dem Code civil Frankreichs von 1804 und dem Allgemeinen Bürgerlichen
Gesetzbuch Österreichs von 1811 die Bürgschafterklärung keiner Form bedarf,
verlangen das Allgemeine Landrecht Preußens (1794), das Obligationenrecht der
Schweiz (1881) und das Bürgerliche Gesetzbuch Deutschlands (1900, vgl. §§
1346ff. ABGB) Schriftform der Bürgschaftserklärung. Aus dem Recht des
leistenden Bürgen gegen den Gläubiger auf Abtretung der Hauptforderung im
gemeinen Recht (lat. beneficium [N.] cedendarum actionum, Wohltat der abzutretenden
Klagansprüche) entsteht ein gesetzlicher Forderungsübergang (Legalzession).
Lit.: Kaser §§ 50, 57; Hübner 508; Kroeschell, DRG 1, 2;
Köbler, DRG 44, 74, 128; Beyerle, F., Der Ursprung der Bürgschaft, ZRG GA 47
(1927), 567; Kaufmann, E., Die Bürgschaft im Recht des Ingelheimer Oberhofes,
ZRG GA 74 (1957), 199; Martin, R., Das Bürgschaftsrecht Nord- und
Ostdeutschlands, Diss. jur. Frankfurt am Main 1960; Eggert, R., Die Bürgschaft
im süddeutschen Recht, Diss. jur. Frankfurt am Main 1962; Mückenheim, U., Die
Bürgschaft in den Lübecker Ratsurteilen, Diss. jur. Hamburg 1964; Ogris, W.,
Die persönlichen Sicherheiten im Spätmittelalter, ZRG GA 82 (1965), 140ff.;
Reimer, K., Treuhandbürgschaft und Sicherungsbürgschaft, ZRG GA 85 (1968),
194; Les sûretés personelles, 1971; Walliser, P., Das Bürgschaftsrecht in
historischer Sicht, 1974; Feenstra, R., Die Bürgschaft, Rec. Soc. J. Bodin 28
(1974), 295; Walliser, P., Die Amtsbürgschaft im schweizerischen Recht, ZRG GA
96 (1979), 100; Maier, K., Die Bürgschaft in süddeutschen und schweizerischen
Gesetzbüchern des 16.-18. Jahrhunderts, 1980; Hoppe, C., Die Bürgschaft im
Rechtsleben Hamburgs, 1997; Jenks, S., Die Bürgschaft im mittelalterlichen
englischen Strafrecht, Diss. phil., Berlin 1998; Kowolik, Y., Interzessionen
von Nahbereichspersonen, 2008
Burgund (franz. Bourgogne) ist zunächst die von den → Burgundern in der Völkerwanderung
besiedelte Landschaft (zwischen 400 und 436 Mainz bis Worms, nach 436
[Niederlage gegen Römer oder Hunnen?] bzw. 443 um Genf und Lyon). 534 gelangt
B. an die Franken und ist zweitweise ein fränkisches Teilreich. 843 wird das
Gebiet entlang der Saône zwischen westfränkischem Reich und lotharischem Reich
geteilt. 879 entsteht ein Königreich B. (Niederburgund), das von dem 888
errichteten Königreich B. (Hochburgund) um 931/933 bzw. 950 aufgesogen wird und
mit diesem einschließlich der Grafschaft B. (Franche-Comté) 1032/1033 an das
Deutsche Reich fällt. Das westlich der Saône entwickelte, 963 an die →
Kapetinger gelangte Herzogtum B. gewinnt im 14. und 15. Jh. große Bedeutung
(1363 Philipp der Kühne, Erweiterung um Flandern, Artois, Rethel, Nevers, Freigrafschaft,
Brabant, Limburg, Hennegau, Holland, Seeland), bis es über Maria von B.
1477/1482 großteils (Niederlande, Franche-Comté) an die → Habsburger
kommt (und dort von 1512 bis 1806 den burgundischen Reichskreis bildet), in
seinem Kern (Herzogtum B. und Pikardie) aber 1493 → Frankreich
zugeschlagen wird. Das übrige B. wird zwischen 1674 und 1678 (Freigrafschaft)
von Frankreich erobert. 1459 werden die Coutumes générales du Comté de Bourgogne
aufgezeichnet.
Lit.: Köbler, DRG 95, 76, 129; Köbler, Historisches
Lexikon; Seignobos, C., Le régime féodal en Bourgogne, 1882; Stouff, L., Les
origines de l’annexion de la Haute-Alsace à la Bourgogne en 1469, 1901;
Poupardin, R., Le royaume de Bourgogne (888-1038), 1907; Walther, A., Die
burgundischen Zentralbehörden, 1909; Chaume, M., Les origines du duché de
Bourgogne, Bd. 1ff. 1925ff.; Richard, J., Les ducs de Bourgogne, 1954; Hoke,
R., Die Freigrafschaft Burgund, ZRG GA 79 (1962), 106; Vaughan, R., Philip the
Bold, 1962, 2. A. 1979, 3. A. 2002;
Vaughan, R., Philip the Good, 1970, 2. A. 2002; Boehm, L., Geschichte Burgunds,
1971, 2. A. 1979 bzw. 1998; Vaughan, R., Charles the Bold, 1973, 2. A.
2002; Rompaey, J. van, De grote raad van de hertogen van Borgondië, 1973; Die
Urkunden der burgundischen Rudolfinger, bearb. v. Schieffer, T., 1977;
Jeanclos, Y., L’arbitrage en Bourgogne et en Champagne, 1977; Bart, J., La
liberté ou la terre, 1984; Pridat, H., Nicolas Rolin, 1995; Esders, D.,
Römische Rechtstradition und merowingisches Königtum, 1997; Schnerb, B., L’état
bourguignon 1363-1477, 1999; Ehm, P., Burgund und das Reich, 2002; Gresser,
P./Richard, J., La gruerie du comté de Bourgogne aux XIV et XVe siècles, 2004;
Hofordnungen der Herzöge von Burgund, hg. v. Kruse, H. u. a., Bd. 1 2005;
Godding, P., La législation ducale en Brabant sous le règne de Philippe le Bon,
2006; Oschema, K., Freundschaft und Nähe im spätmittelalterlichen Burgund,
2006; Kamp, H., Burgund, 2007
Burgunder oder
Burgunde ist der Angehörige eines (vielleicht) von der Ostsee (vielleicht
Bornholm) über die Oder und Weichsel (um 57 n. Chr. bei Plinius dem Älteren und
um 150-170 n. Chr. bei Ptolemäus erwähnt) an den mittleren Rhein gelangten
ostgermanischen Volkes. Das Recht der B. ist in der → Lex Burgundionum
bzw. → Lex Romana Burgundionum überliefert. Von der vielleicht im 7. oder
8. Jahrhundert untergegangenen Sprache ist möglicherweise außer dem Namen
nichts sicher bekannt.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 57, 75, 86; Jahn, A.,
Geschichte der Burgundionen und Burgunder, 1874; Saleilles, R., De
l’établissement des Burgundes, 1891; Kienast, W., Studien über die
französischen Volksstämme des Frühmittelalters, 1968, 23; Perrin, O., Les
Borgondes, 1968; Favrod, J., Les Burgondes, 2002; Kaiser, R., Die Burgunder,
2004
Burgundio von Pisa ist
ein seit 1136 erwähnter Übersetzer griechisch geschriebener Digestenstellen.
Lit.: Lange, H.,
Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997, 242
Burgus (M.) bezeichnet als lateinisches Lehnwort wohl aus dem Germanischen (str.) seit dem 2. Jh. n. Chr. ein kleines Kastell, danach (5. Jh.) allgemeiner eine Siedlung. Im frühen Mittelalter ist es teils die an eine (lat. [F.]) civitas angelehnte, teils unabhängige Siedlung. Im Reich erscheint b. 1120 (Mühldorf am Inn). Der Bewohner heißt (lat. [M.]) burgensis (Frankreich 10. Jh., Spanien 11. Jh., Freiburg im Breisgau 1120). Streitig ist, inwieweit b. oder burgum die Marktsiedlung und burgensis eine besondere Art von → Bürger anzeigt. Im 14. Jh. schwindet b. wieder.
Lit.: Beyerle, F., Zur Typenfrage in der Stadtverfassung,
ZRG GA 50 (1930), 1ff,.; Ennen, E., Frühgeschichte der europäischen Stadt,
1953, 3. A. 1981; Schlesinger, W., Burg und Stadt, (in) Mitteldeutsche Beiträge
zur deutschen Verfassungsgeschichte, Bd. 2 1963, 124; Köbler, G., Civis und
ius civile, Diss. jur. Göttingen 1964; Werveke, H. van, Burgus, 1965
Burgward (lat. burgward[i]um, 961) ist vor allem in der frühhochmittelalterlichen Zeit der
Ostsiedlung das Gebiet um die befestigte Siedlung (→ Burg) als
Verteidigungsbereich und Verwaltungsbereich (z. B. Biederitz, Möckern,
Magdeburg, Frohse, Barby, Calbe an der Saale, Haldensleben, Wanzleben,
Unseburg, 1. H. 11. Jh. Merseburg, Ritteburg, Wallhausen, Sulza).
Lit.: Knüll, B., Die Burgwarde, Diss. phil. Tübingen 1895;
Schlesinger, W., Burgen und Burgbezirke, (in) Mitteldeutsche Beiträge zur
deutschen Verfassungsgeschichte, 1961, 158; Billig, C., Die Burgwardorganisation
im obersächsisch-meißnischen Raum, 1989
Burgwerk ist im Frühmittelalter die
Verpflichtung zur Unterhaltung von Burgen und ähnlichen Befestigungsanlagen. Im
Hochmittelalter begegnet hauptsächlich die Befreiung hiervon.
Lit.: Schlesinger, W., Burgen
und Burgbezirke (in Mitteldeutsche Beiträge zur deutschen Verfassungsgeschichte
des Mittelalters, 1961, 158ff.
Bürokratie (F.) ist die durch hauptberuflich tätiges, fachlich ausgebildetes Personal bzw. durch Trennung von Amt und Person bzw. durch Regelgebundenheit und durch Schriftlichkeit aller wesentlichen Amtsvorgänge gekennzeichnete Verwaltungsgestaltung. Sie wird gedanklich in der Mitte des 18. Jh.s erfasst. Der frühe Liberalismus lehnt die B. ab, Max Weber versachlicht die Bedeutung des Wortes.
Lit.: Weber, M., Wirtschaft und Gesellschaft, 5. A. 1986;
Wunder, B., Geschichte der Bürokratie in Deutschland, 1986; Süle, T.,
Preußische Bürokratietradition, 1988; Treichel, E., Der Primat der Bürokratie,
1991; Heindl, W., Gehorsame Rebellen, 1991
Burschenschaft (1791) ist der im
frühen 19. Jh. (1813/1815) neben die älteren Landsmannschaften tretende,
national und liberal ausgerichtete Zusammenschluss (Verbindung) der Studenten
(1811 Jahn, F./Friesen, K., Ordnung zur Einrichtung von Burschenschaften, 12.
6. 1815 Jena Urburschenschaft, 1819 Verbot der Burschenschaften, geheime
Wirksamkeit, 1848/1849 150 Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung
Burschenschaftler, 1935 erzwungene Selbstauflösung der Deutschen B., 1950 wieder
begründet).
Lit.: Bayer, E., Die Entstehung der deutschen
Burschenschaft, 1883; Quellen und Darstellungen zur Geschichte der
Burschenschaft, hg. v. Haupt, H., Bd. 1ff. 1910ff.; Brunck, H., Die deutsche
Burschenschaft, 1999; Roeseling, S., Burschenehre und Bürgerrecht, 1999
Bursprake ist in Nordeutschland im
Hochmittelalter und Spätmittelalter (im Mittelniederdeutschen) die Versammlung
der Nachbarn in Stadt und Land. B. kann auch das dort verlesene oder
geschaffene Recht bezeichnen (z. B. Lübeck, Wismar). Verschiedentlich gewinnt
die B. gerichtliche Befugnisse.
Lit.: Bolland, J., Zur
städtischen Bursprake im hansischen Raum, ZLGA 36 (1956), 96
Bußbuch ist das ein System kirchlicher → Bußen für Sünden enthaltende Buch ([→lat.] → Paenitentiale, liber paenitentialis). Es erscheint seit dem 6. Jh. in Irland und England ([lat.] Iudicia [N.Pl.] Cummeani, Kolumban, (lat.) Liber [M.] de poenitentiarum mensura taxantium, Theodor von Canterbury, [lat.] Canones [M.Pl.]), bald danach mit der irischen Mission auf dem Festland (rund 400 Handschriften, u. a. Buch 19 von → Burchard von Worms, Decretum). Im 13. Jh. tritt an die Stelle des Bußbuchs die (lat.) Summa (F.) confessorum (Summe der Bekenner) der → Beichtstuhljurisprudenz.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Wasserschleben, E., Die
Bußordnungen der abendländischen Kirche, 1851; Schmitz, H., Die Bußbücher und
die Bußdisziplin der Kirche, 1888; Schmitz, H., Die Bußbücher und das
kanonische Bußverfahren, 1898; Finsterwalder, P., Die Canones Theodori
Cantuariensies, 1929; Spindler, E., Das altenglische Bußbuch, 1934; Bieler, L.,
The Irish Penitential, 1963; Vogel, C., Les libri poenitentiales, 1978; Kottje,
R., Die Bußbücher Halitgars von Cambrai und des Hrabanus Maurus, 1980;
Körntgen, L., Studien zu den Quellen der frühmittelalterlichen Bußbücher, 1993;
Kottje, R., Bußbücher in mittelalterlichen Bibliotheksverzeichnissen, Sacris
erudiri 45 (2006), 305ff.
Buße ist
ursprünglich der Ausgleich eines Unrechtserfolges durch eine Leistung an den
Verletzten zum Zweck der Besserung seiner Lage. Sie ist dem römischen Recht als
die Geldsumme bekannt, mit der anfangs (in festen Sätzen) das vergeltende
Racherecht des Verletzten etwa bei Körperverletzung oder Sachbeschädigung
abgelöst wird (lat. [F.] poena). Die (lat. [F.] lex Aquilia stellt auf den Wert
der beschädigten Sache ab. In der jüdisch-christlichen Kirche ist die Buße die
Abwendung von einer sündhaften Vergangenheit. Tacitus bezeugt sie für die
Germanen, bei denen ein Teil der B. auch an die Allgemeinheit fällt. In den →
Volksrechten des Frühmittelalters wird ein ganzes System von mehreren Zielen
dienenden Bußen (lat. compositiones) festgehalten (→
Kompositionensystem), zu dem insbesondere auch das → Wergeld gehört.
Ihnen entsprechen die Bußen der → Bußbücher. Dieses Bußensystem wird seit
dem Hochmittelalter durch die → Strafe zurückgedrängt (vgl. noch § 1497
sächsisches BGB von 1863). Die Leistung an den Verletzten wird mehr und mehr
als → Schadensersatz verstanden. B. wird aber teils als an den
Verletzten, teils als an den Staat (für Ordnungswidrigkeiten) zu erbringende
Geldleistung weiter fortgeführt, wobei eine an eine Gemeinschaft zu leistende
B. öfter gemeinsam vertrunken wird. Das Reichsstrafgesetzbuch des deutschen
Reiches von 1871 kennt (neben der Strafe) die Zahlung einer B. für
Beleidigungen und Körperverletzungen in den §§ 188, 231 StGB (in der Deutschen
Demokratischen Republik bis 1968, in der Bundesrepublik Deutschland bis 1974).
Ähnliche Regeln enthalten das Urhebergesetz, das Patentgesetz und das
Markenschutzgesetz bis 1965/1974.
Lit.: Kaser §§ 35, 50; Söllner § 8; Hübner; Kroeschell, DRG
1, 43ff., 2, 207ff.; Waechter, C. v., Die Buße bei Beleidigungen und
Körperverletzungen, 1874; Dochow, A., Die Buße im Strafrecht und Strafprozess,
1875; Dohna, A. zu, Die Stellung der Buße im reichsrechtlichen System des
Immaterialgüterschutzes, 1902; Pappenheim, M., Scheinbuße und Selbsturteil, ZRG
GA 29 (1908), 334; His, R., Geschichte des deutschen Strafrechts bis zur
Karolina, 1928, Neudruck 1967, 95; Weisweiler, J., Buße, ZRG GA 51 (1931), 541;
Vogel, C., Le pécheur et la pénitence, 1969; Rüping, H., Geldstrafe und Buße,
Z. f. s. ges. StW 85 (1973), 672; Hattenhauer, H., Über Buße und Strafe, ZRG GA
100 (1983), 53; Bader, K., Zum Unrechtsausgleich und zur Strafe im
Frühmittelalter, ZRG GA 112 (1995), 1ff.; Hamilton, S., The Practice of
Penance, 2001; Schumann, E., Unrechtsausgleich im Frühmittelalter, 2003
(ungedr. Habilitationsschrift); Ebert, I., Pönale Elemente im deutschen
Privatrecht, 2004
Bußgeld ist in der
zweiten Hälfte des 20. Jh.s die an den Staat zu erbringende Geldleistung für
eine Ordnungswidrigkeit.
Bussi, Emilio (13. 4. 1904-Rom 14.
11. 1997) wird nach dem Studium des Rechts 1940 Professor in Cagliari, 1958 in
Modena und widmet sich zunächst dem gemeinen Recht (La formazione dei dogmi di
diritto nel diritto comune, Bd. 1f. 1937ff.), danach dem Heiligen Römischen
Reich der frühen Neuzeit (Il diritto pubblico del Sacro Romano Impero, Bd. 1f.
1957ff.
Lit.: Dilcher, G., Nachruf ZRG GA 116 (1999), 707ff.
Buteil ist im Frühmittelalter die grundherrschaftliche Abgabe beim Erbfall. Sie besteht teils in der Hälfte des Viehs, teils im → Besthaupt. Sie schwindet schon am Ende des Frühmittelalters.
Lit.: Hübner 676; Kroeschell, DRG 1, 2
Büttel ist der
gebietende Mensch, insbesondere der Gerichtsdiener. Er lädt, verhaftet,
pfändet und vollstreckt häufig auch eine Strafe. Wegen des niedrigen Ansehens
wird die Bezeichnung im 19. Jh. aufgegeben. → Gerichtsvollzieher
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Angstmann, E., Der Henker in
der Volksmeinung, 1928; Döhring, E., Geschichte der deutschen Rechtspflege,
1953; Peters, W., Bezeichnungen und Funktionen des Fronboten, 1991; Metzke, H.,
Zur lokalen und sozialen Mobilität der Amts- und Gerichtsdiener im 17./18.
Jahrhundert, ZRG GA 113 (1996), 412; Pauser, J., Der Zwettler Gerichtsdiener,
2002
Bützow ist von 1760 bis 1789 Sitz
einer von Rostock abgeteilten Universität.
Lit.: Asche, M., Von
der reichen hansischen Bürgeruniversität zur armen mecklenburgischen
Landeshochschule, 2000, 2. A. 2008
Buxtehude
Lit.: Schindler, M., Buxtehude, 1959
Bynkershoek (Bijnkershoeck), Cornelis van (Middelburg/Seeland 29. 5. 1673-Den Haag 16. 4. 1743) wird nach dem Rechtsstudium in Franeker Anwalt in Den Haag und 1704 Richter des Hoge Raad van Holland en Zeeland (1723 Präsident). In seiner Dissertation (lat.) De dominio maris (1703, Über das Eigentum am Meer) begründet er für den Landesherrn das Eigentum vor der jeweiligen Küste, soweit es mit Waffen beherrscht wird. Seine (lat.) Observationes (F.Pl., Beobachtungen) zu vielen Verfahren sind seit 1923 veröffentlicht.
Lit.: Star Numan, O., Cornelis van Bankershoek, 1869;
Krikke, A./Faber, S., Cornelis van Bynkershoek, (in) Zestig juristen, 1987,
141; Bergh, C. van den, Der Präsident Cornelis van Bijnkershoek, Zs. f. europ.
Privatrecht 3 (1995), 423
Byzantinisches Recht
ist das in Ostrom (Byzanz) gepflegte römische Recht in griechischer Sprache auf
der Grundlage der Kompilationstätigkeit Kaiser Justinians (527-565). Wichtigste
Werke sind Theophils Paraphrase der Institutionen, Nomos georgikos, Nomos
nautikos (Ende 9. Jh.s), Eisagoge, Prochiron 907, eparchikon biblion (nach
907), Ekloge ton nomon (941), 113 Novellen Kaiser Leon VI., Basiliken (888?)
mit Scholien (11. Jh.) und Kurzfassungen (z. B. synopsis Basilicorum 10. Jh.),
Peira (M. 11. Jh.), Nomokanones, Tipukitos (12. Jh.), Hexabiblos (14. Jh.,
endgültig erst durch das Zivilgesetzbuch Griechenlands von 1946 abgelöst).
Lit.: Ius
Graeco-Romanum, hg. v. Zachariae von Lingenthal, H. v., Bd. 1ff. 1856ff.;
Zachariae von Lingenthal, H. v., Geschichte des griechisch-römischen Rechts, 3.
A. 1892; Jus Graeco-Romanum, hg. v. Zepos, J. u. a., Bd. 1ff. 1931ff.; Wenger.
L., Die Quellen des römischen Rechts, 1953; Simon, D., Rechtsfindung am
byzantinischen Reichsgericht, 1973; Beck, H., Nomos, Kanon und Staatsräson in
Byzanz, 1981; Van der Wal, N. u. a., Historiae iuris graeco-romani delineatio,
1985; Schminck, A., Studien zu mittelbyzantinischen Rechtsbüchern, 1986; Simon,
D., Die Epochen der byzantinischen Rechtsgeschichte, Ius commune 15 (1988),
73ff.; Das Eparchenbuch Leons des Weisen, hg. v. Koder, J., 1991; Burgmann, L.
u. a., Repertorium der Handschriften des byzantinischen Rechts, Bd. 1f.
1995ff.; Letsios, D., Nomos Rhodiôn nautikos, 1996; Burgmann, L., Das
byzantinische Recht und seine Einwirkung auf die Rechtsvorstellung der
Bachbarvölker, Südosteuropa-Jahrbuch 26 (1996), 277ff.
Byzanz ist die 326/330 von dem römischen Kaiser Konstantin von Byzantion in Konstantinopel umbenannte Stadt am Bosporus, die 395 Hauptstadt des östlichen Teiles des römischen Weltreichs wird und damit zugleich für das von hier aus beherrschte (oströmische) Reich. Der von Kaiser Justinian (527-565) unternommene Versuch, die weströmischen Gebiete zurückzugewinnen, bleibt ohne nachhaltige Wirkung in dem seit Herakleios (610-41) verstärkt griechisch geprägten Land. Vielmehr wird das byzantinische Reich in der Folge von Persern, Arabern und Bulgaren nachhaltig bedroht und verliert nach der kirchlichen Trennung der griechisch-orthodoxen Kirche von der katholischen Kirche (1054) 1176 im Kampf gegen die Rum-Seldschuken seine Stellung als Großmacht. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer (1203/4) wird das byzantinische Reich unter die Venezianer und die übrigen Kreuzfahrer aufgeteilt. Osmanen, Serben und Bulgaren bedrohen den verbleibenden Rest von mehreren Seiten. Mit der Eroberung Konstantinopels am 29. 5. 1453 durch die Osmanen endet B. bzw. das Byzantinische Reich.
Lit.: Zachariae von Lingenthal, K., Geschichte des griechisch-römischen
Rechts, 3. A. 1892; Neudruck 1955; Karajannis, C., Die Zentralverwaltung des
mittelbyzantinischen Reiches, 1949; Ohnsorge, W., Das Zweikaiserproblem im
früheren Mittelalter, 1947; Wenger, L., Die Quellen des römischen Rechts, 1953;
Pieler, P., Byzantinische Rechtsliteratur, (in) Handbuch der
Altertumswissenschaft, XII, 5, 2, 1978, 343; Ohnsorge, W., Abendland und
Byzanz, 1979 (Aufsätze); Beck, H., Das byzantinische Jahrtausend, 2. A. 1994;
Winkemann, F., Byzantinische Rang- und Ämterstruktur, 1985; Simon, D., Epochen
der byzantinischen Rechtsgeschichte, Ius commune 15 (1988), 73; Schreiner, P.,
Byzanz, 2. A. 1994, 3. A. 2007; Simon, D., Die Epochen der byzantinischen
Rechtsgeschichte, Ius commune 15 (1988), 73; Wirth, P., Grundzüge der byzantinischen
Geschichte, 2. A. 1989; Ostrogorsky, G., Byzantinische Geschichte 324 bis 1453,
3. A. 1996; Cutler, A./Spieser, J., Das mittelalterliche Byzanz, 1997; Haldon,
J., Byzantium in the Seventh Century, 1997; Wesel, U., Geschichte des Rechts,
3. A. 2006; Norwich, J., Byznanz, 1998; Lilie, R., Byzanz, 1999; Avenarius, A.,
Die byzantinische Kultur und die Slawen, 2000; Matschke, K./Tinnefeld, F., Die
Gesellschaft im späten Byzanz, 2000; Matschke, K. u. a., Die Gesellschaft im
späten Byzanz, 2001; Haldon, J., Das byzantinische Reich, 2002; Brandes, W.,
Finanzverwaltung in Krisenzeiten, 2002; Regesten der Kaiserurkunden des
oströmischen Reiches von 565-1453, bearb. v. Dölger, F., 2. A. 2003; Lilje, R.,
Byzanz, 2003; Lilie, R., Byzanz und die Kreuzzüge, 2004; Der Beitrag der
byzantinischen Gelehrten zur abendländischen Renaissance des 14. und 15.
Jahrhunderts, hg. v. Konstantinou, E., 2006; Lilie, R., Einführung in die
byzantinische Geschichte, 2007; Meier, N., Anastasios I. Die Entstehung des
byzantinischen Reiches, 2009
C
Caccialupus, Johann Baptista ist ein in San Severino in der Mark Ancona um 1420
geborener, in Perugia ausgebildeter, seit 1452 in Siena lehrender Jurist
(Tractatus de modo studendi in utroque iure, De modis arguendi, consilia).
Lit.: Lange, H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im Mittelalter,
Bd. 2 2007, 849
Caemmerer, Ernst von (Berlin 17. 1. 1908-Freiburg im Breisgau 23. 6. 1985), Historikerssohn, wird nach dem Studium des Rechts in München und Berlin und der Promotion (1931, Martin Wolff) Assistent und Referent am Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Berlin (Ernst Rabel) sowie nach der Habilitation in Frankfurt am Main (1946 Walter Hallstein) 1947 Professor in Freiburg im Breisgau. Er wird sehr bedeutsam für die Rechtsvergleichung.
Lit.: Festschrift Ernst von Caemmerer, 1978
Caepolla, Bartholomäus ist
ein in Verona um 1420 geborener, in Bologna und Padua ausgebildeter, 1445
promovierter, in Padua, Ferrara, Verona und Padua lehrender, 1475 oder 1477
verstorbener Jurist (De servitutibus, cautelae Caepollae, De contractibus
emptionum et locationum, De imperatore militum deligendo, consilia).
Lit.: Lange, H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im Mittelalter,
Bd. 2 2007, 843
Caesar (Cäsar), Gaius Iulius (Rom 13. 7. 100–Rom 15. 3. 44 v. Chr.), Neffe des Marius, wird
nacheinander Quästor, Ädil, Prätor und Konsul. Zwischen 58 und 51 v. Chr.
erobert er Gallien, wobei er auch den Rhein überschreitet und auf die
britischen Inseln übersetzt. Nach einem erfolgreichen Bürgerkrieg wird er im
Februar 44 Diktator auf Lebenszeit. An den Iden des März wird er ermordet.
Durch ihn endet die römische Republik. Literarisch bedeutsam sind seine
Kommentare über den gallischen Krieg, die auch über die Germanen berichten.
Lit.: Köbler, DRG 32, 66; Gelzer, M., Caesar, 1921,
Neudruck 1983, m. Einführung v. Baltrusch, E., 2008; Walser, G., Caesar und die
Germanen, ZRG GA 57 (1974), 275; Meier, C., Caesar, 1982; Julius Caesar, 1992;
Christ, K., Caesar, 1994; Jehne, M., Caesar, 1997; Etienne, R., Jules César,
1997; Canfora, L., Caesar, 2001; Zecchini, C., Cesare e il mos maiorum, 2001;
Baltrusch, E., Caesar und Pompeius, 2004; Dahlheim, W., Julius Cäsar, 2005;
Caesar, hg. v. Baltrusch, E., 2007; Will, W., Veni, vidi, vici. Caesar und die
Kunst der Selbstdarstellung, 2008; Will, W., Caesar, 2009
Cahier (M.) de doléances ist
das vielleicht schon auf hochmittelalterliche Ansatzpunkte zurückgehende, seit
1427 in ersten Anfängen, 1484 in gedruckter Form erkennbare „Beschwerdeheft“
der ständischen Delegierten der Generalstände (états généraux) in Frankreich.
Lit.:
Marion, M., Dictionnaire des institutions de la France, 1923, 66
Calenberg ist ein
sächsisch-welfisches Teilfürstentum Braunschweig-Lüneburgs, das in verwickelten
Nachfolgen im Land → Hannover und damit über Preußen in Niedersachsen
(1946) aufgeht.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Spieß, W., Die
Großvogtei Calenberg, 1933; Turner, G., Das Calenberger Meierrecht, 1960; Das
Calenberger Hausbuch von 1592, bearb. v. Lathwesen, H., 1980
Calonius → Turku
Calvin, Johannes (Jean) (Noyon 10. 7. 1509-Genf 27. 5. 1564) wird nach dem Rechtsstudium in
Orléans und Bourges (1528-1532) und dem Lizentiat in Paris Anhänger der
Reformation Martin → Luthers (1533 Flucht aus Frankreich) und beeinflusst
von Genf aus Europa von Schottland bis Siebenbürgen. Sein Hauptwerk ist die
(lat.) Institutio (F.) religionis christianae (Einrichtung der christlichen
Religion, 1536, Endfassung 1559). Der von ihm begründete Calvinismus wirkt sich
auf die Gedanken der → Demokratie und des → Widerstandsrechts
bedeutsam aus.
Lit.: Köbler, DRG 153; Schulthess-Rechberg, G. v., Luther,
Zwingli und Calvin in ihren Ansichten über das Verhältnis von Staat und Kirche,
1909; Bohatec, J., Calvin und das Recht, 1934; Müller, W., Church and State in
Luther and Calvin, 1954; Pfisterer, E., Calvins Wirken in Genf, 1957; Staedtke,
J., Johannes Calvin, 1969; Press, V., Calvinismus und Territorialstaat, 1970;
Die Schüler Calvins in der Diaspora, hg. v. Lüthi, K. u. a., 1989; Territorialstaat
und Calvinismus, hg. v. Schaab, M., 1993; Naphy, W., Calvin, 1994; Spijker, W.
v., Calvin, 2001; Heise, V., Der calvinistische Einfluss auf das humanistische
Rechtsdenken, 2004; Persecution and Pluralism, hg. v. Bonney, R. u. a., 2006;
Strohm, C., Calvinismus und Recht, 2007; Calvin Handbuch, hg. v. Selderhuis,
H., 2008
Cambacérès,
Jean-Jacques-Regis de (Montpellier 1753-1824), Bürgermeisterssohn, legt nach
Tätigkeiten als Anwalt und Richter im Zuge seiner Mitgliedschaft im Konvent
(1792) bzw. im Wohlfahrtsausschuss (1794) der französischen Revolution drei
Entwürfe (1793, 1794, 1796/1797) für einen → Code civil vor, die sich
auch wegen seiner engen Verbindung zu Napoleon maßgeblich auf den 1804
entstandenen Code civil Frankreichs auswirken.
Lit.: Papillard, F., Cambacérès, 1961
cambium (lat. [N.]) → Wechsel
Cambrai
Lit.: Meijers,
E./Blécourt, A., Le droit coutumier de Cambrai, Bd. 1f. 1932ff.; Hüttebräuker,
Cambrai, Deutschland und Frankreich 1308-1378, ZRG GA 59 (1939), 88
Cambridge am Fluss Cam ist seit 1066 Vorort einer Grafschaft. Seit 1209 erwächst in C. aus der Abwanderung von Lehrern und Studenten aus → Oxford eine Universität. In ihr entstehen 1284 weltliche Studien. Kennzeichnend für den Grundsatz der Bildung durch persönlichen Umgang sind die zahlreichen Colleges (1997 27, ca. 12000 Studenten).
Lit.: Emden, A., A biographical register of the University
of Cambridge, 1963; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff.; A History of the University of Cambridge, hg. v. Leader, D. u.
a., Bd. 1ff. 1988ff.; Sager, P.,
camerarius (lat. [M.]) → Kämmerer
Canon (lat.-griech. [M.],
Regel, Richtschnur, Norm) ist die einzelne Vorschrift in kirchlichen Rechtsquellen.
Hiervon leitet sich die Bezeichnung → kanonisches Recht ab.
Lit.: Köbler, LAW; Zechiel-Eckes, K., Die Concordia canonum
des Cresconius, 1992; Fowler-Magerl, L., Kanones. Ausgewählte Kanonessammlungen
außerhalb Italiens zwischen 1000 und 1140, 1998 (CD)
Canossa → Investiturstreit
Lit.: Weinfurter, S.,
Canossa, 2006; Canossa 1077, hg. v. Stiegemann, C., 2006
Cantiuncula (Chansonette), Claudius (Metz um 1490-Ensisheim 1549) wird nach dem Rechtsstudium in Löwen und Basel von 1518 bis 1524 in Basel Professor des weltlichen Rechts und übernimmt danach verschiedene Verwaltungsaufgaben und Gerichtstätigkeiten. Seine Schrift (lat.) De ratione studii legalis paraenesis (1522) bietet erstmals einen Plan zur Verbesserung des Rechts in Deutschland nach den Grundsätzen des → Humanismus.
Lit.: Wieacker, F., Gründer und Bewahrer, 1959, 44; Kisch,
G., Die Anfänge der juristischen Fakultät der Universität Basel, 1962, 355;
Kisch G., Claudius Cantiuncula, 1970
Capella (F.) regia (lat.
Hofkapelle) ist zunächst die seit etwa 650 den Merowingerkönigen eigene
Reliquie des Mantels des heiligen Martin, danach der Gebetsraum der Königspfalz
und schließlich die Gesamtheit der mit dem König ziehenden Geistlichen
(capellani [M.Pl.] Kapellane, bald auch bei anderen Großen). Im ostfränkischen
Teilreich wird 965 der Erzbischof von Mainz Erzkaplan und die Hofkapelle zum
personalen Ausgangspunkt des ottonischen → Reichskirchensystems. Mit
dem → Investiturstreit verliert die c. r. ihre darauf gegründete
Bedeutung, bleibt aber als solche bis 1806 bestehen.
Lit.: Fleckenstein, J., Die Hofkapelle der deutschen
Könige, Bd. 1f. 1959ff.
Capitaneus (lat.
[M.], zu lat. [N.] caput, Haupt) ist allgemein eine Bezeichnung für eine
hervorragende Person, die z. B. in Oberitalien (Lombardei bis Toskana) am
Beginn des Hochmittelalters (11. Jh.) für höhere (städtische) Adlige Verwendung
findet (daneben auch in Schwaben, Friesland oder Brandenburg).
Lit.: Köbler, LAW; Meyer, K., Die capitanei von Locarno im
Mittelalter, 1916; Stahl, B., Adel und Volk im Florentiner Dugento, 1968; Kamp,
N., Konsuln und Podestà, 1969; Haverkamp, A., Herrschaftsformen der Frühstaufer
in Reichsitalien, 1970f.; Keller, H., Adelsherrschaft und städtische
Gesellschaft in Oberitalien, 1979; Drüppel, H., Iudex civitaits, 1981; La
vassallità maggiore del Regno Italico, hg. v. Castagnetti, A., 2001
capitis deminutio (lat. [F.])
Herabsetzung der Rechtspersönlichkeit abgestuft bezüglich der Freiheit, des
römischen Bürgerrechts oder der Familienzugehörigkeit im römischen Recht
capitula (lat. [N.Pl.]) Kapitel
Capitula (N. Pl.) Angilramni
sind die mit mehr als 230 Zitaten in zwei Dutzend der wichtigsten
Kirchenrechtssammlungen zwischen etwa 850 und 1150 am stärksten rezipierte
Fälschung Pseudoisidors und bilden eine wichtige Grundlage für das kirchliche
Strafprozessrecht bis zur Gegenwart.
Lit.: Schon, K., Die
Capitula Angilramni. Eine prozessrechtliche Fälschung Pseudoisidors, 2006;
Schon, K., Unbekannte Texte aus der Werkstatt Pseudoisidors. Die Collectio
Danieliana, 2006
Capitula (N.Pl.) Remedii (lat.) sind die im Südwesten des fränkischen Reiches um 800 erfolgte verkürzende Aufzeichnung des spätrömischen Rechts.
Lit.: Köbler, DRG 81; Buchner, R., Die Rechtsquellen, 1953
capitulare →
Kapitular
Capitulare (N.) de villis (lat.), Kapitular über Königshöfe, ist das in einer
Handschrift des zweiten Viertels des 9. Jh.s abschriftlich überlieferte, in 70
Kapitel eingeteilte (berühmteste) Kapitular Karls des Großen aus dem letzten
Jahrzehnt des 8. Jh.s, das zur Beseitigung von Missständen die Verwaltung der
Königshöfe des gesamten fränkischen Reiches ordnen will (Forst, Ackerbau,
Viehzucht, Weinbau, Gärten, Handwerk, Haushaltung, Rechnungslegung).
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Dopsch, A., Westgotisches Recht im
Capitulare de villis, ZRG GA 36 (1915), 1; Mayer, T., Das Capitulare de villis,
ZRG GA 79 (1962), 1; Brühl, C., Capitulare de villis, 1971; Metz, W., Zur
Erforschung des karolingischen Reichsgutes, 1971; Tautscher, A.,
Betriebsführung und Buchhaltung in den karolingischen Königsgütern, Vierteljahrschrift
f. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 61 (1974), 1ff.
Capitulare (N.) Haristallense (lat.,
Kapitular von Herstal bei Lüttich) ist das im März 779 auf einer
Reichsversammlung geschaffene, in vielen jüngeren Abschriften überlieferte sich
erstmals als (lat.) Capitulare (N.) bezeichnende Kapitular. Es enthält
kirchliche und weltliche Bestimmungen. Es versucht die Einschränkung der Fehde.
Lit.: Schneider, R.,
Zur rechtlichen Bedeutung der Kapitularientexte, DA 23 (1967), 273; Mordek, H.,
Karls des Großen zweites Kapitular von Herstal, DA 61 (2005), 1
Capitulare (N.) Saxonicum (lat., sächsisches Kapitular) ist das nach streitiger Ansicht die → Capitulatio de partibus Saxoniae mildernde, in zwei Handschriften überlieferte Kapitular Karls des Großen für Sachsen vom 28. 10. 797.
L.: http://www.koeblergerhard.de/Fontes/CapitulareSaxonicum.htm;
Theuerkauf, G., Lex, Speculum, Compendium iuris, 1968; Springer, M., Die Sachsen,
2004
Capitulatio (F.) de partibus Saxoniae (lat.) ist die in einer Handschrift überlieferte, in
Kapitel gegliederte, (nach?) 782 entstandene Anordnung Karls des Großen
gegenüber den unterworfenen, noch heidnischen Bräuchen (Verbrennen der Hexe, Verbrennen
der Leiche [archäologisch für das 8. Jh. kaum nachgewiesen], Menschenopfer
[nicht nachgewiesen]) anhängenden → Sachsen, die auffälligerweise sehr
häufig die → Todesstrafe androht. Vielleicht ist ihr zweiter Teil erst
803 entstanden.
Lit.: http://www.koeblergerhard.de/Fontes/CapitulatiodepartibusSaxoniae.htm;
Die Eingliederung der Sachsen in das Frankenreich, hg. v. Lammers, W., 1970;
Schubert, E., Die Capitulatio pro partibus Saxoniae (in) Geschichte in der
Region, 1993, 3ff.; Sachsen und Franken in Westfalen, hg. v. Häßler, H., 1999;
Springer, M., Die Sachsen, 2004
Cappenberg
Lit.:
Die Viten Gottfrieds von Cappenberg, hg. v. Niemeyer, G. u. a., 2005
Lit.: Le
pergamene di
Carbonaria silva
(lat. [F.] Kohlenwald, Erstbeleg 388 n. Chr. bei Sulpicius Alexander) ist der
im Frühmittelalter als Grenze bedeutsame Wald von südlich der Sambre bis etwa
der Gegend von Löwen. Aus den im (lat.) Pactus (M.) legis Salicae (Tit. 47)
genannten unterschiedlichen Fristen wird geschlossen, dass die Aufzeichnung
erst nach 507 erfolgt ist, weil erst zu dieser Zeit das Gebiet jenseits der
Loire Teil des Reichs der Franken wird. Im 8. Jh. verliert der Wald auch durch
Rodungen seine Bedeutung.
Lit.: Ewig, E., Die
Merowinger und das Frankenreich, 1997
Cardiff am Taff ist 75 n. Chr. Sitz eines römischen Lagers. 1350 gewinnt es Stadtrecht. 1883 erhält es eine Universität.
Carmer, Johann Heinrich
Casimir von (Bad Kreuznach 29. 12. 1721-Gut Rützen im Kreis Guhrau 23. 5.
1801), reformierter Hofratssohn aus ursprünglich niederländischer Familie,
wird nach dem Rechtsstudium in Jena und Halle 1749 Kammergerichtsreferendar in
Preußen, 1763 Präsident der Oberamtsregierung Breslau, 1768 Chefpräsident
sämtlicher Oberamtsregierungen in Schlesien und 1779 als Folge der
Müller-Arnold-Prozesse Großkanzler und Erster Minister des Justizdepartements
(bis 1795). Infolge seines Wirkens wird 1781 das Prozessrecht im (lat.) →
Corpus (N.) iuris Fridericianum ([Friedrichsches Rechtskorpus,] Erstes Buch,
1793 überarbeitet in der Form der Allgemeinen Gerichtsordnung) neu geordnet und
vor allem durch Svarez die Entstehung des → Allgemeinen Landrechts
entscheidend gefördert.
