ARBEITEN

ZUR RECHTS- UND SPRACHWISSENSCHAFT

31

Gerhard Köbler

Sammlung

aller altsächsischen Texte

GIESSEN 1987

ISBN 3-88430-052-0


 


Arbeiten zur Rechts- und Sprachwissenschaft

Arbeiten zur Rechts- und Sprachwissenschaft Verlag GmbH
6300 Gießen-Lahn


Sammlung aller altsächsischen Texte


II


31

Sammlung aller altsächsischen Texte

von

Gerhard Köbler

o. Professor in Innsbruck

Arbeiten zur Rechts- und.Sprachwissenschaft Verlag GmbH
6300 Gießen-Lahn

III


1987

© Arbeiten zur Rechts- und Sprachwissenschaft Verlag GmbH

6300 Gießen-Lahn

Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany

Herstellung: A. Wittchen, Hinter dem Dorfe 14, 3412 Parensen

ISBN 3-88430-052-0

IV


Vorwort

Gleichzeitig mit der Eroberung des weströmischen Reiches durch einzelne
Germanenstämme im Verlauf der Völkerwanderung (375-568 n. Chr.) löst sich
bekanntlich der umfassende Völkerverband der Germanen in mehrere germani-
stische Völkerschaften auf. Besondere Bedeutung kommt dabei den Franken
zu, welche nicht nur das römische Gallien erobern, sondern auch weite Gebiete
des freien Germanien unterwerfen. Unter Karl dem Großen (768-814) gelingt
ihnen auch die Einbeziehung des Raumes um Weser und Elbe, das die erstmals
im zweiten nachchristlichen Jahrhundert bei Ptolemäus erwähnten, nach ihren
Kurzschwertern (sax) benannten Sachsen bewohnten.

Mit ihrer von Karl dem Großen erzwungenen Christianisierung treten diese
deutlicher in das Licht der Geschichte ein. Damit wird erstmals ihre besondere
altsächsische, nach Ausweis der Heliand- und Genesishandschriften in ihrer
Überlieferung allerdings bereits südlich-altfränkisch und damit althochdeutsch
beeinflußte Sprache sichtbar. Durch sie grenzen sich die Sachsen von den
anderen Völkern (Thüringer, Franken, Bayern, Alemannen usw.) und ihren
Sprachen ab.

Im einzelnen umstritten und kaum sicher durchzuführen ist dabei allerdings
die Scheidung des Altsächsischen vom nordwestlich benachbarten Altnieder-
fränkischen, weil diesem ebenfalls die zweite, sog. althochdeutsche Lautver-
schiebung fehlt, welche das Althochdeutsche verhältnismäßig eindeutig vom
Altniederdeutschen (Altsächsischen, Altniederfränkischen) und den sonstigen
germanistischen Sprachen, wie dem Altfriesischen, Altenglischen, Altnord-
ischen oder Gotischen sondert. Gleichwohl ist auch sie mit Hilfe zusätzlicher
Überlegungen einigermaßen überzeugend möglich, wenn auch letzte Zweifel
nicht in jedem Fall zuverlässig ausgeräumt werden können.

Verhältnismäßig große Schwierigkeiten bereitet daneben auch die Trennung
des Altsächsischen vom (althochdeutschen) Altmittelfränkischen, da beide
einige gemeinsame Züge aufweisen, welche sie in gleicher Weise vom (restli-
chen) Althochdeutschen trennen (altmittelfränkische Ausnahmen von der
Tenuesverschiebung; d für germanisch d, außer im regelmäßigen Auslaut; u, v, f
für germanisch b im In- bzw. Auslaut nach Vokal, 1 und r).

Kennzeichen des Altsächsischen sind unverschobenes germanisches p, t, k
(ausgenommen die altmittelfränkischen Lautverschiebungsausnahmen), d für
germanisch d im Auslaut (selten auch altmittelfränkisch, im Spätaltsächsischen
auch t), bis zum Spätaltsächsischen erhaltenes anlautendes h vor Konsonant,
erhaltenes postkonsonantisches j (ausgenommen nach Kurzvokal und r, wo j
auch im Althochdeutschen erhalten ist), Präfixe ant-, far-, Verwendung von ia
statt io (z. B. hiaf - hiof), von i statt e (z. B. krisso - kresso), vielfach von e, o statt
ei, ou (z. B. hegiro - heigiro, gok - gouh). Weiteren Aufschluß kann die mit
vertretbarem Aufwand aber nicht immer mögliche wortgeographische Untersu-
chung bieten. Gleichwohl bleibt auch danach noch ein ununterscheidbarer
Restbestand, welcher im Einzelfall entweder altsächsisch oder altmittelfrän-
kisch ist, aber allgemein sowohl altsächsisch als auch altmittelfränkisch sein
kann.

Im Ergebnis läßt sich auf diese Weise eine bestimmte Anzahl von Texten als
altsächsisch erweisen. Die ältesten von ihnen gehören an die Wende vom 8. zum
9. Jahrhundert, die jüngsten in das ausgehende 12. Jahrhundert, in dem das


Altsächsische in das Mittelniederdeutsche überzugehen beginnt. Inhaltlich steht
die Vermittlung des christlichen Glaubensgutes im Vordergrund, doch ist schon
der vom Umfang her zweitbedeutsamste Text ein freilich späteres klöster-
liches Heberegister. Insbesondere bei den christlichen Texten ist die Bedeutung
ihrer lateinischen, allerdings im einzelnen nicht immer sicheren Vorlagen groß,
so daß auf ihre Einbeziehung besonderer Wert gelegt werden mußte.

