Schindler, Frank, Paulus van Husen im Kreisauer Kreis. Verfassungsrechtliche und verfassungspolitische Beiträge zu den Plänen der Kreisauer für einen Neuaufbau Deutschlands (= Rechts- und staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft N. F. 78). Schöningh, Paderborn 1996. 232 S.

 

Trott zu Solz, Levin von, Hans Peters und der Kreisauer Kreis. Staatslehre im Widerstand (= Rechts- und staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft N. F. 77). Schöningh, Paderborn 1997. 200 S.

 

Schwerin, Franz Graf von, Hellmuth James Graf von Moltke. Im Widerstand die Zukunft denken. Zielvorstellungen für ein neues Deutschland (= Rechts- und staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft N. F. 86). Schöningh, Paderborn 1999. 212 S.

 

Ellmann, Michaela, Hans Lukaschek im Kreisauer Kreis. Verfassungsrechtliche und verfassungspolitische Beiträge zu den Plänen des Kreisauer Kreises für einen Neuaufbau Deutschlands (= Rechts- und staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft N. F. 88). Schöningh, Paderborn 2000. 200 S.

 

Schott, Andreas, Adam Trott zu Solz – Jurist im Widerstand. Verfassungsrechtliche und staatspolitische Auffassungen im Kreisauer Kreis (= Rechts- und Staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft N. F. 96). Schöningh, Paderborn 2001. 229 S.

 

In dem sogenannten „Kreisauer Kreis“ hatten sich in den Jahren 1940 bis 1944 Gegner des nationalsozialistischen Regimes zusammengefunden, um über die „Neuordnung  im Widerstand“ (Ger van Roon) nachzudenken und in intensiver Diskussion Grundsätze für die zukünftige Gestaltung Deutschlands (und Europas!) nach dem Kriege zu entwickeln. Sie kamen aus den verschiedensten Kreisen und Berufen, konservativem, aber aufgeschlossenem Adel ebenso wie der Arbeiterschaft, von katholischer wie evangelischer Seite, teils mit gewichtiger Berufserfahrung aus der Weimarer Zeit. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 (das sie überwiegend ablehnten) wurden viele verhaftet und meist hingerichtet; einige überlebten und konnten das Gedankengut in den Aufbau der Bundesrepublik Deutschland einbringen.

 

Der Kreisauer Kreis ist eine der am besten erforschten Gruppen des deutschen Widerstandes gegen Hitler, insbesondere durch die gewichtigen Arbeiten Ger van Roons und Hans Mommsens, aber auch durch das unermüdliche Wirken der Witwen, Freya von Moltkes und Clarita von Trott zu Solz’ insbesondere, und die Zeugnisse anderer Überlebender. Damit, könnte man meinen, ist alles gesagt. Die dauernde Faszination, die von dieser Gruppe ausgeht, besteht in ihrem Grundanliegen, für die Zeit nach dem Ende des (was sie voraussahen) verlorenen Krieges ein neues Deutschland zu planen. So hat der Staatsrechtler Ulrich Karpen im Jahre 1995 in Hamburg eine Fachtagung veranstaltet, die (aufbauend auf ein Doktorandenseminar) den verfassungspolitischen Vorstellungen des Kreisauer Kreises gewidmet war[1]. Daraus sind inzwischen fünf Dissertationen hervorgegangen, jeweils einen der Juristen würdigend, die dem Kreis angehörten. Der Forschungsansatz geht also aus von den einzelnen Personen und ihren spezifischen Beiträgen zu den Überlegungen des Kreises, nicht von dessen Diskussionen und ihren Ergebnissen, hinter denen die beitragenden Personen zurücktreten. Diese Arbeiten sind höchst verdienstlich, wenngleich auch durch die Einzelbetrachtung das Zusammenwirken der Personen nicht ins volle Licht dringt; sie  bringen auch nur Kurzbiographien und machen damit deutlich, dass sie allenfalls Beiträge zu einer Biographie sein wollen. Dankenswert ist ihre Förderung durch die Stiftung Volkswagenwerk und die Konrad-Adenauer-Stiftung sowie die Görres-Gesellschaft. Im Mittelpunkt der Veröffentlichungen steht die Arbeit über Helmuth James Graf von Moltke  (geboren 1907), dessen schlesisches Gut dem Kreis den Namen gegeben hat; zu seiner Altersgruppe gehört Adam von Trott zu Solz. Beide sind 1944/1945 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Die Arbeiten über Hans Peters, Hans Lukaschek und Paulus van Husen sind Persönlichkeiten gewidmet, die schon vor 1933 Berufserfahrung gewonnen hatten, durchweg vom politischen Katholizismus und praktischer politischer Tätigkeit in der Zentrumspartei geprägt und besonders profiliert; da sie das Morden überlebt haben, konnten sie nach 1945 in der CDU politisch wirksam werden.  Schade, dass im Rahmen dieses Forschungsprojektes nicht auch die Beiträge der anderen Juristen des Kreisauer Kreises (Peter Graf Yorck von Wartenburg, Hans-Bernd von Haeften, Carl Dietrich von Trotha und Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg) besonders gewürdigt worden sind. Die Dissertationen sind – gerade angesichts der zum Teil schwierigen Quellenlage - solide und verlässlich aus den Quellen gearbeitet, auch (mit Ausnahme derjenigen über Lukaschek) durch Register gut erschlossen. Sie sind wichtige Beiträge zur Forschung, aber es wird weitergearbeitet werden müssen.