Lit.: Köbler, DRG 140; Thieme, H., Die preußische
Kodifikation, ZRG GA 57 (1937), 362; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der
Neuzeit, 1952, 2. A. 1967; Houwald, G. Frhr. v., Ahnen
und Enkel des Johann Heinrich Casimir Graf von Carmer, 1977
Carolina (lat. [F.]) → Constitutio Criminalis Carolina
Carpzov, Benedikt (Wittenberg 27. 5. 1595-Leipzig 30. oder 31. 8. 1666), Sohn eines gleichnamigen
Professors der Rechte in Wittenberg, wird nach dem Rechtsstudium in Jena,
Leipzig und Wittenberg (Wittenberg 1618 Promotion) 1620 Mitglied des Leipziger
Schöffenstuhles, 1644 Hofrat in Dresden, 1644/1645 Professor in Leipzig und
1653 Geheimer Rat in Dresden. In seiner auf sächsische Urteile wie
gemeinrechtliche Lehre gegründeten (lat.) Practica (F.) nova imperialis
Saxonica rerum criminalium (1635, 9. A. 1695, 12. A. 1751, Neue
kaiserlich-sächsische Praxis) bietet er die erste systematische Darstellung des
(deutschen) Strafrechts unter Bemühung um Abgrenzung der harten ordentlichen
Strafen von den im Ermessen des Gerichts stehenden arbiträren Strafen. Die (lat.) Iurisprudentia
(F.) Romano Saxonica secundum ordinem Constitutionum D. Augusti Electoris
Saxoniae (1638, 8. A. 1721, Römisch-sächsische
Rechtswissenschaft nach den kursächsischen Konstitutionen) erklärt die
kursächsischen Konstitutionen an Hand der entschiedenen Fälle. Die (lat.)
Iurisprudentia (F.) ecclesiastica consistorialis (1649, 8. A. 1721,
konsistorialkirchliche Rechtswissenschaft) ordnet einheitlich erstmals das
Recht der protestantischen Kirche.
Lit.: Köbler, DRG 144; Schmidt, E., Einführung in die
Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, 3. A. 1965; Köckritz, S. v., Die
Bedeutung des Willens für den Verbrechensbegriff Carpzovs, 1955; Merzyn, G.,
Der Beitrag Benedikt Carpzovs zur Entwicklung des Kollisionsrechts, 1963;
Schieckel, H., Benedict I. Carpzov (1565-1624) und die Juristen unter seinen
Nachkommen, ZRG GA 83 (1966), 310; Schiekel, H., Alexander Graf zu Dohna als
Nachkomme von Benedikt I. Carpzov, ZRG GA 89 (1972), 212; Benedikt Carpzov, hg.
v. Schild, W., 1997; Benedict Carpzov, hg. v. Jerouschek, G. u. a., 2000;
Wilde, M., Die Zauberei- und Hexenprozesse in Kursachsen, 2003
Carta, charta (lat.
[F.] Blatt, Urkunde) ist die Urkunde, vor allem die (vom Veräußerer) subjektiv
gefasste (und unterschriebene) Geschäftsurkunde (Verfügungsurkunde) des
frühmittelalterlichen Rechtsverkehrs (z. B. des Klosters Sankt Gallen) im
Gegensatz zur (lat. [F.] notitia) Beweisurkunde. Seit dem 9. Jh. schwindet die
c. Ihre Aufgabe übernimmt im 12. Jh. die Siegelurkunde.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, LAW; Brunner, H., Zur
Rechtsgeschichte der römischen und germanischen Urkunde, Bd. 1 1880, Neudruck
1961; Zeumer, K., Cartam levare, ZRG GA 4 (1883), 113; Redlich, O., Die
Privaturkunden des Mittelalters, 1911; Steinacker, H., Die antiken Grundlagen
der frühmittelalterlichen Privaturkunde, 1951; Classen, P., Kaiserreskript und
Königsurkunde, 1977, 190; Recht und Schrift im Mittelalter, hg. v. Classen, P.,
1977
cartularius (lat. [M.]) mittels Urkunde (lat.
carta) Freigelassener
Lit.: Olberg, G. v.,
Die Bezeichnungen für soziale Stände, Schichten und Gruppen in den Leges
Barbarorum, 1991
case-law (engl. [N.]) → Fallrecht
Cassiodor, Flavius
Magnus Aurelius Senator (Bruttium vor 490-nach 580), aus in Kalabrien
begüterter Familie senatorischen Ranges, 507 (lat.) quaestor, 514 (lat.)
consul, 523-527 (lat.) magister officiorum, 533-537 (lat.) praefectus
praetorio, ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der Spätantike, der auf
Grund seiner vorangehenden Verwaltungstätigkeit in seinen Variae (lat. [F.Pl.]
[epistulae] verschiedene [Briefe]) die ostgotische Herrschaftspraxis in Italien
bis 537 erkennen lässt (um 555 Rückzug in das von ihm gegründete Kloster
Vivarium).
Lit.: O`Donnell, J., Cassiodor, 1979;
Krautschick, S., Cassiodor und die Politik seiner Zeit, 1983; Meyer-Flügel, B.,
Das Bild der ostgotisch-römischen Gesellschaft bei Cassiodor, 1992; Stüven, A.,
Rechtliche Ausprägungen der civilitas im Ostgotenreich, 1995; Kakridi, C.,
Cassiodors Variae, 2005
Cassius, Longinus
(1. Jh.), aus alter senatorischer Familie, wird als Schüler des → Sabinus
Haupt der römischen Rechtsschule der Sabinianer oder Cassianer. Seine
(mindestens 10 Bücher umfassenden) Libri (M.Pl.) iuris civilis (Bücher des
römischen Rechts) sind nur mittelbar durch Auszüge überliefert.
Lit.: Kunkel, W., Herkunft und soziale Stellung der
römischen Juristen, 2. A. 1967, 130
casum sentit dominus (lat.).
Den (Fall bzw.) Zufall fühlt der Eigentümer.
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 7. A. 2007
casus (lat.
[M.] Fall, Zufall
caupo (lat. [M.]) Schankwirt
causa (lat. [F.]) Grund, Ursache, Fall
Lit.: Kaser §§ 19, 24, 25, 27, 33, 40,
48; Söllner § 8; Köbler, DRG 44, 61; Fuchs, J., Justa causa traditionis, 1952;
Bremkamp, T., Causa. Der Zweck als Grundpfeiler des Privatrechts, 2008
causae (F.Pl.) civiles (lat.) bürgerliche Sachen
causae (F.Pl.) criminales (lat.) Strafsachen
causae (F.Pl.) maiores (lat.)
wichtigere Angelegenheiten
causae (F.Pl.) minores (lat.)
mindere Angelegenheiten
Cautela (lat. [F.],
Vorsicht) ist die von dem magdeburgischen Bürger Hermann von Oesfeld 1350
deutsch (mit lateinischen Zitaten) verfasste, handschriftlich seit 1382 belegte
(8 Handschriften bis 1483) kleine Sammlung von Anweisungen zum vorsichtigen
Verhalten vor Gericht (14 Zeilen Vorrede, 97 Zeilen Text, 11 Zeilen Nachrede). →
Premis
Lit.: Unger, F., Des Richtes Stig, 1847; Homeyer, C., Der
Richtsteig Landrechts nebst Cautela und Premis, 1857; Ovesfelde, H. v., Die
Cautela, 1939; Oppitz, U., Die deutschen Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1
1990, 66
cautio (lat. [F.])
Sicherheitsleistung bzw. das als Stipulation für den Fall eines künftigen
Schadens aus einem bestimmten Umstand (z. B. Einsturz eines Gebäudes)
abgegebene Leistungsversprechen des römischen Rechts
Lit.: Kaser § 7; Söllner § 9; Köbler, DRG 29; Köbler, LAW;
Salmen-Everinghoff, C., Zur cautio damni infecti, 2009
cautio (F.) Muciana (lat.)
mucianische → Sicherheitsleistung, → Mucius Scaevola
Celle
Lit.: Figge, R., Altes
Recht in Celle, 1938; Jessen, P., Der Einfluss von Reichshofrat und
Reichskammergericht auf die Entstehung und Entwicklung des
Oberappellationsgerichts Celle, 1986; Rüping, H., Rechtsanwälte im Bezirk
Celle, 2006
Celsus, Iuventius (pater) (1. Jh.) ist der als ein Haupt der Prokulianer und als Vater des → Celsus (filius) bekannte klassisch-römische Rechtskundige.
Lit.: Söllner § 16; Köbler, DRG 30; Kunkel, W., Herkunft
und soziale Stellung der römischen Juristen, 2. A. 1967, 137
Celsus, Iuventius
Publius (filius) (2. Jh.), Sohn des Iuventius Celsus (pater), ist der
bedeutende Vertreter des hochklassischen römischen Rechts (u. a. [lat.] Libri
[M.Pl.] digestorum, Bücher der Digesten) der Zeit Kaiser Hadrians (117-138 n.
Chr.), von dem etwa die lateinischen Wendungen Ius est ars boni et aequi (Das
Recht ist die Kunst des Guten und Gerechten) und Scire leges non hoc est verba
earum tenere, sed vim ac potestatem (Gesetze kennen bedeutet nicht, ihre Worte
zu wahren, sondern ihren Sinn und Zweck) und das (lat.) Senatusconsultum (N.)
Iuventianum (129) mit einer Bevorzugung des gutgläubigen
Bereicherungsschuldners im Erbrecht stammen.
Lit.: Kunkel, W., Herkunft und soziale Stellung der
römischen Juristen, 2. A. 1967, 146;
Hausmaninger, H., Publius Iuventus Celsus, (in) Prescriptive formality, 1994
Centena (lat. [F.]) ist im
frühmittelalterlichen Franken und Alemannien eine Verwaltungseinheit
streitigen Inhalts (Erstbeleg 511/558).
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Dannenbauer, H., Hundertschaft,
centena und huntari, Hist. Jb. 62-69 (1949), 155; Metz, W., Zur Geschichte der
fränkischen centena, ZRG GA 74 (1957), 234; Schulze, K., Die
Grafschaftsverfassung in den Gebieten östlich des Rheins, 1974; Murray, A.,
From Roman to Frankish Gaul, Traditio 44 (1988), 59ff.
Centenarius (lat.
[M.]) ist in der römischen Spätantike der kaiserliche Beamte mit 100000
Sesterzen Jahresgehalt, im Frühmittelalter bei Westgoten, Langobarden, Bayern,
Franken und Alemannen ein niederer königlicher Amtsträger.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Krug, H., Untersuchungen zum Amt
des centenarius - Schultheiß, ZRG GA 87 (1970), 1, 88 (1971), 29 (Diss. phil. Wien 1968); Murray, A., From Roman to Frankish
Cessante ratione legis cessat
ipsa lex
(lat.). Fällt der Sinn eines Gesetzes weg,
fällt das Gesetz selbst weg.
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 7. A. 2007
(Glosse zu Digesten 35, 1, 72, §6); Krause, H., Cessante causa cessat lex, ZRG
KA 46 (1960), 81
cessio (lat. [F.])
Abtretung (einer Forderung) → Zession
Chamave → Ewa Chamavorum
Chambéry in den
Voralpen gelangt 1232 an Savoyen. 1761 erhält es eine Universität.
Champagne ist die
südwestlich vor den Ardennen liegende Landschaft. Sie fällt 486 n. Chr. von den
Römern an die Franken und wird 814 Grafschaft. Diese wird 1314/1361 Krondomäne
Frankreichs. Unter Rückgriff auf eine um 1253 entstandene Sammlung der Usages
de C. und Einfügung verschiedener höchstgerichtlicher Urteile der Jahre 1270
bis 1295 verfasst wahrscheinlich Guillaume de Châtelet zwischen 1295 und 1300
den Ancien coutumier de C.
Lit.: Portejoie, P., L’ancien
coutumier de Champagne, 1956; Bur, M., La formation du comté de Champagne, 1977
Chancengleichheit ist
die in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s aus dem Gleichheitsgrundsatz
entwickelte Vorstellung, dass in bestimmten Wettbewerbslagen C. hergestellt werden
müsse.
Lit.: Bender, R./Schumacher, R., Erfolgsbarrieren vor
Gericht, 1980
Charisma
(N.) Heil, Ausstrahlungskraft
Charivari (N.) Durcheinander, Wirrwarr,
Katzenmusik (Volksbrauch)
Charta der Vereinten Nationen → Vereinte Nationen
Charte constitutionelle (frz.
[F.] Verfassungsurkunde) ist die oktroyierte(, bis Juli 1830 geltende)
Verfassung des Jahres 1814 in Frankreich.
Chartepartie (aus
[lat.] carta [F.] partita, geteilte Urkunde) ist im Seehandelsrecht seit dem
Hochmittelalter die Urkunde über die (teilweise) Befrachtung eines Schiffes
(vgl. ADHGB von 1861).
Lit.: Goldschmidt, L., Universalgeschichte des
Handelsrechts, (Bd. 1 3. A.) 1891, Neudruck 1957; Lewis, W., Das deutsche
Seerecht, 1883; Wattenbach, W., Das Schiffswesen im Mittelalter, 1896, Neudruck
1958; Scrutton, T., The contract of affreightment, 1939; Morisset, J., Der
Frachtvertrag in der Ordonnance de la marine von 1681, 1996; Landwehr, G., Das
Seerecht der Hanse (1365-1614), 2003
checks and balances Kontrollen und Ausgleiche durch Gewaltenteilung in
der Verfassung
Chemnitz → Hippolithus a Lapide
Lit.:
Das Chemnitzer Bleichgericht und die dortigen Bleichen vor 500 Jahren, ZRG GA
25 (1904), 345; Schlesinger, W., Die Anfänge der Stadt Chemnitz, 1952
China (u. a. 1983/1984 in Zhangjiashan im Grab M 247 mehr als 1000
Bambusleisten aus dem 2. Jh. v. Chr. entdeckt mit 70 Prozent Rechtstexten und
227 Bambusleisten mit einem Textkorpus Zouyanshu) (um 1900 starker Einfluss des
deutschen Rechts) (1978 offizielle Übernahme westeuropäischen Rechts begonnen,
anfangs angloamerikanisch, später auch deutsch)
Lit.: Senger, H. v., Kaufverträge im traditionellen China,
Diss. jur. Zürich 1970; Köbler, G., Rechtschinesisch, 2001; Recht und
Rechtsgeschichte Chinas, 2002; Lexikon der chinesischen Literatur, hg. v.
Klöpsch, V. u. a., 2004; Seyock, B., Auf den Spuren der Ostbarbaren, 2004; Kim,
C., Deutscher Kulturimperialismus in China, 2004; Yangwen, Z., The Social Life
of Opium in China, 2005; Dabringhaus, S., Geschichte Chinas 1279-1949, 2. A.
2009; Schoettli, U., China, 2007; China, hg. v. Staiger, B. u. a., 2006;
Schmidt-Glintzer, H., Kleine Geschichte Chinas, 2008; Schmieder, F., Marco Polo
(1254-1324), 2009
Chirographum (lat.-gr. [N.] Handgeschriebenes)
ist in der römischen Antike die (eigenhändig geschriebene, subjektiv gefasste)
Papyrusurkunde. Von England (Mitte 9. Jh.) aus wird c. später zur Bezeichnung
für die in zwei Ausfertigungen auf einem danach zerschnittenen Blatt
hergestellte Urkunde über ein mehrseitiges Rechtsgeschäft (854/855?, Saint
Bertin 944, Trier 967). Seit dem 14. Jh. wird das c. bei siegelführenden
Beteiligten durch die Siegelurkunde, im Übrigen durch die Urkunde öffentlicher
Notare zurückgedrängt, bleibt aber bis zum 18. Jh. in Gebrauch. →
Chartepartie
Lit.: Kaser §§ 7, 40; Köbler, DRG 43; Köbler, LAW; Redlich,
O., Die Privaturkunde des Mittelalters, 1911; Bresslau, H., Handbuch der
Urkundenlehre, Bd. 1, 2. A. 1912, 699; Trusen, W., Chirographum und Teilurkunde
im Mittelalter, Archival. Z. 75 (1979), 233; Parisse, M., Remarques sur les
chirographes, AD 32 (1986), 546ff.; Anglo-Saxon Manuscripts and their Heritage,
hg. v. Pulsiano, P. u. a., 1998
Chlodwig (Chlodowech, 466-511),
merowingischer König der Franken (482-511)
Lit.: Ewig, E., Die
Merowinger und das Frankenreich, 1988, 3. A. 1997
Chorbischof (Landbischof) ist im oströmischen Reichsteil der ursprünglich gleichberechtigte Gehilfe des städtischen Bischofs für das Landgebiet der Diözese. Seit der Mitte des 8. Jh.s erscheint unter angelsächsischem Einfluss ein C. im Westen, der seit dem 9. Jh. aber wieder schwindet (Konzil von Metz 888).
Lit.: Gottlob, T., Der abendländische Chorepiskopat, 1928,
Neudruck 1963; Müller, J., Gedanken zum Institut der Chorbischöfe (in) FS K.
Pennington, 2006, 77ff.
Chorherr ist der
(Kanoniker bzw.) Kleriker, der Mitglied eines an einer Kirche bestehenden
Kapitels (mit Sitz im Chor) ist. Ansätze zu einer solchen Gemeinschaft zeigen
sich schon bei Bischof Eusebius von Vercelli (um 283-371). Das Frühmittelalter
entwickelt hierfür besondere Regeln bzw. canones (z. B. Chrodegang von Metz um
755 regula canonicorum, Konzil von Aachen 816). Die frühhochmittelalterliche
Kirchenreform führt zur stärkeren Regulierung (gregorianische Reform). Im 12.
Jh. werden Empfehlungen des heiligen Augustinus besonders aufgegriffen
(Augustinerchorherr).
Lit.: Schieffer, R., Die Entstehung von Domkapiteln in
Deutschland, 1976; Lawrence, C., Medieval Monasticism, 2. A. 1989, 163;
Crusius, I., Studien zum weltlichen Kollegiatstift in Deutschland, 1985; Die
Stiftskirche in Südwestdeutschland, hg. v. Lorenz, S. u. a., 2003
Chrenecruda (afrk.
„reine Erde“?) ist die in Titel 58 des salfränkischen Volksrechts (Pactus legis
Salicae) erwähnte, den leistungsunfähigen Wergeldschuldner betreffende →
malbergische Glosse, die sich auf ein vielleicht neu geschaffenes, nur kurze
Zeit bezeugtes oder vielleicht auch aus einer magischen Zauberhandlung
übernommenes Formalverhalten bezieht.
Lit.: Gierke, J., Chrene cruda und Spatenrecht, ZRG GA 28
(1907), 290; Goldmann, E., Chrenecruda-Studien zum Titel 58 der Lex Salica,
1931; Schmidt-Wiegand, R., Chrenecruda, FS G. Schmelzeisen, 1980, 252
Christentum ist die
Gesamtheit des christlichen Glaubens und seiner Anhänger. Unter Fortführung
jüdischer Vorstellungen des alten Testamentes geht das C. davon aus, dass sein
Stifter Jesus Christus als Sohn Gottes durch seinen Tod am Kreuz die Menschen
von ihrer Sündigkeit erlöst hat. Die daran anknüpfenden Gedanken breiten sich
im römischen Reich so rasch aus, dass der Staat seit der Mitte des 3. Jh.s das
C. entschieden verfolgt. Durch das Toleranzedikt Kaiser Konstantins (311) wird
das C. gleichberechtigter Kult, durch Theodosius I. 380 Staatsreligion. Seit
dem Ausgang des Altertums greift das C. vor allem auf die germanischen Völker
über. Spaltungen (1054 und 1517) führen zu den besonderen Bekenntnissen der
Katholiken, Orthodoxen und Protestanten. In der Neuzeit verbreitet sich das C.
mit der Entdeckung neuer Länder und der Gewinnung von Kolonien über die ganze
Erde. Bereits kurz nach seiner Entstehung entwickelt das C. ausgeprägte
rechtliche Regeln (→ kirchliches Recht), die in vielen Hinsichten das
weltliche Recht mitgestalten.
Lit.: Söllner §§ 19, 20, 21; Köbler, DRG 51, 68, 99, 146;
Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1 1972, 772; Bultmann, R., Das Urchristentum
im Rahmen der antiken Religionen, 4. A. 1976; Biondi, B., Il diritto romano
cristiano, 1952ff.; Plöchl, W., Geschichte des Kirchenrechts, Bd. 1ff. 2. A.
1960ff.; Christentum, Säkularisation und modernes Recht, hg. v.
Lombardi-Vallauri, L. u. a., 1981; Deschner, K., Kriminalgeschichte des
Christentums, 1988ff.; Die Geschichte des Christentums, hg. v. Mayeur, J. u.
a., Bd. 8 1992, Bd. 10 1999; Geschichte des Christentums, hg. v. McManners, J.,
1993; Andresen, C./Ritter, A., Geschichte des Christentums, Bd. 1ff. 1993ff.;
Crossan, J., Der historische Jesus, 1994; Fontes christiani, hg. v. Brox, N. u.
a., 1995ff.; Winkelmann, F., Geschichte des frühen Christentums, 1996; Glaser,
F., Frühes Christentum im Alpenraum, 1997; Barton, P., Geschichte des
Christentums in Österreich und Südostmitteleuropa, 1997; Padberg, L. v., Die
Christianisierung Europas, 1998; Lang, B., Heiliges Spiel, 1998; Gnilka, J.,
Die frühen Orden, 1999; Lexikon der christlichen Antike, hg. v. Bauer, J. u.
a., 1999; Metzler Lexikon christlicher Denker, hg. v. Vinzent, M., 2000; Die
Geschichte des Christentums, hg. v. Pietri, L., Bd. 3 2000; Lee, A., Pagans and
Christians in Late Antiquity, 2000; Mission und Christianisierung am Hoch- und
Oberrhein, hg. v. Berschin, W. u. a. 2000; Lüdemann, G., Das Urchristentum,
2002; Jensen, A., Frauen im frühen Christentum, 2002; Die Alemannen und das
Christentum, hg. v. Lorenz, S. u. a., 2003; Koch, S., Rechtliche Regelung von
Konflikten im frühen Christentum, 2003; Tamcke, M., Das orthodoxe Christentum,
2004; Hasenfratz, H., Die antike Welt und das Christentum, 2004; Moeller, B.,
Geschichte des Christentums in Grundzügen, 8. A. 2004; Zschoch, H., Die
Christenheit im Hoch- und Spätmittelalter, 2004; Drobner, H., Lehrbuch der
Patrologie, 2. A. 2004; Hasenfratz, H., Die antike Welt und das Christentum,
2004; Bonifatius, hg. v. Felten, F., 2004; The Spread of Christianity in the
first four Centuries, hg. v. Harris, W., 2005; Angenendt, A., Toleranz und
Gewalt, 2006; Markschies, C., Das antike Christentum, 2006; Seebaß, G.,
Geschichte des Christentums, Bd. 3 2006; Engberg, J., Impulsore Chresto, 2007;
Judge, E., The First Christians in the Roman World, 2008 (Aufsätze); Habermas,
R., Mission im 19. Jahrhundert, HZ 287 (2008), 629
Chronik (F.) zeitlich geordnete
Aufzeichnung (Eusebius [um 325], Hieronymus [um 378], Paulus Orosius [417],
Isidor von Sevilla [um 627], Regino von Prüm, Frutolf von Michelsberg,
Kaiserchronik [1140/1150], Otto von Freising, sächsische Weltchronik [um
1230?], Magdeburger Weichbildchronik [1235-1250], Martin von Troppau)
Lit.: Schmidt, H., Die
deutschen Städtechroniken, 1958; Krüger, K., Die Universalchronik, 1976ff.;
Schwäbische Chroniken der Stauferzeit, 1978; Schmale, F., Funktion und Formen
mittelalterlicher Geschichtsschreibung, 1985; Sprandel, R., Chronisten als
Zeitzeugen, 1994; Van Houts, E., Local and Regional Chronicles, 1995; Naß, K.,
Die Reichschronik des Annalista Saxo, 1996; Hauptwerke der
Geschichtsschreibung, hg. v. Reinhardt, V., 1997; Goetz, H.,
Geschichtsschreibung und Geschichtsbewusstsein im hohen Mittelalter, 1999;
Städtische Geschichtsschreibung im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit,
2000; Die Chroniken Bertholds von Reichenau und Bernolds von Konstanz
1054-1100, hg. v. Robinson, I., 2003; Hessische Chroniken zur Landes- und
Stadtgeschichte, hg. v. Menk, G., 2003; Ebendorfer, Thomas, Chronica regum
Romanorum, hg. v. Zimmermann, H., 2003; Von Fakten und Fiktionen, hg. v.
Laudage, J., 2003; Die Reichschronik des Annalista Saxo, hg. v. Naß, K., 2006
Chronologie (F.) ist das geordnete Wissen
um die Zeit (Zeitkunde).
In der C. wird die Zeit der Jahre vielfach von einem mythischen Beginn an
gezählt (z. B. von der Schöpfung an oder vom angeblichen Gründungsdatum Roms
[753 v. Chr.]). Julius Caesar geht dabei (46 v. Chr.) von drei Jahren zu 365
Tagen und einem Jahr von 366 Tagen, einem Jahresbeginn am 1. Januar und 12
Monaten aus. Die Rechnung der Jahre nach Christi Geburt leitet sich von den
Ostertafeln des Dionysius Exiguus (525) her, die sich zu Beginn des 8. Jh.s in
England durchsetzt und von dort auf das Reich der Franken übergreift. Regino
von Prüm datiert ab Christi Geburt und wendet damit als erster in der
Weltgeschichtsschreibung die durchgehende Zählung nach Inkarnationsjahren an.
Wegen der 11 Minuten und 14 Sekunden das Sonnenjahr überschreitenden tropischen
Jahres des julianischen Kalenders (ein Tag in 128 Jahren), folgt in der Reform
des Jahres 1582 (gregorianische Kalenderreform mit einer fehlerhaften
Abweichung von einem Tag in 3323 Jahren) auf den 4. Oktober der 15. Oktober.
Seit dem Ende des 18. Jh.s werden auch die vorchristlichen Jahre nach Christi
Geburt gezählt. Eine internationale Standaridiserung geht in der Gegenwart von
der Schreibweise Jahr, Monat, Tag (z. B. 2008-02-21) aus.
Lit.:
Grotefend, H., Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit,
1891ff., Neudruck 1970; Grotefend, H., Taschenbuch der Zeitrechnung, 1898, 14.
A. 2007; Rühl, F., Chronologie des Mittelalters und der Neuzeit, 1897; Mahler,
E., Handbuch der jüdischen Chronologie, 1919, Neudruck 1967; Sonntag, R.,
Studien zur Bewertung von Zahlenangaben in der Geschichtsschreibung des frühen
Mittelalters, 1987; Bäbler, B., Archäologie und Chronologie, 2004; Brincken, A.
v. d., Historische Chronologie des Abendlandes, 2000
Chur
Lit.: Casparis, H., Der
Bischof von Chur als Grundherr, 1910; Jecklin, F., Die Churer Waisenpflege,
1920; Deplazes, L., Reichsdienste und Kaiserprivilegien, 1973
Cicero, Marcus Tullius (106-43 v. Chr.), Schüler des Mucius augur und des Mucius Scaevola, ist der bedeutendste Gerichtsredner und politische Schriftsteller der römischen Antike, der vor allem das griechische Rechtsdenken aufgreift und weitergibt. Insbesondere der Schrift De officiis (Von Pflichten) gelingt die Vermittlung der Naturrechtsidee an die spätere Zeit.
Lit.: Söllner §§ 7, 9, 11, 12; Köbler, DRG 17; Wieacker,
F., Cicero als Advokat, 1965; Mitchell, T., Cicero, 1991; Fuhrmann, M., Cicero
und die römische Republik, 4. A. 1997; Marcus Tullius Cicero, Die Prozessreden,
hg. v. Fuhrmann, M., 1997; Kurczyk, S., Cicero und die Inszenierung der eigenen
Vergangenheit, 2006; Res publica und Demokratie, hg. v. Richter, E. u. a.,
2007; Fox, M., Cicero’s Philosophy of History, 2007
Cinus (de
Sighibuldis) da Pistoia (Pistoia 1270-1336/1337), Sohn eines Notars, wird nach
dem Studium des weltlichen Rechts in Bologna Anhänger Heinrichs VII. Nach der
Promotion (1314) schließt er sich der päpstlichen Partei an und wird Professor
in Siena (1321-1323, 1324-1326), Perugia (1326-1330, 1332-1333), Neapel
(1330-1331) und Bologna (1333-1334). Sein Hauptwerk ist der um 1312 bis 1314
verfasste Kommentar zum Codex, neben dem Glossen, quaestiones, consilia und ein
Traktat De successione ab intestato stehen.
Lit.: Savigny, F. v., Geschichte des römischen Rechts im
Mittelalter, 2. A. 1834ff., 6, 7; Chiapelli, L., Vita
e opere, 1881; Libertini, V., Cino da Pistoia, 1974; Lange,
H./Kriechbaum, M., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 2 2007, 633
Cisleithanien ist
die nichtamtliche Bezeichnung der Länder Österreichs diesseits des Flusses
Leitha (Niederösterreich, Oberösterreich, Steiermark, Kärnten, Krain,
Küstenland, Dalmatien, Salzburg, Tirol, Vorarlberg, Böhmen, Mähren, Schlesien,
Galizien und Bukowina [im Gegensatz zu Transleithanien]), die bis 1915 als die
im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder umschrieben und dann als
Kaisertum Österreich benannt werden.
Lit.: Zöllner, E., Der Österreichbegriff, 1988
Civilian ist im englischen Recht die Bezeichnung für den im römischen Recht (civil law) ausgebildeten Juristen.
Lit.: The Civilian Tradition and Scots Law, hg. v. Carey Millar, D. u. a., 1997
civis (lat. [M.])
Bürger
Lit.: Kaser; Köbler, G., Civis und ius civile im deutschen
Frühmittelalter, Diss. jur. Göttingen 1964
civis (M.) Romanus (lat.)
römischer → Bürger
civitas (lat. [F.])
Völkerschaft, Bürgerschaft
Lit.: Rietschel, S., Die civitas auf deutschem Boden, 1894,
Neudruck 1978; Brühl, C., Palatium und civitas, 1975
civitas [F.] imperii (mlat.)
Reichsstadt
clam (lat.) heimlich
clausula (lat. [F.]) Klausel
clausula (lat.
[F.]) arbitraria Ermessenklausel des römischen Rechts (z. B. auf Herausgabe
einer Sache) in der Klageformel
Clausula (F.) rebus sic stantibus (lat.) ist die Vorbehaltsklausel der unveränderten Sachlage (Augustin von Leyser [1683-1752] omne pactum rebus sic stantibus intelligendum est, jeder Vertrag muss unter gleichbleibenden Voraussetzungen betrachtet werden). Sie geht im 20. Jh. in der Lehre vom Fehlen bzw. Wegfall der Geschäftsgrundlage auf.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Dießelhorst, M., Die
Geschäftsgrundlage, (in) Rechtswissenschaft und Rechtsentwicklung, 1980, 153;
Wesenberg, G./Wesener, G., Neuere deutsche Privatrechtsgeschichte, 4. A. 1985;
Köbler, R., Die clausula rebus sic stantibus, 1991
Clementinen (Clementinae) sind die
von Papst Clemens V. (1305-1314) unter Verzicht auf Ausschließlichkeit
gesammelten, meist auch von ihm erlassenen, von Papst Johannes XXII.
(1316-1334) am 23. 10. 1317 (Bulle Quoniam nulla) in 106 Kapiteln
herausgegebenen → Dekretalen, die den letzten Teil des (lat.) →
corpus (N.) iuris canonici bilden (Zitierweise Clem. 2. 11. 2). Die 1326
abgeschlossene Bearbeitung durch Johannes Andreae wird zur (lat.) glossa (F.)
ordinaria (ordentlichen Glosse).
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 102; Feine, H.,
Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972;
Tarrant, J., Constitutiones Clementinae, ZRG KA 70 (1984), 67ff., 71 (1985),
76ff.
clientes (lat. [M.Pl.]) Klientel,
geschützte Abhängige, Anhänger, Dienstleute
Lit.: Patronage in
Ancient Society, hg. v. Wallace-Hadrill, A., 1990
Cluny (nordwestlich Mâcons) in Burgund ist die vom Herzog von Aquitanien am 11. 9. 910 gegründete Benediktinerabtei, die im 10. Jh. zum Mittelpunkt einer kirchlichen Reformbewegung (kluniazensische Kirchenreform) mit rund 300 angeschlossenen Männerklöstern und Frauenklöstern wird. Das Kloster wird 1790 aufgehoben. Die Kirche wird anschließend bis auf einen Querhausarm abgerissen.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Hallinger, K., Gorze-Kluny, Bd.
1f. 1950, Neudruck 1971; Cluny im 10. und 11. Jahrhundert, hg. v. Wollasch, J.,
1970; Kohnle, A., Abt Hugo von Cluny (1049-1100), 1993; Wollasch, J., Cluny,
1996; Les plus anciens documents originaux, hg. v. Atsma, H. u. a., 1997ff.;
Racinet, P., Crises et renouveau, 1997; Poeck, D., Cluniacensis ecclesia, 1998;
Die Cluniazenser in ihrem politisch-sozialen Umfeld, hg. v. Constable, G. u.
a., 1998; Prat, D., Études clunisiennes, 2002; Baud, A., Cluny, 2003; Barret,
S., La mémoire et l’écrit, 2004
Coburg
Lit.: Das älteste Coburger
Stadtbuch 1388-1453, bearb. v. Andrian-Werburg, K. Frhr. v., 1977
Cocceji, Samuel von (Heidelberg 20. 10. 1679-Berlin 4. 10. 1755), Sohn des Völkerrechtsprofessors Heinrich von Cocceji (Bremen 25. 3. 1644-Frankfurt an der Oder 18. 8. 1719), wird nach dem Rechtsstudium in Frankfurt an der Oder dort (1702) Professor, tritt aber wenig später in den Justiz- und Verwaltungsdienst Preußens (1711-1713 Delegierter Preußens am Reichskammergericht in Wetzlar, 1713 Präsident des Kammergerichts in Brandenburg, 1727 Etatminister, 1731 Präsident des Oberappellationsgerichts, 1. Juni 1738 chef de justice, Justizminister), wo er 1747 Großkanzler wird. Auf ihn gehen die 1747/1748 erschienenen Gerichtsordnungen (Projekt des Codicis Fridericiani Pomeranici, Projekt des Codicis Fridericiani Marchici) zurück (1746 Abschaffung der Aktenversendung), während der Versuch einer Neuordnung des materiellen Rechts auf der Grundlage der dem römischen Recht entnommenen naturrechtlichen Grundsätze (Projekt des Corpus juris Fridericiani, Personenrecht 1749, Sachenrecht 1751, Obligationenrecht 1753 bei Versendung verloren) im Ergebnis scheitert. Von beachtlichem Erfolg gekrönt ist die praktische Vereinheitlichung der bestehenden Gerichtsverfassung (u. a. feste Richterbesoldung, 1755 Justizprüfungskommission, Verbot der Aktenversendung, geordneter dreistufiger Instanzenzug).
Lit.: Köbler, DRG 140; Codex Fridericianus Marchicus, 2000
(Einführung durch Mohnhaupt, H.); Trendelenburg, F., Friedrich der Große und
sein Großkanzler Samuel von Cocceju, 1964; Neufeld, H., Die fridericianische
Justizreform, Diss. jur. Göttingen 1910; Springer, M., Die Coccejische
Justizreform, 1914; Döhring, E., Geschichte der deutschen Rechtspflege, 1953;
Weill, H., Frederick the Great and Samuel von Cocceji, 1961
Code civil ist das (am 24.
3.) 1804 geschaffene Bürgerliche Gesetzbuch Frankreichs. Nach ersten
vergeblichen Versuchen unter König Heinrich III. (1574-1589), das hinsichtlich
einer Linie Bordeaux-Lyon-Genf südliche droit écrit (Schriftrecht römischer
bzw. westgotischer bzw. burgundischer Herkunft) mit dem nördlichen droit
coutumier (Gewohnheitsrecht überwiegend fränkischer Herkunft) zu
verbinden, greift die französische
Revolutionsbewegung trotz Fehlens von Vorarbeiten auch die Forderung nach bürgerlicher
Neuordnung des Rechts auf und bestimmt in der Verfassung des Jahres 1791, dass
ein Code des lois civiles communes à tout le royaume (Buch der dem gesamten
Königreich gemeinsamen bürgerlichen Gesetze) geschaffen werden soll (il sera
fait). Nach vier erfolglosen Entwürfen (1793 [Gleichberechtigung der Ehegatten,
einfache Scheidung, Zersplitterung der Erbschaft durch gesetzliche
Erbfolgeteilung, Adoption], 1794 und 1796 durch Cambacérès, 1798-1799 durch
Target) wird hierfür am 12. 8. 1800 eine von der Regierung abhängige Kommission
(vier ehemalige Rechtsanwälte Tronchet, Portalis, Bigot de Préameneu,
Maleville) eingesetzt, die in vier Monaten einen Entwurf anfertigt. Napoleon
selbst nimmt an 59 bzw. 55 von 102 bzw. 107 Sitzungen des Staatsrats teil, bezieht
zu 89 Themenbereichen Stellung und setzt sich in 59 Fragen durch. Die nach
Beratung seit 1803 erscheinenden 36 Einzelgesetze (Verordnungen) fasst ein
Gesetz vom 21. 3.
1804 (unter Abschaffung des alten Rechts) als Code civil des Français zusammen
(1807 Code Napoléon, 1816 Code civil, 1852 Code Napoléon, 1870 Code civil). Der
C. c. umfasst 2281 Artikel, die in (einen
Titre préliminaire und) drei Bücher (Personen, Güter und Eigentumsabwandlungen,
Eigentumserwerbsgründe) geteilt sind. Die Bestimmungen verwirklichen
antifeudalistische, egalitäre und zentralistische Grundsätze der Revolution,
bewahren aber auch in gewissem Umfang fränkisches bzw. germanisches Gedankengut
(Grundwerte Rechtseinheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Laizität, kennzeichnend
sind Säkularisierung des Zivilstands und der Ehe, beschränkte
Scheidungsfreiheit, starke väterliche Gewalt, ungleiche Stellung unehelicher
Kinder, Verbot der Vaterschaftsuntersuchung, Eigentum, Vertragsfreiheit,
Deliktshaftungsgeneralklausel, Gleichheit der Erbschaft, großer Pflichtteil).
Sie treten außer in Belgien, Genf, Piemont, Italien (bis 1813) und Holland
sowie im Großherzogtum Warschau (später Königreich Polen) und kurzfristig im
Villacher Kreis und in Osttirol auch in den linksrheinischen Annexionsgebieten
in Kraft, sowie überwiegend nur kurzzeitig 1810 (13. 12. 1810/29. 5. 1811-1.
10. 1814 [Oldenburg], 27. 5. 1814 [Hamburg], 4. 5. 1814 [Lübeck], 13. 8. 1814
[Bremen]) im Lippe-Departement und im Hansischen Departement, 1808 im
Königreich Westphalen (1. 1. 1808-9. 9. 1814), 1810 im Großherzogtum Berg (1.
1. 1810), 1808 in Aremberg (1. 7. 1808-11. 9. 1814), 1810 in Baden (1. 1.
1810), 1811 in Frankfurt am Main (1. 10. 1811-1. 2. 1814) und Anhalt-Köthen (1.
3. 1811-1. 1. 1812), 1812 in Nassau (1. 1. 1812-1. 1. 1814) und 1808 in Danzig
(21. 7. 1808-1815). Bis zum 31. 12. 1899 bleibt der C. c. in Geltung
(linksrheinisch) in der preußischen Rheinprovinz, in Rheinhessen, Birkenfeld,
Rheinbayern, (rechtsrheinisch) in Berg und in Baden (1/6 des Reichsgebietes mit
ca. 8 Millionen Einwohnern). Darüber hinaus beeinflusst der C. c. mehr oder
weniger stark die gesamte spätere privatrechtliche Gesetzgebung vieler Länder
(Luxemburg, Belgien 1830, Niederlande bis 1838, Italien 1865-1940, Schweiz,
Spanien 1889, Portugal 1867, Südamerika und Mittelamerika (Haiti 1825,
Mexiko-Oaxaca 1828, Bolivien 1830, Costa Rica 1841, Peru 1852, Chile 1855,
Mexiko 1870, Argentinien 1871, Brasilien 1916, Peru 1936), Louisiana 1808,
1825, Rumänien 1863/1865, Ägypten 1865, Quebec 1866, französische Kolonien in
Afrika). Durch Novellen ist der C. c. an geänderte Vorstellungen angepasst (z.
B. 1807 Majorat, 1816 Verzicht auf die Scheidung, 1819 Streichung des
Erbverbots für Ausländer, dann Aufhebung des bürgerlichen Todes und des
körperlichen Zwanges, 1884 Ehescheidung, 1896 und 1912 Verbesserung der
Rechtsstellung unehelicher Kinder, 1907 Recht der Ehefrau auf Arbeitslohn, 1938
Geschäftsfähigkeit und Prozessfähigkeit der Ehefrau, Familienrecht,
Gleichheitsgrundsatz, 1999 pacte civil de solidarité, 200 Jahre nach
Inkrafttreten noch etwa die Hälfte des ursprünglichen Textes in manchmal
destrukturierter Fassung in Kraft), durch neue Codes (z. B. Code de la
propriété intellectuelle, Code de consommation, Code de assurances) in seiner
Bedeutng geschwächt.
Lit.: Söllner §§ 1, 16; Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 141,
180, 184, 205; Zachariae von Lingenthal, K., Handbuch des französischen
Civilrechts, 1808, 8. A. 1894; Fenet, P., Recueil complet des travaux
préparatoires du Code civil, 1827; Mitteis, H., Die germanischen Grundlagen des
französischen Rechts, ZRG GA 69 (1943), 137; Böhmer, G., Der Einfluss des Code
civil auf die Rechtsentwicklung in Deutschland, AcP 151 (1950/1), 289;
Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 1952, 2. A. 1967; Wilhelm,
W., Gesetzgebung und Kodifikation in Frankreich, Ius commune 1 (1967), 241;
Arnaud, A., Les origines doctrinales du Code civil français, 1969; Arnaud, A.,
Essai d’analyse structurale du Code civil français, 1973; Fehrenbach, E.,
Traditionale Gesellschaft und revolutionäres Recht, 1974; Schubert, W.,
Französisches Recht in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts, 1977;
Theewen, E., Napoleons Anteil am Code civil, 1991; Gross, N., Der Code Civil in
Baden, 1993; Bürge, A., Das französische Privatrecht im 19. Jahrhundert, 2. A.
1995; Code Napoléon. Badisches Landrecht, bearb. v. Müller-Wirth, C. u. a.,
1997; Caroni, P., Saggi sulla storia della codificazione, 1998; Halpérin, J.,
Le Code civil, 2. A. 2003; Bürge, A., Zweihundert Jahre Code civil des Français,
ZeuP 2004, 5; Le Code civil 1804-2004. Livre du
bicentenaire, 2004; Le code civil 1804-2004. Un passé, un présent, un avenir,
hg. v. Lequette, Y., 2004; Les Français et leur Code civil. Bicentenaire du
Code civil 1804-2004, 2004 ; Code civil (Text
imprimé). Les défis d’un nouveau siècle, 2004; Witz, C. u. a., Der französische
Code civil, NJW 2004, 3757; Le Code Napoléon, hg. v. Beauthier, R., 2004;
Richterliche Anwendung des Code civil in seinen europäischen Geltungsbereichen
außerhalb Frankreichs, hg. v. Dölemeyer, B. u. a., 2006 (S. 21 Angabe der
Übersetzungen ins Deutsche); Zweihundert (200) Jahre Code civil, hg. v.