Insgesamt haben sich 23 Texte ermitteln lassen, welche ganz oder teilweise
altsächsisch sind. Ihr Umfang reicht von wenigen, von bloßen Glossen kaum zu
unterscheidenden Wörtern bis zum eindrucksvollen selbständigen Buch, dessen
überkommener Text sich auf fast 46 000 Wörter schätzen läßt (von insgesamt
geschätzten 55 000 altsächsischen Textwörtern). In der Mehrzahl der Fälle sind
die Texte aber ziemlich kurz und zudem auch nur schwach und oft fragmenta-
risch überliefert. Mehrfach handelt es sich überhaupt nur um wenige altsächsi-
sche Wörter innerhalb eines anderssprachigen Textes.

Den Texten liegen insgesamt 25 bekannte und einige wenige (drei bis fünf)
verschollene mittelalterliche Handschriften zugrunde. Die noch vorhandenen
Handschriften sind in Berlin (1), Cambridge (1), (Dessau), Düsseldorf (5),
Kassel (1), London (2), München (2), Münster (1), Rom (4), Sankt Gallen (2),
Trier (2), Vercelli (1), Warschau (1) und Wien (1) aufbewahrt. Ihr Entstehungs-
ort ist in vielen Fällen umstritten, doch dürften Essen, Werden, Fulda, Frecken-
horst (und Vercelli) als Schreiborte gesichert und Corvey und Mainz
wahrscheinlich gemacht sein. Zwei der Texte könnten im ausgehenden 8., zehn
im 9. (darunter Heliand und Genesis), acht im 10. und drei im 11. Jahrhundert
entstanden sein.

Eine Zusammenfassung aller altsächsischen Texte in einem Band fehlt bisher.
Die ältere Zusammenstellung Altsächsischer Sprachdenkmäler durch
Gallée,
welche insgesamt 25 Nummern aufweist, gibt nicht in jedem Fall den Text
wieder, beschränkt sich auf die zu ihrer Zeit bekannten überwiegend altsächsi-
schen Sprachdenkmäler (Texte und Glossen) und gilt wegen zahlreicher Unge-
nauigkeiten als wissenschaftlich wenig brauchbar. Ihren wichtigsten Fehler
vermieden Elias Wadsteins Kleinere altsächsische Sprachdenkmäler, welche auf
fünf der 25 Denkmäler
Gallées verzichteten, dafür aber vier andere Sprach-
denkmäler zusätzlich aufnahmen. Sie beschränken sich aber vollständig auf die
seinerzeit bekannten kleineren, altsächsischen Sprachdenkmäler im engeren
Sinn (neun Texte, 16 Glossensammlungen) und vereinigen von daher ebenfalls
nicht alle altsächsischen Texte.

Von hier aus ist eine erneute Sammlung angebracht, welche erstmals alle
bekannten altsächsischen Texte im weiteren Sinn zusammenfaßt und mit ihren
23 (bzw. 24) Texten deutlich weiter in Richtung auf Vollständigkeit ausgreift.
Aus praktischen Gründen legt sie die führenden Ausgaben samt deren bedeut-
samen, jeweils am oberen Rand angegebenen Seitenzahlen zugrunde, berichtigt
und ergänzt diese aber an den Stellen, wo dies zur Wiedergabe des aktuellen
wissenschaftlichen Forschungsstandes notwendig erschien. Die Texte sind aus
praktischen Überlegungen nicht systematisch, sondern trotz gewisser damit
verbundener Probleme streng alphabetisch nach den hier zugrundegelegten
Namen der Denkmäler geordnet. Jedem Text geht eine kurze sachliche, in die
Abschnitte Überlieferung, Inhalt, Ausgabe und Literatur gegliederte Einfüh-
rung voraus, dem ganzen Werk eine kurze Einführung in die altsächsische
Sprachwissenschaft. Neuere Lesungen sind meist in zusätzlichen Anmerkungen

VI


oder in einem Nachtrag aufgeführt. In vorwiegend altsächsischen Texten ist
trotz der damit verbundenen bekannten großen Schwierigkeiten althochdeut-
sches Sprachgut durch %•>•>» , in vorwiegend althochdeutschen Texten alt-
sächsisches Sprachgut durch___________ gekennzeichnet. Der Sammlung aller

bekannten Texte soll eine entsprechende Sammlung der altsächsischen Glossen
so bald wie möglich folgen. Auf beide soll sich ein altsächsisches Wörterbuch
gründen.

Möge diese einfache, erstmals in der deutschen Sprachwissenschaft alle alt-
sächsischen Texte zusammenfassende Sammlung, bei deren Erstellung mir
Monika
Frese, Maria Zaschke, Angela Schaback und Angelika Heyter wert-
volle Hilfe leisteten, den Schatz des Altsächsischen der Öffentlichkeit noch
besser erschließen. Verfaßt ist sie in Hochachtung vor all jenen bekannten
Germanisten, auf deren Arbeiten sie sich gründet. Gewidmet sei sie der Göttin-
ger Georgia Augusta, an der meine Beschäftigung mit dem Altsächsischen vor
langen Jahren ihren Anfang nahm, zu ihrem 250jährigen Jubiläum.

