Müller-DietzDenunziation20010209 Nr. 931 ZRG 119 (2002) 08

 

 

Denunziation. Historische, juristische und psychologische Aspekte, hg. v. Jerouschek, Günter/Marßoleh, Inge/Röckelein, Hedwig. Edition diskord, Tübingen 1997. 304 S.

 

Der Sammelband dokumentiert ein interdisziplinäres Symposium, das 1996 in Halle über das Thema „Denunziation. Zur Psychologie justizförmiger Anschuldigungsstrategien im historischen Vergleich“ stattfand. Die 16 Beiträge erörtern diese Problematik unter historischen, juristischen und psychoanalytischen Aspekten. Anlass dazu bot ein Vergleich einschlägiger Erfahrungen im nationalsozialistischen System und in der Deutschen Demokratischen Republik. Einleitend geben die Herausgeber einen Überblick über die Beiträge und stellen geschichtliche Modelle der Denunziation sowie methodische Ansätze des Zugangs zu diesem Phänomen vor. Tagung und Drucklegung des Werkes wurden durch die Volkswagen-Stiftung gefördert.

Drei thematische Schwerpunkte machen den Inhalt des Bandes aus. Zunächst beschäftigen sich fünf Beiträge mit der Entstehungsgeschichte und historischen Erscheinungsformen der Denunziation. Drei weitere Studien befassen sich mit der (politischen) Denunziation im NS-Staat. Die anschließenden sechs Beiträge gehen Erscheinungsformen des Phänomens in der Sowjetunion und in der DDR nach. Eine psychoanalytische Deutung derartigen Anzeigeverhaltens rundet den Band ab, der an einem rechtsgeschichtlich bisher wenig diskutierten Thema die Fruchtbarkeit des interdisziplinären Ansatzes überzeugend zu demonstrieren weiß.

Lothar Kolmer zufolge ist die Denunziation seit dem 11. Jahrhundert aus der sog. denunciatio canonica als innerkirchliches Instrument zur Wahrung des „rechten Glaubens“ entwickelt und praktiziert worden. Daraus entstand dann das Inquisitionsverfahren. Dessen Anwendung gegen Häretiker im 13. und beginnenden 14. Jahrhundert stellt Amalie Fößel dar. Am Beispiel der Homosexuellenverfolgungen des 15. Jahrhunderts in Venedig und Florenz führt Bernd-Ulrich Hergemöller vor, wie das kirchliche Akkusations- und Denunziationsverfahren Eingang in inquisitorische Verfahren weltlicher Obrigkeiten fand.

Wie sich im 17. Jahrhundert Anzeigen der Dorfbevölkerung auf Hexenverfolgungen im Lippischen auswirkten, legt Rainer Walz am Hand von Prozessprotokollen dar. Die Tätigkeit professioneller Denunzianten, von Spitzeln, die im Dienst des Ancien Régimes des 18. Jahrhunderts standen, beleuchtet Gudrun Gersmann.

Der Analyse Hinrich Rüpings zufolge verhielt sich der NS-Staat gegenüber der - meist freiwillig vorgenommenen ‑ Denunziation ambivalent, nutzte sie aber letztlich doch als Mittel zur Kontrolle der privaten Lebensführung. Die Regionalstudien von Gisela Diewald-Kerkmann und Katrin Dördelmann belegen Umfang der Bereitschaft sowie Vielfalt der Motive und Konstellationen, die im „Dritten Reich“ zu Denunziationen führten.

Irina Scherbakowa charakterisiert die Denunziation als Phänomen politischer Kultur, das vom zaristischen Rußland bis in die poststalinistische Ära der Sowjetunion hinein als Herrschaftsinstrument genutzt wurde. In ihrer Quellenstudie beschreibt Gabriele Altendorf die Tätigkeit sog. Informeller Mitarbeiter im Dienste der Staatssicherheit an der Hochschule Erfurt. Viktimologischen Fragestellungen geht Erdmuthe Fikentscher mit einer tiefenpsychologischen Untersuchung von Traumatisierung und Traumafolgen bei stalinistisch Verfolgten nach. Damit werden auch - beklemmende - Parallelen zwischen denunzierten Opfern der NS-Diktatur und des SED-Staates deutlich. Als sozio- und psychodynamische Entstehungsgründe für Denunziationen namentlich Informeller Mitarbeiter arbeitet Heinz Hennig seelische Deformationen, insbesondere narzisstische Defizienz, heraus. Daran schließt Hans-Joachim Maaz mit seiner Analyse des Zusammenwirkens von autoritärer Erziehungspraxis und emotionaler Verarmung in der DDR an. Unausgewogenheiten spürt Horst Luther in seinem Beitrag über die juristische Aufarbeitung von Denunziationen aus der Zeit des NS-Regimes und des SED-Staates auf. Dass und wie autoritäre und totalitäre Systeme Denunziationen begünstigen, veranschaulicht Irmhild Kohte-Meyer aus psychoanalytischer Sicht. Demnach ist ein solches Anzeigeverhalten Ausdruck paranoider Ängste und projektiver Spaltungsvorgänge, die zu jenen fragwürdigen Allianzen zwischen Machthabern und Denunzianten führen.

 

Saarbrücken                                                                                                   Heinz Müller-Dietz