Schubert, W. u. a., 2006; Le Bicentenaire du Code civil, hg. v. Witz, C.,
2006 ; Geyer, S., Den Code civil richtiger auslegen, 2008
Code de commerce ist das 1807 geschaffene
Handelsgesetzbuch Frankreichs.
Code de procédure civile
ist das die ersten den gemeinsamen römisch-kanonischen Prozess seit 1667 durch
mündliche Verfahren und integriertes Beweisverfahren reformierenden königlichen
Gesetze (ordonnances) verstärkende Zivilprozessgesetzbuch Frankreichs von
1806 (öffentliches, mündliches Verfahren, Verhandlungsmaxime, passive Rolle des
Richters, unmittelbare Beweisaufnahme, Anwaltszwang, Prinzip zweier Instanzen,
obligatorischer Vergleichsversuch, Notwendigkeit der Urteilsbegründung), das
1958 tiefgreifend verändert und 1976/1981 durch einen Nouveau Code de procédure
civile mit erheblichen Erweiterungen der richterlichen Befugnisse ersetzt
wird.
Lit.: Köbler, DRG 141; Boncenne, P.,
Théorie de la procédure civile 1828; Endres, P., Die französische
Prozessrechtslehre, 1985; Conod, P., Le Code de procedure civile vaudois, Diss.
jur.
Code Napoléon ist der zu
Ehren Napoleons vergebene, kurzzeitig (1807-1811, 1852-1870) gültige Name des →
Code civil.
Lit.: Köbler, DRG 141; Andreas, W., Die Einführung des Code
Napoléon in Baden, ZRG 31 (1910), 182; Astuti, G., Il „Code Napoléon“ in
Italia, ASD 14-17 (1970-3), 1; Fehrenbach, E., Der Kampf um die Einführung des
Code Napoléon in den Rheinbundstaaten, 1973; Cabanis, A./Cabanis, D., Code
Napoléon et Code Civil vaudois, (in) Mélanges dédiés à Marty, G., 1978; Gross,
N., Der Code Napoléon in Baden, 1997
Code pénal ist das
Strafgesetzbuch Frankreichs von 1810, das seit 1989 erneuert wird.
Lit.: Köbler, DRG 141; Brandt, C., Die Entstehung des Code
pénal von 1810 und sein Einfluss, 2002
codex (lat.
[M.] Klotz, Scheit Holz, von Holzbrettchen umschlossener Beschreibstoff,
Beschriftungstafel für Schriftrollen, Tafel, verbundene Mehrheit von Tafeln
oder Pergamentstücken, Buch (als günstiger Alternative zur Schriftrolle,
bereits im 2. Jh. n. Chr. in der christlichen Literatur ziemlich verbreitet,
für Texte von Rechtskundigen vielleicht seit Anfang des 4. Jh.s)
Codex (lat. [M.]) ist allgemein das umfassende Buch von Gesestezn bzw. Konstitutionen (Gesetzbuch) im Gegensatz zum Einzelgesetz (lat. [F.] constitutio). Im Besonderen ist C. das kompilatorische, (römischrechtliche) Buch der Gesetze (Konstitutionen) (Gesetzbuch) des oströmischen Kaisers → Justinian (527-565). Dieser lässt ab 13. 2. 538 (Konstitution [lat.] De novo codice componendo, Über den neu zusammenzustellenden C.) von einer zehnköpfigen Kommission unter der Leitung Tribonians aus dem Codex Gregorianus, dem Codex Hermogenianus und dem Codex Theodosianus die als noch brauchbar angesehenen Konstitutionen (Gesetze) der römischen Kaiser (ab Hadrian) unter Tilgung von Widersprüchen in einem nur im Index der Titelrubriken und Inskriptionen von Buch 1, 11-16 (im Papyrus Oxy 15, 1814) und im Übrigen nicht erhaltenen Codex (Iustinianus) (vetus) (veröffentlicht unter dem 7. 4. 529) zusammenstellen und 534 durch Tribonian, Dorotheus und drei Anwälte überarbeiten (Codex repetitae praelectionis, Gesetzbuch der wiederholten Vorlesung, 16. 11. 534). Dieser durch Bruchstücke eines Palimpsestes des 6. oder 7. Jh.s und jüngere, ebenfalls jeweils unvollständige Handschriften (Ende 11. Jh.) fast vollständig handschriftlich überlieferte C. enthält, eingeteilt in 12 Bücher (Buch 1 Kirche, Staat, Verfahren, Bücher 2-8 Privatrecht, Buch 9 Strafe, Bücher 10-12 Verwaltung) und (insgesamt 763 bzw. 765) Titel (zitiert als C. nach Buch, Titel [in Ediktsordnung] und Konstitution sowie gegebenenfalls Paragraph, z. B. C. 6, 30, 1) in chronologischer Reihenfolge ungefähr 4600 Konstitutionen hauptsächlich Diokletians (284-305, 1200, Severerkaiser 880, Konstantin 200, Theodosius I. und Theodosius II. 550, Justinian 400) mit insgesamt etwa 400000 (407860?) Wörtern. Im Mittelalter werden als C. nur die ersten neun Bücher gezählt, während das übrige zum → Volumen (parvum) gerechnet wird.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 43; Söllner § 15;
Dolezalek, G., Repertorium manuscriptorum veterum Codicis Iustiniani, 1985;
Lange, H., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997
Codex (M.) Austriacus (lat.)
(1704, 1748, 1752, 1777) ist die erste noch private und unvollständige
Gesetzessammlung für → Österreich (unter und ob der Enns).
Lit.: Köbler, DRG 145; Baltl/Kocher; Guarient, F. v., Codex
Austriacus, Bd. 1f. 1704
Codex (M.) Euricianus (lat.)
ist das möglicherweise nach älteren Einzelgesetzen um 475/476 unter dem
westgotischen König Eurich entstandene, in einer Palimpsesthandschrift
erhaltene Gesetzbuch der Westgoten, das formal wie inhaltlich vom römischen
Recht beeinflusst ist. → Lex Visigothorum
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 80; Gaudenzi, A.,
Nuovi frammenti, Rivista italiana per le scienze giuridiche 6 (1888); Schiller,
F., Das erste Fragment des Codex Euricianus, ZRG GA 30 (1909), 18; Buchner, R.,
Die Rechtsquellen, 1953; El codigo del Eurico, hg. v. Ors, A. d’, 1960
Codex (M.) Fridericianus Marchicus
s. Project des Codicis Fridericiani Marchici
Codex (M.) Gregorianus (lat.) ist die vermutlich von einem Amtsträger Gregorius (Leiter der Kanzlei a libellis von 284 bis 287 und von 289 bis 290?) privat erstellte, in Bücher und Titel gegliederte, dort chronologisch gereihte, nur bruchstückweise (in den fragmenta Vaticana und in Auszügen in der Lex Romana Visigothorum) erhaltene, bis Mai 291 reichende Sammlung von Konstitutionen (Gesetzen) der römischen Kaiser von Hadrian (117-138) bis Diokletian (284-305). Der C. ist in späteren Werken (u. a. → Codex [Justinians]) verwertet.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein
§ 42; Söllner §§ 19, 22; Köbler, DRG 52, 80
Codex (M.) Hammurapi → Hammurapi
Codex (M.) Hermogenianus (lat.)
ist die vermutlich von einem Amtsträger (Leiter der Kanzlei a libellis im Osten
von 293 bis 295 und vielleicht auch im Westen 291 und von 295 bis 298) und
bekannten Rechtskundigen namens → Hermogenian privat erstellte, in Titel
gegliederte, später ergänzte, nur bruchstückweise erhaltene, die Jahre 293 und
294 erfassende Sammlung von Konstitutionen (Gesetzen) des römischen Kaisers
Diokletian (284-305). Der C. ist in späteren Werken (u. a. → Codex)
verwertet.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 42; Söllner §§ 19, 22;
Köbler, DRG 52, 80
Codex (M.) iuris Bavarici criminalis (lat.) ist das von → Kreittmayr geschaffene, am 7. 10.
1751 für → Bayern veröffentlichte Gesetzbuch des Strafrechts (Teil 1) und
Strafprozessrechts (Teil 2). Der C. beseitigt zwar die Rechtszersplitterung,
hält aber an Ketzerei, Zauberei, Hexerei und Aberglauben als Straftaten, an
grausamen Strafen und an der Folter fest. Er gilt bis 1813.
Lit.: Pfeitzsch, W., Kriminalpolitik in Bayern, 1968;
Rüping, H./Jerouschek, G., Grundriss der Strafrechtsgeschichte, 5. A. 2007;
Schütz, S., Die Entwicklung des Betrugsbegriffs, 1988
Codex (M.) iuris Bavarici iudiciarii (lat.) ist das von → Kreittmayr aus bayerischem
Recht (meist von 1616) und gemeinem Recht (z. B. über Klage,
Provokationsprozess, Wirkungen der Ladung, Urheberbenennung, Rechtskraft,
Restitution, Syndikatsklage, Immission) geschaffene, gegenüber einem Entwurf
deutlich veränderte, 1753 in Kraft gesetzte, klare und fast lückenlose,
Prozesse erfolgreich abkürzende Zivilprozessgesetzbuch → Bayerns, das
sich um eine Abkürzung des gemeinen Zivilprozesses bemüht und bis 1. 7. 1870
gilt.
Lit.: Schwartz, J., 400 Jahre deutsche
Civilprozessgesetzgebung, 1898, 254; Döhring, E., Geschichte der deutschen
Rechtspflege, 1953; Kern, E., Geschichte des Gerichtsverfassungsrechts, 1954;
Schöll, W., Der Codex iuris bavarici iudiciarii, Diss. jur. München 1965; Codex
iuris Bavarici judiciarii, hg. v. Schubert, W., 1993; Seuffert, J. u. a.,
Kommentar über die bayerische Gerichtsordnung, Bd. 1ff. 2. A. 1853ff., Neudruck
1993
Codex (M.) iuris canonici
(lat.) ist das im 20. Jh. geschaffene Gesetzbuch der katholischen Kirche. Von
Papst Pius X. 1904 durch → Gasparri in die Wege geleitet und von einer
Kommission ausgearbeitet, wird es am 27. 5. 1917 zum 18./19. 5. 1918 in fünf
Büchern (allgemeiner Teil, Personenrecht, Sachenrecht, Prozessrecht,
Strafrecht) in Kraft gesetzt. Hieran schließt sich (25. 1. 1983 promulgiert,
27. 11. 1983 in Kraft) 1983 eine seit 1959 vorbereitete Neufassung an
(allgemeine Normen, Kirchenverfassung, Verkündigungsdienst der Kirche,
Sakramente, Kirchenvermögen, Strafen, Prozess). Daneben steht für 29
katholische Ostkirchen der am 18. 10. 1990 promulgierte und am 1. 10. 1991 in
Kraft getretene (lat.) Codex (M.) canonum ecclesiarum orientalium (Gesetzbuch
der Bestimmungen der östlichen Kirchen).
Lit.: Söllner § 16; Köbler, DRG 205, 266; Codex iuris
canonici, hg. v. Gasparri, P., 1917; Stutz, U., Der Geist des Codex iuris
canonici, 1918; Codicis iuris canonici fontes, cura Gasparri, P., Bd. 1ff.
1923ff.; Le droit et les institutions de l’église catholique latine de la fin
du XVIIIe siècle a 1878, 1981; Codex des kanonischen Rechtes, hg. im Auftrag
der deutschen und Berliner Bischofskonferenz, 1983, 2. A. 1984; Zapp, H., Codex
iuris canonici, Stichwortverzeichnis, 1986
Codex (M.) Iustinianus → Codex
Codex (M.) Maximilianeus Bavaricus civilis (lat.) ist das von → Kreittmayr auf der Grundlage
des vorangehenden Landrechts Bayerns und des gemeinen Rechts in Zusammenwirken
mit der Ständevertretung und den Justizbehörden in München, Landshut,
Burghausen, Straubing und Amberg in deutscher Sprache geschaffene, am 2. 1.
1756 veröffentlichte, alle zur bürgerlichen Rechtsgelehrsamkeit gehörigen Materien
samt Jagdrecht, Fischereirecht, Forstrecht und Gewerberecht nach
gemeinrechtlichen und statutarischen Rechtsgrundsätzen zusammenfassende
Gesetzbuch („neu verbessertes und ergänztes kurbayerisches Landrecht“,
Kompilation). Der C. gliedert sich nach Personen, Sachen und Ansprüchen in vier
Teile (Personenrecht, Sachenrecht, Erbrecht, Vertragsrecht). Er löst das
bayerische Landrecht von 1616 ab, lässt das gemeine Recht subsidiär fortgelten,
wird auf die 1815 erworbenen Gebiete (außer Rheinpfalz) erstreckt und wird zum
31. 12. 1899 durch das → Bürgerliche Gesetzbuch des Deutschen Reiches
abgelöst.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; (Kreittmayr, W. Frhr. v.,) Anmerkungen
zum Codex civilis Maximilianeus Bavaricus, Bd. 1ff. 1758ff., Neudruck; Friedl, H., Codex Maximilianeus Bavaricus civilis, Diss.
jur. Erlangen
1934; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 1952, 2. A. 1967; Pöppel, P., Quellen und System des Codex Maximilianeus
Bavaricus civilis, 1967 ; Zimmermann, K., Die Monita zum Entwurf des Codex
Maximilianeus Bavaricus civilis, 2008
Codex (M.) Theodosianus (lat.)
ist das 429 in einem umfassenden, nur teilweise verwirklichten Plan (eines C.
T. aus Konstitutionen und Schriften von Rechtskundigen) in Angriff
genommene, 435 begonnene, am 15. 2. 438 veröffentlichte und am 1. 1. 439 in der
östlichen Hälfte des römischen Reiches in Kraft gesetzte sowie von Kaiser
Valentinian am 25. 12. 439 auch für die westliche Hälfte verkündete (amtliche)
Buch der Gesetze (Gesetzbuch) Kaiser Theodosius’ II. (408-450) mit vielleicht
294054 Wörtern. Der dem Vorbild des (lat.) Codex (M.) Gregorianus und Codex
Hermogenianuns folgende C. enthält ungefähr 2500 kaiserliche Konstitutionen
(Gesetze) von 313 (Konstantin) bis 437 (Theodosius II.) aufgeteilt in etwa 3250
Stücke. Er gliedert sich in der Ordnung des Edikts in 16 Bücher (1,1-4 Rechtsquellen,
1,5-35 Staatsverfassung Gerichtsverfassung, 1,1-18a Verfahren, 1, 19-5 Privatrecht,
6 Standesrecht, 7 Militärrecht, 8,1-11 Subalternbeamte, 8,12-19 unentgeltlicher
Erwerb, 9 Strafrecht mit Strafverfahren und Strafvollstreckung, 10 Fiskalrecht,
11,1-28 Steuerrecht, 11,29-39 Verfahren, 12 Gemeinderecht, 13
Berufskörperschaften, 14 Sozialleistungen in Großstädten, 15 Lustbarkeiten, 16
Kirchenrecht bzw. 1, 6-8,11, 10-15 Verwaltung, 2-5 und 8,12-19 Privatrecht, 9
Strafe, 16 Kirche) sowie insgesamt rund 450 (systematisch angeordnete?) Titel
und ist innerhalb dieser Titeleinteilung zeitlich geordnet. Die Bücher 1 bis 5
sind mit etwa 400 Konstitutionen hauptsächlich durch das (lat.)→
Breviarium (M.) Alaricianum (506, Kurzbuch des Alarich) auszugsweise überliefert
(ein Drittel?), die Bücher 6-16 durch zwei frühe Handschriften (Rom, Biblioteca
Vaticana, Vat. reg. 886, Paris, Bibliothèque Nationale Cod. 9643) und Papyri
(P. Oxy 15, 1913 u. a.). Der C. T. wird in Ostrom ab 527-534 von den
Kompilationen Kaiser Justinians (Codex) verdrängt, in den westgotischen
Gebieten durch das Breviar Alarichs II.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 42; Söllner §§ 19, 21,
22; Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 52, 80; Theodosiani libri XVI, ed. Mommsen, T., 1905; Krüger, P., Geschichte der Quellen und
Literatur des römischen Rechts, 2. A. 1912; Seeck, O., Regesten der Kaiser und
Päpste für die Jahre 311 bis 476 n. Chr., 1919; Codex Theodosianus, hg. v.
Krüger, P., 1923 (etwas vollständiger durch im Codex Justinians übernommene,
veränderte Stellen); Gradenwitz, O., Heidelberger Index zum Theodosianus, 1925,
Ergänzungsband 1929; The Theodosian Code and novels, and the Sirmondian
constitutions, übers. v. Pharr, C., 1952; Gaudemet, J., La formation du droit
séculier et du droit de l’Eglise aux IVe et Ve siècles, 2. A. 1979; Dilger, A.,
Herkunft und Rechtsnatur einer Handschrift aus dem theodosianischen Gesetzbuch,
ZRG GA 94 (1977), 184; Archi, G., Theodosio II e il suo tempo, 1978; Dilger,
A., Die Stuttgartensis und ihre Bedeutung, ZRG GA 99 (1982), 298; Voß, W.,
Recht und Rhetorik in den Kaisergesetzen der Spätantike, 1982; Moscati, L.,
Nuovi studi sul codice teodosiano, 1983; The Theodosian Code, hg. v. Harries,
J. u. a., 1993; Dovere, E., Ius principale e catholica lex, 1995; Matthews, J.,
Laying down the law, 2000; Liebs, D., Römische Jurisprudenz in Gallien, 2002;
Sirks, A., The Theodosian code, 2007
Codex (M.) Theresianus
(lat.) ist der Entwurf eines einheitlichen österreichischen Gesetzbuches
(Privatrecht, Zivilprozessrecht, ohne Strafrecht) unter Maria Theresia (vom 25.
11. 1766 mit mehr als 8000 Bestimmungen). Er beruht auf der Arbeit einer zum
14. 2. 1753 eingesetzten Kompilationskommission, die ein auf natürliche
Billigkeit gegründetes volkstümliches Recht schaffen und dabei die einzelnen
Provinzialrechte, das gemeine Recht und die Gesetze anderer Staaten heranziehen
soll. Das von Josef Azzoni (1712-1760) und Johann Bernhard von Zencker
geförderte, hauptsächlich 1766 in Brünn tätige Unternehmen endet 1776 wegen
seiner Dickleibigkeit, erleichtert aber als wertvolle Vorarbeit das →
Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch von 1811/12.
Lit.: Codex Theresianus, hg. v. Harras von Harrasowsky, P.,
Bd. 1ff. 1883ff.; Höslinger, R., Die gemeinrechtlichen Quellen des Codex
Theresianus, Österreich. Archiv f. Kirchenrecht 1 (1950), 72; Wesener, G., Die
Rolle des usus modernus pandectarum im Entwurf des Codex Theresianus, FS K.
Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997;
http://www.koeblergerhard.de/Fontes/CodexTheresianus.htm
Codex Urnammu ist der 1948
entdeckte sumerische Rechtstext des Königs Urnammu von Lagusch (Ur) (um 2100 v.
Chr.), von dem wenigstens 40 Bestimmungen (über Mord, Raub, falsche
Anschuldigung, Ehebruch, Vergewaltigung, Ehe, Scheidung, Hexerei, Körperverletzung,
Miete, Arztbehandlung, Darlehen, Erbe, Sklaven, Wasserdiebstahl und
Vernachlässigung von Land) in fünf Abschriften in Nippur, Ur und Sippar
erhalten sind..
Lit.: Wesel, U., Geschichte des Rechts, 3. A. 2006
Codicillus (lat.
[M.] Büchlein, grundsätzlich Plural codicilli verwendet) ist im klassischen
römischen Recht die letztwillige Verfügung, die entweder als Bestandteil eines →
Testaments zählt oder (außerhalb eines Testaments) nur Fideikommisse und fideikommissarische
Freilassungen (nicht dagegen
Erbeinsetzungen und Enterbungen) enthalten darf. Durch die so genannte Kodizillarklausel
eines Testaments kann der Erblasser
bestimmen, dass eine als Testament unwirksame Erklärung wenigstens als c.
gelten soll.
Lit.: Kaser § 68; Söllner §§ 15, 17;
Köbler, DRG 38
Código (M.) civil (span.) ist
das spanische Zivilgesetzbuch von 1888/1889, das maßgeblich von Manuel Alonso
Martínez (1827-1891) geprägt wird. Es vereinheitlicht das Privatrecht, belässt
aber mit dem Mittel seiner Subsidiarität landschaftliche, auf den Foralrechten
(fueros) beruhende Unterschiede im Verhältnis zu → Kastilien.
Código (M.) de comercio (span.) → Handelsgesetzbuch
Código (M.) do processo civil
(portug.) ist das portugiesische Zivilprozessgesetzbuch des Jahres 1939, das
maßgeblich von José Alberto dos Reis geprägt wird.
Coemptio (lat.
[F.]), Zukauf, ist im römischen Recht eine der (lat. [F.]) Manzipation
nachgeformte Handlung zur Begründung der Hausgewalt (lat. [F.] manus) des
Hausvaters über die Frau unter Zahlung eines symbolischen Kaufpreises zwecks
Eheschließung.
Coercitio (lat. [F.]) ist im altrömischen Recht die allgemeine, Unrechtstaten verfolgende magistratische Zuchtgewalt.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein; Söllner § 6; Köbler, DRG
18, 20
cognati (lat.
[M.Pl.]) Blutsverwandte, → Verwandte
cognitio (F.)
Erkenntnis → cognitio (F.) extra ordinem
Cognitio (F.) extra ordinem
(lat., Erkenntnis außer der Ordnung) ist im klassischen römischen Recht das
außerordentliche Verfahren, das durch allmähliche behördliche Verfestigung die
altrömische Gerichtsverfassung und das zugehörige Formularverfahren
ersetzt. → Kognitionsverfahren
Lit.: Kaser §§ 80, 87; Söllner §§ 14,
15, 16; Köbler, DRG 34; Köbler, LAW
cognitor (lat.
[M.]) Prozessvertreter → Stellvertreter
Coimbra am Mondego
beruht auf römischer Grundlage (Conimbriga bzw. Aeminium). 878/1064 wird es den
Mauren entzogen (im 12./13. Jh. Hauptstadt → Portugals). Die 1290 in
Lissabon gegründete Universität wird 1308 nach C. verlegt (1338-1354, 1377-1537
nochmals Lissabon).
Lit.: Almeida, A./Brandao, M., A
Universidade de Coimbra, 1937; Merêa, P., Sôbre as origens do concelho de
Coimbra, Revista Portuguesa de história 1 (1940), 49
Coing, Helmut (Celle
28. 02. 1912-Kronberg im Taunus 15. 08. 2000) wird nach dem Studium der
Rechtswissenschaft in Kiel, München, Göttingen und Lille in Göttingen 1935
promoviert (Wolfgang Kinkel) und in Frankfurt am Main 1938 habilitiert (Erich
Genzmer). 1940 wird er außerordentlicher Professor in Frankfurt am Main, nach
Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft 1948 ordentlicher Professor. Von 1964 bis
1980 ist er Direktor des von Erich Genzmer (für das Mittelalter) geplanten
Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main.
Lit.: Die Frankfurter
Reformation von 1578, 1935; Die Rezeption des römischen Rechts in Frankfurt am
Main, 1939; Studien zur europäischen Rechtsgeschichte, hg. v. Wilhelm, W.,
1972; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschicht,
hg. v. Coing, H., 1973ff.; Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.; Luig, K.,
Helmut Coing, (in) Juristen im Portrait, 1988, 215ff.; Simon, D., Zwischen
Wissenschaft und Wissenschaftspolitik, NJW 2001, 1029ff.
Coke, Sir Edward (Mileham/Norfolk 1. 2. 1552-Stoke Poges 3. 9. 1634), Norfolker Landadligensohn, wird nach dem Rechtsstudium in Cambridge (Trinity College) und der praktischen Ausbildung in Clifford’s Inn und Inner Temple in London 1578 Anwalt, 1589 Parlamentsmitglied, 1592 Kronanwalt und 1594 Justizminister (Attorney General, Generalstaatsanwalt). Zunächst entschiedener Anhänger des Königs, behauptet er seit 1606 als Chief Justice of the Court of Common Pleas (1613 Privy Councillor, Vorsitzender von King’s Bench) die Unterordnung des Monarchen (bzw. dessen Chancery, Star Chamber und High Commission) unter das (von der Vernunftkonzeption geprägte) common law und wird deswegen schließlich 1616 entlassen. Seit 1620 verstärkt er aus dem Parlament heraus den Widerstand gegen den König (1622/1623 in Haft, am 7. 6. 1628 Annahme der Beschwerden des Parlaments wegen rechtswidriger Besteuerungen, Zwangsanleihen und Verhaftungen durch den König). Daneben veröffentlicht er nach einer umfassenden Sammlung von Entscheidungen (Reports, 1600-1615, Ausgangspunkt der doctrine of precedent) und einer Sammlung von Einträgen (A Book of Entries, 1614) seit 1628 seine vierbändigen Institutes, die das erste Lehrbuch des neuzeitlichen → common law bilden. Davon stellt das als Commentary upon Littleton(´s Tenures) gestaltete erste Buch (Coke upon Littleton) eine Rechtsgrundlegung (Enzyklopädie) dar. Die weiteren drei Bücher (1641) begründen verfassungsmäßig den Vorrang von Parlament und Recht im Staat (im Wege der Politiserung des Rechts und der Verrechtlichung der Politik). Im Ergebnis verdrängen Cokes Reports und Institutes in kurzer Zeit die in Law French abgefassten älteren Year Books (Jahrbücher) und Rechtsdarstellungen.
Lit.: Johnson,
C., Life of Sir E. Coke, 1837; Block, H., E. Coke, 1929, Neudruck 1992; Mosse,
G., The Struggle for Sovereignty in England, 1950; Thorne, S., Sir Edward Coke,
1957; Bowen, C., The Lion and the Throne, 1957; Beauté, J., Un grande juriste
anglais, 1975; Hostettler, J., Sir E. Coke, 1997; Boyer, A., Sir E. Coke and
the Elizabethean Age, 2003
Collatio (F.) bonorum (lat.,
Vergleich der Güter) ist im klassischen römischen Recht die Verrechnung des
Vorausempfanges (Abfindung, Mitgift) eines Hauserben mit seinem Erbteil vor
dem Prätor.
Lit.: Kaser § 65, 73; Köbler, DRG 37, 59
Collatio (F.) legum Mosaicarum et Romanarum (lat.) ist die spätantike, unter dem Titel (lat.) lex (F.)
Dei quam praecepit Dominus ad Moysen (Gesetz Gottes, das der Herr Moses gebot,)
überlieferte Schrift eines unbekannten Verfassers, die Stellen der Bibel mit
Stücken des → Gaius, der Spätklassiker, des → Codex Gregorianus und
des → Codex Hermogenianus mit dem Ziel des Nachweises der Übereinstimmung
vergleicht.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 39; Söllner §§ 5, 16;
Schulz, F., Geschichte der römischen Rechtswissenschaft, 1961, 394
Collectio (F.) Anselmo dedicata ist die vielleicht in Mailand (oder Reims) um 900
von einem unbekannten Verfasser geschaffene, fast 2000 Kapitel (vor allem aus
den pseudoisidorichen Dekretalen) enthaltende, systematische Sammlung von
Kirchenrecht.
Lit.: Zechiel-Eckes, K., Quellenkritische Anmerkungen zur Collectio Anselmo
deidicata, (in) Recht und Gericht in der Kirche und Welt, hg. v. Hartmann, W.,
2007
Collectio (F.) Danieliana
ist eine in einer Berner, früher François Daniel gehörigen Handschrift
überlieferte Kirchenrechtssammlung, die eine Frühform der Capitula Angilramni
enthält.
Lit.: Schon, K.,
Unbekannte Texte aus der Werkstatt Pseudoisidors. Die Collectio Danieliana,
2006
Collectio (F.) vetus Gallica
ist eine in Lyon um 600 entstandene kirchenrechtliche Sammlung, die bis in die
Zeit um 800 auf Einteilung und Themen kirchenrechtlicher Werke einwirkt.
Lit.: Mordek, H.,
Kirchenrecht und Reform im Frankenreich, 1975
Collegantia
Lit.:
Condanari-Michler, S., Zur frühvenezianischen collegantia, 1937
colonia (lat.
[F.]) gegründete, später auch erhobene römische Stadt außerhalb Roms (z. B.
colonia Agrippinensis, Köln)
Colonus (lat. [M.]) ist im spätantiken römischen Recht der erblich an die Scholle gebundene Landpächter.
Lit.: Kaser § 16; Söllner § 19;
Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 27, 50, 57; Köbler, LAW
Comecon (engl. Council for Mutual Economic Assistance) ist die
am 25. 1. 1949 in Moskau von der Union der
sozialistischen Sowjetrepubliken, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn,
Rumänien und Bulgarien gegründete, mehrfach erweiterte Organisation zur
wirtschaftlichen Vereinigung Osteuropas innerhalb der internationalen
sozialistischen Arbeitsteilung (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe).
Lit.: Ribi, R., Das Comecon, 1970; Uschakow, A.,
Integration im RGW, 1983
comenda (lat. [F.]) → commenda
Comes (lat. [M.]) ist in der
Spätantike der Begleiter und Amtsträger des Kaisers und im Frühmittelalter der →
Graf.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 84; Köbler, LAW;
Sprandel, R., Dux und comes in der Merowingerzeit, ZRG GA 74 (1957), 41;
Ebling, H., Prosopographie der Amtsträger, 1974; Borgolte, M., Die Grafen
Alemanniens, 1986; Scharf, R., Comites, 1994; Comitatus, hg. v. Winterling, A.,
1998
Comitia (lat.
[N.Pl.]) ist im altrömischen Recht die unterschiedlich gegliederte
Volksversammlung.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein; Köbler, DRG 18
Comitia (N.Pl.) curiata (lat.)
ist die nach Kurien gegliederte römische Volksversammlung.
Comitatus (lat.
[M.]) Begleitung → comes, (mlat.) Grafschaft
Lit.:
Wagner, G., Comitate um den Harz, Harzzeitschrift 1 (1948), 1; Wagner, G.,
Comitate im karolingischen Reich, 1952; Wagner, G., Comitate in Franken,
Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 6 (1954), 3; Wagner, G.,
Comitate im Bistum Paderborn, Westfälische Zeitschrift 103/104 (1954), 221;
Wagner, G., Comitate zwischen Rhein, Main und Neckar, ZGO 103 (1955), 1;
Mascher, K., Reichsgut und Komitat am Südharz, 1957; Claude, D., Untersuchungen
zum frühfränkischen Comitat, ZRG GA 81 (1964), 1; Sprandel, R., Bemerkungen zum
frühfränkischen Comitat, ZRG GA 82 (1965), 288; Holzfurtner, L., Die Grafschaft
der Andechser, 1994
Commenda (lat.
[F.]), comenda, ist eine mittelalterliche Vorform der Kommanditgesellschaft.
Lit.: Goldschmidt, L., Universalgeschichte des
Handelsrechts, (Bd. 1 3. A.) 1891, Neudruck 1957; Silberschmidt, W., Die
italienische Commendaforschung der jüngsten Zeit, Studi in memoria di Aldo
Ekbertoni 3, 1936; Pryor, J., The Origins of the commenda contract, Speculum 52
(1977), 5
Commendatio (lat.
[F.]) ist im Mittelalter die Handlung, mit der sich der Lehnsmann dem
Lehnsherrn anvertraut.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG
63; Köbler, LAW
Commentaries on the Laws of England (1765ff.) ist die auch naturrechtlich beeinflusste
Zusammenfassung des → englischen Rechts durch → Blackstone
(1723-1780).
Commercium (lat. [N.])
ist im altrömischen Recht die dem Fremden durch Verleihung zu eröffnende
Teilrechtsfähigkeit im Verkehrsrecht.
Lit.: Kaser § 3, 68; Söllner § 12; Köbler, DRG 21
commixtio (lat.
[F.]) Vermengung
Commodatum (lat. [N.]) ist die im jüngeren klassischen römischen Recht anerkannte → Leihe (Realkontrakt).
Lit.: Kaser § 39 II; Köbler, DRG 45, 63; Berndt, B., Das
commodatum, 2005
Common law (engl., gemeines
Recht) ist in England das für alle einheitlich geltende Recht im Gegensatz zum
örtlich oder persönlich unterschiedlichen Recht bzw. das in England seit dem
Hochmittelalter entwickelte Recht im Gegensatz zu dem aus dem römischen Recht
entwickelten Recht bzw. das von Gerichten in England geschaffene Recht im
Gegensatz zum gesetzten Recht.
Lit.:
Kroeschell, DRG 1; Plucknett, T., Concise History of Common Law, 5. A. 1956;
Caenegem, R. van, The Birth of the English Common Law, 1973; Simpson, A.,
Biographical Dictionary of the Common Law, 1984; Baker, J., An Introduction to
English Legal History, 4. A. 2002; The Reception of Continental Ideas in the
Common Law World, hg. v. Reimann, M., 1993; Martinez-Torron, J., Anglo-American
Law and Canon Law, 1998; Baker, J., The Common Law Tradition. Lawyers, Books
and the Law. 2000
Commonwealth (engl.) gemeinsamer Reichtum, Weltreich
Communio (lat. [F.]) ist im
klassischen römischen Recht die → Gemeinschaft (z. B. mehrerer Erben), in
der jeder Gemeinschafter einen rechnerischen Anteil hat, über den er verfügen
kann.
Lit.: Kaser § 23; Kroeschell, DRG 1
communis opinio (lat. [F.]) gemeinsame Meinung, öffentliche Meinung (z. B. c. o.
doctorum [der Rechtslehrer] vor allem vom 16.-18. Jh. als Argument für die Wahrscheinlichkeit
der Richtigkeit einer Auffassung)
Lit.:
Schröder, J., Communis opinio, (in) Wege europäischer Rechtsgeschichte, hg. v.
Köbler,G., 1987, 404
Como
Lit.: Campiche, C., Die
Comunalverfassung von Como, 1929
compendium (N.) iuris (lat.) Rechtshandbuch
Lit.: Theuerkauf, G., Lex, speculum, compendium juris, 1968
Compensatio (lat. [F.])
ist die im klassischen römischen Recht grundsätzlich nur im Verfahren oder bei
Einverständnis wirksame Verrechnung mit einer Gegenforderung. →
Aufrechnung
Lit.: Kaser § 53; Köbler, DRG 43, 62; Dernburg, H.,
Geschichte und Theorie der Compensation, Neudruck 1965, 2. A. 1968; Coing, H.,
Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.
Compilación de Leyes
(Ordenanzas reales de Castilla) ist die erste, 1480 von Alonso Díaz de Montalvo
(1405-1499) zusammengestellte Sammlung kastilischer Vorschriften in 8 Büchern
(ordenamiento von 1484). Ihr folgen Sammlungen von (1485,) 1567 und 1805. →Libro do Leyes
Lit.: Handbuch der Quellen und Literatur der neueren
europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff.,
1,558,674
Compilatio (F.) maior
(lat.) ist die nach justinianischem Vorbild in neun Bücher gegliederte
Sammlung des aragonesischen Rechts durch Vidal de Canellas († 1252) in
aragonesischer Sprache.
Lit.: Pérez Martìn, A., Einleitung zu Fori Aragonum, 1979,
1
Compositio (lat.
[F.]) ist in den lateinischen Texten des Frühmittelalters die → Buße. →
Kompositionensystem
Lit.: Köbler, DRG 65, 91; Köbler, LAW; Jaekel, H.,
Weregildus, ZRG GA 28 (1907), 107
Conchyleus → Coquille
concilium (lat. [N.]) Zusammenrufung?, Vereinigung, Versammlung (z. B.
der Plebejer in Rom), → Konzil
conclusio (lat. [F.]), Schluss, Folgerung
Conclusum (N.) imperii (lat., Reichsschluss) ist seit dem Spätmittelalter das vom Kaiser des Heiligen römischen Reichs angenommene Reichsgutachten der Reichsstände, das noch der Verkündung bedarf, um Gesetz zu werden.
Lit.: Rauch, K., Traktat über den Reichstag im 16.
Jahrhundert, 1905
Concordia (F.) discordantium canonum (lat.) ist der Titel des → Decretum Gratiani (Dekret
Gratians).
concussio (lat. [F.]) → Erpressung
condemnatio (lat.
[F.]) Verurteilung (im römischen Recht grundsätzlich auf Leistung von Geld, bei
der Noxalhaftung wahlweise auf Geld oder Preisgabe des Schädigers)
Condicio (lat. [F.]) ist im römischen Recht die → Bedingung.
Lit.: Kaser §10; Willvonseder, R., Die Verwendung der
Denkfigur der condicio sine qua non, 1984; Effer-Uhe, D., Die Wirkung der
condicio im römischen Recht, 2008
Condictio (lat.
[F.]) ist im Formularverfahren des klassischen römischen Rechtes die
strengrechtliche Klagformel (lat. actio in personam) auf Übereignung einer
bestimmten Sache oder Geldsumme (z. B. aus Darlehen, Litteralkontrakt,
Diebstahl), die im spätantiken römischen Recht besonders mit dem Fall
grundloser Vorenthaltung (z. B. des auf eine Nichtschuld Geleisteten) verbunden
wird. → Kondiktion
Lit.: Kaser §§ 32, 33, 38, 39, 40, 48, 83; Söllner § 9;
Köbler, DRG 33, 45, 67; Koschembahr-Lyskowsky, I. v., Die condictio als
Bereicherungsklage, Bd. 1f. 1903ff.; Schwarz,
F., Die Grundlage der condictio, 1952
condictio (F.) causa data
causa non secuta (lat.) Bereicherungsanspruch wegen nicht
(geschuldeter, erwarteter und nicht) erbrachter Gegenleistung, →
Bereicherung
condictio (F.) ex lege (lat.) Bereicherungsanspruch aus gesetzlicher Obligation, →
Bereicherung
condictio (F.) furtiva (lat.) Bereicherungsanspruch gegen den Dieb auf einfachen
Sachwert, → Bereicherung
condictio (F.) indebiti (lat.) Bereicherungsanspruch wegen irrtümlicher Zahlung
einer Nichtschuld, → Bereicherung
condictio (F.) ob causam
datorum
(lat.) Bereicherungsanspruch wegen nicht
entstandenen Rechtsgrundes, → Bereicherung
condictio (F.) ob causam
finitam
(lat.) Bereicherungsanspruch wegen
weggefallenen Rechtsgrundes, → Bereicherung
condictio (F.) ob turpem vel iniustam causam (lat.) Bereicherungsanspruch wegen eines sittenwidrigen
oder unzulässigen Rechtsgrundes, → Bereicherung
condictio (F.) sine causa (lat.) Bereicherungsanspruch wegen rechtsgrundloser Leistung, →
Bereicherung
conditio (lat. [F.]) Bedingung (z. B. c sine qua [non], Bedingung ohne
die nicht wie z. B. Schaden für Schadensersatzanspruch)
condominium (lat. [N.] Miteigentum,
Mitherrschaft (z. B. condominium plurium in solidum [17. h.] ohne ideellen Anteil am Gesamtgut,
Verfügung nur durch Gesamtheit)
conductio (lat. [F.]) Miet-, Pacht-, Dienst-
und Werkvertrag, s. locatio conductio
Lit.: Mayer-Maly, T., Locatio conductio, 1956
Confarreatio (lat. [F.]) ist die
altrömische Eheschließung unter Speltbrotopferung (für Patrizier?).
Confessio est regina probationum (lat.). Das Geständnis ist die Königin der Beweise (als Grundsatz des Beweisrechts des Inquisitionsprozesses in den Quellen nicht wirklich belegt).
Lit.: Foth, A., Gelehrtes römisch-kanonisches Recht in
deutschen Rechtssprichwörtern, 1971; Kleinheyer, G., Zur Rolle des Geständnisses
(in Gedächtnisschrift H. Conrad, 1979, 367ff.; Liebs, D., Lateinische
Rechtsregeln, 7. A. 2007
confin → Militärgrenze
Confoederatio (lat. [F.]) cum
principibus ecclesiasticis (Bündnis mit den geistlichen Fürsten) ist die im 19. Jh. aufgekommene lateinische Bezeichnung für das 11 Artikel
umfassende, wohl nur die bereits eingetretene Rechtswirklichkeit anerkennende
Privileg König Friedrichs II. für die geistlichen Reichsfürsten vom 26. 4. 1220
als Gegenleistung für die Wahl Heinrichs (VII.) zum König (z. B. Verzicht auf
den Nachlass, Verzicht auf neue Zollstätten, Testierfreiheit,
Verfügungsfreiheit über Kirchenlehen, Verstärkung des Kirchenbannes durch
Reichsacht).
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Klingelhöfer, E., Die
Reichsgesetze, 1955; Stupor mundi, hg. v. Wolf, G., 2. A. 1982, 420
confusio (lat.[f.])
Zusammengießung, Vermischung z. B. zweier
gleichartiger Flüssigkeiten verschiedener Eigentümer, von Gläubigerstellung
und Schuldnerstellung in einer Person oder von Eigentum und Inhaberschaft an
einem beschränkten dinglichen Recht in einer Person.
Lit.: Kiess, P., Die confusio im klassischen römischen Recht, 1995
coniuratio (lat. [F.]) gemeinschaftlicher
Schwur, Verschwörung, Schwurgemeinschaft, usurpatorische Verbrüderung (z. B.
Cambrai 1076, Köln 1114)
Lit.: Ebel, W., Der
Bürgereid, 1958; Dilcher, G., Die Entstehung der lombarischen Stadtkommune,
1967; Körner, T., Juramentum und frühe Friedensbewegung, 1977; Kolmer, L.,
Promissorische Eide im Mittelalter, 1989; Distler, E., Städtebünde, 2006
Connan, François (Paris 1508-Paris 1. 9. 1551), Sohn eines maître des comptes, wird nach dem Studium in Paris und dem Rechtsstudium (1529) in Orléans und Bourges (mit Bekanntschaft zu Calvin) um 1533 Parlamentsadvokat und 1539 königlicher Rat. In einer Gesamtdarstellung des geltenden Rechts in zehn Büchern ([lat.] Commentariorum iuris civilis libri [M.Pl.] X, 1553ff. Zehn Bücher Kommentare des weltlichen Rechts) versucht er die tatsächliche Ordnung der Rechtsquellen durch ein wissenschaftliches System (lat. [F.] ars) zu ersetzen. Bei diesem wenig erfolgreichen Bemühen deutet er die römischrechtliche (lat. [F.]) → actio als ein rechtserhebliches Verhalten und legt damit einen ersten Grund für den Gedanken der → Willenserklärung.
Lit.: Bergfeld, C., Franciscus Connanus, 1968
Conrad, Hermann (Köln 21. 10.
