Backes, Uwe, Politische Extreme. Eine Wort- und Begriffsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart (= Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung 31). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006. 310 S., 12 Ill., graph. Darst. Besprochen von Martin Moll.

 

Die Erforschung wort- und begriffsgeschichtlicher Zusammenhänge steht unter Historikern derzeit hoch im Kurs. Es bedurfte hierfür aber gar nicht eines „linguistic turn“ in den Sozialwissenschaften: Bereits das von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck in den 1970-er Jahren herausgegebene, mehrbändige Lexikon „Geschichtliche Grundbegriffe“ verfolgte dezidiert die Absicht, das Bewusstsein für das Gewordensein der Terminologie sowohl der Wissenschaften als auch insbesondere der politischen Sprache zu schärfen bzw. überhaupt erst zu wecken. Von diesem monumentalen Anstoß und seinen Materialsammlungen zehrt die Historiographie noch heute. Es herrscht Einigkeit, dass zum einen die Bedeutungsverschiebungen innerhalb der politisch-sozialen Sprache bzw. das Auftauchen von Neologismen per se ein lohnendes Untersuchungsfeld darstellen, und dass zum anderen die Begriffsgeschichte wertvolle Einsichten in den historischen Prozess selbst gestattet – Einsichten, die anderen Zugängen oft verschlossen bleiben müssen.

 

Uwe Backes sieht sich selbst in dieser Tradition stehend. Angesichts seiner zahlreichen Studien zum politischen Extremismus im Nachkriegsdeutschland muss es folgerichtig erschienen sein, eine Geschichte jenes Begriffs folgen zu lassen, der spätestens seit den „Radikalen-Erlassen“ der 1970-er und 80-er Jahre in aller Munde ist. Das Wort in seinen verschiedenen Abwandlungen (extrem, extremistisch sowie die entsprechenden Substantive), in steter Konkurrenz, teilweise auch in synonymer Verwendung mit „radikal“ hat erst vergleichsweise spät, nämlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in den deutschen Wortschatz Einzug gehalten. Erst damals wurde es zu dem, was es bis heute geblieben ist: Einem (aus liberaler Sicht) Stigmawort für jene, die den konstitutionellen Konsens in Frage stellen oder gar grundsätzlich ablehnen. Daran hat sich nur geändert, dass das liberale Ziel einer Konstitution nach 1945 durch die freiheitlich-demokratische Grundordnung ersetzt wurde, ohne dass dies einem tiefgreifenden Austausch gleichkommen würde.

 

Backes holt weit aus: Wenn er in der Antike beginnt, so bleibt es nicht bei einleitenden Streifzügen durch die vor allem griechische Philosophie. Vielmehr legt der Verfasser dar, wie sehr das antike Streben nach dem rechten Maß, die Verherrlichung der Mäßigung gleichsam den Kontrapunkt abgaben zur Konstruktion extremer Pole, denen dieses rechte Maß eben gerade fehlte. Damit war ein bis heute gültiges Schema geboren, das eine wie auch immer definierte Mitte meistens zwei extremen Polen gegenüberstellte. Das antike Ideal einer Mischverfassung bildete so das positive Gegenbild zu den schon damals abgelehnten Extremen, worunter in politischer Hinsicht die Herrschaftsformen der Tyrannis und der Monarchie ebenso verstanden wurden wie die schrankenlose, leicht in Anarchie abgleitende Demokratie. Schon Platon hatte die Maßethik mit der Verfassungslehre verbunden und bei Aristoteles findet sich der später in England und seit der Aufklärung auch auf dem europäischen Kontinent weit verbreitete Gedanke von checks and balances, somit einer Art Gewaltenteilung, angedeutet (S. 52). Zumindest die ersten fünf seiner insgesamt zehn Großkapitel widmet Backes daher mehr der Diskussion um die richtige Verfassung der Mitte als deren extremen Widerparts, die streckenweise etwas aus dem Blick geraten.

 

War der erste Abschnitt noch stark auf das antike Griechenland und dann auf Rom konzentriert, so erweitert Backes den geographischen Rahmen seiner Studie, indem er die universale Rezeption der Klassiker während des Mittelalters darstellt. An diesem weiten Horizont hält das Buch bis zum Ende fest, so dass es sich keineswegs nur um eine Geschichte der deutschen Begrifflichkeit handelt. So erhielt der Extremismusdiskurs etwa im späten 18. Jahrhundert wesentliche Impulse aus den gerade gegründeten USA, bald darauf aus dem revolutionären Frankreich und nach dem Umsturz von 1917 aus Russland, bevor wenige Jahre später Mussolinis Machtergreifung in Italien den rechten Extremismus stärker ins Rampenlicht rückte.

 

Diese wahrhaft globale Sicht beeindruckt den Leser ebenso wie die unglaubliche Fülle herangezogener Quellen, die der Verfasser subtil deutet und in ihren jeweiligen historischen Kontext stellt, dabei stets die Querverbindungen eines europäischen, wenn nicht weltweiten Gelehrtendiskurses mit wechselseitigen Beeinflussungen herausstreichend. Allerdings hätte man sich gewünscht, dass die lateinischen, französischen und italienischen Zitate in deutscher Übersetzung gebracht worden wären, was nicht durchgängig der Fall ist.

 

Backes zeigt nicht nur die Wandlungen des Extremismus-Begriffs detailliert auf, sondern außerdem dessen Verhältnis zu verwandten Termini, neben „Radikalismus“ neuerdings auch „Fundamentalismus“. Was auf den ersten Blick als synonym erscheint, gewinnt so scharfe Konturen. Ferner geht Backes auf fallweise Versuche (etwa des NS-Regimes) ein, den Attributen „radikal“ und „extrem“ ihren pejorativen Charakter zu nehmen und sie im Sinne eigener Entschlossenheit positiv umzudeuten.

 

Diese präzise gearbeitete Studie ist nicht immer leicht zu lesen, vielmehr fordert sie vom Leser höchste Aufmerksamkeit, um dem Autor auf seiner Spurensuche durch rund 2.500 Jahre der Weltgeschichte zu folgen. Allerdings bietet er mit seiner konsequenten Ableitung des Begriffs politischer Extreme von der altgriechischen Maßethik einen roten Faden, der die Orientierung erleichtert. Backes hat ein faszinierendes und ungemein materialreiches Buch vorgelegt, das jeder an der Entwicklung politischer Sprache Interessierte mit großem Gewinn studieren wird.

 

Graz                                                                                                                          Martin Moll