Germania Judaica, Bd. 3 1350-1519, hg. v. Maimon, Arye s. A./Breuer, Mordechai/Guggenheim, Yacov, Teilband 3 Gebietsartikel, Einleitungsartikel und Indices. Mohr (Siebeck), Tübingen 2003. XII, 1753-2591 S. 6 Graf., 3 Diagr.

 

Pünktlich zum hundertsten Geburtstag des Grundlagenwerks Germania Judaica erschien der dritte und letzte Teilband von Band III. Damit ist die Bearbeitung einer wichtigen Etappe des Ortslexikons zur deutsch-jüdischen Geschichte, nämlich die Zeit des Mittelalters erfolgreich zum Abschluss gebracht.

 

Und in der langen Geschichte des Grundlagenprojekts spiegelt sich ein Jahrhundert z. T. dramatischer deutsch-jüdischer Geschichte und Forschungsgeschichte: Die Grundlagen wurden 1903 gelegt in der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, der es gelang, 1917 den ersten und 1934 den zweiten Teil des ersten Bandes unter schwierigsten Umständen zu publizieren. Trotz oder vielleicht sogar wegen der bedrückenden äußeren Umstände widmete man sich sofort dem zweiten Band (1238-1350), für den bis 1938 noch eine Reihe von Ortsartikeln fertiggestellt, aber nur ein Teil von diesen ins Ausland und schließlich nach Israel gerettet werden konnten. Unter Obhut des Leo Baeck Instituts wurde hier seit 1955 die Arbeit am zweiten Band wieder aufgenommen und von dem Herausgeber Zvi Avneri 1968 zum Druck gebracht. Kurz vor dem Erscheinen der beiden Teilbände ist er verstorben – so, wie sein Nachfolger Arye Maimon nur noch die Veröffentlichung des ersten Teilbandes von Band III (1987) erleben sollte.

 

Es ist vor allem sein Verdienst, dass unter den gänzlich gewandelten Bedingungen nach der Shoa wieder etwas Neues entstehen konnte und das Projekt Germania Judaica III, das er seit 1969 im Auftrag der Hebräischen Universität Jerusalem leitete, zum Motor einer neuen, fruchtbaren und mittlerweile völlig selbstverständlichen Kooperation zwischen israelischen und deutschen Forschern v. a. für das Gebiet der mittelalterlichen deutsch-jüdischen Geschichte geworden ist. Germania Judaica III setzt ihm der jüdischen Tradition zufolge und explizit das ehrenvollste Denkmal!

 

Denn das Werk in seiner Gesamtheit ist in seinem Wert nicht hoch genug einzuschätzen. Es bietet trotz begründeter Beschränkungen, genannter und ungenannter Mängel ein unentbehrliches Hilfsmittel, dessen Informationsfülle weiter zu nutzen noch viele Jahre weiterer Forschung und v. a. Analyse in Anspruch nehmen wird. Die beiden ersten Bände legen mit den Ortsartikeln das Fundament in einer systematischen, dem Städtebuch vergleichbaren Struktur. Sie sind 1987 und 1995 erschienen und umfassen den mittelalterlichen deutschen Sprachraum.

 

Dass das Werk mit gutem Grund mehr ist als ein Ortslexikon, zeigt der dritte Teilband. Denn schon im Spätmittelalter gewannen die Territorien zunehmend an Bedeutung für die Lebens- und Siedlungsbedingungen der Juden. Dem tragen 64 Regionalartikel (Gebietsartikel) Rechnung, in denen die Befunde zu den zugehörigen Orten gebündelt betrachtet, besonders aber das ganze Territorium betreffende politische Maßnahmen oder Ereignisse berücksichtigt werden konnten. (In dem zur Zeit in Bearbeitung befindlichen Band IV von Germania Judaica werden die Territorien oder Regionen angesichts der veränderten Lebensbedingungen der Juden in der Frühen Neuzeit dann die primäre Struktur liefern.)

 

Neben den Gebietsartikeln machen die sogenannten Einleitungsartikel den Band zu einem Grundlagenwerk der spätmittelalterlichen deutsch-jüdischen Geschichte. Denn hier werden zentrale Themen orts- und regionsübergreifend und meist auch in einer breiteren Perspektive vorgestellt. Mit dem immensen Quellenmaterial der Ortsartikel ist dies in einer ganz neuen Dichte möglich. Und vor allem kommt besonders hier der Vorteil der deutsch-israelischen Kooperation, die parallele bzw. einander ergänzende Analyse von Quellen jüdischer wie nicht-jüdischer Provenienz zur Geltung.