1904-Bonn 18. 3. 1972) wird nach dem Studium des Rechts in Köln promoviert (F.
Gescher, Kanonist) und habilitiert (Hans Planitz). Nach Lehraufträgen in
Rostock, Köln, Freiburg im Breisgau, Lausanne, Genf und Breslau wird er 1941
nach Marburg und 1948 nach Bonn berufen. Er versucht eine unvollendet gebliebene
Gesamtdarstellung deutscher Rechtsgeschichte.
Lit.: Kleinheyer, G.,
In memoriam, ZRG GA 90 (1973), 487ff.; Gedächtnisschrift Hermann Conrad, hg. v.
Kleinheyer, G. u. a., 1979 (Schriftenverzeichnis 621-634)
Conring, Hermann (Norden 9. 11. 1606-Helmstedt 12. 12. 1681), aus gelehrter ostfriesischer Familie, geboren und aufgewachsen in einem Pfarrhaus, wird nach dem 1620 begonnenen Studium von Medizin und Politik in Helmstedt und Leiden (seit 1625) 1632 Professor für Naturphilosophie (Physik und Rhetorik) bzw. Medizin (1637) und Politik (1650) in Helmstedt. Er hält auch juristische Vorlesungen und erstattet Rechtsgutachten. In seinem im Ergebnis bereits 1635 feststehenden Buch (lat.) De origine iuris Germanici (1643, Vom Ursprung des deutschen Rechts) widerlegt er die Ansicht, dass das römische Recht in Deutschland 1135 durch ein Gesetz Kaiser Lothars III. von Süpplingenburg in Kraft gesetzt worden sei (sog. → lotharische Legende) und erfasst im Blick auf Erkenntnis der Gegenwart damit deutsche Rechtsgeschichte.
Lit.: Köbler, DRG 139, 142, 186; Dahl, F., Zu den
Beziehungen Conrings zu Dänemark, ZRG GA 37 (1916), 507; Hermann Conring, hg.
v. Stolleis, M., 1983; Conring, H., De origine iuris germanici (deutsche
Übersetzung), hg. v. Stolleis, M., 1994; Oestmann, P., Kontinuität oder Zäsur,
(in) Kontinuitäten und Zäsuren, 1999, 191; Arnswaldt, A. v., De vicariatus
controversia, 2004; Jori, A., Hermann Conring (1606-1681), 2006
Consensus (lat.
[M.] Zustimmung, Willensübereinstimmung) ist seit dem klassischen römischen
Recht Voraussetzung des Konsensualvertrages.
Lit.: Kaser §§ 8, 38, 58; Köbler, LAW;
Hannig, J., Consensu fidelium, 1982
Consensus (M.) facit
nuptias
(lat.). Die Willensübereinstimmung bewirkt die
Eheschließung(, gilt als Grundsatz bereits in Rom, kann aber gegenüber den vom
Vertrag zwischen Brautvater und Bräutigam ausgehenden Vorstellungen der
Germanen und germanistischen Nachfolgevölker erst im Frühmittelalter von der
Kirche durchgesetzt werden, wobei bei Beschränkung auf die bloße
Willensübereinstimmung Beweisprobleme bestehen, denen die katholische Kirche
1563 auf dem Konzil von Trient (Decretum Tametsi) mit Formvorschriften in
Gestalt der notwendigen Mitwirkung eines Geistlichen und zweier Zeugen
begegnet).
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 7. A. 2007 (Julian um 100-um 170 n. Chr.); Freisen, J., Geschichte
des kanonischen Eherechts, 2. A. 1893, Neudruck 1963; Schwab, D., Grundlagen und
Gestalt der staatlichen Ehegesetzgebung in der Neuzeit, 1967; Brundage, J.,
Law, Sex and Christian Society in Medieval Europe, 1987; Weigand, R., Liebe und
Ehe im Mittelalter, 1993; Weber, I., Consensus facit nuptias, ZRG KA 118
(2001), 31
consilium (lat. [N.]) Rat, Gutachten, span. consejo, it. consiglio,
als c. principis (Rat des Prinzeps) fallweise beratendes Gremium in Rom seit
Kaiser Augustus (31 v. Chr.-14 n. Chr,
Lit.: Kaser § 2; Söllner §§ 6, 9, 12, 15; Köbler, DRG 18,
106; Kisch, G., Consilium, 1970; Consilia im späten Mittelalter, hg. v.
Baumgärtner, I., 1995; Falk, U., Consilia. Studien zur Praxis der
Rechtsgutachten in der frühen Neuzeit, 2006; Lange, H./Kriechbaum, M.,
Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 2 2007, 395
Consolat del Mar (Llibre del C.
d. M.) ist die nach dem Seekonsulat von Barcelona (1282 consules del mar)
benannte, mittelalterliche, in Barcelona zwischen 1266 und 1268 begonnene,
später andernorts erweiterte und 1348 vom Seekonsulat in Barcelona eingeführte
Zusammenfassung des mittelmeerischen Seegewohnheitsrechts. → Seerecht
Lit.: Wagner, R., Beiträge zur Geschichte des Seerechts,
ZHR 29 (1884), 413; Goldschmidt, L., Universalgeschichte des Handelsrechts,
(Bd. 1 3. A.) 1891, Neudruck 1957; Valls i Taberner,
F., Consolat de Mar, 1930ff.; García, A., Llibre del Consolat, Bd. 1ff. 1981ff.; Hernández Izal, S., Els costums marítims de
Barcelona, Bd. 1f. 1986ff.
Consortium (lat.
[N.] Gemeinschaft) ist im altrömischen Recht der Zusammenschluss von Erben nach
der Nachlassteilung zu einer vereinbarten → Gemeinschaft.
Lit.: Kaser § 66; Söllner § 8; Köbler, DRG 22, 47
constitutio (lat.
[F.]) Beschluss, Gesetz
Constitutio (F.) Antoniniana (lat.) ist das in einem stark zerstörten, in Gießen
aufbewahrten Papyrus überlieferte Gesetz (constitutio) Kaiser (Marcus Aurelius)
Antoninus Caracallas aus dem Jahre 212, in dem er zur Ausdehnung der
Steuerpflicht allen freien Bewohnern des römischen Reiches das römische
Bürgerrecht gibt.
Lit.: Kaser § 3; Söllner §§ 14, 18; Köbler, DRG 35; Sasse,
C., Die Constitutio Antoniniana, 1958; Wolff, H., Die Constitutio Antoniniana
und Papyrus Gissensis 40 I, Diss. jur. Köln 1976
Constitutio (F.) Criminalis Bambergensis (lat.) → Bamberger Halsgerichtsordnung (1507)
Constitutio (F.) Criminalis Carolina (lat., Des Kaisers Karl V. und des Heiligen Römischen
Reiches Gerichtsordnung, Strafgesetz[buch] Karls V.) ist die (deutsch
verfasste) reichseinheitliche Peinliche Gerichtsordnung Karls V. von 1532 (31.
7. 1532). Sie geht auf in einem Gutachten des 1495 errichteten
Reichskammergerichts festgehaltene Missstände und Beschwerden über die sich häufenden
ungerechten Strafverfahren, die ihrerseits die Antwort auf die im Mittelalter
vor allem infolge des Bevölkerungswachstums, der Urbanisierung und
Emanzipierung von der herkömmlichen Ordnung sowie wohl auch der Verstärkung der
Staatlichkeit anschwellende Kriminalität sind, vor dem Reichstag (von Lindau
1496/1497) zurück. Dieser setzt in Freiburg im Breisgau 1497/1498
(Reichsabschied § 34) zum Zweck der Besserung des Strafverfahrens (eine) von
1503 bis 1517 untätige, danach vier Entwürfe (Worms 1521, Nürnberg 1524, Speyer
1529, Augsburg 1530) vorlegende Kommission(en) ein (u. a. Reichsregiment). Sie
übernimmt im Wesentlichen den Inhalt der vom Vorsitzenden des Hofgerichts des
Bischofs von Bamberg, Johann Freiherr von → Schwarzenberg, auf Grund
seiner Kenntnisse der praktischen Probleme und unter Einarbeitung des aus
Oberitalien kommenden römisch-kanonischen Strafprozessrechts geschaffenen
(lat.) Constitutio (F.) Criminalis Bambergensis (→ Bamberger
Halsgerichtsordnung) von 1507 in ihre 219 Artikel. Sie will wegen des
Widerstands einzelner Reichsglieder (z. B. Sachsen, Brandenburg, Pfalz)
grundsätzlich nur subsidiär gegenüber den alten wohlhergebrachten, rechtmäßigen
und billigen Gebräuchen gelten (sog. salvatorische Klausel), kommt aber
tatsächlich allgemein zur Anwendung. Sie beherrscht das gesamte
Strafverfahrensrecht und Strafrecht (Art. 104-180) des Reiches bis in das von
der Aufklärung bestimmte 18. Jh., in dem noch die (lat.) Constitutio (F.)
criminalis Theresiana Maria Theresias für die deutschen (d. h.
nichtungarischen) Erbländer Österreichs einschließlich Böhmens (1768) von der
C. beeinfusst ist. Die C. geht vom Anklageprozess (Akkusationsprozess aus
(Art. 11ff.), demgegenüber der Inquisitionsprozess (Art. 6ff.) die Ausnahme
darstellt, doch setzt sich wegen der hohen Belastungen des möglichen Anklägers
praktisch der Inquisitionsprozess durch, in dem der Richter Ankläger und
Entscheider (Art. 81) zugleich ist. Der geheimen Inquisititon (Untersuchung)
folgt der endliche Rechtstag als öffentliche, aber inhaltich fast
bedeutungslose Formalhandlung. Besonders bedeutsam sind die Lehre von den für
die Anwendung der → Folter von nun an gegenüber einem Tatverdächtigen
erforderlichen → Indizien (Anzeichen, z. B. blutige Kleider, sog.
Indizienlehre) und die Ansätze zu allgemeinen Lehren (Schuld, Teilnahmeformen,
Notwehr, Versuch).
Lit.:http://www.koeblergerhard.de/Fontes/PeinlicheGerichtsordnungKarlsV.pdf;
Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 136, 156; Güterbock, Die Entstehungsgeschichte
der Carolina, 1878; Dargun, L., Die Rezeption der peinlichen Halsgerichtsordnung
Kaiser Karls V. in Polen, ZRG GA 10 (1889), 168; Die Carolina und ihre
Vorgängerinnen, hg. v. Kohler, J. u. a., Bd. 1ff. 1900ff., Neudruck 1968; Schoetensack, A., Der Strafprozess
der Carolina, Diss. jur. Heidelberg, 1904; Kantorowicz, H., Goblers Karolinen-Kommentar,
1904; Saueracker, K., Wortschatz der Peinlichen Gerichtsordnung Karls V., 1929;
Schmidt, E., Die Carolina, ZRG GA 53 (1933), 1; Weber, H. v., Die peinliche
Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V., ZRG GA 77 (1960), 288; Kusch, G., Der
Indizienbeweis des Vorsatzes im gemeinen Strafverfahrensrecht, Diss. jur.
Hamburg 1963; Schmidt, G., Sinn und Bedeutung der Constitutio Criminalis
Carolina, ZRG GA 83 (1966), 239; Dreisbach, H., Der Einfluss der Carolina auf
die Rechtsprechung norddeutscher Oberhöfe, Diss. jur. Marburg 1969; Kleinheyer,
G., Zur Rolle des Geständnises im Strafverfahren, Gedächtnisschrift H. Conrad,
1969, 367ff.; Strafrecht, Strafprozess und Rezeption, hg. v. Landau, P. u. a.
1984
Constitutio (F.)
Criminalis Theresiana (lat.) ist das unter Maria Theresia am 31. 12. 1768 (zum 1. 7. 1770) zwecks Vereinheitlichung für die
österreichischen Erbländer außer Ungarn) erlassene, 1082 Paragraphen umfassende
(deutsch gefasste) Strafgesetzbuch (und Strafverfahrensgesetzbuch) (Allgemeine
peinliche Gerichtsordnung) mit etwas verbesserter Stellung des Beschuldigten,
Inquisitionsverbot, freier richterlicher Beweiswürdigung, festen
Tatbestandsbeschreibungen (u. a. Zauberei, Hexerei), Möglichkeit der Analogie
von Straftatbeständen und Folter (bis 1796), das aber bereits am 13. 1. 1787
durch ein Allgemeines Gesetzbuch über Verbrechen und derselben Bestrafung
ersetzt wird (für das Militärstrafrecht 1855). Die auch als (lat.-griech.)
nemesis Theresiana (Rache Maria Theresias) bezeichnete C. C. T. beruht auf
einer von der → Constitutio Criminalis Carolina von 1532 geprägten
Halsgerichtsordnung Josephs I. von 1707.
Lit.:http://www.koeblergerhard.de/Fontes/Constitutio%20Criminalis%20Theresiana1768_komplett.pdf;
Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 142, 157; Baltl/Kocher; Maasburg, M. v., Zur
Entstehungsgeschichte der theresianischen Halsgerichtsordnung, 1880;
Kwiatkowski, E. v., Constitutio Criminalis Theresiana, 1903; Moos, R., Der
Verbrechensbegriff in Österreich, 1968; Hartl, F., Das Wiener Kriminalgericht,
1973; ; Grundlegende Strafrechtsquellen, hg. v. Reiter, I., 1996; Rüping,
H./Jerouschek, G., Grundriss der Strafrechtsgeschichte, 5. A. 2007
Constitutio (F.) de expeditione Romana (lat.), Gesetz über den Romzug, ist
eine um 1158 als Gesetz König Karls des Großen von 790 ausgegebene, auf der
Reichenau entstandene Fälschung (Privatarbeit). Sie beschreibt Rechte und
Pflichten von Reichsfürsten auf dem Romzug des Königs. Sie begünstigt die
Reichsfürsten gegenüber dem König.
Lit.: Constitutiones,
Bd. 1, hg. v. Weiland, L., 1893, 661, Nr. 447 (MGH); Klapeer, G., Zur
Überlieferung der Constitutio de expeditione Romana, MIÖG 35 (1914), 725ff.
Constitutio (F.) Joachimica (lat.), Joachimisches Gesetz, ist die verhältnismäßig kurze, auf Erbrecht beschränkte, römisches Recht zu Lasten sächsischen Rechts übernehmende „Constitution, Wilkoer und Ordnung der Erbfelle und anderer Sachen“ des Markgrafen Joachim I. von Brandenburg (1499-1535) vom 9. 10. 1527 (Reformation des Landrechts, Erstdruck Frankfurt an der Oder 1528).
Lit.: Heydemann, L., Die Elemente der Joachimischen
Konstitution von 1527, 1841, Neudruck 1972; Scholz, J., Der brandenburgische
Landrechtsentwurf von 1594, 1973; http://www.koeblergerhard.de/Fontes/ConstitutioJoachimica1527.htm
Constitution (N., zu lat. [F.] constitutio, Festsetzung, Gesetz) wird in
England seit dem 17. Jh. zur Bezeichnung des Zustands eines Staates (bodie
politique), im 18. Jh. zur Bezeichnung der Bestimmungen, die diesen Zustand
herstellen oder festlegen.
Constitution, Wilkoer
und Ordnung der Erbfelle und anderer Sachen
(1527) s. Constitutio Joachimica
constitutum (lat. [N.]) → Beschluss, Festsetzung
constitutum (N.) debiti (lat.) Schuldzusage
constitutum (N.) possessorium (lat.) → Besitzkonstitut
Consuetudo (lat.
[F.]) ist die Gewohnheit. In der römischen Spätantike wird sie zur Rechtsquelle
erklärt. Die gute c. ist auch im späten ius commune Italiens eine beliebte und
praktisch-relevante Rechtsquelle. → Gewohnheitsrecht
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 22; Kroeschell, DRG 1,
2; Köbler, DRG 52; Köbler, LAW; Garré, R., Consuetudo, 2005
Consul (lat. [M.])
ist im altrömischen Recht der Republik der Höchstmagistrat. Zwei gleichzeitige
Konsuln (consules, Kollegialität) erlangen die Führung des Gemeinwesens durch
eine Wahl auf Vorschlag ihrer Vorgänger hin für jeweils ein Jahr (Annuität),
wobei seit 367 v. Chr. (lex Licinia) auch Plebejer c. werden können. Einzelne
Aufgaben (z. B. Gerichtsbarkeit) sind anderen Magistraten (z. B. Prätoren)
zugeteilt. Mit dem Ende der Republik (27 v. Chr.) gehen die Aufgaben der
Konsuln auf den Prinzeps bzw. Kaiser über, doch werden consules bis 534 im
Westen und bis 541 im Osten fortgeführt. Seit dem ausgehenden 11. Jh. (1090)
ist c. der städtische Ratsherr.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein; Söllner §§ 6, 11, 14, 23;
Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 111; Köbler, LAW; Wieacker, F., Römische
Rechtsgeschichte, Bd. 1 1988; Keller, H., Mailand im 11. Jahrhundert, (in) Die
Frühgeschichte der europäischen Stadt, hg. v. Jarnut, J., 1998, 81
Consultatio (F.) cuiusdam veteris iuris consulti (lat.) ist die am Ende des 5. Jh.s oder im 6. Jh.
vermutlich in Gallien entstandene, durch einen Druck des 16. Jh.s überlieferte
Sammlung von Rechtsgutachten mit Zitaten aus den Paulussentenzen, dem →
Codex Gregorianus, dem → Codex Hermogenianus und dem → Codex
Theodosianus.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 39; Schulz, F.,
Geschichte der römischen Rechtswissenschaft, 1961, 408
Contempt of court (engl.,
Missachtung des Gerichts) ist im angloamerikanischen Recht die
gewohnheitsrechtlich als rechtswidrig (crime bzw. tort) anerkannte Störung der
Gerichtstätigkeit.
Lit.: Baker, J.,
An Introduction to English Legal History, 4. A. 2002
Contius → Le Conte
Contractus (lat. [M.],
Zusammengezogenes) ist im klassischen römischen Recht der Vertrag, aus dem eine
Obligation (Schuld) entsteht. Er kann Realkontrakt, Verbalkontrakt,
Litteralkontrakt oder Konsensualkontrakt sein. Dagegen ist das für sich allein
unverbindliche (lat. [N.] pactum kein c. Seit dem Hochmittelalter wird in der
Kirche auch das bloße (lat. [N.]) pactum klagbar (pacta sunt servanda), so dass
sich ein allgemeiner Begriff des Kontrakts ocer Vertrags entwickelt.
Lit.: Kaser §§ 5, 38; Kroeschell, DRG 1; Wunner, S.,
Contractus, 1964; Wieacker, F., Contractus und obligatio im Naturrecht zwischen
Spätscholastik und Aufklärung, (in) Scolastica 1973, 223; Feenstra, R./Ahsmann,
M., Contract, 1980; Pacte, convention, contrat, hg. v. Dufour, A., 1998
Contractus mohatrae (lat. [M.] Wagnisvertrag,
zu arab.muchâtarah, Gefahr, Wagnis) ist der Vertrag, bei dem eine (meist
unvertretbare) Sache zum Verkauf übergeben wird und der Empfänger bei Verkauf
den erhaltenen Preis als Darlehen haben soll. Der c. m. dient im Mittelalter
der Umgehenung des kanonischen Zinsverbots.
contrarius consensus (lat. [M.]) Aufhebungsvertrag
Lit.: Knütel, R., Contrarius consensus, 1968
contrat (M.) social
(franz.) Gesellschaftsvertrag
Contumacia (lat. [F.]) ist im klassischrömischen Kognitionsverfahren die Prozessweigerung (Ladungsungehorsam), die in einem Versäumnisverfahren dazu führen kann, dass der Geladene gemäß dem Klagebegehren verurteilt wird.
Lit.: Kaser § 87; Kroeschell, DRG 1, 2
Conubium (lat. [N.]) ist im
altrömischen Recht die (allen Römern
untereinander zustehende,) dem Fremden (Nichtrömer) durch Verleihung zu
eröffnende Teilrechtsfähigkeit im Eherecht.
Lit.: Kaser §§ 3, 58, 60
conventio (lat. [F.])
Zusammenkunft, Vereinbarung,
Willensübereinstimmung, Einigung über den Zweck einer Sachhingabe,
stillschweigend (tacitus) möglich
copula (lat. [F.]) Verbindung,
Band, Vereinigung z. B. copula carnalis, fleischliche bzw. körperliche
Ereinigung der Ehegatten
copy right → Urheberrecht
Coquille (Conchyleus), Guy (Decize 1523-1603), Sohn eines adligen
Salzrichters, wird nach dem Rechtsstudium in Padua (1539) und Orléans (Du Moulin) Anwalt. In posthum
veröffentlichten Schriften stellt er das Gewohnheitsrecht (franz. droit
coutumier) nach dem Vorbild der Institutionen Justinians dar (Institutions au
droit des François, 1607).
Lit.: Maumigny, J., Étude sur Guy
Coquille, 1910, Neudruck 1971
Cork im Südosten
Irlands wird im 9. Jahrhundert von Normannen bei einem Kloster des 6.
Jahrhunderts gegründet. 1172 wird es unter der Herrschaft Englands Stadt. 1845
erhält es eine Universität.
corpore (lat.)
durch tatsächliche Sachherrschaft, → Besitz, → corpus, →
possessio
corpus (lat. [N.])
Körper
Corpus (N.) catholicorum
(lat.) ist in der frühen Neuzeit die Gesamtheit der katholischen →
Reichsstände. → corpus evangelicorum
Corpus (N.) delicti (lat.)
ist der Gegenstand der Straftat, mit dem sich die gemeine
Prozessrechtswissenschaft allgemein befasst.
Lit.: Hall, A., Die Lehre vom corpus
delicti, 1933
Corpus (N.) evangelicorum
(lat.) ist in der frühen Neuzeit die Gesamtheit der evangelischen →
Reichsstände. → corpus catholicorum
Lit.: Schauroth, E., Vollständige Sammlung aller
conclusorum des corpus evangelicorum, Bd. 1ff. 1751ff.; Belstler, U., Die
Stellung des corpus evangelicorum, Diss. jur. Tübingen 1968
Corpus (N.) iuris (lat.)
Körper des Rechts, Gesamtheit der Rechtsordnung, s. Codex Justinians 5. 13. 1)
Corpus (N.) iuris canonici
(lat.) ist die um 1500 von dem Pariser Kirchenrechtler Jean Chappuis erstmals
benützte und von Papst Gregor XIII. (1572-1585) am 1. 7. 1580 (Cum pro munere
pastorali) amtlich verwendete Bezeichnung für die anerkannten, 1582 gemeinsam
herausgegebenen 4 (bzw. 6) Rechtsquellen der (katholischen) Kirche. Das c. i.
c. besteht aus dem Decretum Gratiani (Dekret Gratians, Condordantia
discordantium canonum, um 1140), den auf Antrag Papst Gregors IX. von seinem
Kaplan Raymundus de Penyafort von 1230 bis 1234 in 5 Büchern gesammelten, alle
nicht aufgenommenen Stücke ausschließenden päpstlichen → Dekretalen (→ Liber
[decretalium] extra [decretum]), den auf Veranlassung Papst Bonifaz’ VIII. 1298
zusammengestellten Dekretalen (→ Liber sextus [in Bezug auf die fünf
Bücher des Liber extra]) und den → Clementinen (Texte Papst Clemens V.,
vorgelegt 1317) (sowie privat gesammelten Extravaganten Papst Johannes XXII.
und Extravagantes communes). Es gilt - in der 1582 veröffentlichten Gestalt
der sog. (lat.) editio (F.) Romana (römischen Ausgabe) - bis zum Inkrafttreten
des → Codex iuris canonici am 19. 5. 1918.
Lit.:
Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 102; Corpus iuris canonici, ed. Friedberg,
E., Bd. 1f. 1879ff., Neudruck 1955, 1959, 2. A. 1995; Stickler, A., Historia
iuris canonici latini, 1950; Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972;
Gagnèr, S., Studien zur Ideengeschichte der Gesetzgebung, 1960; Handbuch der
Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v.
Coing, H., Bd. 1 1973; Gaudement, J., Les sources du droit canonique, 1993;
Bellomo, M., The Common Legal Past of Europe, 1995; Brundage, J., Medieval
canon law, 1995; Dickehof-Borello, E., Ein Liber septimus für das corpus iuris
canonici, 2002; Ordnungskonfigurationen im hohen Mittelalter, hg. v.
Schneidmüller, B. u. a., 2006
Corpus (N.) iuris civilis
(lat.) ist die Gesamtheit der von dem oströmischen Kaiser Justinian (527-565)
zwischen 527 und 534 in Kraft gesetzten Rechtsquellen einschließlich seiner
nachfolgenden Novellen. Er besteht aus dem → Codex (repetitae
praelectionis) von 534, den → Digesten oder → Pandekten (533) und
den → Institutionen von 533 sowie den privat gesammelten →
Novellen. In Byzanz wird um 900 n. Chr. die Hauptmasse dieser Texte in die
griechische Sprache übersetzt (Basilika, Basiliken), wobei seit dem 11. Jh.
Handschriften hergestellt werden, die am Rand Ausschnitte aus Lehrbüchern und
Vorlesungsschriften enthalten (Scholien). Die Bezeichnung c. entspricht dem
Namen (lat.) → corpus (N.) iuris canonici für die kirchlichen
Rechtsquellen. Sie wird seit der Gesamtausgabe der justinianischen Gesetzgebungswerke
durch Dionysius Gothofredus (1583) üblich. Auf dem c. i. c. beruhen der
Universitätsunterricht im römischen Recht und die Rezeption des römischen
Rechts, wobei sich ein (lat. [M.] ) usus modernus (moderner Gebrauch) pandectarum
(der Pandekten) durchsetzt. Mit den Kodifikationen Allgemeines Landrecht
(Preußen 1794), Code civil (Frankreich 1804) und Allgemeines Bürgerliches
Gesetzbuch (Österreich 1811) wird das c. i. c. grundsätzlich abgelöst.
Lit.: Kaser § 1; Kroeschell, DRG 1, 2;
Köbler, DRG 137, 142; Corpus iuris civilis, hg. v. Krüger, P. u. a., Bd. 1ff.
z. T. 22. A. 1973; Corpus iuris civilis Iustinianei,
hg. v. Fehus, J., Bd. 1ff. 1672ff., Neudruck 1966 (mit Glosse); Spangenberg, E.,
Einleitung in das römisch-justinianische Rechtsbuch, 1817, Neudruck 1970 (mit
Bibliographie der älteren Ausgaben); Savigny, F. v., Geschichte des römischen
Rechts im Mittelalter, Bd. 3 2. A. 1834; Wenger, L., Die Quellen des römischen
Rechts, 1953, 562; Ochoa, X./Diez, A., Indices titulorum et legum corporis
iuris civilis, 1965; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 1952, 2.
A. 1967; Thilo, R., Drucke des Corpus iuris civilis im deutschen Sprachraum,
Gutenberg-Jahrbuch 59 (1984), 52
Corpus (N.) iuris feudalis
(lat.) ist die Bezeichnung für private Sammlungen des Lehnsrechts im 18. Jh.
Lit.: Lünig, J.,
Corpus iuris feudalis Germanici, Bd. 1ff. 3. A. 1727
Corpus (N.) juris
Fridericiani ist der gescheiterte Versuch
einer materiellrechtlichen Gesetzgebung Preußens (Kabinettsordre vom 31.
Dezember 1746 für ein Teutsches Allgemeines Landrecht) unter Samuel von
Cocceji. Der König will ein Werk, das sich „bloß auf die Vernunft und Landesverfassungen
gründet, damit einmal ein gewisses Recht im Lande etabliret und die unzähligen
Edikte aufgehoben werden mögen“. 1749 erscheint ein Entwurf des Personenrechts,
1751 ein Entwurf des Sachenrechts. Das Manuskript des dritten Teils
(Obligationenrecht) geht (1753) im Postversand verloren. Der Tod Samuel von
Coccejis (1755) und die Wirren des siebenjährigen Krieges beenden die
Arbeiten. Das zweite und dritte Buch des ersten Teiles über das Eherecht und
das Vormundschaftsrecht erlangen in einigen Landesteilen Gesetzeskraft, obwohl
sie sehr dem römischen Recht verhaftet sind.
Lit.:
Wenzel, A., Das Gewährleistungsrecht in der Spruchpraxis des preußischen
Kammergerichts von
17841810,2006;http://www.koeblergerhard.de/Fontes/ProjectdesCorporisJurisFridericiani1-1749.pdf
Corpus (N.) iuris Fridericianum
(lat.), Erstes Buch, ist das nach dem Müller-Arnold-Prozess (1779) und einer
Kabinettsordre vom 14. 4. 1780 am 26. April 1781 in Preußen in Kraft gesetzte
Prozessrechtsgesetzbuch Friedrichs des Großen bzw. seines Großkanzlers
Johann Casimir von → Carmer, das den Untersuchungsgrundsatz in den
Zivilprozess einführt, die Advokaten durch Assistenzräte ersetzt und die
Beendigung aller Prozesse innerhalb eines Jahres anstrebt.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Ebel, F., 200 Jahre preußischer
Zivilprozess, 1982
Corpus (N.) iuris militaris
(lat.) ist die Bezeichnung für private Sammlungen militärrechtlicher
Vorschriften zwischen 1632 und 1723.
Lit.: Dangelmaier, E., Geschichte des Militärstrafrechts,
1891; Handbuch zur deutschen Militärgeschichte, hg. v. militärgeschichtlichen
Forschungsamt, Bd. 1 1979
Corpus (N.) iuris publici
(lat.) ist die Bezeichnung für private Sammlungen des öffentlichen Rechtes des
Heiligen römischen Reiches im 18. Jh.
Lit.: Schmauss,
J., Corpus iuris publici Sancti Romani imperii academicum, 1722
Corpus (N.) iuris Saxonici
(lat.) ist die Bezeichnung für eine private Sammlung des sächsischen Rechts.
Lit.: Lünig, J., Codex Augusteus oder neuvermehrtes corpus
iuris Saxonici, Bd. 1f. 1724
corpus (lat. [N.]) possidendi) Herrschaftsgewalt über eine Sache durch Übergabe einer beweglichen Sache oder
Betreten einer unbeweglichen Sache oder bei originärem Erwerb durch deutliche Kundgabe
Corrigere (lat.) ist ein Ausdruck, der unter Kaiser Trajan (98-117) in das römische Strafverfahren eindringt. Danach geht es dort darum, Unrecht wieder recht zu machen. Diese Vorstellung steckt auch hinter dem germanistischen „richten“.
Lit.: Köbler, DRG 34, 46; Köbler, G., Richten, Richter und
Gericht, ZRG GA 87 (1970), 59
Cortes ist die den
König beratende Versammlung der Geistlichen, Adligen und Städtevertreter in
Kastilien, León, Portugal, Aragón und Navarra seit der 2. Hälfte des 12. Jh.s.
Lit.: Gonzáles Antón, L., Las Cortes
de Aragón, 1978; Procter, E., Curia and cortes, 1980
Corvey
Lit.: Krüger, H., Höxter und Corvey, 1931; Prinz, J., Die Corveyer
Annalen, 1982; Hoffmann, H., Bücher und Urkunden aus Helmarshausen und Corvey,
1992
Court of Chancery ist das
Gericht des Kanzlers (chancellor) des → englischen Rechts. Es geht darauf
zurück, dass der zunächst geistliche Kanzler schon im 13. Jh. Bitten
hilfesuchender Engländer an den König hinsichtlich der Möglichkeit der Bildung
neuer Klageformeln begutachtet und im 15. Jh. in Einzelfällen Rechtsschutz
gewährt, wenn das → common law zu unangemessenen Ergebnissen führt. Die
seit 1529 tätigen weltlichen Kanzler führen das fort und begründen bald ein
System anerkannter Sätze des positiven Rechts, das an der Billigkeit (→
equity) ausgerichtet ist.
Lit.: Jones, W.,
The Elizabethan Court of Chancery, 1967; Baker, J., An Introduction to English Legal
History, 4. A. 2002
Court of Common Pleas ist
das seit 1234 sicher belegte, für Zivilsachen zuständige königliche Gericht des
→ englischen Rechts in Westminster mit einem Oberrichter und 3
nachgeordneten Richtern.
Lit.:
Court of Exchequer ist das
für Verwaltungsangelegenheiten und Finanzsachen zuständige königliche Gericht
des → englischen Rechts in Westminster.
Court of King`s Bench ist
das für Strafsachen und Appellationen zuständige königliche Gericht des →
englischen Rechts in Westminster.
Coutume (franz.
[F.] Gewohnheit) ist die rechtlich bedeutsame Gewohnheit (lat. [F.]
consuetudo), die auch in einer Abgabe oder Leistung bestehen kann. Die c. als
eine Mehrheit von rechtlich bedeutsamen Gewohnheiten erlangt in Frankreich seit
dem 10./11. Jh. Gewicht und wird im Norden seit Beginn des 13. Jh.s mit
örtlichen Bezügen auf Grund der Aussagen von Sachkennern in Rechtsbüchern
(nichtamtliche coutume, amtliche coutumiers) schriftlich aufgezeichnet, wobei
sich eine Trennung in das nördliche Gebiet des droit (M.) coutumier
(Nordfrankreich, Belgien, Niederlande, Genf, Waadt, Neuenburg, Fürstbistum
Basel) und das südliche Gebiet des (römischen) droit (M.) écrit (Südfrankreich)
bildet und wobei Entscheidungen, Gesetze (Ordonnanzen) und teilweise auch
römisches Recht und kirchliches Recht in die coutumiers einbezogen werden
(ursprünglich lateinisch] Très ancien coutume (bzw. coutumier) de Normandie
[lat. Statuta et consuetudines Normanniae] 1199/1200 bzw. 1220 bzw. 1200/1204
[nach 1220 in das Französische übersetzt], Grand coutumier de Normandie
1254-1258 [Summa de legibus Normanniae in curia laicali], Conseil à un ami [im
Vermandois] des Pierre de Fontaine für Philipp III. 1253 bzw. 1254-1258, Livre
de justice et de plet [um] 1260 [Gegend von Orléans], Facet von Saint
Armand-en-Prévèlet/Belgien 1265, Etablissements de Saint Louis um 1270
[Tourraine-Anjou, Orléanais], Coutumes de Beauvaisis [nördlich von Paris] 1283
des Philippe de Beaumanoir [Philippe de Remi Beaumanoir], Ancien coutumier de
Champagne des Guillaume du Châtelet 1295-1300 [auf der Grundlage von Usages de
Champagne von etwa 1253], Recht von Uccle/Brüssel/Belgien 1300, Très ancienne
coutume de Bretagne 1312/1316-1325, Stilus curie Parlamenti des Guillaume du
Breuil um 1330, Grand coutumier [de France bzw. Ile de France] des Jacques
d’Ableiges um 1388, Somme rural des Jehan Boutillier vor 1395, Vieux coutumier
de Poitou/Poictou 1417). 1454 befiehlt König Karl VII. wegen zahlreicher
Streitigkeiten hinsichtlich des Bestehens behaupteter Rechtssätze in der
Ordonnance von Montil-les-Tours die amtliche Aufzeichnung aller coutumes jeder
bailliage mit anschließender Inkraftsetzung, was bis 1545 zu 20 redigierten
coutumes und bis 1750 zu 681 coutumes, von denen 88 vom König gebilligt sind,
führt. Auf der Grundlage der Coutume de Paris (1510 bzw. 1580) entwickelt sich
(hieraus) mit Hilfe der vom König dem Parlement de Paris übertragenen
Prüfungszuständigkeit ein gemeines Gewohnheitsrecht (franz. droit commun
coutumier).
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Nouveau
coutumier général, hg. v. Bourdot de Richebourg, C., Bd. 1ff. 1724ff.; Brunner,
H., Die coutumiers der Hamiltonsammlung, ZRG GA 4 (1883), 232; Favey, J., Le
coutumier de Moudon de 1577, 1924; Declareuil, J., Histoire générale du droit
français, 1925, 851; Filhol, R., Le premier président Christoffe de Thou et la
réformation des coutumes, 1937; Olivier-Martin, F., Le roi de France et les
mauvaises coutumes au moyen âge, ZRG GA 58 (1938), 108; La rédaction des
coutumes, 1962; Poudret, J., Enquêtes sur la coutume du pays de Vaud, 1967; La
coutume de Vaudémont, hg. v. Centre Lorrain, 1970; Le style de Vaudémont, hg.
v. Centre Lorrain, 1972; Gräfe, R., Das Eherecht in den coutumiers des 13. Jahrhunderts,
1972; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 1,633,2,2,200; Gouron, A./Terrin, O., Bibliographie des coutumes
de France, 1975; Les coutumes de l’Agenais, hg. v. Ourliac, P./Gilles, M.,
1976; La coutume, hg. v. Gilissen, J., 1982; Walkens, L., La théorie de la
coutume chez Jacques de Révigny, 1984; Olivier-Martin, F., Histoire du droit
français, 1992; Gouron, A., Droit et coutume en France aux XIIe et Xiiie
siècles, 1993; Poudret, J., Coutumes et coutumiers, 1998
Coutumes de Beauvaisis sind das
bedeutendste Rechtsbuch des mittelalterlichen Frankreich. Die C. d. B. stammen
von Philippe de → Beaumanoir. Er bemüht sich um eine Darstellung des
Gewohnheitsrechts in Beauvaisis, verwendet dazu aber auch Sätze der Coutumes
von Champagne, Vermandois, Artois, Normandie und Paris, die Rechtsprechung des
Parlaments de Paris, königliche Verordnungen, römisches Recht und kirchliches
Recht. Die systematisierende, vor eigenen Lösungen nicht zurückschreckende
Privatarbeit, die der Rechtswirklichkeit nicht vollständig entspricht, bleibt
trotz hohen gedanklichen Wertes von geringem Einfluss auf die Rechtspraxis.
Lit.: Coutumes de Beauvaisis, hg. v.
Salmon, A., Bd. 1f. 1899f., Neudruck 1970, Bd. 3; Commentaire historique, hg.
v. Hubrecht, G., 1974; Actes du colloque international Philippe de Beaumanoir
et les coutumes de Beauvaisis 1283-1293, hg. v. Bonnet-Laborderie, P., 1983
Coutumier (franz.
[M.]) ist die private Aufzeichnung der → coutume im mittelalterlichen
Frankreich.
Lit.:
Kroeschell, DRG 1; Le vieux coustumier de Poictou, hg. v. Filhol, R., 1956;
Petitjean, M. u. a., Le coutumier bourguignon glosé, 1982; Poudret, J.,
Coutumes et coutumiers, 1998
Covarubias y Leyva,
Diego de (1512-1577) wird nach dem Rechtsstudium 1533 Professor für kirchliches
Recht in Salamanca, 1565 Bischof von Segovia und 1574 Präsident des
Staatsrates. Auf ihn geht die strafrechtliche Vorstellung des bedingten
Vorsatzes (lat. dolus [M.] indirectus) zurück.
Lit.: Merzbacher, F., Azpilcueta und Covarruvias, (in)
Merzbacher, F., Recht - Staat - Kirche, hg. v. Köbler, G. u. a., 1989, 275;
Peressa, V., Diego de Covarubias, 1957
Cowell, John
(1554-1611), nach dem Studium des römischen Rechts in Cambridge 1594 Professor
in Cambridge, versucht 1605 eine erfolglose Darstellung des englischen Rechts
nach dem Aufbau der Institutionen Justinians ([lat.] Institutiones [F.Pl.]
iuris Anglicani, Einrichtungen des englischen Rechts) und muss wegen seiner in
seinem erfolgreichen Wörterbuch The Interpreter (1607) vertretenen
absolutismusfreundlichen und parlamentsfeindlichen Haltung 1611 seine
Professur aufgeben.
Lit.:
Holdsworth, W., A History of English Law, Bd. 1ff. 1903ff., Bd. 5, 20
creditor (lat. [M.]) → Gläubiger
Crimen (lat. [N.])
ist im römischen Recht das Verbrechen im Gegensatz zu (lat.) delictum (N.). Für
die crimina (N.Pl.) entwickelt sich das besondere Strafrecht und Strafprozessrecht.
Schon früh wird dabei das c. (publicum) mit der von der Allgemeinheit (mit dem
Beil) vollstreckten Todesstrafe geahndet. Zu den lange noch durch den
Verletzten mittels Strafe zu vergeltenden crimina zählen Mord (lat. [N.]
parricidium), Brandstiftung, handhafter Diebstahl, nächtliches Abweiden eines
fremden Feldes und falsches Zeugnis.
Lit.: Kaser §§
32, 41, 50; Dulckeit/Schwarz/Waldstein
§ 12; Köbler, DRG 65; Köbler, LAW
Crimen (N.) laesae maiestatis
(lat.) ist im älteren römischen Recht die Verletzung des Ansehens zunächst der
plebejischen Magistrate. Seit Augustus geht die (lat. [F.]) maiestas vom
römischen Volk und seinen Magistraten auf den Prinzeps und damit später den
Kaiser über. Seit den Kaisern Arcadius und Honorius kann zum Schutz des Kaisers
und seiner Günstlinge jeder politische Vorwurf mit der Todesstrafe und der
Vermögensentziehung verfolgt werden. Diese Vorstellung übernimmt das Frühmittelalter
allmählich mit gewissen Abwandlungen. Im weiteren Verlauf findet das c. l. m.
Eingang in den → Mainzer Reichslandfrieden von 1235, die → Goldene
Bulle (1356), die → Constitutio Criminalis Bambergensis (1507) und die →
Constitutio Criminalis Carolina (1532). Erst Carpzov (1635) schränkt
differenzierend ein. Danach wird Inhalt des c. l. m. die Beleidigung des
Monarchen als Regenten, die 1918 ihren Bezugspunkt verliert.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein; Kroeschell, DRG 1;
Köbler, DRG 20; His, R., Deutsches Strafrecht bis zur Karolina, 1928, Neudruck
1967 113; Kellner, O., Das Majestätsverbrechen, Diss. phil. Halle 1911; Tietz,
K., Perduellio und maiestas, Diss. jur. Halle 1935; Hageneder, O., Das crimen
maiestatis, FS F. Kempf, 1983
Crimen (N.) magiae (lat.) ist
in der frühen Neuzeit das Verbrechen der Zauberei. → Hexerei
Lit.: Byloff, F., Das Verbrechen der Zauberei, 1902
Criminal Code (1879) ist der an
dem 1860 verfassten indischen Strafgesetzbuch (Indian Penal Code) ausgerichtete
Entwurf eines englischen Strafgesetzbuches, der vom Parlament nicht angenommen
wird.
Criminal Law Consolidation Acts
(1861) ist die das Strafrecht betreffende Zusammenfassung verstreuter
gesetzlicher Vorschriften im → englischen Recht.
Cui bono? (lat.) Wem zum
Guten? Wem nützte die Tat? ist ein von Cicero (106-43 v. Chr.) geprägtes
lateinisches Rechtssprichwort.
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 7. A. 2007
Cuius regio eius religio
(lat., wessen Gebiet, dessen Religion) ist die von dem Greifswalder
protestantischen Kirchenrechtler J. Stephani (1544-1623) (in seinen [lat.]