Gießen, den 13. 5. 1987                                                                 Gerhard Köbler

VII


Inhalts- und Siglenverzeichnis


V

VIII

IX

XI

XIV

XXXVII
1
3
4
6
11
14
17
19
22
45
65
283
293
294
294
301
314
316
329
331
333
335
337
339

Vorwort

Inhalts- und Siglenverzeichnis

Verzeichnis der altsächsischen Handschriften

Abkürzungsverzeichnis

Kurze Einführung in die altsächsische Sprachwissenschaft

Literaturhinweise

AN              = Abecedarium Nordmannicum

BLV            = Brief Leos von Vercelli

BPr             = Beda-Predigt

BSp            = Beichtspiegel

DH             = De Heinrico

EH              = Essener Heberegister

EMN          = Essener Monatsnamen

EV               = Einhardi Vita Karoli, Monats- und Windbezeichnungen

FK.FM       = Freckenhorster Heberegister

Gen             = Genesis

H                 = Heliand

Hi      '         = Hildebrandslied

MI              = Münzinschriften

MNPs         = Altmittel- und altniederfränkische Psalmen

(MNPsA     = Altmittel- und altniederfränkische Psalm en-Auszüge)

PA               = Psalmenauslegung

SF               = Segensformeln

SPs              = Altsächsische Psalmenbruchstücke

ST               = Altsächsisches Taufgelöbnis

T                 = Tatian

TS               = Trierer Segen (A,B)

TSp             = Trierer Spruch

WH             = Werdener Heberegister

WT             = Altwestfälisches Taufgelöbnis

VIII


Verzeichnis der altsächsischen Handschriften

(mit abgekürzter Angabe der zugehörigen altsächsischen Sprachdenkmäler)

Admont, Stiftsbibliothek 5O8=G1

Admont, Stiftsbibliothek 718=G1

Berlin, Deutsche Staatsbibliothek Ms.Diez C.quart. 90=MNPs Psalm 53,7-73,9

Berlin, Museum für deutsche Geschichte D 56/2537=H (P)

Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Ms.lat. 73=G1

Berlin, Preußische Staatsbibliothek Ms.theol.lat. 4° 464 (Kriegsverlust)=Gl

Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Ms.theol.lat. 139=G1

Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Ms.theol.lat.fol. 119=G1

Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Ms.theol.lat.fol. 355=G1

Berlin, Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Ms.theol.lat.fol. 481=G1

Boulogne, Bibliothèque Municipale 56=G1

Brüssel, Bibliothèque Royale 9987-91=Gl

Brüssel, Bibliothèque Royale 18723=G1

Cambridge, King's College MS. 52=G1

Cambridge, University Library Ms. Gg. 5,35 f. 437 a-b=DH

Cambrai, Bibliothèque Municipale 2O4=G1

Coburg, Landesbibliothek Ms. 1=G1

Dessau, Ehemaliges herzogliches Residenzschloß, (verschollen)=PA

Dresden, Sächsische Landesbibliothek A 118=G1

Düsseldorf, Staatsarchiv A88 f. 34b=WH

(Düsseldorf, Staatsarchiv A89)

(Düsseldorf, Staatsarchiv A133)

(Düsseldorf, Staatsarchiv A134)

(Düsseldorf, Staatsarchiv B59)

Düsseldorf, Universitätsbibliothek, Heinrich-Heine-Institut A6=G1

Düsseldorf, Universitätsbibliothek, Heinrich-Heine-Institut B80 f. 153a, 152b=

BPr; f. 153b, 152b=EH, Gl

Düsseldorf, Universitätsbibliothek, Heinrich-Heine-Institut Dl f. 217 f.=EMN,

Gl

Düsseldorf, Universitätsbibliothek, Heinrich-Heine-Institut D2 f. 204a-205a=

BSp

Düsseldorf, Universitätsbibliothek, Heinrich-Heine-Institut F1=G1

Düsseldorf, Universitätsbibliothek, Heinrich-Heine-Institut F44=G1

Essen, Münsterschatz=Gl

Freher, M., Decalogi orationis saxonica versio vetustissima, 1610=WT

Hamburg, Stadt- und Universitätsbibliothek Cod. 141a in scrin.=Gl

Hannover, Niedersächsische Landesbibliothek Ms. IV. 533=G1

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek Aug. CXI=G1

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek Sankt Peter perg. 87=G1

Kassel, Murhardsche und Landesbibliothek Ms.theol. 54 f. la, 76b=Hi

Kassel, Murhardsche und Landesbibliothek Ms. theol. 6O=G1

Kindlinger, N., Privatbesitz seit 1824 verschollen=FK

Köln, Dombibliothek LXXXI=G1

Köln, Dombibliothek CCXI=G1

IX


Leeuwarden, Provinciale in BUM A Bibliotheek Ms. 149=MNPs Psalm 1,1-3,6

Leiden, Bibliotheek der Rijksuniversiteit B.P.L. 191 E.=GI

Leiden, Bibliotheek der Rijksuniversiteit Ms.lips. 53=MNPsA

Leiden, Bibliotheek der Rijksuniversiteit Periz.fol. 17=G1

(Leiden, Bibliotheek der Rijksuniversiteit Voss.lat. 55)

