… für deutsche Geschichts- und Quellenforschung. 150 Jahre Historische Kommission bei der bayerischen Akademie der Wissenschaften, hg. v. Gall, Lothar. Oldenbourg, München 2008. 382 S. Ill. Besprochen von Gerhard Köbler.

 

 

Bereits im Jahre 1836 stieß Leopold Ranke (Wiehe 1795-Berlin 1886), 1818 Gymnasiallehrer in Frankfurt an der Oder, 1825 außerordentlicher Professor in Berlin und seit 1832 Mitglied der preußischen Akademie der Wissenschaften bei seinen Vorarbeiten für eine moderne deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation im Stadtarchiv Frankfurt am Main auf 96 Foliobände mit Materialien zu den deutschen Reichstagen seit dem Spätmittelalter, sah aber keine unmittelbare Möglichkeit ihrer umfassenden Verwertung. 1857 suchte König Maximilian II. Joseph von Bayern (München 1811-München 1864), der von 1829 bis 1831 in Göttingen und Berlin bei Friedrich Dahlmann, Arnold Heeren, Friedrich von Raumer und Leopold Ranke Vorlesungen vor allem in Geschichte gehört hatte, 1830 Ehrenmitglied der bayerischen Akademie der Wissenschaft geworden war und 1854 Leopold von Ranke in seine Sommerresidenz in Berchtesgaden eingeladen hatte, nach weiteren Möglichkeiten der Förderung von Wissenschaft und Kunst. Über den in München wirkenden Rankeschüler Heinrich von Sybel (Düsseldorf 1817-Marburg 1895) fanden die beiderseitigen Interessen 1858 in der historischen Kommission bei der bayerischen Akademie der Wissenschaften zusammen, der Leopold von Ranke von der Gründung bis 1886 vorstand.

 

Nach fünfundzwanzigjähriger Tätigkeit gab die Kommission 1883 eine Denkschrift heraus. 1958 legte sie Rechenschaft über hundert politisch bewegte Jahre ab, 1984 über die Zeit zwischen 1858 und 1983. Zwei weiteren Werken über den Präsidenten Franz von Schnabel (1988) und die historische Kommission (1995) sowie jährlichen Berichten seit 2002 folgt nun eine wissenschaftliche Würdigung von 150 Jahren Wirken für deutsche Geschichts- und Quellenforschung durch die besten Sachkenner.

 

Das mit 45 Abbildungen geschmückte, vielleicht doch fragwürdig modisch statt kennzeichnend sachlich betitelte Buch gliedert sich in 9 Abhandlungen, die im Wesentlichen chronologisch geordnet sind. Ihnen schließen sich wertvolle Verzeichnisse an. Erschlossen wird der gesamte, Anmerkungen nutzerfeindlich leider an das Ende der jeweiligen Beiträge stellende Band durch sorgfältige Register.

 

Das informative Werk eröffnet als Präsident Lothar Gall mit einem detaillierten, behutsam abwägenden Bericht über 150 Jahre Mühen und Erfolge. Er sieht die historische Kommission als bedeutendste und größte akademische Körperschaft, die sich Editionen und Forschungen auf dem gesamten Gebiet der deutschen Geschichte vom 14. Jahrhundert bis zur unmittelbaren Zeitgeschichte widmet  und dafür Maßstäbe setzt. Ihre Lage in den Jahren 1858 wie 2008 vergleicht er mit einer Brücke zwischen einer radikal veränderten Gegenwart und der rasch versinkenden Vergangenheit, um auf diese Weise einen Weg in die Zukunft zu finden.

 

Danach widmet sich Rudolf Schieffer den verschiedenen Aktivitäten der Kommission zur mittelalterlichen Geschichte, für welche die bayerische Einrichtung hinter der 1819 vom Reichsfreiherrn vom Stein gegründeten Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde grundsätzlich zurücktreten und sich im Wesentlichen tatsächlich mit dem ausgehenden Mittelalter begnügen musste. Die dabei von Anfang an im Mittelpunkt stehenden Reichstagsakten erörtert Eike Wolgast sehr umsichtig. Bereits 1863 beginnt für ihn dabei die Zeit der Ankündigungen, Verschiebungen und Vertröstungen, für die grundsätzliche Unterschätzungen ebenso bezeichnend sind wie das vielfältige Schwanken zwischen umfassender Reichsgeschichte und eigentlicher Reichstagsgeschichte.

 

Helmut Neuhaus widmet sich der Territorial- und Herrschergeschichte als Reichsgeschichte im 16. und 17. Jahrhundert. Heinz Duchhardt behandelt unter der Frage nach einer vernachlässigten Epoche die wissenschaftlichen Aktivitäten zum „langen“ 18. Jahrhundert. Das dafür angedachte Projekt der Reichstagsabschiede ließ sich bedauerlicherweise bisher nicht verwirklichen.