Institutiones [F.Pl.] iuris canonici von 1599 mit dem Satz [lat.] ut cuius sit
regio, hoc est ducatus, principatus seu ius territorii, eius etiam sit religio,
hoc est ius episcopale seu iurisdictio spiritualis) geschaffene Formulierung
für die der Sache nach bereits im → Augsburger Religionsfrieden von 1555
angewandte geistliche Gerichtsbarkeit des reichsunmittelbaren Landesherrn im
Heiligen römischen Reich (deutscher Nation) ([lat.] ubi unus dominus, ibi una
religio, wo ein Herr, da eine Religion). Der ihr zugrunde liegende Gedanke wird
danach von den protestantischen Reichsständen beansprucht, in der
Gegenreformation auch von den katholischen Reichsständen. Insgesamt fördert und
ermöglicht der dann auf das Normaljahr 1624 abstellende Satz zu Lasten der
Untertanen die Wahrung der Reichseinheit und der monarchisch-aristokratischen
Verfassung sowie die Ausbildung des Territorialstaatskirchenrechts und damit
des → Absolutismus und der → Souveränität.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 130; Heckel, M., Staat
und Kirche nach den Lehren der evangelischen Juristen Deutschlands, ZRG KA 42
(1956), 117, 43 (1957), 202; Willoweit, D., Deutsche Verfassungsgeschichte, 5.
A. 2005; Schneider, B., Der Westfälische Friede in der Deutung der Aufklärung,
1989; Schneider, B., Ius reformandi, 2001
Cujas, Jacques
(Toulouse 1522-Bourges 4. 10. 1590) wird nach dem Rechtsstudium in Toulouse
zunächst dort Rechtslehrer (1547-1554), danach in Cahors, Bourges (1555-1557,
1559-1566, 1575-1590), Valence (1567-1575) und Turin (1566-1567). Er vertieft
die Verwendung humanistischer Methoden im Recht in seinen Textausgaben (J.
Pauli receptae sententiae, 1559, Institutiones Justiniani, 1585) und seinen
zahlreichen exegetischen Einzelarbeiten. In seinen (lat.) Paratitla (N.Pl.) in
libros digestorum (1570, kurze Erklärungen zu den Büchern der Digesten) stellt
er eine gegliederte Ordnung von Klagen und Rechtsbehelfen dar.
Lit.: Spangenberg, E., Jacob Cujas und seine Zeitgenossen,
1822, Neudruck 1967; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 1952, 2.
A. 1967; Troje, H., Graeca leguntur, 1971, 108
Culpa (lat. [F.])
ist im klassischen römischen Recht die Schuld oder Nachlässigkeit, die
vorsätzliches wie fahrlässiges Handeln erfasst. C. ist ausgeschlossen bei
Geisteskranken (furiosi) oder Kindern (infantes). Bei c. des Geschädigten wird
die c. des Schädigers aufgehoben (Kulpakompensation).
Lit.: Kaser § 36; Söllner §§ 8, 15;
Köbler, DRG 44, 49, 61, 216; Köbler, LAW
culpa (lat. [F.]) in concreto, Verletzung der Sorgfalt, die in eigenen Angelegenheiten
beachtet würde, durch den Schuldner
Culpa (F.) in contrahendo (lat.) ist das von Rudolf von Ihering (Jhering, 1818-1892) als Haftungsgrund herausgearbeitete, vom Bürgerlichen Gesetzbuch des Deutschen Reiches (1900) nicht besonders berücksichtigte Verschulden bei Vertragsschluss (2002 § 311 II BGB).
Lit.: Ihering, R., Culpa in contrahendo, Jb. f. d. Dogmatik
4 (1861) 1; Medicus, D., Zur Entdeckungsgeschichte der culpa in contrahendo,
FS M. Kaser 1986, 189; Choe, B., Culpa in contrahendo bei Rudolf von Ihering,
1988; Giaro, T., Culpa in contrahendo, (in) Das Bürgerliche Gesetzbuch und
seine Richter, 2000, 113; Keller, M., Schuldverhältnis und Rechtskreisöffnung,
2007
culpa (F.) in eligendo (lat.) Auswahlverschulden
culpa (F.) lata (lat.) grobe
→ Fahrlässigkeit
culpa (F.) levis (lat.)
leichte → Fahrlässigkeit
culpa (F.) levissima (lat.)
leichteste → Fahrlässigkeit
Lit.: Hoffmann, H., Die Abstufung der Fahrlässigkeit in der
Rechtsgeschichte, 1968
Cura (lat. [F.])
ist im klassischen römischen Recht die bei Geisteskranken (furiosi),
Verschwendern (prodigi), Tauben, Stummen, Altersschwachen, (Leibesfrüchten bzw.
nascituri) sowie gegebenenfalls Unmündigen und Frauen, auf Antrag auch bei
Mündigen unter 25 Jahren (minores XXV annis), mögliche → Pflegschaft,
bei welcher der Pflegling für eigene Handlungen der Zustimmung des Pflegers
(lat. [M.]
curator) bedarf.
Lit.: Kaser §§ 4, 11, 44, 58, 62, 64,
82; Söllner § 8; Köbler, DRG 36, 57
curator (lat. [M.]) Pfleger → cura
curia (lat. [F.]) Hof, Herrscherhof, Hofrat
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, LAW;
Fleckenstein, J., Die Hofkapelle der deutschen Könige, 1965; Lalinde Abadía,
J., El curia o cort, Anuario de estudios medievales 4 (1967), 169; Bournazel,
E., Le gouvernement capétien, 1975; Loyn, H., The Governance of
Anglo-Saxon-England, 1984; Hillen, C., Curia regis, 1999
curtis (lat. [F.]) Hof, Herrenhof
Lit.: Althessen im Frankenreich, hg.
v. Schlesiner, W., Nd. 2 1975; Villa, curtis, grangia, hg. v. Janssen, W. u.
a., 1983
curtis (F.) dominica (mlat.) Herrenhof
curtis (F.) indominicata (mlat.) Herrenhof
curtis (F.) salica (mlat.) Herrenhof
cursus honorum (lat. [M.]) Ämterlaufbahn der
römischen Rpublik (Quästor, Ädil, Prätor, Konsul
Cusanus → Nikolaus von Kues
Custodia (lat.
[F.]) ist im klassischen römischen Recht die Aufsicht. Wer eine Sache eines
Gläubigers in Händen hat (z. B. Verwahrer, Entleiher, Mieter, Werkunternehmer,
Pfandgläubiger, möglicherweise Verkäufer)), haftet danach für das
Abhandenkommen der Sache (z. B. durch Diebstahl) und solche Schäden, die gerade
bei unzureichender Aufsicht üblicherweise entstehen können. Nur in bestimmten
Sonderfällen (höhere Gewalt) wird er von der Haftung frei.
Lit.: Kaser § 36; Köbler, DRG 45, 63;
Köbler, LAW
Cyprianus ist ein in Florenz geborener,
am Ende des 12. Jh.s verstorbener Glossator mit Glossen zu allen Teilen der
justinianischen Kompilation.
Lit.: Lange, H., Römisches
Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997, 236
Czernowitz am Pruth wird 1408 als Zollstätte des Fürstentums Moldau erstmals erwähnt. Über die Osmanen gelangt es 1774/1775 an Österreich (Galizien, Bukowina), wo es 1875 eine Universität erhält (u. a. Eugen Ehrlich). 1918 fällt es an Rumänien, 1940 an die Sowjetunion bzw. danach an die Ukraine.
Lit.: Jüdisches Städtebild Czernowitz, hg. v.
Corbea-Hoisie, A., 1998; Czernowitz, hg. v. Heppner, H., 2000; Yavetz, Z.,
Erinnerungen an Czernowitz, 2007
D
Dabelow, Christoph
Christian Frhr. v. (Neubuckow bei Wismar 19. 7. 1768–Dorpat 27. 4. 1830),
Justizratssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Rostock und Jena 1787 Advokat,
1791 außerordentlicher Professor, 1792 ordentlicher Professor in Halle (bis
1806 bzw. 1809), 1811 Staatsrat in Anhalt-Köthen (bis 1813) und 1819 Hofrat und
Professor in Dorpat.
Lit.: Allgemeine Deutsche Biographie,
Bd. 4 685
Dacheriana ist die
nach ihrem ersten Herausgeber (d’Achery † 1685) benannte, um 800 in Lyon
entstandene systematische Kirchenrechtssammlung mit etwa 400 canones.
Lit.: Mordek, H., Kirchenrecht und Reform, 1975, 259
Dahn, Felix (Hamburg 9. 2. 1834-Breslau 3.
1.1912), Sohn eines deutsch-französischen Schauspielerehepaars, wird nach dem
Studium der Philosophie und des Rechts in München und Berlin 1857 mit Studien
zur Geschichte der germanischen Gottesurteile in München habilitiert. 1863 wird
er Professor in Würzburg, 1872 in Königsberg und 1888 in Breslau. Sein größter
literarischer Erfolg ist der in 30 Auflagen (1900) veröffentliche Roman Ein
Kampf um Rom (1876ff.), während das zwölfbändige Hauptwerk Die Könige der
Germanen (1861ff.) weniger Anerkennung findet.
Lit.: Meyer, H.,
Friedrich Dahn, 1913; Wohlhaupter, E., Dichterjuristen, Bd. 3 1957, 285
Dalloz, Désiré (1795-1869) wird nach dem Rechtsstudium Anwalt und 1814 Mitarbeiter am (franz.) Journal des audiences de la cour de cassation et des cours d`appel (1824 Jurisprudence générale du royaume). Danach veröffentlicht er bis 1832 in einem Répertoire de jurisprudence générale (allgemeinen rechtswissenschaftlichen Repertorium) nach Materien geordnet in alphabetischer Reihenfolge wichtige Entscheidungen mit Anmerkungen. Dieses Werk legt er von 1845 bis 1870 in verbesserter und erweiterter Fassung neu auf. Sein Name lebt in dem Verlagshaus fort, das als den „Dalloz“ eine fortlaufende Sammlung von Entscheidungen, Gesetzen und wissenschaftlichen Stellungnahmen vertreibt.
Lit.: Papillard, F., Désiré Dalloz (1795-1869), 1964
Dalmatien ist das
zunächst von Dalmatern besiedelte Ostufer der Adria mit den davorliegenden
Inseln, das 9. n. Chr. zur römischen Provinz Dalmatia wird. Seit dem Ende des
6. Jh.s dringen Slawen und Awaren ein, seit dem 11. Jh. bemüht sich Venedig um
die 1420 erreichte Herrschaft. Im 16. Jh. fällt ein Teil Dalmatiens an die
Türken. Über Venedig (Auflösung der Republik 1797) bzw. (nach Auflösung der
illyrischen Priovinzen Napoleons) über den Wiener Kongress (1815) erlangt →
Österreich das 1816 zum Königreich erhobene D. 1920 wird es → Jugoslawien
zugeteilt, aus dem es 1991 vor allem an → Kroatien fällt.
Lit.: Mayer, E., Die dalmatisch-istrische
Munizipalverfassung im Mittelalter und ihre römischen Grundlagen, ZRG GA 24
(1903), 211; Stanic, M., Dalmatien, 1984; Steindorf, L., Die dalmatischen Städte,
1984; Clewing, C., Staatlichkeit und nationale Identitätsbildung, 2000;
Cetnarowicz, A., Die Nationalbewegung in Dalmatien im 19. Jahrhundert, 2008
Da mihi factum, dabo tibi ius (lat.). Gib mir den Tatbestand, ich werde dir das Recht geben.
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 7. A. 2007
(Alexander III. 1100-1181, Dekretalen 2, 1, 6)
Dalberg, Karl Theodor Reichsfreiherr
von (Herrnsheim bei Womrs 10. 2. 1744-Regensburg 8. 2. 1817) wird nach dem Studium
des Rechts in Heidelberg 1768 Priester, 1772 Statthalter des Erzbischofs von
Mainz in Erfurt, 1780 Rektor der Universität Würzburg, 1787 Koadjutor in Mainz,
1788 Koadjutor in Konstanz, 1800 Bischof von Konstanz, 1802 Erzbischof von
Mainz und 1806 Fürstprimas von Deutschland (im Rheinbund). Im Reichsdeputationshauptschluss
erhält er 1803 Regensburg, Aschaffenburg und Wetzlar, 1806 Frankfurt am Main
und 1810 Fulda und Hanau. 1803 muss er abdanken, bleibt aber Erzbischof von
Regensburg.
Lit.: Färber, K.,
Kaiser und Erzkanzler, 1988; Carl von Dalberg, hg. v. Färber, K. u. a., 1994;
Carl von Dalberg, hg. v. Hausberger, K., 1995; Hein, N., Der Staat Karl
Theodor von Dalbergs, Diss. phil. Frankfurt am Main 1996
Damasus ist ein um 1210 bis 1220 in
Bologna wirkender Lehrer des kirchlichen Rechts.
Lit.: Lange, H.,
Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997, 300
Damme → Vonnisse von Damme
Damnationslegat ist
das bereits dem jüngeren altrömischen Recht bekannte Vermächtnis, bei dem
vielleicht der treuhänderische Vermögenskäufer (lat. familiae emptor [M.])
dem oder den Bedachten für eine bestimmte Geldsumme, später auch für andere
Leistungen haften soll.
Lit.: Kaser §§ 32, 33, 76; Köbler, DRG 23
Damnum (lat. [N.]) (iniuria
datum) ist im klassischen römischen Recht der rechtswidrig zugefügte Schaden, zu
dessen Ausgleich bereits 286 v. Chr. die (lat.) lex (F.) Aquilia de damno
(aquilisches Gesetz über den Schaden) ergeht.
Lit.: Kaser § 51; Köbler, DRG 65
Danelaw ist eine
Bezeichnung für das vom späten 9. Jh. bis 1066 vom Recht der Dänen beherrschte
Gebiet → Englands (z. B. Northumbria, Ostanglien).
Lit.: Loyn, H., The Vikings in
Däne →
Dänemark
Dänemark ist der im
Norden an Deutschland grenzende skandinavische Staat. Die Festigung einer
eigenständigen Herrschaft über die Dänen (6. Jh.) durch einen König gelingt in
der ersten Hälfte des 10. Jh.s unter Gorm dem Alten (ab etwa 940
ununterbrochene Königsreihe). Wenig später setzt sich das Christentum in D.
durch. Zeitweise herrschen die Könige Dänemarks über große Teile Englands (Knut
der Große 1018-1035), der Ostsee (Waldemar der Große 1157-1182) und →
Norwegen, → Schweden sowie → Finnland (Margarete I.
1387/1389-1412). Um 1200 wird erstmals das Recht (für Schonen [kurz nach 1200,
dänisch, lateinisch als Liber legis Scaniae, Rechtsbuch Schonens Erzbischof
Andreas Sunesens], Seeland [Waldemar, Erik] und Jütland [März 1241 unter König
Waldemar II.] erhalten) schriftlich aufgezeichnet, wobei kirchlicher Einfluss
nachweisbar ist. 1479 wird in Kopenhagen eine Universität gegründet. 1536 wird
unter dem Hause Oldenburg (1448-1863) die lutherische Reformation durchgeführt.
Vom Einfluss der katholischen Kirche befreit beherrscht der König zusammen mit
dem Adel das Land. Im Gefolge des Dreißigjährigen Kriegs wird D. von Schweden
zurückgedrängt, wobei die Ostgebiete an Schweden fallen. 1660 erzwingen Bürger
und Bauern gegen den Adel die Umwandlung Dänemarks in eine Erbmonarchie (mit
einem 1661 eingerichteten Höchstgericht), die sich 1665 (durch lat. [F.] lex
regia, königliches Gesetz) dem Grundsatz des Absolutismus zuwendet und 1683
unter Christian V. das dänische Recht (Danske Lov 15. 4. 1683, Prozessrecht,
Kirchenrecht, Ständerecht mit Eherecht und Unmündigenrecht, Seerecht,
Schuldrecht, und Sachenrecht, Strafrecht, 6 Bücher, ersetzen jütisches, seeländisches
und schonisches Recht, im 19. Jh. weitgehend aufgehoben, eine Reihe von
Grundnormen aber noch in Kraft, ähnlich 1687 für das von 1380 bis 1814 mit D.
verbundene Norwegen) in einem Buch (Gesetzbuch?) zusammenfasst. Im 18. Jh., in
dem 1736 eine juristische Prüfung eingeführt wird und innerhalb der
erwachsenden Rechtswissenschaft die Rechtsgeschichte erfasst wird (Peder Kofod
Ancher, En Dansk Lov-Histoire 1789ff.), dringt mit Aufklärung und Naturrecht
die Lehre von der Gewaltenteilung ein und wird das Strafrecht gesetzlich
geändert. 1788 beginnt die Befreiung der Bauern. 1814 gelangt Norwegen an
Schweden. 1849 wird die absolute Monarchie unter Einführung einer Verfassung
nach dem Vorbild Belgiens bis 1866 durch eine konstitutionelle Monarchie
abgelöst. 1864 gehen Schleswig, Holstein und Lauenburg an den → Deutschen
Bund bzw. Preußen verloren. 1866 wird die Verfassung verändert. Seit 1872
arbeitet D. mit den anderen nordischen Ländern trotz Sonderung des
Westnordischen vom Ostnordischen vereinheitlichend zusammen. 1866/1930 wird
das Strafrecht, 1916/1919 das Prozessrecht geändert. Ab 1891 wird die Sozialversicherung
eingeführt. 1901 setzt sich der Gedanke der parlamentarischen Kontrolle durch.
1915 wird erneut die Verfassung verändert. 1920 kehrt nach einer Volksabstimmung
Nordschleswig zu D. zurück. 1953 ermöglicht ein Thronfolgegesetz die weibliche
Erbfolge in der Erbmonarchie mit demokratisch-parlamentarischer Regierungsform,
die sich zum Sozialstaat wandelt. Das Einkammersystem wird eingeführt. 1960
tritt D. der Europäischen Freihandelszone bei, 1973 der Europäischen Gemeinschaft
(bzw. 1993 Europäischen Union). 1979 erhält → Grönland Autonomie.
Lit.: Hasse, P., Die Quellen des Ripener Stadtrechts, 1883;
Repertorium diplomaticum regni Danici mediaevalis, hg. v. Christensen, W. u.
a., 1894ff.; Haandværksskik i Danmark, hg. v. Nyrop, C., 1903; Danske vider og
vegtægter eller gamle landsbylove, hg. v. Bjerge, P. u. a., 1904ff.; Haff, K.,
Die Theorie des dänischen Grundregals, ZRG GA 30 (1909), 290; Haff, K., Die
dänischen Gemeinderechte, 1909; Haff, K., Beweisjury und Rügeverfahren im
fränkischen und altdänischen Recht, ZRG GA 38 (1917), 130; Scriptores minores
historiae danicae medii aevi, rec. Gertz, M., 1917ff.; Dahl, F., Juridiske
profiler, 1920; Danemarks gamle lanskabslove med kirkelovene, hg. v.
Brøndum-Nielsen, J., 1920f.; Annales Danici medii aevi, neu hg. v. Jørgensen,
E., 1920; Dahl, F., Frederik VI og Anders Sandøe Ørsted, 1929; Dahl, F.,
Hovedpunkter af den danske retsvidenskabs historie, 1937; Dänische Rechte,
übers. v. Schwerin, C. Frhr. v., 1938; Juul, S., Fællig og hovedlod, 1940;
Dahl, F., Geschichte der dänischen Rechtswissenschaft, 1940; Jørgensen, P.,
Dansk Retshistorie, 1940, 2. A. 1947; Fussing, H., Herremand og Fæstebonde, 1942,
Olsen, G., Traehesten, hundehullet og den spanske kappe, 1960; Højesteret
1661-1961, 1961; Imhof, A., Grundzüge der nordischen Geschichte, 1970; Fenger,
O., Fejde og mandebod, 1971; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren
europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff.,
2,1,991, 2,2,506,1005, 3,4,21; Hoffmann, E., Königserhebung und Thronfolgeordnung
in Dänemark, 1976; Sprandel-Krafft, L., Rechtsverhältnisse in
spätmittelalterlichen Städten am Beispiel Viborgs (Dänemark), ZRG GA 93 (1976),
257, 94 (1977), 20; Tamm, D., Fran lovkyndighed til retsvidenskab, 1976;
Kroman, E., Dänemarks alte Rechte – Ihr Alter und ihre Verwandtschaft, ZRG GA
94 (1977), 1; Riis, T., Les Institutions Politiques Centrales du Danemark
1100-1332, 1977; Danmarks historie, Bd. 1ff. 1977ff.; Dübeck, I., Købekoner og
konkurrence, 1978; Ekbom, C., Ledung och tidig jordtaxering i Danmark, 1979;
Danske og Norske Lov i 300 år, hg. v. Tamm, D., 1983; Tamm, D., Retsopgøret
efter besættelsen, 1984; Thygesen, F., Das Verhältnis zwischen dänischem und
deutschem Recht, ZRG GA 105 (1988), 289; Den Danske rigslovgivning 1397-1513,
hg. v. Andersen, A., 1989; Tamm, D., Laerebog i Dansk retshistorie, 1989; Tamm,
D., Retshistorie 1 Dansk retshistorie, 1990; Tamm, D., Med lov skal land
bygges, 1990 (Aufsätze); Den Danske rigslovgivnning 1513-1523, hg. v. Andersen
A,. 1991, Jyske Lov i 750 år, 1991; Tamm, D., Retsvidenskaben i Danmark, 1992;
Danmark i senmidelalderen, hg. v. Ingesman, P. u. a., 1994; Stevnsborg, H.,
Besaßen die dänischen Könige der vorchristlichen Zeit Gesetzgebungsgewalt, ZRG
GA 112 (1995), 423; Björne, L., Den nordiska rättsvetenskapens historia, Bd.
1ff. 1995ff.; Bohn, R., Dänische Geschichte, 2001; Hammerslev, O., Danish
judges in the 20th century, 2003; Andersen, S., Danmark I det tyske Storrum,
2003; Dänemark, Norwegen und Schweden im Zeitalter der Reformation, hg. v.
Asche, M. u. a., 2003; Geiger, T., Die dänische Intelligenz von der
Reformationszeit bis zur Gegenwart, 2005; Tamm, D., Retshistorie, 2005;
Bellamy, M., Christian IV and his Navy, 2006; Repertorium der Policeyordnungen
der frühen Neuzeit Band 9 Dänemark und Schleswig-Holstein, hg. v. Tamm, D.,
2008; Quellen zur dänischen Rechts- und Verfassungsgeschichte (12.-20.
Jahrhundert), hg. v. Tamm, D. u. a., 2008
Daniels, Heinrich Gottfried Wilhelm
(Köln 25. 12. 1754-Köln 28. 3. 1827), wird nach dem Studium der Mathematik und
des Rechts in Köln 1770 in der Philosophie und 1775 in der Rechtswissenschaft
promoviert. 1776 wird er Advokat bei dem Hofrat des Erzbischofs von Köln, 1783
ordentlicher Professor der Universität Bonn und 1792 Richter am kurkölnischen
Appellationsgerichtshof in Bonn. Nach dem Verlust aller Ämter infolge des
Einmarschs Frankreichs lehrt er seit 1798 Gesetzgebung an der neuen Zentralschule
in Köln, wird aber 1804 Substitut de Procureur Général am Kassationshof in
Paris, 1813 Generalprokurator am Appellationshof in Brüssel, 1817 geheimer
Staatsrat in Berlin und 1819 erster Präsident des rheinischen Appellationsgerichtshofs
in Köln.
Lit.: Weisweiler, W.,
Geschichte des rheinpreußischen Notariats, Bd. 2 1925; Recht und Rechtspflege
in den Rheinlanden, hg. v. Wolffram, J. u. a., 1969; Reisinger-Selk, N.,
Heinrich Gottfried Daniels, 2008; Daniels, H., Vorlesungen, hg. v. Becker, C.,
2009
Dank
Lit.: His, R., Dank, ZRG GA 57 (1937), 474
Danzig an der Weichselmündung in die Ostsee wird am Ende des 10. Jh.s (997) als (pommerellische) Burg genannt. Seit dem ausgehenden 12. Jh. bringen deutsche Zuwanderer, die sich hauptsächlich beiderseits der Langgasse niederlassen, → lübisches Recht (1263) mit. Nach Zerstörung der Stadt (1236 civitas Danczik) durch den Deutschen Orden in Kämpfen um die Erbfolge im Herzogtum Pommerellen im Jahre 1308 erhält D. vom Hochmeister des Deutschen Ordens 1342/1343 → Kulmer Recht. 1454 löst sich das in vier Teile gegliederte D. vom Deutschen Orden und unterstellt sich Polen, wofür es verschiedene Vorrechte erhält.1792 kommt D. bei der zweiten Teilung Polens an Preußen, Nach dem Versailler Vertrag vom 20. 6. 1919 wird es, um Polen einen Ostseehafen zu sichern, am 15. 11. 1920 Freie Stadt (400000 Einwohner, 5 Prozent Polen, 1966 qkm), in der weiter deutsche Gesetze gelten. Diese freie Stadt D. ist ein Staatsgebilde mit beschränkter Souveränität ohne Staatsoberhaupt, aber mit Regierungsoberhaupt. Am 1. 9. 1939 wird D. in das Deutsche Reich eingegliedert. 1945/1990 fällt es an Polen.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Simson, P., Geschichte
der Danziger Willkür, 1904; Keyser, E., Geschichte Danzigs, 1921; Keyser, E.,
Die Entstehung von Danzig, 1924; Loening, O., Untersuchungen zum ältesten Recht
von Danzig, ZRG GA 46 (1926), 206; Keyser, E., Der Streit um ein Danziger
Aufwertungsgesetz am Ende des 18. Jahrhunderts, ZRG GA 46 (1926), 383; Keyser,
E., Das älteste Danziger Stadtrecht, ZRG GA 48 (1928), 194; Methner, A., Zwei
alte Danziger Rechtssymbole, ZRG GA 57 (1937) 456; Hahlweg, W., Das Kriegswesen
der Stadt Danzig, 1937; Gierke, J. v., Danzigs deutsches Recht, ZHR 107 (1940),
161; Samsonowicz, H., Untersuchungen über das Danziger Bürgerkapital in der
zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, 1969; Ruhnau, R., Danzig, 1971;
Lingenberg, H., Die Anfänge des Klosters Oliva und die Entstehung der deutschen
Stadt Danzig, 1982; Ruhnau, R., Die Freie Stadt Danzig, 2. A. 1988; Wittreck,
F., Die Anfänge der verfassungsgerichtlichen Normenkontrolle in Deutschland,
ZRG GA 121 (2004), 415
dare (lat.) geben
Darjes, Joachim
Georg (1714-1791), Schüler Christian Wolffs, bemüht sich in Jena und Frankfurt an
der Oder um eine systematische Gliederung des Privatrechts und entwickelt auf
römischrechtlicher Grundlage systematisch (1740) das erbrechtliche Parentelensystem.
→ Parentel
Lit.: Köbler, DRG 159, 162; Gärtner, F., Joachim Georg
Darjes und die preußische Gesetzesreform, 2007
Darlehen ist ein je
nach Gestaltung entweder einseitig verpflichtender Vertrag oder ein
gegenseitiger Vertrag, in dem sich der eine Teil (Darlehensnehmer)
verpflichtet, Geld oder andere vertretbare Sachen in gleicher Art, Güte und Menge,
wie er sie von dem anderen Teil (Darleiher) (zu Eigentum) erhält,
zurückzuerstatten. Das D. ist in der Form des (lat. [N.]) → nexum wohl
bereits dem altrömischen Recht bekannt (Selbstverpfändung für ein D.). Daneben
besteht das formfreie (lat. [N.]), grundsätzlich unentgeltliche → mutuum
als → Realkontrakt, aus dem der Gläubiger die (lat. [F.]) →
condictio als abstrakte Klage erhält, wobei Zinsen besonders vereinbart werden
müssen. Im frühmittelalterlichen Recht ist D. nur ein Fall der allgemeineren →
Leihe. Gegen das Nehmen eines Entgelts für das D. wendet sich schon in
karolingischer Zeit die christliche Kirche (Lukas 6,35 [lat.] mutuum date nihil
inde sperantes, gebt D. ohne etwas davon zu erhoffen). Gegen den Widerstand der
Kirche setzt sich aber mit der Geldwirtschaft das D. durch. Es wird zunächst
für Juden, dann auch für andere insofern bevorrechtigte Personen, schließlich
1654 durch den jüngsten Rechtsabschied auch allgemein erlaubt, wobei römisches
Recht des Darlehens (lat. [N.] mutuum) unter Abänderung aufgenommen wird.
Allerdings werden Höchstzinssätze (oft 6%) festgesetzt und wird die Berechnung
von Zinseszinsen verboten. Das Allgemeine Landrecht Preußens (1794) trennt das
D. eindeutig von der Leihe (lat. [N.] commodatum). Das Allgemeine Bürgerliche
Gesetzbuch (1811) versteht das D. als Realvertrag, doch entwickelt sich daneben
auch ein konsensauler Darlehensvertrag. Im Gefolge des Liberalismus fallen im
19. Jh. die Zinsschranken (ADHGB, 1861), doch bewirkt ein wuchermäßiges
Verhalten Unwirksamkeit einer Vereinbarung. 2002 wird in Deutschland das D.
(Gelddarlehen, 488 BGB) vom D. anderer vertretbarer Sachen (Sachdarlehen)
getrennt.
Lit.: Kaser §§ 6, 31, 32, 38, 39; Söllner §§ 9, 16, 18;
Hübner 591; Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 27, 45, 125, 127, 166, 213, 120,
241; Lübtow, U. v., Die Entwicklung des Darlehensbegriffs, 1965; Schulz, H.,
Darlehen und Leihe, Diss. jur. Göttingen 1922; Coing, H., Europäisches
Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.; Dehesselles, T., Policey, Handel und Kredit im
Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel, 1999
Daseinsvorsorge (Forsthoff,
E., Der totale Staat, 1933, Die Verwaltung als Leistungsträger, 1938) ist die
vorausplanende Gestaltung menschlichen Seins. Sie wird seit der zweiten Hälfte
des 19. Jh.s zunehmend Gegenstand der öffentlichen Verwaltung.→
Leistungsverwaltung
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG
197, 259; Deutsche Verwaltungsgeschichte, hg. v. Jeserich, K. u. a., Bd. 1ff.
1983ff.; Scheidemann, E., Der Begriff Daseinsvorsorge, 1991; Hermes, G.,
Staatliche Infrastrukturverantwortung, 1998; Laak, D. van, Der Begriff
Infrastruktur, Archiv für Begriffsgeschichte 41 (1999), 280; Kersten, J., Die
Entwicklung des Konzepts Daseinsvorsorge im Werk von Ernst Forsthoff, Der Staat
44 (2005); Jellinghaus, L., Zwischen Daseinsvorsorge und Infrastruktur, 2006;
Ringwald. R., Daseinsvorsorge als Rechtsbegriff, 2008
Datenschutz ist der
Schutz der Daten einer Person vor Missbrauch durch eine andere Person. Er
entwickelt sich in der zweiten Hälfte des 20. Jh.s als Folge der Verbreitung
der elektronischen Datenverarbeitung. Zu seiner Ausführung sind besondere
staatliche Datenschutzbeauftragte bestellt.
Lit.: Köbler, DRG 260
datio (lat. [F.]) Habe, Hingabe (z. B. bei Leihe, Verwahrung, Pfand)
Datio (F.) in solutum (lat.) ist die Leistung an Erfüllungs Statt. Bei ihr wird schon im klassischen römischen Recht der Schuldner nur befreit, wenn sie der Gläubiger als Erfüllung anerkennt.
Lit.: Kaser § 53; Köbler, DRG 62
Dauer
Lit.: Krause, H., Dauer
und Vergänglichkeit im mittelalterlichen Recht, ZRG GA 75 (1958), 206
DDR (Deutsche Demokratische Republik)
Decemviri (lat.
[M.Pl.]) ist im altrömischen Recht ein Ausschuss von 10 Männern zur Erledigung
allgemeiner Angelegenheiten (z. B. → Zwölftafelgesetz).
Lit.: Kaser § 82; Köbler, DRG 17, 19
De Chasseneuz,
Bartholomaeus (1480-1541) veröffentlicht nach dem Rechtsstudium in Dôle,
Poitiers, Turin (1497) und Pavia (1499-1502) als Kronanwalt in Autun 1517
(lat.) Commentaria (N.Pl.) in consuetudines ducatus Burgundiae, den ersten
großen Kommentar zum partikularen Gewohnheitsrecht (franz. droit coutumier) in
Frankreich.
Lit.: Pignot, J., Bartholomaeus de Chasseneuz, 1880,
Neudruck 1970; Dugas della Boissony, C., Bartholomaeus de Chasseneuz, Diss.
jur. Dijon 1977
Deciani, Tiberio
(Udine 1509-Padua 1582), Patriziersohn, wird nach dem Rechtsstudium in Padua
(1523-1529) Anwalt in Udine und Venedig (1544). In seinem posthum
veröffentlichten (lat.) Tractatus (M.) criminalis (1590, Straftraktat)
entwickelt er ansatzweise einen allgemeinen Teil des Strafrechts mit einem
allgemeinen Straftatbestand.
Lit.: Schaffstein, F., Tiberio Deciani, Dt. Recht 3 (1938),
121
Decius, Philippus
ist ein in Mailand 1454 geborener, in Pavia und Pisa ausgebildeter, 1475
promovierter, dort, 1484 in Pisa, 1487 in Siena, 1487 in Pisa, 1502 in Padua
und später in Pavia und Pisa lehrender, vielleicht in Siena 1536 verstorbener
Jurist (lectura zu Digesten 50, 17, commentaria zu den Digesten, consilia).
L.: Lange, H./Kriechbaum,
M., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 2 2007, 875
Déclaration (F.) des droits de l`homme et du citoyen (franz.) ist die von der Nationalversammlung in Frankreich 1789 angenommene Erklärung der Menschenrechte bzw. Bürgerrechte, die 1791 der Verfassung vorangestellt wird.
Lit.: Zur Geschichte der Erklärung der Menschenrechte, hg.
v. Schnur, R., 1964
Declaratio (F.) voluntatis (lat.) ist die in der frühen Neuzeit (seit Connan
1508-1551) allmählich ausgebildete allgemeine Grundfigur der →
Willenserklärung.
Lit.: Köbler, DRG 164; Wesenberg, G./Wesener, G., Neuere
deutsche Privatrechtsgeschichte, 4. A. 1985; Coing, H., Europäisches
Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.
decreta (lat.
[N.Pl.]) (z. B. sog. decreta Tassilonis oder decretum Tassilonis von 756?-772?
(45 bayerische Synodalbestimmungen aus Aschheim, Dingolfing und Neuching),
Entscheidungen → Dekret, decretum
Lit.:
Hartmann, W., Die Synoden der Karolingerzeit, 1989
Decretio (F.) Childeberti
(lat., auch decretus, decretum) ist ein spätestens am 1. 3. 596 verkündetes,
vielleicht in verschiedenen Teilen aus verschiedenen Jahren stammendes, in 24
Textzeugen durch 21 noch greifbare Handschriften überliefertes Dekret
(Kapitular) des fränkischen Königs Childebert II. für Austrasien mit gemischten
Inhalten (z. B. Eintrittsrecht der Enkel, mehrfach Todesstrafe), das
überwiegend mit der für Neustrien bezeugten Lex Salica überliefert ist.
Lit.: Eckhardt, W., Die Decretio
Childeberti und ihre Überlieferung, ZRG GA 83 (1966), 1; Woll, I.,
Untersuchungen zu Überlieferung und Eigenart der merowingischen Kapitularien,
1995; Mordek, H., Bibliotheca capitularium regum Francorum manuscripta, 1995;
Liebs, D., Römische Jurisprudenz in Gallien, 2002; Kölzer, T., Die
merowingischen Kapitularien in diplomatischer Sicht (in) Scientia veritatis,
2004, 16ff.
Decretum (lat. [N.]) ist im römischen Prinzipat die Entscheidung (Urteil) des Prinzeps, mit der er unmittelbar Recht setzt.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 32
Decretum (N.) Burchardi (lat.)
ist die wohl zwischen 1008 und 1012 verfasste Kanonessammlung → Burchards
von Worms.
Lit.: Kroeschell, DRG 1
Decretum (N.) Gratiani (lat.)
ist die zwischen 1125 und 1140 (erste, durch vier bzw. fünf Handschriften
überlieferte, eher lehrbuchartige Fassung um 1140 [1139?] mit 1860 canones,
zweite, stärker quellensammelnde, aber keine Texte aus bisher nicht
verwendeten Sammlungen aufnehmende oder Ergänzungen aus schon benutzten Quellen
einfügende Fassung um 1144/1145?, erste gesicherte Benutzung 1158, insgesamt
mehr als 600 mittelalterliche Handschriften, noch ältere Vorstufe
möglicherweise in Handschrift Sankt Gallen, Stiftsbibliothek MS 673) in Bologna
von dem (Kamaldulenser-)Mönch → Gratian auf Grund zahlreicher älterer
Sammlungen zusammengestellte Concordia discordantium canonum (Übereinstimmung
widersprüchlicher Regeln). Das Quellensammlung und Lehrbuch in sich vereinende
D. G. stellt ohne strenge Systematik die bis zum dritten lateranischen Konzil
(1139) entstandenen kirchlichen Rechtssätze (Konsilscanones, päpstliche
Dekretalen, Texte von Kirchenvätern [ca. 25%], Auszüge aus Bußbüchern,
römische Rechtssätze sowie biblische Sätze, insgesamt 3945 [lat. M.Pl.] canones
oder [lat. N.Pl.] capitula) zusammen. Sein erster Teil enthält 101 in Kapitel
(c.) geteilte Distinktionen (D.) oder allgemeine Bestimmungen und beginnt mit
einer allgemeinen Rechtslehre. Der zweite Teil befasst sich mit 36 in
Untersuchungen (lat. [F.Pl.] quaestiones) und Kapitel (lat. [N.Pl.] capitula)
gegliederten (fiktiven) Fällen oder (lat.) causae (C.), die beispielsweise das
Eherecht (C. 27ff.) oder die Buße (C. 33, quaestio 3 als Traktat ausgestaltet)
betreffen. Der dritte, wohl erst in der zweiten Fassung eingefügte Teil stellt
in 5 Distinktionen (und Kapiteln) unter der Überschrift (lat.) De consecratione
(Von der Weihe) das Recht der Weihe und anderer Sakramente dar. Eine wichtige
Quelle sind die Sammlungen des Ivo von Chartres (Panormia, nach 1095), ein
bedeutsames Vorbild Alger von Lüttichs (lat.) De misericordia et iustitia (Von
Barmherzigkeit und Gerechtigkeit). An das D. G. schließt sich bald (vor 1150?)
eine wissenschaftliche Behandlung (Dekretistik in der Form von Glossen und
Summen z. B. Huguccio von Pisa) an, deren Glossen → Johannes Teutonicus
um 1215 zu einer (lat.) glossa (F.) ordinaria zum D. G. zusammenfasst (um 1245
von Bartholomaeus Brixiensis überarbeitet). Später bildet das D. G. den ersten
Teil des (lat.) → corpus (N.) iuris canonici. Vielleicht stammt die
Gliederung in Distinktionen von dem auch Zusätze verfassenden Schüler
Paucapalea. Zitierweisen sind seit der Nummerierung der Kapitel in der Ausgabe
Charles Dumoulins von 1553/1554 (nicht mehr die lateinischen Textanfänge der
Stellen, sondern) z. B. für den ersten Teil D. (Distinktion) 20. C. (Kapitel) 2
oder für den zweiten Teil C. (Causa) 9 q. (quaestio) 3 c. (capitulum) 11 oder
für den dritten Teil De cons. D. (Distinktion) 1 c. (Kapitel) 5.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 102;
Studia Gratiana, Bd. 1ff. 1953ff.; Gaudemet, J., Das römische Recht in Gratians
Dekret, Österreich. Archiv f. Kirchenrecht 12 (1961), 177; Landau, P.,
Forschungen zu vorgratianischen Kanonessammlungen und den Quellen des
gratianischen Dekrets, Ius commune 11 (1984), 81; Winroth, A., The Two
Recensions of Gratian’s Decretum, ZRG KA 83 (1997); Weigand, R., Das kirchliche
Wahlrecht im Dekret Gratians, FS K. Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997,
1331; Beyer, A., Lokale Abbreviationen des Decretum Gratiani, 1998; Larrainzar,
C., El borrador de la „Concordia“ de Graciano – Sankt Gallen Stiftsbibliothek
MS 673, Ius Ecclesiae 11 (1999), 593; Winroth, A., The Making of Gratian’s
Decretum, 2000
decretum (lat. [N.]) principis Entscheidung des (römischen) Kaisers in
Zivilprozessen und Strafprozessen
Decretum (N.) Tassilonis (lat.) ist die Bezeichnung für die Beschlüsse der Synoden (Versammlungen) von Aschheim, Dingolfing und Neuching, die unter Herzog Tassilo III. von Bayern (748-788) um 756, um 770 und 771 zur Regelung kirchenrechtlicher Fragen stattfinden.
Lit.: Barion, H., Die Verfassung der bayerischen Synoden
des 8. Jahrhunderts, Röm. Quartalschrift 38 (1930), 90; Hartmann, W., Die Synoden der
Karolingerzeit, 1989; Landau, P., Kanonessammlungen in Bayern, (in) FS K.
Reindel, 1995, 137
Decurio (M.) de gradus (lat.)
ist eine spätantike (6./7. Jh.?), systematische, an unbekanntem Ort
geschaffene, relativ reich und erheblich unterschiedlich überlieferte, etwa
eine Seite umfassende Übersicht über ein staatliches Ämterwesen (Kommandos,
Staatsämter und Herrscher, Hofämter und städtische Ämter, soziale Klassen und
grundherrliche Amtsträger [Ämtertraktat]), die vielleicht nur Lehrzwecken dient
und keiner bekannten Wirklichkeit vollständig entspricht.
Lit.: Conrat, M., Ein Traktat über romanisch-fränkisches
Ämterwesen, ZRG GA 29 (1908), 239; Beyerle, F., Das frühmittelalterliche
Schulheft vom Ämterwesen, ZRG GA 69 (1952), 1; Barnwell, P., Epistula Hieronimi
de gradus Romanorum, Historical Research 64 (1991), 77
Dediticius (lat.
[M.]) ist im römischen Recht der gewaltunterworfene Reichsangehörige (str.).
Lit.: Kaser §§ 3, 13, 16; Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 30;
Köbler, DRG 35, 57
Defensor (M.) pacis (lat.