 

Helmuth James von Moltke, damals Mittdreißiger, der schon in jungen Jahren, besonders aber während seines Studiums, vielfältige Kontakte, auch in das englischsprachige Ausland, entwickelt hatte, nutzte diese, um immer wieder mit vielen Gleichgesinnten, vor allem seinem etwas älteren Nachbarn und Freund Peter Graf Yorck von Wartenburg, über die politische Entwicklung zu sprechen. Er selbst legte grundlegende Gedanken in einigen Denkschriften nieder und bat auch andere um schriftliche Ausarbeitungen. Sie wurden in Berlin, Kreisau und Umgebung in kleinen und größeren Gruppierungen erörtert und sind dann auch 1942 und 1943 in drei großen Zusammenkünften im Kreisauer Berghaus eingehend diskutiert worden. Moltke, der aus christlicher Überzeugung Attentatspläne ablehnte, ging aus von der Notwendigkeit geistiger, gesellschaftlicher und staatlicher Neuordnung, nachdem „Deutschland ... besiegt“ ist. Für ihn war es daher eine zentrale Aufgabe, „Vorbereitungen für den Zeitpunkt des <als sicher angenommenen> Falles des Regimes zu treffen“. Ziele sollten sein „das Ende der Machtpolitik, ... des Nationalismus, ... des Rassegedankens, der Gewalt des Staates über den Einzelnen“. Nachdem Moltke, Initiator und Motor des Kreises, im Januar 1944, fast zufällig, verhaftet worden war, kam die systematische Arbeit des Kreises zum Erliegen. Einzelne seiner Mitglieder, insbesondere Yorck und Trott, knüpften nun engere Verbindungen zu anderen Widerstandsgruppen.

 

Adam von Trott zu Solz, etwas jünger als Moltke, Legationsrat im Auswärtigen Amt, gehörte seit 1940/41 zum engeren Kreisauer Kreis. Auch er hatte vielfältige Auslandskontakte, nach Großbritannien (wo er auch studiert hatte), Ostasien, den USA. Seine Grundauffassungen leiten sich von umfassenden philosophischen Studien her, insbesondere der Beschäftigung mit Hegels und chinesischer Staatsphilosophie, mit Marx und dem Naturrecht. Seine Gedanken zur Selbstverwaltung, hergeleitet vom Freiherrn vom Stein, begegnen sich mit Moltkes Überlegungen zu den für ihn so grundlegenden „kleinen Gemeinschaften“. Seine Entscheidung für Widerstand gegen das Regime fiel früh (1933): „Der Dienst an den Rechten des Einzelnen ... ist mir ungleich wichtiger als der Dienst am ,Staat’ (der zur Willkür geworden ist)“. Er zielte von Anfang an auf politisches Handeln mit seinen freilich erfolglosen Missionen zur Verhinderung und später zur Begrenzung des Krieges wie auch mit dem späteren engen Zusammenwirken mit Stauffenberg an dessen Attentats- und Staatsstreich-Plänen. In den Kreisauer Diskussionen vertrat Trott vor allem die europäischen und internationalen Dimensionen, politisch wie wirtschaftlich, trug aber auch bei zu den Grundlagen des Staatsaufbaus und der Wirtschaftsordnung.