Leipzig, Universitätsbibliothek Rep. I. 4=G1

Leipzig, Universitätsbibliothek Rep. II 6=G1

Lindau, Privatbesitz des Freiherrn Max Lochner von Hüttenbach=Gl

Iusti Lipsii epistolarum selectarum...., Epistolae selectae ad Beigas, Antwerpen

1602; Cent. III, Ep. XLIV, S. 43-54=MNPsA

London, British Library Cotton. Caligula A VII f. 5-169=H (C)

London, British Museum Mss.Add. 10940 f. 5b=TSp

Marburg, Universitätsbibliothek Mscr. 39=G1

Merseburg, Domstiftsbibliothek Ms. Nr. 42=G1

München, Bayerische Staatsbibliothek Cgm 25=H (M)

München, Bayerische Staatsbibliothek Clm 6283=G1

München, Bayerische Staatsbibliothek (ohne Signatur)=H (S)

Münster, Staatsarchiv Msc. VII, 1316a=FM

Mylius, A. van der, Lingua Belgica, Leiden 16I2=MNPs Psalm 18

Oxford, Bodleian Library Auct. F.1.16=G1

Paris, Bibliothèque Nationale lat. 2685=G1

Paris, Bibliothèque Nationale lat. 7537=G1

Paris, Bibliothèque Nationale lat. 8670=GI

Paris, Bibliothèque Nationale lat. 9344=G1

Paris, Bibliothèque Nationale lat. 18554=G1

Poitiers, Bibliothèque Municipale 69=G1

Rom, Biblioteca Vaticana Pal.lat. 288=G1

Rom, Biblioteca Vaticana Pal.lat. 577 f. 6b-7a=ST, Gl

Rom, Biblioteca Vaticana Pal.lat. 1447 f. 27a, 32b=H (V); la, 2a-2b, 10b=Gen

Saint Mihiel, Bibliothèque Municipale Ms. 25=GI

Saint Orner, Bibliothèque Municipale Ms. I16=G1

Saint Orner, Bibliothèque Municipale Ms. 746=G1

Sankt Gallen, Stiftsbibliothek 56(=T)

Sankt Gallen, Stiftsbibliothek, 141=G1

Sankt Gallen, Stiftsbibliothek, 878 S. 321=(AN)

Straßburg, Universitätsbibliothek C IV. 15 (verbrannt)=Gl

Trier, Bibliothek des Priesterseminars Hs. 61=G1

Trier, Stadtbibliothek 40/1018 f. 19b, 36b-37b=TS (A,B),G1

Vercelli, Dombibliothek Cod. CII=BLV

Warschau, Nationalbibliothek=SPs

Wien, Österreichische Nationalbibliothek Cod. 751 f. 118b=SF

Wien, Österreichische Nationalbibliothek Cod. 153O6=G1

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek Cod.Guelf. 10.3. Augusteus 4°=GI

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek Cod.Guelf. 56.18. Augusteus 4°=G1

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek Cod.Guelf. 133 Gudianus latinus=Gl

Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek Cod.Guelf. 553 Helmstadiensis=Gl

Handschrift von Einhardi Vita Karoli

X


Abkürzungsverzeichnis

 

A.

= Akkusativ, Anfang, Auflage

Adj.

= Adjektiv

Adv.

= Adverb

ae.

= altenglisch

afries.

= altfriesisch

afrk.

= altfränkisch

ahd.

= althochdeutsch

Akk.

= Akkusativ

amfrk.

= altmittelfränkisch

AN

= Abecedarium Nordmannicum

and.

= altniederdeutsch

anfrk.

= altniederfränkisch

Anfrk.Ps.

= Altniederfränkische Psalmen, s. MNPs

as.

= altsächsisch

athem.

= athematisch

B.

= Beleg

BLV

= Brief Leos von Ver celli

BPr

= Beda-Predigt

BSp

= Beichtspiegel

D.

= Dativ, Dual

Dat.

= Dativ

DH

= De Heinrico

Du.

= Dual

E.

= Etymologie

EH

= Essener Heberegister

EMN

= Essener Monatsnamen

EV

= Einhardi Vita Karoli. Monats- und Windbezeichnungen

F.

= Femininum

FK

= Freckenhorster Heberegister Handschrift Kindlingers

FM

= Freckenhorster Heberegister Handschrift in Münster

G.

= Genitiv

Gen

= Genesis

Gen.

= Genitiv

germ.

= germanisch

Gerund.

= Gerundium

= Glossen (s.a. St)

GIE

= Eltener Evangeliarglossen

GlEe

= Essener Evangeliarglossen

GIG

= Gregorglossen

GIGh

= Gandersheimer Glossen

Gil

= Indiculusglossen

GIL

= Lamspringer Glossen

G1LV

= Leidener Vegetiusglossen

G1M

= Merseburger Glossen

GIP

= Sankt Peterer Glossen

G1PP

= Prudentiusglossen aus Paris

G1PW

= Prudentiusglossen aus Werden

XI


GlPWf

= Prudentiusglossen aus Werden-Fragment

GIS

= Straßburger Glossen

GlTr

= Trierer Glossar

GIVO

= Vergilglossen aus Oxford

GIVW

= Vergilglossen aus Wien

GIL

= Lipsius'sche Glossen, s. MNPsA

got.

= gotisch

gr.

= griechisch

H

= Heliand

H.

= Heyne, M., Kleinere altniederdeutsche Denkmäler, 1867,

 

2.A. 1877, Neudruck Amsterdam 1970, 1-59

hebr.

