Kelichhaus, Stephan, Goslar um 1600 (= Goslarer Forschungen zur Landesgeschichte 6). Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2003. 252 S., 3 Kart. Besprochen von Hans-Michael Empell.

 

Die Untersuchung, eine von Ernst Schubert betreute, von der philosophischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen 1998 angenommene Dissertation, ist folgendermaßen aufgebaut: Nach einer Einleitung, in der sich der Verfasser zu Thema, Methode und Quellen der Untersuchung äußert, folgen Abschnitte unter der Überschrift „Reichsstadt Goslar um 1600“ und „Chronik vor dem Krieg“ (die bis 1622 reicht). Behandelt werden ferner der Rat und die Bürgerschaft, die Wehrverfassung sowie die Brandschutzorganisation. Der ausführlichste Abschnitt betrifft das Wirtschaftsleben und gliedert sich in die Unterabschnitte „Kapitalkonzentrationen“, „Existenzringen“ und „Überlebensversuche und Konsequenzen der Armut“. Abschnitte über die Armenpflege und das Hospitalwesen folgen. Schließlich werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst. Danach hat Goslar seine politische Selbständigkeit gegenüber dem benachbarten Landesherrn, dem Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, in dem behandelten Zeitraum behaupten können. Die Stadt habe zwar unter steigender Finanznot gelitten. Die politische Elite habe aber von der Entwicklung profitiert. Die übrigen Bürger hätten ebenfalls Gewinne erzielt, am meisten die Unternehmer und Fernhändler, aber auch die Handwerker, Luxusausstatter und die Geschäftsinhaber für Waren des täglichen Bedarfs. In den Unterschichten sei dagegen ein Verarmungsprozess nachzuweisen, der bis unter die Hungergrenze geführt habe. Der Band wird abgeschlossen durch ein Personenregister. Beigefügt sind drei Karten, darunter ein Stadtplan für die Zeit um 1600 und eine „Berufstopographie“.

 

Die Abhandlung verfolgt nicht nur den Zweck, ein Panorama der Stadt um 1600 zu zeichnen, wie der Titel nahe legt, sondern dient auch zur Begründung einer These: Traditionell werde die Ansicht vertreten, die frühe Neuzeit sei für Goslar eine Epoche des wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs gewesen. Insbesondere der 1552 zwischen dem Rat der Stadt und Herzog Heinrich dem Jüngeren von Braunschweig-Wolfenbüttel geschlossene Vertrag, durch den der Herzog die Territorialhoheit über das bis dahin zu Goslar gehörende Rammelsberger Montanrevier übernommen habe, sei als eine Ursache des Niedergangs auszumachen. Der Verfasser stellt diese Auffassung in Frage, grenzt jedoch sein Thema ein: Er konzentriert sich auf die Entwicklung der Jahre 1575 bis 1625 und gelangt zu dem Ergebnis, die Niedergangsmetaphorik solle über eine Stadtgesellschaft voller Konflikte und Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen. Goslar sei eine Stadt des wachsenden Gegensatzes von Arm und Reich gewesen. Der Verfasser kann die von ihm formulierte These für den untersuchten Zeitraum gut belegen.

 

Heidelberg                                                                              Hans-Michael Empell