Ernst, Wolfgang, Beschwörungen und Segen. Angewandte Psychotherapie im Mittelalter. Böhlau, Köln 2011. 386 S. Besprochen von Gerhard Köbler.

 

Der Mensch ist ein vielfältiges Wesen, das sich in verschiedenster Weise mit sich selbst und seiner Umgebung befassen kann. Im Laufe seiner Entwicklung hat dies zu immer umfassenderen Erkenntnissen geführt, die mehr und mehr für sich selbst und die Mitmenschen in weniger vergänglichen Formen festgehalten wurden. Deswegen sind auch meist kürzere, eher praktischen als literarischen Bedürfnissen dienende Denkmäler aus dem Mittelalter erhalten geblieben, die der Verfasser unter dem modernen wissenschaftlichen Gesichtspunkt der Psychotherapie zusammenfasst.

 

Der Autor will dabei als erstes eine Dokumentation der Texte bieten, die nördlich der Alpen als Urformen oder Quellen von Psychotherapie und psychosomatischer Therapien gelten, aber bis zur Gegenwart auch in ihren berühmtesten Vertretern aus dem Allgemeinwissen verdrängt wurden. Darüber hinaus will er verdienstvollerweise durch Übersetzung und Erklärung für jeden Leser einen Zugang zu diesem Bereich schaffen. Schließlich soll die Vielfalt des Gebotenen die Gesamteinschätzung des Behandelten ermöglichen.

 

Seinen Stoff gliedert der Verfasser nach einer kurzen Einleitung in 33 Abschnitte der Spruchtexte. Sie betreffen in grundsätzlicher alphabetischer Ordnung Augenleiden, Bärmutterweh, Bauchgrimmen, Bewegungs- und Stützsystem, Blutungen, Epilepsie, Fieber, Geburt, Gynäkologie, Halskrankheiten, Liebe, Migräne, Pest, psychische Krankheiten, Schlaf, Tiere, Unfälle, Wunden, Würmer und Zahnschmerzen. An Hildegard von Bingen (1098-1179 schließt der Autor Arzt und Apotheker in den Segen an und bietet im Anhang seines durch 89 Abbildungen und 12 Tafeln bereicherten, die Beziehungen zwischen Leib und Geist des Menschen im Mittelalter erhellenden Sammelwerks eine Reihe hilfreicher Register, so dass jeder den ihn interessierenden oder für ihn nützlichen Text und seine Quelle rasch und leicht ermitteln kann.

 

Innsbruck                                                        Gerhard Köbler