= hebräisch

Hi

= Hildebrandslied

Hschr.

= Handschrift

I.

= Interferenz

idg.

= indogermanisch

Ind.

= Indikativ

Inf.

= Infinitiv

Interj.

= Interjektion

intr.

= intransitiv

Jh.

= Jahrhundert

kelt.

= keltisch

Komp.

= Komparativ

Konj.

= Konjunktion

kons.

= konsonantisch

L

= Ludwigslied

lat.

= lateinisch

Lbd.

= Lehnbedeutung

Lbi.

= Lehnbildung

Lüs.

= Lehnübersetzung

Lût.

= Lehnübertragung

Lw.

= Lehnwort

LW

= Leidener Williram

M.

= Maskulinum

mhd.

= mittelhochdeutsch

MI

= Münzinschriften

mlat.

= mittellateinisch

mnd.

= mittelniederdeutsch

mnl.

= mittelniederländisch

MNPs

= Altmittel- und altniederfränkische Psalmen

MNPsA

= Altmittel- und altniederfränkische Psalmenauszüge

N.

= Neutrum, Nominativ

nhd.

= neuhochdeutsch

ne.

= neuenglisch

Nom.

= Nominativ

Nr.

= Nummer

Num.

= Numerale

Num.Kard.

= Grundzahl

Num.Ord.

= Ordnungszahl

XII


ON

= Ortsname

Opt.

= Optativ

P.

= Person, Plural

PA

= Psalmenauslegung

Part.

= Partizip

Partik.

= Partikel

PG

= Pariser Gespräche

Pk

= Pokorny, J., Indogermanisches Etymologisches Wörterbuch

 

Bern, 1959 ff.

PI.

= Plural

PN

= Personenname

Präf.

= Präfix

Präp.

= Präposition

Präs.

= Präsens

Prät.

= Präteritum

Prät.Präs.

= Präterito-Präsens

Pron.

= Pronomen

Ps.

= Psalm

Q.

= Quelle

R.

= Redewendung

red.

= reduplizierend

refi.

= reflexiv

s.

= siehe

S.

= Substantiv, Singular, Seite

Sb.

= Substantiv

Sf.

= Segensformeln

Sg.

= Singular

SPs

= Sächsische Psalmenbruchstücke

ST

= Altsächsisches Taufgelöbnis

st.

= stark

subst.

= substantiviert

Suff.

= Suffix

Superi.

= Superlativ

SW.

= schwach

tr.

= transitiv

TS

= Trierer Segen

TSp

= Trierer Spruch

ÜG.

= Übersetzungsgleichung

V.

= Verb

vgl.

= vergleiche

Vok.

= Vokativ

Vw.

= Verweis

W.

= Weiterleben

Wa

= Wadstein, E., Die kleineren altsächsischen Sprachdenk-
mäler 1899

WH

IllalCl,  1O77

= Werdener Heberegister

WT

= Altwestfälisches Taufgelöbnis

XIII


Kurze Einführung in die altsächsische Sprachwissenschaft

A. Begriff

Das altsächsische Sprachgebiet umfaßt räumlich den Bereich zwischen den
im Zuge der mittelalterlichen Ostsiedlung zunehmend weiterzurückgedrängten
Slawen jenseits von Merseburg, Halle, Magdeburg, Lüneburg und Bardo-
wiek im Osten, der Eider im Norden, der Geestgrenze, der Südgrenze
Ostfrieslands und der Groninger Ommelande im Nordwesten, den noch sächsi-
schen Stiftern Essen und Werden im Südwesten, dem Rothaargebirge und dem
Südharz im Süden. Zeitlich gehören zum Altsächsischen alle Texte vom (8.
bzw.) 9. bis 12. Jahrhundert (bzw. 1150). Damit sind die 1927/28 entdeckten
und als teilweise unecht erwiesenen sog. Weserrunen (550 — 600) als voraltsäch-
sisch hier ebenso ausgeschlossen wie etwa die Glossen der Handschriften Berlin,
Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz MS. lat. 2° 735 (früher Cheltenham,
Biblioteca Philippica 7087), Melk Stiftsbibliothek Nr. 883/1 (früher K8), Melk
Stiftsbibliothek K 51 (nicht mehr vorhanden), Wien, Österreichische National-
bibliothek Cod. 1325 als mittelniederdeutsch.

Sprachlich ist gegenüber dem Althochdeutschen das wesentliche mit dem
Westfränkischen, dem Altniederfränkischen, dem Altfriesischen, dem Altengli-
schen und dem Altnordischen gemeinsame Merkmal das Fehlen der zweiten,
sog. althochdeutschen Lautverschiebung der Konsonanten. Die Abgrenzung
zum Altniederfränkischen und in gewissem Umfang auch zum Altmittelfrän-
kischen wie dem sonstigen Althochdeutschen ist im einzelnen sehr umstritten
und kaum sicher festzulegen.

