Helm, Sarah, Ohne Haar und ohne Namen – Im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, aus dem Englischen von Richter, Martin/Zettel, Annabel/Sailer, Michael. Theiss, Darmstadt 2016. XIX, 802 S., Abb. Angezeigt von Gerhard Köbler.

 

Nach ausländischen campos reconcentrados lässt die nationalsozialistische Regierung des Deutschen Reiches unter Adolf Hitler seit 1933 rund 60 Konzentrationslager errichten, in denen 1934 etwa 45000 und 1938 etwa 60000 Menschen untergebracht sind. Sie werden in der Folge zu zahlreichen regierungsgestützten planmäßigen Vernichtungslagern aller missliebigen Fremdvölkischen gemacht, in die seit Oktober 1939 alle ein staatsabträgliches Verhalten zeigenden Juden eingewiesen und überwiegend durch Arbeit und Mord vernichtet werden.

 

Über das einzige, im Mai 1939 eröffnete, und während seines sechsjährigen Bestehens etwa 130000 Frauen (schätzungsweise 8000 Französinnen, 1000 Niederländerinnen, 20000 Sowjetrussinnen, 36000 Polinnen, 20 Britinnen) aufnehmende Frauenkonzentrationslager in Ravensbrück nördlich Berlins unterrichtet umfassend das 2015 in Großbritannien erschienene Werk der Verfasserin. Sie nahm, wie das Vorwort Baerbel Schindler-Saefkows ausführt, Jahrzehnte nach dem Kriegsende Kontakt zu dem Internationalen Ravensbrück-Komitee auf und machte sich nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs auf den Weg, um mit Überlebenden zu sprechen und im Februar 2006 erstmals Ravensbrück zu besuchen, das auf dem Umschlag durch drei flatternde schwarze Vögel auf Stacheldraht veranschaulicht wird. Aus über die ganze Welt verstreuten Einzelschicksalen formte sie in mühsamer aufwendiger Suche in der Folge eine kollektive Biographie, die in sechs Teile gegliedert ist.

 

In 41 Kapiteln schildert die Verfasserin dabei Grauen, Schrecken und Erniedrigung, durchmischt nur wenig von Mut, Freude, Hoffnung und Mitmenschlichkeit. Im Epilog zeigt sie, dass zwar einige der Täter nach Prozessen hingerichtet wurden, von den etwa 3500 Aufseherinnen in Ravensbrück aber nur ein Bruchteil jemals vor Gericht kam. Umfangreiche Anmerkungen am Ende stützen die eindringlichen Ausführungen ab, eine Bibliografie ermöglicht die weitere Vertiefung, ein Index von Aa bis Zwodau schließt die vielfältigen Inhalte hilfreich auf.

 

Insgesamt ist der für die Sunday Times und The Telegraph arbeitenden, in London als freie Journalistin und Autorin lebenden Verfasserin eine bedrückende und zugleich beschämende Dokumentation der Unmenschlichkeit von Menschen gelungen. Sie kann das Geschehen nicht rückgängig machen.  Sie kann aber das Vergessen verhindern und vielleicht auch die Zukunft warnen und bessern, so dass ihr möglichst viele nachdenkliche Leser sehr zu wünschen sind.

 

Innsbruck                                                       Gerhard Köbler