Verteidiger des Friedens) (1324) ist die wichtigste staatsrechtliche Schrift
des → Marsilius von Padua, in der er von der Herrschaft des Kaisers über
die christliche Kirche ausgeht.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 109; Segall, H.,
Der „Defensor pacis“ des Marsilius von Padua, 1959
Definition (F.) ist
die Inhaltsbestimmung eines (zu bestimmenden und insofern als verhältnismäßig
unbekannt angesehenen) Begriffs. Sie erfolgt durch (bestimmende) Angabe des übergeordneten
Gattungsbegriffs und des innerhalb der Gattung aussondernden oder
kennzeichnenden Einzelmerkmals (z. B. Frau ist [innerhalb]der [Gattung] Mensch,
der [welcher der Art nach] weiblich ist, F = Mw). Insbesondere seit
dem 18. Jh. werden diese Anforderungen präzisiert.
Lit.: Schröder, J., Definition und Deskription, FS K.
Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997; Forgó, N., Omnis definitio in iure
civili periculosa est, (in) Kontinuitäten und Zäsuren, 1999, 23
Deichrecht ist die
Gesamtheit der den Deich (als die gegen Fluten vorgenommene Erdaufschüttung)
betreffenden Rechtssätze, wie sie sich seit dem 10. oder 11. Jh. vor allem an
der Nordsee entwickeln. Dazu bildet sich zunächst teils freiwillig, teils
herrschaftlich ein Deichverband als Zwangsgenossenschaft der durch den Deich
unmittelbar geschützten Grundstücksberechtigten. Der Deichverband ist
Eigentümer des Deiches und verwaltet ihn durch eigene Organe (Deichgraf, Deichschöffe,
Deichgericht), sofern hierfür nicht die Gesamtheit zuständig ist. Der Deich ist
in Teile (Kabeln, Pfänder, Lose) zerlegt, für die ein jeweiliges Grundstück (d.
h. sein Nutzer oder Eigentümer) zu sorgen hat (Deichlast als Art Reallast). Wer
sein Kabel nicht ordnungsgemäß unterhält, muss mit dem Verlust seines Grundeigentums
rechnen (Wer nicht kann deichen, muss weichen bzw. wer nicht will deichen, darf
weichen). Seit dem 16. Jh. wird der Deichverband zur Staatsanstalt, die
Deichbaupflicht zur öffentlichen Last gegenüber dem Deichregalträger. Es
werden Deichordnungen aufgezeichnet oder auch erlassen (Kleve 1448, Eiderstedt
1592, Hamburg 1639, Wursten 1661, Braunschweig-Lüneburg 1664, Bremen 1693).
Das 19. Jh. kehrt zur Selbstverwaltung der Deichverbände zurück (Preußen Deichgesetz
1848). Bei der Schaffung der deutschen Rechtseinheit durch das Bürgerliche
Gesetzbuch (1896/1900) wird das D. dem Landesgesetzgeber überlassen. Seit dem
preußischen Wassergesetz des Jahres 1913 werden die Deichverbände als
Wassergenossenschaften behandelt.
Lit.: Schrader, C., Systematische Übersicht über das
Deichrecht, 1805; Harnisch, R., Deichgesetzgebung, 1886; Gierke, J. v., Die
Geschichte des deutschen Deichrechts, Teil 1f. 1901ff., Neudruck 1967;
Beckmann, A., Dijk- en Waterschapsrecht, Bd. 1f. 1905ff.; Gierke, J., Chrene
cruda und Spatenrecht, ZRG GA 28 (1907), 290; Bochalli, A.,
Wassergenossenschafts- und Deichrecht nach dem preußischen Wassergesetz, 2. A.
1925; Fockema Andreae, S., Het hoogheemraadschap van Rijnland, 1934; Felkes,
E., Die geschichtliche Entwicklung der Deichlast in Nordfriesland, 1937;
Albers, E., Das Deichrecht im Amt Ritzebüttel, 1938; Römer, H., Die
Rechtsgeschichte der Koogs- und Deichverbände, 1938; Winsemius, J., De
historische ontwikkeling van het waterstaatsrecht in Friesland, 1947; Linden,
H. van der, De Cope, 1955; Obreen, H., Dijkplicht en Waterschappen aan
Frieslands Westkust, (1956); Buijtenen, M. u. a., Westergo’s Ysselmeerdijken,
1956; Djuren, H., Das Deichrecht im Lande Wursten, Diss. jur. Göttingen (um
1960); Ostfriesland im Schutze des Deiches, hg. v. Ohling, J., 1969; Blok, D.,
Wie alt sind die ältesten niederländischen Deiche, (in) Probleme der
Küstenforschung 15 (1984), 1; Gottschalck, M., Deich- und Wasserbau, 1985;
Petersen, S., Deutsches Küstenrecht, 1989; Ehrhardt, M., Ein guldten Bandt des
Landes, 2003; Fischer, N., Wassersnot und Marschengesellschaft, 2003; Nawotki,
K., Die schleswigsche Deichstavengerechtigkeit, 2004
Dei gratia (lat. [F.]) ist
eine von Karl dem Großen 768 nach biblischem und auch kirchlichem Vorbild (6.
Jh.) aufgegriffene, zunächst nur religiös zu verstehende Formel, mit welcher
der irdische Herrscher zum Ausdruck bringen will, dass seine Stellung von
Gottes Gnade herrührt. Ob die Vermittlung durch den Papst erfolgen muss, ist
zeitweise streitig.
Lit.: Köbler, DRG 83; Kern, F., Gottesgnadentum und
Widerstandsrecht im frühen Mittelalter, 1912, 7. A. 1980; Schmitz, K., Ursprung
und Geschichte der Devotionsformeln, 1913; Körntgen, L., Königsherrschaft und
Gottes Gnade, hg. v. Goetz, H. u. a., Bd. 2 2000
Dekalog sind die
zehn Gebote, die Moses auf dem Sinai (von Gott) empfängt (2. Moses 20,2-17, 5.
Moses 5,6-21). Der D. enthält klare Regeln für wichtige gesellschaftliche Störungen.
Die zugehörigen, den Nichtjuden durch das Christentum vermittelten Lösungen
beeinflussen das weltliche Recht großer Teile der gesamten Menschheit bis in
die Gegenwart.
Lit.: Weber, H. v., Der Dekalog als Grundlage der
Verbrechenssystematik, FS W. Sauer, 1949, 44; Hossfeld, F., Der Dekalog, 1982
Dekan (M.) ist ein kirchlicher wie weltlicher Amtsträger.
Lit.: Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972
Dekret ist
allgemein die obrigkeitliche Entscheidung. Im Kirchenrecht ist D. das (lat.) →
Decretum (N.) Gratiani.
Lit.: Söllner § 15; Köbler, DRG 102; Dekrete der
ökumenischen Konzilien, hg. v. Wohlmuth, J., Bd. 1ff. 1997ff.
Dekretale ist die
seit dem 4. Jh. n. Chr. (385 n. Chr. [lat.] Directa ad decessorem, Siricius an
Bischof Himerius von Tarragona) sichtbare, vor allem in der zweiten Hälfte des
12. Jahrhunderts mit rund 1100 erhaltenen Zeugnissen zahlenmäßig sehr häufige
Entscheidung des Papstes in einem einzelnen Fall sowie später der sie
verkündende feierliche Erlass. Sammlungen von Dekretalen sind beispielsweise
die Sammlung des Dionysius Exiguus, die pseudoisidorischen Fälschungen, die
(lat.) Collectio (F.) Wigorniensis (um 1173/1174, noch unsystematisch), der
(lat.) Appendix (M.) concilii Lateranensis III (England um 1183, bereits
systematisch nach Titeln geordnet und teilweise auch in einzelne Blöcke
zerlegt), die Collectio Britannica oder die zwischen 1187 und 1226 (bzw.
1188/1190 und 1226) entstandenen sog. compilationes antiquae (lat. [F.Pl.] alte
Sammlungen, später sog. compilatio prima [= Breviarum extravagantium, geteilt
in fünf Bücher iudex, iudicium, clerus, conubia, crimen h. h. Richter, Gericht,
Klerus, Ehe, Verbrechen] 1188-1191 bzw. um 1188/1190 Bernardus Balbi von Pavia
bzw. Bernardus Papiensis [vor allem Dekretalen Alexanders III.] in 5 Büchern,
compilatio secunda des Johannes Galensis 1210-1212 [Dekretalen zwischen 1191
und 1198], compilatio tertia 1209/1210 [Papst Innozenz III. durch] Petrus
Beneventanus bzw. Petrus Collivaccinus [erste authentische Sammlung, Dekretalen
Papst Innozenz’ III.], compilatio quarta 1216 Johannes Teutonicus (mit Texten
insbesondere des vierten Laterankonzils, von Papst Innozenz III.
zurückgewiesen), compilatio quinta 1226 [Papst Honorius III. 1216-1227 durch]
Tancred bzw. Tancredus Bononienis). Sie werden auf Grund eines von Papst Gregor
IX. (1227-1241) 1230 erteilten Auftrags von dem spanischen Kirchenrechtler →
Raymundus de Penyafort (1180-1275) zu einer neuen ergänzten Dekretalensammlung
(mit 2139 Kapiteln zwischen 1140 und 1234) vereinigt, die am 5. 9. 1234 als
(lat.) Liber (M.) (decretalium) extra (Decretum Gratiani) veröffentlicht wird.
Sie gliedert sich in fünf Bücher (Richter, Gericht, Klerus, Ehe, Verbrechen).
Sie ersetzt alle älteren Sammlungen der Dekretalen. Eine zugehörige (lat.)
glossa (F.) ordinaria stammt von Bernardus Parmensis († 1266) bzw. →
Johannes Andreae († 1348). Die bedeutendste Summe ist die 1253 abgeschlossene,
seit 1477 so bezeichnete (lat. [F.]) Summa aurea (goldene Summe), die
wichtigste Kommentierung die zwischen 1262 und 1265 entstandene(lat.) Lectura
(F.), Lesung, des Hostiensis (Heinrich von Segusia, Susa vor 1200-Lyon 1270).
Zitiert wird dieser Liber extra z. B. als X 1. 2. 13.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 102, 108; Feine,
H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972; Landau, P., Die Entstehung der
systematischen Dekretalensammlungen, ZRG KA 66 (1979), 120; Kuttner, S.,
Medieval Councils, Decretals and Collections, 1980; Landau, P., Kanones und
Dekretalen, 1997; Landau, P., Rechtsfortbildung im Dekretalenrecht, ZRG KA 117
(2000), 86; Jasper, D./Fuhrmann, H., Papal letters in the early middle ages,
2001
Dekretalist ist der
die → Dekretalen (1234 nach Erscheinen des Liber extra) bearbeitende
Kirchenrechtler (z. B. Johannes Andreae, Tancred, Innozenz IV., Hostiensis
[Summa aurea, goldene Summe, Durantis, Baldus, Zabarella, Nikolaus de Tudeschis
[Panormitanus]). Die Gesamtheit wie die Tätigkeiten der Dekretalisten werden
als Dekretalistik bezeichnet.
Lit.:
Kroeschell, DRG 2; Kuttner, S., Gratian and the Schools of Law, 1983
Dekretist ist der
das → Dekret Gratians bearbeitende Kirchenrechtler (z. B. Paucapalea,
Rufinus, Stephan von Tournai, Huguccio, Johannes Teutonicus).
Lit.: Kuttner,
S., Gratian and the Schools of Law, 1983
delatura (lat. [F.], Anzeigelohn?) → dilatura
De laudibus legum Angliae (lat., Über die Vorzüge des englischen Rechts) ist eine 1470 vom Richter Sir John → Fortescue verfasste Darstellung des → englischen Rechts im Vergleich zum festländischen Recht.
Lit.: Baker, J.,
An Introduction to English Legal History, 4. A. 2002
delegatio (lat. [F.]) Anweisung
Delegation ist die Übertragung einer Aufgabe oder Zuständigkeit auf einen oder mehrere andere. Sie ist bereits der römischen Kaiserzeit bekannt. Im Mittelalter erfolgt die D. weltlicher oder geistlicher Gerichtsbarkeit seit dem 11./12. Jh. (lat. iurisdictio [F.] delegata). Im Heiligen römischen Reich wird die D. wegen des damit verbundenen Zuständigkeitsverlusts des Delegierenden seit der Errichtung des Reichskammergerichts eingeschränkt, in der Kirche seit den Konzilen von Konstanz, Basel und Trient, in den deutschen Ländern seit dem 18. Jh. Trotzdem ist die D. als Übertragung einer Zuständigkeit eines staatlichen Organs auf ein anderes, das danach die Zuständigkeit neben dem oder statt des Delegierenden ausübt, möglich. In Österreich sind die Delegationen 1867 ein 120 Mitglieder umfassendes Gesetzgebungsorgan für die pragmatischen Angelegenheiten der österreichisch-ungarischen Monarchie, das rechtstatsächlich auf die Erstellung des entsprechenden Haushaltsplans beschränkt ist.
Lit.: Kaempfe, W., Die Begriffe der Jurisdictio Ordinaria,
Quasiordinaria, Mandata und Delegata, 1876; Canstein, R.? v., Jurisdictio
delegata und mandata im justinianischen und kanonischen Rechte, ZRG 13 (1878),
491; Kümpel, J., Begriff und Abstufung der iurisdictio ordinaria und delegata,
1922; Triepel, H., Delegation und Mandat im öffentlichen Recht, 1942, Neudruck
1995; Endemann, W., Der Begriff der delegatio, 1959; Müller, H., Päpstliche
Delegationsgerichtsbarkeit in der Normandie, 1997; Reichard, I., Delegation und
Novation im klassischen römischen Recht, 1998; Olechowski-Hrdlicka, K., Die
gemeinsamen Angelegenheiten der österreich-ungarischen Monarchie, 2001
De legibus et consuetudinibus
regni Angliae (lat.) (Treatise on the Laws and Customs
of England, Über die Gesetze und Gewohnheiten des Königreichs England) ist eine
kurze, in lateinischer Sprache abgefasste Darstellung des englischen Rechtes
(common law) des 12. Jh.s (1187-1189?) auf der Grundlage der Rechtsprechung
der königlichen Gerichte (ausgenommen das siebente, Erbrecht behandelnde
Buch). Als Verfasser gilt Ranulf de → Glanvill.
Ein Einfluss des römischen Rechts ist nur in terminologischer Hinsicht
zweifelsfrei.
Lit.:
Kroeschell, DRG 1; Baker, J., An Introduction to English Legal History, 4. A. 2002
Delictum (lat. [N.]) ist im
römischen Recht die den Einzelnen, seine Familie oder sein Vermögen verletzende
Tat (zu lat. delinquere, V., zurücklassen ausgehen, fehlen, sich vergehen, z.
B. Diebstahl, Sachbeschädigung, Persönlichkeitsverletzung). Voraussetzung ist
Rechtswidrigkeit und regelmäßig Vorsatz. Rechtsfolge ist anfangs die Vergeltung
am Täter selbst (z. B. Tötung, Körperverletzung), später die an die Stelle des
Racherechts tretende Buße in Geld (lat. [F.] poena), die entweder in einem
bestimmten Metallwert oder in einem Vielfachen des Wertes des betroffenen
Gegenstandes bestehen kann. Hinzukommen können sachverfolgende Klagen. In der
Spätantike wird im Westen seit dem 4. Jh. zwischen Verbrechen und →
Delikt begrifflich nicht mehr unterschieden und das Ziel des nichtkriminellen
Verfahrens mehr und mehr als Schadensersatz verstanden. Justinian hält
demgegenüber strenger am klassischen Gedankengut fest, setzt aber je nach
Nützlichkeit der Angelegenheit für den Handelnden für die Ersatzpflicht meist
einen der verschiedenen Grade von Schuld voraus.
Lit.: Kaser § 50; Köbler, DRG 26, 48, 65; Köbler, LAW;
Jentsch, H., Die Entwicklung von den Einzeltatbeständen des Deliktsrechts zur
Generalnorm, 1939; Caemmerer, E. v., Wandlungen des Deliktsrechts, FS zum
hundertjährigen Bestehen des Deutschen Juristentages, 1964, 49
Delikt ist die
rechtswidrige schuldhafte Tat. Ihr folgt teils → Strafe, teils Buße.
Dabei wird mit der Aufnahme des römischen Rechts auch die Figur des (lat. [N.])
→ delictum übernommen. Im Strafrecht ist D. die mit öffentlicher Strafe
bedrohte Handlung, im Privatrecht die unerlaubte, zu Schadensersatz
verpflichtende Handlung (§§ 823ff. BGB).
Lit.: Köbler, DRG 48, 65, 166, 264; Jentsch, H., Die Entwicklung
von den Einzeltatbeständen des Deliktsrechts zur Generalnorm, 1939; Caemmerer,
E. v., Wandlungen des Deliktsrechts, FS zum hundertjährigen Bestehen des
Deutschen Juristentages, 1964, 49; Kötz, H., Deliktsrecht, 1976, 9. A. 2001,
10. A. 2006; Bar, C. v., Gemeineuropäisches Deliktsrecht, 1996; Zimmermann,
R./Verse, D., Die Reaktion des Reichsgerichts auf die Kodifikation des
deutschen Deliktsrechts, (in) Das Bürgerliche Gesetzbuch und seine Richter,
2000, 319; Mohnhaupt-Wolf, U., Deliktsrecht und Rechtspolitik, 2004;
Immenhauser, M., Das Dogma von Vertrag und Delikt, 2006
Deliktsfähigkeit ist die Fähigkeit, für eine unerlaubte Handlung zur Verantwortung gezogen
werden zu können. Sie fehlt
schon im römischen Recht den Geisteskrnken (furiosi) und Kindern (infantes).
Für das ältere deutsche Recht ist die tatsächliche Handhabung im Einzelfall
eher unklar. Mit der Rezeption wird die
Mündigkeit (Vollendung des 14. Lebensjahrs) maßgeblich für die D.
Demagoge (M.) Volksführer,
Volksverführer
Demagogenverfolgung ist die staatliche Verfolgung „revolutionärer Umtriebe und demagogischer Verbindungen“ durch den → Deutschen Bund auf Grund der am 20. 9. 1819 vom Deutschen Bundestag einstimmig angenommenen → Karlsbader Beschlüsse mit Hilfe einer in Mainz eingesetzten Zentraluntersuchungskommission. Die D. besteht beispielsweise in der Aufhebung der Zensurfreiheit von Universitätsprofessoren, in der Beseitigung von Rechtshindernissen für die Entlassung von Geistlichen und in der Schaffung von Rechtsgrundlagen für die Entfernung von Studenten von der Universität. In diesem Zusammenhang werden in Preußen 1836 192 Studenten verurteilt, davon einige zur Todesstrafe. Bekannte Verfolgte sind Friedrich Ludwig Jahn, Ernst Moritz Arndt, Joseph von Görres, Karl Friedrich Eichhorn, Friedrich Schleiermacher oder E. T. A. Hoffmann.
Lit.: Toll, H., Akademische Gerichtsbarkeit und akademische
Freiheit, 1979; Willoweit, D., Deutsche Verfassungsgeschichte, 5. A. 2005, §
30; Brümmer, M., Staat kontra Universität, 1991
Demokratie (demokratia, griech.,
Volksherrschaft) ist die erstmals in → Athen unter Kleisthenes (508 v.
Chr.) in gewisser Weise verwirklichte Herrschaft des Volkes in einem
Gemeinwesen, die von Aristoteles als Entartung der Herrschaftsform Politie
angesehen wird. Nach der Antike gewinnt die D. trotz Erwähnung bei Martin
Luther (1539 für Schweiz und Dithmarschen), Samuel Pufendorf (1667 als
Gegensatz zum Reichstag) oder Johann Stephan Pütter (1787 für Reichsstädte)
erst wieder seit der französischen Revolution des Jahres 1789 tatsächliche
Bedeutung. Dabei wird teils auf die vollständige Gleichheit und Beteiligung
aller an der Herrschaft abgestellt, teils auf die Volkssouveränität, teils auf
Gewaltenteilung, Grundrechte, Rechtsstaatlichkeit und Repräsentativsystem. Im Einzelnen
sind die Formen der verwirklichten D. dementsprechend verschieden (z. B. 1919
im Deutschen Reich eine mit plebiszitären Merkmalen angereicherte
parlamentarische D. mit vom Volk gewähltem Reichspräsidenten, 1949
Volksdemokratie der Deutschen Demokratischen Republik).
Lit.: Köbler, DRG 256; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 1
1972, 821; Blumer, J., Staats- und Rechtsgeschichte der schweizerischen
Demokratien, 1850ff.; Schmitt, C., Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen
Parlamentarismus, 2. A. 1926; Kelsen, H., Vom Wesen und Wert der Demokratie, 2.
A. 1929; Schefold, D., Volkssouveränität und repräsentative Demokratie, 1966;
Boldt, W., Konstitutionelle Monarchie oder parlamentarische Demokratie, HZ 216
(1973), 553; Tormen, W., Zwischen Rätediktatur und sozialer Demokratie, 1951;
Schiffers, R., Elemente direkter Demokratie im Weimarer Regierungssystem, 1971;
Biographisches Lexikon zur Geschichte der demokratischen und liberalen
Bewegungen in Mitteleuropa, hg. v. Reinalter, H. u. a., Bd. 1 1992; Kurz, A.,
Demokratische Diktatur?, 1992; Bleicken, J., Die athenische Demokratie, 4. A.
1995; Lepsius, M., Demokratie in Deutschland, 1993; Die athenische Demokratie,
hg. v. Eder, W., 1995; Hansen, M., Die athenische Demokratie, 1995; Demokratie
in Rom?, hg. v. Jehne, M., 1995; Rudolph, K., Bibliographie zur Geschichte der
Demokratiebewegung, 1997; Kirchgässner, G. u. a., Die direkte Demokratie, 1999;
Backes, U., Liberalismus und Demokratie, 2000; Lamprecht, O., Das Streben nach
Demokratie, Volkssouveränität und Menschenrechten in Deutschland am Ende des
18. Jahrhunderts, 2001; Riethmüller, J., Die Anfänge des demokratischen Denkens
in Deutschland, 2001; Die Anfänge des Liberalismus und der Demokratie in
Deutschland und Österreich 1830-1848/49, hg. v. Reinalter, H., 2002; Fisahn,
A., Demokratie und Öffentlichkeitsbeteiligung, 2002; Lamprecht, O., Das Streben
nach Demokratie, Volkssouveränität und Menschenrechten in Deutschland am Ende
des 18. Jahrhunderts, 2002; Wegbereiter der Demokratie, hg. v. Asendorf, M., 2006;
Canfora, L., Eine kurze Geschichte der Demokratie, 2006; Raaflaub, K. u. a.,
Origins of Democracy, 2007; Verachtet, verfolgt, verdrängt - Deutsche
Demokraten, hg. v. Bockhofer, R., 2007
Demolombe, Jean
Charles Florent (1804-1887) verfasst als Zivilrechtslehrer in Caen einen
31bändigen, unvollendeten Kommentar (Cours) zum → Code civil (1845ff.).
Lit.: Jouen, L., Demolombe et ses œuvres, 1888
Demonstration (F.) Aufzeigung, Protestzug
Lit.: Dostal, C., 1968
– Demonstranten vor Gericht, 2006
Demoskopie (F.) Volksbefragung, Meinungsforschung
Lit.: Kruke, A.,
Demoskopie in der Bundesrepublik Deutschland, 2007
Denarius (lat. (M.) Zehner, zehn As) ist
eine römische, im Mittelalter sprachlich weitergeführte Münze.
Lit.: Luschin von
Ebengreuth, A., Der Denar der Lex Salica, 1910; Reverchon, A., Metzer Denare,
2006
denegatio actionis (lat.) Verneinung des Klaganspruchs
Denkmalsrecht ist die Gesamtheit der überlieferten Zeugnisse eines Vorgangs oder einer Erscheinung betreffenden Rechtssätze. Vorformen des modernen Denkmalrechts gibt es vereinzelt bereits im Altertum und im Mittelalter. Die eigentliche Denkmalpflege beginnt wohl erst mit der Einsetzung Raffaels (1483-1520) als Leiter der Ausgrabungen Roms durch Papst Leo X. (1513-1521) 1516 und umfassende gesetzliche Regelungen gehören erst der jüngeren Neuzeit an.
Lit.: Hammer, F., Die geschichtliche Entwicklung des
Denkmalrechts in Deutschland, 1995; Wolf Di Cecca, C., Belege für
denkmalpflegeriche Gesetze und Maßnahmen in Antike und Mittelalter, ZRG GA 112
(1995), 440; Denkmalpflege, hg. v. Huse, N., 1996; Speitkamp, W., Die
Verwaltung der Geschichte, 1996; Mieth, S., Die Entwicklung des Denkmalrechts
in Preußen, 2005
Denuntiatio (F.) evangelica (lat.) ist die lateinische Bezeichnung des auf Matthäus
18,15-17 zurückgehenden kirchlichen Anzeigeverfahrens über ein Fehlverhalten.
Dieses setzt seit Innozenz III. (1160/1161-1216, 1199/1209) ein Verhalten gegen
die Interessen der Kirche voraus, das der Vorgesetzte nach vergeblichen
Ermahnungen anzeigen darf, wobei der Anzeigende weder nachweisen noch Kosten
tragen muss. Die Auferlegung einer Buße erfolgt in einem freien Verfahren.
Gegen Ende des 17. Jh.s verliert die d. e. als besonderes Verfahren ihre
Bedeutung wieder.
Lit.: Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972,
439; Sauerland, K., 30 (Dreißig) Silberlinge, 2000
Denunziation ist allgemein die Mitteilung,
Anzeige. Ausgehend von der (lat.) →
denuntiatio (F.) evangelica wird im gemeinen Strafrecht
(Clarus, Practica criminalis, 1578) darunter die Strafanzeige mit dem Ziel der
Wahrheitsermittlung verstanden, wobei Vorteile und Gefahren der D. durchaus
gesehen und erörtert werden. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jh.s, verstärkt in
der ersten Hälfte des 19. Jh.s entwickelt sich unter dem Einfluss der
Aufklärung und des Liberalismus die Bedeutung der böswilligen, hinterlistigen
und verräterischen Anzeige an die Polizei.
Lit.: Denunziation, hg.
v. Jerouschek, G. u. a., 1997; Sauerland, K., 30 Silberlinge, 2000; Koch, A.,
Denunciatio, 2006; Nolte, J., Demagogen und Denunzianten, 2007; Böske, S.,
Denunziationen in der Zeit des Nationalsozialismus, Diss. jur. Bielefeld 2008
Depositio (lat.
[F.]) ist die → Hinterlegung an einer bestimmten öffentlichen Stelle, die
bereits im klassischen römischen Recht bei Gläubigerverzug dem Schuldner
bestimmte Erleichterungen verschafft.
Lit.: Kaser § 53 I; Coing, H., Europäisches Privatrecht,
Bd. 1f. 1985ff.
Depositum (lat.
[N.] Verwahrung) ist im römischen Recht die → Hinterlegung einer
beweglichen Sache, die der Verwahrer zurückzugeben hat, sobald es der
Hinterleger verlangt. Gibt der Verwahrer nicht zurück, so hat nach dem
Zwölftafelgesetz der Hinterleger eine Klage wegen Unterschlagung auf das
Doppelte. Später entwickelt sich hieraus eine Klage aus Vertrag auf
grundsätzlich nur den einfachen Wert. Depositum irregulare (unregelmäßige Verwahrung)
ist die Verwahrung, bei welcher der Verwahrer das verwahrte Geld gebrauchen
darf, aber zur Rückzhalung desselben Betrags und gegebenenfalls vereinbarter
Zinsen verpflichtet ist.
Lit.: Kaser § 39 III; Söllner § 9;
Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 45
Depot (N.)
(Verwahrung, Verwahrungsort)
Depotgesetz ist das
für Deutschland 1896 geschaffene Gesetz über die Verwahrung von Wertpapieren.
Lit.: Buxbaum,
C., Anlegerschutz zwischen Bankbedingungen und Rechtsnormen, 2002
Deputat (N.)
Zugeschriebenes, Arbeitsentgelt in Sachleistung
Derby (ae.
Northworthige) am Derwent geht auf das römische Lager Derventio zurück. 1204
erlangt es Stadtrecht. 1841 wird es Sitz einer Universität.
Lit.: Wright, S., The Derbyshire Gentry,
1983
Derelictio (lat.
[F.]) ist im römischen Recht die Aufgabe von → Eigentum und →
Besitz durch einen bisherigen Eigentümer ohne Zuwendung an einen neuen
Eigentümer. Das Eigentum erlischt nach den Sabinianern mit der Preisgabe, nach
den Prokulianern mit der Aneignung durch einen anderen. Nachfolgender
ursprünglicher Erwerb von Eigentum und
Besitz durch jedermann sind grundsätzlich rechtmäßig.
Lit.: Kaser § 26; Meyer-Collings, J., Derelictio, 1932;
Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985; Hoyer, H., Die Dereliktion
von Liegenschaften (in) FS Wilhelm Brauneder, 2008, 181
Dereliktion (F.) Eigentumsaufgabe und Besitzaufgabe ohne Eigentumsererwerb und
Besitzerwerb eines andern
Der Ältere teilt, der Jüngere wählt
ist ein bereits bei Seneca (1-65 n. Chr.), Controv. 6, 3 ([lat.] maior frater
dividat patrimonium, minor eligat, der größere Bruder soll das Vatergut teilen,
der kleinere aus den Teilen auswählen), Augustinus (354-430), De civitate Dei
cap. 20 ([lat.] quando terrenorum aliquid partiendum est, maior dividat, minor
eligat, wenn etwas Irdisches zu teilen ist, soll der Größere teilen und der
Kleinere wählen) und im Sachsenspiegel Eike von Repgows (1221-1224, Wo zwei zur
Erbschaft kommen, soll der Ältere teilen und der Jüngere wählen) Satz. Hinter
ihm steht die Einsicht, dass der Teilende nur dann so gut wie möglich teilen
wird, wenn er befürchten muss, dass eine ungleiche Teilung durch das Wahlrecht
des anderen sich gegen ihn wenden kann. Dementsprechend wird nur ein
skrupelloser Betrüger als Jüngerer z. B. eine Zahl von Prüflingen absichtlich
ungleich teilen, wahrheitswidrig die Gleichheit der offensichtlich grob
ungleichen Teile behaupten und sich selbst den größeren Teil nehmen.
Lit.: Voltelini, H. v.,
Der Ältere teilt, der Jüngere wählt, ZRG GA 36 (1915), 478
Der Hehler ist nicht besser als der Stehler.
Lit.: Deutsche Rechtsregeln und Rechtssprichwörter, hg. v.
Schmidt-Wiegand, R., 1996, 170 (Graf/Dietherr 1864)
derivativ (abgeleitet)
derivativer Erwerb,
abgeleiteter → Eigentumserwerb (im römischen Recht z. B. durch
mancipatio, in iure cessio oder traditito, in der Gegenwart durch Übereignung)
Der König ist
gemeiner Richter überall.
Lit.: Deutsche Rechtsregeln und Rechtssprichwörter, hg. v.
Schmidt-Wiegand, R., 1996, 211 (Sachsenspiegel, 1221-1224, Landrecht III 26 §
1)
Dernburg, Heinrich
(Mainz 3. 3. 1829-Berlin 23. 11. 1907), Sohn eines jüdischen, 1841 getauften Gießener
Rechtsprofessors, wird nach dem Studium in Gießen und der Habilitation in
Heidelberg (1852, Vangerow) Professor in Zürich, Halle (1862) und Berlin (1872)
und Mitglied des Herrenhauses Preußens. 1871 veröffentlicht er ein dreibändiges
Lehrbuch des preußischen Privatrechts, 1884 ein dreibändiges Lehrbuch des
Pandektenrechts und 1898 ein dreibändiges Lehrbuch des bürgerlichen Rechts des
Deutschen Reiches und Preußens.
Lit.: Süss, W., Heinrich Dernburg, 1991; Deutsche Juristen
jüdischer Herkunft, hg. v. Heinrichs, H. u. a., 1993, 231
Der rechte Weg
Lit.:
Der rechte Weg. Ein Breslauer Rechtsbuch des 15. Jahrhunderts, hg. v. Ebel, F.,
2000
Der Schlüssel des sächsischen Landrechts ist eine (in 17 Handschriften und Fragmenten
überlieferte), 1421 vorliegende Gesamtverarbeitung des in Sachsenspiegel,
Sachsenspiegelglosse und Schwabenspiegel enthaltenen Rechtsstoffs in
alphabetischer Reihenfolge durch einen unbekannten Verfasser.
Lit.:
Sinauer, E., Der Schlüssel des sächsischen Landrechts, 1928
Descartes (Cartesius), René (La Haye 31. 3. 1596–Stockholm 11. 2. 1650), wird nach dem Besuch der
Jesuitenschule La Flèche Mathematiker und Philosoph. Als einzige Gewissheit
gilt ihm die Selbstgewissheit im Denken (lat. cogito, ergo sum, ich denke, also
bin ich). Hieraus entwickelt er durch vernunftbezogene Ableitung (deduktiv) das
systematische Gedankengebäude des Rationalismus, der die Aufklärung fördert.
Lit.: Röd, W., Die Genese des Cartesianischen
Rationalismus, 3. A. 1995; Schütt, H., Die Adoption des Vaters der modernen
Philosophie, 1998; Descartes im Diskurs der Neuzeit, hg. v. Niebel, W. u. a.,
1999; Schultz, U., Descartes, 2001; Descartes und Deutschland, hg. v. Ferrari,
J. u. a., 2009
Desertion (F.) Fahnenflucht
Lit.: Fritsche,
M., Entziehungen, 2004; Salisch, M. v., Treue Deserteure, 2008
Designation (Bezeichnung) ist die
(während einer Amtszeit erfolgende) Berufung eines Menschen in ein Amt oder
eine Herrschaft (als Nachfolger). Sie kann dort stattfinden, wo Erblichkeit
nicht gilt oder grundsätzlich mehrere Erben nebeneinander berechtigt sind.
Bedeutung erlangt die D. in der Form der Einigung des Königs mit den Großen
insbesondere für das Königtum im fränkisch-deutschen Reich zwischen dem 9. und
13. Jh. (z. B. Bestimmung Ludwigs des Frommen zum Mitkaiser Karls des Großen
813, Bestimmung Lothars I. zum Mitkaiser Ludwigs des Frommen 817).
Lit.: Heinze, O., Designation, Diss. phil. Göttingen 1913;
Mitteis, H., Die deutsche Königswahl, 2. A. 1944, Neudruck 1965, 1981, 36; Schreyer,
B., Zum Begriff der Designation bei Widukind, ZRG GA 67 (1950), 407; Wolf, G.,
Designation und designare bei Widukind von Corvey, ZRG GA 73 (1956), 372; Wolf,
G., Über die Wort- und Rechtsbedeutung von „designare“, ZRG GA 75 (1958), 367;
Giese, W., Zu den Designationen, ZRG GA 92 (1975), 174; Giese, W., Designative
Nachfolgeregelungen in germanischen Reichen der Völkerwanderungszeit, ZRG GA
117 (2000), 39; Giese, W., Untersuchungen zur Herrschaftsnachfolge in
langobardischen Herzogtümern und Fürstentümern, ZRG GA 119 (2002), 44; Giese,
W., Die designativen Nachfolgeregelungen der Karolinger, DA 64 (2008), 437
Deszendent (M.) Abkömmling,
Verwandter in absteigender Linie wie z. B. Tochter, Enkel, Gegensatz Aszendent
detentio (lat. [F.]) → Innehabung
detentor (lat. [M.]) Inhaber, →
Innehabung
Deutsch ist ein zu
ahd. diot, F., Volk (bzw. vielleicht schon in der Völkerwanderungszeit zu germ.
*theuda, F., Volk, idg. *teuto, F., Volk) gebildetes Adjektiv (diotisk), das
zunächst in seinen ältesten Belegen (8. Jh.) den sprachlichen Gegensatz der
Volkssprache zum Lateinischen zum Ausdruck zu bringen scheint und erst gegen
Ende des Frühmittelalters auf ein neues einheitliches Volk bezogen wird. Die
deutsche Sprache gliedert sich in hochdeutsch im Süden und niederdeutsch im
Norden und in die zeitlichen Abschnitte Altdeutsch (Althochdeutsch 500-1065,
daneben Altsächsisch, Altniederfränkisch), Mitteldeutsch (Mittelhochdeutsch
1065-1500, Mittelniederdeutsch) und Neudeutsch (Neuhochdeutsch ab 1500 bzw.
1350). Seit dem 18. Jahrhundert löst es in seinem Bereich Latein als Wissenschaftssprache
ab. Nach dem ersten Weltkrieg (1918) wird D. als internationale Wissenschaftssprache
auf Betreiben der alliierten Siegermächte boykottiert, nach dem zweiten
Weltkrieg verliert es sein bisheriges Gebiet nahezu vollständig an das Angloamerikanische.
Lit.: Köbler, DRG 76; Köbler, WAS; Schmidt, E., Geschichte
des Deutschtums im Lande Posen unter polnischer Herrschaft, 1904; Kaindl, R.,
Geschichte der Deutschen in Galizien bis 1772, 1907; Aubin, H., Von Raum und
Grenzen des deutschen Volkes, 1938; Deutsch als Wissenschaftssprache, hg. v.
Kalverkämper, H. u. a., 1986; Thomas, H., Der Ursprung des Wortes theodiscus,
HZ 247 (1988), 295; Ammon, U., Die internationale Stellung der deutschen
Sprache, 1991; Jarnut, J., Teotischiis homines (a. 816), MIÖG 104 (1996), 26;
Jacobs, H., Theodisk im Frankenreich, 1998; Goblirsch, K., Lautverschiebungen
in den germanischen Sprachen, 2005; Schmidt, W., Geschichte der deutschen
Sprache, 10. A. 2006; Reinbothe, R., Deutsch als internationale Wissenschaftssprache,
2006; Schneider, R., Die Anfänge der deutschen Geschichte, ZRG GA 124 (2007), 1
Deutschböhmen s. Böhmen
Deutsche Arbeitsfront (DAF) der Unternehmer und Lohnabhängigen ist die 1933 die Gewerkschaft ersetzende nationalsozialistische Einrichtung des Arbeitswesens, die 1936 rund 20 000 000 (freiwillige) Mitglieder hat.
Lit.: Köbler, DRG 242
Deutsche Bank ist die führende
Aktiengesellschaft des Bankwesens in Deutschland.
Lit.: Gall, L. u. a., Die Deutsche Bank 1870-1995, 1995;
James, H., Die Deutsche Bank und die Arisierung, 2001; James, H., Die Deutsche
Bank im Dritten Reich, 2003; Bakrai, A., Oscar Wassermann und die Deutsche
Bank, 2005
Deutsche Bundesakte (8. 6.
1815) ist die auf völkerrechtlicher Vereinbarung beruhende Verfassung des →
Deutschen Bundes.
Lit.: http://www.koeblergerhard.de/Fontes/DeutscheBundesakte1815.htm
Deutsche Demokratische Republik (DDR) ist der am 7. 10. 1949 durch Beschluss des Volkskongresses
aus der sowjetisch besetzten Ostzone des Deutschen Reiches als Volksrepublik
nach sowjetischem Muster entstandene, von der Sowjetunion gegen einen
Volksaufstand vom 17. 6. 1953 gewaltsam gesicherte, mit der Deklaration der
Regierung der Sowjetunion vom 25. 3. 1954 formell aus dem Besatzungsstatus in
die Souveränität entlassene, vertraglich und tatsächlich aber an die
Sowjetunion gebundene, nach dem Mauerbau seit 13. 8. 1961 künstlich
abgeschlossene, nach Protesten des Volkes durch Öffnung der Mauer am 9. 11.
1989 wieder frei zugängliche, (nach Einigungsvertrag vom 31. 8. 1990) zum 3.
10. 1990 durch Beitritt in der Bundesrepublik Deutschland aufgegangene
deutsche Staat. Die DDR ist von der 1946 aus Kommunistischer Partei und
Sozialdemokratischer Partei hervorgegangenen Sozialistischen Einheitspartei
Deutschlands (SED) beherrscht (24. 1. 1950 Beschluss zur Gründung eines eigenen
Kabinettsressorts für Staatssicherheit, 1989 91000 Mitarbeiter, 173000
informelle Mitarbeiter, 110000 politische Häftlinge). Die Wirtschaft ist (anfangs
noch nicht vollständig) zentralistische Planwirtschaft (1970 noch 15 Prozent
mittlere und kleinere Privatunternehmen, 1972 noch 11400 zumindest teilweise
private Betriebe), die Gesellschaft egalitär und die Geisteshaltung
materialistisch ausgerichtet. Die äußerlich konservative, an die →
Weimarer Reichsverfassung von 1919 angelehnte, gesamtdeutsch geplante, aber
weder Gewaltenteilung (stattdessen Gewalteneinheit) noch Opposition
(stattdessen Blocksystem der Parteien) kennende, einen Einparteienstaat ohne
freie Wahlen bewirkende Verfassung vom 7. 10. 1949 wird durch eine zweite, die
sozialistischen Errungenschaften absichernde, am 7. 10. 1974 die Vorstellung
einer deutschen Nation preisgebende Verfassung abgelöst. Wichtigste
Staatsorgane sind (seit 1960) Staatsrat (9 Mitglieder), Ministerrat (7
Mitglieder), Volkskammer (sowie Sekretariat des Zentralkomitees der
Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Politbüro des Zentralkomitees
der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands mit den zusätzlichen Einrichtungen
Nationaler Verteidigungsrat, Freier Deutscher Gewerkschaftsbund, Gesellschaft
für deutsch-sowjetische Freundschaft und Präsidium des Nationalrates der
Nationalen Front). Die Verwaltung kennt weder Föderalismus noch kommunale Selbstverwaltung
noch Berufsbeamtentum. Die in das Oberste Gericht, Bezirksgerichte und
Kreisgerichte gegliederte Gerichtsbarkeit entbehrt einer
Verfassungsgerichtsbarkeit und einer Verwaltungsgerichtsbarkeit, ist aber von
besonderen gesellschaftlichen Gerichten ergänzt. In den ersten zehn Jahren des
Bestandes des Staates fliehen 2,7 Millionen Einwohner in den Westen. Das
Reichsstrafgesetzbuch des Jahres 1871 wird von einem eigenen Strafgesetzbuch
(12. 1. 1968) abgelöst, das bis 1987 an der 1981 letzmals vollstreckten
Todesstrafe festhält. Das Bürgerliche Gesetzbuch, dessen Bedeutung durch die
Aussonderung des Vertragsrechts und des Wirtschaftsrechts verringert wird,
wird zum 1. 1. 1976 durch ein vereinfachendes, nur 480 Paragraphen umfassendes
Zivilgesetzbuch (19. 6. 1975, ohne allgemeinen Teil und ohne Abstraktionsprinzip)
ersetzt, in dem Vertrag, Eigentum und Erbrecht von geringer Bedeutung sind
(Versorgungsrecht für die Bürger). Das Familienrecht ist durch ein Familiengesetzbuch
vom 20. 12. 1965 geordnet, das Arbeitsrecht durch ein Arbeitsgesetzbuch (12. 4.