Altsächsische Schreiborte waren vermutlich Essen, Werden, Freckenhorst,
Münster, Osnabrück, Herzebrock, Herford, Corvey/Korvei, Hameln, Fisch-
bek, Paderborn, Minden, Gandersheim, Lamspringe, Dorstadt, Wendhausen,
Quedlinburg, Hildesheim, Halberstadt, Merseburg, Magdeburg, Lüneburg,
Bardowiek, Wildeshausen, Meppen, Bremen, Verden und Bosau. Allerdings
sind die bischöflichen Skriptorien und Bibliotheken von Münster, Osnabrück,
Paderborn, Minden, Verden und Bremen verschollen und haben von den sächsi-
schen Klöstern der frühen Zeit nur Werden und Corvey/Korvei Handschriften
als Zeugnisse ihrer Skriptorien hinterlassen. Außerdem sind die meisten der in
diesen Schreiborten verfertigten Texte (Annalen, Chroniken, Nekrologien,
Viten usw.) lateinisch abgefaßt und liefern für das Altsächsische nur Personen-
und Ortsnamen. Geschrieben sind die wenigen altsächsischen Denkmäler fast
ausnahmsweise in karolingischer Minuskel.

Innerhalb des Altsächsischen läßt sich mit einiger Sicherheit nur das Westfäli-
sche absondern, das bei den Vokalen der fränkischen Schreibweise nahesteht
(Essener Heberegister, Beichtspiegel, Beda-Predigt, Freckenhorster Heberegi-
ster, Werdener Heberegister, Essener Evangeliarglossen, Prudentiusglossen aus
Werden, Gregoriusglossen, Prudentiusglossenfragmente, Altwestfälisches
Taufgelöbnis, Psalmenauslegung). Aus einer Gegend östlich davon dürften die
Altsächsische Psalmenübersetzung aus Lublin, die Straßburger Glossen, die
Merseburger Glossen, die Lamspringer Glossen, die Pariser Prudentiusglossen,
die Vergilglossen aus Oxford, eine Münze sowie die Gandersheimer Glossen
stammen. Die Zuordnung der insgesamt fünf bekannten Heliandhandschriften
ist streitig.

XIV


Die altsächsischen Graphe sind zumeist dem althochdeutschen Zeichenin-
ventar entnommen. Das dem Altenglischen entlehnte d modifiziert das althoch-
deutsche d, das analog hierzu gebildete b das althochdeutsche b.

Bei den Vokalgraphemen bezeugt bereits die Heliandüberlieferung minde-
stens vier unterschiedliche Vokalgraphemsysteme (der möglicherweise auf vier
beschränkten Vokalphoneme) und die kleineren Denkmäler des 10. und 11.
Jahrhunderts setzen diese Vielfalt mit gewissen Abwandlungen fort. Allerdings
fragt es sich, ob der Heliandarchetyp mit seiner in dem Prager Fragment
bewahrten, den südlichen Einfluß dokumentierenden Ersetzung von altsäch-
sisch
ê durch ie und ö durch uo repräsentativ für das karolingische Altsächsische
ist und nicht nur den wohldurchdachten individuellen Versuch darstellt, das
Altsächsische so weit wie möglich mit den Mitteln des fränkisch-
althochdeutschen Schreibsystems zu fassen. Den altsächsischen Konsonantis-
mus kennzeichnet ein konservativer, gemeinwestgermanische Erscheinungen
fortführender Grundzug. An den nordseegermanischen Neuerungen nimmt das
Altsächsische nur bedingt teil, die althochdeutsche Lautverschiebung greift es
nicht auf. Im Mittelniederdeutschen des 13. Jahrhunderts sind die nordseeger-
manischen Züge weitgehend zurückgetreten.

B. Akzent

Der Akzent liegt auf der jeweils ersten Silbe eines Wortes. Abgeleitete Wörter
behalten grundsätzlich die Betonung des Grundwortes. Einzelne Nominalkom-
posita mit bi- sowie einzelne Zusammensetzungen mit
un- tragen den Hauptton
auf der Vorsilbe. Nominalkomposita und mindestens dreisilbige Wörter kön-
nen neben dem Hauptton einen Nebenton aufweisen.

 

c

. Vokale

 

 

 

I.

Kurze Vokale

 

 

 

a

akkar

Acker

(germ. *akraz

Acker)

a

ahto

acht

(germ. *ahtau

acht)

a

fadar

Vater

(germ. *fadar

Vater)

e

etan

essen

(germ. *etan

essen)

i

fisk

Fisch

(germ. *fiskaz

Fisch)

o

gold

Gold

(germ. *gultha-

Gold)

u

sunu

Sohn

(germ. *sunuz

Sohn)

II

. Lange Vokale

 

 

 

ä

ähtian

verfolgen

(germ. *anhtjan

verfolgen)

ä

mäno

Mond

(germ. *mënan

Mond)

ë

her

hier

(germ. *her

hier)

i

swin

Schwein

(germ. *swina

Schwein)

5

bröthar

Bruder

(germ. *brôthar

Bruder)

ü

hüs

Haus

(germ. *hüsam

Haus)

XV


III.

Diphtonge

 

 

 

gêt

Geiß)

(germ. *gaitiz

Geiß)

en

ein)

(germ. *ainaz

ein)

ei

ei

Ei

(germ. *ajja-

Ei)

ôkan

mehren)

(germ. *aukan

mehren)

rôd

rot)

(germ. *raudaz

rot)

au

thau

Sitte

(germ. *thauwa-

Sitte)

io

thiod

Volk

(germ. *theudo

Volk)

iu

liudi

Leute

(germ. *leuda

Leute)

Westgermanisch ai und au bleiben demnach Diphthong vor unmittelbar folgen-
dem j bzw. w, werden aber sonst zu ë bzw. ö monophthongiert.