 

Die Persönlichkeiten, denen die drei weiteren Arbeiten gelten, gehören zu den älteren Kreisauern, die – anders als Moltke, Yorck und Trott – dem politischen Katholizismus zugehörten. Hans Peters hatte sich nach Tätigkeiten in der Verwaltung 1925 in Breslau für Staats- und Verwaltungsrecht habilitiert und engagierte sich dort nicht nur für den Weimarer Staat, sondern auch sozialpolitisch – mit einigen späteren Kreisauern - in der „Löwenberger Arbeitsgemeinschaft“ um den Breslauer Professor Eugen Rosenstock-Huessy. Ausgehend von seinen Lehren zur Selbstverwaltung, zum Rechtsstaat und – kritisch gegenüber Carl Schmitt und Ernst Forsthoff – zum Totalen Staat wurde der (seit 1928) Berliner Professor zum willkommenen Mitglied der Kreisauer, auch im Hinblick auf seine starke Verwurzelung in der katholischen Kirche. Er leistete wichtige Beiträge zu Fragen des Staatsaufbaus und der Kultur, auch in Zuarbeit zu Ausarbeitungen Moltkes gerade in der Anfangszeit des Kreises. In praktischer Politik hatte sich dagegen Hans Lukaschek bereits bewährt, als Bürgermeister und als Landrat sowie als Oberpräsident von Oberschlesien. Er konnte im Kreis seine Kenntnis des katholischen Naturrechts und seine  Erfahrungen aus Verwaltung, Minderheiten- und Bildungspolitik einbringen. Der Westfale Paulus van Husen, zunächst Verwaltungsjurist, war seit 1927 (bis 1934) Nachfolger Lukascheks als deutsches Mitglied der Gemischten Kommission für Oberschlesien, sodann Richter am Preußischen Oberverwaltungsgericht und am Reichsverwaltungsgericht. Seine Beiträge im Kreis betrafen, ausgehend von strenger Rechtsstaatlichkeit, insbesondere die Fragen des Minderheitenschutzes, der Bildungspolitik, des Rechtsschutzes durch Verwaltungsgerichte und die strafrechtliche Ahndung von Kriegs- und NS-Verbrechen.

 

Zur Bestimmung des Ortes des Kreisauer Kreises in der deutschen Rechtsgeschichte ist  festzuhalten, daß sich im nationalsozialistischen Unrechtsstaat kritische Menschen zusammenfanden, eben auch Juristen, denen das Beharren auf dem, was sie an rechtlichen Grundlagen gelernt und erfahren hatten, wichtig und bedeutsam blieb: Freiheit, Menschenrechte, Rechtsstaat, Demokratie, Deutschlands Einbindung in Europa und die  Weltgemeinschaft. Von daher können sie über die Zeiten hinweg vorbildhaft sein für Prinzipientreue und gegen Konformismus, handelnd sogar im Widerstand gegen den Staat, in dem sie lebten und arbeiteten. Für diesen nationalsozialistischen Staat war ihr Handeln nutzlos, ja gefährdend, aber ihre Überlegungen für eine Neugestaltung Deutschlands nach dem Krieg (dessen Verlust sie voraussahen) ohne Hitler und den Nationalsozialismus bleiben wichtige Zeugnisse eines anderen Denkens, das in dem Handeln einiger Überlebender mit hineingewirkt hat in den Bau eines neuen Staates und seiner Institutionen. Vielleicht ist dies auch ein Zusammenhang, den der Rechtshistoriker Eugen Rosenstock-Huessy – den man einmal den „Erzvater des Kreisauer Kreises“ genannt hat – weit vorher (1919) gemeint hat, als er hatte „die Hoffnung durchblicken lassen, es möge einmal eine Rechtsgeschichte geben, in der von der Bewältigung des Unrechts die Rede sein werde“.

 

Bremen                                                                                                          Gerold Neusser



[1] Zu den verfassungspolitischen Vorstellungen von Männern des Widerstandes um Helmuth James Graf von Moltke, hg. v. Karpen, Ulrich/Schott, Andreas (= Motive – Texte - Materialien. Band 71). Heidelberg 1996.