1961). Für den Zivilprozess wird 1975 eine neue Zivilprozessordnung geschaffen
(Amtsermittlungsgrundsatz). Aus rechtsstaatlicher Sichtweise wird die D.
insgesamt sehr kritisch, wenn auch günstiger als die nationalsozialistisch
beherrschte Zeit zwischen 1933 und 1945 beurteilt.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG
245, 250, 261ff., 271ff.; Martin, M., Zivilrecht der DDR Sachenrecht, 1956;
Wiedemann, H., Das sozialistische Eigentum in Mitteldeutschland, 1964;
Geschichte der Rechtspflege der DDR, hg. v. Benjamin, H., Bd. 1f. 1968ff.;
Markovits, I. Sozialismus und bürgerliches Zivilrechtsdenken, 1969; Reiland,
W., Die gesellschaftlichen Gerichte der DDR, 1971; Suermann, W., Verwaltungsrechtsschutz
in der DDR, Diss. jur. Göttingen 1971; Ortslexikon der Deutschen Demokratischen
Republik, 2. A. 1974; Brunner, G., Einführung in das Recht der DDR, 1975, 2. A.
1979; Bundesrepublik Deutschland - Deutsche Demokratische Republik, hg. v. Hamel,
H., 1977; Schuller, W., Geschichte und Struktur des politischen Strafrechts in
der DDR bis 1968, 1980; BRD und DDR. Die beiden deutschen Staaten im Vergleich,
hg. v. Jesse, E., 1981; Staats- und Rechtsgeschichte der DDR, hg. v. d.
Humboldt-Universität, 1983; Schroeder, F., Das Strafrecht des realen
Sozialismus, 1983; Staritz, D., Die Gründung der DDR, 1985; Autorenkollektiv
Wirtschaftsrecht, 1986; Autorenkollektiv Strafrecht der DDR, 1988; Wolle, S.,
Die heile Welt der Diktatur, 1988; Weber, H., Die DDR 1945-1990, 3. A. 2000;
Das Oberste Gericht der DDR - Rechtsprechung im Dienste des Volkes, 1989;
Fricke, K., Politik und Justiz in der DDR, 2. A. 1990; Haase, H., Das
Wirtschaftssystem der DDR, 1990; Sommer, H., Gesellschaftsformen der DDR, NJW
1990, 676ff.; Rechtsgeschichte in den beiden deutschen Staaten, hg. v.
Mohnhaupt, H., 1991; Fricke, K., MfS intern, 1991; Brunner, G., Was bleibt
übrig vom DDR-Recht nach der Wiedervereinigung?, JuS 1991, 353; Weber, H., DDR,
1991; Markovits, I., Die Abwicklung, 1992; Wer war wer in der DDR?, hg. v.
Müller-Enbergs, H. u. a., 1992, 2. A. 1995, 3. A. 2000, 4. A. 2006 (3213
Biogramme); Eisert, W., Die Waldheimer Prozesse, 1993; Steuerung der Justiz in
der DDR, hg. v. Rottleuthner, H., 1994; Hagemann, F., Der Untersuchungsausschuss
freiheitlicher Juristen 1949-1969, 1994; Entnazifizierungspolitik der KPD/SED
1945-1948, hg. v. Rösler, R., 1994; Eine Diktatur vor Gericht, hg. v. Weber,
J. u. a., 1995; Das Zivilgesetzbuch der DDR vom 19. Juni 1975, hg. v. Eckert,
J. u. a., 1995; Werkentin, F., Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht,
1995; Die Rechtsordnung der DDR, hg. v. Heuer, U., 1995; Beckert, R., Die erste
und letzte Instanz, 1995; Mielke, H., Die Auflösung der Länder in der SBZ/DDR,
1995; Lindner, N., Der Übergang des Rechts der Wirtschaft von der Plan- zur
Marktwirtschaft in Ostdeutschland, 1996; Die Vertriebenen in der SBZ/DDR, hg.
v. Wille, M., Bd. 1ff. 1996ff.; Rechtswissenschaft in der DDR 1949-1971, hg. v.
Dreier, R. u. a., 1996; Amos, H., Justizverwaltung in der SBZ/DDR, 1996;
Hauschild, I., Von der Sowjetzone zur DDR, 1996; Mampel, Die sozialistische
Verfassung, 3. A. 1996; Wendel, E., Ulbricht als Richter und Henker, 1996;
Amos, H., Justizverwaltung in der SBZ/DDR, 1996; Johmann, U., Die Entwicklung
des Sozialrechts in der DDR, 1996; Liwinska, M., Die juristische Ausbildung in
der DDR, 1997; Haerendel, H., Gesellschaftliche Gerichtsbarkeit, 1997;
Rechtserfahrung DDR, hg. v. Dilcher, G., 1997; Feth, A., Hilde Benjamin, 1997;
Die Deutsche Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft „Walter Ulbricht“,
1997; Immisch, L., Der sozialistische Richter in der DDR, 1997; Heitmann, S.,
Die Revolution in der Spur des Rechts, 1997; Kaiser, M., Machtwechsel von
Ulbricht zu Honecker, 1997; Harendel, H., Gesellschaftliche Gerichtsbarkeit,
1997; Trute, H., Die Überleitung des Personals, 1997; Lexikon des
DDR-Sozialismus, hg. v. Eppelmann, R., 2. A. 1997; Walter, M., Die Freie
Deutsche Jugend, 1997; Kraut, G., Rechtsbeugung?, 1997; Kluge, U. u. a.,
Willfährige Propagandisten, 1997; Schwan, H., Erich Mielke, 1997; Volksrichter
in der SBZ/DDR 1945-1952, hg. v. Wentker, H., 1997; Mählert, U. Kleine
Geschichte der DDR, 1998; Offenberg, U., Seid vorsichtig gegen die Machthaber,
1998; 50 Jahre DDR, hg. v. Handloik, V./Hauswald, H., 1998; Schroeder, K., Der
SED-Staat, 1998; Recht und Rechtswissenschaft im mitteldeutschen Raum, hg. v.
Lück, H., 1998; Lorenz, T., Die Rechtsanwaltschaft in der DDR, 1998; Die
Strafrechtsjustiz der DDR, hg. v. Drobnig, U., 1998; Hoffmann, H., Die Betriebe
mit staatlicher Beteiligung, 1998; Laufs, A., Recht und Unrecht in der DDR,
1998; Lorenz, T., Die Rechtsanwaltschaft in der DDR, 1998; Grote, M., Die
DDR-Justiz vor Gericht, Diss. jur. Hannover 1998; Harder, G., Das verliehene
Nutzungsrecht, 1998; 50 Jahre DDR, hg. v. Drommer, G., 1999; Maier, C., Das
Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus, 1999; Zum Stand der
Deutschen Einheit: Recht und innere Sicherheit, NJW 1999, 1450; Widerstand und
Opposition in der DDR, hg. v. Henke, K., 1999; Überwindung der Folgen der
SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit, hg. v. Deutschen Bundestag, Bd.
1ff. 1999; Papier, H./Möller, J., Die rechtsstaatliche Bewältigung von
Regime-Unrecht, NJW 1999, 3289; Wagner, H., Hilde Benjamin und die
Stalinisierung der DDR-Justiz, 1999; Zivilrechtskultur der DDR, hg. v.
Schröder, R., 1999ff.; Foitzik, J., Sowjetische Militäradministration in
Deutschland, 1999; Schäfer, B., Staat und katholische Kirche in der DDR, 2. A.
1999; Kloth, H., Vom Zettelfalten zum freien Wählen, 2000; Raschka, J.,
Justizpolitik im SED-Staat, 2000; Grün, B., Vom Teilungsunrecht zum Wiedervereinigungsrecht,
2000; Rössler, R., Justizpolitik in der SBZ/DDR, 2000 (nicht erschienen);
Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, hg. v. Veen, H., 2000;
Strafjustiz und DDR-Unrecht. Dokumentation, hg. v. Marxen, K. u. a., Band 1ff.
Wahlfälschung u. a., 2000ff.; Schroeder, F., Zehn Jahre strafrechtliche
Aufarbeitung des DDR-Unrechts, NJW 2000, 3017; Rummler, T., Die Gewalttaten an
der deutsch-deutschen Grenze, 2000; Fahnenschmidt, W., DDR-Funktionäre vor
Gericht, 2000; Thiemrodt, I., Strafjustiz und DDR-Spionage, 2000; Hohoff, U.,
An den Grenzen des Rechtsbeugungstatbestandes, 2000; Mierau, J., Die
juristischen Abschluss- und Diplomprüfungen in der SBZ/DDR, 2000; Die DDR –
Recht und Justiz als politisches Instrument, hg. v. Timmermann, H., 2000;
Werkentin, F., Recht und Justiz im SED-Staat, 2. A. 2000; Die DDR und der
Westen, hg. v. Pfeil, U., 2001; Mollnau, M., Die Bodenrechtsentwicklung in der
SBZ/DDR, 2001; Gieseke, J., Mielke-Konzern, 2001; Eine Revolution und ihre
Folgen, hg. v. Jesse, E., 2001; Raschka, J., Zwischen Überwachung und
Repression, 2001; Wulf, M., Erich Honecker, 2001; Rüthers, B., Geschönte
Geschichten, 2001; Wentker, H., Justiz in der SBZ/DDR 1945-1953, 2001; Zehn
Jahre deutsche Rechtseinheit, hg. v. Koch, E., 2001; Schönfeldt, H., Vom
Schiedsmann zur Schiedskommission, 2002; Ihme-Tuchel, B., Die DDR, 2002;
Holzweißig, G., Die schärfste Waffe der Partei – Eine Mediengeschichte der DDR,
2002; Armee ohne Zukunft, hg. v. Ehlert, H., 2002, Mahlmann, C., Die
Strafrechtswissenschaft der DDR, 2002; Heuer, U., Im Streit, 2002; Blümmel, R.,
Der Opferaspekt bei der strafrechtlichen Vergangenheitsbewältigung, 2002;
Soziale Ungleichheit in der DDR, hg. v. Mertens, L., 2002; Howe, M., Karl
Polak, 2002; Horstmann, T., Logik der Willkür. Die zentrale Kommission für
staatliche Kontrolle, 2002; Strafjustiz und DDR-Unrecht, Bd. 2 Gewalttaten an
der deutsch-deutschen Grenze, hg. v. Marxen, K. u. a., 2002; Reichhelm, N., Die
marxistisch-leninistische Staats- und Rechtstheorie Karl Polaks, 2003; Knabe,
H., 17. Juni 1953, 2003; Staat und Kirchen in der DDR, hg. v. Dähn, H. u. a.,
2003; Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, hg. v. Eppelmann, R. u. a.,
2003; Lindenberger, T., Volkspolizei, 2003; Alltag in der DDR, 2003; Hoeck, J.,
Verwaltung, Verwaltungsrecht und Verwaltungsrechtsschutz in der Deutschen
Demokratischen Republik, 2003; Bauer, T., Blockpartei und Agrarrevolution von
oben. Die Demokratische Bauernpartei Deutschlands 1948-1963, 2003; Leupolt, S.,
Die rechtliche Aufarbeitung des DDR-Unrechts, 2003; Lindenberger, T.,
Volkspolizei, 2003; Baron, U., Kalter Krieg und heißer Frieden, 2003;
Heydemann, G., Die Innenpolitik der DDR, 2003; Scholtysek, J., Die Außenpolitik
der DDR, 2003; Glees, A., The Stasi Files, 2003; Kowalczuk, I., Geist im Dienst
der Macht, 2003; Rechtsprobleme der Restrukturierung landwirtschaftlicher
Unternehmen in den neuen Bundesländern nach 1989, hg. v. Bayer, W., 2003; Ebbinghaus,
F., Ausnutzung und Verdrängung, 2003; Mollnau, K., Recht und Juristen im
Spiegel der Beschlüsse des Politbüros und Sekretariats der SED, 2003;
Reichhelm, N., Die marxistisch-leninistische Staats- und Rechtstheorie Karl
Polaks, 2003; Schneider, U., Hausväteridylle oder sozialistische Utopie?, 2004;
Grafe, R., Deutsche Gerechtigkeit, 2004; Korzilius, S., Asoziale und Parasiten
im Recht der SBZ/DDR, 2005; Grütz, R., Katholizismus in der DDR-Gesellschaft
1960-1990, 2004; Peterson, E., The Limits of Secret Police Power, 2004;
Digutsch, G., Das Ende der nationalen Volksarmee, 2004; Baumgarten, K./Freitag,
P., Die Grenzen der DDR, 2004; Osterburg, D., Das Notariat in der DDR, 2004;
Korzilius, S., Asoziale und Parasiten im Recht der SBZ/DDR, 2005; Thiemrodt,
P., Die Entstehung des Staatshaftungsgesetzes der DDR, 2005; Arp, A., VEB.
Vaters ehemaliger Betrieb, 2005; Weinreich, B., Strafjustiz und ihre
Politsierung in SBZ und DDR bis 1961, 2005; Wolff, F., Einigkeit und Recht,
2005, 2. A. 2005; Seibel, W., Verwaltete Illusionen – Die Privatisierung der
DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt, 2005; Bauerkämper, A., Die
Sozialgeschichte der DDR, 2005; Kurze, D., Sozialistische Betriebe und
Institutionen als Verklagte im DDR-Zivilprozess, 2005; Sozialstaatlichkeit in
der DDR, hg. v. Hoffmann, D. u. a., 2005; Schöne, J., Frühling auf dem Lande?
Die Kollektivierung, 2005; Ritter, G., Der Preis der Einheit, 2006; Markovits,
I., Gerechtigkeit in Lüritz, 2006; Windmüller, J., Ohne Zwang kann der
Humanismus nicht existieren, 2006; Inszenierungen des Rechts, hg. v. Marxen, K.
u. a., 2006; Republikflucht, hg. v. Melis, D. van u. a., 2006;
Fischer-Langosch, P., Die Entstehung des Familiengesetzbuches der DDR von
1965, 2007; Johannsen, L., Die rechtliche Behandlung ausreisewilliger Staatsbürger
in der DDR, 2007; Behling, K./Eik, J., Vertuschte Verbrechen – Kriminalität in
der Stasi, 2007; Rickmers, E., Aufgaben und Struktur der Bezirkstage und Räte
der Bezirke in der DDR 1952-1990/91 am Beispiel des Bezirkes Cottbus, 2007;
Rohrer, F., Strafjustiz im Dritten Reich und in der SBZ/DDR, 2007; Riegel, P.,
Der tiefe Fall des Professors Pchalek, 2007; Müller, S., Das
administrative Element im Zivilrecht der DDR. Diss. jur. Jena 2007; Fulbrook,
M., Das ganz normale Leben, 2008; Sperlich, P., The East German social courts,
2007; Wuttke, J., Konfliktvermeidung und Streitbeilegung in
Familienrechtssachen in der DDR, 2008; Willing, M., Sozialistische Wohlfahrt,
2008; Wolfrum, E., Die DDR, 2008; Segert, D., Das 41. Jahr 2009; Rogg, M.,
Armee des Volkes, 2008; Vinke, H., Die DDR, 2008; Hirsch, S., Der Typus des
sozial desintegrierten Straftäters, 2008; Schulz, G., Mitteldeutsches Tagebuch,
2009; Die demokratische Revolution 1989 in der DDR, hg. v. Conze, E. u. a.,
2009; Kowalczuk, I., Endspiel, 2009; Koritsch, H., Die verspielte Chance, 2009;
Erinnerungsorte der DDR, hg. v. Sabrow, M., 2009; Krenz, E.,
Gefänbgnis-Notizen. 2009; Eisenhardt, U., War die DDR ein Unrechtsstaat?,
Journal der juristischen Zeitgeschichte 3 (2009), 45
Deutsche Nationalgesetzgebung →
Kodifikationsstreit, → Allgemeine Deutsche Wechselordnung, →
Allgemeines Deutsches Handelsgesetzbuch
Deutschenspiegel ist
das durch eine einzige vollständige, aus dem frühen 14. Jh. stammende, aus Neustift
bei Brixen kommende Handschrift (Universitätsbibliothek Innsbruck cod. 922)
und einige verstreute Artikel (in 18 Handschriften des sog. Schwabenspiegels)
überlieferte, mittelbayerische Rechtsbuch, das sich selbst als spiegel aller
tiuscher liute benennt. Der (von Julius Ficker so genannte) D. beruht
wahrscheinlich auf einer mitteloberdeutschen Übersetzung einer Handschrift der
Klasse Ib des → Sachsenspiegels (und vielleicht einer weiteren, wohl im
mit Magdeburg eng verbundenen Minoritenkonvent in Augsburg erfolgten
Bearbeitung des Sachsenspiegels), wobei die Artikel 1 bis 109 des Landrechts
unter Verwendung der Kaiserchronik, des Buchs der Könige und zweier Gedichte
des Strickers, der (römischrechtlichen) Institutionen, der
(kirchenrechtlichen) Summa Raymundi (von Penyafort) und des Mainzer Reichslandfriedens,
zweier Reichsgesetze vom 19. 2. 1274 sowie vor allem Augsburger
Gewohnheitsrechts umgestaltet sind, die Art. 110ff. und das Lehnrecht dagegen
im Wesentlichen unbearbeitet ihre Vorlage(n) übernehmen, aber jeweils Sachsen
durch deutsche Lande oder deutsche Leute ersetzen. Als Quelle werden statt der
guten Vorfahren die Könige mit weiser Meister Lehre genannt. Vermutlich ist der
D. 1275/1276 in Augsburg als Privatarbeit (eines Minoriten) entstanden. Das
Verhältnis zwischen D. und Schwabenspiegel ist streitig geworden. →
Schwabenspiegel
Lit.: Köbler, DRG 103; Der Spiegel deutscher Leute, hg. v.
Ficker, J., 1859; Müller, E. Frhr. v., Der Deutschenspiegel, 1908; Pfalz, A.,
Die Überlieferung des Deutschenspiegels, 1919; Eckhardt, K., Heimat und Alter
des Deutschenspiegels, ZRG GA 45 (1925), 13; Eckhardt, K., Der
Deutschenspiegel, 1924; Eckhardt, K., Rechtsbücherstudien 1, 1927; Eckhardt,
K., Zur Schulausgabe des Deutschenspiegels, ZRG GA 50 (1930), 115;
Deutschenspiegel mit Augsburger Sachsenspiegel und ausgewählten Artikeln der
oberdeutschen Sachsenspiegelübersetzung, hg. v. Eckhardt, K./Hübner, A., 1930;
Schwerin, C. Frhr. v., Zum Problem des Deutschenspiegels, ZRG GA 53 (1932),
260; Hübner, A., Vorstudien zur Ausgabe des Buches der Könige, 1932 (SB
Göttingen); Deutschenspiegel, hg. v. Eckhardt, K., 1971; Trusen, W., Die
Rechtsspiegel und das Kaiserrrecht, ZRG GA 102 (1985), 12ff.; Oppitz, U.,
Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1 1990, 33
Deutsche Rechtsgeschichte ist
allgemein die Geschichte des in Deutschland geltenden Rechtes einschließlich
der Geschichte seiner Wurzeln (oder bei engerer Betrachtungsweise die
Geschichte des aus germanistischer Wurzel stammenden Rechtes) (in Deutschland).
Lit.: Kroeschell, DRG; Köbler, DRG; Mitteis, H./Lieberich,
H., Deutsche Rechtsgeschichte, 19. A. 1992
Deutscher Bund ist
der als unauflöslich geplante völkerrechtliche Zusammenschluss (Verein,
Staatenbund, aber mit einigen bundesstaatlichen Zügen) von (nach der Deutschen
Bundesakte vom 8. 6. 1815 38) souveränen deutschen Einzelstaaten (34
Fürstentümer, 4 freie Städte mit einem Gebiet von 630100 Quadratkilometern und
einer Bevölkerung von 29,2 Millionen, Österreich etwa 31 Prozent, Preußen etwa
26 Prozent) auf der Grundlage der → Deutschen Bundesakte (8. 6. 1815,
Wiener Kongressakte 9. 6. 1815) und der Wiener Schlussakte (15. 5. 1820). Er
folgt auf die Erkenntnis, dass mit der Niederlegung der Krone des →
Heiligen römischen Reiches (deutscher Nation) durch Kaiser Franz II. am 6. 8.
1806 das Reich auch rechtlich untergegangen ist und eine Restauration wegen der
egoistischen Interessen der damit souverän gewordenen deutschen Fürsten (vor
allem Österreich, Preußen, Sachsen, Hannover, Baden, Württemberg, Bayern) und
der außerdeutschen Staaten Europas (Frankreich, England, Russland) ebensowenig
Aussicht auf Erfolg hat wie das Streben der überwiegend bürgerlichen deutschen
Nationalbewegung nach einem national-deutschen Einheitsstaat. Deswegen
schließen sich 38 (1817 39 [Hessen-Homburg], dann 41, 1863 35, 1864 nur noch
34) weltliche Mitgliedstaaten (Österreich und Preußen mit ihren 1803 zum Reich
gehörigen Gebieten, Bayern, Sachsen, England wegen Hannover, Württemberg,
Baden, Kurhessen, Großherzogtum Hessen, Dänemark wegen Holstein, Niederlande
wegen Luxemburg, Sachsen-Weimar, Sachsen-Gotha, Sachsen-Coburg,
Sachsen-Meiningen, Sachsen-Hildburghausen, Braunschweig, Nassau,
Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Holstein-Oldenburg, Anhalt-Dessau,
Anhalt-Bernburg, Anhalt-Köthen, Schwarzburg-Sondershausen, Schwarzburg-Rudolstadt,
Hohenzollern-Hechingen, Hohenzollern-Sigmaringen, Liechtenstein, Reuß ältere
Linie, Reuß jüngere Linie, Schaumburg-Lippe, Lippe, Waldeck und die 4
selbständig gebliebenen Städte (Reichsstädte bzw. freien Städte) Lübeck,
Frankfurt, Bremen und Hamburg) in einer Art Zwischenstufe auf dem Weg zu einem
für Europa annehmbaren deutschen Bundesstaat zum Deutschen Bund als einem
Staatenbund mit bundesstaatlichen Merkmalen zusammen. Als seine Ziele sind
festgelegt die Erhaltung der äußeren und inneren Sicherheit Deutschlands und
der Unabhängigkeit und Unverletzbarkeit der einzelnen deutschen Staaten. Sein
Organ ist der selbständige Bundestag (Bundesversammlung, Gesandtenkongress)
in Frankfurt am Main (Palais Thurn und Taxis) (vom 12. 7. 1848 bis September
1850 ohne Befugnisse). In dessen selten zusammentretendem Plenum hat jeder
Staat mindestens eine, höchstens aber vier Stimmen, im engeren Rat führen die
elf größten Staaten je eine Stimme, die übrigen 27 Staaten die übrigen 6
Stimmen. Den Vorsitz übt → Österreich aus. Der Deutsche Bund hat
grundsätzlich nur sehr geringe gesetzgebende, vollziehende und richterliche
Gewalt, doch wirken seine Mitglieder doch vereinzelt in Gesetzgebung
(Urheberrecht, Wechselrecht, Handelsrecht, gescheitert im Schuldrecht,
Patentrecht und Verfahrensrecht), Vollzug (z. B. Karlsbader Beschlüsse) und
Rechtsprechung (Austrägalgerichtsbarkeit, Dreistufigkeit der Gerichtsbarkeit)
zusammen. Nach den revolutionären Unruhen um 1848 geraten Österreich und
Preußen 1850/1851 in verstärkten Gegensatz, doch einigt man sich auf den
Dresdener Konferenzen (23. 12. 1850-15. 5. 1851) auf eine Fortführung des
Deutschen Bundes. An der Verwaltung des durch Bundesexekution vom 1. 2.-1. 8. 1864
Dänemark abgewonnenen Schleswig-Holsteins entzündet sich dann wegen der
Einberufung des holsteinischen Landtags (am 8. 4. 1866) ein Streit, der damit
endet, dass Preußen Holstein am 9. 6. 1866 besetzt, Österreich ohne förmliche
Bundesexekution die Mobilmachung des Bundesheeres gegen Preußen erwirkt,
Preußen den Deutschen Bund für erloschen erklärt, Österreich nach militärischer
Niederlage des Deutschen Bundes (Österreichs und Sachsens) gegen Preußen bei
Königgrätz bzw. Sadowa (3. 7. 1866) am 26. 7. 1866 die Auflösung des Deutschen
Bundes anerkennt und auf Holstein (und gegenüber Italien auf Venetien)
verzichtet und die Bundesversammlung am 24. 8. 1866 letztmals tagt. Allgemein
anerkannt wird die friedensichernde Wirkung des Deutschen Bundes.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 169, 192, 196; Acten
des Wiener Kongresses, hg. v. Klüber, J., Bd. 1ff., 1815ff.; Protocolle der
deutschen Bundesversammlung, 1816-1848, 1850-1866; Huber, E., Deutsche
Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. 1ff. 1957ff.; Heßler, R., Das
Durchzugsrecht innerhalb des Deutschen Bundes, Diss. jur. Berlin (FU) 1966;
Darmstadt, R., Der Deutsche Bund in der zeitgenössischen Publizistik, 1971;
Gruner, W., Der Deutsche Bund, 1982; Deutscher Bund und deutsche Frage, hg. v.
Rumpler, H., 1990; Fehrenbach, E., Verfassungsstaat und Nationsbildung
1815-1871, 1992; Die Dresdener Konferenz und die Wiederherstellung des
Deutschen Bundes 1850/1851, bearb. v. Müller, J., 1996; Quellen zur Geschichte
des Deutschen Bundes, Bd. 1ff. 1996ff.; Der Deutsche Bund zwischen Reaktion und
Reform 1851-1858, bearb. v. Müller, J., 1998; Die Entstehung des Deutschen
Bundes 1813-1815, hg. v. Treichel, E., 2000; Kotulla, M., Die Entstehung der
Kriegsverfassung des Deutschen Bundes, ZRG GA 117 (2000), 122; Steinmetz, C.,
Deutscher Bund und europäische Friedensordnung, 2002; Angelow, J., Der Deutsche
Bund, 2003; Bieker, E., Die Interventionen Frankreichs und Großbritanniens
anlässlich des Frankfurter Wachensturms 1833, 2003; Ham, R., Bundesintervention
und Verfassungsrevision, 2004; Müller, J., Deutscher Bund und deutsche Nation
1848-1866, 2005; Müller, J., Der Deutsche Bund 1815-1866, 2006
Deutscher Juristentag ist der 1860 auf Vorschlag der juristischen Gesellschaft zu Berlin
gegründete, früh Nationsbildung durch Rechtsvereinheitlichung und Rechtsvereinheitlichung
durch Nationsbildung anstrebende Verein deutscher Juristen mit dem Zweck, auf
wissenschaftlicher Grundlage die Notwendigkeit von Änderungen und Ergänzungen
der deutschen Rechtsordnung (bürgerliches Recht, Handelsrecht, Wechselrecht,
Strafrecht, Prozessrecht, 1906 Verwaltungsrecht, 1921 Verfassungsrecht) zu
untersuchen bzw. seit 1921 das Recht parteipolitisch unabhängig fortzubilden.
An seine Stelle tritt 1933 der 1928 gegründete Bund nationalsozialistischer
deutscher Juristen, 1936 der nationalsozialistische Rechtswahrerbund. 1949
wird der deutsche Jurstentag wieder tätig. Seit 2001 führen deutscher
Juristentag, österreichischer Juristentag und Schweizer Juristenverein einen
europäischen Juristentag (in Nürnberg, Athen, Wien, Budapest usw.) durch.
Lit.: Conrad, H., Der deutsche Juristentag 1860-1960, (in)
Hundert Jahre deutsches Rechtsleben, Bd. 1 1960, 1; Dilcher, G., Der deutsche
Juristentag 1960 bis 1980, 1980; Landau, P., Die deutschen Juristen und der
nationalsozialistische Juristentag 1933, 1996; Conrad, H. u. a., Der Deutsche
Juristentag 1860-1994, 1997
Deutscher Orden
ist die im Februar 1199 (durch Papst Innozenz III. unter Verleihung der Johanniterregel
für die karitativen Aufgaben und der Templerregel für die militärischen
Tätigkeiten) aus einer Lübeck-Bremer Spitalsbruderschaft (1190 Hospital vor
Akkon, September 1190 Privileg König Guidos von Jerusalem, Februar 1191
päpstlicher Schutz, Juli 1191 Hospital in der rückeroberten Stadt) zu einem
geistlichen (Ritter-)Orden mit Sitz in Montfort bei Akkon umgeformte
Vereinigung. Von 1211 bis 1225 wirkt der Deutsche Orden auf Anforderung König
Andreas’ II. von Ungarn in Siebenbürgen (Burzenland). 1225/1226 ruft Herzog
Konrad von Masowien den Deutschen Orden gegen die heidnischen Pruzzen zu Hilfe
und überlässt ihm dafür 1230 das Kulmer Land. Der 1226 mit reichsfürstlichen
Rechten begabte Deutsche Orden, der nach dem Verlust Akkons 1291 seinen Sitz nach
Venedig, 1309 nach Marienburg in Westpreußen und (nach der Niederlage bei
Tannenberg/Grunwald 1410) 1457 nach Königsberg verlegt, erreicht durch
umfangreiche Eroberungen zu Beginn des 15. Jh.s die größte Ausdehnung, muss
aber 1466 durch seinen Hochmeister die Schirmherrschaft des Königs von →
Polen anerkennen. Die Güter im Mittelmeerrum gehen verloren. 1525/1561 wird das
Deutschordensgebiet in Preußen in das Herzogtum Preußen und Kurland
umgewandelt, das 1618/1619 mit Brandenburg in Personalunion vereinigt und
1657/1660 vertraglich von der Lehnshoheit Polens befreit wird. 1803 bleibt der
Deutsche Orden im Reich, wo er durch zahlreiche einzelne Gaben zu
beträchtlichen, vom Deutschmeister (1494 Reichsfürst) verwalteten Gütern
gekommen war, bestehen. 1809 wird das 1805 aus dem Deutschen Orden geschaffene
Fürstentum Mergentheim von Napoleon beseitigt, so dass dem Deutschen Orden
unter dem Hochmeister Anton Viktor von Österreich nur die Häuser im
Habsburgerreich verbleiben. 1834 wird in Österreich der Deutsche Orden unter
Erzherzögen als Hoch- und Deutschmeistern wiederbelebt. Nach Ende der
Herrschaft der Habsburger in Österreich (1918) wird 1923 der Ritterbruderzweig
abgeschafft, während die geistliche und karitative Tätigkeit fortgeführt wird.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 93; Köbler,
Historisches Lexikon; Müller, G., Die Ursachen der Vertreibung des deutschen
Ordens aus dem Burzenlande und Kumanien, Korrespondenzblatt des Vereins für
siebenbürgische Landeskunde 48 (1925), 41; Stengel, E., Hochmeister und Reich,
ZRG GA 58 (1938), 178; Milthaler, F., Die Großgebietiger des deutschen
Ritterordens bis 1440, 1940; Schmidt, G., Die Handhabung der Strafgewalt gegen
Angehörige des deutschen Ordens, 1954; Hofmann, H., Der Staat des
Deutschmeisters, 1964; Forstreuter, K., Der Deutsche Orden am Mittelmeer, 1967;
Wunder, H., Siedlungs- und Bevölkerungsgeschichte der Komturei Christburg,
1968, Kisch, G., Forschungen und Quellen zur Rechts- und Sozialgeschichte des
Deutschordenslandes, 1973; Boockmann, H., Johannes Falkenberg, 1975; Tumler,
M./Arnold, U., Der Deutsche Orden, 4. A. 1986; Boockmann, H., Der Deutsche
Orden, 4. A. 1994; Sperling, F., Gerichtsorganisation und Prozesspraxis des
Mergentheimer Stadtgerichts unter dem Deutschen Orden von 1780-1801, 1981; Neitmann,
K., Die Staatsverträge des Deutschen Ordens in Preußen 1230-1449, 1986;
Braasch-Schwersmann, U., Das Deutschordenshaus Marburg, 1989; Die Hochmeister
des Deutschen Ordens 1190-1994, hg. v. Arnold, U., 1998; Militzer, K., Von
Akkon zur Marienburg, 1999; Zimmermann, H., Der Deutsche Orden im Burzenland,
2000; Demel, B., Der Deutsche Orden im Spiegel seiner Besitzungen und
Beziehungen in Europa, 2004; Militzer, K., Die Geschichte des Deutschen Ordens,
2005; Demel, B., Unbekannte Aspekte der Geschichte des Deutschen Ordens, 2006
Deutscher Rechtshistorikertag
ist die auf Anregung Heinrich Mitteis‘ in Heidelberg 1927 erstmals
zusammengetrene Versammlung der deutschsprachigen oder an der Rechtsgeschichte
Deutschlands interessierten Rechtshistoriker. Diesem Treffen folgen Tagungen in
Göttingen 1929, Jena 1932, Köln 1934, Tübingen 1936, (Marburg 1947,) Heidelberg
1949, Wien 1951, Würzburg 1952, Hamburg 1954, Freiburg im Breisgau 1956,
München 1958, Saarbrücken 1960, Mainz 1962, Wien 1964, Basel 1966, Münster 1968,
Salzburg 1970, Nürnberg-Erlangen 1972, Tübingen 1974, Linz 1976, Berlin 1978,
Augsburg 1980, Zürich 1982, Graz 1984, Frankfurt am Main 1986, Bielefeld 1988,
Nimwegen/Nijmegen 1990, Köln 1992, Bern 1994, Wien 1996, Regensburg 1998, Jena
2000, Würzburg 2002, Bonn 2004, Halle 2006 und Passau 2008. Seit 1994 gibt es
auch ein jährlich tagendes europaweites Forum junger Rechtshistoriker zwecks
wissenschaftlichen Austausches.
Deutscher Richterbund ist eine privatrechtliche Vereinigung der deutschen Richter.
Lit.: Wrobel, H., Der Deutsche Richterbund im Jahre 1933,
Krit. Justiz 1982, 323
Deutsches Privatrecht ist allgemein das in Deutschland geltende Privatrecht und
herkömmlicherweise eingeengt das ältere aus germanistischer, also nicht aus
römischrechtlicher oder kirchenrechtlicher Wurzel stammende, vor Schaffung
des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches (1900) auch ohne gesetzgeberischen Akt
unmittelbar geltende Privatrecht in Deutschland. In diesem engeren Sinn wird es
als wissenschaftlich erfassbare Einheit vielleicht seit dem Spätmittelalter (z.
B. Lüneburg 1401) gesehen, jedoch insgesamt erst anerkannt, als Hermann →
Conring (1635/1643) den Ursprung des deutschen Rechts (De origine iuris
Germanici) erörtert und 1649 eine geschlossene Darstellung des gesamten
tatsächlich im Heiligen römischen Reich geltenden Rechtes fordert, wie sie etwa
Georg Adam Struves Iurisprudentia Romano-Germanica (Römisch-deutsche
Rechtswissenschaft, 1670) oder Joachim Hoppes Commentatio succincta zu den
Institutionen Justinians (1715) bieten. In Gegenüberstellung zu dem durch
gewohnheitsrechtlichen Vorgang aufgenommenen gemeinen römischen (Privat-)Recht
wird das gemeine deutsche Privatrecht zuerst 1675 durch Johann → Schilter
(1632-1705) erfasst und seit 1701 bzw. 1705 durch Christian → Thomasius
(1655-1728), der in seinen 1713 erschienenen (lat. [F.Pl.]) Notae ad singulos
Institutionum et Pandectarum titulos (Bemerkungen zu den einzelnen Titeln der
Institutionen und Pandekten) alles nichtrezipierte römische Recht ausscheidet,
auf Grund der Reichsgesetze und deutschen Gewohnheiten behandelt und
vorgetragen (lat. [F.Pl.] Institutiones iuris Germanici, Einrichtungen des
deutschen Rechts) und nach Vorlesungen seit 1707 erstmals von Georg → Beyer (1665-1714)
in einem posthum von Michael Heinrich Gribner veröffentlichten Leitfaden (nach
der romanistischen Systematik der Institutionen) dargestellt (z. B. Recht des
Adels, der Kaufleute und Handwerker, Detraktsrecht, Leibeigene, morganatische
Ehe, Einkindschaft, Hand muss Hand wahren, Erbvertrag, Gerade, Morgengabe,
Musteil, Leibgedinge, Versicherungsvertrag, Retraktsrecht, Verlobung, Ehe,
Adoption, Emanzipation, Einlager, Majorat, Fideikommiss, Ganerbschaft,
Gesellschaft, Emphyteuse, Überbau, Schenkung). Danach wird es im 18. Jh. teils
antiquarisch, teils praktisch ausgerichtet (vgl. z. B. Heineccius, Johann
Gottlieb [1681-1741], Elementa iuris Germanici 1735ff., Pütter, Johann Stephan
[1725-1807], Elementa iuris Germanici privati hodierni, Elemente des heutigen
deutschen Privatrechts, 1756, Runde, Justius Friedrich [1741-1807] 1791, weiter
später Eichhorn, Mittermaier, Reyscher, Beseler, Gerber, Stobbe, Gierke u. a.)
Als wissenschaftliches Prinzip des deutschen Privatrechts gilt dabei zunächst
die (ungefähre) Übereinstimmung (unterschiedlichster) partikulärer
Rechtssätze (z. B. Pütter), dann die aus den Rechtsverhältnissen vermöge der
natürlichen Vernünftigkeit abstrahierte Regel (Natur der Sache, z. B. Runde)
und danach die gemeinsame Nationaleigentümlichkeit und Volkssitte (z. B.
Eichhorn). Der Ansicht Carl Friedrich → Gerbers (1846), dass das auf
Freiheit und Fehderecht zu gründende deutsche Privatrecht nur eine
wissenschaftlich gewonnene, nicht unmittelbar anwendbare Summe von Rechtssätzen
sei, widersprechen Georg → Beseler (Volksrecht) und Otto von →
Gierke (gemeindeutsche Gewohnheiten). Mit der Schaffung des Bürgerlichen Gesetzbuches
(1900) hat diese, nicht durch einen überzeugenden Nachweis einer einheitlichen
Quelle eines gemeinen deutschen Privatrechts entschiedene Streitfrage ihre
praktische Bedeutung verloren. Mehr und mehr wird das geschichtliche
Privatrecht in seiner tatsächlichen Vielfalt sinnvollerweise insgesamt in die
allgemeine Rechtsgeschichte eingefügt.
Lit.: Köbler, DRG 205; Gerber, C., Das wissenschaftliche
Prinzip des gemeinen deutschen Privatrechts, 1846; Gierke, O. v., Deutsches
Privatrecht, Bd. 1ff. 1895ff.; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der
Neuzeit, 1952, 2. A. 1967; Luig, K., Die Anfänge der Wissenschaft vom deutschen
Privatrecht, Ius Commune 1 (1967), 195; Luig, K., Die Theorie der Gestaltung
eines nationalen Privatrechtssystems aus römisch-deutschem Rechtsstoff, (in)
Wissenschaft und Kodifikation, 1974, 217; Kroschell, K., Zielsetzung und
Arbeitsweise der Wissenschaft vom gemeinen deutschen Privatrecht, (in)
Wissenschaft und Kodifikation 1974, 249; Rückert, J. A. L. Reyschers Leben und
Rechtstheorie 1801-1880, 1974; Schlosser, H., Das wissenschaftliche Prinzip der
germanistischen Privatrechtssysteme, Gedächtnisschrift H. Conrad, 1979, 491; Mitteis,
H./Lieberich, H., Deutsches Privatrecht, 9. A. 1981; Kroeschell, K.,
Verfassungsgeschichte und Rechtsgeschichte, Der Staat Beiheft 6 1983, 47;
Dilcher, G./Kern, B., Die juristische Germanistik des 19. Jahrhunderts und die
Fachtradition der deutschen Rechtsgeschichte, ZRG GA 101 (1984), 1; Luig, K.,
Die sozialethischen Werte des römischen und germanischen Rechts in der
Privatrechtswissenschaft des 19. Jahrhunderts, (in) Wege europäischer Rechtsgeschichte,
1987, 281; Luig, K., Begriff und Aufgabe des deutschen Privatrechts in der
Sicht von Heinrich Mitteis, (in) Heinrich Mitteis nach hundert Jahren, 1991,
91; Scherner, K., Das deutsche Privatrecht und seine Darstellbarkeit, ZRG GA
118 (2001), 346; Dannhorn, W., Römische Emphyteuse und deutsche Erbleihe, 2003;
Christian Thomasius (1655-1728), hg. v. Lück, H., 2006; Schäfer, F.,
Juristische Germanistik, 2008
Deutsches Recht
ist allgemein das in Deutschland geltende Recht (Gesetzesrecht, Richterrecht,
Gewohnheitsrecht) und in einem engeren Sinn das aus germanistischer Wurzel
stammende Recht in Deutschland (vor allem in Gegensatz zu dem aus römischer
Wurzel stammenden Recht in Deutschland), wobei mit Savigny teilweise das
rezipierte römische Recht nach seiner Rezeption (im Sinne eines entlehnten
Rechts) (auf Grund des natürlichen Rechtsgefühls und der analogen Heranziehung
römischrechtlicher Quellen) als d. R. angesehen wird.
Wissenschaftsgeschichtlich haben sich um d. R. besonders Hermann Conring
(1643), Johann Schilter (1672), Christian Thomasius (1701), Johann Heinrich
Christian von Selchow und Johann Stephan Pütter (1770) verdient gemacht.
Lit.: Deutsches Recht, 1934; Halban, A. v., Zur Geschichte
des deutschen Rechtes in den Gebieten von Tschernigow und Poltawa, ZRG GA 19
(1898), 1; Kaindl, R., Zur Geschichte des deutschen Rechtes im Osten, ZRG GA 40
(1919), 275; Merk, W., Vom Werden und Wesen des deutschen Rechts, 3. A. 1935;
Jakowliw, A., Das deutsche Recht in der Ukraine, 1942; Kötzschke, R., Die
Anfänge des deutschen Rechtes in der Siedlungsgeschichte des Ostens (Ius
teutonicum), 1941 (SB Leipzig); Dahm, G., Deutsches Recht, 1951; Ebel, W.,
Deutsches Recht im Osten, 1952; Getz, H., Die deutsche Rechtseinheit im 19.
Jahrhundert als rechtspolitisches Problem, 1966; Fließ, W., Die Begriffe
germanisches Recht und deutsches Recht bei den Rechtshistorikern des 19. und
20. Jahrhunderts, Diss. Freiburg im Breisgau 1968 (masch.schr.); Krause, H.,
Der deutschrechtliche Anteil an der heutigen Privatrechtsordnung, JuS 1970,
313; Gudian, G., Zur Situation der Germanistik, ZRG GA 89 (1972), 215
Deutsches Rechtswörterbuch
ist das 1896 von einer Kommission der preußischen Akademie der Wissenschaften
(Amira, Heinrich Brunner, Frensdorff, Gierke, Richard Schröder, Ernst Dümmler,
Karl Weinhold) vorgeschlagene, alphabetisch geordnete Wörterbuch der älteren
deutschen Rechtssprache (der vor 1815 belegten Grundwörter und der vor 1700
belegten Zusammensetzungen), das von Heidelberg (Richard Schröder) aus seit
1914 erscheint, seit kurzem digitalisiert ist und in 16 Bänden mit 120000
Stichwörtern bis 2036 abgeschlossen sein soll (2007 Band 11 Rat bis R/S).