IV.  Kombinatorischer Lautwandel

Allgemein wird im Altsächsischen ein kurzer Vokal gedehnt, wenn h oder w
schwinden oder ein nachfolgender Nasal vor Spiranten ausfällt (z.B. as. ähtian
verfolgen = germ. *anhtjan verfolgen).

Lange Vokale werden vor Doppelkonsonanten gekürzt (z.B. as. hluttar lauter
= germ'. *hlütra lauter). Durch i oder j der folgenden Silbe wird a außer vor h
und Konsonant zu é umgelautet (z.B. as. séndian = germ. *sandjan, dagegen as.
mäht ig).

In einzelnen Denkmälern wird ö nach fränkischer Art zu uo diphthongiert.

Durch folgendes r kann e zu a, i zu e, o zu a und u zu o werden. Ebenso können
ld, s, h, w Veränderungen bewirken.

In Nebentonsilben treten zum Teil weitere Veränderungen ein. In verschiede-
nen Fällen können aus Mittelsilben kurze Vokale ausgeschieden (synkopiert)
werden. Andererseits können aber auch Vokale in Wörter neu eingefügt
werden.

V.  Ablaut

Das Altsächsische kennt wie das Germanische den aus der indogermanischen
Grundsprache ererbten Ablaut. Es benutzt ihn vor allem dazu, verschiedene
Bedeutungen besser zum Ausdruck zu bringen. Dabei werden insbesondere
sechs (sieben) Ablautreihen unterschieden, welche zur Unterscheidung der
verschiedenen Formen des sog. starken Verbs dienen, aber auch sonst erschei-
nen. Die Ablautreihen des starken Verbs umfassen zwei bis vier Ablautstufen
(Präsens, Infinitiv; 1.3.P.Sg.Ind.Prät.; 2.P.Sg.Ind., Pl.Ind. Prät., Opt.;
Part.Prät.)

 

i

ê

i,e

stigan

steigen

(germ. *steigan)

io

ô

: u, û,o

biodan

bieten

(germ. *beudan)

e,i

a

u,o

werthan

werden

(germ. *werthan]

e,i

a

ä : u,o

beran

tragen

(germ. *beran)

e,i

â

 

gevan

geben

(germ. *geban)

a

5

 

faran

fahren

(germ. *faran)

a

â

ö

lätan

lassen

(germ. *latan)

XVI


D. Konsonanten

I. Stimmlose Reibelaute

 

f

fadar

Vater

(germ. * fadar)

th

thrïe

drei

(germ. *threijiz)

h

hund

Hund

(germ. *hundaz)

h

hebbian

heben

(germ. *hafjan)

h

hwë

wer

(germ. *hwe)

s

(s. IV.)

 

 

F wird vielfach als v geschrieben gelegentlich auch als ph —, ft häufig als ht.
Th wird vielfach im In- und Ausland durch d bezeichnet.

 

II.

Stimmhafte Reibelaute (und Verschlußlaute)

V

gevan

geben

(germ. *geban)

b

beran

tragen

(germ. * beran)

d

dor

Tor (N.)

(germ. *dura)

g

dragan

ziehen

(germ. * dragan)

g

gast

Gast

(germ. *gastiz)

g

singan

singen

(germ. *sengwan)

z

(s. IV.)

 

 

III.

Stimmlose Verschlußlaute

 

P

diop

tief

(germ, deupaz)

t

trio

Baum

(germ. *terewa)

k

kiosan

kosten

(germ. *keusan)

k

ökan

mehren

(germ. *aukan)

kw

kwellan

quellen

(germ. * kwellan)

K wird häufig durch c ausgedrückt, vor konsonantischem u (= w) durch q.

IV.  Stimmloser Reibelaut s (und stimmhafter Reibelaut z)

s        sivun                             sieben                                (germ. *sebun)

Der germanische stimmhafte Reibelaut z ist im Inlaut teilweise in r übergegan-
gen, sonst geschwunden.

hord                            Hort                                  (germ. *huzda-)

V.  Sonorlaute (Nasale und Liquide)

m      mödar                           Mutter                              (germ. *möder)

n       niuwi                            neu                                    (germ. *neujaz)

r        röd                                rot                                     (germ. *raudaz)

1       lahs                               Lachs                                (germ. *lahsaz)

M vor f sowie n vor th und s sind unter Dehnung des vorhergehenden Vokals
vielfach geschwunden (z.B. as. hrith Rind = germ. *hrenthiz).

VI.  Halbvokale j und w

Die germanischen Halbvokale j und w sind im Altsächsischen weitgehend
erhalten. W wird meist durch uu, nach Konsonanten und vor u meist durch u

XVII


bezeichnet, ww als uw (uu, uuu). J erscheint im Anlaut als i, gi und vor e und i als
g, im Inlaut in kurzsilbigen Stämmen als silbisches i nach r, th und im Infinitiv
auf-ian der schwachen ö-Verben, im übrigen unsilbisch. Im Silbenauslaut wird j
zu i, das auch schwinden kann.