 

Michael Toch hat schon mehrfach bewiesen, was aus den gesammelten Daten v. a. durch Anwendung statistischer Methoden zu gewinnen ist. Dies tut er auch hier, und zwar in Artikeln zur wirtschaftlichen Tätigkeit der Juden und zu den Verfolgungen, jeweils illustriert mit Diagrammen. Wichtige Trends lassen sich so erkennen; die Grenzen der Statistik und ihrer Aussagemöglichkeiten angesichts mittelalterlicher Überlieferung bleiben jedoch eng gezogen. Einen bedeutenden systematischen, allerdings in diesem Kontext doch etwas überdimensionierten Beitrag v. a. aus der Perspektive der Reichsgeschichte zu den Steuern und Abgaben der Juden steuert Eberhard Isenmann bei. Er bietet damit eine fundierte Integration der jüdischen Abgaben in das finanzpolitische System der Zeit. Weniger überzeugen kann dagegen der Beitrag Dietmar Willoweits zur Rechtsstellung der Juden. Er beschränkt sich weitgehend auf eine systematische Präsentation der lokalen Daten, die nur punktuell ergänzt sind durch rechtsgeschichtliche Bemerkungen des renommierten Autors. Peter Moraw holt mit gutem Grund in seinem konzisen Artikel zur Kirche und den Juden zeitlich und z. T. auch räumlich weit aus: Denn das Fundament des Verhältnisses zwischen Kirche und Juden wurde schon bis zum 13. Jahrhundert gelegt; das Spätmittelalter zeichnet sich überwiegend durch eine späte Rezeption kirchlicher Normen und damit eine z. T. fatale Intensivierung und Popularisierung aus. Von größter Bedeutung ist schließlich der Artikel von Mordechai Breuer und Yacov Guggenheim zum Thema jüdische Gemeinde, Gesellschaft, Kultur. Ihnen gelingt es durch eine gekonnte Zusammenführung der verschiedenen Überlieferungsstränge ein Bild des Kerns jüdischen Lebens im Spätmittelalter zu zeichnen, das in der in Deutschland üblichen Forschung häufig immer noch auf der Strecke bleibt.

 

Natürlich ist auch dieser Band nicht perfekt, sondern in seiner Realisierung verschiedenen pragmatischen Entscheidungen geschuldet. Sie sind in der Einleitung genannt: So fehlen einige Gebietsartikel, weil sie entgegen den Zusagen der Autoren letztlich an objektiven Hindernissen gescheitert sind. Weitere einleitende Aufsätze wie etwa zur Demographie und Migration waren noch nicht zu leisten; andere Themen sind, allerdings nur in Ansätzen wie die Siedlungsgeschichte, bereits anderweitig bearbeitet worden; und wieder andere wie etwa die Geschlechtergeschichte schimmern zwar punktuell in einzelnen Beiträgen auf, haben aber keinen eigenen Stellenwert erhalten. Man mag sich damit trösten, dass dieser Band schließlich nicht alles anpacken konnte.

 

Ärgerlich ist, dass die Artikel nach dem Manuskriptabschluss vor 7 bzw. 10 Jahren nicht mehr auf den neuesten bibliographischen Stand gebracht wurden. Dies scheint gerade auch angesichts einer Fülle neuerer Publikationen und trotz der angeführten „Ersatzpublikationen“ wegen des Grundlagencharakters des Handbuchs problematisch. Dass die Ortsartikel der ersten beiden Teilbände von unterschiedlicher Qualität und Genauigkeit sind, setzt sich bei den Gebietsartikeln, und punktuell auch in den thematischen Artikeln fort: Auf einem eher schwachen Fundament lassen sich keine Türme errichten. Auch dies ist bedauerlich, angesichts der Fülle der Informationen allerdings auch durch eine noch so intensive Redaktion nicht zu beheben.

 

Wichtiger, abschließender Teil des dritten Teilbandes sind die Indices für alle drei Bände: ein geographischer, ein Personen- und ein Sachindex. Angesichts der Materie fallen sie sehr umfangreich aus und sind zur Unterscheidung der einzelnen Lemmata erläutert und im Falle allgegenwärtiger Begriffe wie „Schutzbrief“ oder „Vertreibung“ durch Bildung von Unterkategorien differenziert.

 

Angesichts der pluralen Zugriffsmöglichkeiten und vielfältigen Erkenntnisgewinne bleibt zu hoffen, dass die Fortsetzung des Grundlagenwerks in Gestalt von Germania Judaica IV kontinuierlich gefördert werden und die Forschung durch eine Vielzahl neuer Quellen und Erkenntnisse bereichert werden möge. Dabei sollte ein regionaler, ein lokaler wie auch ein thematischer Zugriff möglich bleiben.

 

Herford/Düsseldorf                                                                                                    Rotraud Ries