Lit.:
Wissenschaftliches Wörterbuch der deutschen Rechtssprache, ZRG GA 18 (1897),
211; Lemberg, I./Speer, H., Bericht über das deutsche Rechtswörterbuch, ZRG GA
114 (1997), 679; Speer, H., Rechtssprachlexikographie und neue Medien, (in)
Das Wort, 2002, 89; http;//www.deutsches-rechtswoerterbuch.de
Deutsches Reich ist eine Bezeichnung für verschiedene verfassungsrechtliche Organisationsformen der Deutschen. Dabei wird als erstes D. R. das aus dem fränkischen Reich im Laufe des 10. Jh.s erwachsene ostfränkische Königreich verstanden, das gegen die Jahrtausendwende anscheinend von Italien (Chronicon Venetum Brixener Urkunde Heinrichs II. von 1020, Miracula Severi) ausgehend (lat.) regnum (N.) Teutonicum (D. R.) genannt wird. Es wird seit der Mitte des 12. Jahrhunderts (Lothar III., Konrad III.) hauptsächlich als römisches Reich, alsbald auch als heiliges Reich und 1474 als → Heiliges römisches Reich (deutscher Nation) bezeichnet und führt diesen Namen 1512 erstmals auch offiziell. Demgegenüber wird die frühere Benennung als D. R. erst wieder gegen sein Ende (1806) hin allgemein üblich. (Zweites) D. R. nennt sich danach ebenfalls der 1848/1849 vergeblich angestrebte, am Widerstand der partikularen Fürsten gescheiterte deutsche Nationalstaat. Für den Namen (zweites) D. R. entscheiden sich dann auch im Dezember 1870 die Staaten des Norddeutschen Bundes bei der Benennung des nach dem Sieg des Norddeutschen Bundes über Frankreich im deutsch-französischen Krieg vom 19. 7. 1870 bis 26. 2. 1871 (Kriegserklärung Frankreichs am 19. 7. 1870 wegen der Ablehung eines öffentlichen Verzichts auf eine Thronfolge in Spanien für die Zukunft durch Preußen) auf Betreiben Otto von Bismarcks am 15., 23. und 25. 11. 1870 mit Bayern, Württemberg, Baden und Hessen(-Darmstadt) auf neuen Grundlagen vereinbarten, am 1. 1. 1871 ins Leben tretenden bzw. erweiterten (str.) Bundesstaates (, dem Österreich, Luxemburg, Limburg und Liechtenstein fernbleiben). Dieses Deutsche Reich (540742 qkm, 56,37 Mill. Einwohner) umfasst (die 22 monarchischen Staaten) Preußen (2/3 des Reichsgebietes, 3/5 der Reichsbevölkerung, tatsächliche Vorrangstellung), Bayern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hessen, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Sachsen-Weimar-Eisenach, Oldenburg, Braunschweig, Anhalt, Schaumburg-Lippe, Lippe, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg-Gotha, Schwarzburg-Sondershausen, Schwarzburg-Rudolstadt, Waldeck, Reuß ältere Linie, Reuß jüngere Linie, (die drei Stadtrepubliken) Bremen, Hamburg, Lübeck sowie (das am 10. 5. 1871 von Frankreich gewonnene, durch Gesetz vom 9. 6. 1871 vereinigte Reichsland) Elsass-Lothringen und seit 1884 als Nebenländer die überseeischen deutschen → Schutzgebiete (Kolonien) Südwestafrika, Togo, Kamerun usw. Nach seiner am 16. 4. 1871 in Kraft tretenden Verfassung ist (in dieser eingeschränkten Monarchie) der Kaiser (König von Preußen) der (erbliche) Inhaber der Präsidialrechte. Träger der Souveränität ist die Gesamtheit der Fürsten und freien Städte. Der Kaiser regiert durch den von ihm frei ernannten und entlassenen Reichskanzler (1871-1890 Otto von Bismarck), der jedoch alle Anordnungen gegenzeichnen muss und dadurch die Verantwortung übernimmt (und dem die obersten Reichsbehörden bzw. Reichsämter untergeordnet sind). (Nach Ländergröße gewichteter) Bundesrat und Reichstag (allgemeine, unmittelbare, geheime Wahl) beschließen (gleichrangig) die Gesetze, die dann der Kaiser ausfertigt und verkündet. Höchstes Gericht ist das Reichsgericht in Leipzig. Am 9. 11. 1918 wird am Ende des ersten Weltkriegs ein Verzicht des Kaisers auf dessen Thron bekanntgegeben und von Philipp Scheidemann im Rahmen des bestehenbleibenden Deutschen Reiches die Republik (Weimarer Republik) ausgerufen, die Adolf Hitler nach seiner Ernennung zum Reichskanzler (30. 1. 1933) rasch in das nationalsozialistische, totalitäre → Dritte (Deutsche) Reich (zentralistischer Einheitsstaat, nach dem Anschluss Österreichs 1938 inoffiziell, 1943 offiziell Großdeutsches Reich) umgestaltet. Am 8. 5. 1945 bricht dieses Deutsche Reich mit der vollständigen Kapitulation gegenüber den alliierten Siegermächten des zweiten Weltkrieges zusammen. Nach herrschender Ansicht setzt die Bundesrepublik Deutschland das Deutsche Reich fort, ist also mit ihm rechtlich identisch.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG
76, 172, 196, 220, 256; Jahrbücher des deutschen Reiches, Bd. 1ff. 1862ff.;
Acta imperii, hg. v. Kern, F., 1911; Laband, P., Das Staatsrecht des deutschen
Reiches, 5. A. 1911ff.; Brandenburg, E., Die Reichsgründung, 2. A. 1924,
Neudruck 2005; Handbuch des deutschen Staatsrechts, hg. v. Anschütz, G. u. a.,
1930; Anschütz, G., Die Verfassung des deuschen Reiches vom 11. August 1919,
14. A. 1933; Herding, O., Das römisch-deutsche Reich in deutscher und
italienischer Beurteilung, 1937; Tellenbach, G., Die Entstehung des deutschen
Reiches, 1940, 2. A. 1942; Huber, E., Deutsche Verfassungsgeschichte, Bd. 3
1963; Müller-Mertens, E., Regnum Teutonicum, 1970; Brühl, C., Die Anfänge der
deutschen Geschichte, 1972; Dokumente zur Geschichte des deutschen Reiches und
seiner Verfassung 1349, hg. v. d. Akad. d. Wiss. d. DDR, 1974ff.; Eggert, W.,
Das ostfränkisch-deutsche Reich, 1975; Töpfer, B./Engel, E., Vom staufischen
Imperium zum Hausmachtkönigtum, 1976; Bracher, K., Die deutsche Diktatur, 7.
A. 1993; Hanisch, W., Als weit das Römische reiche in allen den egenanten
Tewtschen landen begriffen ist, ZRG GA 101 (1984), 47; Schilling, Heinz, Höfe
und Allianzen. Deutschland 1648-1763, 1989; Duchhardt, H., Altes Reich und
europäische Staatenwelt, 1990; Ehlers, J., Die Entstehung des deutschen
Reiches, 1994; Fried, J., Der Weg in die Geschichte, 1994; Das Deutsche Reich
im Urteil der großen Mächte, hg. v. Hildebrand, K., 1995; Willoweit, D.,
Deutsche Verfassungsgeschichte, 5. A. 2005; Reitemeier, A., Außenpolitik im
Spätmittelalter, 1999; Berghahn, V., Das Kaiserreich 1871-1914, 2003; Frie, E.,
Das deutsche Kaiserreich, 2004; Müller-Frotscher, W./Pieroth, B., Verfassungsgeschichte,
7. A. 2008; Mertens, E., Römisches Reich im Besitz der Deutschen, HZ 282
(2006), 1; Zachau, P., Die Kanzlerschaft des Fürsten Hohenhlohe 1894-1900,
2007; Hildebrand, K., Das vergangene Reich, 2008
Deutschland ist
eine wohl im 14. Jh. durch Zusammenziehung aus (mhd.) daz diutsche lant
entstandene allgemeine Bezeichnung für das Gebiet des → Deutschen Reiches
bzw. das von Deutschen überwiegend besiedelte Gebiet.
Lit.:
Köbler, Historisches Lexikon; Gebhardt, B., Handbuch der deutschen Geschichte,
1891f., 3. A. 1906, 4. A. 1910, 5. A. 1913, 6. A. 1922f., 7. A. 1930, 8. A.
1954ff., 9. A., hg. v. Grundmann, H., 1970; Andreas, W., Deutschland vor der
Reformation, 1932; Keyser, E., Bevölkerungsgeschichte Deutschlands, 1938;
Kienast, W., Deutschland und Frankreich in der Kaiserzeit (900-1270), 1974f.;
Raumer, K. v. u. a., Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, 1980; Deutschlands
Grenzen, hg. v. Demandt, A., 3. A. 1993; Haverkamp, A., Aufbruch und
Gestaltung, Deutschland 1056-1273, 1984; Moraw, P., Von offener Verfassung zu
gestalteter Verdichtung, 1985; Angermeier, H., Deutschland zwischen
Reichstradition und Nationalstaat, ZRG GA 107 (1990), 19; Nipperdey, T.,
Deutsche Geschichte 1866-1918, Bd. 1f. 1990ff.; Brühl, C., Deutschland –
Frankreich, 1990; Baum, W., Reichs- und Territorialgewalt, 1994; Fried, J., Der
Weg in die Geschichte, 1994; Steininger, R., Deutsche Geschichte seit 1945,
1996ff.; Ritter, G., Über Deutschland, 1998; Schulze, H., Kleine deutsche
Geschichte, 1998; Staatliche Vereinigung – fördernde und hemmende Elemente in
der deutschen Geschichte, hg. v. Brauneder, W., 1998; Reich oder Nation?, hg.
v. Duchhardt, H. u. a., 1998; Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland, hg. v.
Institut für Länderkunde, Bd. 1ff. 1999ff.; Stürmer, M., Das Jahrhundert
Deutschlands, 1999; Dirlmeier, U. u. a., Deutsche Geschichte, 1999; Laufs, A.,
Ein Jahrhundert wird besichtigt, JuS 2000, 1; Winkler, H., Der lange Weg nach
Westen, Bd. 1f. 2000; Seibt, F., Das alte böse Lied, 2000; Föderative Nation.
Deutschlandkonzepte von der Reformation bis zum ersten Weltkrieg, hg. v.
Langewiesche, D. u. a., 2000; Kielmannsegg, P. Graf, Nach der Katastrophe,
2000; Küsters, H., Der Integrationsfriede, 2000; Green, A., Fatherlands – State
Building and Nationhood in Nineteenth Century Germany, 2001; Holste, H., Der
deutsche Bundesstaat im Wandel (1867-1933), 2001; Laufs, A., Ein Jahrhundert
wird besichtigt – Rechtsentwicklungen in Deutschland im 20. Jahrhundert, ZRG GA
118 (2001), 1; Kocka, J., Das lange 19. Jahrhundert, 2001; Köhler, H.,
Deutschland auf dem Weg zu sich selbst, 2002; Fenske, H., Deutsche Geschichte,
2002; Schabert, T., Wie Weltgeschichte gemacht wird. Frankreich und die
deutsche Einheit, 2002; Plato, A. v., Die Vereinigung Deutschlands, 2002;
Lexikon der deutschen Geschichte von 1945 bis 1990, hg. v. Behnen, M., 2002;
Holste, H., Der deutsche Bundesstaat im Wandel, 2002; Deutschland 1949-1989,
hg. v. Elvert, J. u. a., 2003; Wolfrum, E., Die Deutschen im 20. Jahrhundert,
2004; Goertz, H., Deutschland 1500-1648, 2004; Grigoleit, K.,
Bundesverfassungsgericht und deutsche Frage, 2004; Pagenkopf, O., Die
Hauptstadt in der deutschen Rechtsgeschichte, 2004; Ehmer, J., Bevölkerungsgeschichte
und historische Demographie 1800-2000, 2004; Weichlein, S., Nation und Region,
2004; Rexroth, F., Deutsche Geschichte im Mittelalter, 2005; Deutsche
Geschichte im 20. Jahrhundert, hg. v. Schildt, A., 2005; Book, A., Die
Justizreform in der Frühzeit der Bundesrepublik, 2005; Wolfrum, E., Die
Bundesrepublik Deutschland (1949-1990), 2005; Helm, I. u. a., Die Geschichte
Norddeutschlands, 2005; Driftmann, M., Die Bonner Deutschlandpolitik 1989/1990,
2005; Weber-Fas, R., Epochen deutscher Staatlichkeit, 2006; Kühne, J., Zu
Veränderungsmöglichkeiten der Oder-Neiße-Linie nach 1945, 2006, 2. A. 2008;
Glaser, R. u. a., Geographie Deutschlands, 2007; Wagner, A., Die Entwicklung
des Lebensstandards in Deutschland zwischen 1920 und 1960, 2008; Ritter, G.,
Wir sind das Volk, 2009; Weizsäcker, R., Der Weg zur Einheit, 2009
Deutschlandvertrag ist
der das Besatzungsstatut der westlichen alliierten Siegermächte für ihre
Besatzungszonen aufhebende Vertrag der Westmächte mit der Bundesrepublik
Deutschland vom 26. 5. 1952/5. 5. 1955. Er löst die → Alliierte Hohe
Kommission auf und schreibt der Bundesrepublik Deutschland die volle Macht
eines souveränen Staates über ihre inneren und äußeren Angelegenheiten zu.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Die Rechtsstellung Deutschlands,
hg. v. Rauschning, D., 1985; Kohl, H., Ich wollte Deutschlands Einheit, 1996
Deutschösterreich ist
(im 19. Jh. die inoffizielle Bezeichnung für die deutschsprachigen Gebiete
Österreich-Ungarns und danach) die am 30. Oktober 1918 (str.,
Staatsgründungsbeschluss) entstandene, am 12. 11. 1918 (Beschluss über die
republikanische Regierungs- und Staatsform) von der provisorischen
Nationalversammlung der deutschsprachigen Teile → Österreichs ausgerufene
Republik, die ein Bestandteil der Deutschen Republik sein und nach dem
Grundsatz der Selbstbestimmung das geschlossene Siedlungsgebiet der Deutschen innerhalb
der bisher im Reichsrat Österreichs vertretenen Königreiche und Länder umfassen
soll (einschließlich Deutschsüdmähren, Deutschsüdböhmen, Sudetenland, Brünn,
Iglau, Olmütz). Der am 10. 9. 1919 zwischen Österreich und den alliierten
Mächten geschlossene Friedensvertrag von Saint Germain-en-Laye schließt dies
auf Grund der Interessen der nichtdeutschen Mächte in Art. 88 aus bzw. macht es
von der Zustimmung des Völkerbunds abhängig. Das Deutsche Reich anerkennt im
Friedensvertrag von Versailles vom 28. 6. 1919 notwendigerweise die
Unabhängigkeit Österreichs. Mit Gesetz vom 21. 10. 1919 ändert Österreich
seinen Namen in Republik Österreich und lehnt die Rechtsnachfolge nach der
Monarchie (nochmals) ab.
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 220; Baltl/Kocher;
Merkl, A., Die Verfassung der Republik Deutschösterreich, 1919; Brauneder, W.,
Eine Republik entsteht, 1999; Brauneder, W., Deutsch-Österreich 1918, 2000;
Krämer, K., Die Bestrebungen für einen Zusammenschluss zwischen Österreich und
Deutschland, Diss. phil. Hannover 2003
Deutschtirol ist im
Gegensatz zu Welschtirol der deutschsprachige Teil der verschiedensprachige
Gebiete unter einer Herrschaft zusammenfassenden Grafschaft Tirol. D. reicht
südlich bis zur Salurner Klause.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Wopfner, H., Beiträge
zur Geschichte der freien bäuerlichen Erbleihe Deutschtirols im Mittelalter,
1903; Stolz, O., Deutschtirol, 1910; Riedmann, J., Geschichte Tirols, 2. A.
1988, 3. A. 2001
Devestierung ist im
kirchlichen Recht die das Gegenstück zur sichtbar gemachten Bekleidung
(Investierung oder Investitur) mit einem Amt bei dessen Übertragung bildende,
ebenfalls sichtbar gemachte Entkleidung von dem Amt bei dessen Entzug (z. B.
Papst Formosus 897, Petrus Leonis 1139, Jan Hus auf dem Konstanzer Konzil
1414-1418, Alfred Dreyfus Frankreich 1894). In der Gegenwart wird die D. nicht
mehr durchgeführt.
Lit.: Kober, F., Die Deposition und Degradation, 1867
Devolution ist der
Übergang eines Rechtes von einer Person auf eine andere, insbesondere in der
Kirche der Übergang des Rechtes zur Verleihung eines Amtes auf den
nächsthöheren Oberen, wenn der an sich zuständige Berechtigte sein Recht nicht
oder nicht rechtmäßig ausübt. Die D. findet sich bereits bei Justinian. Seit
dem 13. Jh. schränkt die Kirche den Anwendungsbereich ein.
Lit.: Ebers, G., Devolutionsrecht, 1906, Neudruck 1965;
Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte, 5. A. 1972, 343
Dezemberverfassung ist
in → Österreich eine Gesamtheit von sechs am 21. 12. 1867 erlassenen
Gesetzen (Gesetz über die Ministerverantwortlichkeit, Staatsgrundgesetz über
die Reichsvertretung [Novellierung des Grundgesetzes der Februarverfassung von
1861 mit Herrenhaus, Abgeordnetenhaus, kaiserlichem Vetorecht und
Notverordnungsrecht], Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der
Staatsbürger [übernimmt Gesetz zum Schutze der persönlichen Freiheit und Gesetz
zum Schutz des Hausrechts aus dem Jahr 1862], Staatsgrundsetz über die
Einsetzung eines Reichsgerichts [verfassungsgerichtliche und verwaltungsgerichtliche
Zuständigkeiten des Reichsgerichts), Staatsgrundgesetz über die richterliche
Gewalt [Trennung von Rechtspflege und Verwaltung, Unabhängigkeit des
Richters, Mündlichkeit, Öffentlichkeit, Anklageverfahren, Geschworenengerichte,
Ankündigung eines Verwaltungsgerichtshofs] , Staatsgrundgesetz über die Ausübung
der Regierungs- und Vollzugsgewalt [z. B. Bindung an die Gesetze],
Delegationsgesetz über das Verhältnis zwischen der österreichischen und der
ungarischen Reichshälfte und deren Beziehung zum gemeinsamen Monarchen), die
einen Reichsrat mit Herrenhaus und Abgeordnetenhaus, Grundrechte in 19
Artikeln, ein Reichsgericht als Verfassungsgerichtshof, Trennung von Verwaltung
und Justiz u. a. vorsehen.
Lit.: Köbler, DRG 194; Baltl/Kocher;
Haider, B., Die Protokolle des Verfassungsausschusses des Reichsrates von 1867,
1997
Dezennalrezess ist
der zehn Jahre laufende Steuerbewilligungsbeschluss der Landstände, den Maria
Theresia seit 1749 (außer in Kärnten) in ihren Ländern politisch erzwingt.
Dezision (F.) Entscheidung, Urteil
Diakon ist in der
Antike ein dem Bischof untergeordneter Diener oder Gehilfe, danach eine
Vorbereitungsstufe (Weihegrad) auf dem Weg zur Priesterschaft. In der protestantischen
Kirche gewinnt der D. seit dem 19. Jh., in der katholischen Kirche seit dem
zweiten Vatikanischen Konzil an Bedeutung. Hier ist der D., der auch
verheiratet sein kann, ermächtigt, viele liturgische Handlungen selbständig
vorzunehmen (ausgenommen Eucharistie und Bußsakramenterteilung).
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Feine, H., Kirchliche
Rechtsgeschichte, 5. A. 1972; Reynolds, R., The Ordinals of Christ, 1978; Der
Diakon, hg. v. Plöger, J. u. a., 1980; Landau, P., Officium und libertas
christiana, 1991; Will, J., Die Rechtsverhältnisse zwischen Bischof und Klerus
im Dekret des Bischofs Burchard von Woms, 1992; Handbuch Geschichte der
deutschen evangelischen Diakonie, hg. v. Kaiser, J., 2000
Dialogus (M.) de scaccario
(lat.) des Schatzmeisters Richard von Ely (um 1178) ist ein Lehrgespräch (Dialog)
zwischen Lehrer und Schüler über die vom Schatzamt (lat. [N.] scaccarium, engl.
exchequer) in Finanzangelegenheiten angewandten Rechtssätze des englischen
Rechts.
Lit.: Busz, H., Zur Entstehungsgeschichte des Scaccarium,
ZRG GA 35 (1914), 437; Richard von Ely, Dialog über das Schatzamt, übers. v.
Siegrist, M., 1963; Dialogus de Scaccario, hg. v. Carter, F. u. a., 1983
Diät ist
ursprünglich die geregelte Lebensweise oder der Aufenthaltsort. Diäten sind
seit dem 20. Jahrhundert die Entschädigung des Abgeordneten für die von ihm
für politische Arbeit aufgewandte Zeit (Gesetz des Deutschen Reiches vom 21. 5.
1906).
Lit.: Butzer, H., Diäten und
Freifahrt, 1999; Urban, N., Die Diätenfrage, 2003
Dichterkrönung ist
die von 1315 (Albertino Mussato Universität Padua) bis 1804 (Karl Reinhard)
nachweisbare Ehrung von Dichtern durch Krönung seitens der Päpste und Fürsten.
Lit.: Broadus, E., The
Laureateship, 1921; Konrad Celtis und Nürnberg, hg. v. Fuchs, F., 2004
Dictatus (M.) papae (lat.) sind fünf im ersten und zweiten Buch des Registers der Briefe Papst Gregors VII. als D. p. bezeichnete Stücke bzw. genauer 27 undatierte Sätze Gregors VII. (1073-1085), die zwischen zwei Briefen vom 3. und 4. März 1075 in das Register eingetragen sind und ohne erkennbare Ordnung Vorrang und Vorrechte der römischen Kirche und des Papstes betonen, jedoch keine zeitgenössische Wirksamkeit entfalten.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Caspar, E., Das Register Gregors
VII., (in) Monumenta Germaniae Historica, Epistolae selectae Bd. 2,1 1920, 201;
Hofmann, K., Der Dictatus papae, 1933; Feine, H., Kirchliche Rechtsgeschichte,
5. A. 1972; Hoffmann, H., Zum Register und zu den Briefen Papst Gregors VII.,
DA 32 (1976), 86; Fuhrmann, H., Papst Gregor VII. und das Kirchenrecht, Studi
Gregoriani 13 (1898), 123
Dieb ist der Täter
des → Diebstahls.
Lit.: Blauert, A./Wiebel, E., Gauner- und Diebslisten, 2001
Diebstahl ist die
Wegnahme einer fremden beweglichen Sache in der Absicht, sich (oder einem
Dritten) dieselbe rechtswidrig zuzueignen (bzw. ganz allgemein eine Form von
Vermögensschädigung). Im altrömischen Recht hat die Sachentziehung (lat. [N.]
furtum) grundsätzlich die Leistung des Doppelten des Wertes und die Infamie zur
Folge. In der klassisch-römischrechtlichen Zeit wird der D. zunehmend
öffentlich verfolgt und mit Strafe geahndet. Justinian betont daneben den
Ausgleich mit dem Doppelten. Im Mittelalter wird zunächst der D., dessen
Kennzeichen die Heimlichkeit ist, mit einer → Buße geahndet. Mit der Landfriedensgesetzgebung
wird der große D. mit der → Todesstrafe (Hängen), der kleine D. mit der →
Leibesstrafe (Haut und Haar) bedroht, wobei die Grenze zwischen groß und klein
an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten verschieden gesetzt
wird. Die → Constitutio Criminalis Carolina (1532) scheidet D., Raub und
Unterschlagung, doch setzt sich dies nicht vollständig durch und werden D. und
rezipiertes (lat. [N.]) futum vielfach vermengt. Erst in der ersten Hälfte des
19. Jh.s wird der D. endgültig eingeengt und die Todesstrafe für D. allmählich
beseitigt. 1851 wird in Preußen auch die Trennung von großem D. und kleinem D.
aufgegeben.
Lit.: Kaser § 51 I; Söllner § 8; Kroeschell, DRG 1, 2;
Köbler, DRG 27, 48, 65, 86, 119, 158; Hälschner, H., System des preußischen
Strafrechts, 1868, 2, 388ff.; Mommsen, T., Römisches Strafrecht, 1899, Neudruck
1961; His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 1f. 1920ff.,
Neudruck 1964; Dahm, G., Das Strafrecht Italiens im ausgehenden Mittelalter,
1931, 459ff.; Fischer, H., Der Diebstahl in den Volksrechten, 1942; Janßen, H.,
Der Diebstahl, Diss. jur. Göttingen 1969; Hagemann, H., Vom Diebstahl im
altdeutschen Recht, FS H. Krause 1975, 1; Wirtz, H., Versuch und Vollendung
beim einfachen Diebstahl in Rechtsprechung und Dogmatik der Partikularrechte,
Diss. jur. Kiel 1976; Stackmann, N., Die Rechtsprechung des preußischen
Obertribunales zum Diebstahl, Diss. jur. München 1989
Dienst ist die
Tätigkeit eines Menschen für einen anderen. Die Grundlage hierfür ist verschieden,
kann aber in einem → Dienstvertrag bestehen.
Lit.: Steuern, Abgaben und Dienste, hg. v. Schremmer, E.,
1994; Biographisches Handbuch des deutschen auswärtigen Dienstes 1871-1945, hg.
v. Auswärtigen Amt, Bd. 1 1999; Concepts and Patterns of Service in the Later
Middle Ages, hg. v. Curry, A. u. a., 2000
Dienstadel ist der
durch Dienst für einen Herren entstehende Adel z. B. der zunächst unfreien
Dienstmannen aber auch ursprünglich Freier im ausgehenden Frühmittelalter.
Lit.: Bosl, K., Die Reichsministerialität, 1950/1; Witzel,
W., Die fuldischen Ministerialen, 1989; Derschka, H., Die Ministerialen des
Hochstiftes Konstanz, 1999; Hechberger, W., Adel im fränkisch-deutschen
Mittelalter, 2005
Dienstbarkeit (Servitut) ist das
beschränkte dingliche Recht an einer Sache, das den Eigentümer in einzelnen
Beziehungen in der Benutzung der Sache oder in der Ausübung seiner Rechte zu
Gunsten eines anderen oder des Berechtigten eines anderen Sache beschränkt. In
dieser Beziehung kennt das altrömische Recht bereits (lat. [N.]) iter (Pfad),
(M.) actus (Trift), (F.) via (Weg) und (M.) aquaeductus (Wasserleitung), die
als handgreifbare Sachen (lat. [F.Pl.] res mancipi) behandelt werden. Dabei
werden eine in einem Tun bestehende D., eine D. an einer eigenen Sache und die
Ersitzung einer D. abgelehnt. Spätestens Justinian (527-565) lässt auch die
Personalservitut zu. Nach diesen römischen (F.Pl.) servitutes finden sich
verschiedene beschränkte dingliche Nutzungsrechte vor allem an Liegenschaften
seit dem Hochmittelalter auf unterschiedlicher Grundlage. Seit dem
Spätmittelalter werden die römischen Regeln über Servituten in abgeänderter
Form aufgenommen. Danach kann jede Nutzung beliebiger Art Gegenstand einer D.
sein, auch ein Tun (sog. deutschrechtliche D.). Sie kann sogar dem Eigentümer
der Sache zustehen. Das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch Österreichs (1811)
folgt weitgehend dem römischen Recht.
Lit.: Kaser § 28; Hübner; Köbler, DRG 26, 125, 163;
Naendrup, H., Zur Geschichte deutscher Grunddienstbarkeiten, 1900; Birzer, B.,
Altrechtliche Dienstbarkeit in der Oberpfalz, Diss. jur. Regensburg 1998
Dienstleistung ist die Leistung einesw
Dienstes für einen anderen durch einen.
Lit.: Dienstleistungen,
hg. v. Gilomen, H. u. a., 2007
Dienstmann ist im Mittelalter der durch Dienst allmählich in den Adel aufsteigende Unfreie. Dies ist sowohl im Dienst des Königs (Reichsdienstmann) wie auch im Dienst eines anderen Herrn möglich. Im 19. Jh. ist D. die Bezeichnung eines amtlich angestellten Gepäckträgers.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Loesch, H. v., Das kürzere
Kölner Dienstmannenrecht, ZRG GA 44 (1924), 298; Haendle, O., Die Dienstmannen
Heinrichs des Löwen, 1930; Bumke, J., Studien zum Ritterbegriff, 2. A. 1977;
Jendorff, A., Verwandte, Teilhaber und Dienstleute, 2003
Dienstrecht ist das
für eine Diensttätigkeit geltende Recht. Im Mittelalter gibt es für die
Dienstmannen eines Herrn verschiedentlich ein besonderes, manchmal schriftlich
niedergelegtes Recht (z. B. Limburg 1035, Bischof von Bamberg [1057-64], St.
Maximin bei Trier, Grafen von Ahr, Erzbischof von Köln [um 1154], Bischof von
Basel, Grafen von Tecklenburg), das mit dem Aufstieg der Dienstmannen in den
niederen Adel im allgemeinen Lehnrecht aufgeht. In der jüngeren Neuzeit ist
unter D. vor allem das Recht des öffentlichen d. h. staatlichen Dienstes zu
verstehen.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 104; Loesch, H. v.,
Das kürzere Kölner Dienstmannenrecht, ZRG GA 44 (1924), 298; Stech, L., Die
Dienstrechte von Magdeburg und Hildesheim, Diss. jur. Göttingen 1965
Dienstvertrag ist
der gegenseitige Vertrag, in dem sich der eine Teil (Dienstverpflichteter) zur
Leistung vereinbarter Dienste irgendeiner Art, der andere Teil
(Dienstberechtigter) zur Entrichtung der vereinbarten Vergütung verpflichtet.
Im klassischen römischen Recht gehört dieser Vertrag zu der Gruppe von
Verhältnissen, die in dem in seiner Vorgeschichte unklaren Konsensualkontrakt
(lat. )→ locatio conductio ([F.] Hinstellung - Mitführung)
zusammengefasst sind (→ locatio conductio operarum, locator ist Dienstnehmer,
conductor ist Dienstgeber, grundsätzlich auf bestimmte Zeit gegen Entgelt). Er
hat deswegen nur einen geringen Anwendungsbereich, weil die häufigen Dienste
der Sklaven auf Grund des Sklavenstatus erbracht werden und höhere Dienste
(lat. artes [F.Pl.] liberales) nicht durch Entgelt entlohnt, sondern durch
Ehrengaben (lat. [N.] honorarium) anerkannt werden. Auch im Frühmittelalter
werden Dienste am ehesten auf Grund grundherrschaftlicher Abhängigkeit oder
lehnsrechtlicher Verbindung geleistet. Diese personenrechtlichen
Abhängigkeitsverhältnisse werden nur in der hochmittelalterlichen Stadt durch
den D. ersetzt (Gesinde, Gesellen). In der frühen Neuzeit werden auch höhere
Dienste entgeltlich. Das 19. Jh. hebt die personenrechtlichen
Abhängigkeitsverhältnisse auf, regelt den D. im Wesentlichen römischrechtlich
und erhofft sich vom freien Spiel der Kräfte den gerechten Ausgleich (z. B. §§
611ff. BGB). Da dieser wegen der ungleichen Gewichtigkeit von Dienstgeber und
Dienstnehmer ausbleibt, entwickelt sich der besondere → Arbeitsvertrag
für das abhängige, fremdbestimmte Dienstverhältnis, so dass der D. sich auf
wenige Anwendungsfälle beschränkt.
Lit.: Kaser § 42; Söllner §§ 10, 17; Hübner; Köbler, DRG
45, 127, 166, 215, 240, 271; Gierke, O., Die Wurzeln des Dienstvertrages, FS H.
Brunner, 1914, 37; Ebel, W., Gewerbliches Arbeitsvertragsrecht im deutschen
Mittelalter, 1934; Schmelzeisen, G., Die Arbeitsordnungen in den jüngeren
Berggesetzen, ZRG GA 72 (1955), 111; Schröder, R., Zur Arbeitsverfassung des
Spätmittelalters, 1984; Amann, P., Abgrenzung und Anwendungsbereich von Dienstvertrag,
Werkvertrag und Auftrag in der Entstehungsgeschichte des Bürgerlichen
Gesetzbuchs, Diss. jur. Bielefeld 1987
Diepholz
Lit.: Moormeyer, W.,
Die Grafschaft Diepholz, 1938
Dies interpellat pro homine (lat., der Termin mahnt für den Menschen) ist eine Regel des Rechts des Verzugs, die sich für das klassische römische Recht nicht nachweisen lässt. Nach mittelalterlichem deutschem Recht muss der Schuldner eine Verbindlichkeit, deren Fälligkeit durch eine Zeitangabe bestimmt ist, an diesem Zeitpunkt erfüllen. Hieraus bildet der (lat.) → usus (M.) modernus pandectarum den Satz d. i. p. h., der jedoch nicht überall anerkannt wird. Der Code civil (1804) lehnt ihn ab.
Lit.: Kaser § 37 II; Hübner 556ff.; Liebs, D., Lateinische
Rechtsregeln, 7. A. 2007 (Gregor IX. um 1170-1241, Dekretalen 3, 18, 4, am
Ende)
Die Tat tötet den Mann (d.
h. der äußere Erfolg entscheidet, nicht die innere Einstellung).
Lit.: Deutsche Rechtsregeln und Rechtssprichwörter, hg. v.
Schmidt-Wiegand, R., 1996, 315 (Simrock 1846); Schildt, B., Die Tat tötet den
Mann, ZRG GA 114 (1997), 380
Dietrich von Bern → Theoderich
Dietrich von Bocksdorf →
Bocksdorf, Dietrich von
Dietrich von Nieheim
Lit.:
Dietrich von Nieheim, Viridarium imperatorum et regum Romanorum, hg. v.
Lhotsky, A. u. a., 1956
Differentienliteratur ist die ansatzweise schon in der Spätantike vorhandene, dann von den
Glossatoren verbreitete Vergleichsliteratur zwischen den unterschiedlichen,
gleichen Gerechtigkeitsgehalt ermöglichenden Lösungen verschiedener Rechte.
Dabei wird insbesondere das römisch-weltliche Recht mit dem kirchlichen Recht
oder mit den einheimischen Partikularrechten verglichen (z. B. Berhard Walther
1516-1584, Johann Baptist Suttinger 1662 [Consuetudines Austriacae], Nikolaus
Beckmann 1634-1689, Johann Weingärtler 1674, Benedikt Finsterwalder).
Lit.: Köbler, DRG 143; Fontana, A., Amphitheatrum legale,
1688, Neudruck 1961, Teil III, 13; Stintzing, R., Geschichte der populären
Literatur, 1867, Neudruck 1957; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren
europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 1,345
Differenzgeschäft ist das
auf der Preisdifferenz zweier zu unterschiedlicher Zeit geschlossener
Rechtsgeschädfte beruht,
Lit.: Duderstadt, D., Spiel, Wette und Differenzgeschäft
(§§ 762-764 BGB) in der Rechtsprechung des Reichsgerichts, 2007
Digesten (Durchgearbeitetes)
(oder Pandekten) sind (allgemein Gesatmdarstellungen [des römischen Rechts]
und besonders) die (9142 bzw. 9950 Fragmente) Auszüge aus (mehr als 200 von
fast 2000 noch vorhandenen) Schriften bzw. 1528 Büchern (wahrscheinlich 39)
klassischer Rechtskundiger des römischen Rechts, die (im Umfang von vielleicht
1000354 Wörtern) der oströmische Kaiser Justinian 530/533 unter Beseitigung der
unmittelbaren Geltung aller nicht erfassten Texte zum als Kompilation
entstandenen Gesetz erhebt (16. 12. 533 [Constitutio Tanta] bzw. 30. 12. 533).
Sie werden von einer Kommission vorbereitet, welcher der Rechtskundige und
Justizminister Tribonian vorsitzt und welcher die vier Professoren Dorotheus
und Anatolius aus Berytos (Beirut) sowie Theophilus und Cratinus aus
Konstantinopel, der magister officiorum und elf Anwälte angehören. Über die
erstaunlich rasche Arbeitsweise besteht keine völlige Klarheit, doch wird seit
Bluhme (1820) davon ausgegangen, dass die Kommission in (4) Untergruppen
einzelne Stoffmassen (Sabinusmasse aus den Kommentaren zum ius civile,
Ediktmasse aus den Ediktskommentaren, Papinianmasse aus den Werken der
Spätklassiker, Appendixmasse) vielleicht auf Grund schon vorhandener
vergleichender Literatur verwertet und dabei mehr als 2000 Schriften (mit
3000000 versus [Zeilen]) zumindest mittelbar berücksichtigt. Im Vordergrund
stehen Rechtskundige der klassischen Zeit (Ulpian [2/5], Paulus [1/5],
Papinianus, Gaius und Modestinus [zusammen 1/5]). Vermutlich sind etwa 5-7%
(bzw. 5-10%) dessen aufgenommen, was zur Zeit Justinians von den Schriften der
Rechtskundigen noch vorhanden ist. Die Reihenfolge schließt sich an das
prätorische Edikt an. Das Gesamtwerk ist in 50 Bücher (mit 432 Titeln und
150000 versus) gegliedert (Buch 1 Rechtsquellen, Bücher 2 bis 46 das Privatrecht,
Bücher 47, 48 Strafrecht, Buch 49 Appellation Buch 50 Verwaltungsrecht und
Bedeutung von Wörtern). Die sachlichen, teilweise allerdings schon vor
Justinian erfolgten Eingriffe in die Schriften werden in der Neuzeit als →
Interpolationen bezeichnet, deren Umfang streitig ist. Die wohl wegen ihrer
Schwierigkeit zwischen 603 und 1076 (erste Wiedererwähnung) im Westen kaum
erwähnten D. sind in (zwei) Handschriften des 6. oder frühen 7. Jh.s (907
Blätter umfassende, in zwei Bände 1-29 und 30-50 getrennte, vermutlich in Konstantinopel/Byzanz
im 6. oder frühen 7. Jahrhundert zweispaltig geschriebene, spätestens im 9.
oder 10. Jh. in Italien liegende, im späteren 11. Jh. in Süditalien wiederentdeckte,
wahrscheinlich 1155 von Amalfi nach Pisa – littera Pisana –, 1406 von Pisa nach
Florenz gebrachte (Codex Florentinus) und 1553 erstmals gedruckte Handschrift)
und 11. Jh.s (verlorene, von der Florentina abhängige, aber nach einer von
dieser unabhängigen Vorlage durchkorrigierte, vielleicht in der zweiten Hälfte
des 11. Jh.s möglicherweise in Süditalien geschaffene Stammform [Codex
Secundus] der in drei Teile geteilten Vulgathandschriften) sowie drei
Fragmenten des 7./8. Jh.s und zwei Fragmenten des 9. Jh.s (insgesamt
dreigeteilt in Digestum vetus 1-24,2, Digestum infortiatum 24,3-38,2 und
Digestum novum 39-50) überliefert. Diese Quellen ermöglichen die Aufnahme
(Rezeption) der Gedankenwelt der römischen Rechtskundigen im Mittelalter.
Zitiert werden die D. nach Buch, (meist) Titel, Fragment (oder Gesetz) (lat.
[F.] lex) und Anfang (lat. [N.] principium = eigentlich Paragraph 1) bzw.
Paragraph (der zweite Abschnitt wird als § 1 gezählt) (z. B. D. 8,3,23,2,
früher [als ff.] nach Titelrubrik und Anfangsworten der Fragmente).
Lit.: Kaser §§ 1, 2; Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 43;
Söllner §§ 22, 23; Kroeschell, DRG 1, 3; Köbler, DRG 50, 53, 105; Digestorum
seu pandectarum libri quinquaginta, hg. v. Haloander, G., 1529, Neudruck 2004;
Digestorum seu Pandectarum libri quinquaginta, 1553, Neudruck 2004; Digesta et
Institutiones, rec. Gebauer, G./Spangenberg, G., 1776, Neudruck 2004; Bluhme,
F., Die Ordnung der Fragmente in den Pandektentiteln, ZRG 4 (1818), 257;
Kantorowicz, H., Über die Entstehung der Digestenvulgata, ZRG RA 30 (1909),
183ff., 31 (1910), 14ff.; Schulz, F., Einführung in das Studium der Digesten,
1916; Krüger, H., Die Herstellung der Digesten Justinians, 1922; Schindler, K.,
Justinians Haltung zur Klassik, 1966; Archi, G., Giustiniano legislatore, 1970;
Honoré, T., Tribonian, 1978; Kaser, M., Ein Jahrhundert Interpolationenforschung,
SB. d. Akad. d. Wiss. Wien 1979; Digesten 1-10, hg. v. Behrends, O. u. a.,
1995; Lange, H., Römisches Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997; Digesten 11 – 20,
hg. v. Behrends, O. u. a., 1999; Digesten 21-27 2005
Digestum (N.) infortiatum
(lat., gestärktes bzw. geschwächtes bzw. unter Verschluss gehaltenes bzw. in
Kraft gesetztes Durchgearbeitetes) sind die Bücher 24,3 bis 38 der
Vulgatafassung der → Digesten, wobei das in D. 38, 2, 82 beginnende
Schlussstück tres partes (lat. [F.Pl.] drei Teile) heißt.
Lit.: Accursii Glossa in Digestum vetus, in Digestum
infortiatum, in Digestum novum, in Codicem, in Volumen, 1487ff.; Wouw, H. van
de, Zur Textgeschichte des Infortiatum, Ius commune 11 (1984), 231; Whitman,
J., A Note on the medival Division, TRG 59 (1991), 269
Digestum (N.) novum (lat.,
neues Durchgearbeitetes) sind die Bücher 39-50 der Vulgatafassung der →
Digesten.
Digestum (N.) vetus (lat.,
altes Durchgearbeitetes) sind die Bücher 1-24,2 der Vulgatafassung der →
Digesten.
Dijon ist als
gallorömisches Divio im 2. Jh. n. Chr. nachweisbar. 1182 erlangt es unter den
Herzögen von Burgund Stadtrecht. 1477 gelangt es an Frankreich und erhält 1737
eine Universität.
Lit.: Humbert, F., Les finances municipales de Dijon, 1961;
Didier, P., Les statuts de métier à Dijon aux 14e et 15e siècles, ZRG GA 94
(1977), 63; Histoire de Dijon, hg. v. Gras, P., 1981
Diktatur ist im altrömischen Recht das Amt eines von einem → Konsul in einer Notlage für eine streng befristete Zeit ernannten außerordentlichen Mag