VII. Kombinatorischer Lautwandel

In verschiedenen Fällen ändern sich Konsonanten unter dem Einfluß benach-
barter Konsonanten (Assimilation). Der durch das sog. Vernersche Gesetz
erklärte Wechsel von in- oder auslautenden indogermanischen stimmlosen
Verschlußlauten (germanisch: stimmlosen Reibelauten) in stimmhafter Umge-
bung zu stimmhaften Reibelauten (sog. grammatischer Wechsel) ist im Altsäch-
sischen nicht mehr überall klar zu erkennen. Nasale schwinden vor Reibelauten,
wobei der vorangehende kurze Vokal gedehnt wird. Doppelkonsonanten kön-
nen im Auslaut, im Inlaut vor und nach Konsonanten gekürzt werden. Anderer-
seits werden Konsonanten verdoppelt, wenn ein Konsonant außer rund th
zwischen kurzem Vokal und j oder vor 1 und r steht.

E. Substantiv

Das Altsächsische besitzt beim Substantiv die drei Geschlechter (Genera)
Maskulinum, Femininum und Neutrum, die zwei Numeri Singular und Plural
sowie die vier (fünf) Fälle (Kasus) Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ
(und im Singular einzelner Deklinationsklassen [a-, ja-, i-] Instrumental). Es
unterscheidet vier vokalische und vier bzw. fünf konsonantische Deklinations-
klassen.


I. a-Stämme (männlich,
1. reine a-Stämme (dag,
S.N.M.     dag
S.G.M.     dages, -as
S.D.M.     dage, -a
S.A.M.     dag
S.I.M.      dagu, -o
P.N.M.     dagos, -as
P.G.M.     dago
P.D.M.    
dagum, -on
P.A.M.     dagos


sächlich)

Tag; word, Wort)

(germ. *dagaz)                   S.N.N.     word

(germ. *dagez[o])            S.G.N.     wordes

(germ. *dagai)                  S.D.N.     worde

(germ. *dagam)                 S.A.N.     word
(germ. *dagu [?])

(germ. *dagoz)                 P.N.N.     word

(germ. *dagen, *dagon) P.G.N.     wordo

(germ. *dagamiz)             P.D.N.     wordum

(germ. *daganz)               P.A.N.     word


2. ja-Stämme (männlich, sächlich) (hirdi, Hirte; riki, Reich)

S.N.M.       hirdi,-e                                                    S.N.N.     rïki

S.G.M.     hirdies, -ias                                   '"     S.G.N.     rikies

S.D.M.     hirdie, -ia                                              S.D.N.     rïkie

S.A.M.    hirdi,-e                                                  S.A.N.     riki

S.I.M.      hirdiu                                                      S.I.N.     rikiu

P.N.M.     hirdios,-a                                              P.N.N.     riki

P.G.M.     hirdio                                                    P.G.N.     rikio

P.D.M.     hirdium, -ion                                        P.D.N.     rikium

P.A.M.    hirdios,-a                                             P.A.N.     riki

XVIII


3. -wa-Stämme (männlich, sächlich) (sneu, Schnee; horu, Kot)

S.N.M.     snêu, snëo                                            S.N.N.      horu, horo

S.G.M.     snëwes                                                 S.G.N.      horuwes

S.D.N.

horuwe

S.A.N.

horu

P.N.N.

horu (?)

P.G.N.

horuwo (?)

P.D.N.

horuwum (?)

P.A.N.

horu (?)

S.D.M.     snêwe

S.A.M.     snëu

S.I.M.

P.N.M.    

P.G.M.    

P.D.M.    

P.A.M.    


II. ö-Stämme (weiblich), jö-Stämme, (w)ö-Stämme (geva, Gabe)
S.N.F.      geva, -e                                                  (germ. *gebö)

 

S.G.F.

geva

(germ. *geböz)

S.D.F.

gevu,-o

(germ. *gebai, *gebö, *geb<

S.A.F.

geva, -e

(germ. *geböm, *gebön)

P.N.F.

geva

(germ. *geböz)

P.G.F.

gevono

(germ. *gebö[no], *gebön)

P.D.F.

gevum, gevon

(germ. *geb5miz)

P.A.F.

geva

(germ. *geböz)

III. i-Stämme (männlich, weiblich,

sächlich [selten])

(gast, Gast; stiki, Stich; anst.

Gunst)

S.N.M.

(gast

[germ. *gastiz])

S.G.M.

(gastes

[germ. *gastiso])

S.D.M.

(gaste

[germ. *gastai])

S.A.M.

(gast

[germ. *gastin])

S.I.M.

(gasti, gastiu

[germ. *gasti])

P.N.M.

(gèsti

[germ. *gastijiz])

P.G.M.

(gèstio

[germ. *gastion])

P.D.M.

(géstium, gestion

[germ. *gastimiz])

P.A.M.

(gèsti

[germ. *gastinz])

S.N.M.

stiki

S.N.F.       anst

S.G.M.

stikies

S.G.F.      énsti

S.D.M.

stiki(e)

S.D.F.      énsti

S.A.M.

stiki

S.A.F.       anst

S.I.M.

stiki

 

P.N.M.

stiki

P.N.F.      ënsti

P.G.M.

stikio

P.G.F.      énstio

P.D.M.

stikion

P.D.F.      énstium, énstion

P.A.M.

stiki

P.A.F.      énsti

XIX


IV. u-Stämme (männlich, weiblich, sächlich [nur fehu]) (sunu, Sohn)

 

S.N.M.

sunu, -o

(germ. *sunuz)

S.N.N.

fehu, -o

S.G.M.

sunies

(germ. *sunauz)