 

Interesse an der jüngern Geschichte zeigte sich erst im späteren 20. Jahrhundert. Dieter Langewiesche schildert dies in Zusammenhang mit sozialgeschichtlichen Editionsprogrammen und den Widrigkeiten ihrer Realisierung. Klaus Hildebrand geht ausführlich auf die Akten der Reichskanzlei und die bayerischen Ministerratsprotokolle ein.

 

Hans Günther Hockerts stellt schließlich den langwierigen Weg vom nationalen Denkmal zum biographischen Portal vor. Dafür bietet er eine ausführliche Geschichte der 1858 begonnenen Allgemeinen Deutschen Biographie (1875-1912, rund 26300 Artikel etwa 1850er Autoren) mit allen Vorzügen und Schwächen. Für die 1943 begründete, vielleicht 2017 abgeschlossene Neue Deutsche Biographie sind zwar etwa 140000 Namen in einer Dokumentation erfasst, doch ist die ideale Vermittlung der daraus erfolgenden 10-13prozentigen Auswahl in der Welt der Digitalität wohl bisher noch nicht gelungen.

 

Am Ende verzeichnet Karl-Ulrich Gelberg mit dem für diese raschlebige Welt vielleicht doch etwas überraschenden Stand Mai 2007 knapp 180 Gelehrte als ordentliche Mitglieder (Albrecht, Andreas, Angermann, Angermeier, Arneth, Aretin, Aubin, Bächtold, Baethgen, Baumgarten, Beckmann, Below, Beumann, Bezold, Bittner, Blaschke, Boehm, Bonjour, Borchardt, Bosl, Brackmann, Brandenburg, Brandi, Braubach, Brentano, Brunner Otto, Bußmann, Chmel, Conze, Cornelius, Dehio, Doeberl, Döllinger, Dopsch, Dove, Droysen, Druffel, Duchhardt, Dümmler, Erdmann, Erdmannsdörffer, Ernstberger, Esch, Faber, Fester, Finke, Föringer, Fried Johannes, Friedrich, Fuchs, Fuhrmann, Gall, Giesebrecht, Goetz, Gollwitzer, Grabmann, Grauert, Griewank, Grimm Jacob, Grundmann, Günter, Guggisberg, Guttenberg, Häusser, Hahn, Hansen, Hartung, Hauck, Haussherr, Heckel Martin, Heckel Rudolf von, Hegel, Hehl, Heigel, Heimpel, Herzfeld, Hildebrand, Hillgruber, Hockerts, Holtzmann, Huber, Joachimsen, Kehr, Kellenbenz, Kluckhohn, Kölzer, Koselleck, Koser, Krause Hermann, Kühn, Langewiesche, Lanzinner, Lappenberg, Leidinger, Liliencron, Löher, Lossen, Lutz, Maenner, Marcks, Maschke, Maurer Georg Ludwig von, Maurer Konrad, Mayr, Meinecke, Meuthen, Meyer, Meyer von Knonau, Möller Horst, Moraw, Morsey, Müller Heribert, Müller Karl Alexander von, Muffat, Nabholz, Näf, Neuhaus, Nipperdey, Oexle, Oncken, Paravicini, Pertz, Planck Wilhelm von, Pölnitz, Preger, Quidde, Ranke, Rassow, Redlich, Repgen, Riezler, Ritter Gerhard, Ritter Gerhard A., Ritter Moriz, Rockinger, Rothfels, Rudhart, Scheffer-Boichorst, Schieder, Schieffer Rudolf, Schieffer Theodor, Schnabel, Schramm, Schubert Friedrich Hermann, Schulte, Schulze Winfried, Schwinges, Sickel, Spindler, Spruner von Merz, Srbik, Stadelmann, Stadler, Stälin, Stieve, Stolberg-Wernigerode, Stollberg-Rilinger, Stourzh, Strieder, Sybel, Szöllösi-Janze, Tellenbach, Wackernagel, Wagner, Waitz, Walter, Wandruszka, Wattenbach, Wegele, Weis, Weizsäcker Julius, Wengenroth, Willoweit, Winkler Heinrich August, Winter, Wittram, Wolgast, Wyss, Zorn). Ihre glanzvollen Namen zeigen das große Interesse an der trotz ihrer schwierigen organisatorischen Struktur wichtigen und erfolgreichen Einrichtung. Sie lassen freilich auch klar erkennen, dass Ideen jeweils die eine Seite und Erscheinungen dann die andere Seite sind und dass die großen Ideen der führenden Köpfe in der Umsetzung deutlich von den stets zu geringen Mitteln für die von meist wenig gesicherten ausführenden Kräften bewirkten Erscheinungen abhängig sind, wenngleich rund 625 Publikationen von etwa 40 unterschiedlich langlebigen Abteilungen auch in einem Zeitraum von 150 Jahren ein zu Stolz berechtigendes Ergebnis sind, so dass auf der Grundlage des umfassenden, informativen Sachberichts Glückwunsch und Dankbarkeit für große Leistungen angebracht sind.

 

Innsbruck                                                                                           Gerhard Köbler